Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXV): Der Krieg gegen Drogen

31 07 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Prohibition war ein großer Erfolg. Keiner hatte mehr Zugang zu alkoholhaltigen Getränken, nur noch die, die es wirklich wollten. Während sich das Verbrechertum in den Metropolen allmählich zu professionalisieren begann und sein Business mit Gewalt durchsetzte, starben immer mehr harmlose Säufer an Billigfusel, vergälltem Sprit und Hinterhofplempe. Besser scheiterte nur der Krieg gegen Drogen.

Wüste Geschichten kursierten damals in den Gepeinigten Staaten: Afroamerikaner, Latinos und Mexikaner würden im berauschten Zustand über die weiße Frau herfallen, ein Muster, das noch heute von dementen Drecksäcken in Führungsposition für alles benutzt wird, was man sich auf Adderall aus der Hirnrinde rotzt. Weiße, so das Märchen, würden durch Hanfrauchen wahnsinnig und suizidal. Nach einem Zwischenspiel, in dem ein paar Millionen Soldaten auf Panzerschokolade die halbe Welt in Schutt und Asche legten, waren den die Schuldigen schnell gefunden. Linke Pazifisten und Schwarze, die sich kein Meth reinpfeifen wollten, um Vietnam in die Steinzeit zu ballern, mussten so schnell wie möglich diskreditiert werden. Dass von Adenauer bis Kennedy das politische Establishment weiter fleißig Speed schmiss – geschenkt.

Die Auswirkungen auf die Gesellschaft der großen Wirtschaftsnationen waren nie wirklich ein Geheimnis, mehr noch: die Gesetze des Marktes funktionieren geradezu vorbildhaft da, wo sie gar nicht funktionieren sollen. Die Nachfrage bleibt, da man den Drogenkonsum nicht einfach durch eine rationale Verbraucheransprache wegsteuern kann, denn Sucht (falls man partout pathologisieren will) ist eben kein unabhängig von anderen Stellgrößen kontrollierbares Phänomen; sogenannte legale Drogen wie Alkohol oder Nikotin fördern lediglich die kognitive Dissonanz, dass Missbrauch nur da vorliegt, wo eine Regierung sich im Kopfschrott der Ideologie verrennt. Weicht der Kunde auf potentere Produkte aus, steigt auch bei sinkendem Angebot der Preis, Herstellung und Vertrieb von allerhand Betäubungsmitteln wird ein attraktives Geschäft, und wie in der Prohibition weniger Wein und Bier, dafür aber mehr Schnaps erzeugt wurde, da mit raumsparend lager- und transportfähigem Alkohol die Marge optimiert werden kann, so füllen auch Designerdrogen aus dem Baukasten schnell und einfach die Kassen der Kartelle. Volkswirtschaft ist kein Hexenwerk. Wer hätte das ahnen können?

Die Erkenntnis, dass Korruption nicht nur auf Entwicklungsländer beschränkt ist, in denen Mohn und Coca kultiviert werden, ist ebenso neu. Keiner hätte für möglich gehalten, dass sie eine lukrativere Einnahmequelle als Sweatshops wäre oder als der Polizeidienst. Exakt so bekommt Gewaltherrschaft ein stabiles Fundament, allerdings nur da, wo die Industrienationen sie dulden. Die Gewalt in der eigenen Nachbarschaft übernehmen die Gangs, die Kriminalisierung und soziale Ächtung formten, da die Minderheiten eh zum Abschuss freigegeben worden waren. Natürlich schwiemelt sich das auch hier noch eine scheinbar wasserfeste Welterklärung zurecht, dass die ausgegrenzte Unterschicht ja mit dem Drogenkonsum schon angefangen hatte, als der rechtschaffene Herrschaftsapparat seinen Krieg noch nicht erklären wollte. Mit der Stigmatisierung und Kriminalisierung der verhassten Segmente wird der Prozess zum Perpetuum mobile und zum Ideal eines jeden Krieges, der sich selbst und damit die ernährt, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen, als andere zu unterdrücken und zu vernichten.

Der angenehme Nebeneffekt, der ökonomisch vor allem der Oberschicht zugutekommt, ist die Gefängnisindustrie, die absurd hohe Haftstrafen für Bagatelldelikte und den sicheren Nachschub an Delinquenten als gute Grundlage für den Reibach feiern. Was die Wirtschaft doppelt schädigt, die Stilllegung hunderttausender Arbeitskräfte bei hirnverbrannten Kosten, unterfüttert dann auch die rassistischen Vorurteile einer Politik, die Schwarze wegen ihrer Haftkarriere deklassiert, während der Drogenkonsum unter Weißen weiter verbreitet ist und von ihnen gesteuert wird. Das wird die Law-and-Order-Bullen in den Entwicklungsländern nicht kratzen, sie kopieren ungeniert die Gewalt der weißen Anführer, nur noch gewaltsamer. Da die Knäste in Kuala Lumpur nicht ganz so sauber sind wie eine JVA in Japan, gleitet das Verfahren oft in Menschenrechtsverletzungen ab, in Säuberungen, Hinrichtungsorgien und Schutzgelderpressung, um das nackte Leben zu retten. Der Mensch ist schlecht und verdient nichts Gutes. Wenigstens das kann man den Militärdiktaturen sofort glauben.

