Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIII): Der Anspruch der Eliten

26 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in Europa, vielmehr: es überholt auf der rechten Spur, hält den Mittelfinger aus dem Fenster und betrachtet die Straßen als sein Eigentum. Wehe, ein anderer wagte es, bei Rot zu bremsen. Wie der Henker führe der Lenker drein, fuchsteufelswild, unbelehrbar, da nicht weiter an der Realität interessiert. Die Welt gehört ihnen, den selbst ernannten Eliten, aber sie können nicht einmal damit umgehen.

Kein Tag vergeht, ohne dass das Geheul der angeblichen Oberschicht durch die blühenden Landschaften zetert. Ihre Wehleidigkeit, sich nicht an die Spielregeln halten zu wollen, auch wenn sie sie selbst geschrieben haben sollten, ist ein peinlicher Auswuchs der Ichlingspest. Jäh greint es durch Wald und Flur, das rumpelstilzt sich einen, da sie sich stärker an den Kosten der Allgemeinheit zu beteiligen haben – wer denn sonst, möchte man fragen, etwa die Obdachlosen? die Niedriglöhner und die Erwerbsunfähigen? Sie leben nicht von der Sahne, ohne den Pöbel zu beschimpfen, der ihnen den Kuchen nicht schenken will.

Die blühende Landschaft ist für sie wie ein Selbstbedienungsladen, mehr noch: ein Paradies für Ladendiebe und Zechpreller. Sie, die gleicher sein wollen als die anderen, fordern Vorzugsbehandlung, weil sie wie andere sein wollen. Sie benutzen Stadtgrün und Zebrastreifen, erwarten von der Polizei, dass sie den Verkehr regelt, bei Einbruch und zerkratzten Kotflügeln ermittelt, sie erwarten, dass der Richter für sie den Dieb verknackt und der Justizvollzug ihn einsperrt. Sollte es brennen, warten sie auf die zu diesem Behufe vorgesehene Feuerwehr. Bei der alljährlichen Flutkatastrophe halten sie das Eingreifen von Zivilschutz und Bundeswehr für eine Selbstverständlichkeit. Sie wünschen Papierkörbe im Weichbild und Kunst am Bau, Straßenbeleuchtung, Kanalisation und Parkuhren, Gewerbeförderung und Denkmalschutz. Wenn nicht, dann beschweren sie sich, dass der Staat für alles Geld schmeißt, nur nicht in ihre Richtung. Wobei sie sich auch beschweren würden, wenn er das Geld schmisse. Oder in ihre Richtung, aber nicht genug. Sie würden, tönt’s aus der zufälligen Zusammenrottung am oberen Ende der Vermögensverteilung, mit Pech und Fackeln aus dem Land getrieben. Was für ein elender Hirnplüsch, der ihnen aus der Rübe rattert.

Denn der Anspruch der sogenannten Eliten ist es eben nicht, diesen angeblich unwirtlichen Staat zu verlassen und sich in irgendeiner von Wirbelsturm und Erdbeben, Militärdiktatur und Malaria bedrohten Operettenrepublik mit quietschbunten Cocktails unter die Palme zu pflanzen, sie hieven nur ihre Kohle über den Äquator und schätzen ansonsten eher den Nieselregen der norddeutschen Niederung sowie dessen optisches Pendant, die Halsfalten der Kanzlerin.

Klassischerweise sind es eben die Eliten, die im Vollbewusstsein ihrer Deutungshoheit das unterste Dezil als Schmarotzer abtut, gesellschaftlich nicht integrierbare Randfiguren, die jede geregelte Arbeit kategorisch ablehnen, den Staat und seine Organe zutiefst ablehnend, gleichwohl sie ohne ihn vollkommen aufgeschmissen wären, da sie allein von seiner Gnade abhängig sind, um ihr Leben zu fristen. Womit sich die Vermögenden hinreichend selbst beschrieben haben dürften.

Denn sie sind nicht nur von der Feuerwehr und den Wasserwerken abhängig, sie müssen darauf vertrauen, dass die Großwetterlage stabil bleibt, ohne Erschießungskommandos, Weltrevolutionen, Sozialismus und, horribile dictu, Steuererhöhungen. Sie müssen darauf vertrauen, dass der Staat den gesellschaftlich überflüssigen Reichen nicht die Knute überzieht, dass er Eigentum schützt und ihr Lebensmodell nicht als illegal bezeichnet. Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die Gesellschaft aus lauter Liberalität eine Schicht leistet, die netto Verluste einfährt und nicht fähig ist, dies zu ändern.

