Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIX): Das Paradoxon des Glücks

8 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Man sagt, es gebe überhaupt nur eine ehrliche Form von Bewunderung: Neid. Er war stets und ist noch die große Triebfeder, die den Hominiden mit immerhin tatkräftiger Aggression ertüchtigt, ein besseres Dasein anzustreben, Güter zu mehren, nicht eher zu ruhen, als die Übererfüllung des Plans es zuließe, um wiederum den Nachbarn, dem er nie das Schwarze unter den Fingernägeln gegönnt hat, vor Eifersucht in die Nähe einer Hirnembolie zu befördern. Das vom jeweiligen Sozialgefüge auf die eigene Person projizierte Prestige kommt fallweise noch dazu, bisweilen auch die Einbildung, es gäbe dieses Sozialgefüge überhaupt, kurz: einen Großteil der negativen Energie kanalisiert der gemeine Depp mit der unablässigen Tätigkeit, seine Nächsten aus reiner Bosheit auszustechen und sich selbst in den Vordergrund zu drängen, vollkommen gleichgültig, warum. Doch ist dieser Wohlstandsdrang je einmal ins Gegenteil umgeschlagen? Und funktioniert er in allen Fällen produktiv, wie es die Theorie fordert? Die Antwort ergibt sich aus der Frage.

Nicht jeder Wohlstand, sei er rein materiell als Vermögen oder fahrendes Gut greifbar, als Macht und Titel, Geltung oder Einfluss, macht auch so glücklich, wie es den Anschein hat; ab einer gewissen Stufe nivelliert sich das Seelenheil, es lässt sich nicht linear steigern wie der Umsatz eines Geschäfts, ja nicht einmal willentlich überdosieren. Bis zu einer gewissen Steigerung ist man glücklich, danach unglücklich, dass man nicht glücklicher wird. Noch sind die irdischen Ziele nicht gänzlich ausgeschöpft, der Fünft-SUV vor dem Dritthaus könnte noch immer mehr PS haben, die zehnte Zweitfrau einen teureren Drittpelz tragen oder besser zum Viertpelz der Drittfrau passen, aber es vermag die Liebe nicht zu vermehren, schon gar nicht die Zuneigung zu sich selbst.

Statt die Integration in die nächsthöhere Schicht anzustreben, weil man noch immer an das Märchen von der uneingeschränkten sozialen Mobilität durch hinreichenden Fleiß glaubt, beginnt der Depp sich nun weiter nach unten abzugrenzen und alles, was seine bisherige Situation ausgemacht hatte, mit System schlecht zu reden. Jeglicher Wohlstand, das Zufriedenheitsgefühl des Arrivierten zählt nun nicht mehr, weil die leise Ahnung dräut, dass es oben auf dem Berg irgendwann eng werden könnte, wenn es dort noch mehr Menschen mit nicht zu steigerndem Wohlsein geben sollte. Vor allem beginnt hier das Paradoxon zu wirken, die anderen, die nicht unter ähnlichen Bedingungen und möglicherweise mit mehr Anstrengung dasselbe Glück erlangt hätten, seien nicht durch Gerechtigkeit in diesen Zustand gelangt, sondern eben – durch Glück. Wer in einer kapitalistischen Weltordnung lebt, sollte nicht ganz ausblenden, dass rastlose Arbeit durchaus großen Reichtum erzeugt, allerdings nicht bei dem, der arbeitet. Besitz entsteht durch wenige, kurze Akte der Akkumulation, nicht selten durch den Vorteil, zur richtigen Zeit versterbende Verwandte in der Familie vorzufinden.

Nichts erklärt trefflicher, warum sich die Klötenkönige trotz einer stabilen wirtschaftlichen Lage sich nicht nach einer gesellschaftlichen und politischen Festigung sehnen, sondern Bürgerkrieg und Rassismus als Formen des selbstzerstörerischen Hasses zu einem Abwehrmodell gegen die eigene Lebenswelt schwiemeln. Wer mindestens seinen Zweit-SUV vor dem teilfinanzierten Einzelhaus in den autark zusammengezimmerten Carport stellen kann, der regt sich nicht über die Fettkarre vor der Nachbarwohnung auf; er schmeißt Brandsätze, weil er seine Weihnachtsreifen in der entchristlichten Abendlandswelt als Winterreifen kaufen muss. Es geht ihnen viel zu gut. Wohlstandsverwahrloste Waschweiber jammerlappen sich das bisschen Gemächt wund, weil sie langsam begreifen, dass die hedonistische Tretmühle sie um jede Steigerung ins Unermessliche zuverlässig bescheißt: es gibt keinen Weihnachtsmann, nicht jeder gewinnt in der Lotterie, wir werden alle sterben. Während der spätkapitalistische Hohlpflock noch weinend vor Wut tritt und tritt, sieht er die Unbilligkeit des Daseins, wie sie ihm in den dünnen Bart spuckt: der Bürgerkriegsflüchtling ist angstfrei, Erwerbslose schlafen unter der Woche aus, ein Aussteiger steigt einfach aus und ist nicht einmal mehr auf den Erst-SUV irgendeiner Knalltüte in Führungsposition neidisch. Hass!

Mit der Stillung grundlegender Bedürfnisse, die in der jeweiligen Situation auch als solche erkannt werden, lässt sich Wonne nicht mehr vermehren. In dieser existenziellen Erschütterung beenden viele ihre bürgerliche Existenz, meist durch Marschieren in die falsche Richtung, indem sie die alles umgebende Gesellschaft zu Klump hauen. Gut, auch so lassen sich in der Nähe zum Nullpunkt wieder ausgeglichene Verhältnisse herstellen. Am konsequentesten wäre es, diesen arg zweifelhaften Rotationsellipsoiden noch vor dem Durchschlagen der Klimakatastrophe kerntechnisch zu verseuchen. Keiner erbt mehr, ohne etwas dafür getan zu haben. Und seien wir ehrlich, wem würden das peinliche Selbstmitleid dieser Unglückspilze fehlen?





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXI): Moralische Panik

5 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war es vermutlich ein Zwerg mit roten Haaren. Lederjacken kamen später, Pilzköpfe erst danach. Vielleicht war der eine oder andere Typ schon seltsam dunkel, man kann ja nie wissen. Aber die moralische Panik suppte erst dann über die Gesellschaft, als die sich schon für aufgeklärt hielt.

Es ist so einfach. Wer sich selbst nicht sofort als Beleidigung für den Durchschnitt begreift, sucht sich eine möglichst artfremde Eigenschaft wie Schmalztolle, Hautfarbe oder Migrationsstatus, erklärt sie zum quasi-heterogenen Gruppenmerkmal und bezeichnet sie als bedrohlich – so bedrohlich, dass man ihr unterstellen kann, die moralische Ordnung einer ganzen Zivilisation untergraben zu wollen. Im guten Fall entwickelt sich eine hübsche Raserei, die nach einzwei Anschlägen in dumpfes Brüten abkippt, aber keine Hysterie, die weite Teile der Bevölkerung energetisch überfordert. Nur die soziale Kontrolle soll verstärkt werden, und zwar mit einer pfeifenden Rückkoppelung auf negative Werte, damit alles wieder so wird, wie es nie war.

Die Zutaten sind bereitet für eine überwältigend niveaulose Inszenierung, die die Medien für den Mistgabelmob erledigen. Was objektiv auch beim schlechtesten Willen niemals bedrohlich ist und nichts sozial verschiebt, etwa langhaarige Burschen oder Erwerbslose, gerät in den Hallraum einer auf Moral montierten Maschine, die Lärm erzeugt, um ihn gewinnträchtig zu verkloppen. Alle sind sie dran, Verbrecher aus verlorener Ehre, Personen, die andere Drogen konsumieren als die Oberschicht, schließlich: der Fremde. Die Mechanik vergrößert, vergröbert und verzerrt, verkauft ihr eigenes Drama und schwiemelt aus vorhandenen Versatzstücken die Lüge zurecht, die zum konsistenten Weltbild gestapelt wird, gut verlastbar, ein Mitnahmeprodukt für den Einzelhandel. Was der Apparat auskotzt, bewirbt er mit der eigenen Schallentfaltung: zur Absatzsteigerung entwerfen Ressentimentsorgane dystopische Zustände aus der Fertigbackmischung. Sie prognostizieren den Weltuntergang, wenn nicht gar Steuererhöhungen oder die Eroberung der westlichen Welt durch böse Neger, wenn es in Bad Gnirbtzschen drei Einbrüche pro Jahr gibt. Die Stützen der Gesellschaft hängen sittlich gestärkt über dem elektrifizierten Gartenzaun, Waschweiber der eigenen Totenhemden, aber untenrum.

