Burgerbegehren

1 05 2014

„… habe der Konzern die Kritik an seinen Schnellrestaurants abgewiegelt. Es sei nicht so, wie es der Fernsehbericht…“

„… verzerre der Undercover-Bericht die tatsächlichen Vorgänge, da er nur die umsatzstarken Tage zeige, nicht aber Phasen, an denen man teilweise wochenlang Zeit habe, sich mit den Nahrungsmitteln zu…“

„… die Gurken aus einer ursprünglich blassgelb gefärbten Züchtung stammten, so dass erst durch längere Lagerung bei Zimmertemperatur die typisch grünliche…“

„… falsch, dass dieselben Putztücher für Friteuse, Klosett und Vorratsräume benutzt würden. Das Unternehmen schreibe schon seit Jahren vor, die Vorratsräume mit eigenen Lappen zu säubern, teilweise sogar die Türklinken mit dem…“

„… verlange der Verbraucher das weiche, labberige Mundgefühl, weshalb ein kürzer als sechs Stunden unter Wärme und Bautrocknungsgeräten präparierter Eisbergsalat nicht den Wünschen des durchschnittlichen…“

„… es sich bei der Zubereitung des Doppelklopper TF um vielfach ausgezeichnete Fleischprodukte handele, die auf der Landesausstellung des hessischen Zuchtverbandes von 1983 und 1984 das amtliche…“

„… sei der letzte Dosenöffner im Jahr 1998 abgeschafft worden. Das Unternehmen vertraue darauf, dass die Pfefferschoten scharf genug seien, um mit ihnen Weißblech zu…“

„… die zweitunterste Schicht im Geschirrspüler eine Kreuzigung mit Kuchengabeln nachgestellt habe. Die Kontrolleur hätten das lebensechte Spektakel am akzentfreien Aramäisch…“

„… dass der Burger-Konzern sich für eine nachhaltige und ressourcenschonende Produktion einsetze. So sei es bekannt, dass keine angelieferten Lebensmittel jemals in den Müll geworfen würden, auch nicht im Falle einer…“

„… habe man es der Küchenbelegschaft ausschließlich gestattet, bei der Arbeit zu rauchen, um so den seit Monaten stetig ansteigenden Befall mit Kakerlaken und…“

„… keine Pfannenwender. Das Burgerbrät könne allerdings auch mit handelsüblichen Gummihandschuhen, die zur Reinigung von Friteusen, Klosett und Vorratsräumen…“

„… nicht um genmanipulierte Kartoffeln, sondern um genmanipulierte Fritten, was ein völlig anderer Tatbestand…“

„… eine äußerst flexible Einkaufspolitik, die den Kunden auch weiterhin niedrige Preise garantiere. Erst die Lagerung der Rohware bestimme letztlich, ob daraus ein Fleisch- oder Fischburger…“

„… erleichtert, dass die Keimmenge knapp unterhalb des meldepflichtigen Wertes blieb. Weniger zufrieden war die Amtsleitung, da das Hackfleisch mit den Stuhlproben verwechselt worden sei, die vorsorglich für einen Cholerafall in den südlichen Stadtbezirken…“

„… für eine sofortige Schließung des Restaurants demonstriert hätten. Das landesweite Burgerbegehren richte sich gegen die Methoden des gesamten…“

„… würden die Hygienestandards systematisch ignoriert. Das Management wolle dies nicht generell abstreiten schließlich handele es sich um Systemgastronomie, was auch für den…“

„… nur sehr unregelmäßige Kontrollen. In Zukunft werde man anbieterfreundlicher vorgehen und die Überprüfungen bis zu anderthalb Jahre zuvor…“

„… sich ausgebreitet hätten, bevor die Laborantin das Kaltgetränk auf eine Nährlösung…“

„… auch die Kontrolldichte verstärkt werden müsse. So wolle man für den Bereich Süd (Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Thüringen, Sachsen) künftig nicht mehr zwei, sondern drei Beamte…“

