Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIV): Orthorexie

4 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Speisezettel in Rrts Höhle war einfach, aber effektiv: Buntbeerenmus an Buntbeeren, im Lenz frische Buntbeerenblüten, im Herbst getrocknete Buntbeeren, dazu saisonale Gräser und Eiweiß aus der nahegelegenen Steppe, manchmal auch von unvorsichtigen Säugetieren. Mitglieder der Sippe, die die Jagdausflüge nicht im Ganzen überstanden, wurden nicht Teil der Gemeinschaftsverpflegung; man hatte bereits einen gewissen Zivilisationsgrad erreicht. Später jedoch, als die Verfügbarkeit von Nahrung anstieg durch Ackerbau und Viehzucht, begann der Hominide überwiegend mäkelig zu werden. Spätestens mit der Gegenbewegung, sich nicht zur Arterhaltung die Speckschürze zu füllen, sondern gesund, vital und bewusst zu futtern, kollabierte der Kauer und fand sich im Zwang wieder, sich nur nach dem Buchstaben des Gesetzes Kalorien hinters Zäpfchen zu schwiemeln. Hier und da übernahmen Religion und andere Nahrungstabus das Geschäft der neurotischen Konditionierung, der zur Wahlfreiheit verdammte Jetztmensch muss das mit einer Macke erledigen. Mit Orthorexie.

Denn längst ist nicht mehr klar, was noch als physisch, psychisch oder wie auch immer politisch korrekte Ernährungsform gelten kann, darf oder muss. Zwischen Low-Carb, Low-Fat, Glyx und FdH, Trenn- und Steinzeitkost drängeln sich Clean Eating, Dinner Canceling und andere hilfsverbal zu großem Getöse aufgeblähte Schluckbeschwerden, mit denen Diätpäpstinnen, Magermodels und Köche ohne Fortune die Masse in den Wirrsinn treiben. Ist die regional gekaute Karotte als fettfreier Faserstoff noch zulässig, physiologisch überflüssig oder eine notwendige Ersatzhandlung? Gehen drei Möhren als Mahlzeit durch oder soll man es lassen? Ist es unabdingbar, sie roh und auf drei Stunden verteilt zu nagen, oder tödlich? Taugt Fasten etwas, wenn man es überlebt? Schon für normale Fettverbrenner und Metaboliker stellt die Stulle einen Akt größerer Rechtfertigung dar, wenn man sie vor feindlichem Publikum zückt – öffentlich hinter die Kiemen geschobene Kohlenhydrate sind inzwischen fast so schlimm wie Rauchen auf der Säuglingsstation.

Geschenkt, dass inzwischen jeder seine eigene Essschule als dogmatisches Glaubenssystem vor die Säue werfen darf, die den Schmodder für Perlen halten. Der Bekenntniszwang, keinen bösen Weizen und keine bösen Avocados zu vertilgen, ist zugleich die Unterwerfung unter eine gleichsam ideologisch festbetonierte Unterscheidung einschließlich des Schubladendenkens, das in allen Glaubenssystemen erst Freiheit verspricht, wenn die Kiste komplett vernagelt ist. Auf der Basis des postmodernen Fitness- und Körperwahns, der unter dem Diktat der Selbstoptimierung alles in den Wahn knüppelt, wird die angstgetriebene Vermeidung zum Instrument der Heilsbotschaften, die überdies größtenteils ohne humanmedizinische Fachkenntnisse in den Äther, meist aber auch nur ins Netz gerülpst werden. So erzeugt als kleine Schwester von Fress- und Brech- die Normfuttersucht ihren eigenen Druckraum im Hirn, wo das mangelhaft empfundene Selbstbild auf ein gründlich geschranztes Zwangsverhalten trifft und die jene Dressur ermöglicht, die den Esser zum Sklaven seiner Nahrung macht.

Wie mit einem göttlichen Verdikt überzogen bleibt dem Neurotiker nichts anderes, als Läden und Märkte nach dem moralisch erlaubten Produkt zu durchsuchen, ohne Fett, Farb-, Konservierungs-, Zusatzstoffe, stets überwölbt von der dräuenden Schuld, der kultisch unreine Dosenpfirsich könnte an der Höllenpforte die Stachelpeitsche schwingen. Nur im Zustand konstant gezählter Kilojoule ist der Mampfkasper noch in der Lage, ein Salatblatt zwischen Zähne zu stopfen, wogegen alle anderen, die bei Weißmehl und Margarine den Teufel anbeten, eigentlich schon verloren sind. Gleichwohl versucht der geistlich Gestörte hin und wieder die vom Satan gesättigten Ketzer zu missionieren, zum Glück meist so erfolg- wie folgenlos.