Was da knirscht, muss zwanghaft kultiviert sein, also entwerfen die Fachblätter für soziale Exklusion eine esoterisch anmutende Symbolik. Was früher bösartige Kutten waren und die spitzen Schuhe des Satans, ist uns heute die direkt im Höllenfeuer geschmiedete Burka, Abzeichen des Butzemanns höchstselbst, das in Europa so gut wie nie gesichtet wurde, nur an der weiblichen Begleitung saudischer Geschäftsfreude, die ihre Waffendeals gerne selbst durchziehen. Wie jede Allegorie lebt auch dieses hastig zusammengezimmerte Hassfigurenkabinett von der Verkürzung und gleichzeitiger Ignoranz ihr gegenüber. Nur zu gerne greift der stinkende Sumpf aus Politik und besorgten Bürgern die Zutaten für eine Schockstarre auf und schnitzt sich daraus eine repressive Grundhaltung, alles, jeden anprangernd, um nach Belieben eine Hexenjagd improvisieren zu können. Natürlich spielt die Schuldumkehr dabei eine herausragende Rolle. Wie auch sonst sollte der brave Bürger den Bimbos Brandsätze in die Bude schmeißen, wenn diese durch marktkonformes Verhungern in ihrer rohstoffreichen Heimat diese eklatante Störung des öffentlichen Friedens hätten verhindern können.

Die Getöseproduzenten suchen sich sorgfältig aus, worüber sie berichten, bestimmen Wortwahl, Inszenierung, Bilder, dramatische Strukturen und Themenmanagement. Damit machen sie sich zum Anwalt der öffentlich-rechten Sache; welches Schmierblatt fragt nicht in akkurat einstudiertem Affekt, ob das Volk neben Einwanderern leben will, weil denen ja bekanntlich alles zuzutrauen ist. Die schrille Abwärtsspirale aus Schuldzuschreibung und Tollwut beißt sich in den eigenen Arsch, dreht sich immer schneller und verliert irgendwann die selbst postulierte Mitte. Mit tödlicher Sicherheit kommt es unter klammheimlicher Freude zu den gewünschten Gewaltausbrüchen, aber daran ist das Opfer schuld. Besorgte Bürger speicheln sich selbst ein Feindbild zurecht, grenzen sich im Krampf von allem ab, was ihnen symbolisch nicht entspricht oder entsprechen sollte, und wissen: wir sind anders. Mit letzter Kraft hat sich der Bourgeois in die Ecke gemalt, er steht mit dem Rücken zur Wand. Endlich sicher!

Natürlich erkennt der objektive Beobachter die ans Lächerliche grenzende Disproportionalität, die zwischen Lederjacke oder Kopftuch und dem Fortbestand des Rechtsstaates herrscht. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn jemand endlich mal den Mut zur Wahrheit hat. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen oder, weil anständige Leute diese Worte nicht in den Mund nehmen dürfen, lesen wollen. Wo wären wir achtbaren Leute nur ohne einen Täter-Opfer-Ausgleich.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CI): Frauenquoten

22 04 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution ließ in ihrer unendlichen Güte zwei Geschlechter entstehen, eines, das im Schweiße seines Angesichts aus versägter Buche (furniert) und Buntmetallbolzen Schuhschränke aus Fertigbausätzen klöppelt, und eines, das diese Schuhschränke in Lichtgeschwindigkeit mit Pumps, Sandalen und Stiefeletten in siebenunddreißig Schwarztönen anfüllt. Trotz mancher Hindernisse hat sich die Errungenschaft der Gleichstellung in den meisten Gesellschaften bestens bewährt: Männer können unfallfrei stricken, Frauen als Kanzlerin vollkommen diskriminierungsfrei ganze Volkswirtschaften in die Grütze reiten. Um aber einer Gesellschaft auch gründlich zu verordnen, was sie wollen soll, braucht es Paragrafenpeitsche und Aufsichtshuberei, sonst wäre alles zu einfach und die Beknackten könnten, horribile dictu, so sinnerfüllt wie effektiv und glücklich leben. Damit aber auf diesem beschissenen Rotationsellipsoiden noch der letzte Trottel seine Existenz als zwecklose Irrfahrt zwischen Steuererklärung und Frühableben begreift, versaut es ihm der Staat gleich gründlich. Gute Dienste leistet da eine Frauenquote.

Die Idee ist so einfach wie hirnrissig; da um und bei die Hälfte des künftigen Personals mit zwei X-Chromosomen aufs Spielfeld kommt, müssen wir überall, wo es gesellschaftliche Verantwortung, sprich: sozialversicherungspflichtige Arbeit gibt, auch den Einzug der Frau ins Erwerbsleben fördern, bis das andere gewünschte Ziel der konservativen Sozialschrauberei, die artgerechte Haltung des Weibchens in der Küche, sich nicht mehr verkaufen lässt. Da aber die Wirtschaft sich selten dem Primat der Politik beugt, noch seltener der praktischen Vernunft, gibt sie vornehmlich aus Gründen der bürgerlichen Selbstvergewisserung eine Regel zur Antidiskriminierung heraus. Fünfzig Prozent der Fliesenleger, Fotografen und Flachglasmechaniker sollen fortan feminin sein, sonst macht das Leben keinen Spaß mehr.

Natürlich ist die politische Führung in dieser existenziellen Frage unbeugsam wie Margarine, beschließt eine Verhaltensmaßregel nach der anderen und pocht auf flexibler Einhaltung nach Lust und Laune, denn man muss dem Kaiser geben, was des Kaisers ist – der gerade noch leicht zu begreifende Schluss, eine Hälfte der Gesellschaft auch zu einer Hälfte in einer quotierten Arbeitswelt zu machen, wird von berufenen Begriffsjongleuren subito wieder rückgeführt, da für eine gefühlte Hälfte dreißig bis vierzig Prozent ausreichen. Wer die Komplettverdeppung mit den Bordmitteln der Schulmathematik begegnet, lernt den Häkelkreis der Argumentierunwilligen kennen. Sind denn nicht höchstens dreißig Prozent der Absolventen in Fach- und sonstigen Hauptschulen weiblich? Entscheiden nicht bereits viele Frauen sich eher für die Mutter- als für die Handwerksrolle? Wäre nicht das sozial skalierende Fifty-Fifty wettbewerbsverzerrend und damit ein Angriff auf die Gleichbehandlung? Oder anders gefragt: meinen die blöden Schlampen etwa, sie hätten mehr verdient als die traditionelle Rolle knapp oberhalb von Haustieren?

Damit die derart defizitäre Denke nun aber nicht sofort zum Untergang des Abendlandes führt – wir erwarten ihn, sobald sich Männer das Bier selbst aus dem Kühlschrank holen müssen – schnitzt die Politik ihre Regelung aus supi flexi Schmierkäse. Stufenweise steigert sich die Anforderung an die Unternehmen, die sich verpflichten, die Auflagen auf freiwilliger Basis umzusetzen, also mal mehr oder weniger zur Kenntnis zu nehmen, in Sonntags- und Wahlkampfreden durchzukauen und sie ansonsten zu ignorieren. Auf der ersten Stufe wollen wir, auf der zweiten wollen wir ganz dolle, vor dem Einsetzen der dritten Stufe wird uns die akute Hirnschmelze an der Realitätswahrnehmung retten. Es ist nichts passiert, aber wir bekennen uns vollinhaltlich unschuldig. Das im Arbeitsmarkt und aus anderen Weiterungen der Strafverfolgung erprobte Anreizsystem, hier scheint es wohl nicht zu funktionieren; besser, man schwiemelt sich mit der Milchmädchenrechnung auch gleich den Grund fürs Versagen zurecht.

