Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XIX): Shopping-Malls

7 08 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vorbei die Zeiten, in denen man das an Steuer und Ehegespons vorbei angesparte Geld noch gemütlich in Wurstwaren, Oberbekleidung und Unterhaltungselektronik umsetzen konnte. Die Nachfahren des Einzelhandels, auf die grüne Wiese gekloppte Betonschalenteile im Halbrund hinter einem Parkplatz, der zur Zwischenlagerung der kompletten DDR vor der Ausreise in den Westen gelangt hätte, sie alle sinken in düstere Agonie, denn die Bescheuerten in der Gewerbeförderung haben die Prärie längst abgegrast und nehmen sich neues Terrain zur endsicheren Verschandelung vor. Die Innenstädte müssen dran glauben.

Kam man um Dreck in the City gerade noch einmal wegen der horrenden Grundstückspreise herum, so dass liebliche Schutthalden in einst blühenden Sandsteinlandschaften zwischen dem alten Rathaus und Sankt Eusebia ihr anheimelndes Dornröschenschnarchen beibehalten konnten, kaum gestört von nächtlichem Gebüsch, das über das Kopfsteinpflaster rollt, kaufen heute schon Investorengruppen mit gepumpter Staatsknete die historischen Kerne der menschlichen Besiedelung auf und funktionieren sie zum sozialen Brennpunkt um. Laden stößt an Laden, Shops grenzen an Center, alles häuft, ballt, türmt sich zur neuen Horrorvision des Konsumismus: Einkaufszentren an der Stelle der Innenstädte. Da, wo gerade noch Textilketten die Früchte pakistanischer Kinderarbeit zum sozial verträglichen Preis unters Prekariat jubelten, wächst zur Einweihung von Darmstadt-Dubai der Kristallisationspunkt des Grauens: die Shopping-Mall. Kaufhalle für Kaufhalle die sanfte Unausstehlichkeit der westlichen Welt.

Irgendwo müssen die Beschränkten Bedarf für derlei Konglomerate ausgemacht haben und konfrontieren den Käufer mit immer neuen Herausforderungen. Einst konnte man frisch erstandene Waschvollautomaten und Plasmaglotzen noch behaglich in die Stellplatzwüste karren und mit dem eigenen Wagen in die Zivilisation zurück gurken, heute freut man sich, dass die Innenstädte mit Busspuren und Fahrradwegen gepflastert sind und vom Mittelalter bis zur Neuen Peinlichkeit genug Zeit hatten, eine Kulisse in die Landschaft zu klotzen, durch die man stundenlang einen Wäschetrockner schleppen kann, bis man das Kraftfahrzeug am Stadtrand erreicht hat.

Auch ansonsten beherrscht die postmoderne Neuinterpretation von Kundenfreundlichkeit das Geschehen. Samstags steht Familienausflug ins Krisengebiet auf dem Einsatzplan: während Vati nur mal eben einen Sack Grillkohle nachladen wollte, kontrolliert die Alte den Jahresausstoß an Riemchensandaletten und die Kinder quengeln nach Speiseeis und Ballerspielen. Wer hier nicht am Rad dreht, war auch vorher schon nicht ganz dicht. Dazu kann man die Blagen nicht mehr im Kinderparadies entsorgen oder wenigstens ausrufen lassen, weil die Aufenthaltsqualität nicht mehr konstant unter einem Dach stattfindet, sondern sich auf sechsundachtzig Einzelgeschäfte verteilt. Doch so groß ist der Unterschied nicht. Die Verkäufer sind Betreuung nach eingeübten Standards gewohnt und vertreten die alte Schule von Servicementalität; die Frage nach der Kurzwarenabteilung werten sie bereits als sexuelle Belästigung.