Moderne Medien, deren wahl- und haltloses Geplärr wenig Rücksicht auf die Wirkung bei der Prallmasse am anderen Ende der Leitung nimmt, verdienen nicht eben schlecht mit der Erfindung sinnfreier Trends, mit denen sie die seelische Gesundheit labiler Nachtmützen aufs Spiel setzen. Pseudowissenschaftlicher Sondermüll blökt aus allen Richtungen, unterfüttert mit Astrologie oder Promi-Mimesis. Die Marionettenmaschinerie läuft, bis das Krankheitsbild selbst in den einschlägigen Organen pathologisiert wird als Wiederkäuen des selbst Erbrochenen. Offensichtlich hocken auch bei Frigitte und Locus gründlich devitalisierte Deppen, deren Konfektkonsum regelmäßig im Heulkrampf auf der Körperfettwaage endet, der als Projektion dem unschuldigen Opfer aufgebürdet wird, die Postille beim Hairstylisten durchzublättern. Die mediale Individualisierungsstrategie trampelt lustig über Leichen, während eine Doppelseite weiter die Reklame für Bier und Lightkäse aus dem Falz suppt. Man sollte sie alle einsperren in ein dunkles Verlies. Bei Wasser und Rosenkohl.





Wenn der Nachbar zweimal klingelt

1 10 2019

„Zwei Kilogramm!“ Anne hievte die Kiste mit den Aktenordnern in den Kofferraum und schloss die Klappe mit geräuschvoller Entschlossenheit. „Zwar innerhalb eines Monats, aber zwei Kilogramm sind und bleiben zwei Kilogramm.“ „Für den Anfang ist das doch schon ganz erfreulich“, versuchte ich es, aber mir war kein Glück beschieden. „Nicht das, was Du denkst.“ Sie riss ungehalten die Fahrertür auf. „Ich habe schon wieder zugenommen!“

Luzie hatte mich schon vor einigen Wochen am Telefon vorgewarnt und genaue Instruktionen für den Besuch in der Kanzlei ausgegeben: an Tagen, an denen die Chefin schlecht gelaunt war, also eigentlich immer, besser nicht zu früh oder zu spät kommen oder gehen, nicht zu kurz oder zu lang bleiben, nichts Falsches sagen oder tun und vor allem in ihrer Gegenwart nicht vom Essen sprechen oder auch nur daran denken. „Sie entwickelt gerade parapsychologische Kräfte“, hatte sie mir verraten. „Ich muss nur kurz überlegen, ob ich zu Hause noch genug Schokoladenkekse habe, schon kommt sie ins Vorzimmer gerauscht und schreit mich an.“ Ich hatte mir keinen Reim darauf machen können. „Wie lange soll das noch gehen?“ Luzies Antwort war wie aus der Pistole geschossen gekommen. „Ungefähr zehn Kilo.“

Dabei hatte es so gut angefangen. Nach mehreren Runden Ananas-, Rohkost- und Iss-was-Du-willst-aber-erwarte-keine-Erfolge-Diät bekam Anne beim Frisörbesuch eines dieser so gut wie immer unfehlbaren Magazine für die moderne Frau in die Hand, das nach zwei Ausgaben mit schlanker Kartoffelküche turnusgemäß hätte in die Iss-keine-Kartoffeln-Heilkost kippen sollen, aber sie mussten es sich wohl anders überlegt haben. „Trennkost“, verkündete sie, „ist jedenfalls out. Und ich will auch keine Punkte mehr zählen, deshalb habe ich mich jetzt fürs Intervallfasten entschieden.“ Sie zeigte mir den Zeitplan. „Vor zehn esse ich meist sowieso nichts. Also habe ich mich entschlossen, keine ganzen Fastentage einzulegen, sondern nur von zehn bis sechs nichts zu essen.“ Dabei räumte sie die Tasche aus und verstaute einige Flaschen im Altglas. „Aber irgendwie wird es nichts, und ich weiß wirklich nicht, was ich noch machen soll.“

Da läutete es an der Tür. „Wer kann denn das jetzt sein?“ „Es gibt eine todsichere Methode“, antwortete ich, „man geht einfach zur Tür und…“ Es war der Nachbar, nein: der neue Nachbar, ein älterer Herr, der sich offensichtlich noch nicht einmal vorgestellt hatte. Dem Gespräch entnahm ich, dass es um ein bis zwei Eier ging, wenigstens vordergründig. Anne war kurz angebunden. „Es gibt anscheinend niemanden, der jetzt zu Hause ist.“ Immerhin fand sie das Gewünschte im Kühlschrank und beendete die ganze Prozedur, um sich dann wieder der Küche zu widmen.