Natürlich wird sich alles irgendwann von selbst einpegeln, wie die Vorbeter der Marktwirtschaft in endlosem Geleier den Bekloppten weiszumachen versuchen – staatliche Eingriffe sind ja nur da nötig, wo sich der Markt wieder einmal verzockt hat – und die bereits im Ansatz marode Quotenregelung dient nur als Anschubfinanzierung zum Ausverkauf. Dass bereits Demokratieprinzipien erster Ordnung verletzt werden, weil nicht mehr die geschlechtsneutrale Wahl der am besten geeigneten Person zum Abschluss eines Arbeitsvertrags führt, sondern Erfüllung planwirtschaftlicher Vorsätze, das ist nicht allein ein Eingriff ins Eigentumsrecht und Teil einer staatlichen Entmündigungsstrategie, wie sie gegenüber anderen Randgruppen auch rücksichtslos gefahren wird, das ist Verstoß gegen die Einsicht, wo ein Kalkül nur theoretisch aufgeht, aber nicht in der gesellschaftlichen Realität, sonst wären aus Imagegründen längst alle prominenten Kabinettsposten mit lesbischen, schwarzen Behinderten besetzt.

Endgültig paranoid und zugleich verräterisch wird die Versuchsanordnung, wo eine affirmative Aktion jenseits aller Qualifikationen die Anzahl der Vorstands- und Managementposten mit weiblicher Besetzung vorgibt. Nicht hehrer Glaube an die Gleichheit des Weibes treibt uns Lemminge zum Nachfaseln der Balancebotschaft, zum Betonieren kapitalistischer Wachstums- und neoliberaler Leistungsträgerstrukturen zwingt man Frauen in ein System, von und für Arschlöcher entworfen, um die Gesellschaft gleichmäßig unter Kontrolle zu bekommen. Männerfantasien der Marktwirtschaft, in denen die Drohne sich früher oder später dem Herzinfarkt opfern darf, wenn sie bis dahin die Absatzzahlen fleißig nach oben gehämmert hat. Den Krampf im Kopf als Segnung zu empfinden, das schafft anscheinend nur der neokonservative Gewaltkapitalismus, dessen Überwindung früher oder später in die Abschaffung der Gesellschaft führen soll, wie uns schon jetzt wegen mangelnder Dauerbeschäftigung von der Industrie täglich ins Außenohr gejodelt wird. Wir werden es mitmachen. Wir erleben positive Diskriminierung, bis wir zum Schluss ein Problem mit zu wenig Männern haben sollten. Mal sehen, wer es dann regeln wird. Bestimmt die Quotenfrau.





Rien ne va plus

15 03 2011

„… hatte das Landgericht Köln entschieden, dass die Empfänger von Hartz-IV-Leistungen keine Lottoscheine mehr kaufen dürften, da sie vor Glücksspielen geschützt werden müssten und…“

„… forderte von der Leyen den Stopp der ALG-II-Auszahlung, bis der Anteil an Glücksspielen aus dem Regelsatz herausgerechnet sei. Man könne, so die Arbeitsministerin, wenn man auch an die Kinder denke, keinem Arbeitslosen, wenn man an die Kinder denke, an die Kinder denke, an Kinder, Kinder, Kinder, Kinder…“

„… verwahrte sich Seehofer gegen Vorwürfe, die Hartz-IV-Empfänger respektlos zu behandeln. Respekt müsse man sich erarbeiten, woran das faule Pack aber natürlich wegen seiner kommunistischen Gesinnung nicht einmal im Traum…“

„… in der Pressemitteilung richtigstellte, es gehe primär gar nicht um Hartz-IV-Empfänger, sondern gemäß §8 Abs. 2 Glücksspielstaatsvertrag um Personen, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen oder Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen oder Vermögen stehen, beispielsweise Aufstocker, Hartz-IV-Empfänger oder…“

„… wurden erste Proteste laut, man könne den Bürgern schließlich nicht nachweisen, dass sie Leistungen nach SGB II erhielten. Das Präsidium der CDU urteilte einmütig, man müsse beim Verdacht, dass jemand verdächtig sei, verdächtig zu sein, immer davon ausgehen, er könne, da er ja zweifelsohne schuldig ist, auch…“

„…betonte Schäuble nochmals, dass Lottospiel kein anerkannter Beruf sei, weshalb sich die Minderleister zusätzlich noch der Schwarzarbeit strafbar machten, wenn sie ohne Genehmigung…“

„… kündigte Schwesig erbitterten Widerstand gegen eine neuerliche Kürzung der Bezüge an, da bereits der letzte Kompromiss vollkommen an den Bedürfnissen der Menschen in diesem Land…“

„… ob man Arbeitslose im juristischen Sinne überhaupt noch als geschäftsfähig betrachten müsse, schließlich seien sie für den Markt ohnehin vollkommen nutzlose…“

„… denen die Unbedenklichkeitserklärung der ARGE ausgestellt werden muss: wer hinfort an Lotto, Toto oder Rennquintett teilnehmen will, braucht das Schreiben der Behörde, die meist schon innerhalb weniger Monate…“

„… ist es nach der neuen Gesetzeslage natürlich nicht einfach damit getan, auch den Bankern die Lotterie mit Euro und faulen Finanzprodukten zu verbieten, da sie für einen Ausfall nicht selbst haften und daher als schuldlos zu…“

„… die Wogen zu glätten versuchte. Anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung über das Kölner Abwassersystem sagte Wulff, dass Hartz IV zu Deutschland gehöre, sei eine Tatsache, die sich historisch…“

„… für Empörung, dass die Stadt Köln ihre Finanzen aufzubessern versuchte, indem sie Hartz-IV-Empfänger dazu überredete, in Sportwetten zu investieren. Dutzendweise verhängte die Justiz das Ordnungsgeld in Höhe von 250.000 Euro, so dass neben der Restaurierung des Stadtarchivs…“

„… im Zuge der Verfassungsänderungen dieser Legislatur den Artikel 1 Grundgesetz anzupassen: ‚Die Würde des sozialversicherungspflichtig beschäftigten deutschen Staatsbürgers ist…‘“

„… bezeichnete Schwesig es als Hohn, auf dem Rücken der sozial Benachteiligten eine weitere Verschärfung zu beschließen, ohne die SPD…“

„… eben nicht jedem, wie FDP-Generalsekretär Lindner betonte: die freie Marktwirtschaft heiße so, weil sie eine Marktwirtschaft für Freie sei, sonst hieße sie ja parasitäre…“

„… klärte das Gericht, dass der für Leistungen nach SGB II zusammengestellte Warenkorb bindend sei – entsprechend stelle der Erwerb von Tabakwaren durch Grundsicherungsempfänger nun wenigstens eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit Leistungskürzungen…“

„… konnte sich von der Leyen durchaus vorstellen, die zu erwartenden Gewinne in den Sozialhaushalt zu überführen. Zugrunde gelegt, dass alle Arbeitslosen täglich an allen verfügbaren Lotterien teilnähmen, um ihrer gesetzlichen Mitwirkungspflicht nachzukommen, ergäbe sich bereits ohne Gewinn eine Summe von monatlich 5.850 Euro, die jeder Hartz-IV-Empfänger auch durch Pfändung zurückzuzahlen…“

„… da aus dem Hartz-IV-Regelsatz schon der Alkohol gestrichen wurde, was faktisch einer Gleichsetzung mit Muslimen gleichkomme. Schon zum Bürokratieabbau sei es dringend geboten, beide Bevölkerungsgruppen mit einheitlich diskriminierendem Verhalten zu…“

„… auf den Kölner Amtsrichter Alfons U. (56) zurückfiel, der seiner wegen einer chronischen Erkrankung arbeitslosen Tochter ein Rubbellos zum Geburtstag schenkte und nun wegen Anstiftung zum Sozialhilfemissbrauch von der Boulevardpresse zur Höchststrafe verurteilt…“