Zwischen Sanitärbedarf auf der einen und Bio-Obst auf der anderen Straßenseite lauert die Gastronomie mit ihren Attacken auf Moral und Volksgesundheit. Über Brackwasserdampf erhitzte Tütenpasta aus Trockenei lassen sich als Spaghetti Alfredo feiern, während am Nebentisch die aus Sprühsahne und Instantkaffee hingeschwiemelte Brühe als Cappuccino auf der Rechnung prangt. Zusammen kostet der Zauber so viel wie elf halbe Hähnchenleichen aus dem Sperrfeuer mit frittierten Holzkohlestäbchen eine Fraßbude weiter und wird mit etwas Glück erst nach dem Verlassen des Konsumtempels in die Landschaft erbrochen Wer jedoch denkt, dies sei Dienst am Kunden, verkennt die Sachlage. Das Gastgewerbe dient ausschließlich zur Steigerung der durchschnittlichen Verweildauer und damit der monetären Umschichtungsmaschine. Flugs noch einen Doppelten gekippt in der Pinte neben dem Umstandsmodenbasar, wo das männliche Treibgut angeschwemmt wird und an Stehtischen strandet, und dann auf zum Erwerb einer preisreduzierten Pendelhubstichsäge aus dem blauen Sortiment, um den Torfschädel vom Jeans-Shop, der zu beschäftigt war, um die richtige Größe aus dem Lager heranzuschaffen, in mundgerechte Stückchen zu zerlegen. Das ändert nicht den Lauf der Gestirne, damit wäre nichts bewiesen, doch darauf kommt es auch überhaupt nicht an. Die Hauptsache ist, dass das Heimwerkerparadies zwohundert Öcken Umsatz gemacht hat, da nimmt man unangekündigte Umstrukturierungen in der Personalsituation gerne mal mit in Kauf.

Den ganzen Zauber finanziert natürlich der Depp, der hier kaufen soll. Und wenn bis heute auch noch nicht geklärt ist, wie der Konsumtrottel elf Drittel mehr vom Netto in den boomenden Binnenmarkt pumpen soll, eins ist sicher. Es vernichtet nicht nur Arbeitsplätze, es schafft auch fast so viele neue. Und das auch noch in bester Lauflage.





Um jeden Preis

25 06 2009

„Meine Güte! Immer regst Du Dich gleich so auf!“ Hildegard fuhr mich an und fast einem parkenden Wagen in die Seite. Dabei hatte gar nichts gesagt, als sie verkündete, dem neuen Einkaufszentrum einen Besuch abzustatten. Sie muss mein langes Schweigen – ich hatte gut eine halbe Sekunde Zeit gehabt, ihr zuzustimmen – als passive Aggression aufgefasst haben. „Außerdem brauchen wir noch ein paar Sachen, am Wochenende kommen wir wieder zu nichts.“ Meine vorsichtige Andeutung, es sei Montag und kurz nach halb zehn, überging sie.

Gegen Mittag fanden wir einen Parkplatz. Der Sprit würde, so überschlug ich im Kopf, gerade noch bis zur nächsten Tankstelle reichen. Ein gutes Omen. Wir passierten die Eingangstore und fanden uns in einem wirren Getümmel. Das erforderte eine sofortige Strategiediskussion. „Wir brauchen zwei Wagen“, befahl Hildegard, „sonst schnappen sie uns alles weg.“ So bewegte ich zwei Drahtkörbe durch das Chaos, schiebend wie ziehend.

