Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

12 07 2010

Er stöhnte leise, schluckte trocken, dann biss er zu. Seine Augen waren glasig, er pustete schwer. Doch er hatte es nicht anders gewollt und wusste auch genau, was da auf ihn zukam. „Es ist sein zwölftes Speckbrot“, sagte ich staunend. „Wie schafft er das bloß?“ „Purkki ernährt sich ja sonst recht gesund“, versicherte mir Möhler, „das sind nur diese zwölf Stullen in der Woche. Und die dreistöckige Torte am Monatsanfang. Aber sonst nur Salate und wenig Fleisch und kein Fett und gar nichts. Ja.“ Purkki biss noch einmal in das gewaltige Brot. Er kaute angestrengt, aber glücklich.

Möhler hatte schon so lange in diesem Land gelebt, dass er nicht nur die Sprache perfekt sprach – man sagte ihm bisweilen etwas verächtlich einen leichten Akzent von der westlichen Seenlandschaft nach, aber das störte ihn nicht weiter – sondern auch nach Landessitte einen großen, aufgebürsteten Schnurrbart trug. Dazu erschien er auch bei ernsten Anlässen in den charakteristisch weit geschnittenen Jacken und Hosen aus weichem, bunt gemustertem Stoff, der mich in meinem sandfarbenen Anzug wie das besonders langweilige Exemplar eines Spießers erscheinen ließ. Doch war man sehr freundlich zu mir, lud mich in der Sommerhitze zu einem Glas Tee ein oder zeigte mir voller Stolz neugeborene Kätzchen und Briefmarkensammelalben. Das Ostgebirge war genauso schön wie die Prachtbauten der Hauptstadt. Dies Völkchen gefiel mir. Es lebte in einem Land voller Anmut und Charme. „Lassen Sie uns in den Felsenkeller gehen“, beschloss mein Begleiter. „Sie werden eines der besten Biere des Landes trinken.“

Kurtti war, und nach dieser Menge Bier hätte es keinen verwundert, ziemlich betrunken. Die kühle Luft des Kellers hatte den Grad seiner Besoffenheit zwar langsamer gesteigert als bei den Zechern im Gärtchen zu ebener Erde, doch war sein Schwanken nicht zu übersehen. Der Kellner brachte bereits eine neue Flasche. „Meinen Sie nicht, dass er genug hat?“ Möhler nickte bejahend und trank einen großen Schluck aus seinem Glas. „Natürlich, man sieht es. Er kann schon gar nicht mehr geradeaus gucken, und er wird morgen sicher mit einem Mordskater aufwachen. Furchtbar. Er übertreibt.“ Und er setzte das Bierglas wieder an. Ich runzelte die Stirn. „Und das lässt Sie völlig kalt? Er wird ja kaum noch heil nach Hause kommen. Das ist doch unvernünftig, und Sie unternehmen nichts dagegen. Man muss doch auf seine Mitmenschen mal ein Auge haben!“ Kurtti hatte inzwischen die Flasche mit wenigen Zügen in sich hineingegossen; jetzt rief er erneut nach dem Kellner, der auch sofort frisches Bier herantrug. „Warum sollte ich hier einschreiten“, fragte Möhler erstaunt. „Es ist töricht, was er da tut, aber Kurtti ist ein erwachsener Mann. Habe ich das Recht, ihm irgendwelche Anweisungen zu geben? Bin ich etwa ein besserer Mensch, wenn ich ihm die Bierflasche wegnehme und ihn ins nächste Taxi nach Hause setze? Würden Sie das tun?“ „Ich weiß nicht“, zögerte ich. „Würde man mich dafür schräg anschauen?“ Er lächelte etwas gequält. „Die Leute würden sagen: er ist noch dümmer als Kurtti.“

Wir steigen die Treppe hinauf, die Hitze brüllte uns entgegen. „Sie müssen mir das aber erklären“, beharrte ich. „Es gibt doch in diesem Land eine durchaus vernünftige Regierung, die sich für die Bürger einsetzt und sie unterstützt. Man rühmt an diesem Land den großen Gemeinsinn, man sagt, hier sei der Bürger wirklich zufrieden und wolle diesen Staat unterstützen.“ Möhler nickte. „Aber es gibt einen Unterschied. Wir haben eine wirklich liberale Regierung, die ein wirklich liberales Volk versteht. Schauen Sie sich den Affentanz an. Globalisierung und Wirtschaftskrise und Verschuldung – jeder ist nur noch mit sich selbst beschäftigt und wird auf Erfolg gedrillt. Sport! Fitness! Jugendlichkeit!“ Ich winkte ab. „Das hält man doch auf Dauer gar nicht durch, und es ist ein Wahn, wenn Sie glauben, dass eine ganze Nation plötzlich gesund und gestählt ist und schön und attraktiv und jung bis ans Grab.“