Natürlich könnte man den Markt austrocknen, indem man die Verbote aufhebt, die Konsumenten sozial betreut, den Stoff einer Qualitätskontrolle unterwirft, ihn hoheitlich abgibt und besteuert. So, wie man in einer ohnehin fragilen Wirtschaft auch die Existenz der Bevölkerung durch die Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens sichern könnte. Aber der schöne Krieg an allen Fronten, um die verdammten Minderheiten, die in der Summe eine Mehrheit sind, um sie alle zu knechten – denkt denn keiner an den schönen Krieg?





Drücker-Kolonne

21 05 2020

„Die Probleme mit dem Nachschub sind wirklich verheerend.“ „Großartig!“ „Epochal!“ „Und die Reserven?“ „Es gibt keine mehr.“ „Wirklich nicht?“ „Zumindest nicht von nennenswerter Menge.“ „Das ist hervorragend!“ „Meine Herren, Sie wissen, was das bedeutet: in Kürze dürfte Deutschland frei von Rauschgift sein.“

„Was aber gewisse Folgen haben dürfte, denken Sie nur an die vielen Süchtigen.“ „Solange wir die Wirtschaft nicht vollständig öffnen, gibt es auch keinen Flugverkehr mehr.“ „Und natürlich viel weniger Containerfracht.“ „Und damit schließlich und endlich auch weniger Drogenschmuggel.“ „Das ist schon klar, aber was machen die Süchtigen?“ „Entzug, was denn sonst?“ „Das kommt zwar ein bisschen plötzlich, aber was soll man machen, wenn es hinterm Bahnhof keinen Stoff mehr gibt.“ „Das wird aber schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.“ „Wissen Sie, wir betrachten das pragmatisch: diejenigen, die jetzt an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung versterben, wären früher oder später sowieso an einer Überdosis krepiert.“ „Eben, das ist mit Corona nicht anders.“ „Also hält sich der Schaden einigermaßen in Grenzen.“ „Bis auf die Volkswirtschaft.“ „Stimmt, die Dealer machen auch keinen Umsatz mehr.“ „Und die Suchtkliniken.“ „Aber schauen Sie, gewisse Opfer muss man halt bringen, und wir wollen doch gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

„Meinen Sie nicht, dass es Ausweicheffekte in der Drogenszene gibt?“ „Die Junkies könnten sich wieder mehr rezeptpflichtige Betäubungsmittel verschaffen.“ „Das wäre in den Szenebezirken schwierig, da unsere Kontaktverbote mittlerweile sehr gut greifen.“ „Stimmt, mal eben ein Tütchen in die Hand drücken geht nicht mehr.“ „Sie haben das im Griff?“ „Zumindest in den Großstädten sind die Drücker-Kolonnen unterwegs, denen entgeht so gut wie nichts.“ „Hervorragend!“ „Allerdings sind die meisten Medikamente inzwischen so stark im Preis gestiegen, dass nur noch wenige Leute sich das Zeug leisten können.“ „Also nur die Branchen, in denen Geld…“ „Genau.“ „Sie sehen, der Markt regelt das ausnahmsweise mal ganz im Sinne der Allgemeinheit.“ „Hervorragend!“

„Und wenn es doch wieder einzelne Bezirke gäbe, die mit Stoff versorgt würden?“ „Dann haben die Konsumenten neben der Beschaffung immer noch das Problem, dass sie die Ware bezahlen müssen.“ „Verstehe, die Gastronomie ist nicht mehr so einträglich.“ „Flaschensammeln fällt größtenteils weg.“ „Der Tourismus kommt zum Erliegen.“ „Damit sind Geschäftsmodelle wie Betteln oder Taschendiebstahl so gut wie tot.“ „Und wenn sich ein paar zusammentun und eine Bank ausrauben?“ „Wenn Sie mit einer Maske in eine Bank reinlaufen – falls man Sie überhaupt da reinlaufen lässt – meinen Sie, dass Sie da überhaupt als Bankräuber erkannt werden?“ „Außerdem ist ja der Nachschub abgeschnitten.“ „Es gibt keinen Markt mehr, das ist eben so.“ „Und wenn wir weiter lockern?“ „Das wird sich nicht umkehren lassen, diese drogenfreie Gesellschaft ist die neue Normalität.“ „Und dann wird man bestimmt auch bald wieder preiswerte Gummihandschuhe bekommen.“ „Richtig!“

„Wir müssen nur so reagieren, dass wir die internationalen Verflechtungen rechtzeitig in den Griff kriegen.“ „Der Warenverkehr aus Südeuropa dürfte mit dem Ende der Ausgangskontrollen wieder anlaufen.“ „Und chinesische Chemikalien sind auch bald wieder da.“ „Da müssen wir die Kontrolle behalten.“ „Wir setzen da eher auf den Gewöhnungseffekt.“ „Und solange wir Sucht weiter kriminalisieren, dürfte das auch gehen.“

