Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIII): Internetdating

4 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vielfältig sind die Möglichkeiten, den Bund fürs Leben zu schließen, Existenzabschnittspartner oder wenigstens ein Objekt zum Ausleben mehr oder weniger kranker Wunschvorstellungen zu finden. Was Juristenball, Käsetheke oder die Zwangsheirat im Bekanntenkreis nicht arrangiert kriegen, ergibt sich durch Stellungsgesuche in der Tageszeitung. Da findet die junge Ledige ihren jung Gebliebenen zum Erledigen und jeder rostige Topf bekommt den passend klappernden Deckel ab.

Doch der postmoderne Bescheuerte nutzt das intelligenzbefreite Paralleluniversum des an sich schon widerlichen Daseins; er sucht sein Glück unter den Pappkameraden im Internet und glaubt, so den Zweifeln an der geistigen Verwendbarkeit der Mitwelttrottel zu entrinnen, und tatsächlich: hier findet er solide Gewissheit. Sie sind tatsächlich so bekloppt, wie er angenommen hatte.

Datingseiten bieten alle Vorzüge des russischen Roulettes bei einem gleichzeitigen Nachteil. Während das Gesellschaftsspiel mit der Taschenflak ein eindeutiges Ende hat, kriegt man die Folgen einer Partnerschaftsanbahnung aus den Untiefen der Beknacktenhalde nie wieder von den Hacken. Vollnullen stehen Schlange, um ihre Überlegenheit unter den versammelten Mückenhirnen in die Welt zu seiern, veritable Schlaftabletten, gegen die noch Rudolf Scharping wie Groucho Marx wirkt. Sie haben, wenn überhaupt, langweilige Jobs, sehen langweilig aus, tragen langweilige Klamotten, wohnen in langweiliger Gegend voller langweiliger Leute. Ihre Socken wäscht Mammi, auch wenn ihr altersbedingter Haarausfall sich längst nicht mehr als sexy Geheimratsecken verkaufen lässt. Es sind die Männer mit dem gewissen Garnichts. Dessen ungeachtet beschreibt sich Clooney75, der vom elften Stock an aufwärts betrachtet gewisse Ähnlichkeit mit Marlon Brando hat, obzwar in den Monaten vor dessen Ableben, als fröhlich, maskulin und vorzeigbar, und es bedarf keiner Ausbildung in Kryptographie, um herauszufinden, dass er den Kampf gegen den Alkohol frühzeitig abgebrochen hat, um sich dem Ganztagsschwitzen zu widmen, veredelt durch eine Rückenbehaarung, mit der er zwar in einen Zoo eingelassen wird, diesen aber nicht mehr ohne juristischen Beistand wieder verlassen darf. Vorzeigbar ist der kultivierte Mann – er kann mit Messer und Gabel essen, wenigstens versucht er es beständig, und manchmal klappt’s – durchaus, man will ja blinde Schwiegermütter nicht kategorisch ausschließen.

Der männliche Blödian findet seinen weiblichen Gegenpart und ist bedient. Jedenfalls wird er sich nach ersten Gehversuchen auf vermintem Gelände nicht über mangelndes Miss-Geschick beschweren können. Innerhalb eines Wochenendes hakt der Brunftbolzen Miss Chamäleon-auf-Speed-Oberbekleidung, Miss Bassbariton und Miss Körpergeruch ab, und alle tragen ihre Titel mit Vorsprung vor der Konkurrenz. Den Sonderpreis für den originellsten Versuch einer Ausrede räumt Blondimaus_DD ab; der alternden Brünetten war nach einem Jahr und 164 Herrenbekanntschaften nicht aufgefallen, dass sie das Foto ihrer flachshaarigen Tochter benutzt hatte.