„… der Alkoholgehalt in den getesteten Rezepturen regelmäßig ansteige, wenn die Remouladensauce wenige Tage bei mehr als 40 °C im…“

„… dem Vorwurf ausgesetzt, dass abgelaufenes Fleisch mit einer automatischen Etikettiermaschine wieder zu verwendbaren Produkten deklariert worden sei. Dies entbehre jeder Grundlage, da die Fleischhaltbarkeitsetiketten stets von Hand…“

„… entschieden zurückgewiesen habe. Dies sei kein Ketchup der vergangenen Woche, sondern naturbelassene Tomatenreste der vorvorletzten…“

„… biete der Konzern an, seine Produkte den OSZE-Kontrolleuren für eine eingehende Analyse zur Verfügung zu stellen. Man sei zu einer Zusammenarbeit weiterhin bereit, falls nicht die…“

„… komme es schon vor, dass Frischgemüse auf dem Boden lagere, da es sich schließlich um einen Beilagensalat…“

„… einen Preisanstieg angekündigt. Kostenlose Extras wie Escherichia coli und Heliobacteriaceae biete man aus Kulanz auch weiterhin an, der Einkaufspreis für Staphylococcus aureus rechtfertige jedoch eine kurzfristige…“

„… habe es sich bei den Haaren auf dem Burger nicht um hygienische Vernachlässigung durch das Küchenpersonal handeln können, da die Beweisstücke eindeutig nicht von einem Säugetier…“

„… in der UNO-Vollversammlung den hinteren Küchenabschnitt des Kölner Restaurants gezeigt habe. Es gebe sich verdichtende Verdachtsmomente für die Produktion von Massenvernichtungswaffen, die zu einer sofortigen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XVI): Lebensmittelimitate

17 07 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sternstunde Null – Dresden war reif für einen architektonischen Neustart, Nazis gab es, wenn überhaupt, allenfalls noch in Nürnberg, und Rest- wie Rostdeutsche wuppten ihre tägliche Existenz im ganzheitlichen Ansatz: keiner hungerte, ohne zu frieren. Der an sich bescheuerte Deutsche, der ja nie im Leben alzheimernden Postkartenmalern aus Braunau zugejuchzt hätte, setzte zum großen Sprung nach vorn an. Noch waren in der Trizone Formfleisch, orthogonale Eier und schockgefrostete Krokettensimulationen, noch plastiniertes Rotkraut, aufgepumpte Broileretten und Jägerschnitzel frisch aus dem Separator im freien Teil der stalinistischen Welt nicht entdeckt, da entwickelte der seit jeher mit eherner Schmecke ausgestattete Depp eine frühe Form von Molekularküche, das Trompe-l’œil in Mehlschwitze. Backware aus dem Kombinat Plaste und Elaste, Sahneersatz aus geschredderten Kartoffelresten, Leberwurst aus Holzrückständen ergänzten den kulinarischen Vollrausch als Flucht vor der kalorienreduzierten Wirklichkeit.

Seither hat der Bekloppte, der eher Care-Pakete als Vernunft annähme, zwei Lebensformen zur Hochblüte gedeihen lassen. Zum einen kann er nichts wegschmeißen – er, der Messi in „Messias“ entdeckt, hebt von der Werbedrucksache den Umschlag auf und hortet Gummiringe, bis von der drittobersten Schicht abwärts die Schublade mit Kautschukstaub gefüllt ist. Gleichfalls popelt er von der Schwarte die letzten Fettmoleküle und lagert im Geräteschuppen die Blumenkohlstrünke, damit der Russe ihn nicht nochmals aushungern kann, wenn die Sache mit dem Gasmonopol schief gehen sollte.

