Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXX): Gute Vorsätze

12 02 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hallöle und Schalömchen, da ist sie wieder, die miese Laune beim Blick in die Diätkohlsuppe. Nie mehr wieder einen Eimer Schnaps, keine Zigarre auf nüchternen Magen, täglich hundert Kniebeugen. Glücklicherweise ist der Januar irgendwann passé, die Likörfabriken haben vor Weihnachten reichlich Rücklagen bilden können, die Fitnessbuden haben neunundneunzig Prozent ihrer Jahresabonnements verkauft – was ihnen im Durchschnitt eine fünf- bis siebenfache Überbelegung eingebracht hätte – und sind nun wieder so angenehm leer, wie man es vom Rest des Jahres kennt. Keine hektische Hausfrau schiebt verschämt die Vollmilchschokolade auf dem Kassenlaufband unter die Vollkornnudeln. Die Angestellten wissen, dass es eine Treppe in den dritten Stock gibt, haben aber Mitleid mit leeren Aufzügen. Da ist das Leben wieder. Es war schön mit Euch, Ihr guten Vorsätze. Tschö mit Umlaut.

Abgesehen davon, dass sich die Welt mit dem Überspringen der Datumsgrenze nicht ändert, es ändert sich auch nichts in der Impulskontrolle von konditionierten Äffchen, die alle zwölf Monate in Heldenmut verfallen, der Bratwurst abschwören und eine Zweitkarriere als Supermann starten. Vielmehr, sie wollen, aber sie können nicht, denn nichts ist kontraproduktiver als der aufgedrückte Wille, sofort und unter öffentlicher Beobachtung im Rattenrennen jede Etappe zu nehmen. Eine ganze Gesellschaft wird pünktlich mit dem Glockenschlag zu angehenden Siegertypen, turnt bis zum Knarren der Gelenke und jagt den Würfelzucker durchs Klo – wer’s glaubt. Der Drang, sich nach dem Kalender neu zu erfinden und das alte Gewohnheitstier an der Autobahnraststätte zu entsorgen, er stammt aus der Zeit, als die Rituale noch metaphysisch unterfüttert waren: Advent war noch eine Phase der Kasteiung, um sich auf das weihnachtliche Sperrfeuer mental vorzubereiten, heute bleibt allenfalls ein matter Reflex, indem die hysterische Druckbefüllung zur Winterzeit ungebremst in einen postkalorischen Depressionsschub mündet. Die Erfindung der Körperfettwaage wird nicht ganz unschuldig daran sein, und was der Ganzkörperspiegel nicht schafft, erledigt die Apothekenzeitschrift.

Doch was dann? Der leistungsbewusste Depp reagiert, wie er erzogen wurde, und fällt von einem Extrem ins nächste. Eben noch hat er sich Gans und Butterstolle in den Verdauungstrakt geschoben, um auch ja selbst an seinen Wohlstand zu glauben, schon schnallt er das Fitnessarmband enger und schwiemelt sich Funktionsfutter mit null Nähwert hinters Zäpfchen. Dabei achtet er verbissen auf den Erfolg, denn es kommt ja nicht darauf an, besser zu schlafen oder den Blutdruck zu senken, wenn nicht der Nachbar von den täglich zehn Kilometern auf dem Laufband erfährt und den hundert Gramm, die man mit Flennkost abnimmt, bevor sie mit Verstärkung wieder zurückkommen.

Am besten nimmt sich der Bescheuerte Dinge vor, die man täglich erledigt; das erhöht schon nach zwei ausgefallenen Trainingsläufen, weil der Hund zum Tierarzt musste und das Meeting wieder länger gedauert hat, enorm die Frustration. Sich Ziele zu setzen, möglichst auch noch konkrete, wie: zwanzig Kilo abnehmen, nur noch einmal in der Woche bis zum Umfallen saufen, das tun sich auf Kurzstrecke getrimmte Egonauten nicht an. Der postmoderne Optimierungswahn, agil und bauchfettfrei bis zur Rente durchs Feld zu hüpfen, zermürbt die Querkämmer planmäßig und nicht unwillkommen, denn wer sowieso an sich zweifelt, obwohl er gerade seine Heldenfassade hochzieht, wird auch sämtliche systembedingten Nackenschläge der turbokapitalistischen Gesellschaft stumm wegstecken. Und die Heldenfassade hochziehen.

Längst ahnt der Beknackte leise etwas von seiner Rolle und nimmt sich inzwischen immer öfter vor, im neuen Jahr den Stress einzudämmen. Die Sinnlosigkeit beginnt, an den Rändern etwas auszufransen.

Wir optimieren uns also für die Galerie – der moralische Anspruch an unser eigenes Handeln ist demnach nicht mehr als eine Art besonders lauter Geltungskonsum. Wie man sich einen SUV vors Reihenhaus klotzt und Goldkettchen um den vom Epidermistuner neu belederten Hals hängt, protzt eine porentief erneuerte Disziplin der mangelhaften Umwelt vor, man habe sich von Teilzeitsünden befreit und dem Dämon final die Visage geputzt. Weil die Gewohnheit nichts anderes ist als eine in ihrer Grundstruktur für gut befundene und an die Lebenswirklichkeit geschmeidig angepasste Lösung für die Probleme, vor denen die Trimmdummies athletisch wegjoggen, solange sie ihr Sägemehl-in-Leitungswasser-Smoothie trägt, ist auch klar, wer den Kampf gewinnt. Der innere Schweinehund ist immer nur da, wo man gerade an ihn denkt, ihn hasst oder fürchtet. Und in der Spinatplörre stecken eine Bockwurst und zwei Schokoriegel. Minimum. Gut zu sein ist halt anstrengend. Für alle Beteiligten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXX): Bessermenschen

