Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXIII): Der Weltuntergang

9 11 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seit Anbeginn der Kulturen haben sich die Menschen für die Welt interessiert, das heißt: für die Grenzen ihrer Welt. Ob Scheibe oder Kugel, sie haben über deren Werden und Vergehen gesonnen, wie es ihnen der Kreis der Natur vorgab, über Schöpfung und Tod im großen Maßstab. Die Sache mit dem Urknall scheint der Kurzstreckendenker langsam gerafft zu haben, doch was es mit dem anderen Pol auf sich hat, das steht auch auf einem anderen Blatt. Alles hat ein Ende, nur die Welt hat mehrere, je nach Wasserstand und Grad der kognitiven Belastbarkeit.

Der Weltuntergang war schon immer ein Sujet, das sich nicht auf literarische Verarbeitungen beschränken ließ, obzwar er nur hier fruchtbar und erträglich sein kann. Das Aufbrechen der Erde, Tunguska und Tsunami in einem Aufwasch, ohne dass der zivilisierte Depp eigens Bomben schmisse oder seinesgleichen im Meer verklappte, all das regt die Fantasie an, führt zu Kassenschlagern in der Filmbranche, aber nicht zur Rückkehr in den Urzustand. Der Big Crunch findet vorerst nur auf dem Papier statt, und nicht einmal da ist man sich sicher. Bevor die Hirnprinzen von der Existenz der Gammablitze wussten und in Lichtjahren zu rechnen wussten, entwarfen sie wirre Konstrukte der Demontage, laut, schmerzhaft und gründlich.

Große Geister waren vor dem Hokuspokus nicht gefeit. 1532 kündigte Luther das Finale an (nichts passierte), 1538 rollte er eine runderneuerte Version der Prophezeiung durchs Dorf (nichts passierte), und 1541 versuchte er es zum dritten Mal (nichts passierte). Sir Isaac Newton verlegte sich in weiser Voraussicht auf das Jahr 2000, wohl wissend, dass er dann den kompletten Übertritt zur Biomasse vollzogen haben dürfte. Beda Venerabilis, diverse päpstliche Legaten und Bischöfe wussten es ganz genau. Und nichts passierte.

Die Wahrscheinlichkeit hat sich seitdem nicht verändert. Die Szenarien gleichen sich durch Zeit und Kulturräume, und doch spiegeln auch sie nur ein antiquiertes Weltbild, im vorwissenschaftlichen Zeitalter erfunden und gründlich überholt. Natürlich stürzen heute seltener Kometen zur Erde – auch wenn die Variante nicht auszurotten ist, diverse Sekten halten sie noch immer für millimetergenau steuerbare Marschflugkörper – und es fällt eher eine Raumstation auf Paris, aber beides ist so blöd wie langweilig. Kein Himmelskörper nähert sich dem Sonnensystem in Überlichtgeschwindigkeit, keiner schleicht sich von hinten an und überlistet die Astronomen, schwarze Löcher entstehen nicht ad hoc zwischen Merkur und Erde; die Gruselmärchen entbehren astrophysikalischen Anfängerwissens, sie gehören in die Tonne getreten. Gleich daneben kommen die abstürzenden Raumschiffe, die immer und überall nur zielgerichtet das Zentrum einer Millionenstadt treffen, statt ordnungsgemäß beim Eintritt in die Atmosphäre zu verglühen. Die Fantasien gehen nur mäßig mit den Vorstellungen einer jeweiligen Zeit: Blutregen und Erdbeben, Magnetismus, Aliens und explodierende Vulkane unter dem Meeresboden sind letztlich nur verschiedene Facetten für eine einzige Urangst vor dem Irrationalen, das sich über die Vernunft und ihr Bedürfnis nach Kontinuität hinwegsetzt.

Gerade deshalb nutzen nicht wenige Ideologen, Religioten und andere geistig verdackelte Despoten das Inferno als willkommenen Anlass für eigene Zwecke. Wo sich ungewisses Dunkel auftut, blinkt selbst das Glühwürmchen noch hell genug, um einen Eindruck zu hinterlassen. Wahn, Macht und Rache, verschwiemelt zu gärender Pampe, mutieren zur Ausgeburt des Dämonischen, und das meist mit den einfachen Mitteln, die die Kanalisierung der Ängste hervorbringt. Das endgültige Strafgericht wird aufgebläht zur Sündenkeule, da jeder Mensch seine ihm eingehämmerte Verfehlung hat – die paranoiden Moralvorstellungen der organisierten Transzendenzprovider sorgen schon dafür, dass jeder mit den Zähnen klappert, der möglicherweise das Abschmieren dieses Planeten miterleben muss. Furcht ist als Triebfeder durch nichts zu ersetzen, und was ließe sich da besser verwenden als die Synthese sämtlicher Horrorvorstellungen, die den Zweibeiner in die kollektive Psychose zu treiben geeignet wäre? Sie werden alles tun, alles bezahlen, sie werden brav wie Lämmer sein, und sie lassen sich sogar damit abspeisen, dass sie mit den Abfallprodukten ihres Therapiesurrogats die eigene Sterblichkeit rationalisieren können. Denn wie entkommt man dem Ende der Welt? Lebend jedenfalls nicht.