Hildegard blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen ruhten auf dem Schild über dem Kühlregal. „Fruchtquark“, stammelte sie, „und nur 49 Cent!“ Ich machte sie zaghaft darauf aufmerksam, dass sie weder Frucht- noch Kräuter- noch sonstigen Quark zu essen pflegte, doch sie hörte nicht. „30 Cent pro Packung! Weißt Du, wie viel wir hier sparen?“ Sie stemmte Quarkschälchen, bis der erste Wagen leise knackte. Mit Mühe konnte ich das schwere Gefährt in Bewegung setzen. „Da! Kiwis!“ Dass die Strahlengriffelfrüchte bereits überreif bis matschig waren, musste ihr entgangen sein, doch rief ich Hildegard in Erinnerung, dass ich auf die grünen Beeren allergisch reagiere. Eine Scheibe genügt, mir den Hals zuschwellen zu lassen. Ob sie mich überhaupt verstand? Schon war sie in die Bananen eingefallen und wuchtete eine Staude empor. „Was wir da sparen!“ Da knickte ihr Absatz – oder war sie auf einer der Schalen ausgerutscht, die den Boden bedeckten? – und sie landete mitsamt der bräunlich-gelben Schläuche im kippelnden Korb. „Und Birnen! Und Äpfel! Und noch Birnen!“ Es gab keinen Zweifel, Hildegard hatte den Verstand verloren. Ein akuter Anfall von Kaufrausch hatte sich ihrer bemächtigt.

Zwei Schichten Nüsse – Haselnüsse, Walnüsse, Erdnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse, Pekannüsse, Cashewnüsse sowie Nüsse – später ging Hildegard dazu über, Teebeutel in den Trolley zu schaufeln. Ich trinke keinen Beuteltee. Nicht einmal der Hibiskus-Brennnessel-Mischung mit der feurigen Blutorange auf dem Päckchen konnte ich etwas abgewinnen. Sie auch nicht. Aber bei 89 Cent pro Schachtel sind Kompromisse unausweichlich.

Wahrscheinlich würde sie vom Ersparten ein Lustschloss in Südfrankreich erwerben. Oder gleich einen Hotelkomplex in Dubai. Man soll nicht kleinlich sein in solchen Angelegenheiten.

Lautstarkes Keifen riss mich aus der süßen Träumerei. Eine feiste Endvierzigerin, deren Antlitz krebsrot und verschwollen aussah, hieb Hildegard rhythmisch eine Putenoberkeule in den Rücken, während sie mit den Hackenschuhen verzweifelt Halt suchte in der Kühltruhe voller Geflügelfleisch. „Das ist meine Entenbrust“, schrie sie, „ich habe sie zuerst gesehen!“ Entsetzt sah ich, wie sie mit dem Truthuhnbollen zum finalen Hieb ausholen wollte, da hatte Hildegard eine Gans zu fassen bekommen. In letzter Sekunde schleuderte sie den steinhart gefrorenen Vogel der Kontrahentin ins Gesicht, dass diese ins Hühnerklein grätschte. Chicken-Nuggets flogen in alle Himmelsrichtungen. Ein Suppenhuhn für 1,99 begrub ihre Überreste zwischen Putenbrust Handelsklasse A und Hähnchengebein in Pappe. Hildegard erhob sich. Genugtuung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich habe die Grillspaß-Hähnchenschenkel gerettet“, rief sie triumphierend, „die letzten Packungen! Das Kilo zu 3,69!“ Während sie die Monatsproduktion einer mittleren Geflügelzuchtfarm in den Karren verfrachtete, fielen mir die Damenhygieneartikel auf, die aus dem Gitterboden in die Freiheit drängten. Hildegard hatte nie Binden benutzt, nicht einmal mit Kamille und Pfefferminz. Das war nicht unser Wagen. „Weiß ich ja“, keuchte sie und stapelte panierte Vogelbeine, „aber da ist die Mehrfruchtkonfitüre drin, die vorhin schon vergriffen war.“ Ich war gerührt. Sie würde ab jetzt jeden Morgen mit mir frühstücken. Auch wenn sich nach elf Jahren Mehrfrucht auf dem Brötchen möglicherweise eine gewisse Monotonie einstellen würde.