„Trotzdem ist ja der Alkoholkonsum in den vergangenen Monaten erheblich angestiegen.“ „Was hat das denn damit zu tun?“ „Wollen Sie uns weismachen, dass in den Fixerstuben jetzt Riesling serviert wird?“ „So ein Blödsinn!“ „Man steigt nicht plötzlich von Heroin um auf Bier.“ „Irgendein Ersatzstoff wird halt immer genommen.“ „Das kann man aber gar nicht verhindern, oder wollen Sie die deutsche Brauwirtschaft deshalb lahm legen?“ „Oder den deutschen Weinbau?“ „Was für eine bekloppte Idee!“ „Das kann auch nur so einem Sozialfuzzi einfallen!“ „Wir haben im Moment nicht nur sehr viel mehr Gewalttaten, in deren Verlauf Alkohol eine Rolle spielt, die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle geht auch nicht zurück.“ „Das müssen Sie erst mal beweisen, ob so ein Herzinfarkt unbedingt mit den zwei Promille zu tun hatte.“ „Normalerweise sind es eher langfristige Erkrankungen.“ „Und dann müssen Sie auch noch unterscheiden, ob jetzt einer mit oder an Alkohol gestorben ist.“ „Das kann man doch kaum.“ „Wenn einer besoffen vom Dach fällt, dann kann dem auch einfach nur schwindelig gewesen sein.“ „Eben, oder der war einfach nur irre – was macht denn bitte ein normaler Mensch auf dem Dach?“

„Also geben Sie zu, dass sämtliche Versuche, eine suchtfreie Gesellschaft zu erzeugen, völlig sinnlos sind.“ „Jetzt kommen Sie mir bestimmt gleich mit Zigaretten.“ „Wir sollten alle Baumärkte schließen, die verkaufen Pinselreiniger!“ „Wenn die eins nicht werden, dann vermutlich arbeitssüchtig.“ „Ihre Diskussionsversuche in allen Ehren, aber es ist unsere Aufgabe, aus dieser Pandemie mit einer besseren Gesellschaft herauszukommen, und das geht am besten, wenn man das Übel an der Wurzel packt und alles herausreißt, was unser Land, in dem wir gut und gerne leben wollen, so schädigt, indem es uns auf der Tasche liegt und den Staat übermäßig viel kostet. Kommen wir zum nächsten Punkt: Arbeitslose. Irgendwelche Vorschläge?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXLIX): Rausch

18 07 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich war es wieder nur der Spieltrieb, der Ngg dazu trieb, die roten Beeren zu lutschen. Eine schmeckte unangenehm säuerlich, zwei führten zu leichten Schwindelgefühlen, mit einer ganzen Handvoll sah man, wie die Schmetterlinge in Zeitlupe tanzten. Die anderen waren davon zuerst nicht so begeistert, den das Zeug machte einen fürs Pleistozän ungewohnt derben Schädel, und man musste schon sehr genau aufpassen, dass man in den folgenden Tagen nicht versehentlich auf einen Säbelzahntiger trat. Andererseits entwickelte sich rasch die Gewohnheit, nach erfolgreicher Jagd ein paar Dinger in trauter Runde einzuwerfen oder sie sich bei Besuch in der Höhle reinzupfeifen, vornehmlich die großen, dunklen Früchte, wie sie Nggs Weib in der recycelten Nashornhirnschale kredenzte. Aus der dem einsamen Sabbern unterm Bärenfell wurde ein allgemein akzeptiertes Ritual, zunächst frei von gesellschaftlichen Zwängen und spirituellem Überbau. Der Rausch hielt, was er versprach.

Bis der Überbau irgendwann gesellschaftlich wurde, denn da hakten die bigotten Popelpriester mit Vergnügen ein. Nichts gegen Beerenkauen und eine Nase Kräutertee, aber nur für den zeremoniell zementierten Gebrauch, nur für geweihtes Personal und ähnliche Aluhütchenspieler. Der säkulare Zonk hatte die Pfoten vom Stoff zu lassen, er durfte sich allenfalls am lallenden Kuttenbrunzer ergötzen. Die Geschichte der Drogenverbote ist eine Rolle der mühsamen Konstruktion und Hege elitärer Warnschranken. Eine Rotte Schmarotzer aus dem militärisch-industriell-religiösen Komplex erklärt alles zum Feind, was sich gerne mal in der Freizeit in den Rausch abmeldet, erklärt die drogenfreie Gesellschaft zum Standard und bembelt sich selbst bei jeder Gelegenheit selbst die Birne zu, um zu verdrängen, dass sie eine vollkommen fehlerhafte Begleiterscheinung der Evolution sind. Dabei ist es gleichgültig, was sie verbieten. Denn es ist nur eine Frage der Herkunft, womit man sich das Hirn abklemmt. Diverse Sträucher, deren Grünzeug gekaut und geraucht lustige Geräusche im Riechzentrum verursachen, wachsen nur am Fuße bestimmter Berge auf gewissen Inseln, während andere Pilze sich nur weitab in anderen Tälern verbreiten. Die Tatsache, dass ein Großteil der Bekloppten gammelnden Fruchtzucker als Alkaloidspender nutzt, sagt noch nichts über deren natürliche Dominanz aus, geschweige über ein Recht, den Jahrgangschampagner aus Jouys-lès-Reims einem biologisch-dynamisch angebauten Kath jemenitischer Provenienz vorzuziehen. Sie verbieten nicht die Droge, sie verbieten den Rausch, der zwei unangenehme Effekte zeitigt, zunächst die innere Freiheit und die Kreativität.

Wer sich die guten alten Pflanzenbestandteile in die Blutbahn schwiemelt, schätzt meist deren sedierende Wirkung, die am Ende eines Werktages am Fließband die Gesamtsituation in deutlich hübschere Farben tauchen. Der freidrehende Verstand wird für eine Weile in den Schlaf geschickt und regeneriert seine Widerstandskräfte, um notfalls im Traum dem Vorarbeiter den Frontzahnbereich kalt zu verformen. Anarchische Kräfte sind oft kleiner als im Rückspiegel zu sehen, aber mit der korrekten Dosis Koks auf der Schleimhaut ist die notwendige Paranoia einsatzbereit, um die geistig nicht gesegneten Günstlinge der Gesellschaftsverhältnisse in Bewegung zu versetzen.