27 03 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hat sich der durchschnittliche Teilnehmer an den internationalen Zivilisationsfestspielen in seiner Leistungsklasse knapp in die B-Mannschaft herangearbeitet, da droht auch schon wieder die Disqualifikation wegen klinischer Doofheit. Wieder und wieder schafft er sich ein ethisches Grundbewusstsein drauf, ratzt dreimal ab im Volkshochschulkursus Altruismus für Dummies, versagt bei der praktischen Prüfung, weil ihm noch die BILD aus der Manteltasche ragt, hangelt sich mühsam wieder auf den Boden der Tatsachen und stellt schließlich fest: Ngongo aus dem zweiten Stock ist ja gar kein Neger, der Transferleistungen schmarotzt, sondern verdient als Kommunalbeamter genau die Kohle, die einem das Amt an jedem Ersten kommentarlos rüberschiebt. Plötzlich scheint das mit der Bildung gar nicht mehr so kompliziert, einmal in der Woche, dann einmal am Tag hält der Bürger kurz inne und fragt sich, was er da eigentlich tut, und warum. Und schon, noch ist das frisch gepinselte Transparent zur Rettung des Regenwaldes nicht richtig trocken, nölt ein Kalkhirn aus der dritten Reihe dazwischen. Die Schafe im Brömkenröder Forst, der Kaffeeanbau auf den Bergen von Nuki-Nuki, hinter den sieben Zwergen, weiß der Fuchs, auf jeden Fall drückt uns der plärrende Prolet im Hühnerbrustton der eigenen Überzeugung noch eine deutliche Warnung rein. Seine Sicht der Dinge ist wichtig, allein zur ethisch fundierten Diskussion geeignet und ansonsten der Nabel der Welt. Er ist nicht allwissend, das heißt: nicht nur allwissend, er ist auch moralisch immer und überall überlegen. Er ist der Bessermensch.

Was immer beim Zelten auf dem intellektuellen Standstreifen etwas zu viel Teile ins Kreuz kriegt, jodelt schmerzbefreit das Gutmenschentum an, jene von ihrem großen Vorbild hervorgegoebbelte Kaste der faktisch Überlegenen, die man von unten anspeien konnte, solange die Reichskanzlei noch nicht unterirdischer als unterirdisch war. Was als Koordinatensystem eines halben Volkes prima funktioniert, da es sich jenseits bewährter Ideologie und ohne behelfsmäßigen Drogenkonsum auch für die andere Hälfte der Besiedelung eignet, wird von den selbst ernannten Bedenkenträgern in Grund und Boden gepöbelt, weil sie ihre eigenen verquasten Ideologeme über die wehrlose Mitwelt klötern lassen, eigentümlich frei von Schmerz und jenem Bewusstsein, das höhere Arten vom Schmadder der billigen Nachzucht unterscheidet.

Natürlich guckt der übliche Dumpfdepp nur bis zum Rand seines Ursuppentellers, in dem er Schwimmen gelernt hat, und ahnt nicht einmal, warum er den anderen Kram ausblendet. Die Hauptsache ist, er kann seine Aggregatzustände von Beklopptheit frei in der Gegend entsorgen. Gegen die Bürgerinitiative Buschwindröschen? In Afrika verhungern Kinder! Für sauberes Trinkwasser in den Anden? Links hinterm Knörzelbachtal fehlt ein halber Krötentunnel! Jeder geistig noch nicht zum Pflegefall gewordene Mensch, der sich mit Absicht einen Staubsauger kauft, wird feierlich zum Kapitalistenschwein erklärt, denn unterdessen dümpelt irgendwo auf den Weltmeeren noch ein Teppich von Plastiktüten herum und wartet auf die unerschrockenen Aktivisten, die das Zeugs mit bloßen Händen in ihre Jutetaschen aus fairem Anbau und veganem Design stopfen. Kaum schippert der Tross auf den Pazifik, wird eben diese Meute vom Wachturm herunterblöken, dass der Analphabetismus in Sierra Leone die Stabilität der nordhessischen Rübenzüchter gefährdet. Und so weiter.

Aber für die Heulbojen der Endzeit reicht auch das nicht aus. Heiligkeit scheint das Gebot, denn nur so kann der willfährige Diener jener moralisch überlegenen Kreaturen an drei Orten gleichzeitig hungernde Kinder mit schadstofffreiem Dünger versorgen, genfreien Mais in linksdrehenden Ölteppichen züchten und simultan pro Tag einen Marathon laufen, um auf die Unterdrückung des westpolnischen Klappschenkelwalrosses aufmerksam zu machen. Doch schon ist der verdammte Bessermensch da, knuspert sein aus Recycling hergestelltes und glaubhaft glutenfreies Müesli, knirscht dazwischen getrockneten Verbaltofu hervor und wundert sich, wenn die Nase plötzlich blutet. Sie rechnen nicht damit, dass ihnen einer zuhört, ihr dümmliches Geschwalle mit einer sinnvollen Lautäußerung verwechselt und die Spitzhacke locker sitzt. Anfänger zücken wohl ihre Dalai-Lama-Plakette, schwenken die durch Greenpeace akkreditierten Eier von glücklichen Kühen und beweisen mit Fotos aus dem Westjordanland, dass sie bereits sanften Tourismus in Krisenregionen praktizieren. Fotos auf einem in chinesischen Sweatshops hergestellten Telefon von und für Turbokapitalistendreckschweine.

Wozu diese ganze Kasperade? Bevor man als verzweifelter Billigtextilienträger nach Gründen sucht, packt man eine dieser Nervensägen am Kragen und fragt, wann sie das letzte Mal gegen den Krieg war. Die Antwort ist logischerweise immer falsch. Und ja, da darf man dann reinhauen. Wir tun es ja für die gute Sache.





