Die Achse der Blöden

16 02 2011

Der Instruktor hielt das Anschauungsmaterial in die Höhe. „Das“, verkündete er den Schülern, „ist ein Hühnerei.“ Einer der Zöglinge kratzte sich mit großem Umstand am Kinn. „Kann ich das noch mal sehen“, nuschelte er und griff danach – da lag das Ei schon am Boden. „So ungefähr dürfen Sie sich dann die praktische Arbeit vorstellen“, konstatierte Sübenkotte. „Es läuft wie am Schnürchen hier im Amt für Nahrungsmittelsicherheit.“

Oberregierungsrat Doktor Sübenkotte entfaltete umständlich den Lageplan seiner Behörde. „Hier unten“, erklärte er, „haben wir die Schulungsräume, siebenunddreißig an der Zahl, hier ist der Osttrakt, und dort befindet sich das Labor.“ Ich pfiff durch die Zähne. „So viele Räume? Sie müssen ja einen enormen Bedarf haben.“ Er nickte. „Das kann man so sehen. Schauen Sie, seitdem wir unsere Arbeit aufgenommen haben, ist der gesamte Bereich der Lebensmittelkontrolle auf ein komplett neues Fundament gestellt worden. Endlich haben wir eine vollumfängliche Sicherheit, die auch dem einfachen Verbraucher – entschuldigen Sie, was wollten Sie doch gleich wissen?“ „Die Anzahl der Räume“, half ich ihm ein. Sübenkotte nickte. „Das kann man so sehen. Wir haben das überschüssige Personal des Verfassungsschutzes und des Innenministeriums übernommen.“ „Und wie viele?“ „Alle, die für die Belange des Innern vollkommen überflüssig sind. Also schätzungsweise drei Viertel.“

Wir hatten einen anderen Ausbildungsraum betreten. In einem nachgebauten Hühnerstall gackerte vereinzeltes Federvieh umher, während in groteske Gummihosen gewandete Schüler im Sand herumstolperten. Einer schrie entsetzt auf – eine Henne hatte nach ihm gehackt. „Frau Lammbeck, die Ausbildungsleiterin für den Bereich Veterinär- und Zuchtwesen.“ Ich deutete eine Verbeugung an, doch die Lehrerin war sichtlich genervt und griff unvermittelt zu einem Huhn, das sie dem Eleven neben ihr unter die Nase hielt. Der junge Mann nahm allen Mut zusammen und begann, das Tier zu löchern: „Los, gesteh endlich! Willst du wohl? Du sollst endlich gestehen! Los jetzt!“ „Er hat doch dem armen Gickerl noch gar nicht gesagt, was es eigentlich gestehen soll?“ Triumphierend blickte der Hühnerschrecker mich an. „Jahaa, das denken Sie! Das ist aber ganz ausgebuffte Verhörtaktik!“

Während sich drinnen das Huhn auf den wehrlosen Lehrling stürzte – man hörte es noch lange gackern – führte mich Doktor Sübenkotte zum Osttrakt. „Das ist ja einigermaßen erstaunlich“, begann ich, „viele stellen sich am Beginn ihrer Ausbildung etwas an, aber dies hier?“ Er wehrte ab. „Aber nein, das sind durchaus keine Anfänger! Sie haben hier eben die Abschlussklasse gesehen, die Leute bereiten sich auf ihr Examen kommende Woche vor.“ Ich war verwirrt. „Aber der Mann war doch mit einem einzelnen Huhn völlig überfordert – wie soll der einen ganzen Geflügelzuchtbetrieb untersuchen, besser gesagt: wie soll dieser Typ die Kontrolle lebend überstehen?“ „Klar“, verteidigte sich der Behördenchef, „Sie haben da einen ganz anderen Zugang, aber Sie müssen berücksichtigen, dass das Personal im Innenministerium immer auf dem Stand des jeweiligen Innenministers sein muss. Zur besseren Kommunikation und für einen reibungslosen Ablauf der Terrorprävention.“ Nein, ich verstand kein Wort. Was hatten denn diese Hühner mit Terrorismus zu tun? „Wir nehmen die größten Idioten, die das Amt zu bieten hat, und bilden sie mehrere Semester lang zurück, bis sie auf dem Niveau von – verstehen Sie?“ Ja, ich verstand.