Der zweite Grund ist die daraus resultierende Unbrauchbarkeit abgelenkter Produktivkräfte für den Wirtschaftskreislauf. Wer kifft, baut keine Panzer. Genau so ist auch die schizoide Verstörung der Pseudoeliten zu erklären, die ihre saufenden Chefärzte und Sicherheitspolitiker im Crystalpalast locker wegschnieft, einen Straßenkehrer auf Dope aber umgehend einknastet – zur Warnung für die noch immer nicht genesene Herde, deren Löcken wider den Stachel mit Druck begegnet sein will.

Die Verteufelung des Rausches vornehmlich durch Ichlinge aus der in der Umlaufbahn des Sozialentzugs ist nur ein Disziplinierungsmittel, denn noch kann die Kaste der Kalkhirne weder den Schnaps noch die experimentelle Chemie wasserdicht verbieten, ohne sich selbst die Freizeit zu veröden. Und das ist auch der Schmerz, der den Schuss ins Knie liebevoll begleitet: den Rausch in seiner massenkompatiblen Form zu legalisieren hieße, die Macht des Edelproletariats offiziell in Frage zu stellen. Sie könnten das Bewusstsein des Angestelltenheeres nicht mehr schweigend steuern. Und sicher hätten sie mehr als ihr szenetypisches Päckchen daran zu tragen.

Ausgeschlossen scheint, dass sich Mechaniker und Handelsgehilfen einen Romanée-Conti hinters Zäpfchen gießen. Jedenfalls nicht ohne deutliche Hinwendung zum Spirituellen in der Gemeinschaft. Und einen Grund muss es ja schließlich geben, am Wochenende einen trockenen Roten zu nippen. Solange man danach beim Frühschoppen nicht wieder auf die Vorstandsvorsitzenden unter den Bänken tritt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCII): Die Drogen der Leistungsgesellschaft

5 07 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Leicht ist das Leben nicht für die trinkende Klasse. Wer den Stoff wirkungsorientiert in die Birne bembelt – und wer täte das nicht in unserer Zeit, die von Effizienzwahn geplagt und mit wenig Geduld gesegnet ist – könnte auch E10 in die Vene drücken, denn es kommt ja auf die Leistung an. Auch bei Drogen. Warum nicht, wir trimmen unsere Säuglinge zweisprachig zu philosophierenden Bodybuildern, schaffen uns neben dem Drittjob in der Frittenbude noch einen Staplerschein drauf und konstruieren Waschvollautomaten mit Überschall; was da aus dem Flusensieb suppt, war früher mal Textil, aber die Kiste ist nach dreißig Sekunden fertig. Warum sollen dann nicht auch unsere Drogen an die Leistungsgesellschaft angepasst sein.

Dass die Gesellschaft etwas als Droge auffasst, fällt nicht vom Himmel. Was das Bewusstsein gravierend verändert – man denkt, man könne fliegen, Börsenkurse vorhersagen oder sei als Bundesaußenminister geeignet – ist der gewünschte Effekt, weshalb man sich Sachen reinbimmelt, die der offiziellen Moral nicht zuträglich sind, was aber nicht trennscharf mit der Gesetzeslage kongruiert. So ist der Alkohol noch immer das beliebteste Hirnlösungsmittel der westlichen Hemisphäre, wenngleich in Form von Grand Cru und vergleichbaren floralen Stimmungsdestabilisatoren aus der zivilisierten Hochkultur nicht mehr wegzudenken. Nichtsdestoweniger resultiert der größte Anteil an Todesopfern im Straßenverkehr auf C-Abusus. Daneben würde jeder konservative Kommunalpolitiker in den genetisch eng verschränkten Alpentälern sofort Phenylpropanoide unter Androhung von Höllenstrafen vom Markt bannen, unwissend, dass Zimt und Muskatnuss die Stoffgruppe in höherer Konzentration erhalten als künstlich zusammengepappte Hipsterlollies. Und nichts bleibt gleich. Galt die Modedroge Kaffee im frühen 17. Jahrhundert noch als gefährlich und verrohend, wird sie heute im Discounter vertickt, wobei der Staat kräftig mitverdient, nicht anders als beim Tabak, heute verteufelt, früheren Jahrzehnten galt die qualmende Schlundöffnung geradezu als letztes verbliebenes Lebenszeichen. Den Hanf trieben die US of A und ihre europäischen Schoßhündchen den Verbrauchern aus, weil Nylon auf den Markt drängte: Schmoren im eigenen Saft war in den Zeiten der Wirtschaftskrise angesagter als nachhaltiger Anbau. Doch so einfach, wie es kompliziert aussieht, ist es nicht.

Es gibt gute Drogen, es gibt schlechte Drogen, wie es nach herrschender Doktrin auch nützliche und weniger nützliche Mitglieder der Population geben muss, und nicht zufällig hat es etwas mit der Stoffdynamik zu tun. Schlechte Drogen versprechen Entspannung, Transzendenz und Depersonalisation, sie hemmen letztlich das Funktionieren des Rädchens im Getriebe, denn wer würde einen kichernden Freestyleturner in sozial verantwortlicher Position tolerieren; am Ende ruft er noch zum Denken auf oder nimmt sich das Recht auf Tiefschlaf. Für den Zappelkasper reicht das bordeigene Adrenalin nicht mehr, aus der Tube gibt’s das Zeug auch nicht, also wird angekurbelt. Mit guten Drogen.