Weißblaue Geschichten

26 06 2014

„Aber wir brauchen den Seehofer Horst doch noch.“ „Und wozu?“ „Einer muss uns doch in Zukunft wieder die absolute Mehrheit sichern.“ „Mit so einem populistischen Bullshit?“ „Bitte!“ „Und einem derartigen moralischen Totalausfall?“ „Das ist jetzt gemein.“ „Wieso das denn?“ „Wir können doch an ihn keine anderen Maßstäbe anlegen als an die anderen vor ihm.“

„Der hat doch ausgerechnet im Vatikan einen Scheck gespendet.“ „Wo doch die Kirche noch immer über ausreichende Finanzmittel verfügt.“ „Quatsch, das Geld war für die Flüchtlinge aus Syrien.“ „Dann ist es ja gut, dass er die Kohle dem Papst in die Hand gedrückt hat.“ „Bayern ist das einzige Bundesland, das gar kein Programm für Kriegsflüchtlinge unterhält.“ „Na also. Dann musste er dem Papst das Geld ja in die Hand rücken. Was sollten die selbst damit anfangen?“

„Sie machen es sich aber auch ganz schön einfach.“ „Das macht der Seehofer Horst auch.“ „Aber das ist es ja eben. Der Mann wird zu einer Belastung für uns.“ „Ist das nicht eher die CSU?“ „Der wird sogar für die CSU zu einer Belastung.“ „Weil er sich nicht moralisch einwandfrei verhält?“ „Jetzt werden Sie nicht zynisch.“ „Sie meinen, das kann der Seehofer Horst eh besser? Da haben Sie recht, für die syrischen Flüchtlinge hatte er ganze fünftausend Euro dabei.“ „Es geht um sein Verhalten außerhalb der Landespolitik.“ „Da haben sich die CSU-Granden nichts vorzuwerfen, das hat für ihre Landespolitik noch nie gezählt.“ „Es geht aber auch um sein Verhalten in der Landespolitik.“ „Das müssen Sie missverstehen. Die ist doch schon immer vollkommen moralfrei gewesen.“ „Das ist doch der Punkt!“ „Sie meinen, Sie müssen den Seehofer Horst loswerden, weil er sich zu eng an die Zielvorgaben der bayerischen Landespolitik hält, wie sie die CSU definiert hat?“

„Sehen Sie sich doch bloß mal seine Nähe zu den Verfehlungen der anderen Politiker an.“ „Das macht doch die Merkel auch nicht anders.“ „Die deckt keine Justizministerin, die nichts mehr merkt.“ „Die deckt einen Innenminister, der noch nie irgendwas gemerkt hat.“ „Und dann diese Haderthauer, die hat doch für ihren eigenen Betrieb…“ „Wer hat noch mal die Chipkarten für Hartz-Familien durchzudrücken versucht, für die der Bruder von der von der Leyen extra eine Firma gegründet hatte?“ „Aber das gibt doch die Merkel nicht als Folklore aus, wenn die halbe CSU ihre Familienmitglieder als Haushaltsangestellte mit lukrativen Verträgen ausstattet.“ „Die zählt es zur Folklore, wenn die Hälfte der CSU sich ihre Promotion gekauft hat.“

„Und was ist mit der Digitalisierung des Freistaates Bayern? Laptop und Lederhose?“ „Läuft doch gut.“ „Wir haben über 700 Kommunen, die einen Netzausbau verlangen.“ „Großartig, damit ist Bayern die digitale Speerspitze im Bundesgebiet!“ „Davon haben zwei Gemeinden die Mittel erhalten, der Rest wartet.“ „Klasse, das nenne ich nachhaltig Politik gestalten!“ „Haben Sie noch alle Latten am Zaun!? das ist doch ein Offenbarungseid!“ „Ach wo, das ist Nachhaltigkeit. Schauen Sie, wenn Sie irgendwo ‚Ausländer raus!‘ rufen, warum wohl?“ „Weil Sie keine Ausländer mögen?“ „Völlig falsch. Wir können es uns doch gar nicht mehr leisten, ausländische Arbeitskräfte abzuweisen bei unserem Fachkräftemangel. Das wissen Sie doch selbst. Aber die These, die bleibt doch.“ „Was bleibt denn davon?“ „Die Aussage. Das können Sie auch in fünfzig Jahren noch in die Gegend schreien.“ „Dass Sie keine Ausländer wollen?“ „Eben.“ „Warum denn?“ „Weil Sie nicht sagen, welche Ausländer, und warum, und warum nicht, und wie sie die alle rauswerfen wollen, und wohin, und mit welcher verfassungsfesten Rechtsgrundlage, und so weiter und so fort.“ „Sie meinen, das ist…“ „… ein Perpetuum mobile. Rechtsradikale arbeiten halt mit solchem Dreck. Wenn Sie erfüllbare Forderungen stellen würden, was würden Sie denn dann machen, wenn die plötzlich erfüllt sind und wir trotzdem weder Vollbeschäftigung noch einen schuldenfreien Haushalt haben? Und keinen Weltfrieden und keine Weltregierung unter bayerischer Dominanz?“ „Und das hat etwas mit Seehofer zu tun?“ „Mittelbar. Sie erinnern sich noch an Söder?“ „Dieses Frettchen, das an einem Tag fünfundzwanzig Stunden lang Blödsinn absondern kann?“ „Was würde der bloß anfangen, wenn er mit seiner Datenautobahn auf einmal fertig wäre?“ „Sie meinen…“ „Dann könnten alle Bayern die Hetzvideos gegen die Grünen sehen, die er im Bundestagswahlkampf vom Stapel gelassen hat.“

„Nur diese Anti-Europa-Propaganda, also wirklich…“ „Die meisten denken das doch.“ „Sagt wer?“ „Der Seehofer Horst.“ „Das sind mal wieder diese weißblauen Geschichten, er verbreitet das über seine Partei und behauptet dann, dass er dem Volk aufs Maul geschaut hätte.“ „Ist doch egal. Hauptsache, das Volk denkt dasselbe wie der Parteivorsitzende.“ „Das Volk denkt aber gar nicht.“ „Der Parteivorsitzende auch nicht, also was wollen Sie eigentlich?“