„Es gibt aber nur einen kleinen Salat.“ Dazu holte sie eine Flasche mit Zuckerlösung aus dem Kühlschrank. „Fruchtsaft“, widersprach Anne. „Das ist vollkommen egal“, beharrte ich, „sie schreiben es doch sogar auf die Flasche. Dann musst Du Dich nicht wundern, wenn die Pfunde mit Verstärkung zurückkommen.“ Grimmig stellte sie die Flasche auf den Tisch. „Schau auf die Uhr“, knurrte sie. „Ich habe keine Lust mehr, mir ständig das Essen vermiesen zu lassen. Heute Mittag war es nicht besser: Luzie schickt den Mandanten ins Zimmer und auf dem Schreibtisch steht noch ein halber Teller Pommes.“ „Ah, vegetarische Kost!“ Sie blickte mich an, als würde sie mich im nächsten Moment mit der Plastikgabel aufspießen.

„Du hast das Prinzip eben nicht verstanden“, ereiferte sie sich. „Es geht eben nicht um die Umstellung der Ernährung, sondern nur, wie soll ich sagen…“ „Pommes nur zur erlaubten Tageszeit, weil der Diätgott dann nicht zuguckt?“ Sie musste es verstanden haben, jedenfalls nahm sie es mir übel. „Wenn man zwei Drittel des Tages fastet, dann nimmt man proportional nicht mehr so viele Kalorien auf, und der Körper stellt sich automatisch in einen anderen Modus um, in dem er…“ So wie kam es aber nicht. Es läutete an der Tür.

Geistesgegenwärtig zog Anne die Schublade auf. „Es ist noch nicht sechs, und ich werde es Dir beweisen.“ Schon hatte sie eine Türe mit Gummibärchen ergriffen, da läutete es wieder, und ich mochte mich getäuscht haben, aber es wurde immer intensiver. „Vielleicht möchte er ja Butter und Salz, Zucker und Milch und Mehl?“ „Freundchen, wir sprechen uns noch“, zischte sie und ging in den Flur.

Sie hatte die ganze Küche durchwühlt, aber es war nichts zu machen gewesen. „Das kommt vor“, tröstete ich sie. „Du bist ja so selten zu Hause, da kann das schon mal passieren.“ „Ich weiß es doch“, schrie sie, „ich weiß es doch!“ Und schon griff sie zur Gummibärchentüte, während ich auf die Küchenuhr deutete. „Zehn nach sechs“, bemerkte ich. „Ich habe die Regeln ja nicht gemacht.“ Anne stierte mich entgeistert an. „Ich kann doch nicht…“ „Den Salat erlaube ich Dir“, antwortete ich. „Aber jetzt noch Gummibärchen? Was würde Luzie nur dazu sagen?“

Sie hatte mich tatsächlich aus der Wohnung geschmissen. Aber das sollte nun ein geringes Problem sein, genau wie das Backpulver in meiner Jackentasche. Bei nächster Gelegenheit würde ich es wieder im Küchenschrank verstauen. Ich würde nur noch ein bisschen abwarten. Ungefähr zehn Kilo.





Gicht und Galle

23 04 2019

„Hier ist noch Graubrot, und da kommt dann die Schokoladentorte hin.“ Horst Breschke war nicht etwa damit beschäftigt, den Kühlschrankinhalt zu sortieren; mit einer minutiös auf Millimeterpapier gezeichneten Tabelle hatte er die kommenden zwei Wochen verplant und seine Ernährung auf ein festes wissenschaftliches Fundament gestellt, das er nun mit den Vorräten sowie der Einkaufsliste verglich. Das Frühjahr konnte kommen.