Auch im Freien fand der Unterricht statt. Aus dem Fenster beobachteten wir, wie plötzlich eine Horde von Männern in Trenchcoat und Schlapphut aus dem Gebüsch hervorbrach und sich johlend auf eine Palette Eier stürzte; müßig zu sagen, dass außer einer gewaltigen Menge Rührei auf dem Rasen nicht viel zurückblieb. „Der Angriff aus dem Hinterhalt ist eine der probatesten Strategien zur Überraschung des Feindes“, dozierte Sübenkotte. „Die Herren haben das doch schon recht hübsch demonstriert.“ Am anderen Ende des Gartens stampfte ein Trupp in ähnlicher Aufmachung durch etliche Stiegen mit Tomaten. „Wir kümmern uns im Amt für Nahrungsmittelsicherheit eben nicht nur um Eier, sondern eben auch um Obst und Gemüse. Eine rundum kompetente Behörde, die Sie als Verbraucher mit viel mehr Sicherheit ausstatten wird.“ Einer der Tomatenmänner, über und über mit rotbraunem Matsch bedeckt, zog einen Aufkleber aus der Manteltasche, den er an einer Holzkiste befestigte. „Damit“, informierte mich Sübenkotte, „haben die Tomaten die Einfuhrkontrolle bestanden und können ohne Bedenken für die Sicherheit der deutschen Verbraucher in den Handel kommen. Die Frau Aigner, die wäre wirklich stolz auf uns.“ „Moment einmal“, unterbrach ich ihn verwirrt, „was hat denn jetzt die Aigner mit Ihrem Schlapphutverein zu schaffen?“ Er lächelte. „Die sind ja nur Personal. In Wirklichkeit geht es uns doch hier um eins: richtig durchgreifen. Eine Kontrolle, die so richtig – was war jetzt doch gleich Ihre Frage gewesen?“ „Warum Sie das mit diesen Terrorverfassungsschützern machen.“ „Weil das bei denen ja auch alles so toll klappt, auch wenn die gar nichts dafür tun müssen – da fühlt sich der Bürger nämlich richtig sicher! Und dann ist das ja auch noch die Industrie da. Die wollen natürlich auch eine ganz scharfe Kontrolle, nur eben eine, bei der man nie Gammelfleisch oder Dioxin findet. Und das ist doch für einen echten V-Mann kein Problem. Die waren jahrelang Mitglieder in der NPD, ohne auch nur einen einzigen Nazi zu treffen, die kann man doch auf Gammelfleisch loslassen?“ Ich war konsterniert. „Und den ganzen Zauber verantwortet das Verbraucherschutzministerium?“ Sübenkotte protestierte heftig. „Wo denken Sie hin? Nein, wir lassen uns doch unsere Kompetenzen nicht streitig machen! Die Aigner hat einen klar umrissenen Aufgabenbereich, die darf das machen, was sie am besten kann: ankündigen. Mehr kann sie eh nicht.“ „Aber die Verbrauchersicherheit? Auf was soll ich mich denn jetzt verlassen, etwa auf Ihr Siegel?“ Er legte mir wohlwollenden die Hand auf die Schulter. „Das können Sie“, sprach der Oberregierungsrat im Brustton der Überzeugung. „Das können Sie – wenn Sie unser Qualitätssiegel sehen: Hände weg! Dann steht Ihrer gesunden Ernährung nichts mehr im Wege.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVIII): Lebensmittelskandale

14 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So ist er, der Herrscher der Schöpfung: faustisch auf der Suche nach den Grenzen der Welt. Sei es in der offenen Aussprache mit einem Türsteher, auf dem Abwärtsflug am Bungeeseil, im Experiment mit Gammastrahlung, der Mensch braucht nichts so sehr wie die Aussicht auf eine Frontaldelle. Er will das Sein ausleiern, seine Geschichte ist bisher ein Hirnschrottplatz der Schnapsideen – und doch lässt er nicht locker, sich immer wieder in die Enge zu treiben, um sich den kollektiven Garaus in solider Eigenbauweise zusammenzuklöppeln. Natürlich weist er die Schuld weit von sich, es ist ja nicht der Behämmerte, sondern seine Flugzeuge in Regress zu nehmen, wenn sie aus der Troposphäre kippen, böse ist der Anschnallgurt, wenn man ihn vergisst, und maßlose Erregung, gepaart mit erbärmlichem Mitleid, fordern Lebensmittelskandale.

Aber warum eigentlich regt sich der Dummbatz der postkapitalistischen Käfigselbsthaltung auf über Dioxin im Ei? Warum schwillt ihm der Hals, wenn das Schnitzel in der Pfanne verpufft? Was bringt ihn, den marktwirtschaftlichen Mampfer, zu derart apokalyptischem Gewinsel, wenn sich BSE, PCB und DDT in seinem Chateaubriand häuslich einrichten? Pfeift sich die Kuh das Zeug selbst rein oder liegt sie damit dem Bauern in den Ohren? Betteln Hühner um Salmonellen im Flüssigei? Will das Schwein nur mit Weichmacher zu Wurst werden? Oder war es am Ende doch nur der Lauf der Dinge, der Grenzwert, der nachzugeben hatte?