Gute Drogen, das sind die Zäpfchen fürs limbische System. Sie animieren uns zu noch mehr hektischer Aktivität, als wären unsere Fäden am Marionettenkreuz unzerreißbar. Sie wurden als Pervitin den Fliegern reingedrückt, die für den Bettnässer aus Braunau den Feind coventrierten, als Crystal Meth ballern sie nun dem Zimmermädchen die Marmel zu, damit sie ihren Drecksjob für die Leiharbeitszuhälter durchsteht. Als Ausgleich hauen sich die Sprallos den Stoffwechsel auf Halbmast, indem sie sich für den Freizeitstress Amphetamine reinschwiemeln. Die kognitive Dissonanz sagt uns, nicht alle dieser Teilchen werden in der Königsklasse gehandelt, aber ihre grobe Richtung zeigt eindeutig nach oben.

Denn nicht zuletzt sind Pillen und Pülverchen auch Geltungskonsum, die man wie überteuerten Schampus unter elitären Döödeln anbietet, um sich den Ruf einer elitären Mitgliedschaft im Club der Verdeppten zu erhalten. Die niederen Chargen popeln mit der feingehopften Sterbehilfe langsam die Synapsen zu, während die Oberschicht sich modische Moleküle in den Kreislauf kübelt – man gönnt sich ja sonst nichts. Schmeckt die Fluppe vom Bahndamm (Südseite) auch täuschend ähnlich, die mit silbern eingeschlagenem Filter aufgedrallte zieht sich eleganter, vor allem aus der Packung in der Tasche. Und nicht eben deshalb verbirgt sich hinter der einfachen Dialektik, im Würgegriff der Substanz eine größere Freiheit zu verspüren, auch gleich die nächste, die da heißt: natürlich ist man mit chemisch induzierten Rosinen in der Rübe erheblich viel leistungsfähiger. Muss man ja auch, denn wer nicht mit dem Messer im Rückgrat hyperaktiv, superkreativ und megainnovativ wird, warzt ab. Und hat ein Problem, weil er sich den nächsten Schuss nicht mehr leisten kann.

Am schönsten, am reinsten zeigt sich doch die Misere beim Doping. Auch das ist letztlich nur eine Droge, deren Verbot bloß kein lebensbejahender Bürokrat durchsetzen würde, weil er sonst drei Tage später Biomasse mit Madenbefall wäre. Jede Gesellschaft braucht ihre Vorbilder, kaputte Vorbilder sind wie geschaffen für eine Gesellschaft, deren Status der Zerstörung als Wert an sich betrachtet werden soll. Was wäre in einer von Bekloppten und Bescheuerten dominierten Welt auch mehr Vorbild als eine Rotte Mehlmützen, die einen kompletten Adventskalender von Ratiopharm durch die Lande radeln. Wir verdanken den Koksnasen die Krise und das eine oder andere Arschloch in höheren Regierungskreisen, das sonst als freischaffender Wanzenzüchter rasch abgetreten wäre. Wer will da behaupten, dieses System hätte ein Problem mit Drogen?





Haschmich

27 06 2012

„… zeige der Drogen- und Suchtbericht 2012 eine Verstärkung des Alkoholkonsums, wodurch sich zwingend die Bekämpfung von Cannabis, Internet und Computerspielen…“

„… die in Frankreich geltende Regelung einer freiwilligen Alkoholselbstkontrolle vor Antritt einer Fahrt zwar vollkommen sinnlos, werde von Bahr jedoch deshalb für einen Gesetzesentwurf als…“

„… betonte Seehofer den enormen Beitrag des Brauereigewerbes an der deutschen Wirtschaft, der nicht nur durch Export…“

„… sei Alkohol ein reines Naturprodukt, das auch nachhaltig erzeugt werden könne. Im Gegensatz zu Zigaretten, die bereits in einer industriell hergestellten Schachtel angeboten würden, sei Schnaps, abgesehen von der Flasche, ein vollkommen biologisch wirksames…“

„… stellte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans klar, dass die Präventionsmaßnahmen der Bundesregierung gezielt auf Risikogruppen ausgerichtet werden müssten. Vor allem sollten nun mögliche Wähler von Oppositionsparteien in…“

„… laut neurophysiologischer Forschung der Berliner Charité als Angstmacher enttarnt worden. Es bestehe angesichts der Bedrohungslage kein Grund, den Verzehr branntweinhaltiger Getränke zu…“

„… für starkes Befremden sorgte. Da der Islam historisch nicht zu Deutschland gehöre, sei der bundesrepublikanischen Kultur auch jedes Volk fremd, das den Alkohol ablehne. Dass Friedrich sich als Gast der saudischen Gesandtschaft, noch dazu stark angetrunken geäußert habe, sei als schwerwiegender diplomatischer…“

„… sei das Zentralkomitee der deutschen Katholiken eigens für den weltoffenen Umgang mit Alkoholika ausgezeichnet worden, der weit über die volkstümlich als Eucharistie bekannte Schorle-Verkostung hinausgehe. Altbischof Mixa habe hervorgehoben, dass dieses Brauchtum bereits…“