„Meine Frau hat recht“, klagte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich bin in den letzten Monaten ein bisschen träge geworden, wir fahren zu oft mit dem Auto, und seitdem Bismarck seinen Schnupfen hatte und drei Tage nicht mehr raus konnte, ist auch alles ganz anders.“ Möglicherweise hatten auch die beiden Familienfeiern kurz vor Weihnachten sowie zwischen den Jahren und anschließend das Büfett bei Husenkirchens Silvesterparty ihres dazu beigetragen, dass die Wölbung seines Leibes sich einer idealen Kugel annäherte, was seine Gattin zu der radikalen Entscheidung gebracht hatte, ihn auf Diät zu setzen: Intervallfasten. „Wenn man das nach der Uhr machen kann, ist es sicher viel besser, denn sonst vergisst man sicher die… – Würden Sie mir mal bitte den gelben Stift reichen?“ Und er zog eine dünne Linie zwischen Montag und Dienstag, die bedeutete, dass er wohl Kohlenhydrate zu sich nehmen dürfte, jedoch keinerlei Eiweiß.

Breschke fischte nach dem Winkelmesser. „Ich habe es mit Trennkost kombiniert, sonst hilft es ja kaum etwas.“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, kam halb neugierig, halb müde vom mehrstündigen Nickerchen in die Küche getapst, blickte auf den nach wie vor fest verschlossenen Kühlschrank und drehte sich mit einem innerlichen Seufzen wieder um. Hier war also nichts zu holen. „Das hier ist das Zeitfenster mit den Mahlzeiten, und dann kommt hier zum Frühstück das Eiweiß – man muss ja auch eine gewisse Menge davon zu sich nehmen, deshalb esse ich jetzt zwei Eier statt einem.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Wie jetzt, Sie frühstücken mit zwei weichen Eiern, als wäre es noch Ostern?“ „Da ist es noch rot“, erläuterte der Hausherr. „Hier ist dann, kleinen Moment, da fehlt noch der Trennstrich, und da ist dann wieder Gelb, wegen Eiweiß.“ Tatsächlich hatte sich der Alte ein so ausgeklügeltes System einfallen lassen, dass nur noch eine Möglichkeit blieb: es funktionierte einfach nicht.

„Vom vielen Zeichnen tun mir schon die Knöchel weh“, klagte er. „Die jungen Leute, also die unter fünfzig, die machen das ja alle mit ihren Computern, aber wo soll ich hier so eine Kiste in die Küche stellen? Und was das kostet!“ „Sie würden dann aber automatisch abnehmen“, gab ich zurück. „Von Ihrer Pension bliebe ja nicht mehr so viel übrig fürs Haushaltsgeld.“ Das leuchtete ihm ein, und beinahe fürchtete ich schon, ihn auf einen Gedanken gebracht zu haben, der alsbald wirre Blüten treiben würde, doch nichts dergleichen. Er massierte sich die Finger. „Sie kennen das ja“, stöhnte Breschke. Was seine Gichtanfälle betraf, die kannte ich tatsächlich. „Dann würde ich an Ihrer Stelle nicht noch zusätzlich so viel Eiweiß essen“, riet ich ihm. „Das da ist ja auch außerhalb der Essenszeiten, wenn ich mich nicht irre?“ „Meine Frau macht mittags jetzt immer nur einen Teller Suppe“, bekannte er. „Aber sie sitzt so ungern alleine am Esstisch, deshalb schiebe ich eine Hälfte vom Intervall immer etwas nach hinten, und dann habe ich ganz normal um halb sieben Abendessen, hier ist dann wieder Gelb, Mittwoch wegen der Erbsen muss ich aber noch eine zusätzliche Suppe essen, damit sich das mit dem Eiweiß wieder ausgleicht.“ Und er suchte aus dem Federmäppchen den blauen Stift heraus, setzte im rechten Winkel an und zog eine dünne Linie von Sonnenuntergang bis zum quasi fettfreien Morgenkaffee.

