Verschwurbelt

20 08 2009

Artig verbeugte sich Ernst Möppcke. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Nein, nicht hier. Auf dem Einpersonenstahlrohrsitzmöbelstück.“ Für einen Moment war ich irritiert, doch dann fiel es mir wieder ein. Ich war ja im Amt für Worthülsen.

„Ja, dann erzählen Sie mal. Sie haben schon einschlägige Erfahrungen gesammelt?“ Ich konnte es nicht verneinen; so manches Geschwurbel war mir im Verlauf meiner Karriere aus der Feder geflossen, mitunter schwer, bisweilen gar nicht verständlich. Einige Verbalungetüme klangen nach fürchterlicher Denkverrenkung, andere waren reines Lautgeklingel und bar jeden Inhalts. „Dann werde ich Ihnen zunächst mal einen kleinen Einblick in unsere Abteilung geben, damit Sie wissen, worin Ihre Tätigkeit hier bestehen wird. Sie werden also neue Worte erfinden, die möglichst sperrig sind oder aber vollkommen sinnwidrig.“ Wozu man das denn brauche, fragte ich Möppcke. „Nun, da gibt es vielerlei Anwendungen“, erläuterte der Amtmann, „zunächst hätten wir da den großen Bereich von Justiz und Verwaltung. Wissen Sie, was das ist?“ Und er zeigte mir ein Bild. Ich antwortete aufs Geratewohl. „Ein Löffel?“ „Oh, Sie müssen noch gründlich eingearbeitet werden“, seufzte Möppcke, „dies ist nämlich ein Eierschalensollbruchstellenverursacher.“

„Und das soll jetzt der Verwaltung helfen?“ „Ja sicher! Was meinen Sie denn, wie dort gearbeitet wird? Man muss eine Sprache haben, bei der der Außenstehende bestenfalls Bahnhof versteht – sie können ja nicht jeden Matschgraben im Amt für Straßenreinigung als solchen bezeichnen, der Bürger wüsste doch sofort, worum’s ginge! Nein, ganz unmöglich. Wir sagen dazu: Schnittgerinne. Da weiß kein Mensch mehr, was das sein soll, und es hört sich sehr amtlich an.“ Ich blickte skeptisch auf die Liste der neu zu erfindenden Worte. „Und Sie kreieren tatsächlich für jeden banalen Unsinn ein neues, unverständliches Fachwort, damit keiner mehr weiß, worüber gesprochen wird?“ „Ja, wollen Sie mal sehen?“ Möppcke legte mir eine Liste vor. Von Schuldistanz war dort zu lesen – wir nannten das früher Schwänzen – und von einem Unterbeinschenkel, als gäbe es an Oberarmen und Überbeinen auch ebensolche. „Sie begreifen, wir machen die Sache so wunderbar kompliziert, ohne uns gäbe es kein ordentliches Amtsdeutsch. Und dann der zweite Bereich. Wir arbeiten für Industrie und Wirtschaft, also für die Presse, Sie verstehen?“ „Das Gefasel, was die Konzernchefs in den Pressekonferenzen absondern?“ „Sie haben es erfasst!“ Möppcke strahlte.

Das Register umfasste neben Zufallspiraten (der Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft bezeichnet damit alle die, die zwar legal ihre Tonträger für einen tragbaren Spieler rippen, aber immerhin rein theoretisch die Dateien auch weitergeben könnten – was ja meist zufällig passiert) und dem Verwesungsfilm (den Hartmut Mehdorn erfand, um die Verspätungen im Herbst zu erklären, was bei massenweise auftretenden Personenschäden logisch gewesen wäre, aber bei matschigem Laub, das die Rutschfähigkeit der Radreifen steigert, doch seltsame Assoziationen mit sich brachte) auch die Leistungsverdichtung. Physikalischer Vollquark, wenn man damit jedoch die Verlagerung der Arbeit auf die noch nicht entlassenen Fabrikkulis meint, durchaus logisch.