„… lehne die FDP den Vorstoß von Linken und Piraten zur Legalisierung von Cannabis entschieden ab. Zwar habe man sich einst selbst für eine weit gehende Entkriminalisierung stark gemacht, könne als Regierungspartei aber keinesfalls einen…“

„… prangerte Gauck vor einer Kompanie ausgenüchterter Zeitsoldaten an, für unsere glückssüchtige Gesellschaft sei der Normalzustand schwer zu ertragen. Kein Bürger mehr sei bereit, einen Vollrausch für Volk und Vaterland zu erdulden und ihn durch nationales Brauchtum…“

„… sei Hanf schon deshalb eine gefährliche Pflanze, die auf jeden Fall verboten bleiben müsse, da sie auf einer staatlichen Liste stehe mit verbotenen Pflanzen wie z. B. Hanf oder…“

„… habe das Bundessozialministerium angeregt, neben der mutmaßlichen Alkoholquote auch einen Anteil für Kokain von den ALG-II-Regelsätzen zu subtrahieren, wodurch mittels Rückzahlungen die Summe von…“

„… nach dem Erfolg der Aktion ‚Rauchen gegen den Terror‘ auch die Maßnahme ‚Saufen für das Betreuungsgeld‘ einstimmig annehmen wolle. Kauder dementierte, dass die Union überhaupt die Absicht habe, das Konzept ‚Kiffen gegen die Wirtschaftskrise‘ als geeignetes…“

„… dass IM Friedrich den fortgesetzten Alkoholkonsum als eine Frage der deutschen Ehre verstehe, um gegen die Anwesenheit islamistischer Kräfte in Deutschland zu protestieren. Das …“

„… lehnten die Grünen den Vorstoß von Linken und Piraten zur Legalisierung von Cannabis entschieden ab. Zwar habe man sich einst selbst für eine weit gehende Entkriminalisierung stark gemacht, könne als potenzielle Regierungspartei aber keinesfalls einen…“

„… zu einer ernsthaften Konkurrenz komme. Friedrich beziehe seinen Pegel einer täglichen Druckbefüllung mit Weißbier und Obstler, während Brüderle quasi fortwährend…“

„… würde eine Legalisierung von Hanf unmittelbar dazu führen, dass sich alle Menschen spontan entkleideten; dies sei aus ästhetischen Gründen abträglich für die Volksgesundheit. Nahles habe diese Position als sexistische Kackscheiße…“

„… dürfe nach Ansicht der Koalitionspartner keinesfalls eine Verschärfung der strafrechtlichen Bestimmungen bei einer Rauschtat kommen. Vielmehr seien dem Rauschtäter mildernde Umstände zuzuerkennen, da er durch seinen Konsum stabilisierend auf das BIP…“

„… nach empirischen Untersuchungen Bier als häufigste Einstiegsdroge genannt worden sei. Man könne demnach davon ausgehen, dass die meisten Drogenabhängigen bereits als Kleinkinder den festen Vorsatz gehabt hätten, Heroin zu…“

„… sei Friedrich inzwischen bei einer Blutalkoholkonzentration von gut vier Promille abgelangt, was man an Gleichgewichtsstörungen und gelegentlich falscher Wahl der Oberbekleidung konstatieren könne. Die Mitglieder der CSU-Landesgruppe hätten sich allerdings sehr befriedigt darüber geäußert, dass sich das Niveau seines verbalen Outputs nicht messbar…“

„… lehne die SPD den Vorstoß von Linken und Piraten zur Legalisierung von Cannabis entschieden ab. Zwar habe man sich einst selbst für eine weit gehende Entkriminalisierung stark gemacht, könne als ehemalige Volkspartei aber keinesfalls einen…“

„… werde die in den medizinischen Gutachten geforderte Mündigkeit der Konsumenten im Umgang mit Rauschsubstanzen nicht gerecht. Die Bundesregierung stellte klar, dass Mündigkeit nicht zu den erwünschten Eigenschaften der…“





Keine Macht den Drogen

17 11 2011

„… im Zuge der behutsamen Modernisierung der CDU auch die Freigabe von Rauschmitteln anregte. Das Präsidium reagierte nicht weniger panisch als die regierungsnahen Vertreter aus…“

„… zu spontanen Beifallskundgebungen aller Fraktionen, da nun keine Schutzbehauptungen mehr für die Drogenfunde auf den Toiletten des Deutschen Bundestages mehr…“

„… auf Ablehnung seitens der Opposition. Künast musste zwar zugeben, dass Die Grünen selbst sich für eine weit gehende Liberalisierung der Drogenpolitik ausgesprochen hatte, bezeichnete das Vorhaben aber aus Gründen der Fraktionsdisziplin als parlamentarisch nicht mehr…“

„… mit den Christsozialen nicht zu machen. Seehofer kündigte das Ende der Koalition an, wenn nicht eine Bestandsgarantie für das bayerische Brauhandwerk in den…“

„… noch nicht höchstrichterlich geklärt, ob die Legalisierung auch die Stoffgruppe der krümelähnlichen Substanzen umfasst sowie die…“

„… sich die Bombendrohung eindeutig zurückverfolgen ließ: der kurz zuvor aus der Union ausgeschlossene Lokalpolitiker Hans-Peter W. (57), Schnapsfabrikant in der vierten Generation und…“

„… natürlich einen anderen Stellenwert, da er sich nicht vorstellen könne, bei der Europäischen Union einen gesetzlichen Schutz für die Opfer des Passivkiffens zu…“

