Unser täglich Brot

6 06 2016

„Hören Sie mal, das ist doch Blödsinn!“ „Wir sind im Recht.“ „Im Recht, im Recht – am Arsch sind Sie, wenn Sie jetzt nicht Vernunft annehmen! Wir machen Sie und Ihren Scheißladen platt!“ „Das lösen wir ein bisschen zivilisierter als Sie. Wir sehen uns vor Gericht.“ „Dann klagen Sie doch!“ „Werden wir. Unser Patent gilt weltweit und damit auch für Sie.“ „Aber doch nicht auf Schnittbrot!“

„Jetzt regen Sie sich hier mal nicht künstlich auf, das fällt doch gar nicht ins Gewicht.“ „Sie verlangen Geld dafür, dass…“ „Ich verlange doch kein Geld. Typisch, dass Sie Ihre Hetzpropaganda auf vollkommen falsche Begriffe aufbauen, um die Dummen auf Ihre Seite zu ziehen.“ „Sie fordern Geld dafür, dass Bäcker ihr Brot in Scheiben schneiden.“ „Erstens verlange ich kein Geld, sondern es steht mir wegen meines Patents ein prozentualer Anteil zu.“ „Das ist Geld. Schutzgeld, um es genau zu sagen.“ „Sie ahnen, wie wenig mich Ihre Meinung gerade interessiert.“ „Und zweitens?“ „Zweitens verbiete ich keinem Bäcker, sein Brot zu schneiden. Das kann jeder tun, wie er lustig ist.“ „Ihre Klageschrift sagt etwas ganz anderes.“ „Weil Sie als Verbraucher zu dumm sind, richtig zu lesen. Ich habe keinem verboten, sein Brot zu schneiden.“ „Sondern?“ „Nichts. Jeder darf sein Brot schneiden, er darf es hinterher nur nicht verkaufen wollen.“

„Jahrhundertelang haben Bäcker ihr Brot geschnitten.“ „Sie übertreiben.“ „Jedenfalls sehr lange, und es hat niemanden interessiert.“ „Sie als Verbraucher überzeugen mich jetzt gerade vom Gegenteil, sonst würden Sie nicht so einen Aufstand machen.“ „Das war eine freie Übereinkunft von Produktion und Konsumenten, dass die Ware in einem bestimmten Zustand ausgeliefert wurde.“ „Bis zur Erfindung des Schnittbrots.“ „Weil die Konsumenten hin und wieder eine bestimmte Form der Ware bevorzugt haben, so dass sich diese im Verkehr eingebürgert hat.“ „Es hat also einer eine ganz besonders tolle Idee gehabt?“ „Ja, aber…“ „Die muss dann aber so toll gewesen sein, dass Sie sich als Verbraucher nicht dafür interessieren.“ „Was wollen Sie mir eigentlich gerade sagen?“ „Dass die Erfindung des Schnittbrots eine recht eindeutige Schöpfungshöhe aufweist, die eine Anmeldung als Patent rechtfertigt.“ „Haben Sie das Schnittbrot erfunden?“ „Nein. Muss ich auch gar nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil es irgendeiner getan hat, den heute der grüne Rasen deckt. Solange sich der Knilch nicht bei mir meldet, können Sie mich am Patent lecken.“

„Sie schlagen Profit daraus, dass sich in grauer Vorzeit niemand die Herstellung von Schnittbrot rechtlich hat schützen lassen.“ „Aus Ihrem Mund klingt das fast ein bisschen abschätzig.“ „Dann überlegen Sie mal, dass das möglicherweise ein Angestellter im Auftrag seines Arbeitgebers getan haben könnte.“ „Kann ich mir vorstellen.“ „Der hat für seine Erfindung nie eine müde Mark gesehen.“ „Das Leben kann so ungerecht sein.“ „Weil er die Erfindung im Auftrag…“ „Das sagten Sie bereits. Immerhin wurde der Mann nicht entlassen. Mir ist jedenfalls nichts davon zu Ohren gekommen.“ „Sie wissen auch nicht zufällig, ob die Firma, die diese Maschinen in Auftrag gegeben hat, ein Patent hat auf die Herstellung von Schnittbrot?“ „Sie liegen schon wieder komplett daneben. Wenn, dann hat es der Hersteller der Maschine, nicht der, der sie für sein Schnittbrot verwendet.“ „Jedenfalls hat einer diese Maschine erfunden.“ „Und leider vergessen, sie patentieren zu lassen. Finden Sie sich damit ab, dass ich es gemacht habe.“ „Das ist eine derart widerliche…“ „Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie den Erfinder bezahlen oder mich?“ „In der Tat, schließlich wäre das Patent für den Erfinder seit Jahrzehnten erledigt.“ „Dann werde ich jetzt von Ihnen diskriminiert, weil ich die Gnade der späten Geburt für mich beanspruchen darf? Für so ein menschenfeindliches Arschloch hatte ich Sie gar nicht gehalten. Wir könnten Freunde werden.“