Und wer wird es erleben? Angesichts der Tatsache, dass die gesamte Hominisation im Lauf der interplanetarischen Begebenheiten eine Art Schrecksekunde darstellt, die auf einigermaßen solider Datenbasis erahnen lässt, dass es sich um eine evolutionäre Fehlentwicklung handeln könnte, wird es nicht glaubhafter, dass ausgerechnet in diesem Äon das Licht ausgeknipst wird. Menschen erfinden Weltuntergänge nach ihren eigenen Maßstäben, denn die Beschreibung des Weltendes ist auch nicht viel mehr als eine Beschreibung der eigenen Welt, wie wir sie kennen. Sicher wird dereinst das Zentralgestirn seine Wasserstoffvorräte fusioniert haben und flugs zum Heliumbrennen übergehen – sollte es der Bekloppte nicht vorher geschafft haben, den Planeten in ein FCKW-verseuchtes Atomklo zu verwandeln, spätestens dann hat er keine Probleme mehr, über die sich eine gründliche Meditation noch lohnen könnte. Dann wird endlich Ruhe sein. Schade, dass wir sie nicht mehr genießen können.





Irgendwie auffällig

26 07 2011

„Ob sich Ihr Sohn auf der Liste befindet? Liste? Welche Liste? Eine Liste für – hören Sie, gnädige Frau, diese Liste gibt’s ja gar nicht, die kann es nicht geben, weil es sie nicht geben darf, verstehen Sie, und außerdem habe ich wegen Datenschutz gar keine Sicherheitsfreigabe, um in die Liste zu…

Ganz recht, gnädige Frau, Datenschutz. Nur für die Presse machen wir ab und zu eine Ausnahme. Weil die Daten von denen, die gemeingefährlich oder irgendwann mal gemeingefährlich, das ist ja noch nicht raus, ob da wirklich eine Gefahr von denen ausgehen könnte, deshalb brauchen wir ja diese Liste jetzt schon. Damit man dann später sagen kann, dass man den Täter schon hätte kennen können. Wegen irgendwas. Das macht dann viele Dinge auch einfacher. Schuldzuweisungen an die Datenschützer beispielsweise. Oder die, die da jetzt der Ansicht sind, nur weil man da nichts wusste, hätte man nicht bei anderen irgendwas entdecken können. Darum auch diese Liste jetzt für Personen, die irgendwie auffällig sind.

Ja, irgendwie halt. Fragen Sie mich nicht, was jetzt ‚irgendwie‘ heißt. Oder ‚auffällig‘. Ihr Sohn ist zwei Meter groß? Das hat nichts zu sagen, gnädige Frau. Unsere Abteilung für Vererbungsforschung hält sich da raus. Der Datenaustausch funktioniert nämlich nicht immer. Wichtig wird es, wenn man feststellt, dass da mehrere einzeln nicht auffälligen Auffälligkeiten auffällig oft auffallen. Körpergröße zwei Meter, deutscher Staatsbürger, männlich – Ihr Sohn ist doch männlich? weiß man das heutzutage? – das ist ja einzeln so noch nicht schlimm. Aber wissen Sie, ob nicht in der Kombination irgendeine Gefahr lauern könnte, und sei es aus reinem Zufall? Ich meine, es ist rein theoretisch ja nicht auszuschließen, dass ein zwei Meter großer Mann irgendwie auffällig wird. Sogar als Deutscher!

Student, das heißt noch gar nichts. Gnädige Frau, dass Ihr Sohn studiert, ist zwar noch kein belastendes Indiz, aber man muss das natürlich in der gesamten Beweiskette berücksichtigen. Das ist jetzt vielleicht schon strafverschärfend, genau weiß ich das natürlich nicht, ob das für männliche Straftäter über zwei Meter schon automatisch gilt, wenn sie deutsch sind. Das ist doch die Schwierigkeit – als Deutscher war man nach der vorletzten Dienstanweisung automatisch auffällig, weil man als Deutscher in Deutschland ja irgendwie völlig unauffällig sei, und das sei ja auch irgendwie schon wieder irgendwie auffällig. Oder so.

Im Vertrauen, es geht ja auch manches bei uns ganz schön schief. Allein diese Nachforschung nach kruden Gedanken – der Abteilungsleiter im BKA wusste gar nicht, was ‚krude‘ ist. Er meinte, er sei ein weltoffener und toleranter Mensch, und was man denen im Dritten Reich angetan hätte, das sei auch wirklich nicht mehr schön gewesen, aber wenn seine Tochter mit so einem ankäme, dem würde er, und zwar mit der Dienstwaffe.