„… Zustimmung fand, dass von der Leyen für die Hartz-IV-Lotterie ausschließlich Ein-Euro-Jobs und Bildungsgutscheine in Aussicht stellte, da nach Ansicht der Sozialexperten Diekmann und Sarrazin Arbeitsscheue mit Bargeld gar nicht umgehen…“

„… gab das Innenministerium bekannt, die Datenbank, die alle spielberechtigten Bürger ausweise, sei leicht aus den bei der Volkszählung erhobenen Auskünften zu erstellen, so dass bereits die obligate Ausweiskontrolle beim Betreten eines Ladenlokals neben Vorstrafen, Religion und Nationalität den Status der Transferleistungen…“

„… wenngleich Schwesig dagegen votierte, da ihr die Einschnitte noch nicht weit genug gingen und erhebliche Einsparpotenziale in die…“

„… weshalb Westerwelle eine dem Judenstern nachempfundene Markierung empört ablehnte. Der Vorsitzende der NSDAP-Nachfolgeorganisation bezeichnete einheitliche Aufnäher für Arbeitslose als puren Sozialismus. Er als FDP könne nicht…“

„… wies ein Sprecher des Gerichts darauf hin, es stehe den Empfängern von Transferleistungen selbstverständlich frei, Wetten im Internet zu…“





Im Raster

10 03 2011

„Das weiß natürlich alles unsere Maschine“, verkündete Krook. „Und wir stellen durch die komplette Anonymisierung auch sicher, dass die Daten nicht in rechtswidriger Weise verwendet werden dürfen. Diese Sache wird viel besser als ihr Ruf.“ Er streichelte über die Rechenanlage. Hier also sollte die Volkszählung ihre Daten abladen.

„Das ist selbstverständlich alles vollkommen harmlos“, beruhigte er mich. „Wenn Sie jetzt beispielsweise herausfinden wollen, ob in Deutschland Buddhisten in Wohnungen mit mehr oder weniger als dreieinhalb Zimmern wohnen oder ob sie Kinder haben, dann lässt sich das ganz schnell errechnen. Vollkommen sicher natürlich.“ „Mal angenommen“, fragte ich, „Sie würden auf den Gedanken kommen, Sie würden sich dafür interessieren, ob diese Buddhisten ausreichend verdienten, um sich fünf Zimmer zu leisten, aber trotzdem in weniger als dreieinhalb wohnten, das wäre möglich?“ „Keine Frage“, erwiderte Krook mit stolzgeschwellter Brust. „Für unsere Datenbank sind doch solche Abfragen ein Kinderspiel! Und wir können mit ein wenig Interpolation…“ „Sie meinen, Sie frisieren die Daten?“ „Keinesfalls, wir ziehen nur Rückschlüsse. Wenn Sie beispielsweise in mehr als fünf Zimmern wohnen oder in einem Reihenhaus, dann befindet sich diese Wohnung in einem anderen Wohngebiet als… was war Ihre Frage?“ Ich winkte ab. „Ach, nichts.“

Krook tippte in seiner Suchmaske herum. „Sie haben hier ein sehr effektives, gut dokumentiertes System. Es ist so gut wie kein Fehler mehr möglich, weil wir alles noch korrigieren können.“ „Wie machen Sie das?“ „Schauen Sie hier: die Daten zu Ihrer Person sind verknüpft durch eine Kennziffer. Sollten Sie sich beispielweise geirrt haben oder stellen wir fest, dass Sie sich geirrt haben sollten…“ „Geirrt? Wobei? Und wie stellen Sie das fest?“ Er fühlte sich offensichtlich ertappt und nestelte aufgeregt an seiner Brille. „Sie haben im Fragebogen angegeben, dass Sie kein Buddhist sind, aber wir finden heraus, dass…“ „Wie denn“, bohrte ich nach. „Wie finden Sie es heraus, und was nützt es Ihnen?“ „Wir fragen beispielsweise Ihren Nachbarn“, stammelte Krook. „Nachbarn wissen meistens eine ganze Menge und können den Volkszählern gut Auskunft geben.“ „Auskunft?“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Welcher Art Auskünfte hätten Sie denn gerne?“ Krook wand sich. „Sie könnten ja Buddhist sein, natürlich nur als Beispiel – genauso können Sie in der letzten Woche nicht gearbeitet haben, weil Sie Urlaub hatten, und Ihr Nachbar hielt Sie fälschlicherweise für arbeitslos, und damit können wir korrigieren…“ „Dann wäre aber die Auskunft meines Nachbarn keine zuverlässige Quelle. Warum setzen Sie dann auf denunziatorische Maßnahmen, wenn Sie doch angeblich nur harmlose Aussagen haben wollen?“ Er trommelte nervös auf dem Schreibtisch. „Das sind keine harmlosen Aussagen“, beeilte er sich, „uns ist jedes Detail wichtig!“

Ich blickte mich um. Ein kleines, staubiges Büro mit staubigen Schränken und staubigen Gardinen. Vermutlich brachten die Angestellten ihren eigenen Staub in kleinen Beuteln von zu Hause mit, verteilten ihn über dem schimmelfarbenen Teppich und sammelten abends einen Teil davon wieder ein. „Was qualifiziert Sie eigentlich für diese Aufgabe“, fragte ich ihn. „Natürlich die besten Referenzen“, sprudelte Krook hervor. „Wir haben eine Reihe erfolgreicher IT-Projekte auf den Weg gebracht, beispielsweise den elektronischen Personalausweis, den elektronischen Entgeltnachweis ELENA, de-Mail und die elektronische Gesundheitskarte. Ich stutzte. „Eins bereits gehackt, eins illegal, eins lächerlich verschlüsselt und eins im Erprobungsstadium bereits ein Rohrkrepierer.“ „Ich sagte es doch“, begehrte Krook auf. „Alles so erfolgreich und gut wie die Bundesregierung.“

Er spielte noch immer auf dem Bildschirm herum, wo er wahllos ausgedachte Daten eintippte, vervielfältigte und sortierte, umstellte und wieder löschte. „Nur mal als kleine philosophische Überlegung“, begann ich. „Sie können also den Datenbestand durchsuchen und die Stichprobe immer spezifischer gestalten?“ Krook biss an. „Natürlich, wir sind da sehr weit fortgeschritten.“ „Dann würden Sie alle Suchkriterien sowohl als Haupt- als auch für Nebenkriterien verwenden können? Beispielsweise eine kombinierte Suche, wer vor einem Jahr noch zwei Zimmer hatte und arbeitslos war?“ „Einzeln und kombiniert“, strahlte er. „Wir können alles.“ „Sie können sämtliche Buddhisten in Brandenburg suchen, dann alle in Neuruppin, und irgendwann alle Buddhisten, die in Zermützel in einer Dreieinhalbzimmerwohnung leben? Ist das richtig?“ Krook wäre vor Stolz fast geplatzt. „Und das Beste ist, wir können Ihnen auch sagen, wer innerhalb der letzten sechs Jahre wo in welcher Beziehung gelebt und gearbeitet hat. Das ist wirklich einzigartig! Schauen Sie mal hier.“ Die Landkarte auf dem Monitor hatte nur ein paar blass rote Flecken, die sich aber beim Vergrößern rasch zu einzelnen Punkten auflösten. „Das sind jetzt die einzelnen Dreizimmerwohnungen. Dann können wir das Suchraster umstellen. Berufstätig oder nicht, verheiratet, Kinder. Oder ob jemand Buddhist ist.“ Sein Lächeln hatte etwas Kindliches an sich, als begriffe er seine eigene Wirklichkeit nicht; und so stumpf er lächelte, so einfältig blickte er auf die Karte, auf lauter rote Punkte, die ein paar Dutzend Menschen zeigte, Menschen, die aus irgendwelchen Gründen einem Glauben angehörten und die Gemeinsamkeit hatten, in einer Liste zu stehen.