„Sie wissen schon, dass das Ihren Gallensteinen gar nicht bekommt?“ „Deshalb gibt es auch nur noch eine Scheibe Wurst, den Rest essen wir immer mit Marmelade.“ Grün kam auch eher außerhalb der Mahlzeiten vor, was aber seine Berechtigung hatte, schließlich wurde Zucker in der Trennkost nicht großartig berücksichtigt. „Aber das ist doch absolut nach Plan“, verteidigte sich Breschke. „Hier ist das Zeitfenster, Teil zwei, und da können wir die grünen Lebensmittel – nein, da gehört eigentlich noch ein Trennstrich hin.“ „Doktor Klengel hatte es Ihnen prophezeit“, mahnte ich, „Sie werden wieder Gallensteine bekommen und schlimme Schmerzen in den Zehen.“ „Sehen Sie“, triumphierte Breschke, „und am Zucker kann das nicht liegen!“

Schnell notierte er auf dem Einkaufszettel noch zwei Dosen Pustermanns Beste, den verzehrfertigen Hühnereintopf mit erkennbaren Spuren von Resthuhn, und schon zogen sich auch die roten Striche kreuz und quer zu einem planlos verstrickten Netz über die Wochen. „Trennkost ist dann wenigstens für heute vorbei, und da wir bis zum Abendessen noch ein bisschen Zeit haben, kann ich jetzt im Garten aufräumen. Rasen muss dringend vertikutiert werden, Sie können ja schon das Gerät aus dem Keller holen.“ Er sammelte die Stifte zusammen und steckte sie sorgfältig zurück ins Mäppchen, da tönte ein feiner Glockenschlag durch das Erdgeschoss. „Oh“, rief Breschke aus, „schon drei? Dann ist es ja höchste Zeit!“ Und er öffnete die Kühlschranktür, zog einen Teller mit Schokoladentorte heraus und platzierte ihn auf dem Küchentisch. „Greifen Sie nur zu“, ermunterte er mich. „Bis heute Abend macht er auch nicht dick.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXC): Voodoofutter

5 06 2015
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war ja Steinzeit, und die war auch so. Ab und zu knurpselte sich der grunzende Gauch eine Handvoll Kerbtiere rein, und dann war wieder für ein paar Tage Schluss mit Fleischverzehr. Fettige Flechten, müffeliges Moos oder Kräutchen mit dem Aroma von Hirschurin und schlecht gelüftetem Biberbau bestimmten seinen Speiseplan. Wie gut, dass Ngrr ab und zu mal einem Mammut eins über die Rübe geben konnte, sonst wäre sein Stamm nie in den Genuss ausreichender Proteine gekommen und hätte bis übermorgen auf den letzten Kronen der Affenbrotbäume ausgeharrt, bis die anderen Hominiden die Steppe für eine Maismonokultur roden, weil ein Futtermittelkonzern noch eine Milliarde Afrikaner krepieren lassen muss, um für eine kleine Portion Menschenmüll die Renditen zu steigern. So aß der Höhlenmensch, und bis auf die Ernährung hat sich seither nicht viel getan.

Leider war die Steinzeit früher, und die heutigen Kalorienverbraucher unterscheiden sich eklatant vom damaligen Hominidendurchschnitt. Sie gingen seltener sitzenden Tätigkeiten nach, litten kaum unter Bluthochdruck oder Diabetes, dafür hatten sie auch nicht alle einen an der Marmel, was die Ernährung anging. Die Vorfahren zwirbelten sich hinters Zäpfchen, was satt machte, und stopften sich mangels Masse nicht den Rand mit Fett und Zucker voll, bis der Medizinmann einen Wutanfall bekam. Der Neoneandertaliban jedoch setzt auf die Kraft der magischen Gedanken: was damals zu einem derartigen Entwicklungsschub geführt habe, sei auch heute unbedingt notwendig, um als Mitglied einer stressgeplagten Gesellschaft im Dauerfeuer zu überstehen. Tragisch nur, dass die Steinzeit so lange dauerte, der Konjunkturzyklus eines durchschnittlichen Ingenieurs oder Sozialpädagogen so kurz ist. So viel Evolution kriegt auch ein fleißiger Biochemiker nicht in seine hochgepushte Biografie eingeflochten.

Denn das ganze Essgefasel ist ja nichts anderes als magisches Denken: naturbelassene Kräuter machen natürlich, Steaks von wilden Stieren machen wild – Ochsenfleisch ist außer Konkurrenz – und die Körnerkaufraktion glaubt noch immer fest daran, dass der Weltfrieden kommt, wenn nur alle Menschen simultan an ihrem Dinkelpomps lutschen, die Fresse nicht mehr aufkriegen und vor lauter Brechreiz ihre politischen Differenzen an der Biegung der Küchenspüle entsorgen.