„Der Seehofer Horst hat sich zu einer Belastung für die CSU entwickelt.“ „Immerhin fährt er noch nicht besoffen jemanden tot.“ „Das ist doch nicht der Punkt.“ „Er hat auch noch keinen Flughafen vermasselt.“ „Den hat er ja auch nur geerbt.“ „Und dafür, dass er als Ehebrecher die bürgerliche Moral…“ „Halt mal, wissen Sie da Näheres? Ich glaube, wir haben gerade einen Rücktrittsgrund gefunden.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXVI): Das Wohlstandsevangelium

18 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Überall da, wo eine Gesellschaft Moral zeigen könnte – und da, wo sie es sollte, zeigt sie sie nie – ist auch eine vorhanden; meist ist sie antiquiert, selten hat sie etwas mit der Wirklichkeit zu tun, und dass sie so durchdacht ist, gereicht ihr nicht immer zum objektiven Vorteil. Wo sie sich höherer Wesen bemächtigt, die wir verehren, lässt sie jede Ethik durchdrücken, auch die, die ohne Spuren von Nüssen und Moral auskommt. Alle diese Konstrukte nehmen für sich in Anspruch, die Sitten der kompletten Gesellschaft wohlgefällig zu ordnen, und doch ist es nichts weniger als der plumpe Versuch, die bestehenden Verhältnisse zu verschärfen. Beispielsweise mit Hilfe des Wohlstandsevangeliums.

Die Idee, allein die materielle Begüterung sei für die Qualität einer Grützbirne entscheidend, ist eine putzige Marotte und derart beknackt, dass sie für den operativen Kernbereich einer Religion wie geschaffen erscheint; fliegende Schweine, ad hoc reinkarnierte Revoluzzer oder wundertätige Hominiden, die den Grundannahmen der Physik widersprechen, haben es da schon schwerer. Wer immer sich diesen Murks ins Fäustchen geschwiemelt haben wird, er hatte jedenfalls Besseres zu tun als Nächstenliebe zu verbreiten oder Idealismus. Für Rhesuspfäffchen eine praktische Lehre, denn es enthebt jeglicher Verantwortung, und welche totalitäre Ideologie wäre darüber nicht glücklich. Schließlich wird noch der Lottogewinn, der nicht einmal durch Schicksal besser erklärt werden kann als durch den Zufall, zum Prüfstein der Gottgefälligkeit. Wie sich in diesem denkerischen Gerümpel die biblische Armut verkantet, wird planmäßig unterschlagen, je eher, desto werberischer das Gefrömmel sich unter die Leute wanzt: bald gelten nicht mehr moderate Mittel, bald gilt schon ausufernder Luxus als approbierte Huld, später die anhaltende Gesundheit. Inzwischen hält die soziale Zusammenrottung bereits eine betriebsbedingte Kündigung für den Nachweis, ein Schwein zu sein. Da können noch die Buddhisten lernen.

Gerade die calvinistische Leichtbauweise der Soziologie bekennt sich ausdrücklich zur unbedingten Askese und materiellen Verachtung, um durch manisch tugendhaftes Getue zu höchstem Ansehen zu finden. Dass in den frühkapitalistischen Moralinansammlungen gerade durch unermüdliche Arbeit gewachsenes Vermögen (ein frommer Wunsch überdies, weil so gut wie nie nachweisbar) als Abzeichen höherer Gnade galt, widerspricht so gut wie jedem eigenen Tugendbedürfnis, gerade auch der geradezu grotesk verargumentierten Geworfenheit des Bescheuerten: wer auf der Schnauze landet, blutet aus Vorhersehung, wer den Stunt unbeschadet übersteht, hat lediglich durch höherwertigen Glauben ein neues Level erreicht. So viel Schnaps gibt es nicht, dass sich diesen Quark ein Kriechpriester aus der Birne möllert und ihn auch noch für die Synthese aus Vernunft und Aberglaube hält.

Wohlstand, sagt der gemeine Religiot, ist also nichts mehr als ein Symptom der Zuneigung jenes höheren Wesens, das zwar irgendwann gratis und blanko Vergebung und Chancengleichheit versprochen hat, aber sicher war das nicht so gemeint, denn wenn er schon ein Symptom ist, muss es auch einen Grund dafür geben, und welcher Schnösel hielte seinen Kapital nicht für ehrlich verdiente Asche, auch und gerade dann, wenn es sich um Erbe oder Spekulationsgewinn handelte. Die Bigotterie der pseudotheologischen Moral liegt darin, dass sie das gute Werk ungeachtet der Gesinnung vom Ende her erklärt. Wer also nicht gescheitert ist, wird auch nicht scheitern, weil er nicht gescheitert ist, und wer gescheitert ist, muss sich nicht mehr bemühen, weil er ja bereits gescheitert ist. Ihr alle, die Ihr mühselig uns beladen seid, haltet gefälligst die Fresse und geht sterben.

Es ist nichts anderes als ein doppelt perfider, da in Glaubensvorstellungen betonierter New-Age-Neoliberalismus, der die Erfolge für sich selbst reklamiert, während er Scheitern als individuelles Versagen deklariert, um die Flossen in Unschuld zu waschen. Die Masse der durchschnittlich Armen, über Jahrhunderte verdübelt und verdeppt, hat nichts anderes gelernt, als zu den Mächtigen, da Reichen aufzuschauen und unreflektiert jeden Sums zu schlucken, den sie sich in ihrer Egolepsie aus dem Glibber kloppen. Keine noch so dämliche, keine noch so kriecherisch verkitschte Sicht auf die Verantwortung eines sozialen Systems kann das entschuldigen, zumal längst die Voraussetzungen und Nebenprodukte des Reichtums, Geiz, Neid und Selbstsucht, nicht mehr Todsünden sind, sondern Abzeichen der Gefälligkeit, wobei selbstgefälliges Wesen auf Eigenvergottung schließen lässt. Wer ein großes Gut sein Eigen nennt, ist unter den Bescheuerten selbst gerecht. Hoffen wir, dass es so bleibt, wenn die Brandsätze fliegen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCI): Das Geschummel