Was folgte, waren verhältnismäßig geringe Mengen an Raps-, Oliven-, Maschinen- und Sesam- und Diesel- und Schmier- und Sonnenblumenöl, Vollkornbrot und Schwarzbrot und Weißbrot und Graubrot, Schmierkäse, Schnittkäse, Schimmelkäse und Fleischkäse, Schnittlauch, Lauchzwiebeln, Zwiebelmett, Mettwurst, Wurstsalat, Salatköpfe, Kopfwehpulver, Pulverseife, Seifenkraut, Krautwickel, Wickelkinder, Kinderwagen, Wagenheber und einige Dinge, die nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen waren wie der Industriestaubsauger und die Tischtennisplatte.

Der Bezahlvorgang wurde jäh unterbrochen, als die Kassiererin, unermüdlich die Waren über den Scanner schleifend, mit einem Schmerzensschrei zusammensackte. Der Arzt diagnostizierte einen ausgekugelten Arm. Ich zückte die Kreditkarte und stutzte. Doch Hildegard griff ein. Das Auto, meinte sie, würden wir nie wieder so günstig los wie jetzt.

Erschöpft saßen wir auf dem Parkplatz. In den Strahlen der sinkenden Sonne sahen wir ein letztes Mal das gleißende Metallic der Karosse, die die Lageristen in die Halle des Kauftempels schoben, wo sie sicherlich ein Sonderangebotsschild tragen würde. Ich spürte meine Beine kaum noch. Es wurde auch langsam empfindlich kalt. Doch ich fühlte mich geborgen und blickte in eine rosige Zukunft, Seite an Seite mit Hildegard. Sie würde immer Mehrfruchtkonfitüre für mich haben.





Links gedreht

27 04 2009

Nachbarn sind ein merkwürdiges Phänomen. Man sieht und hört sie bisweilen monatelang nicht, dann wieder legt man den Gegenwert eines gut erhaltenen Öltankers für Nachnahmesendungen aus, während man zu späterer Stunde zusieht, wie der Putz ob der Beschallung von nebenan rhythmisch von der Decke bröckelt. Bestimmte Menschen parken ihren Drahtesel passgenau vor die Tür, um sicherzustellen, dass er einem beim Öffnen entgegenfällt. Andere wieder lagern ihre Habe – meist das, was in Gestalt von Altglas, ausgelesenen Zeitungen und löffelrein ausgeschabten Fischsalat-Verpackungen davon übrig bleibt – containerartig aufgetürmt auf dem Treppenabsatz, so dass man beim Ersteigen der Stockwerke früher oder später sich Stelzen wünscht, um schwerkraftinduzierten Folgen eines Fehltritts entgehen zu können.

Was wäre alles das aber gegen Sigune, die mit einem sanften Lächeln ausgestattet ist. Zartfühlende Gemüter nennen sie eine zum Individualismus neigende Enddreißigerin, die ihren Lebensalltag spirituell zelebriert. Bodenständige halten sie für eine Öktrulla mit esoterisch verursachter Vollmeise. Ich gehöre, wie gesagt, zur eher bodenständigen Fraktion. Und so stört mich ihre Existenz auch nicht, wenn ich nur nichts davon bemerke. Sie spricht mit ihrer Rohkost, ich hingegen erspare dem Schnitzel die Monologe beim Braten.

Wie es der Teufel wollte, schob sie mir ihren Einkaufswagen in die Hacken, als ich gerade an der Käsetheke stand und mir reichlich mittelalten Holländer abschneiden ließ. Ein Blick in meinen Wagen genügte, schon starrte sie mich aus schreckgeweiteten Augen an, als hätte ich kandierte Schuhsohlen und Quallengelee darin. „Wie, Sie essen noch Käse? Das ist ja widerlich!“ Entsetzt schüttelte sie sich. „Diese gefährlichen Bazillen, die in der Rinde hocken, die können ungeborene Kinder umbringen, das wussten Sie nicht?“ Was soll man darauf antworten? Dass es sich beim Gouda entgegen grassierender Vermutungen nicht um Schimmelkäse handelt und ich in den vergangenen Jahren so gut wie gar nicht schwanger war? Man sagt am besten gar nichts, lächelt freundlich und setzt seinen Einkauf fort.

