Germanisches Café oder Das dicke Ende

29 08 2009

für Kurt Tucholsky

Nun sind die Teller abgeräumt.
Man hat gespeist, getrunken.
Mehr geht nicht rein. Der Schaumwein schäumt.
Dem Kellner wird gewunken.
Ein Solei. Eis. Forelle blau.
Kartoffeln. Schinken und Kakao.
Dazu Kaffee: zwei Schalen.
    „Zahlen!“

Was bleibt vom Lohn? was reicht fürs Brot?
Wie schnell ist das verflogen.
Dem Bürger wird schon vor dem Tod
das Hemd vom Leib gezogen.
Akzisen. Maut. Die Erbschaftssteuer.
Das Wasser: steigt. Der Strom: bleibt teuer.
Die Mühlen ewig mahlen.
    „Zahlen! Zahlen!“

Nur in Berlin, da geht’s noch an,
im Kanzlerinnenladen
sind Grafen, König, Ackermann
im Speck wie alle Maden.
Das frisst und feiert, prasst und schlemmt,
bedient sich selbst ganz ungehemmt.
Das Volk wird’s bei den Wahlen
    zahlen.





Dinner for One

26 08 2009

Die Presse stand nicht still. Längst war alles abgeklärt, längst mussten auch die bösartigsten Schmierfinken resignieren und zugeben, dass Ulla Schmidt einfach nicht am Zeug zu flicken war. Doch einige von ihnen versuchten es immer noch. War da nicht noch ein Dienstflug? Die Redaktion raunte.

In der Chefetage bemühte man sich um ausgewogene Berichterstattung. Auf der einen Seite war der 60. Geburtstag Josef Ackermanns, den Angela Merkel mit dem Jubilar gemeinsam auf Kosten des Steuerzahlers begangen hatte, ein Privatereignis und von geringem Nachrichtenwert, auf der anderen Seite durfte man dem Chef der Deutschen Bank, der seit der Verfahrenseinstellung gegen eine Millionensumme ohnehin nicht mehr mit der Geldvermehrung, sondern vielmehr mit dem Kapitalverheizen beschäftigt war, nicht die milden Freuden des beginnenden Alters trüben. Man einigte sich darauf, die Fakten ganz objektiv zu unterschlagen. Dies war nach Mehrheitsmeinung des Chefredakteurs allemal rechtens.

Während die Reporter eifrig recherchierten, ob die Alarmanlage auf dem Grundstück der Bundesgesundheitsministerin scharf geschaltet war, telefonierte der Chefradakteur hektisch nach Bildern. „Bringt mir die Alte“, röhrte er ins Gerät, „ich schlachte sie ab morgen drei Tage lang! Kommt mir nicht ohne Bilder wieder!“ Zu gerne hätte er das Menü aus dem Kanzleramt auf die Klatschseite gepackt – das Geburtstagskind hatte mit 30 geladenen Gästen aus dem Kreis langjähriger Freunde ein exquisites Dinner genossen – aber die Staatsraison siegte. Wenn man Hans und Franz lesen ließe, womit die Bänker den Untergang ihrer angesägten Schlachtschiffe gefeiert hatten, würde am Ende das ganze Pack die öffentliche Hand für einen Partyservice halten und noch vor der Bundestagswahl Hummer ordern. Ob die Demokratie in diesem unserem Lande das aushielte, stand denn doch zu fragen.

Die Schnüffler blieben dran. Aber es gelang ihnen nicht, durch noch so abgefeimtes Fragen den Nachbarn ein falsches Wort zu entlocken. Der Schnappschuss einer Passantin, die gerade ein Schuhgeschäft verließ und nur von hinten zu sehen war, gab einige Hoffnung; doch stellte sich schnell heraus, dass die Frau, die da in einen Kleinwagen einstieg, nicht das Zielobjekt sein konnte. Die weißblonden Haare würde man photoshoppen können, doch die Dame trug einen Bolzenschneider in der Hand. Nichts zu machen.

Aus dem Kanzleramt drang durch, dass allein die Kellner 2100 Euro gekostet hatten. Man konnte sich in der Verwaltung diese Summe zunächst kaum erklären, fand dann aber einen schlüssigen Grund: wahrscheinlich hatten die Schaumweinschlepper erheblich unterhalb des von der Union angepeilten Mindestlohns gearbeitet. Der Chefredakteur pfiff durch die Zähne. Ja, auf Merkel war Verlass. Nur mit solcher Unerschrockenheit war Deutschland überhaupt noch zu wuppen.

Die kritischen Stimmen wurden lauter. Der eine oder andere Ressortchef meinte, man könne doch wenigstens die Privateinladung der CDU-Chefin als Besuch eines ausländischen Spitzenmanagers in die wahlkampftaugliche Richtung biegen. Doch er biss beim Chefredakteur auf Granit. Gerade jetzt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen sich jeder selbst der Nächste sei, dürfe man auf keinen Fall gegen Ausländer hetzen. Überdies war er viel zu beschäftigt, um sich der Sache anzunehmen; der Werbetext für das neue Volks-Handy wollte redaktionell abgeschliffen sein, und der Schlagzeile Prügelt die Terror-Schlampe blutig! über dem Artikel von der jungen Frau, die das Berliner Kammergericht wegen Mangels an Beweisen in Haft genommen hatte, fehlte noch der richtige Biss.

Der Politik-Chef nervte. Schon wieder kam er mit der Süssmuth-Story an. Hatte nicht der Ältestenrat die Bundestagspräsidentin entlastet, als man ihr vorhielt, sie habe die Flugbereitschaft der Bundeswehr missbraucht? Der Chefredakteur hielt dagegen, dies seien private Flüge gewesen – ein ganz anderes Kaliber; Ulla Schmidt aber stehe in Verdacht, sogar für öffentliche Termine den Flieger benutzt zu haben. Außerdem wolle man diese alte Geschichte von 1996 nicht mehr aufrühren, wie leicht geriete da das Gesundheitsministerium als Ganzes unter Generalverdacht. Und es ginge schon wieder gegen die Schweiz. Gerade im Wahlkampf aber könne man den Bürger nur durch gezielte Informationen zu den Personen des politischen Lebens aufklären. Die Akte Süssmuth ging auf dem Weg vom Archiv in die Redaktion ohnehin verloren. So hatte sich auch dies erledigt.

Verwirrt stellte die Redaktion fest, dass eine Presseagentur meldete, Merkel richte regelmäßig Geburtstagsgesellschaften aus. Volker Kauder zeigte sich außerordentlich verschnupft, er sei noch gar nicht gefragt worden. G. G. Anderson verbat sich eine Party im Kanzleramt. Ob es an der Gastgeberin lag, konnte nicht eruiert werden.

Das Kanzleramt gab indes die Rechnung für die Bänkerfete nicht heraus. Der Chefredakteur verteidigte das. Datenschutz, so mahnte er, sei ein hohes Gebot. Man habe deshalb schon bei Ursula von der Leyen auf eine präzise Berichterstattung wegen ihrer beiden Dienstwagen verzichtet. Zudem seien die Schmidt-Fotos immer noch nicht da. So könne das nicht weitergehen – solch eine Schlamperei mitten im Wahlkampf!