Das Voodoofutter der Saison ist dabei durchaus Schwankungen unterworfen, will sagen: die neueste Erkenntnis ist sowieso immer die beste, und es interessiert eigentlich nie, ob amerikanische Wissenschaftler schlimme Sachen über Spinat herausgefunden haben oder der Hering im Preis leicht anzieht, die Masse der geistig unkompliziert Strukturierten möchte ein hippes Fresserlebnis, das ihn zum Trendsetter macht und zugleich ein Stück näher an die Unsterblichkeit bringt, die jeder Hedonist mit quasireligiöser Verehrung ansieht, weil sie ihn über das Heer der anderen Bekloppten hinweg höbe. So rammt sich der Trendtrüffler Spargel und Low Carb in die Stoma, praktiziert Trennkost, lebt bis zum Leberschaden vegan und wird irgendwann unter der Brücke gefunden, die Schnauze weiträumig verschwiemelt mit Vollmilchschokolade in Krankenhausmengen. Denn alle Lust will Ewigkeit.

Zwei Umstände machen das aus vorgekautem Grünkohl und gärendem Bananenrest gepanschte Schmuhsi noch attraktiver für die Grützbirnen: ein beliebig minderbegabter Promi muss das Zeug große Klasse finden (und sich dank der Plempe endlich frei fühlen von eingewachsenen Fußnägeln, Minderwertigkeitsgefühlen und Gicht), und es muss als Fertigprodukt noch ordentlich Kohle kosten, weil es sonst ja nichts wert ist. Der Matschpamp aus overnight in Rentierseich eingeweichten Haferflocken (glutenfrei!) wird also zwangsläufig in die Klasse der religiösen Erweckungserlebnisse hineinragen, denn warum sonst sollte ein Körper, der ansonsten alle paar Tage gedetoxt und entgiftet wird, mit diesem Glibber ins Reich des Erbrechens hinabsteigen? Es geht hier um Auferstehung, jawoll, und welcher Kochlöffelschwinger ließe sich die Chance entgehen, ein paar Knalltüten mehr hinter den heimischen Herd zu locken?

Zum Nahrungstabu tritt das Totem, zuckerfreie Kohlsuppe mit Glyx oder metabolische Schonkost, mit der man sich Hirntumore wegmampft und in Heidis Klumpfußparade reihert. Eine essbare Religion, ein Abendmahl im Snackformat entsteht, eins ums andere, und es ist für die Entwicklung unserer Zivilisation so tröstlich, dass die also gepriesenen Vorfahren allem zum Trotz schon mit dreißig das Steinzeitliche gesegnet haben. Was die heutigen Ernährungsschwurbler gerne nachmachen dürfen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXVI): Diätwahn

27 01 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nggr hockt in ihrer Eigentumshöhle und tut, was sie im Glanz der lodernden Scheite stets zu tun pflegt: sie polstert ihre Rundungen mit Mammut vom Spieß. Wo das Grillgut rein und die akustische Untermalung der Nahrungsaufnahme rauskommt, ist vorne – mehr muss man von ihr nicht wissen, denn sie lebt in einer Epoche, in der das ästhetische Empfinden noch ohne sozialen Zwang auskommt. Die realistische Malerei ist noch nicht erfunden, Fotografie und Unterschichtenfernsehen noch in weiter Ferne, und keine Modeindustrie quarrt in nöliger Hochglanztristesse dem Konsumvolk das Diktat der Anorexie in die blutenden Ohren. Die Hominiden sind verhältnismäßig glücklich in ihrer Haut. Sie leiden noch nicht unter dem Diätwahn.

Jede zweite Frau sieht ihr Alter Ego als Moppel-Ich, und das ohne Korrelation zur tatsächlichen Physis. Die Dysmorphophobie vor dem Spiegel wird von jeder Weiberpostille getriggert, von jedem Laufstegzirkus, von jeder Castingshow für plappernde Kleiderständer, die einzig das Ziel verfolgen, aus dem weiblichen Personal der Industrienationen pawlowsche Pinscher zu züchten, denen man den BMI als Stigma in die Synapsen dreschen kann. Heerscharen verzweifelter Hobby-Fetischistinnen reduzieren die Nahrungszufuhr auf das bisschen feuchte Watte, das ausreicht, um auf Niedrighirnniveau zu vegetieren.