12 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In inniger Kameradschaft gingen sie ins Dickicht, Ngg und Rrt, je ein Hominide und ein Speer, um ihre Familien einigermaßen satt zu kriegen an einem verregneten Wochenende in der Mitte des mittleren Mindelglazials. Nach den üblichen Formalitäten eines Jagdausflugs – Besänftigen von Gattin und Sippe, kurze Beschwörung mit Springtanz, Höhlenmalerei für zwei Personen plus Opfer am Grab der Ahnen – hatten die beiden ihre Wurfgeräte ins Grün geschlenzt, wohl wissend, dass sie irgendwo schon stecken bleiben werden. Gemeinsam stolperten sie in Wald hinein, stöberten und suchten, und schließlich fand Ngg die beiden Waffen. Dass des Gefährten Instrument einen kapitalen Keiler perforiert hatte, seine eigener Spieß jedoch nur ein Rotkehlchen an die Baumrinde gepiekt, das ließ sich leicht korrigieren. Man hätte es schon an diesem Tag ahnen können, die Menschheit würde nicht schwindelfrei sein.

Sicher ist das Geschummel, die mildeste Form der Neuinterpretation real existierender Zustände, eine allgegenwärtige Erscheinung. Grützbirnen hocken in den Grundschulen und pinnen in der Mathearbeit vom Nebensitzer ab, beim Blindekuh-Spielen luschert der aufgeweckte Knabe und hofft auf den Wettbewerbsvorteil, und wer würde beim Mikado nicht zufällig niesen müssen. Vorwürfe sind sinnlos, zwecklos, ziellos, denn sie tun es alle, nicht aus Boshaftigkeit, sie sind nur geistig nicht reifer geworden als die Pleistozänprimaten, obzwar sie erkennen müssten, dass sie aus nichtigeren Dingen und also überflüssig die Wirklichkeit verbiegen. Wo es um Brot und Rosen geht, mag man die Meute foppen, doch wer würde plump den Würfel drehen, um noch drei Felder vorzurücken? Dissozial zu sein erweist sich weder im Erfolg der Lüge noch in ihrer Wirksamkeit. Sie leiert die Grenzen aus, doch wo ist der Kläger?

Nun lügt man in selteneren Fällen auch aus reiner Höflichkeit, was kaum das Aufkommen eines Betrugs aus Eigennutz besitzen dürfte; nicht selten schwindeln sich Damen in Erwartung geheuchelter Höflichkeiten das Alter zurecht, stopfen sich Körperpartien aus oder schwiemeln sich andere mit Hilfsmitteln aus Ackerbau und Viehzucht an Stellen, an denen die Anatomie mit ihnen nichts anfangen kann. Der öffentliche Konsens, dass derlei fassadentechnische Manöver zum Allgemeingut der psychologischen Kriegführung wie auch des Paarungsverhaltens zu rechnen sind, er wiegt uns in Sicherheit, weil alle es tun und die Welt sich gleich bleibt, wenn keiner einen nennenswerten Vorteil daraus zieht, wo die Körperoberfläche des Beknackten der Schwerkraft folgt. Interessant ist, dass sämtliche Anwendungen der Täuschung von Balz bis Brettspiel sich nie als solche verstehen würden, denn wer gäbe schon zu, dass er löge, abgesehen von den Kretern.

Allenfalls als Diplomatie hat sich die Heuchelei einen gesellschaftlich relevanten Stellenwert geschaffen, und man braucht sie zur Aufrechterhaltung aller Art von Religion, wobei zu bedenken wäre, dass die Religion in ihrer organisierten Form selbst alles daran zu setzen meint, die Lüge zu stigmatisieren. Sie geht einen Labilitätspakt ein, und zwar mit sich selbst; bedauerlich, dass die Gesellschaft mit in diesen Morast gezogen wird.

Wo immer aus den hinlänglich bekannten Motiven getrickst und getäuscht wird, gibt sich der Bekloppte nur in einem Fall den Anstrich, ein notorischer Schummler zu sein, nämlich da, wo er aus niederer Gesinnung Betrug und Beschiss als bloße Schönfärberei auftischt. Dort, wo der naive Kurzstreckendenker sich die vereinfachte Variante des Seins mit intellektuellem Sperrmüll einrichtet, um nicht zu komplizierte Dinge unter der Kalotte zu transportieren, kommen die kognitiven Querschläger der scheinbar Schuldfreien gar nicht vor. Bunkert der durchschnittliche Arbeitnehmer den Flaum oberhalb der Lohnpfändungsgrenze je in finanztechnisch optimierten Feuchtgebieten? Zockt er sich akademisches Gemüse vor den Namen, um leichter an Tätigkeiten zu gelangen, in denen er nicht mit Erwerbsarbeit belästigt wird? Fädelt er mit Hilfe von Pferd und Gammelfleisch arglistigen Bluff ein, um den Kunden abzuziehen, der dann die Folgen des organisierten Erbrechens zu tragen hat? Wo immer die Mischpoke ertappt wird, sofort wird sie Gründe häkeln, warum ein kleines bisschen Steuerhinterziehung nicht so schlimm ist, weil die Kinder schließlich alle nach Weihnachtsgeschenken auf dem Dachboden gucken.

Die moralischen Grenzwerte bricht man am wirksamsten nieder, indem man sie biegt, bis sie geschmeidig genug sind. Ähnlich wäre es nichts als Wahrlügen, den Mord zu legalisieren, weil man unbedacht auch ein Ungeziefer aus dem Fenster schnipst, und nicht anders hat das Gefolge des Bettnässers aus Braunau dies auch praktiziert. Nicht abzustreiten ist, dass ihre Rechts-Nachfolger es bis heute auf dieselbe Art versuchen. Und es hat sein Gutes, dass sie es einfach nicht aufgeben. Denn je mehr man das Volk belügt, desto eher wird es die Wahrheit verstehen. Auch wenn es vorübergehend zu einem Engpass an Spenderorganen kommen sollte.