„Sie sind nichts weiter als ein widerlicher Geier. Die Wirtschaft und die Menschen leiden unter ihrer Habgier.“ „Wir haben eine gewisse Kreativität im Umgang mit dem Recht entwickelt, das mag ich nicht abstreiten.“ „Und dazu, nur dazu dienen diese Freihandelsscheinverträge, mit denen eine ganze Industrie von Juristen geschaffen wird, um Länder auszunehmen.“ „Das war ein Teil des Versprechens, dass viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden.“ „Und deshalb muss ich jetzt für jeden Scheibe Brot, die ich mir abschneide, an Ihre verdammte Kanzlei einen Betrag…“ „Prozentual. Wir haben ja auch ein Herz, mein Gutester.“ „Und Sie werden diesen Schutzgeldbetrag natürlich irgendwann steigern.“ „Das Brot wird ja schließlich auch teurer.“ „Sie werden davon reich, dass ich mir bald kein Brot mehr werde leisten können.“ „Sehen Sie, der Markt birgt Risiken, die man auch durch völkerrechtliche Maßnahmen nicht beseitigen kann.“ „Sie kommen sich wohl besonders witzig vor.“ „Ach, geht so. Aber mal etwas anderes, Sie sollten nicht so viel essen, sondern lieber mal etwas mehr arbeiten.“ „Ich soll was!?“ „Sonst können Sie sich am Ende kein Brot mehr leisten, oder noch schlimmer: Sie steigen um auf ungeschnittenes. Als Global Player in der Wirtschaft muss ich auch ein bisschen darauf achten, dass Sie mir nicht durch Guerillataktiken die Überlebensgrundlage entziehen.“ „Ach Gott, so kurz vor dem Verhungern sind Sie?“ „Wir wollen doch nicht plötzlich Teil eines Wirtschaftskrieges werden, oder?“ „Raus jetzt!“ „Seien Sie doch nicht so empfindlich, ich gehe ja schon. Ach übrigens, was machen Sie da gerade mit der Butter?“





CETA und Mordio

3 12 2014

„Nee, das hat doch Gabriel gar nicht so gesagt.“ „Normalerweise haben die das in der SPD immer so gesagt, aber nicht so gemeint.“ „Das war aber Sarrazin.“ „Sarrazin, Gabriel – wo ist denn da der Unterschied?“ „Der eine ist gegen Ausländer, der andere gegen Deutsche?“

„Auf jeden Fall brauchen wir mehr Freihandel.“ „Sagt Gabriel?“ „Irgendwas sagt ihm, dass er das sagen soll.“ „Eher: irgendwer.“ „Möglicherweise hört er aber auch Stimmen.“ „Das wäre nicht so gefährlich. Er hat noch nie auf andere Stimmen gehört.“ „Darum kriegt er ja alle vier Jahre auch weniger davon.“ „Klingt logisch. Und warum genau brauchen wir jetzt mehr Freihandel?“ „Ich schätze, weil so ein Freihandelsabkommen sonst keinen Sinn macht.“ „Und Freihandel ist sinnvoll?“ „Es geht um…“ „… Arbeitsplätze, richtig?“ „Das müssen Sie bestimmt mit der Kohle verwechseln. Oder mit dem Niedriglohnsektor.“

„Es geht ihm doch darum, dass sich Deutschland nicht vom Markt entkoppelt.“ „Wer genau?“ „Deutschland eben. Die deutschen Märkte.“ „Die sollen nicht vom Markt entkoppelt werden?“ „Von den Deutschen sind sie ja schon entkoppelt. Oder kommt bei Ihnen von diesem tollen Aufschwung etwas an?“ „Das ist bestimmt die Krise.“ „Weil Sie auch total gekoppelt sind?“ „An die Märkte.“ „Und da merken Sie, wie sich die Krise auf Ihren Geldbeutel auswirkt.“ „Kein Wunder, dass Gabriel uns nicht vom Markt entkoppeln will.“ „Stimmt, sonst hätten wir für diesen ganzen Freihandel gar keine Kohle mehr.“