„Ja, und dann natürlich auch noch unser größter Bereich: die Werbung.“ Ich begehrte auf. Keine anständige Werbeagentur würde für Sprachschrott bezahlen. „In der Tat ist es so“, korrigierte mich Möppcke, „dass wir den Textabteilungen unter die Arme greifen müssen. Es sitzen da manchmal hoch qualifizierte Menschen, denen eine Dämlichkeit wie Funktionshose oder Farbwechseleffekt nicht einmal im Vollrausch einfiele.“ „Farbwechseleffekt“, echote ich. „Jawohl, der Farbwechseleffekt. Das ist so eine Plastikfigur, die man unter den Wasserhahn hält, und dann werden die Haare pink. Natürlich hat das keinerlei Effekt im reinen Sinne, aber darum geht’s ja: der Kunde will vergackeiert werden. Darum erfinden wir gutelaunige Möbelevents und Kinderautositze – kapieren Sie, worum es geht? – und die Rieselhilfe.“ Rieselhilfe? „Der Pappklapper, damit Sie Salz in den Geschirrspüler kippen können. Das rieselt auch von alleine, nützt beim Dosieren gerade mal gar nichts, aber es hört sich natürlich ungeheuer komfortabel an.“

Möppcke schlug den Aktendeckel zu. „Schauen wir mal, was Sie so können. Was fällt Ihnen ein zu einem Fertiggericht aus Schweinefleischstreifen, Paprika, Pilzen und Zwiebeln?“ Ich grübelte einen Augenblick. „Fitness-Pfanne!“ Der Spracherfinder war’s zufrieden. „Und die Wettervorhersage für Deutschland?“ Ich musste nicht lange nachdenken. „Business-Wetter.“ Er runzelte die Stirn. „Das müssen Sie mir erklären. Das klingt ja nach Börsenkurs und Geschäftsklima.“ „Wer sich für Niederschlag und Temperaturen von ganz Deutschland interessiert, muss viel unterwegs sein, sonst hätte er ja bloß Bedarf für die regionale Vorhersage. Und wer gondelt ständig quer durch Deutschland? Der nimmermüde Geschäftsmensch.“ Möppcke lächelte zufrieden. „Sie sind pfiffiger, als ich dachte. Hut ab! Eine letzte Kostprobe noch.“ Damit zeigte er nach hinten, wo das Schwarz-Rot-Gold als staatskonformer Wandbehang die Amtsstube zierte. Ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Nationalhoheitssymboltextilraumschmuckelement!“ Er erhob sich und drückte mir mannhaft die Hand. „Herzlich willkommen im Amt für Worthülsen!“





Quatsch mit Sauce

6 02 2009

So oft isst man ja nicht auf Firmenkosten, aber wenn mich Miehlke von der Agentur Partner Partner Friends & Partner einlädt, kann ich nicht ablehnen. Vorausgesetzt, ich habe die Wahl der Örtlichkeit. Und so musste ich mich diesmal wohl oder übel beugen, als Miehlke einen neuen Fresstempel in der Nobel-Preisklasse vorschlug. Mir schwante Schlimmes. Und wahrlich, es sollte noch schlimmer kommen.

Miehlke und ich, wir saßen vor dem Menü und suchten nach Präpositionen, um das Grauen anschaulich zu beschreiben. Ein Potpourri der Scheußlichkeiten im Dialog mit schlechtem Geschmack, hochgequirlt zu einem Crescendo von semantischem Vakuum an blassem Wasserdampf.

Eine schlechte Speisekarte ist wie der Gang zur Wahlurne. Vorher klingt noch alles vollmundig und grandios. Güldene Landschaften, blühende Berge werden dem Gast versprochen. Hinterher will’s dann keiner gewesen sein. Traurig weinen welke Strünke vom Teller, der Koch aber sagt: Wahl-Versprechen? Ich habe mich nicht versprochen. Da haben sich bloß alle verhört.

Weil wir die Speisekarte nicht verstehen. Diese Auslage zu lesen ist eine Kunstform für sich und hat mit der deutschen Sprache nur noch ganz am Tellerrand zu tun. Es klingt wie Eischnee, besteht zum überwiegenden Teil aus heißer Luft und sackt in sich zusammen, wenn man den Löffel falsch ansetzt. Der Gast ist der Dumme, und ein jüngstes Gericht folgt dem anderen.

So auch hier. Der Oberstkellner, ein schlecht gekämmter Haltungsschaden in Schürze mit einem Quartalslohn, der unserer Zeche knapp entsprach, empfahl uns arrogant die Tranche vom US-Filet mit Essiggemüse und Kartoffel-Baumkuchen. Wie ungünstig, nebenan wurde just eine dünne Scheibe toter Kuh mit Kürbiswürfeln und einem Klecks Püree aufgetischt. Wir dankten. Was nun der Menü-Majestät weder Umstand noch Beine machte: der Kunde ist König, aber regieren tut der Domestik.