Christliches Abenteuerland

18 10 2010

„Das finde ich nun doch zu hart – dass jeder vorwiegend über das schwatzt, wovon er am wenigstens Ahnung hat, daran ist man ja schon halb gewöhnt, aber Merkel und das Christentum?“ „Weil sie Pastorentochter ist?“ „Nein, dann müsste sie ja etwas davon verstehen.“ „Sie ist die CDU-Vorsitzende.“ „Stimmt. Die haben davon keinen blassen Schimmer.“

„Sie müssen das mit dem christlich-jüdischen Vermächtnis aber auch historisch betrachten.“ „Die jüdischen Vermächtnisse von Roland Koch zählen auch dazu?“ „Da Koch Rassist war, ja.“ „Und das Historische?“ „Die christliche Leitkultur hatte vor allem in Deutschland großen Anteil daran, dass das Judentum sich nicht ausgebreitet hat.“ „Durch den mittelalterlichen Antijudaismus?“ „Nicht nur, der neuzeitliche war auch ganz hübsch.“ „Aber dafür hat sich der Papst doch irgendwann mal Absolution erteilt.“ „Er hat sich mit Luther verwechselt? Man soll alten Männern nicht über den Weg trauen.“

„Wenn sich die Merkel jetzt über das christliche Menschenbild auslässt, was heißt das?“ „Für das christliche Menschenbild oder für die Merkel?“ „Das christliche Menschenbild kann sich da nun mal nicht wehren.“ „Es hat sich schon genug gewehrt. Gegen Aufklärung und Demokratie zum Beispiel.“ „Aber die Merkel hat auch gesagt, dass Demokratie eben dem christlichen Menschenbild entspreche.“ „Sie meinen, ihrem christlichen Menschenbild?“ „Gibt es da mehrere?“ „Es muss eines sein, das in vorchristlichen Jahrhunderten in den griechischen Stadtstaaten schon bekannt war.“ „Aber können Sie mir das mal übersetzen: ‚Wer sich seiner Kultur selbst bewusst ist, kann auch andere überzeugen, warum es schön ist, mit unserem Grundgesetz zu leben.‘“ „Das sagt die Merkel?“ „In Berlin.“ „Ich würde sagen: ‚Entweder Du bist drin, oder Du kommt nicht rein, und wer mir nicht passt, wird als Terrorist bezeichnet.‘ Zu wem hat sie es gesagt?“ „Zur CDU auf der Regionalkonferenz.“ „Klar, dann heißt es: ‚Wer sich in dieser Partei noch sicher fühlt, kriegt einen Arschtritt, weil ich das Gesetz bin.‘ Und es ging um die Leitkultur?“ „Ja.“ „Dann könnte man es auch kürzer fassen. Aber das hätte nicht sie gesagt.“ „Nicht was gesagt?“ „‚Wer Jude ist, bestimme ich.‘“ „Und wer würde das sagen?“ „Westerwelle.“

„Wo wir gerade bei dem sind, der Vizeerzähler hat unterdessen den Utilitarismus entdeckt?“ „Er unterscheidet wertvolle Ausländer und wertlose.“ „Nehmen Sie das etwa ernst?“ „Abgesehen davon, dass ich mich frage, was er als Vorsitzender dieser Partei bringt, wenn er sie bei knapp 4,9 Prozent marginalisiert – nein.“ „Aber das ist doch gefährlich nah an der ganzen Euthanasiedebatte der Nationalsozialisten, die…“ „War das ein Hitler-Vergleich?“ „Nein, nur die Feststellung, dass er nicht besser argumentiert als Seehofer. Implizit geht es doch immer um die islamischen Kulturkreise, die zwar zu Deutschland gehören, wie der amtierende Sandmann es uns am Einheitstag in die Augen gestreut hat, die aber von der Regierung weiter für alles verantwortlich gemacht werden.“ „Sehen Sie das als ein Zeichen der funktionierenden Demokratie in Deutschland. Wir sind vollkommen unabhängig.“ „Wer, wo, wie?“ „Die Regierung vom Grundgesetz und BILD vom Bundespräsidenten.“

„Aber sich am christlichen Menschenbild zu orientieren hieße doch auch, Toleranz zu üben.“ „Man darf ja gerne tolerant sein, das stört nicht. Vor allem dann nicht, wenn Sie Ihre Toleranz auf das christliche Menschenbild konzentrieren.“ „Also das christlich-jüdische.“ „Was wollen Sie denn damit sagen?“ „Dass das Judentum ein ganz anderes Menschenbild entwirft als das Christentum.“ „Aber wo ist der Widerspruch?“ „Dass ein Jude, der das Menschenbild seiner Religion verinnerlicht, nun als fehl am Platz gilt?“ „Der ist eben Jude.“ „Und?“ „Und kein Deutscher. Sagt die Kanzlerin.“ „Hat denn die Kanzlerin etwas zum jüdisch-islamischen Weltbild geäußert?“ „Das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich denke, nein.“ „Warum nicht?“ „Rechtspopulistischer Quark an der Grenze zur Volksverhetzung fällt in Mißfelders Ressort.“

„Ich frage mich nur, was das bringen soll.“ „Die Ausgrenzung? Mit Minderheitendiskriminierung haben wir schon mal gute Erfahrungen gemacht, in den Niederlanden klappt es auch gerade so schön – da braucht man nicht einmal ein Wahlprogramm, da braucht man nur einen Sündenbock.“ „Das kippt doch auf.“ „Merken Sie denn nicht, dass Sie schon die ganze Zeit in Ihren Grundrechten beschnitten werden? Vorratsdatenspeicherung, Nacktscanner und Videoüberwachung?“ „Es ist eine Schande!“ „Genau. Das haben wir alles diesen verdammten Muslimen zu verdanken. Dafür sollen die jetzt mal so richtig büßen.“ „Das ist doch Unfug! Nicht die Islamisten haben immer wieder das Grundgesetz ausgehebelt, sondern die deutschen Innenminister und ihre Helfershelfer.“ „Das christlich-jüdische Menschenbild umfasst eben auch eine gewisse Toleranz von obrigkeitsstaatlichen Strukturen. Sie müssen wissen, die Menschenrechte wurden von der Kirche als liberale Verirrung angesehen, und in vatikanischen Kreisen wäre man sehr froh, wenn sich das christliche Menschenbild gegen diese säkularen Missgriffe durchsetzen würde.“

„Was wollen Sie eigentlich mit dem christlichen Menschenbild noch erklären?“ „Da geht ’ne Menge, was?“ „Mövenpick?“ „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ „Und die Laufzeitverlängerungen“ „Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen, und nicht sich verlassen auf Menschen.“ „Und die fünf Euro mehr für Hartz-IV-Empfänger?“ „Mancher ist arm bei großem Gut, und mancher ist reich bei seiner Armut.“ „Die Machtdemonstration von Stuttgart?“ „Das waren Berufschaoten. Für die ist der liebe Gott nicht zuständig.“ „Eine Leitkultur, die sich an einer Weltanschauung orientiert, die laut Verfassung Privatsache ist und nicht bevorzugt behandelt werden darf? Ein Bekenntnis zu einer Haltung, die den Konsens dieser Gesellschaft in Abrede stellt? Den Konsens der Gesellschaft? Unserer Verfassung, der freiheitlichen demokratischen Grundordnung?“ „Eben. Wer sich nicht an diesem Menschenbild orientiert, ist in ihrer Partei fehl am Platz.“





Netzneutralität

19 05 2010

„… vorerst nur um einen Verwaltungsakt des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, der den Beschluss des Sozialgerichts Detmold, der Klägerin Prozesskostenhilfe zu verweigern, bestätigt. Ein Computer ist demnach nicht notwendig für einen funktionstüchtigen Haushalt, Hartz-IV-Empfänger haben also kein Recht, dass…“

„… sich wieder einbilden! Dann schreiben die eben ihre blöden Bewerbungen mit der Hand, ist doch egal, ob die aussortiert werden, die werden doch sowieso aussortiert, ich meine, mal ernsthaft, so einen faulen Sack, den würde ich doch in meiner Firma nicht freiwillig…“