„À propos Globalisierung.“ „Wie kommen Sie jetzt darauf?“ „Weil es um die vielen Arbeitsplätze geht, die verschwinden, wenn dieses Abkommen nicht unterschrieben wird.“ „Ach so, ja. Die sind dann natürlich weg.“ „Nicht woanders?“ „Wo sollen die denn sein?“ „Weg können sie ja nicht sein.“ „Ach so, Sie meinen, wenn sich jemand auf dem gekoppelten Exportmarkt etwas kauft, dann braucht er auch die Leute, die das herstellen.“ „Zumindest solange noch, wie die, die das herstellen, dazu noch Leute brauchen.“ „Dann sind die Arbeitsplätze halt irgendwo in China.“ „Aber wir haben dann nichts mehr davon.“ „Aber die Chinesen, die freuen sich.“ „Eigentlich ist das doch voll dufte.“ „Eigentlich schon, weil Globalisierung ja genau so funktioniert.“ „Wer am preiswertesten produziert, kann am besten exportieren.“ „Trotzdem dürfte sich Gabriel darüber nicht freuen.“ „Sie meinen, der ärgert sich?“ „Der schreit CETA und Mordio.“ „Weil der Chinese exportiert?“ „Die Arbeiter verdienen immer besser.“ „Sind zwar nur Chinesen, aber wenn Arbeiter…“ „Nee, das ist wirklich nicht so gut.“

„Wobei ich das mit den Arbeitsplätzen nicht ganz verstanden habe.“ „Woher die kommen?“ „Warum die überhaupt entstehen.“ „Weil es durch das Abkommen weniger Handelshemmnisse gibt.“ „Also weil durch ein Freihandelsabkommen der Freihandel kommt.“ „So in etwa.“ „Und dann können die Märkte für Dienstleistungen…“ „Wenn die nicht entkoppelt sind.“ „… und Investitionen und Vergabeverfahren geöffnet werden.“ „Für was?“ „Hört sich nach globalisierter Korruption an.“ „Na, davon versteht Gabriel was. Filz ist SPD-Kernkompetenz.“ „Aber Investitionen?“ „Ich denke, es geht um Investments.“ „Wie kann man denn Arbeit investieren?“ „Wenn man nicht gerade Gabriel ist, dann geht das schon.“ „Sie meinen, der hat sich nicht viel Arbeit gemacht mit diesem TTIP.“ „Doch, das schon. Nur halt nicht gerade für die Deutschen.“

„Und was soll das jetzt, dass Deutschland unbedingt da mitmachen muss?“ „Weil sonst die Arbeitsplätze verloren gehen.“ „Gabriel sagt aber, wir müssen da mitmachen, weil es alle tun.“ „Dann können wir ja froh sein, dass wir gerade keine Kriegserklärung in Europa haben.“ „Das ist sicher auch so eine Sache mit der Globalisierung. Wenn ein Volk danebenhaut, dann müssen alle anderen mitmachen.“ „Dann habe ich jetzt wohl endlich die Krise begriffen.“ „Dass das an den Investitionen liegt?“ „Dass man die Investitionen nur steigert, indem alle ihre Krise gleichzeitig nehmen. Ganz schön verwirrend!“ „Ach was, vertrauen Sie auf Gabriel. Alles, was der Ihnen verspricht, wird noch viel besser.“ „Meinten Sie jetzt die Krise oder die Hartz-Gesetze?“

„Wobei, das mit den Arbeitsplätzen…“ „Die es nicht gibt, deshalb können sie auch verschwinden.“ „… kann man ja auch irgendwie lösen.“ „Die haben sich doch schon in Luft aufgelöst?“ „Eben nicht. Sie müssen nicht immer von Arbeit reden.“ „Jetzt hab ich’s: weil die SPD keine Arbeiterpartei ist!“ „Richtig.“ „Und wenn die ‚Arbeit‘ sagen oder ‚Arbeitsplätze‘…“ „… dann meinen Sie ‚Kapital‘. Ist doch klar.“ „Mensch, dann macht das ja auch plötzlich alles wieder Sinn! Das Ding schafft keine Arbeitsplätze…“ „… sondern Kapital. Und die Arbeitsplätze, es zwar nicht gibt, die aber durch fehlende Investitionen abgebaut werden…“ „… sind auch nicht weg, sondern wie das Kapital, das Ihr Investmentbänker zwar auch nicht hatte, aber dafür hat’s jetzt ein anderer.“ „Und wir?“ „Sind hinterher noch mehr pleite als vorher.“ „Und der entkoppelte Markt? und Gabriels Investitionen in die Dienstleistungen?“ „Wenn Sie ein bisschen nachhaltig denken, dann wissen Sie schon, was da rauskommt.“ „Deutschland wird zur handelsfreien Zone.“