Den Reiz des Besonderen bieten Kontakte ohne Bild. Wer Operationen ohne Sichtkontakt auch in extragalaktischen Gebieten prickelnd findet, wagt ein Date mit Zuckerschnuppel2007, die außer einer Vorliebe für Eisbecher und Obstkuchen nicht viel von sich preisgibt, bevor eine adipöse Mittenddreißigerin mit blondstoppeligem Schädel-Tuning als Familienportion Elefantiasis in sportives Polypropylen gewickelt ins Café einrollt und für organisiertes Erbrechen sorgt. Eher verlobt man sich mit einer Tüte Hausstaubmilben. Es scheint am gesunden Selbstbewusstsein der Avatare zu liegen, dass sich hinter der direkten, naturverbundenen Lady eine stark behaarte Schlampe jenseits der 55 verbirgt, die mangelnde Manieren durch seltenes Duschen ausgleicht. Dass die familienorientierte Akademikerin mit gutem Charakter ein Volkshochschuljunkie ist, der nach längerem Freiheitsentzug nicht mehr abwarten kann, endlich zu werfen. Und dass man um Frauen, die sich selbst humorvoll nennen, einen Bogen machen sollte, weil solche Exemplare selbst professionellen Koksern als schwer hysterische Knallfrösche erscheinen.

Doch die Ergebnisse des Blindflugs lassen keinen Zweifel zu, sie enthüllen die wahre Tragik des Daseins. Denn während der vernunftbegabte Mensch seine Bindungsfähigkeit überprüft und sich ernsthaft fragt, ob einem diese Frau oder jener Mann auch noch nach dreißig langen, widerlichen Jahren den letzten Nerv wird rauben können, nimmt der Bekloppte sein Schicksal in die Hand und geht verzögerungsfrei mit der Ausschussware des Partnerschwarzmarktes eine Beziehung ein, wie sie glücklicher nicht sein könnte: schon nach kürzester Zeit gehen sich beide Seiten gewaltig auf den Sack und erreichen das Ideal einer Lebensgemeinschaft. Sie verdienen einander. Und es steht zu fragen, womit sie das bloß verdient haben.





Zauberhaft

28 07 2009

Der leicht hysterische Unterton in Annes Stimme hatte mich alarmiert. Allein wie sie diesen Namen aussprach – Max Hülsenbeck hieß er, der neue Staatsanwalt – weckte unschöne Erinnerungen in mir, die jähe Zerwürfnisse, gelöste Verlöbnisse und einen überstürzten Auszug vor das innere Auge brachten. „Kelmsen findet ihn ja süß“, sagte sie, „aber der ist auch immer sofort verknallt. Frau Platzke meint, er sei ein arrogantes Arschloch. Also Max.“ Ich grübelte noch, wie viele Sekunden es dauern würde, bis sie mich bäte, den Kandidaten in Augenschein zu nehmen. Waidwunden Blickes stimmte ich ihrem Plan zu, sich ganz zufällig in Bücklers Landgasthof zu treffen. Ich würde einen Tisch für drei reservieren – zu viel Zufall soll man ja dem Zufall auch nicht überlassen.

Der protzige Sportwagen mit dem auffälligen MH stand bereits quer über zwei Parkbuchten vor dem Anwesen der Bücklerbrüder. Hansi geleitete mich zu dem Tisch, den Anne nebst Galan gerade besetzten. „Ein Irrtum“, log er, „aber Sie werden einen zauberhaften Abend verbringen.“ Da Anne in ihrem Schwarzsamtenen sich bereits niedergelassen hatte, blieb dem Kerl nichts anderes übrig, als sich mir gegenüber zu platzieren. Kaltes Feuer blitzte aus seinen Augen. Nun gut.

Leise plätscherte Klaviermusik durch die Stube. „Na?“, sah ich Anne an. Es funktionierte, denn sie hält einerseits alles, was sie nicht einordnen kann, für Filmmusik – der gleichförmige Brei, den man im Kino hört, erleichtert das – und kann sich andererseits keine Namen merken. „Lino Ventura“, sprach sie geistesabwesend. „Natürlich“, spuckte der geschniegelte Anzug lässig hervor, „das hört man doch. Ich habe letztens ein Mozart-Konzert von ihm gehört. Live natürlich.“ „Nein, wie gut“, rief ich aus, „Sie sind Musikfreund? Kennen Sie die Einspielung von Beethovens Saxofon-Sonate?“

Die Spiele könnten beginnen.

Unterdessen hatte der Filou bereits begonnen, Speckstückchen aus dem Feldsalat zu picken und den Tellerrand drehsymmetrisch damit zu verzieren. Nicht Annes peinlich berührtes Schweigen ließ mich frohlocken, eher, dass Max es nicht bemerkte. Er war zu vertieft in die speckige Zwangshandlung. Auch die gelbe Löffelerbsensuppe mit Entenfleisch nötigte ihm nur Gemäkel ab. Jedenfalls sei er nicht zum Eintopfessen die ganze Strecke gefahren.