„… drohte die Tabakindustrie mit dem Abbau sämtlicher Arbeitsplätze in der…“

„… schreibe das Bundesgesundheitsministerium bereits eine Kampagne für weniger Drogenkonsum aus. Als Testimonials hätten sich Walter Mixa und Margot Käßmann bereiterklärt, die…“

„… keine Möglichkeit angesichts der aktuellen Sicherheitslage. Bundesinnenminister Friedrich lehnte eine fehlende Kriminalisierungsmöglichkeit aller Bundesbürger ab, forderte aber im Gegenzug den mit der Geburt einsetzenden Generalverdacht auszuweiten auf Delikte wie…“

„… ließen sich nach Aussage des FDP-Vorsitzenden gut in die Marktwirtschaft integrieren, unter der Voraussetzung, dass der Staat für die beteiligten Pharmakonzerne eine Gewinngarantie durch Subventionen in Höhe von…“

„… wolle die Regierung das Lecken an Exemplaren von Bufo marinus nicht unter Strafe stellen. Schäuble dämpfte jedoch die Erwartungen der Konsumenten. Solange er Bundesfinanzminister sei, werde es in Deutschland sicherlich nie Kröten in ausreichender Menge…“

„… betonte Sarrazin, der aufrechte Deutsche dürfe nur mit deutschem Bier einen Leberschaden zulasten der Volksgemeinschaft erwerben, nicht aber durch rassefremdes Gift wie Kath oder…“

„… müsse auf die Gefahren von Tee, Kaffee und Kakao mit Warnbanderolen hingewiesen werden. Im Gegensatz zu heroin- oder kokainabhängigen Personen verspürten Teesüchtige keinen gesellschaftlichen Druck, der die Droge als schädigenden Stoff…“

„… unter der Prämisse, dass auch Zucker zu den Genussgiften zu zählen sei, für Süßstoffe eine Substitutionstherapie bereitzustellen. Die Kassen lehnten das Ansinnen des Einzelhandels ab, künftig alle Nahrungsmittel durch Zuschüsse für gesetzlich krankenversicherte Konsumenten zu…“

„… nach einer psychologischen Studie FDP-Mitglieder generell nicht mehr geeignet seien für die mündige Verwendung von Drogen, da sie in ihrer Realitätswahrnehmung durch Parteitage und Wahlpropaganda bereits so stark geschädigt…“

„… auf Drängen der CSU zunächst Substanzen wie Iced Vanilla Shaken Mixoccino Arabica Blend mit dem Hinweis WIR WERDEN ALLE STERBEN zu…“

„… nur noch eine kontrollierte Abgabe in Apotheken zugelassen. Hinter dem Kölner Hauptbahnhof bildete sich innerhalb weniger Tage eine Schokoriegel-Szene von mehr als…“

„… einen EU-konformen Grenzwert der Blutkoffeinkonzentration, der das Fahrradfahren nach dem Frühstück nicht mehr…“

„… die Beratungsstellen mit mehr Service auszustatten. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Dyckmans empfahl eine verbesserte Weinauskunft, die in Kooperation mit deutschen Winzern eine genauere…“

„… sich als erster Erzbischof dazu bekannte, nur für den Weihrauchkonsum ein geistliches Amt angestrebt zu haben. Eine Entkriminalisierung der Inhaltsstoffe wäre aber andererseits dazu geeignet, die tägliche THC-Dosis außerhalb der Kirche…“

„… dass Söder Ausfuhrbeschränkungen für bayerische Fliegenpilze abhängig machen wolle von einer Mautregelung des…“

„… neben Kneipen und Raucherzellen inzwischen auch die sogenannten Schokostuben als Drogenkonsumräume in den…“

„… nach der Liberalisierung der Sedativa für den Privatgebrauch erhebliche Mengen auf dem Schwarzmarkt erhältlich. Die CDU bestätigte, dass Merkel die Mittel vorher zur täglichen Konservierung Ihres Gesichtsausdrucks…“

„… für den Hang zu Polytoxikomanie, dass über die Hälfte der Testpersonen während des Zeitraums seit 2003 Substanzen wie Milchkaffee und Nussschokolade parallel…“

„… ebenso eine Freigabe von Psychedelika als nicht erforderlich eingestuft. Nach Genuss einer einzigen Rede des Vizekanzlers stelle sich bei durchschnittlichen Probanden eine Wirkung wie…“





Zugedröhnt

14 07 2009

„La-laa-laa-lallalalla-laaaa… Elvira España… la-lalla… hups! lallla… lala… Elvira… hick!“ „Sagen Sie mal, was hat denn der Kerl bloß intus? Der ist ja voll wie eine Haubitze!“ In der Tat erweckte der Proband den Eindruck, als sei er kurz nach dem Verlust der Muttersprache auch schon völlig im Eimer. Der junge Mann torkelte wie besinnungslos durch den Versuchsraum, wobei er zielsicher in die Stapelstühle lief. Seine Beine stotterten. Er hielt sich mühsam aufrecht und vollführte mit den Armen grobmotorische Gestik. Professor Geelhaar betrachtete es mit der akribisch-mitleidlosen Kälte des Wissenschaftlers. Es störte ihn durchaus nicht, dass sich der jugendliche Delinquent gerade das Nasenbein empfindlich an der Trennscheibe eingedellt und den Steiß an einem der Holzhocker angehauen hatte. „Sie erleben hier eine Sensation“, erläuterte der Psychologe, „die Drogenforschung steht vor einem entscheidenden Durchbruch.“

Man hatte den armen Kerl offensichtlich mit Fusel betankt und dann in den Raum gesperrt. „Aber nein! Sehen Sie die Nasenstöpsel?“ In der Tat, der Saufkopf hatte zwei weißliche – sie waren einmal weiß gewesen, jetzt spielte die Farbe eher in einen Grünton – Pfröpfe in den Nasenlöchern. Was hatte das zu bedeuten? „Wir verabreichen ihm die Substanz durch die Nasenschleimhaut.“ Also hatte der hier eine halbe Schnapsfabrik geschnieft?