Im Tischtennisverein? Studentengemeinde? Das könnte natürlich auch schwierig werden, Verstehen Sie mich nicht falsch, gnädige Frau, aber ich habe so den Eindruck, Ihr Sohn sucht Anschluss? Früher war er im Fanfarenzug? Das könnte jetzt irgendwie schon auffällig sein, dass er sich einfach so in die Gesellschaft begibt, wo da doch die Gefahren lauern. Stellen Sie sich mal vor, Sie lernen da Menschen kennen, die Sie noch gar nicht kennen – das ist doch irgendwie auffällig, oder?

Ganz falsch, ganz falsch. Wenn er jetzt den Kontakt zu den Vereinskameraden abbricht und sich auf sein Studium konzentriert, wird es früher oder später auch irgendwie auffällig sein. Einzeltäter, Sie wissen schon. Wenn man alles alleine tut, wird man nämlich zum Einzeltäter. Und das wollen wir doch nicht, gnädige Frau. Zumal der Ermittlungsansatz auch nicht so gut zu handhaben ist. Als Einzeltäter werden Sie zwar irgendwie auffällig oft in die Liste aufgenommen, aber es bringt ja gar nichts. Wir untersuchen nämlich vor allem die Kommunikation, und wenn Ihr Sohn mit niemandem kommuniziert, weil er ja eben ein auffälliger Einzeltäter ist, dann ist er für uns als Täter quasi irgendwie nicht gut brauchbar. Obwohl ihn das irgendwie auch schon irgendwie auffällig macht. Weshalb er dann ja auch in der Liste stehen würde, wenn er auf der Liste ist.

Wobei, etwas schwierig ist das mit der Studentengemeinde schon. Der von der Polizeigewerkschaft meinte, man müsse gleich jeden aus dem Verkehr ziehen, der eine Weltanschauung habe. Gesunde Menschen haben keine Weltanschauung, hat er gemeint, die sind geimpft und fertig! Und wenn jemand schon eine Ideologie hätte und ein Weltbild, das die anderen Weltanschauungen definitionsgemäß als falsch bezeichne, dann soll man dem so richtig eins in die – fand das erzbischöfliche Ordinariat auch nicht gut, und hätten Sie gewusst, wie schnell man exkommuniziert werden kann?

Ich kann Ihnen jetzt wirklich nicht sagen, ob Ihr Sohn da schon drinsteht, gnädige Frau. Das ist ja auch deshalb, weil wir diese Liste im Augenblick noch gar nicht brauchen können. Die wird erst aktiviert, verstehen Sie? Für später, nicht wahr, wie eine Videokamera: die kann zwar auch nichts verhindern, Straftaten sowieso nicht, auch keine Verbrecher fangen, aber man kann hinterher so tun, als wäre es für die Fahndung unverzichtbar. Wir brauchen diese Liste, wenn wirklich etwas passiert ist. Mord, Totschlag, Bombenattentate. Wenn wir dann sagen, wir hätten es ja längst wissen können, dann haben wir unser Ziel erreicht. Dann kommt die nächste Stufe. Kein Fernmeldegeheimnis mehr, kein Briefgeheimnis, und immer so weiter, weil es ja vorher noch nichts bringt. In jedem Keller ein Polizist, in jedem Raum ein Mikrofon. Weil wir ja alle irgendwie auffällig sind, gnädige Frau. Mehr oder weniger. Oder irgendwie auffällig werden könnten. Und wissen Sie was, gnädige Frau? Der Herr Innenminister und der Herr Sarrazin, der Uhl, der Wendt und der Ziercke, alle stehen sie auf der Liste – bei der Nachbarschaft, meinen Sie nicht, dass aus Ihrem Sohn noch mal was wird?“





Im Raster

10 03 2011

„Das weiß natürlich alles unsere Maschine“, verkündete Krook. „Und wir stellen durch die komplette Anonymisierung auch sicher, dass die Daten nicht in rechtswidriger Weise verwendet werden dürfen. Diese Sache wird viel besser als ihr Ruf.“ Er streichelte über die Rechenanlage. Hier also sollte die Volkszählung ihre Daten abladen.

„Das ist selbstverständlich alles vollkommen harmlos“, beruhigte er mich. „Wenn Sie jetzt beispielsweise herausfinden wollen, ob in Deutschland Buddhisten in Wohnungen mit mehr oder weniger als dreieinhalb Zimmern wohnen oder ob sie Kinder haben, dann lässt sich das ganz schnell errechnen. Vollkommen sicher natürlich.“ „Mal angenommen“, fragte ich, „Sie würden auf den Gedanken kommen, Sie würden sich dafür interessieren, ob diese Buddhisten ausreichend verdienten, um sich fünf Zimmer zu leisten, aber trotzdem in weniger als dreieinhalb wohnten, das wäre möglich?“ „Keine Frage“, erwiderte Krook mit stolzgeschwellter Brust. „Für unsere Datenbank sind doch solche Abfragen ein Kinderspiel! Und wir können mit ein wenig Interpolation…“ „Sie meinen, Sie frisieren die Daten?“ „Keinesfalls, wir ziehen nur Rückschlüsse. Wenn Sie beispielsweise in mehr als fünf Zimmern wohnen oder in einem Reihenhaus, dann befindet sich diese Wohnung in einem anderen Wohngebiet als… was war Ihre Frage?“ Ich winkte ab. „Ach, nichts.“