„… sich von der IT-Branche nicht bedrohen lassen. Die Kanzlerin zeigte sich unbeeindruckt von den Arbeitslosenzahlen und verkündete, bis zum Ende ihrer Regierungszeit die Vollbeschäftigung…“

„… es ja schließlich darum gehe, dass diese Gesellschaftsschicht vorwiegend mit Killerspielen den Tagesablauf gestalte, beklagte Mißfelder. Ohne das naturgegebene Primat des Prekariatsfernsehens müsse man dramatische Umsatzeinbußen in der deutschen Tabak- und Spirituosenbranche in Kauf nehmen, was abermals zum Jobabbau…“

„… vollständig online verfügbar sind. Damit wird die Arbeitsvermittlung in Deutschland zum größten Teil in die Verantwortung der Arbeitslosen gelegt, die für die Umstellung eine monatliche Pauschale von 7% der Regelsätze bezahlen, da …“

„… mit einiger Verspätung reagiert, denn erst zwei Wochen später erschien das Blatt mit der Schlagzeile Zahlen wir demnächst auch noch das Solarium für Arbeitsscheue?, die der Presserat rügte. Mit Empörung…“

„… sich einfacher vorgestellt, da inzwischen auch Internet-Cafés ihre Hardware mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Datenklau aufrüsten. Das Innenministerium protestierte, musste aber zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei den Maßnahmen um einen Forderungskatalog aus dem eigenen Haus…“

„… nicht zielführend, da der PC im heutigen Zeitalter eben nicht mehr nur zur Freizeitgestaltung genutzt wird. Die Delegation des Sozialgerichts zeigte sich beeindruckt, welche Möglichkeiten sich mit dem Gerät bieten. ‚Das Schreibprogramm‘, so eine Richterin, ‚das hätte ich kaum für möglich gehalten, dass man damit Rechtschreibkorrekturen machen kann!‘ Allerdings schien hinter dem Erstaunen über Farbmonitore, Festplatten und das völlig neuartige Eingabegerät, das nur mit einem dünnen Elektrokabel am Rechner hängt, auch eine gewisse Skepsis auf, ob man nun den Arbeitslosen kostenfrei Spitzentechnologie in die Unterkunft…“

„… nichts mehr mit guter Unterhaltung zu tun. Wenn vor laufender Kamera eine Erwerbslose in den Hausflur gezerrt wird, wo die Nachbarn auf sie einprügeln, weil sie selbst keinen Plasmafernseher besitzen und deshalb der jungen Mutter den elektrischen Dosenöffner missgönnen, dann ist der Punkt erreicht, wo diese widerliche Demagogie…“

„… sich nicht auf Diskussionen einließ. In Deutschland dürfe sich nur Leistung lohnen, machte FDP-Chef Westerwelle den Gewerkschafts- und Kirchenvertretern klar, wer kein Notebook zur Verfügung hätte, könne eben mit seinem iPad…“

„… außerdem ein durchsichtiges Manöver, wie das BKA feststellt. So sei es durchaus möglich, dass manche der ca. 80 Millionen Terroristen in Deutschland nur deshalb keinen Computer besäßen, um heimtückisch der Vorratsdatenspeicherung zu entgehen. Es reiche nun nicht mehr, Bleistifte und Papier zu verbieten, man müsse endlich Lesen und Schreiben – CDU-Bildungsexperte Roland Koch stimmte bereitwillig zu – auf breiter Front…“

„… das TV-Format einfach nachgespielt. Laut Polizeibericht drang der Schichtarbeiter Paul M. (56) mit einer Machete bewaffnet in die Wohnung der Soziologiestudentin Wanda K. (23) ein und warf ihre Waschmaschine über die Balkonbrüstung. Im Verhör sagte er aus, er habe das Großgerät für das Internet gehalten. ‚Da hingen so Schläuche so raus.‘ Falsch ist hingegen die Annahme, der Sender habe extra seinetwegen…“

„… mit dem neuen Meldegesetz, das es ab sofort Arbeitssuchenden unter 65 verbietet, private Computer und/oder Telekommunikationsendgeräte in ihren Behausungen zu besitzen, betreiben, dulden oder Besitz, Betrieb, Duldung nicht zu unterbinden oder zu planen oder die Nichtunterbindung oder Planung auch ohne Antrag, Anlass, hinreichende oder nicht hinreichende Gründe, Motive, Umstände, Sinn und/oder Verstand nicht sofort in Abrede zu stellen. Kritiker machten auf eine gefährliche Nähe zum Wortlaut der Nürnberger Gesetze aufmerksam. Familienministerin Schröder hob dagegen hervor, dass mit Unterordnung, Konsumverzicht und Denunziantentum nationale Tugenden wieder…“

„… sich gewandelt, seitdem BILD mit einem großen Elektronik-Kaufhaus das zwar nicht besonders leistungsfähige, aber dafür ziemlich überteuerte Volks-Notebook brachte. Das Boulevardblatt nannte es beschämend, dass nicht jeder Deutsche quasi als IT-Grundversorgung dies Gerät von der Regierung…“

„… natürlich keinerlei Ansprüche. Der aus Detmold stammende Sozialrichter hatte in seiner Klage moniert, das Pensionszimmer im Pattaya habe zwar über Kabelfernsehen, Dusche und Minibar verfügt, nicht aber über einen PC. Dies sei nachgerade menschenrechtsfeindlich. Das Urteil ist rechtskräftig. Da Hans G. (61) im weiteren Verlauf auch viel Mobiliar im Landgericht beschädigte, musste die stationäre Behandlung…“





Blutige Anfänger

17 08 2009

Wolfgang Schäuble lutschte am Daumen. Fluchend rollte er durch das Haus, einhändig, denn noch immer saugte er an der Fingerkuppe. Er hob den rechten Arm, als er den Pfleger sah. „Nicht so schlimm“, befand der Fürsorger, „nur eine Quese. Sie müssen mit der Maultaschenzange ein bisschen vorsichtiger sein.“

Der Minister zog die Stirn in tiefe Sorgenfalten. Was, wenn er sich tatsächlich einmal in den Finger schnitte? Die Bundesbürger würden ihr Leben ganz normal weiterleben, alle wären fröhlich und gingen ihrer Arbeit nach, sie würden ihre Kinder in die Schule schicken und vom Kindergarten abholen, ihre Fahrräder in den Fußgängerzonen abstellen, sich abends mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten und Balkonblumen gießen – keiner käme auf die Idee, islamistische Terrorzellen zu gründen und das Regierungsviertel in die Luft zu sprengen. Richtungslos würde die Republik in den Abgrund wanken. Man würde keine Bundeswehr mehr im Inneren brauchen und keine biometrischen Merkmale mehr auf die Oberarme der Untertanen tätowieren können. Das nackte Grauen drohte.

Schäuble handelte sofort. Blutkonserven zu besorgen sei eine leichte Übung, teilte ihm sein Hausarzt mit; allerdings sei in den Sommermonaten wie immer mit Engpässen zu rechnen, so dass ein Anruf im Bundesgesundheitsministerium ratsam sei. Auf dem kleinen Dienstweg ließe sich das sicher schnell erledigen.

Ulla Schmidt bedauerte. So einfach sei das nun nicht, teilte die Krankenkassiererin mit. Da man die ganzen Schwulen nicht mehr anzapfe, stehe viel weniger Blut zur Verfügung. Schäuble traute seinen Ohren nicht. Ein Telefonat mit dem Deutschen Roten Kreuz bestätigte es ihm. Homosexuelle seien generell als HIV-Risikogruppe eingestuft und dürften weder Blut noch Plasma spenden. Zwar sei, was die Lebensgewohnheiten homosexuelle Frauen angehe, kein Unterschied festzustellen, aber die dürften wenigstens noch zur Ader gelassen werden. Bis auf weiteres jedenfalls.