Zweitens ist er zutiefst davon überzeugt, dass er oben Knorpel, Tod und Restfett einwerfen und dann unten hochfeinen Gaumenkitzel hervorholen könne. Vorbei die Zeiten, in denen Brennnesselsud und Brathering aus Hefeextrakt, Bröckelgötzen und Beefsteak aus Brotrinde für einen stabilen BMI sorgten. Dennoch verzichtet die Knalltüte nicht auf das verbriefte Recht, Dreck fressen zu dürfen.

Und die Knalltüte bekommt ihn. Willfährig ist die Fertigfraßindustrie und schnell bei der Sache, wenn’s gilt, den Beschränkten eine Mixtur aus Brackwasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß und Bleichmitteln als Käse anzudrehen. Ahnungslos schluckt der Trottel und hat seine Lebenserwartung wieder einmal höchst elegant minimiert. Auch mit dem Schinken, vor dem Krieg noch am Stück und aus quiekfreudigen Rüsselschnäuzlern geschnippelt, hat es so seine Bewandtnis. Schnittfester Wabbel aus Kartoffelstärke – Hallihallo, hier ist sie wieder, die Notstandsknolle – mit punktuell eingelagertem Gammelfleisch spiegelt Bissfreudigkeit vor, als hätte der Schöpfer selbst den Fake am Arsch der Sau wachsen lassen. Da ist Holland ganz abgesehen von den roten Wasserbomben, die nur an der Kistenaufschrift als Tomate zu identifizieren sind, mal richtig in Not, das haben sie alle nicht gewollt. Schon plärren die denkresistent Degenerierten nach Verbraucherschutz und machen es dann dem Motor ihrer Blechkiste nach: auf geht’s zur zünftigen Magenschmierung mit Vollsynthetik.

Zum Beispiel beim Fertigdressing, das den welken Blattsalat ersaufen lässt. Fröhlich schweben schrillbunte Kräuter im Schmierfettglibber herum und kümmern sich einen Scheißdreck um die Schwerkraft; das Zeug sieht aus, als hätte Timothy Leary Wackelpudding gekocht. Dass man derart surreale Effekte wohl nur unter Einsatz von Madenepithel und flambierten Krötengonaden hinschwiemelt, verdrängt der Dummkopf in der Kassenschlange. Andererseits gönnt er sich gerne ein teures Surrogatsüppchen, wenn nur die feiste Fratze eines von Sternen vollgehagelten Kochs auf der Dose pappt. Alles jenseits von Stalingrader Kesselgulasch scheint ihm sowieso als brodelnder Vaterlandsverrat, und so labt er sich verschämt an hochgezüchteten Pilzsüppchen, da ja die Autorität für Echtes und Wahres spricht. Pustekuchen – in der Aluretorte lauert der Beschiss in Gestalt von Edelfischfond aus totgeköcheltem Altmilchvieh, butterfreie Buttersauce oder Gewürzkombinationen aus chemisch reinem Geschmacksverstärker, unter dessen Sperrfeuer die Hochpreispampe zwar immer noch wie aus der Ökotonne schmeckt, das aber wenigstens mit Papillen zerschmirgelnder Wucht. Maggi pur auf altbackenem Graubrot wäre der ehrlichere Weg zum Selbstbetrug gewesen und im Zweifel schmerzfreier, da von adäquaterem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Und so zieht er weiter seine Kreise durch die Speiseblasenkammer, knabbert Schokoladenkekse, auf denen kein Schild mehr Reste von Schokolade angeben muss, und lutscht auf Pressgarnelen aus Rotaugenmuskelfasereiweiß herum. Gourmets unter den Bescheuerten gehen inzwischen dazu über, Tütenpasta und Dosenpesto nur noch dann im Ensemble zu kredenzen, wenn beide mit Sägemehl aus der identischen Buchenschonung gestreckt worden sind. Vermutlich jubeln sie dem Behämmerten demnächst Kaninchenkotze mit Fliegenpilzmatsch als Sauerbraten in abgefeimter Karnevalsverkleidung als Sushi-Pizza unter. Unser Mitleid hielte sich in Grenzen. Selbst Schuld.