Krook tippte in seiner Suchmaske herum. „Sie haben hier ein sehr effektives, gut dokumentiertes System. Es ist so gut wie kein Fehler mehr möglich, weil wir alles noch korrigieren können.“ „Wie machen Sie das?“ „Schauen Sie hier: die Daten zu Ihrer Person sind verknüpft durch eine Kennziffer. Sollten Sie sich beispielweise geirrt haben oder stellen wir fest, dass Sie sich geirrt haben sollten…“ „Geirrt? Wobei? Und wie stellen Sie das fest?“ Er fühlte sich offensichtlich ertappt und nestelte aufgeregt an seiner Brille. „Sie haben im Fragebogen angegeben, dass Sie kein Buddhist sind, aber wir finden heraus, dass…“ „Wie denn“, bohrte ich nach. „Wie finden Sie es heraus, und was nützt es Ihnen?“ „Wir fragen beispielsweise Ihren Nachbarn“, stammelte Krook. „Nachbarn wissen meistens eine ganze Menge und können den Volkszählern gut Auskunft geben.“ „Auskunft?“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Welcher Art Auskünfte hätten Sie denn gerne?“ Krook wand sich. „Sie könnten ja Buddhist sein, natürlich nur als Beispiel – genauso können Sie in der letzten Woche nicht gearbeitet haben, weil Sie Urlaub hatten, und Ihr Nachbar hielt Sie fälschlicherweise für arbeitslos, und damit können wir korrigieren…“ „Dann wäre aber die Auskunft meines Nachbarn keine zuverlässige Quelle. Warum setzen Sie dann auf denunziatorische Maßnahmen, wenn Sie doch angeblich nur harmlose Aussagen haben wollen?“ Er trommelte nervös auf dem Schreibtisch. „Das sind keine harmlosen Aussagen“, beeilte er sich, „uns ist jedes Detail wichtig!“

Ich blickte mich um. Ein kleines, staubiges Büro mit staubigen Schränken und staubigen Gardinen. Vermutlich brachten die Angestellten ihren eigenen Staub in kleinen Beuteln von zu Hause mit, verteilten ihn über dem schimmelfarbenen Teppich und sammelten abends einen Teil davon wieder ein. „Was qualifiziert Sie eigentlich für diese Aufgabe“, fragte ich ihn. „Natürlich die besten Referenzen“, sprudelte Krook hervor. „Wir haben eine Reihe erfolgreicher IT-Projekte auf den Weg gebracht, beispielsweise den elektronischen Personalausweis, den elektronischen Entgeltnachweis ELENA, de-Mail und die elektronische Gesundheitskarte. Ich stutzte. „Eins bereits gehackt, eins illegal, eins lächerlich verschlüsselt und eins im Erprobungsstadium bereits ein Rohrkrepierer.“ „Ich sagte es doch“, begehrte Krook auf. „Alles so erfolgreich und gut wie die Bundesregierung.“

Er spielte noch immer auf dem Bildschirm herum, wo er wahllos ausgedachte Daten eintippte, vervielfältigte und sortierte, umstellte und wieder löschte. „Nur mal als kleine philosophische Überlegung“, begann ich. „Sie können also den Datenbestand durchsuchen und die Stichprobe immer spezifischer gestalten?“ Krook biss an. „Natürlich, wir sind da sehr weit fortgeschritten.“ „Dann würden Sie alle Suchkriterien sowohl als Haupt- als auch für Nebenkriterien verwenden können? Beispielsweise eine kombinierte Suche, wer vor einem Jahr noch zwei Zimmer hatte und arbeitslos war?“ „Einzeln und kombiniert“, strahlte er. „Wir können alles.“ „Sie können sämtliche Buddhisten in Brandenburg suchen, dann alle in Neuruppin, und irgendwann alle Buddhisten, die in Zermützel in einer Dreieinhalbzimmerwohnung leben? Ist das richtig?“ Krook wäre vor Stolz fast geplatzt. „Und das Beste ist, wir können Ihnen auch sagen, wer innerhalb der letzten sechs Jahre wo in welcher Beziehung gelebt und gearbeitet hat. Das ist wirklich einzigartig! Schauen Sie mal hier.“ Die Landkarte auf dem Monitor hatte nur ein paar blass rote Flecken, die sich aber beim Vergrößern rasch zu einzelnen Punkten auflösten. „Das sind jetzt die einzelnen Dreizimmerwohnungen. Dann können wir das Suchraster umstellen. Berufstätig oder nicht, verheiratet, Kinder. Oder ob jemand Buddhist ist.“ Sein Lächeln hatte etwas Kindliches an sich, als begriffe er seine eigene Wirklichkeit nicht; und so stumpf er lächelte, so einfältig blickte er auf die Karte, auf lauter rote Punkte, die ein paar Dutzend Menschen zeigte, Menschen, die aus irgendwelchen Gründen einem Glauben angehörten und die Gemeinsamkeit hatten, in einer Liste zu stehen.