Grasgrün sah Hrukki aus, und doch sog er tapfer an seiner schweren Zigarre. „Warum macht er das“, fragte ich Möhler. „Weil ich es kann“, murmelte der Raucher und brach plötzlich in Husten und Prusten aus. „Da sehen Sie es“, rief ich, „er schädigt sich nur selbst!“ „Richtig“, erwiderte Möhler kalt. „Nur sich selbst. Kein anderer wird davon betroffen.“ Wir gingen langsam von der Parkbank weg. „Sie haben das immer noch nicht begriffen. In diesem Land können es die Menschen – in Ihrem nicht, mein Lieber. Da werden Sie nicht gefragt, sondern bevormundet und gegängelt und reguliert. Sie sollen nur funktionieren.“ „Während sonst alles andere dereguliert wird?“ „Das ist es ja. Es muss in Ihrem Leben reguliert, begradigt, genormt werden, damit nichts aus der Reihe tanzt. Bloß keine Sonderwünsche, das kostet Geld!“ Er hatte seine Geldbörse gezückt und suchte eine kleine Münze. „Um die Märkte deregulieren zu können, um der kapitalistischen Wirtschaft auf Gedeih und Verderb die Menschen zum Fraß vorzuwerfen, müssen sie an Drill und Beschwerlichkeiten gewöhnt werden. Jedes Verbot sollen sie abnicken, jedes noch so sinnlose Gebot nachturnen. Der Bürger zählt dabei nicht, erst recht in den Resten Ihres Sozialstaats – das ist nur noch eine Alimentierung, die den Menschen zu einer Nummer werden lässt, statt ihm die Gelegenheit zur Eigeninitiative zu geben.“ Er hatte wohl eine Münze gefunden, einen Zehner, und drehte das Geldstück bedächtig zwischen den Fingern der linken Hand. „Sie wollten ja einst ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden in Ihrer Demokratie, und jetzt schauen Sie sich an, was daraus geworden ist: ein Land der begrenzten Unmöglichkeit. Schade. Sie wollten es so, und Sie werden es auch ausbaden müssen.“

Der Mann unter der Brücke war abgerissen und unrasiert. Aus verwilderten Augen blickte er zu uns herüber. „Sehen Sie ihn?“ Möhler zupfte mich am Arm. „Wurppi war früher einmal Banker. Erst hat er die Gelder der Ostprovinz veruntreut, dann haben er uns seine Kumpane sich die Gehälter erhöht, und als es schief ging, haben sie dem Premierminister gesagt, dass sie neues Geld brauchen, um gegen die eigene Währung zu wetten. Bei Ihnen hat der Staat bereitwillig gezahlt.“ Und er warf dem Bettler mit aufreizender Langsamkeit die Münze in den Hut.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXV): Rauchverbot

9 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Instinkt und Dressur, Zivilisation und Fernsehen haben es oft nicht leicht, den Menschen zu einem zielgerichtet handelnden Wesen zu machen, und es soll doch nicht verschwiegen werden, was man sich bisweilen nur hinter vorgehaltener Hand zuraunt: er neigt mitunter zur Vernunft. Zwar sind diese Phasen oberflächlich und lückenhaft, jedoch vergehen sie dafür auch schnell wieder. Lass den freilaufenden Bürger etwas Unsinniges erledigen, Fußball, den Besuch im Heimwerkermarkt oder einen Parteitag der FDP, er reguliert sich selbst auf Nullniveau. Es ist alles ganz einfach.

Aber wehe, die Mischpoke aus Besserwissern und Ramschjuristen mit gluteal eingewachsenem Parlamentssessel pfriemelt sich aus Unverstand und Populismus etwas zurecht, was bei einer einfach strukturierten Klientel als Vernunft durchgehen soll. Gewalt, sie erklären uns die Welt neu, und das auch noch so, wie sie es verstanden haben, nämlich gar nicht – das in der Verwaltung verklappte Prekariat mit Promotion ohne Portefeuille biegt sich die Welt mit der argumentativen Brechstange in Form und turnt dem Stimmvieh verantwortungsvolles Tun vor, während die Weichstapler nur ihr hirnweiches Gebrökel in die Menge kippen, die brav schluckt, weil sie es nie anders gelernt hat. Ökosteuer, Mülltrennung, Dosenpfand – alles, was grün, was gesund, was supi klimaneutral, allein dies Wort!, oder sonst wie prima gesund ist, wird in den Korb gekippt und auf Kredit gekauft. Wozu auch immer.

Die neue Nichtraucherschutzhysterie, denn das ist sie, zeigt trefflich, wie die Radikalisierung schon programmgerecht schnurrt: vorgekautes Volk plärrt Hurraparolen, denn die vielen Passivnichtraucher werden jetzt auch da geschützt, wo sie überhaupt nie wären, in Raucherkneipen oder Örtlichkeiten, in denen die Konsumenten sich Fluppen in die Lunge stopfen, unbemerkt vom Sauerstoffverbrauch der anderen, die auf Jaul- und Hauenseuche sind. Das alte Muster, wo der Untertan auf seiner Kriechspur das Glück findet, es zieht auch hier: weil ich nicht will, dürfen die anderen auch nicht. Gewiss, es ist töricht, Tabak zu rauchen, wie es auch ein Vorrecht der Bekloppten sein mag, aufgemotzte Kfz im Kreis herumrödeln zu lassen und sich diese Veranstaltung für Publikum mit IQ-Optimierungsbedarf von den Rängen eines Asphaltstadions reinzuziehen – dass weder Bonobos noch Bartmeisen sich derlei Unsinn in die To-do-Liste packen, spricht für ihre Priorität gegenüber plattfüßigen Stadtbewohnern in Plaste und Kleinkaro. Aber unter dem Deckmantel des allgemeinen Schutzbedürfnisses dem Nikotinjunkie zu verbieten, unter Ausschluss passiv rauchender Opponenten Zigarettenrauch zu inhalieren, ist das Gegenteil von Autonomie: Zwang wider besseres Wissen und jegliche Ansätze von Vernunft.