Weg mit Schaden

21 10 2012

Katrinchen war ein hübsches Kind,
wie alle jungen Dinger.
Und wie die Damen nun mal sind,
hat sie an jedem Finger
so zwei bis drei, vier Herren, die
ihr Herz recht gern besäßen.
Katrinchen rührt’s nicht. Ach, und sie
neigt dabei noch zu Späßen.
Wer sie zuvor noch so begehrt,
der ist des Bessren nun belehrt.
Das war’s. Kein heißer Liebesschwur –
sie ist allein,
allein,
allein,
allein auf weiter Flur.

Der Generaldirektor ist
seit Jahr und Tag Herr Müller.
Wo er nicht steht, wird nichts vermisst.
Der Mann ist nicht der Knüller.
Dass die AG fast zehn Prozent
verlor, und das im Monat,
das führt dazu, dass alles rennt,
was noch bei ihm den Lohn hat.
Die Flucht setzt ein. Das Werk ist leer.
Es kommt auch keiner für ihn her.
Das war’s. Sie ließen keine Spur –
er ist allein,
allein,
allein,
allein auf weiter Flur.

Jetzt wird es eng. Was da regiert,
das lebt fürwahr gefährlich.
Zu spät – da ist es schon passiert,
schon wieder ist entbehrlich
ein Mensch, die Unschuld in Person
und Muttchens Stolz nicht minder.
Dreck fand sich in der Promotion.
Schon sind sie fort, die Kinder.
Sie strapaziert die Volksgeduld.
Natürlich sind die andern schuld.
Derselbe Lärm. Dieselbe Tour –
sie ist allein,
allein,
allein,
allein auf weiter Flur.





R.I.P. off

3 03 2011

„Liebe Gemeinde, so kommen wir denn zusammen, um Abschied zu nehmen – Abschied von einem, der uns so viel bedeutet hat, weil er zwar nicht einer von uns war, den Unterschied aber nicht bemerkte. Frohlocket mit Händen, alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall! (Ps 47,2)

Hat er nicht, unser Bruder, der nun von uns gehen muss, hat nicht er uns gelehrt, dass es nicht darauf ankommt, was man sagt, sondern wie man es sagt? dass auch das Falsche, wenn man es nur im Brustton der Überzeugung von sich gibt, dass auch Dummheit und Ausflüchte in einem fröhlichen Herzen wohnen können, so man ihm nur alles glaubt? Ist’s nicht also? Wohlan, wer will mich Lügen strafen und bewähren, dass meine Rede nichts sei? (Hi 24,25) Ja, liebe Gemeinde, das hat er uns wohl gelehrt, dass Moral und Anstand und Ehre immer genau das sind, was man selbst daraus macht. Und auch wir, wie wir unter Moral stets das verstehen wollen, was wir von den anderen verlangen, ja auch wir dürfen uns freuen, denn wir haben einen, auf den wir nun alles werfen mögen an Schuld und Sünde. Doch weil Ihr habt angehoben, sehet auf mich, ob ich vor euch mit Lügen bestehen werde. (Hi 6,28) Denn auch wir, liebe Brüder und Schwestern, die wir nie müde werden, zu behaupten, alle anderen seien Lügner und Betrüger und genauso verworfen wie unser lieber Bruder, wir waschen ihn rein von aller Schuld, weil er nicht schlechter sein kann als wir, uns also waschen wir rein auch uns von unserer Schuld, weil er ja schon rein ist und wir nicht schlechter sein können als er, und ist demnach alles eine billige Hetzpropaganda von Journalisten und Kommunisten. Ich muss lügen, ob ich wohl Recht habe, und bin gequält von meinen Pfeilen, ob ich wohl nichts verschuldet habe. (Hi 34,6) Wahrlich, wahrlich, so ist er unschuldig, weil wir ihn dazu erklären, und uns auch, und wer das Gegenteil behauptet, ist ein Schwein.

Denn aus gutem Hause stammte unser Bruder, er wusste schon früh, dass er etwas Besseres war als die anderen. Und er hatte noch einen andern Traum, den erzählte er seinen Brüdern und sprach: Siehe, ich habe einen Traum gehabt: Mich deuchte, die Sonne und der Mond und elf Sterne neigten sich vor mir. (1Mo 37,9) Ich aber sage Euch, erkennet, wenn einer geboren ist zu Höherem. Siehe, der hat Böses im Sinn; mit Unglück ist er schwanger und wird Lüge gebären. (Ps 7,15) Dann fraget Euch, wenn Ihr sehet, was unser Bruder war unter uns Geringen, ob wir ihn überhaupt verdient haben. Was hat Dir das Volk getan, dass Du eine so große Sünde über sie gebracht hast? (2Mo 32,21) Hat sich das Volk, so unter ihm wandelte, tatsächlich erkenntlich gezeigt? Haben wir diesen unseren Bruder auch genug geliebt und ihm sofort und ohne Ansehen der Sache vollumfänglich alles verziehen, was er schon aus Gründen der Unmöglichkeit gar nicht getan haben kann? Auf zweier oder dreier Zeugen Mund soll sterben, wer des Todes wert ist; aber auf eines Zeugen soll er nicht sterben. (5Mo 17,6) Und ist nicht, liebe Gemeinde, wenn auch das Volk einmütig die reine Wahrheit spricht, gerade dies nur eine einzige Stimme, die unserem lieben Bruder nie hätte ein Leides antun dürfen?