Totale Sicherheit

25 01 2010

„Und warum sollen wir uns umgewöhnen?“ „Weil es sonst nicht mehr sinnvoll ist.“ „Was heißt denn: sinnvoll?“ „Dass Sie nicht mehr verstehen, was um Sie herum geschieht. Dass Sie einfach komplett aus dem Rahmen fallen und zum Risiko werden.“ „Zum… verdammt, ich kann es nicht sagen!“ „Sagen Sie’s. Los, sagen Sie’s!“ „Sicherheitsrisiko, meinen Sie?“ „Richtig. Sicherheitsrisiko.“

„Ich verstehe es aber nicht. Können Sie es mir nicht noch einmal erklären?“ „Da gibt es nichts zu erklären.“ „Warum nicht?“ „Die Bundesregierung, der Sie Ihr ganzes Vertrauen schenken, hat es so beschlossen.“ „Warum?“ „Weil Sie ihr vertrauen.“ „Das habe ich nicht behauptet, es ist auch gar nicht…“ „Vertrauen Sie der Bundesregierung. Wir wissen besser als Sie, was für Sie richtig ist.“ „Warum?“ „Weil wir entschieden haben, auf uns zu vertrauen.“ „Warum?“ „Weil das sicher ist.“ „Absolut sicher?“ „Absolut sicher.“ „Aber Sie haben doch gesagt, dass Sicherheit eine neue…“ „Sie sind nicht befugt, darüber nachzudenken.“

„Also bitte! Sie geben hier Handzettel aus, in denen diese Botschaft ganz klar beschrieben ist. ‚Sicherheit und Krieg sind dasselbe‘, das steht da.“ „Das heißt aber nicht, dass jetzt Krieg und Sicherheit…“ „Warum steht dann auf der Rückseite: ‚Krieg und Sicherheit sind dasselbe‘?“ „Die Bundesregierung macht keine inkonsistenten Aussagen.“ „Aber Sie haben doch eben gerade der Aussage der Bundesregierung widersprochen? Wie können Sie…“ „Sie sind nicht befugt, diese Frage zu formulieren.“

„Warum müssen denn dann unsere Grundrechte ständig weiter abgebaut werden?“ „Die Sicherheit erfordert es.“ „Gibt es denn Sicherheit?“ „Wir können Sie beruhigen, die Sicherheit der Insassen der… ich meine: der Bundesbürger…“ „Wenn Sie Sicherheit und Krieg gleichsetzen, bereiten Sie denn dann nicht einen Angriffskrieg gegen die Insassen der Bundesrepublik vor?“ „Ihre Frage basiert auf einer ungerechtfertigten Gleichsetzung.“

„Das hieße doch aber, wenn es keine innere Sicherheit gäbe, dass es dann besser wäre für die Freiheit der Bürger – wäre dann nicht im Umkehrschluss auch die innere Sicherheit oder auch nur die Bestrebung, sie herzustellen, eine Bedrohung der Bürger und damit eine Bedrohung der Freiheit?“ „Sie denken zu viel.“ „Warum?“ „Das macht unsicher.“ „Das ist doch gut., wenn wir damit die Sicherheit gefährden, die uns bedroht?“ „Damit würden wir aber andere bedrohen.“ „Wenn unsere Sicherheitsbestrebungen dazu führen, dass die Bedrohungslage von uns selbst ausgeht, dann wäre es doch auch viel besser, wenn wir nicht mehr die Sicherheit anstreben würden?“ „Das beruht auf einem logischen Denkfehler.“ „Auf welchem?“ „Weiß ich nicht.“

„Und jetzt müssen die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt werden?“ „Das ist der einzige Weg, um der drohenden Bedrohung sicher zu begegnen.“ „Und wodurch?“ „Wir brauchen noch mehr Sicherheitstechnik.“ „Und Versicherungen?“ „Wenn wir uns versichern, dass wir im Sicherheitsfall mehr Sicherheit haben, dann haben wir jetzt, also vor dem sicheren Eintritt des Sicherheitsfalls, auch wieder Sicherheit.“ „Sie sagten doch aber, dass es keine Sicherheit geben könne?“ „Das ist etwas ganz anderes. Sie verwechseln das mit Absicht.“

„Und das Sicherheitspersonal?“ „Wir haben auch die Verpflichtung, dass wir wirtschaftlich…“ „Arbeiten Sie mit den entsprechenden Verbänden zusammen?“ „Wir als Politik haben den Auftrag, die Sicherheitswirtschaft in diesem unserem Lande zu stärken. Die Sicherheitsbranche ist ein wesentlicher Faktor für unsere uneingeschränkte Solidarität mit befreundeten Sicherheitsmächten.“ „Welche Sicherheitsstandards müssen eingehalten werden für die innere Sicherheit?“ „Wir überlassen es der Sicherheitsbranche, diese Fragen in einem sicherheitsrelevanten, lassen Sie es mich ruhig so sagen: im einzigen sicherheitsrelevanten Kontext zu betrachten, und das ist der wirtschaftliche Kontext. Deutschland soll wieder sicher sein, Deutschland muss wieder sicher werden!“