Möglicherweise haben sie selbst schon vom Hauslehrer auf dem Stammsitz des Geschlechts ihr Schulwissen unter die Kalotte geschwiemelt bekommen, möglicherweise popeln sie auf privaten Internaten ihren Nachgeburten ihre verquere Ideologie ins Hirn, doch wenigstens mittelbar sind sie ohne das öffentliche Bildungswesen komplett aufgeschmissen. Ohne Regel- und Hochschulen hätten sie weder Rechtsanwälte noch Schönheitschirurgen, die sie vor der Wirklichkeit in Schutz nehmen, von Steuerberatern noch zu schweigen. Sie hätten keine staatlich geplante und gebaute Bundesautobahn, um die Karre vollstoff über den Asphalt zu jagen. Sie hätten nicht einmal den staatlich subventionierten Billigstrom aus Kernreaktoren, um den Großbildfernseher und die elektronisch gesteuerte Haustechnik zu betreiben. Vermutlich würden sie an der roten Ampel gleich mal übergemangelt, höchstwahrscheinlich, weil keiner sehen würde, dass sie rot ist – ist sie auch gar nicht, sie fehlt ja gleich ganz, und der Notarzt, der die Reste des Sozialopfers in einen Eimer schmeißt und ins Universitätsklinikum karrt, ist auch gleich mit ausgewandert. Das Leben ist bekanntlich hart, ungerecht, teuer, und am Ende geht man tot.

Man sollte denen, die ihre Steuern nicht fürs Gemeinwohl blechen wollen, ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie unter Androhung von Materialkaltverformung im Gesichtsschädelbereich über die Grenze verfrachten. Endlich sind sie des Jammertals ledig, ihr Kapital haben sie immer bei sich, was kann’s schöner geben? Sie werden jäh bemerken, dass sie, da unter ihresgleichen, mit erhöhter Gesindeldichte zu rechnen haben. Wir werden es verschmerzen. Nur keine Neiddebatte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLV): Eliten

19 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer immer seine Ware, Geschmeide, Baustoff oder totes Tier zu Verzehrzwecken, auf den Markt zu bringen versucht, sollte zusehen, das Produkt als besonders qualifiziert darzustellen: eng umrissen ist der Bereich, in dem sich der Kunde den Drahtkorb auf dem Weg zur Kassenschlange voll schaufelt, denn er weiß, das Gras jenseits des Zauns ist grüner und die Lebensspanne deutlich begrenzt, wenn man nicht gerade Johannes Heesters heißt. So versteigt sich die Werbung aufs Feine, Edle, kreiert Teewurst und Frischmilch und Exquisitplempe in bunter Vielfalt, auf dass der Konsument niemals kapiere, wie innerhalb der Knitterverpackung der übliche Gammel lauert. Dreht man die Schraube fester, landet man bei Premiumtierfutter, Luxuskotztüten und schließlich, wie sollte es anders sein, bei der Elite. Sie ist, der Name deutet’s an, die ausgesuchte Ware im Sortiment, doch ob ausgesucht gut oder ausgesucht beschissen, das erfordert genau den Kontext, der aus Sicherheitsgründen meist fehlt.

Was läge also ferner, als über Los zu gehen und gleich mit dem ersten Schritt im Fettnapf zu stehen – der Elitäre tut’s trotzdem, doppelt verbissen gar und hockt voll Wonne in der Wanne, um in sozialer Dimension sich selbst als Elite einordnen, mithin als bunt verpackten Sonntagsschrott abzuwerten. Chapeau, wir haben dem Pack auf der Kriechspur der Vasallen ja nicht das Auffahren verboten. Die soziale Stellung als Preisliste – warum nicht?