Es war Sommer, die Krankenhäuser rotierten. Die Motorradunfälle häuften sich, ein schwerer Zusammenstoß beim Auffahren auf das Ende eines Urlauberstaus gehörte zum Tagesgeschäft in der Notfallchirurgie. Die Transfusionen versickerten im Klinikbetrieb wie zwischen den Zähnen eines Vampirs. Nur sporadisch kamen neue Spender, die sich für ein ausgiebiges Frühstück eine Kanüle in den Arm rammen ließen. Manche verweigerten aus Solidarität mit den diskriminierten Schwulen ein Blutopfer, andere warteten noch auf die Novelle des Transfusionsgesetzes, die den Bundestag erst noch passieren sollte. Ulla Schmidt musste alle Wünsche unter einen Hut bekommen, was, wie zu erwarten, keine leichte Aufgabe war.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung ließ die Gesundheitsministerin schon vorab wissen, dass die deutschen Dentisten nicht einsähen, sich der Gefahr einer AIDS-Infektion auszusetzen. Schwule hätten beim Zahnarzt nichts zu suchen. Man sei zwar mit einer Anhebung der Vergütung durchaus einverstanden – ab dem elffachen Satz sei man gewillt, das blutige Geschäft zu betreiben – würde aber keinerlei Gegenleistung in Aussicht stellen. Der Kompromiss wurde sofort umgesetzt.

Auch der Fall des Alois Gräselhuber führte zu Diskussionen. Der Ehrenprälat aus dem schönen Dinkelsbühl hatte beim Ausfüllen des üblichen Fragebogens vor der Spende zwar ordnungsgemäß angegeben, dass er nicht in einer monogamen Beziehung lebe, was ihn eigentlich ausgeschlossen hätte, doch verschwieg er arglistig, dass er alle drei bis vier Monate nach Thailand reise. Es fiel nicht auf, denn eine Prüfung der Angaben war ohnehin nicht vorgesehen. Die Kontrolle der Blutprobe lief ordnungsgemäß, so dass Hochwürden schon am selben Tag erfuhr, dass er sich bei dem achtjährigen Mädchen vom Straßenstrich in Pattaya nicht nur eine Pilzinfektion geholt hatte. Das Ministerium wiegelte ab. Nicht alle Männer seien nun gleich als Risikogruppe zu betrachten. Es reiche vollkommen, sämtliche Katholiken auszusondern. Außerdem habe es sich auch nur um Hepatitis C gehandelt.

Der Katholische Deutsche Frauenbund meldete Protest an. Die Diffamierung sei nicht hinnehmbar. Familienministerin Ursula von der Leyen gab zu bedenken, dass die eheliche Treue der beste Schutz vor AIDS sei; es wäre vollkommen ausgeschlossen, dass sich langjährig verheiratete Männer etwa beim Bordellbesuch anstecken könnten.

Unterdessen hob Schmidt nochmals hervor, dass jede Blutspende gewissenhaft geprüft werde; das Risiko, sich an einer Transfusion zu infizieren, liege bei eins zu anderthalb Millionen. Dies sowie die Tatsache, dass Schwule, die ihre Orientierung einfach verschwiegen, selbstverständlich weiterhin Blut spenden dürften, minimierten die Gefährdung auf ein vertretbares Mindestmaß. Das Gesetz sei auf einem guten Weg.

Wolfgang Schäuble hatte genug. Sein Hausarzt riet ihm dazu, sich selbst Blut abnehmen zu lassen. Das sei in der Charité eine Routinesache, ein Dutzend Beutel mit Erythrozyten-Konzentrat wären für den Anfang völlig ausreichend, um im Falle einer Notoperation gut versorgt zu sein. Jeweils ein kleiner Pieks in die Vene, das sei es auch schon. Der Minister schwitzte. Er ballte seine Faust, während er den Musterungsfragebogen ausfüllte. Der Klinikarzt überflog das Papier und zeriss es. Schäubles Gesicht verfärbte sich blutrot vor Zorn. „Sollen wir lügen, Herr Minister?“, tadelte er den Politiker. „Was meinen Sie wohl, warum wir nach psychiatrischen Auffälligkeiten fragen?“





Armes Deutschland

6 07 2009

Deutschland ging es gut. Die Versandhäuser schliefen in ihren Katalogen, das Wochenende stand vor der Tür, die Gewitter hielten sich an die Hausordnung und donnerten nur leise, um den Büroschlaf in der Anstalten nicht mehr als nötig zu stören. Das Sommertheater summte Pausenzeichen, die Sauen, die man noch kurz zuvor durchs Dorf getrieben hatte, ruhten sich in der Kühltheke aus und markierten staatstreue Schnitzel. Nichts ging mehr. Deutschland träumte. Ganz Deutschland?

Scharfe Kritik übte der Berliner FDP-Spitzenkandidaten Martin Lindner an den bestehenden Zuständen. Firmenpleiten, steigende Arbeitslosenzahlen und eine Rekordverschuldung – taumelte Deutschland in eine Inflation? Der Kandidat schlug vor, die Regelsätze der Hartz-IV-Empfänger um 30 Prozent zu kürzen. Die Republik atmete auf. Endlich ein Zeichen. Endlich ein Ruck.

Hatte man zunächst mit harschen Protesten gerechnet, so fand der Vorstoß schon bald die ersten Befürworter. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Einzelhandel-Hauptverbandes, stellte sich demonstrativ hinter den Liberalen; Kaufkraft sei nicht alles, vor allem in strukturell benachteiligten Schichten müsse man sehr sorgfältig zwischen Angebot und Nachfrage abwägen. Es wäre ja nicht auszudenken, wenn die sozial Schwachen dem Mittelstand die letzten Konsumgüter vor der Nase wegkauften – noch dazu in einer Phase, in der die sinkende Produktion der Arbeitslosengesellschaft das Warenangebot immer mehr zu verringern drohe.

Philipp Mißfelder war zunächst zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen.

DGB-Chef Michael Sommer schlug in dieselbe Kerbe. Genereller Wohlstand sei in diesem Land nicht zu machen, so der Gewerkschaftsgrande, man müsse sich mit der sozialen Schere arrangieren. Die Wiederannäherung der sozialliberalen Kräfte setzte zum großen Sprung an. Hier entstand Geschichte.

Lindner hatte es wohl zu deutlich gesagt. In einem Fernsehinterview fühlte er sich genötigt, seine Forderungen noch ein wenig unpräziser zu formulieren. Es sei wichtig, darauf zu achten, dass das Geld bei den Richtigen ankomme und nicht bei den Faulpelzen. Der Bundesfinanzminister murrte hörbar. So habe man nicht gewettet. Aber es war schon geschehen und stand nun Knopf auf Spitz.

Nicht nur Showgrößen aus dem Reichstag mengten ihre Stimmen in die Debatte, auch ernst zu nehmende Landsleute warfen ihr Wort in die Runde. Die Boulevard-Schlagzeile Das Volk der Fresssäcke animierte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, ein Machtwort zu sprechen: Schluss mit Fertigfritten, das Zeitalter der Gourmandise sei vorbei. Thilo Sarrazin empfahl, die kalte Küche für Leistungsverweigerer zur Pflicht zu machen. Warme Mahlzeiten, so der ehemalige Verwalter der Metropol-Finanzlöcher, seien ohnehin ein Zeichen von Verweichlichung. Sarah Wiener sprang in die Bresche und brachte schnell einige hippe Snacks für das Prekariat auf den Bildschirm. Sushi sei auch für Nichtstuer eine proteinreiche, ausgewogene Kaltkost, ja selbst die Perlhuhnbrust an Kurkuma-Kerbel-Jus läge im Niedrigtemperatursegment. Auch Schmarotzerpack dürfe nach Herzenslust schlemmen.

Weiterhin hielt sich Philipp Mißfelder bedeckt.

Da bekam der frei drehende Demokrat Angst vor der eigenen Courage. Hurtig wiegelte er ab, die Langzeitarbeitslosen zu bezahlter, gemeinnütziger Arbeit heranziehen zu wollen und ihnen erst dann die Stütze wegzuziehen. Allein er hatte die Rechung ohne die Textilwirtschaft gemacht. Aus dem Stall von Karl Lagerfeld drangen die ersten Skizzen der Trash-Kollektion, zerfetzte Nietenhosen, schweres Leder mit durchgescheuertem Ellenbogen, fransig hängende Business-Anzüge mit löcherigen Taschen. Wolfgang Joop konterte mit dem Cocktailkleid im Used-Look: handzerschlissene Maulbeerseide traf auf fadenscheinigen Samt. Die Industrie jauchzte. In wenigen Wochen entstanden Tausende Jobs, um die Stoffe manuell abzuwracken – in Bangladesch.