Oder man hat es mit Sigune zu tun, die komplett schmerzfrei ist und wie ein kleines Hündchen quer durch den Laden folgt, während sie wirre Monologe hält. So war es beim Gang ans Brotregal auch nur eine logische Folge, dass sie zum nächsten Hieb ausholte. „Das kann man ja gar nicht essen, da sind doch bestimmt Konservierungsstoffe drin. Außerdem geht doch ganze Korn beim Erhitzen kaputt, da ist so gut wie kein Magnesium mehr drin! Alles verbrannt!“ Da sie selbst nicht müde wird, jedem ungefragt zu erzählen, dass sie ihr Brot selbst backt, hätte es mich schon interessiert, wie sie das mit dem Magnesium handhabt – nein, ich verkniff es mir und schwieg eisern. Diese Frau ist höchstens als Türstopper zu verwenden und außerstande, bis Drei zu zählen, ohne sich ernsthaft zu verletzen. Außerdem hatte ich an diesem Tag noch etwas vor.

Kandis. Anne bevorzugt ihren Tee mit Kandis, und da ich keinen mehr im Haus hatte, griff ich sorglos zu einem Päckchen. Was an Menschen wie Sigune so stört, ist die vollständige Abwesenheit von Selbstzweifeln. Ihren Vortrag über die negativ schwingende Kristalldrehung ließ ich über mich ergehen, genauer gesagt: ich versuchte es. Offenbar hatte sie gerade eine Synapsenverklebung erlitten und assoziierte ungehemmt drauflos. Unterdessen fiel mir auf, dass Sigunes Wagen noch komplett leer war. Wozu hatte sie dies Geschäft überhaupt betreten? Für kariertes Nähgarn wahrscheinlich.

Nicht viel besser erging es mir mit der Schokolade. „Das ist eine Droge! Und die hat zu viel Zucker! Und Konservierungsstoffe!“ Natürlich enthält Schokolade Zucker, unter anderem als Konservierungsstoff, aber wie macht man das jemandem klar, der gerade eine Diät mit Nüssen und selbst hergestelltem Apfelsaft abgebrochen hat, weil der Zeiger der Waage jeden Tag ein bisschen mehr nach rechts kippelte. „Außerdem macht sie dick, und Sie bekommen davon Pickel! Ich bitte Sie, in Ihrem Alter…“ Da hielt ich es nicht mehr aus. „Wie Sie sicherlich wissen“, belehrte ich sie, „enthält Schokolade dreimal so viel Eisen wie Spinat.“ Das tat zwar hier nichts zur Sache, aber Sigune war doch perplex genug, um für einen Augenblick den Mund zu halten. „Und was den Zucker betrifft“, fuhr ich ungerührt fort, „Kakao hat einerseits die Eigenschaft, Karies hemmend zu wirken, und andererseits macht nicht der Zucker dick, sondern der Fettgehalt. Aber Sie kennen sich da sicher aus.“ Was ihre Figur betraf, war hier kein Zweifel möglich.

Während sie noch einige Halbwahrheiten über ungesättigte Fettsäuren zum Besten gab, zog sie im Vorbeigehen eine Nudeltüte aus dem Regal. Das war der richtige Moment; ich riss von blankem Entsetzen gepeinigt die Augen auf. „Igitt! Sie essen noch Spaghetti?“ Der Boden schwankte unter meinen Füßen. „Links drehende Pasta?“ Ich musste mir die Hand vor den Mund halten und schob in dieser Verfassung eilig den Drahtkorb zur Kasse. Wer weiß, wie lange sie noch als fliegendes Spaghettimonster da stand, ich sah es nicht mehr.

Nein wirklich, jeder vernünftige Mensch dreht Spaghetti rechts. Die Saucenflecke bekommt man doch sonst nie wieder aus dem Hemd.