Elite scheint als Bezeichnung eng mit dem Konzept der politischen Korrektheit verwoben; denn so, wie man heute intellektuell eigenwillig operierende Menschen in kreativ herausgearbeiteten Teilbereichen der Gesellschaft anspricht, merkt das blöde Arschloch gar nicht mehr, dass es gemeint ist. Dummerweise hat sich in der Gesellschaft, die Postmoderne spielt, die Qualität erheblich verdünnt. Was seinerzeit noch als Schranzen besetzt werden konnte, rutscht heute durchs Sieb. Bildung ist nicht mehr hinderlich auf dem Weg ins Kellergeschoss, und so zeigt ein illustrer Flor aus Sackpfeifen auf Rütlischulniveau, wie das Volk zum Fremdschämen kommt. Warme Luft steigt nach oben, Hohlköpfe zuerst: Ministerpräsidenten brillieren durch erratisches Gestammel fremder Zunge, Bahnchefs sind nicht mehr in der Lage, Fahrkartenautomaten unblutig zu bedienen, Außenminister beweisen, dass Schlafen im Geschichtsunterricht (Latein findet in Elitehaushalten vorsichtshalber nicht mehr statt) einen schönen Teint macht – Stümper predigen Leistung, wie ebendiese zum Symbol des Elitären stilisiert wird, wenn man sich ganz sicher sein kann, dass die Waschlappen oben auf der Ungezieferstange im Leben noch nicht viel mehr hingeschwiemelt bekommen haben, als vom Kreißsaal über den Hörsaal direkt in den Plenarsaal zu glitschen – keiner repräsentiert die Blaupause dünn angerührter Daseinszwecke wie Politiker.

Denn sie sind das Musterbeispiel für kreativen Umgang mit der Realität; der eklatante Mangel an Moral, die Großtat, ihre Abneigung gegen sinnvolle Arbeit zur Kunstform zu erheben, ihre widerwärtige Unersättlichkeit, Überheblichkeit und Verlustangst, irgendwann auf das zurechtgestutzt zu werden, was sie sind: Wohlstandsmüll einer Deppengesellschaft im intellektuellen Sturzflug, alles das macht sie zu einer Herde von Zivilversagern, die nur in einem rege und findig sind, nämlich dem verschlagenen Versuch, sich mit Nichtwissen und Faulheit nach unten abzuschirmen, wo die harte Normalität droht.

Der Fehler pumpt sich auf und wird System; ein Dumpfschlumpf reicht dem anderen die schwitzige Hand, denn sie verstehen einander, Parvenüs, die das noch zu gut kennen vom Schulhof, wenn die anderen Kinder schon viele waren und immer mehr wurden: eine dicke Lippe verträgt sich nicht mit dem Umstand, keinen großen Bruder zu haben. Jetzt beten sie sich gegenseitig an, soziokulturell überforderte Fettarschbuddhas auf wirr genagelten Klappaltären, die Monstranz des Aufsteigertums, das sich unterwegs die Hohlbirne am Wahnsinn ankloppt, sich Genie attestiert und dann fröhlich der Korruption frönt, der Hauptursache für multiples Hirnarealversagen in derlei Kreisen.

Wer nun denkt, bis jetzt habe der Zoobesuch bei den hohen Tieren schon gefruchtet, täuscht sich. Nichts scheint attraktiver, denn als Ramschware auf den Markt gekotzt zu werden. Was sich Elite nennen kann, nennt sich Elite. Scheint’s hat sie niedrige Eingangsvoraussetzungen, zur Infoelite gehört man inzwischen schon, wenn man ohne Recherche aus anderen Zeitungen abschreiben und das Ergebnis als eigene Arbeit unterjubeln kann (siehe auch: Leistungselite). Logische Fortsetzung ist die alphabloggende Internetelite, die sich auf der Ausweichspur auch als digitale Bohème geriert, früher hieß das: „Der Junge, der hat ja 22 Semester studiert, jetzt verdient er manchmal etwas dazu.“ Inzwischen gibt es Elitenförderung an jeder Straßenecke, die ein Hund markieren kann, wobei der Gegensatz klar ist: Eliten- ist das Gegenteil von Begabtenförderung. Denn wozu müsste man die Elite, per se Spitze der Gesellschaft, noch anheben.

Allein, dieses System hat sein Gutes, unbestreitbar; wenn es denn dereinst soweit ist, können wir einfach das Dachgeschoss in Brand setzen, genau so, wie es interessierte Zeitgenossen dem guten alten Nero in die Schuhe schoben, um einen harmlosen Volltrottel ins Kostüm der degenerierte Bestie zu stopfen – und dann werden wir mit dem Dosenbier im Anschlag auf der Straße hocken und den quäkenden Vorzeigedeppen ein bisschen mehr Leistung empfehlen. Für die Allgemeinheit. Oder für die Geschichte. Wer macht da schon einen Unterschied.