Nichts gegen die gehobene Gastronomie. Nichts gegen den Kellner, der bei der Bestellung ganz unbeteiligt in die Gegend blickt und leise sagt: „Wir hätten da einen Zander auf der Karte. Allerdings erst morgen.“ Und irgendwie schafft es der Fisch dann auch auf den Tisch. Was an den Nerven sägt, ist dies „Dings an…“ und „Bums von…“ bis zum Unerträglichen und weiter. „Dialog von…“ – rhabarbert da der Spargel dem Spinat einen Blumenkohl an die Rübe? Igitt. Ich rede doch auch nicht mit vollem Mund.

Es geht damit los, dass man einfachste Zutaten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein klarer Verstoß gegen Vermummungs- und Verdummungsverbot. Die Bratkartoffeln sind inzwischen durch die Bank Pommes risolées und jedwede Bohne heißt Kenia mit Vornamen. Den Unterschied zwischen Karotte ist Möhre längst erfolgreich verdrängt. Alles Quatsch mit dünner Sauce.

Da wird tomatisiert und rosmariniert, was der Pfefferstreuer hergibt (der ganz nebenbei auf den Sondermüll gehört oder noch besser gleich in die Umlaufbahn). Maggi am Salat? Nennen Sie’s halt Imaginationen von Grünzeug. Welche Tricks lassen sich Kindertellerhersteller für ihre unverbrüchlichen Schnitzel mit Erbsen und Wurzeln noch einfallen? Jungmastsauenschnitte mit grünem Hülsengemüse und blanchierten Wilddoldensprossen an tomatisiertem Invertzuckersirup?

Dieses elende Kleinklein, um groß zu tun. Kostproben gefällig? Marinierte Kohlrabistreifen (drei Kinderdaumen unter Béarnaise, und wer weiß, was eine Marinade ist und tut und soll, legt kein Gemüse hinein), frische Feigen (wer das betont, hat auch sonst genug zu verbergen), Wildlachsdukaten (wir schneiden das klein, damit wir nicht am Gehalt sparen müssen), hausgemachtes Dressing (der Rest kommt aus der Tüte), doppelte Selleriekraftbrühe (erstens ist die stets auf Knochenbasis, zweitens ist eine Kraftbrühe immer doppelt), Fächer von der Dorade (der Beikoch hat zwar ein Messer, kann die Scheiben aber nicht auf dem Teller anordnen), Wachtelbrüstchen (im Gegensatz zu Truthahnbrüstchen schon im Naturzustand en miniature, wozu noch ein Diminutiv?), Riesenraviolone (hier das umgekehrte Verbrechen, moppelnd gedoppelt), Saisonsalate (die Radieschen kommen nicht aus TK-Land), Fischpralinée (sic, genau jetzt, Maître, rächt es sich, wenn man kein Französisch kann), österreichischer Kaiserschmarrn (ich nehme sonst immer chilenischen), Composition von Nougat, Chocolade und Vanille (bitte als Kontrapunkt im Seitensatz die Reiherfeder nicht vergessen). Geht der Kellner, ist der Gast bedient.

Man sollte zurückschlagen. Man sollte den Kellnern antworten in der Sprache, die sie verstehen. Wenn sie nicht verstehen, dürfen sie ruhig nachfragen. Wir sind da nicht so. Dialog von Seelachsmatsch und Paniermehl im Altfettbratbett? Hieß früher mal Fischfrikadelle. Variationen von Jagdwurst diverser Alterungsstufen an Sauce de Mahón mit Vinaigrette-Gurkoiden und Zwiebel-Haschee? Bitte um Fleischsalat. Man will ja der Küchenhilfe an und für sich nichts Böses, aber wer diese Speisekarten schreibt, hat den Intellekt einer Tüte Paniermehl, pardon: händisch Rindengebröseltem von der hausgemachten Weizenbackwarenkrume.

Beim nächsten Mal werde ich die Karte mit einem Knall zuklappen und sagen: „Bitte ein Schnitzel, und nageln Sie’s dem Koch ans Bein.“