Die Dompteure hätten sicher noch jede Menge zu tun, um den Eseln zu bedeuten, dass sie von ihresgleichen regiert werden. Was lägen da für Felder weit und offen – den Bescheuerten, die ohne Schnaps und Bier nicht leben können, in die Birne hämmern, dass sie vom Ethanol matschig werden, im enthemmten Status widerliche Straftaten und unmoralisches Zeug begehen und als Schafe in der treuen Herde nicht mehr taugen, vorausgesetzt, dass nicht gleichzeitig die Arbeitsplätze von Brauereien, Weingütern und Brennereien eine Rolle in der Diskussion spielen. Freilich könnte der im Feuer des Biodieselanbaus gehärtete Edelgutmensch auch dem Fleischgenuss den Kampf ansagen, ist es doch die politisch unkorrekte Gasbefüllung des Darms, die das Wegklappen der Regenwälder für billige Steaks so pfui macht – freilich nur im alten Europa, die US of A dürfen weiter mit Gehacktem die Schleimhaut auspolstern, da sie offensichtlich auf einem anderen Planeten vegetieren. Nein, sie haben nichts Besseres zu tun, als Ernährungsampeln auf Fertigfutterpackungen zu schwiemeln, damit man übersalzene, vor Zucker quietschende Analogkäse-mit-Froschnasenhaar-Farbstoff-Knabbersnacks, die pro Häppchen das Ekeläquivalent einer elfstöckigen Marshmallowtorte transportieren, als angemessen fetthaltig unter die Fresserschar schleudern kann, auf dass die Beknackten keine Probleme haben, dermaleinst rein massemäßig den Rest der Nation von der Erdscheibe zu schubsen. Es wäre so leicht, es ist so leicht, und genau deshalb wird es so sein.

Dabei ist der Versuch der Zwangsbeglücker, das Gute auch als das Wahre erscheinen zu lassen, an Untauglichkeit nicht zu überbieten. Sie reden uns ein, dass in Acht und Bann geschlagene Raucher, denen man notfalls mit jeder Menge Kohle die Volksgesundheit einpustet, der Allgemeinheit die Bilanz verhageln, wo doch Grundschulmathematik ausreicht, um zu beweisen, dass Raucher so eklatant viel früher sterben, dass die Krankenversicherungen sich an ihnen gesundstoßen – würde man Kippen wie einst als Lifestylegenuss propagieren und mit der elenden Bevormundung aufhören, wir hätten ein Heer von Rauchern, die durch sozialverträgliches Verglimmen im großen Aschenbecher des Daseins die Boni der Versicherungsaktionäre durch die Decke krachen ließen, denn darauf kommt es ja an; wer das Märchen mit dem Versichertenschutz glaubt, wird sicher auch die Story mit dem Mann im roten Mantel und den Rentieren nicht ganz aus der Luft gegriffen finden. Die Argumentation der Lobbyisten ist ähnlich an den Zähnen schmerzend wie die Begleitmusik zum Glühlampenverbot, das simultan den Umwelt-GAU installierte. Es geht nicht um Vernunft, es geht darum, dass ein paar korrupte Drecksäcke ein dünnes Mäntelchen über ihre Raffgier zumpeln können.

Demnächst werden sie die Dicken auf der Straße verprügeln und ihnen die Arztkosten dafür in Rechnung stellen, damit der Laden wieder brummt. Sie werden den Grad der Hirnverdübelung langsam immer weiter vorantreiben und mit geschickt lanciertem Dünnsinn die Ausleierung der Grenzen testen. Jüngst warnen Ärzte vor dem Gebrauch von Vuvuzelas, die wegen ihres Dauerkontaktes mit bieriger Lungenabluft als Keimschleudern zu gelten hätten und, hier droht unmittelbar Weltuntergang, bei Dauergebrauch den Asthmatikern gefährlich werden können. Ob der Freistaat Bayern auch seine Blaskapellen als kriminelle Vereinigungen vor die Kassenärztliche Vereinigung als Schnellgericht zu zerren versucht, ist noch nicht entschieden. Die Zeit der letzten Posaune könnte aber bald anbrechen.

Denn letztlich gilt es nur der Konditionierung. Er soll nicht mehr rauchen, der Bescheuerte, nicht trinken, kein Fleisch essen. Er soll auf alles verzichten, damit er von dem bisschen Kohle, das er überhaupt hat, die nächste Gesundheitsreform bezahlen. Wenn er sein gesundes Leben bis dahin überhaupt ausgehalten hat.