„Wie wird sich die deutsche Außenpolitik vor diesem Hintergrund positionieren?“ „Wir sind Teil internationaler Sicherheitsabkommen. Das verpflichtet uns zu Sicherheitsleistungen, die uns Sicherheit zusichern.“ „Welche anderen Sicherheiten können die Deutschen denn erwarten von der Bundesregierung?“ „Datensicherheit, Rechtssicherheit, und wir versichern Ihnen, dass wir in den kommenden Jahren der christlich-liberalen Bürgerlichkeitsmitte vor allem ein Ziel haben: die Sicherheit aller Bundesbürger. Jeder soll an dieser Sicherheit ganz direkt beteiligt sein.“

„Es bleiben noch einige soziale Fragen…“ „Da wäre natürlich einmal die Rentensicherheit – wir werden sie nicht in Frage stellen, genauso, wie wir auch die Arbeitsmarktreformen so gestalten werden, dass die Erwerbslosen mit mehr Sicherheit rechnen können.“ „Und die Versicherungsbranche?“ „Die ist auf jeden Fall ein ganz starker Partner. Für einzelne Teile der Regierungskoalition natürlich nur.“

„Und das Grundgesetz? Was werden Sie für das Grundgesetz tun?“ „Wir haben immer gesagt, dass wir die Rechtssicherheit auch auf die Verfassung ausdehnen werden, deshalb werden wir auch und gerade dem Grundgesetz mit immer neuen Sicherheitsbestrebungen begegnen, bis wir irgendwann sagen können: unsere Verfassung ist vollkommen abgesichert.“ „Warum?“ „Damit Deutschland ein Synonym ist – ein Synonym für die totale Sicherheit.“





Das Urteil

9 11 2009

Die Frau weinte und schrie. „Ich habe doch gar nichts gemacht! Sie können mich doch nicht einfach mitnehmen, ich habe doch gar nichts getan!“ „Das ist jetzt auch egal“, schnarrte der Polizist und stieß sie in den Transporter. Ich schlug den Mantelkragen hoch. Der Himmel über Berlin sah finster auf uns herab, der nächste Hagelschauer schien bloß noch eine Frage der Zeit zu sein.

„Das ist sehr interessant“, bemerkte Olbiński, „die Einsatzkräfte sind meines Wissens nach überhaupt nicht informiert.“ „Informiert worüber“, fragte ich. „Was man den Bürgern vorwirft. Das ist ein Novum; gestatten Sie mir die Bemerkung, ich muss ja unbeteiligt bleiben, dass dieses Verfahren, die Exekutive von der Rechtsprechung so völlig zu trennen, nicht mit dem herkömmlichen Begriff der Gewaltenteilung zu beschreiben ist.“ „Weil die Polizisten gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verhaften?“ „Das auch, aber vielmehr, weil auch die Richter gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verurteilen.“ Wir bogen auf den Schiffbauerdamm und gingen ein paar Schritte in den Westen. Trüb floss die Spree vor sich hin; es kümmerte sie durchaus nicht, man hätte hineinschmeißen können, was man gerade wollte.

Der UNO-Beobachter knetete seine klammen Finger. „Es war ja von Anfang an schwierig, dies Gesetzgebungsverfahren durch Ihr Parlament zu bringen. Sie haben aber auch keine Peinlichkeit ausgelassen.“ Ich begehrte auf. „Es gab hier Massendemonstrationen! Noch immer läuft eine Verfassungsklage, um das Gesetz zu stoppen!“ Olbiński kicherte. „Verfassungsklage, ja… Ihr Außenminister, diese Marionette, die sich so hübsch in Polen vorgestellt hat, klagt jetzt, obwohl er selbst für die Änderung Ihrer Verfassung gestimmt hat, um dies Gesetz überhaupt zu ermöglichen.“ „Das ist allerdings wahr.“ „Und es ist doch eine Ironie, dass weder Parlament noch Regierung wussten, was in dem Gesetz überhaupt stand – Geheime Verschlusssache, wie?“ Wieder kicherte er eine Spur zu wenig unbeteiligt. Ich schritt heftig voran.

Da zerrten drei Schutzleute einen Mann in grüner Schürze über die Promenade. Sein Gesicht war zerschlagen. Einer trat ihm von hinten in den Rücken. „Dir helf ich“, brüllte ein anderer, „faule Äpfel verkaufen zu wollen!“ Ich stellte mich in den Weg. „Platz da!“ Schon zog der Amtsträger seinen Knüppel, doch Olbiński streckte ihm seinen Diplomatenpass entgegen. „Was hat dieser Herr getan“, erkundigte ich mich, „dass Sie ihn so behandeln?“ „Es liegt Verdacht vor“, schnarrte der Ordnungshüter. „Dringend. Dreifach inzwischen, und wir holen ihn jetzt ab. Sonst noch was?“ Seine Stimme klang aggressiv. „Wessen wird der Herr beschuldigt?“ „Faule Äpfel. Es hat sich jemand beschwert, dass der Gauner Äpfel verkauft hat, und die sollen faul gewesen sein. Dreimal. Sonst noch was?“ „Das ist kein Grund, ihn zu schlagen.“ „Er hat es verdient“, kreischte der Wachmann, „sonst noch was?“