Kevin Koczanowski, das Versuchskaninchen mit dem Druckpegel in der Blutbahn, hatte keinen Korn in der Nase. „Es handelt sich um neuartige Substanzen, die sich sehr genau dosieren lassen. Wir arbeiten noch an den Nebenwirkungen. Aber es lässt sich schon gut einsetzen.“ „Das ist unverantwortlich, Herr Professor“, wandte ich ein, „morgen wird er einen ungeheuren Brummschädel haben, wenn er diese Alkoholvergiftung überhaupt übersteht!“ „Es ist aber gar kein Alkohol! Es ist ein Surrogat. Wir testen in dieser Versuchsreihe, wie die Drogen in der jeweiligen Dosierung und mit ihren entsprechenden Zusatzstoffen wirken. Besser als eine klinische Studie mit Ethanol intravenös. Und viel exakter.“ „Und was hat er sich nun in die Nase gepfiffen?“ „Industriealkohol, Würfelzucker, Konservierungsmittel und künstliche Farbstoffe, vermischt mit naturidentischen Aromastoffen.“ „Sie meinen Sangria?“ Geelhaar nickte. „Sie beginnen langsam zu begreifen, mein Lieber.“

Wir wanderten ein Fensterchen weiter. Von fern hörte man die Schnapsdrossel herumkrakeelen, er musste bereits eine Blutalkoholkonzentration haben wie ein Maurer nach drei Tagen Ballermann ohne feste Nahrung. „Achten Sie auf die Artikulation des Probanden.“ Der Mann mit der Vogelnestfrisur schwatzte ununterbrochen. „Wir können die bereits im letzten Quartal optimierte Positionierung der Me-too-Streichwurstprodukte konsolidieren, indem wir den Double Insight des Mainstream-Consumers über ein Sound Branding tangieren.“ Es kam mir seltsam bekannt vor, aber ich schwieg. Zu peinlich war die Situation. „Wenn wir jetzt in Time-to-market den Target des integrierten globalen Marketing erreichen, können wir aktiv daran arbeiten, die zielgerichtete Qualität von integrierter Markenweltkommunikation mit strategischen Innovationen zu synchronisieren. Der Reason-Why kann uns helfen, die Synergien von Penetration und engpasskonzentrierten Szenarien zu dynamisieren!“ Mich fröstelte. Was hatte man dem Ärmsten bloß gegeben? „Gar nichts. Als wir anfangen wollten, haben wir festgestellt, dass er bereits völlig zugekokst war.“

Die nächste Kandidatin schlief fast im Stehen ein. Mit herabhängenden Mundwinkeln leierte sie eine fade Litanei herunter. „Aber auch von innen ist die Europäische Union ein wunderbares Haus.“ Ihre Augen klappten zu. Ruckartig riss sie sich in die Höhe. „Es ist die Toleranz. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz.“ „Was haben Sie denn mit der gemacht?“ „Sie werden es nicht für möglich halten: Chloroform! Unglaublich, was sie alles verträgt. Wir haben es in sie reingepumpt wie in einen Schwamm, und sie steht immer noch – naja, Stehen… also so halbwegs – und seiert ihren Sums herunter.“ „Ja, meine Damen und Herren, die Toleranz ist eine anspruchsvolle Tugend. Sie braucht das Herz und die Vernunft. Sie verlangt uns etwas ab. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz. Toleranz. Toleranztoleranz. Toleranz. Ranz. Anzanz. Anz.“ Erschüttert ging ich hinaus.

Das Männchen geiferte und kreischte. Es schüttelte drohend mit der Faust. „Deshalb ist es, auch im juristischen Sinn, eine verleumderische Behauptung, ich hätte serienweise Gesetze vorgelegt, die vom Verfassungsgericht kassiert worden sind! Das trifft auf Gesetze früherer Regierungen und auf Ländergesetze zu! Von mir gibt es kein Gesetz, das von Karlsruhe kassiert werden musste!“ Ich fühlte ein Würgen in meiner Kehle aufsteigen, doch Professor Geelhaar legte mir besänftigend die Hand auf die Schulter. „Ich bin für die Achtung der Verfassung in der Bundesregierung zuständig!“ „Nun, nun! Sie müssen nichts fürchten. Erstens kommt er sowieso nicht aus dem Rollstuhl, und zweitens ist das hier Sicherheitsglas.“ Das Männlein schrie und spie. Speichelfäden rannen von seinen Mundwinkeln. „Ich rate jedem, mich nicht als permanenten Verfassungsbrecher zu verleumden!“ „Sagen Sie mal“, fragte ich, „was haben Sie dem denn gegeben? Heroin? Ketamin? LSD?“ Der Psychologe blickte mich erstaunt an. „Gegeben? Wir haben doch bloß seine Medikamente abgesetzt!“