Anne bat hektisch um Entschuldigung und ging, ihre Gesichtsfarbe zu korrigieren. Da beugte sich der Schmierlappen über den Tisch und zischte: „Hör zu, Du Ratte! Die Lady ist mein Revier, klar? Wenn Du nicht ziemlich zügig abschwirrst, wird es Dir Leid tun!“ Ich lächelte mein seligstes Lächeln. Anne nahm wieder Platz; ich hob den Riesling empor. „Ja, dann wollen wir wohl Brüderschaft trinken!“ Seine säuerliche Miene sprach Bände. Die Gläser klangen und er würde mich fortan duzen müssen. Jeder schaufelt sich sein eigenes Grab.

Inzwischen hielt Max Frankfurt noch für die Hauptstadt Hessens, schwor, dass Leberkäse zu viel Leber enthielte, und bescheinigte der Raumfahrt, mit der Teflonpfanne doch eine gute Tat vollbracht zu haben. Es war, alles in allem, Schwadronieren ohne Sinn und Verstand.

Hansi tischte den Bachsaibling auf; der war mit Krabben gestopft und sanft von einer Dillkruste ummantelt, artig thronte ein Reismützchen daneben und ein Löffelchen Blattspinat. „Der Wein hier“, schmatzte Hülsenspeck, „hat Kork.“ Der jüngere Bückler zuckte zusammen, teils wegen des Unsinns und teils wegen der apodiktischen Tonart. „Den Koch, aber zackig!“ Als Mann von Welt hätte man den Sommelier verlangt, doch zu Hülsenfruchts Erstaunen kam tatsächlich Bruno, unmäßig dick wie groß und mit einem grotesken Schnurrbart ausgestattet, der allein schon ein Grund war, den großen Künstler Fürst Bückler zu titulieren. „Der Wein hat Kork?“ Büchsenspeck war das Lauernde entgangen. Unvermittelt schrie Bruno Bückler los. „Kork? Ein 2004-er Wutzbacher Steinschlag, im Stahltank ausgebaut und im PVC-Schlauch mit integriertem Hahn ausgeliefert? Sie Klugscheißer!“ „Tja“, fügte ich trocken an, „wie meist in der Spitzengastronomie. Bruno, wie wär’s mit einem Dessert?“ Ich zwinkerte ihm zu.

Mit zittrigen Fingern löffelte Anne Mädchenröte und musste dabei ganz übersehen haben, wie dem Hülsenknilch die Johannisbeersauce in langen Fäden aus dem Mund lief. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht bemerken. „Ich liebe diese Frucht“, schwelgte ich, „die feine Säure.“ Bruno lugte verstohlen in den Raum. Dass man sich mit der Essigessenz aber auch so verschätzen kann.

Max, der Bruchpilot, nahm zu den Schnäpsen Zuflucht. Was immer ihm Hansi da kredenzt haben musste, es ließ dem Courmacher die Augen aus dem Kopf und den Schweiß auf die Stirn treten. Er zückte die Brieftasche und die Autoschlüssel. Artig dienerte der jüngere Bückler mit der Rechnung. Da wand ich dem Schwankenden die Schlüssel aus den Fingern. „Herr Staatsanwalt“, spottete ich, „wir wollen doch unsere Fahrerlaubnis nicht aufs Spiel setzen.“ Die roten Flecken in Annes Dekolletee machten bereits Anstalten, als geschlossene Fläche den Hals hinaufzusteigen. Ihre Stimme klang wie Stacheldraht. „Rufen Sie dem Herrn ein Taxi.“ Sie rauschte ohne ein Wort des Abschieds hinfort.

Anne stapfte über den Kiesweg, als hätte sie mit dem Geröll noch eine persönliche Rechnung zu begleichen. „Das darf doch alles nicht wahr sein! Bring mich von hier weg, und zwar so schnell wie möglich!“ „Ach“, sagte ich und hielt ihr den Schlag auf, „es war doch ein bezaubernder Abend?“