„Da sehen Sie es“, rief ich aus, „dreimal ein aus der Luft gegriffener Verdacht, und sie zerren diesen Bürger durch die Straßen wie ein Stück Vieh!“ „Ich bedaure, ich kann da nicht eingreifen. Three Strikes war Ihre Idee, nicht unsere. Solange es sich um geltendes Recht handelt, muss man das respektieren in einem Rechtsstaat.“ „Rechtsstaat?“ Ich war außer mir vor Wut. „Das nennen Sie einen Rechtsstaat? Dreimal kann irgendein Hampelmann einen Bürger bezichtigen, es gibt kein Ermittlungsverfahren, es gibt keine Beweise, kein Urteil, und die Menschen verschwinden im Gefängnis?“ „Wozu brauchen Sie denn Beweise? Vergessen Sie nicht, Sie haben die Beweislastumkehr eingeführt. Das ist jetzt so.“ „Eben deswegen – Sie beschuldigen jemanden dreimal einer Lappalie, und er wird abgeholt!“ „Es ist unschön“, bedauerte Olbiński, „wirklich sehr unschön. Es gibt ja auch keine Ärzte mehr.“ „Das liegt daran, dass sie sich alle gegenseitig des Pfuschs anschuldigen…“ „Was nicht aus der Luft gegriffen sein dürfte“, kicherte er. „Sie versuchen einander aus dem Weg zu räumen. Dieser ganze Staat gibt sich unverfroren dem Denunziantentum hin. Das ist das Ende der Gesellschaft!“

Wir hatten die Wilhelmstraße erreicht; Uniformen standen herum, kritische Blicke folgten uns. „Es wird doch irrwitzig. Sie haben die Post abgeschafft, weil die Kriminalitätsstatistik schon drei Erpresserbriefe verzeichnet in diesem Jahr. Wo soll das enden?“ „Ich verstehe Ihren Groll“, besänftigte er mich, „es ist ja auch absurd, dass man jemanden einsperrt, nur weil er dreimal falsch geparkt haben soll, obwohl er erwiesenermaßen weder ein Auto noch einen Führerschein besitzt.“ „Wir leben in einer faschistischen Operette! Und das alles, weil ein paar Kriminalisten unbedingt ein Gesetz zur Pauschalkriminalisierung aller Bürger brauchten!“ „Disney ist eben mächtiger als die Bundesregierung“, antwortete er, „aber sehen Sie es positiv: immerhin werden Sie jetzt nicht mehr von der Bundesregierung kriminalisiert, sondern von den Konzernen, die sich damit gut auskennen – Steuerhinterziehung, Erpressung, Unterschlagung.“

Wir liefen auf das Reichstagsufer zu, als der Tumult begann. Wer war diese Frau im Hosenanzug und warum prügelten die Schutzleute auf sie ein? Da knallte ein Schuss über die Spree. Ich packte Olbiński am Arm. „Das ist doch… das ist sie doch nicht?“ Ein Körper klatschte vom Ufer in den Fluss. „Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“ Doch er blieb teilnahmslos. „Sie hat gelogen. Und wie es scheint, nicht bloß einmal.“





Stockholm-Syndrom

3 11 2009

Salten kauerte in der Ecke des weißen Zimmers. Er fror. „Das ist typisch“, konstatierte die Ärztin, „sie sind in einer Art Katalepsie. Starke Verlangsamung des Denkens. Oft stellen sich Halluzinationen ein. Sie sehen immer dieselben Bilder, hören immer dieselben Stimmen.“ Sie schloss die Jalousien und wir gingen den langen, kalt erleuchteten Flur hinab.