Wir ernähren uns komfortabel von Risiken und Nebenwirkungen, die intellektuell im embryonalen Status bleibenden G20-Fresser finden sich moralfrei mit dem Weltlauf ab: es muss billiger werden, weil der Kapitalismus als Religion der Steigerung es kategorisch fordert – es darf nur nicht für alle reichen. Solange noch keine Pestizidrüben auf dem Feld blinken und kein Mangold nachts im Kühlschrank brummt, fürchten wir nichts. Gut ein Drittel der Erdlinge wird nach multikausaler Rezeptur schneller als erforderlich zu Biomasse; wir begegnen der planetaren Katastrophe mit Raps für die SUVs der Renditekassierer und gefriergetrocknetem Auswurf auf der Retortenpizza im Discountersortiment.

Kein Mensch hat bei wachem Verstand bemerkt, dass die industrielle Lebensmittelproduktion sich seit Jahrzehnten im Sturzflug befindet. Der Markt – das, was in Wirklichkeit der Verbraucher ist, denn der entscheidet, was auf dem Markt Bestand hat – forderte sich wund nach billigem Futter, nach schneller Produktion, wohl wissend, dass bei der Trias billig, schnell und gut immer nur zwei über die Ziellinie dümpeln und eins elend verreckt. Glykolwein, Schweinepest, Kälberchemiemast, alles hat der Verbraucher mit typischer Entrüstung abgenickt und als Kollateralpickel am Arsch einer unhinterfragten Ökonomie geduldet, statt den Produzenten den Stuhl wegzuziehen. Der Bescheuerte hat sich nie über den Sinkflug der Preise gewundert, er staunte dauerweihnachtlich bekifft vor dem Warenangebot, sah Mehl und Butter und Öl und Zucker weniger und weniger kosten und kapierte nicht, dass die Spirale der Preisgewalt nur in der betriebswirtschaftlichen Theorie weiter gegen Null tendieren kann – das Milchmädchen hat sich verrechnet, als die Wirklichkeit kam.

Die Ansprüche steigen überall. Will der untere Mittelbau sein Frühstücksei aus dem Geflügel-KZ in der Tiefebene, so greint die selbsternannte Elite ohne Flugmango bereits den sozialen Abstieg herbei; hier scheißen sich ein paar Phasianidae ins marketingkonforme Frühableben und werden, ätschibätsch, als Kollagen in der hochpreisigen Leberpastete reinkarniert, die sich der Wohlständler in die Eintrittsöffnung des Verdauungskanals schwiemelt, dort klappen Rindios fürs Roastbeef den Regenwald um und sorgen mit lustigen Wirbelstürmen für den Untergang des Abendlandes in Technicolor, während der Pangasius auf Spinat langsam den Mekong versanden lässt.

Schuld ist nicht der böse Hühnerschrecker, dem eine auf Schnellverdeppung getrimmte Medien- und Lobbyistenblase die Verantwortung in die Schuhe schieben will. Schuld ist nicht eine bis dato lieb und gut agierende Alimentationsindustrie, die von kosmischer Strahlung getrieben urplötzlich am Rad dreht und dem ahnungslosen Konsumenten Separatorendreck hinters Zäpfchen zwängt. Schuld sind wir. Schuld ist der bis zum Marktextremismus degenerierte Genomzonk, der dümmstmögliche Fehlgriff der Evolution. Denn Fressen heißt nun mal Gefressenwerden – eine wahrhaft clevere Idee, ausgerechnet in einem Stoffkreislauf alles um sich herum zu verpesten und zu hoffen, dass die eigenen Brötchen vom Mars herübergebeamt werden. Wir bekommen die Quittung, so oder so, sei es kurzfristig als Einlagerung im eigenen Körperfett, mittelfristig als Lochfraß im Erbgut oder final als Untergang dieses Rotationsellipsoiden mitsamt dem Doofheitscluster, der Bier trinkt, schlechte Musik hört und Hunde bellen lässt. Bio ist nur behutsame Vergiftung, das Zeug ist eh im globalen Verkehr angekommen und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Elite wird genauso abnippeln wie die armen Schlucker, die sich Eier für acht Cent wünschen und Filetsteak zum Preis von Torf. Sie werden an der Würgstoffkombination ersticken, sie sterben an der Gier, die uns immer schon an den Knochen genagt hat – die Lebensmittelskandale sind die Bankenkrise des kleinen Mannes, der Geiz geil fand, den Hals nie voll kriegte und sich daran schließlich verschlucken wird. Unser Mitleid wird sich in Grenzen halten, denn die Gierigen haben es nicht anders verdient, als selbst gefressen, verdaut, recycelt zu werden. Das System verstoffwechselt seine Kinder.