Zwar hat unser lieber Bruder Fürwitz gezeigt; hier fuhr er mit Zöllnern und Sündern in die Wüste, dort machte er sich gemein mit der Springerpresse und zahlte viel Geldes für seine Eitelkeit. Wer Weisheit liebt, erfreut seinen Vater; wer aber mit Huren umgeht, kommt um sein Gut. (Spr 29,3) Denn ach, was nützte unserem lieben Bruder all sein Reichtum, dass er nicht einmal ein einfaches Gesetz sich kaufen konnte, weil die dreckigen Lumpen in der Opposition es nicht so wollten? Das aber unter die Dornen gesät ist, das ist, wenn jemand das Wort hört, und die Sorge dieser Welt und der Betrug des Reichtums erstickt das Wort, und er bringt nicht Frucht. (Mt 13,22) Aber noch, da hatte unser lieber Bruder einen trefflichen Freund, und ist dieser auch nie von Ehre und Anstand gewesen, so hat’s doch dafür gereicht, eine große Zeitung zu gewinnen, die sich die seelische Gefährdung, Lüge und Gehetz in alle Welt zu verbreiten, teuer bezahlen ließ – ich aber sage Euch, liebe Gemeinde, sie verbreiteten es in alle Welt, und wie sie es verbreiteten! Und denen, die von euch übrigbleiben will ich ein feiges Herz machen in ihrer Feinde Land, dass sie soll ein rauschend Blatt jagen, und soll fliehen davor, als jage sie ein Schwert, und fallen, da sie niemand jagt. (3Mo 26,36)

Hat unser lieber Bruder sich nun gemein gemacht mit den Sündern? Wer bei einem Vieh liegt, der soll des Todes sterben. (2Mo 22,18) Ja, denn er war ein Mann des Volkes, wie es INSM und Springer und Bertelsmann und die Waffenindustrie ihm auftrugen, und war er auch ein gehorsamer Sohn, der nicht abweicht von seinem Auftrage. Ich bin klüger denn die Alten; denn ich halte Deine Befehle. (Ps 119,100) Und so tat er manch Scherzens, vor allem mit Steuergeldern und vor dem bürgerlichen Pack, das da heißt Bundestag. Da huben sie an ein Geschrei, und hatte doch unser lieber Bruder gar nichts getan haben wollen und war also unschuldig, so drohten sie ihm doch, es gäbe ein Gesetz im Lande, dass er sich halten müsse an die Ordnung, auch wenn er gar nicht mit ihnen reden müsse, weil er so ein guter Mensch sei. Verflucht sei der Betrüger, der in seiner Herde ein Männlein hat, und wenn er ein Gelübde tut, opfert er dem Herrn ein untüchtiges. (Mal 1,14) Und siehe, sie haben schwer gesündigt und unserem lieben Bruder die Wahrheit ins Gesicht gesagt. Und da weinete er, dass frohlockten die Sünder, weil es so hübsch echt aussah, und waren frohen Mutes. Siehe, ich habe töricht und sehr unweise getan. (1Sam 26,21)

Ach, liebe Gemeinde, wie ungerecht ist doch die Welt! Der eine ist ein Frevler wider den Herrn und macht, was dem Herrn widerwärtig ist, Demokratie und noch viel schlimmere Dinge, und der andere, der anständig lügt und aus ehrlicher Gier betrügt, der darf nicht einmal Vergebung erfahren, obwohl er doch ausreichend gesündigt hat. Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft; und wer Lügen frech redet, wird nicht entrinnen. (Spr 19,5) Und also mussten wir das Schlimmste tun und unseren lieben Bruder in die Hände der Schächer geben, die da sind Oberstaatsanwälte und Landgerichtsdirektoren, und verurteilen nur im Namen des Volkes, wozu unser lieber Bruder gar nicht gehört, auch wenn er sich mit Fleiß und Eifer ihm angedienert hatte. Verhört Eure Brüder und richtet recht zwischen jedermann und seinem Bruder und dem Fremdlinge. (5Mo 1,16) Und schlimm stand es um ihn, da keiner sich finden ließ, der für ehrliches Schwarzgeld unserem lieben Bruder die Freiheit wieder verschaffte. Da nahm ihn sein Herr und legte ihn ins Gefängnis, darin des Königs Gefangene lagen; und er lag allda im Gefängnis. (1Mo 39,20) Da zürnete er wohl, doch wurde ihm gesandt ein Zeichen, dass er nicht plaudern möge, sonst geschähe ihm ein Übel, und gaben ihm eine Faustfeuerwaffe, Kaliber 9×19 Millimeter. Meine Hand hat mich erlöst. (Ri 7,2) Also stehen wir nun am Grabe unseres lieben Bruders, und wissen, dass er da nie wieder rauskommt, und so lasset uns frohlocken, liebe Gemeinde, denn wir sind unschuldig. Ja, unschuldig sind wir, denn keiner beweist uns das Gegenteil. So gehet hin und tut desgleichen.“





Kuddelschmuddel

7 12 2010

„Kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, ich bin da nicht zuständig, verstehen Sie? Und wenn ich zuständig wäre, dann wäre ich nicht kompetent. Natürlich, so handhaben wir das hier. Und die in Berlin machen dann Vorgaben: die verstehen nichts vom Internet, deshalb verbieten sie es ja auch.

Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, dann unterstützen wir das natürlich nur in den Fällen, in denen Ihr Unternehmen auch legal ist. Und da sind die Vorschriften für E-Business gerade ein bisschen kompliziert. Wir müssen ja sehen, dass Sie durch Ihre Berufstätigkeit keine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellen, wie zum Beispiel ein Atommülllager. Das werden Sie einsehen. Und wir müssen auf alle Fälle sicherstellen, dass Sie nichts gegen Kinder – ja, ich habe Ihr Führungszeugnis auch gelesen, aber das sagt gar nichts. Schauen Sie, normalerweise würde man sagen, der Mann hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen, der ist sauber; wenn Sie etwas mit Internet machen, dann ist das umgekehrt. Das müssen wir als Behörde auch berücksichtigen.