Lindner schwitzte. Alles sprach von seiner Idee, aber keiner von ihm. Er nahm einen weiteren Anlauf, die FDP wieder in die Nähe des gesunden Menschenverstandes zu bringen. Die soziale Sicherung könne man auch überdrehen; die Leute hätten keine Lust mehr, im Dienstleistungsgewerbe weniger als Hartz IV zu bekommen. Dies sei falsch. Die Sozialdemokraten warfen ihm vor, eine neue Neiddebatte zu führen. Die FDP distanzierte sich von ihrem Berliner Spitzenmann. Mindestlohn ja, aber nicht mit der populistischen Brechstange.

Die ersten Kundgebungen fanden statt. Unter dem Slogan Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen solidarisierte sich das Erwerbslosen Forum Deutschland mit den Textilarbeitern in Bangladesch. Einträchtig standen die Schwachen zusammen, die globale Perspektive für ein höheres Ziel im Auge behaltend.

Der medienpolitischer Sprecher hatte die Macht seiner Worte unterschätzt. Die nächtlichen Anrufe rissen nicht ab. Anonyme E-Mails verstopften sein Postfach. Als ihm Heimkinder auf offener Straße ein Ständchen sangen, brach er zusammen und flüchtete in den Angriff. Es gehe ihm nicht um ältere Menschen oder Alleinerziehende, sagte er in einem Interview. Wer jung, gesund und nicht zur Sorge für andere verpflichtet sei, solle die Chance auf Beschäftigung im kommunalen Dienst erhalten.

Man raunte sich zu, Martin Lindner habe dem öffentlichen Druck nicht standhalten können. Er sei bis zur Wahl im Sanatorium. Doch man wusste nichts Genaues. Philipp Mißfelder schwieg.





Friss und stirb

26 02 2009

Die Namensfindung gelang nach zähem Ringen und Würgen. War der Sponsoren-Vorschlag Futter-Night schon an seiner Kompliziertheit gescheitert, so konnte sich doch auch die Empfehlung Schöner Schlemmen als arme Sau nicht durchsetzen. Konsensfähig war dann – zähes Ringen, um es nochmals zu akzentuieren – Verantwortungsbewusste Ernährung für sozial benachteiligte BundesbürgerInnen.

Das Sendekonzept war denkbar einfach. Je ein Promi ohne Sachverstand und eine dreiköpfige Familie, die Hartz IV bezieht, wurden von Reinhold Beckmann durch die Sendung geführt. Am Ende der Folge sprach jeweils ein als kritisch eingestufter Gastkommentator einen kritischen gemeinten Gastkommentar. Die minimalistische Kulisse hatte eine Beuys-Schülerin entworfen, die auch prompt Schwierigkeiten bekam, da sie das Honorar ordnungsgemäß angab und deshalb keine Bezüge mehr erhielt. Die Moderatoren wurden von einer großen Warenhauskette mit dezenter Eleganz in Polyester ausgestattet. Die Betroffenengruppe bekam einen eigenen Wartebereich mit Mülleimern direkt neben den Einzelgarderoben der Hauptdarsteller. Immerhin etwas.

Während Giulia Siegel demonstrierte, dass sie nicht nur vom Kochen keine Ahnung hat, wies Hellmuth Karasek noch einmal deutlich darauf hin, wie sich Günter Grass seinen Nobelpreis erschlichen hätte; das hatte zwar nichts mit der Sendung zu tun, wurde aber nicht weiter hinterfragt, da der Kultur-Etat die Sendung förderte.

Auch Saskia Valencia, die weder vor noch während der Aufzeichnung wusste, worum es sich eigentlich handelt, machte keine Probleme. Einen Eklat gab es allerdings, als ein hoher evangelischer Würdenträger in seinem Statement die Höhe der Regelsätze sowie das behördliche Verhalten gegenüber den Empfängern als menschenunwürdig bezeichnete. Ein Mitglied des Bayerischen Landtages, das bereits abgeschminkt wurde, stürzte ins Bild zurück und konnte von Maskenbildnerin und Requisiteur nicht mehr daran gehindert werden, dem Geistlichen mit einer gusseisernen Pfanne eine Kopfplatzwunde beizubringen. Der zeitnah anberaumte Check der MAZ ergab, dass bereits vor dem Angriff „Sau, lutherische!“ sowie zwei Verstöße gegen § 130 Abs. 1 StGB deutlich aus dem Off zu hören waren – die Mitschnitte führten später wochenlang die Charts diverser Videoportale im Internet an, DJ Ötzi landete mit seinem Remix einen Megahit in Österreich – und das Material im Eimer war. Rettung brachte Roland Koch, der im Nebenstudio gerade abdrehte, und zwar das Feature Weltuntergang durch Jugendkriminalität. Er hatte nicht nur keinen blassen Schimmer, er konnte sich hinterher auch noch vorzüglich selbst widerlegen.

Thilo Sarrazin wurde nicht eingeladen. Ein multinationaler Fertigsuppenhersteller drohte damit, seine Schaltungen zurückzuziehen, falls zwischen den Spots Hetzpropaganda ausgestrahlt würde.

Es lief ohnehin nicht pannenfrei ab. Beckmanns Anmoderation war noch nicht gelaufen, als Hella von Sinnen schon gedankenverloren zwei Scheiben Schnittkäse (mittelalt) und eine Gewürzgurke genascht und damit die Hälfte der Zutaten für ein dreigängiges Menü vernichtet hatte. Sie bedauerte ihren Fehler und lud die Familie (Vater, Mutter, 17-jähriger Sohn) zur Entschädigung an Ort und Stelle an eine nahe gelegene Imbissbude ein, wo sie „ab hier erst mal Currywurst mit Pommes schranke, bis die dicke Tante ‚Stopp!’ sagt“ (O-Ton von Sinnen) bestellte. Die ProSiebenSat.1 Media AG sicherte sich die Rechte an den Aufnahmen und arbeitet seitdem an einem neuen Format für Tine Wittler, Arbeitstitel: Irgendwer isst immer.

Ein Highlight war die Episode mit Dieter „You’re my Hartz, you’re my Soul“ Bohlen (sah zum ersten Mal eine Kartoffel mit Schale) und Susan Stahnke (die Sozialhilfe grundsätzlich irgendwie voll doof fand und lieber Werbung für ihre letzte Darmspiegelung machen wollte). Auch Barbara Salesch (wusste zwar etwas, wusste es aber noch geschickter zu verbergen) im Doppel mit Eva Herman (die vom deutschen Volk eine gewisse Härte in Krisensituationen forderte und die Charakteristika germanischer Nationalküche beschwor) bezauberten die Massen. Der zuständige Redakteur hatte sich vor beiden Folgen mit jener Brechtüte in die Besenkammer zurückgezogen, die er erst anlässlich der Verleihung des Grimme-Preises wieder in seiner Jackentasche vorfand.

Die von Horst Lichter betreute Druckfassung der Rezepte krabbelte als Es muss nicht immer Sushi sein die Verkaufsränge hoch. Sarah Wiener bemängelte zwar in ihrer Rezension, Ingredienzien wie faltige Tomaten von der Wochenmarkt-Schlussphase seien für einen normalen Gourmet-Haushalt nicht aufzutreiben, fand aber kein Gehör gegenüber Wolfram Siebeck, der das Buch als fade einstufte, obzwar das Manuskript erst drei Tage später in Druck gehen sollte. Jamie Olivers Koch-DVD The Naked Truth fand dagegen kaum Anklang. Seine Rezepte Jagdwurstscheibe im Längsschnitt an Senfklecks und Knäckekrümel mit Volksliedbegleitung sollen sich seitdem aber im Intranet der Berliner Bezirksämter verbreiten. Man weiß es nicht. Man steckt nicht drin.