Während sie sich nervös im Nacken kratzte, zog sie Zigaretten aus der Tasche ihres weißen Kittels. Ich nahm eine und gab ihr Feuer. Der Wind fauchte heftig über das Dach. Unter den Füßen knirschte krümelige Dachpappe. Wie eine Vogelscheuche torkelte die Antenne auf dem dürren Schornstein im Herbststurm, unablässig und stumpf nickte der Draht, als sei ihm alles ohnehin gleichgültig. Sie schlug den Kragen hoch. Ihr war kalt. „Meistens können wir nichts mehr für sie tun. Wir können sie medikamentös ruhigstellen. Aber mehr geht nicht. Und es ist ja auch einerlei, denn keiner fragt mehr nach ihnen.“ Warum nicht? „Sie sind offiziell aus dem Verkehr gezogen. Weg.“ Sie sog den Rauch tief ein und ließ ihn in langen Schwaden in die Luft wehen. Sie sprach leise und hastig. „Sie wissen ja, worum es geht.“ „Nicht genau“, antwortete ich, „man sagte mir lediglich, Sie würden die Beamten im Sicherheitshauptamt neurologisch betreuen.“ „Ich beobachte die Kranken. Sie sind alle nicht mehr zu bessern. Es fing an mit der gemeinsamen Personendatenbank – ein zentrales Register für die gesamte Bevölkerung, alles vernetzt, wir konnten alles nachweisen. Wenn Sie mit Ihrem Mobiltelefon eine E-Mail bekommen, wissen wir noch vor Ihnen, was drinsteht, und haben Sie schon in ein neues Risikoraster überführt.“ „Risikoraster?“ „Wenn der Absender jemand ist, der in demselben Haus wohnt, in dem mal jemand gewohnt hat, der denselben Nachnamen trägt wie einer, der im selben Flugzeug saß wie der Nachbar eines Terrorverdächtigen, dann wird Ihr Score automatisch verändert. Ab einer bestimmten Punktzahl sind Sie dann ein feindliches Subjekt.“ „Das Stockholm-Protokoll.“ „Ja, das waren die ersten Auswirkungen. Später kamen noch die standardisierten Online-Durchsuchungen. Die Einteilung in Migrationsrassen. Und dann der paneuropäische Geheimdienst, dessen Zentrale der Einfachheit halber nach Washington verlegt wurde.“ „Haben Sie den Crash erlebt?“ „Es war furchtbar. Letztlich nur eine Stromschwankung, die zu Datenverlusten geführt hatte. Und in ihrer Hektik konnten sich die Staatssekretäre nicht einigen, welchem Land sie zur Ablenkung den Krieg erklären sollten.“

Sie hatte die Zigarette auf dem schmalen Geländer ausgedrückt und wir waren wieder ins Stockwerk getreten. „Natürlich haben sie nur die besten Leute dafür rekrutiert. Harte Hunde. Sie wurden anderthalb Jahre lang für ihre Aufgabe gedrillt. Und dann saßen sie da in ihren Büros und hatten die Daten auf ihrem Schirm. Manchmal wechselte es alle paar Minuten, Migranten, die unweigerlich in ihrer Bewertung hochgestuft wurden, je länger sie sich in einem Land aufhielten oder aber ihren Standort wechselten – beides war ja verboten worden – und dann Dauerüberwachungen. Zufällige Zielpersonen. Sie sehen erst nur Zahlen, ein paar Lebensdaten, vielleicht schon ein Passbild. Am zweiten oder dritten Tag erfahren Sie dann, dass Ihre Zielperson gerade telefoniert. Sie hören, wie sie sich verabschiedet und auflegt. Sie sehen am Bewegungsprofil, wie sie in den Supermarkt geht. Sie sehen am Chip, was sie einkauft. Sie wissen durch die GPS-Ortung, dass sie kurz vor einem Blumenladen stehen bleibt, und entscheiden anhand des Kontostandes, den Sie einsehen können, ob Sie diese Person als leichtsinnig einstufen.“

Inzwischen hatte Salten begonnen, mechanisch hin und her zu wippen. Vor und zurück. Wie ein Betender. „Hospitalismus“, konstatierte sie, „er ist vollkommen depraviert. Manche beginnen, am Daumen zu lutschen.“ Ich sah sie an, wie sie Salten beobachtete. „Er hat eine Belastungsstörung, weil er dem Druck nicht mehr standhalten konnte. Es waren die Entscheidungen, die ihn zermürbt haben, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht darum. Wir nennen es unser Stockholm-Syndrom.“ „Stockholm-Syndrom? Aber das tritt doch bei Entführungsopfern auf?“ „Eben. Er hat diese Situation fast zehn Monate lang erlebt. Er wusste alles über seine Zielperson. Er kannte sie, er wusste es schon im Voraus, wenn sie ins Kino gehen, wann sie abends mit ihrer Mutter telefonieren, ob sie im Internet nach einem Kuchenrezept suchen würde. Er kroch in ihr Leben hinein. Die Zielperson blieb immer ein virtueller Schatten für ihn, aber ein überdimensional großer. Jede ihrer Handlungen hat er erlebt, als hätte er sie selbst vollbracht; es mündet fast immer in der Identifikation mit der Zielperson. Jäger und Gejagter sind für einen Augenblick eins – wenn beide die Spiegelfläche wieder verlassen, haben sie ihre Rollen getauscht. Der, der einmal Jäger war, wird nun die Beute. Sie können den Kontrollverlust nicht mehr verkraften. Und dann empfinden sie eine vollständige Lähmung, weil sie die Maßnahmen als gegen sich selbst begreifen – was, politisch betrachtet, ja auch durchaus so gedacht war. Sie sitzen in der Falle.“

Salten war zur Seite gesunken und dämmerte vor sich hin. „Eine zerstückelte Persönlichkeit“, murmelte sie. „Aber was wird jetzt aus ihnen“, fragte ich, „es muss sich doch jemand um sie kümmern.“ „Was erwarten Sie?“ Sie zuckte die Schulter. „Die Revolution frisst ihre Kinder.“