Schwierig, wenn Sie mich fragen. Das mit dem Gästebuch können Sie sowieso vergessen. Stellen Sie sich mal vor, dass da jemand irgendeine, sagen wir mal, das ist ja so gesehen auch kein rechtsfreier Raum, und da sind Sie dann schuld. Natürlich, so war das gedacht. Also wenn Sie jetzt als Betreiber nicht – Beweislastumkehr, das war das Wort. Besten Dank, ich verwechsle das immer mit dem Generalverdacht. Es ist ja auch zu schwierig, wenn man plötzlich feststellt, dass die meisten Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, die seit Jahrhunderten außerhalb des Internets stattfinden, überhaupt nicht verfolgt werden. Aber wenn Sie denen so eine virtuelle Wand zum Schmieren hinterlassen?

Das gilt jetzt nicht für Nachrichtensendungen. Oder irgendwelche redaktionelle Angebote, die zum Beispiel etwas mit Politik zu tun haben. Nein. Das sind ja dann auch solche, die eine Art regelmäßige Berichterstattung leisten – also das, wo man schon so eine Auseinandersetzung erkennen kann, nicht wahr, eine regelmäßige Sendung mit Text, nicht wahr – wenn das so regelmäßig ist, werden wir das nicht abmahnen, weil es keine Altersklassifikation hat. Wir werden es abmahnen, weil es regelmäßig ist und deshalb überhaupt keiner Altersqualifikation bedarf. Es gilt einfach als gewerblich, wenn Sie jeden Tag etwas schreiben. Sie verdienen gar kein Geld damit? Ja und? Seit wann muss denn ein gewerbliches Angebot gewerblich sein? Das sagt doch schon der Name?

Nein, hören Sie, das ist doch alles zum Scheitern verurteilt. Sie werden doch keinen Zubehörhandel für Kätzchen aufmachen, da haben Sie innerhalb einer Stunde die Abmahnanwälte am Hals. Kurzwaren? Lächerlich, das klappt nie. Damit sind Sie sofort wieder pleite. Die werden Sie an die Wand klatschen. Machen Sie in Schweinebildern, dann haben Sie ausgesorgt.

Nein, das ist kein Scherz. Jugendschmutz äääh… Jugendschutz, Sie verstehen? Früher musste man in Deutschland Sendezeiten einhalten. Doch, das war schon immer so. Oder ein Jugendschutz per Zugangsbeschränkung. Durchgehend geschlossen, wenn Sie verstehen. Da musste man dann auf die Nackerten aus dem Ausland ausweichen – die sind nicht in Deutschland, also kann man sie auch nicht verbieten. Spezielle Kenntnisse? Ach Gott, wissen Sie, was Ihnen ein Zwölfjähriger mit Hilfe einer Suchmaschine alles aus dem Netz heraussucht?

Und jetzt kommt Ihre Chance. Sie brauchen keinen teuren Schutzmechanismus mehr. Sie schreiben einfach Ab 18 drauf. Und dann lassen Sie den Jugendschutz-Filter den Rest erledigen. Kaufen? Programm? Wieso denn Sie? Das macht der Anwender, in dem Fall: die Eltern. Die werden sich das wahrscheinlich meistens von den Kindern zeigen lassen müssen, weil sie selbst mit der Filter-Software technisch überfordert sind.

Es muss alles bewertet werden. Alles. Und dann können Sie ja alles auch versehentlich falsch einstufen. Schauen Sie, Anwälte wollen auch leben und wählen die FDP.

Naja, wenn diese Dinger mal da sind. Bis jetzt wird ja alles für 6- und 12- und 16-Jährige gelabelt, aber es gibt noch keine Filter, die das dann auch umsetzen. Ihr Vorteil, wenn diese Bilder ins Netz stellen. Sie profitieren von dem Kuddelschmuddel. Der Gesetzgeber verlangt von Ihnen drei eiserne Türen mit gewaltigen Schlössern. Er schreibt Ihnen nur nicht vor, dass Sie die verschließen müssen.

Sie machen das freiwillig. Es sei denn, Sie machen das nicht freiwillig, dann wird man Sie eben dazu zwingen, das freiwillig zu machen. Sie sind in Deutschland, vergessen Sie das nicht.

Natürlich, die Kids knacken alles. Aber es geht noch leichter: sie schalten die Zugangsfilter einfach aus. Na klar, glauben Sie, ein Halbwüchsiger ließe sich ein Video von einer vollbusigen Stripperin entgehen, wenn er dazu dreimal unbemerkt etwas wegklicken müsste? Sie haben wohl keine Kinder?

Stellen Sie sich einen Portier vor, der ihr Haus bewacht. Ein netter, freundlicher Mann, hat hinter sich ein Stoppschild stehen, das wird aber nicht gebraucht (und es nützt auch gar nichts, die Leute können ja daran vorbeigucken), und er wartet dann auf die Einbrecher und fragt, ob er für die nicht mal eben die Alarmanlage ausschalten dürfte. Und dann schaltet er aus, und wenn der Einbrecher fertig ist, dann schaltet er die Anlage wieder ein und wünscht dem Einbrecher noch einen schönen Tag. Und falls Sie fragen, nein, die in der Regierung haben auch keine Kinder. Nur die Filter, die gibt es noch nicht.

Wenn Sie mich fragen: nehmen Sie harmlose Bilder und schreiben Sie Ab 18 drauf, als wär’s der schlimmste Schweinkram. Das reizt. Na, so erotische Fotos halt, Mizzi hat heute ihren Pullover nicht gefunden und war oben ohne, als der Fotograf kam. Das kennen Sie doch aus diesem Boulevardblatt, das ohne Altersfreigabe bleiben darf, weil es so viel seriösen Qualitätsjournalismus bringt. Und wenn Sie Glück haben, werden Sie sogar ein ernsthafter Konkurrent – oder glauben Sie, anständige Eltern würden ihre Kinder einfach so BILD angucken lassen?“