Sie trinken Tee aus alten Socken und saugen an nacktem Salat. Sie verzichten auf Milchprodukte, Kohlehydrate, Zucker, Fett, Salz, Fleisch, Eier, rote Beeren, grüne Beeren, sämtliche Beeren, und klappen schließlich als Wassersuppenkasper in der Ecke zusammen. Ihre Stoffwechsel läuft nicht zuletzt auf Endorphinbasis, wie auch Masochisten ihre Befriedigung darin finden, sie sich zu versagen. Die zwanghafte Verweigerung führt an kein Ziel, denn zwei Pfund weniger sind danach auch wieder nur drei Pfund zu viel – abgesehen vom Jo-Jo-Effekt, der sie unvermeidbar um ihren Fortschritt prellt. Sie empfinden ein paar Gramm Wasserzulage als Niederlage, gleichwohl es ein natürliches Phänomen ist und jedem anderen Abspeckspacken so passiert. Doch was ist schon Logik.

Längst hat sich die Diät zur eigenständigen Popkultur ausgeweitet. Schwören die einen auf die totale Kohlsuppe, beten die anderen zur Trennkost, während eine hippe Schicht durchgeratterter Rüben das ausgelutschte Abendfasten zum modischen Dinner-Cancelling hochstilisiert und fortan mit grunzendem Gedärm in der Bettstatt deliriert. Das einzig legitime Ziel ist die Minimalisierung der zugeführten Nahrung. Vermutlich sind es reine Wahnvorstellungen, die hypoglykämische Lifestylebratzen im Entwöhnungskasper zu den dämlichsten Ideen treiben. Steinzeit-Diät? ideal geeignet für die prädiluviale Spezies, wie sie als Neurochirurgen und Taxifahrer auftritt. Kreta-Diät? logisch, vor allem in Bad Salzuflen sind Olivenöl aus dem Supermarkt und schockgefrostete Calamari die gesündesten Lebensmittel in Reichweite. Glyx-Diät? sich Mehl hinters Zäpfchen zu schwiemeln hat noch bei keinem Säuger die Bauchspeicheldrüse in Rotation versetzt. Die meisten messianischen Erfolgsrezepte sind naturwissenschaftlich so haltbar wie Absingen peruanischer Fruchtbarkeitslieder bei gruppendynamischem Gehüpfe in konzentrischen Kornkreisen, wie Homöopathie oder Geistheilung. Sie werden von physiologischen Laien bei einer guten Flasche Bio-Rotwein aus den Fingern gelutscht und verpesten generationskohortenweise gutgläubige Matschbirnen, Low Fat, Low Carb, Low Mind.

Denn sie wollen alle nur eins, den schnellen Erfolg. Keine der Schwabbelbacken würde sich auf drei Mahlzeiten statt vier Tüten Chips beschränken, freiwillig Treppen steigen und dem Alkohol entsagen, wenn die Werbung doch zehn Pfund in zehn Tagen verspricht. Keine Fresszelle besäße genug Einsicht, Fett und Zucker als natürliche Geschmacksträger und Konservierungsmittel zu begreifen, während sie sich chemisch modifizierten Produktionsmüll in die Schleimhäute löffelt, ein wirres Gemisch, das bei Gegenwind leuchtet und das Immunsystem abschmirgelt. Sie wollen nicht schlank sein, sie wollen nicht ihr Gewicht halten, sie wollen möglichst schnell möglochst viel von sich selbst loswerden. Ihr Gehabe ist infantil, denn der Wunsch ist bis zu einem gewissen Grad erfüllbar, wird nach einmal gestilltem Verlangen allerdings nicht einmal ansatzweise zur seelischen Stabilität führen. Jene kapitalistisch anmutende Gier nach dem allenfalls asymptotisch erreichbaren Ziel jenseits des Rationalen macht den Bekloppten zu einer Marionette der Selbstzerstörung, die dem Inbegriff vergänglicher Schönheit nach dem billig manipulierten Abziehbild einer Schönheitsindustrie folgt, dümmlich nachtrottend am Nasenring der Zivilisation. Es mutiert inzwischen zum elitären Habitus, sich den Finger in den Hals zu stecken, während die Mittelschicht in die Adipositas gleitet. Wir werden es verschmerzen. Was sich da zum Strich in der Landschaft kotzt, lässt sich hernach leichter entsorgen. Es wird vom Winde verweht.