Kreuzweise

23 07 2009

Möllenbaum seufzte. Er hatte seit drei Tagen nicht richtig geschlafen. Zum Wochenende musste jedoch unbedingt noch die neue PR-Kampagne raus. Sein Rücken schmerzte. Verspannt hockte er auf dem Stuhl, schusterte aus Versatzstücken eine Serie von Aufklärungsbeiträgen zusammen und ging endlich dazu über, eine alte Artikelfolge aus dem Archiv mit der Textverarbeitung aufzuhübschen: überall, wo zehn Jahre zuvor Tee als Allheilmittel gegen Husten, Krebs, Pest und sinkende Manneskraft beworben wurde, diente die wissenschaftliche Untersuchung nun Kaffee an. Mit glasigen Augen klappte Möllenbaum den Ordner zu und schickte sein Elaborat an die angeschlossenen Redaktionen. Gleich am nächsten Tag würden Apotheken-, Bäcker- und Frauenzeitschriften, politische und Lifestylemagazine, Tages- und Wochenzeitungen, Film, Funk, Fernsehen und Internet der braunen Bohne Lobpreis singen. Es war vollbracht.

Gleich am nächsten Tag überraschte allerdings die synchron in mehreren Blättern erscheinende Schlagzeile Schnaps – besser als sein Ruf das Publikum. Schon im Jugendalter, dozierte eine Immunologin im Morgenmagazin, sei gegen täglichen Verzehr von Korn und Wodka nicht viel einzuwenden. Selbst sporadisches Komasaufen sei nach neuesten medizinischen Erkenntnissen weit weniger gefährlich, als man bisher befürchtet hatte. Von alledem bekam Möllenbaum nichts mit. Er schnarchte. Nicht einmal im Traum hätte er geahnt, dass er irrtümlich die Reste der bestellten Kampagne gegen Alkohol in der Zwischenablage gelassen und ahnungslos in Dutzende von Artikeln eingeklebt hatte.

Schon am Nachmittag äußerte sich ein CSU-Abgeordneter anlässlich der Aktuellen Stunde, das Jugendschutzgesetz mit sofortiger Wirkung zu lockern, ja stellenweise abzuschaffen. Man könne doch nicht ruhigen Gewissens Heranwachsenden eine Maß verbieten, wenn sie auf der anderen Seite mit Großkalibermunition schießen dürften. Die Debatte wurde turbulent, als Ursula von der Leyen zu einer Discounter-Kontrolle durch minderjährige Testkäufer aufrief; wer Kindern – immer jüngeren, wie die Ministerin betonte – auf brutale Art und Weise – und zwar immer brutaler, wie die Ministerin zu betonen nicht müde wurde – den artgerechten Zugang zu Alkoholika verwehrte, müsse mit erheblichen Zugangserschwerungen zum Binnenmarkt rechnen.

Am Abend flimmerte die hastig produzierte Folge einer Krankenhausserie durch das Programm des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens. Der Onkel Doktor empfahl dem Patienten, den Leberkrebs mit Rakı zu bekämpfen. Während sich Chefarzt und Oberschwester flaschenweise Marillenbrand in die Birne gossen, glühte der Herzchirurg mit Sliwowitz vor; die Anästhesistin hatte bereits den Enzian für die Narkose weggeschnasselt, so dass der auf seine Transplantation wartende Rentner alleine und verzweifelt Trost suchte in absurden Mengen von Marc und Eierlikör mit Grappa.

Sabine Bätzing tobte. Die Drogenbeauftragte war nicht mehr beruhigen. Sie forderte den ARD-Intendanten auf, die Serie sofort zu stoppen. Doch man zeigte sich hart. Medien seien frei, man habe nichts verfassungsrechtlich Bedenkliches gezeigt, ansonsten verwies die Sendeleitung auf die jüngst von der CDU gestartete Maßnahme Wässer für Deutschland, die den Kirsch aus einheimischer Produktion empfahl. Es ging um Arbeitsplätze. Verschämt kichernd gestand die Kanzlerin, täglich zum Frühstück ein Gläschen Zitronenlikör zu nippen, da die Säure ihr ein angenehm griesgrämiges Gesicht zaubere.

Erste Proteste folgten. Einerseits beschwerte sich ein Hersteller von Milchmischgetränken aus dem süddeutschen Raum, dass seine Erzeugnisse nicht ausreichend in den Publikumszeitschriften vertreten seien; schließlich habe man recht happige Summen für das Gutachten überwiesen, dass ausschließlich Schoko-Nuss-Shakes zur Malaria-Prophylaxe geeignet seien. Andererseits schlug die Pharmabranche Krach. Medikamente seien als Suchtmittel durch nichts zu ersetzen, betonte der Verbandssprecher. Mit einer Pulle Wein zwischen den Mahlzeiten sei das eben nicht getan.

So wunderte es auch keinen, dass Hademar Bankhofer seinen Melissengeist inzwischen als Bandenwerbung im Gesundheitsmagazin installiert hatte. Der Promoter hielt tapfer das Gebräu in die Kamera. Niemand nahm Anstoß daran. Nach dem Abspann stießen die Fernsehleute damit an.

Zunächst fiel es der Redakteurin schwer, die Masse an Leserbriefen zu beantworten, die das Titelthema der Modezeitschrift mit Spirituosen ausgekleidet hatte, obzwar es als Anti-Aging-Artikel angekündigt war. Man grübelte. Bei hochprozentigen Werbegeschenken glühte dem Team schließlich das Lämpchen: wer säuft, wird nicht alt. Die Logik war gerettet.

Eine neue Woche begann. Die gesundheitliche Vorsorge und Kommunikation in Deutschland wollte gefördert sein. Noch immer spürte Möllenbaum ein Reißen in den Schultern. Sollte er sich für eine Woche krankschreiben lassen? Unter Ächzen und Klagen machte er sich auf ins Büro. Die Nation musste gewarnt werden vor den verheerenden Folgen des Cannabisrauchens. Mechanisch öffnete Möllenbaum Briefumschläge und legte sie auf den großen Stapel, dorthin, wo schon längst die Sache mit den Milchgetränken auf Erledigung wartete.