Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXV): Helikoptereltern

8 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt hatte alles im Griff. Zwei Nachkommen waren im Vollkontakt mit der Säbelzahnziege zu Biomasse geworden, zwei weitere hatten sich mit gängigen Vorgartenpflanzen ins Nirwana gekaut. Die Gattin ließ die Brut kaum an den Steilhang jenseits der großen Schuttfläche, denn dort lauerten die wirklichen Gefahren: Sonnenbrand, Käferbiss und Brennnesseln ohne dreisprachige Warnschilder. Noch hielt die Reproduktion keine besonderen Erfordernisse bereit. Weiter so, das war die Devise. Aber schon bald sollte sich das Blatt wenden. Die Zivilisation ließ nicht mit sich spaßen. Dunkel rattert es am Horizont entlang: die Helikoptereltern.

Bereits der durchschnittliche Kinderspielplatz bringt Pädagogen an die Grenze der Hirnembolie. Im Windschatten modisch vermummter Latte-macchiato-Väter und teilbartfreier Hipstermütter bohrt die nächste Runde im Generationenvertrag Dellen in den Sand, hektisch beobachtet von auf primäre Pädagogik gedrillten Hysteriefachkräften, denen kein armageddonöses Szenario zu blöd wäre für eine prätraumatische Belastungssimulation. Alle sind sie überdurchschnittlich höchstbegabt, ohne Ausnahme für Frühkantonesisch und Fagott, den Bundesliga-Kurs und ein Diktatorentraining beim Dieselkonzern geeignet. Kinder, rülpst das üble Gewissen, an die Macht. Weil die meisten der als Eltern firmierenden Schädelvollprothesen sich nicht imstande sehen, das Ergebnis ihrer genetischen Laienexperimente zu akzeptieren, leidet eine ganze Generation unter ihren verquasten Vorstellungen von Perfektion, die dann doch wieder nicht reicht.

Die allzeit bereiten Verziehungsgerechtigten sind nach eigener Aussage in der Pflicht, das Balg möglichst schnell zu makellos funktionierendem Gesellschaftsmaterial reifen zu lassen: ohne jede Auseinandersetzung mit Umwelt oder Staunässe, Wind und Mückenstichen. In der Grundschule wirkt es ja noch putzig, wenn der Abkömmling mit dem SUV ins Institut gekarrt wird, weil auf den Straßen zu viel gefährlicher Autoverkehr herrscht, doch spätestens im Hauptseminar II über Riemanns wirre Vermutungen sind alle väterlichen Versuche als überwältigend niveaulos zu betrachten – sollte sich der Jungmann irgendwann einem signifikanten Anderen nähern, hier wohl Objekt klein a kursiv, sind Mangel und Begehren aus der Illusion des Bekloppten schnell zusammengeschwiemelt und erklärt. Der Fötus hat nach Maßgabe der Alten stets die embryonale Stellung einzunehmen, aus der die Ernährungsberechtigung erwächst, ohne Rücksicht auf Verluste. Was kann eine Konserve, was diese Blödkolben nicht könnten?

Man kann seinen Kindern jedenfalls nicht klarer kommunizieren, dass man sie für grundsätzlich voll verkackt per Design hält, unfähige Würstchen im Strafrock, die schon als Ausschuss auf die Welt gekommen waren, um sich hernach noch einmal stattlich zu blamieren. Das Grundbedürfnis nach Kompensation ist bei den Erzeugern offenbar derart dominant, dass man den Ablösungskonflikt sogar ohne Drogeneinsatz an die Wand möllert – an der Reife von Reis und Blüte erkennt der Bescheuerte dumpf den Fortschritt des eigenen Welkens, der unweigerlich in nicht mehr behandlungsbedürftige Formen des Schweigens mündet. Alles hat ein Ende, nur will das keiner hören. Das Blag als die letzte Aufgabe fürs gelungene Projektmanagement voller kritischer Fluchtpunkte ist auch nur eine eigene Form der Hilflosigkeit, die ausnahmsweise keinen eigenen Namen mit sich herumschleppt. Die wird flockig an die neurotische Kreatur vererbt wie eine Laktoseintoleranz, wie Leistungsdruck im Gewand einer gnadenlosen Auslese, der die Alten nicht ansatzweise mithalten könnten. Lediglich ihre missratenen Methoden prägen das Erlebnis von Entkräftung und Selbsthass, der sich entweder in billiger Stereotypie durch die Vita kotzt oder im einfachen Fall ein sauber zersägtes Ich hinterlässt. Beides kann auch amüsant sein, wenngleich nur in Ausnahmefällen.

Man kann diese Eltern nicht aus Versehen als personifiziertes Heftpflaster am Hosenboden der Nachkommenschaft sehen, sie schädigen noch über die eine Fruchtfolge hinaus jegliche Autonomie, die sie dem Flaschenwuchs opfern, die sterile Kopie der Knalltüten mit der Anlage nämlicher Blödheit. Glücklich ist, wer aus diesem Kindergarten mit roher Gewalt ausbricht, knöchelhoch verbrannte Erde hinterlassend, wo üblicherweise die Kombination aus Nägelkauen und Bettnässen ausreichen würde, um die Problemkinder zu identifizieren. Mit etwas Glück verebbt das im Burnout, weil es die Eltern der Sandkastenfreunde mit Securitate-Methoden durchfilzen und danach der Steuerfahndung zuführen muss. Mit etwas mehr Glück geht das über die Wupper, wenn sich die Söhne und Töchter ihre etatmäßigen Kopfläuse an der Theke abholen und das eigene Immunsystem die finale Grätsche macht. Die Natur würfelt nicht. Sie hackt ungehindert Kerben in die vorhandene Materie. Weil sie es kann.

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Staatsbürgerkunde

26 07 2017

„Wenigstens ein kleines bisschen könnte man doch aber die…“ „Nein!“ „Sie müssen doch die Kosten im Auge behalten.“ „Interessiert mich nicht.“ „Aber die Kosten haben immer Vorrang bei Ihnen? wann hat sich das denn bitte geändert?“ „Jedenfalls nicht mit Werbung. Ich werde das nicht zulassen.“

„Denken Sie doch auch mal an die Kinder!“ „Das war mein letztes Wort. Keine Werbung in den Schulen.“ „Sie sind wohl gegen Werbung, wie?“ „Sind Sie gegen Bier?“ „Nein, warum?“ „Ich auch nicht. Trotzdem hat es an deutschen Schulen nichts zu suchen.“ „Typisch, wieder so ein Spießer, der die innovativsten Ideen ausschlägt, nur weil er mit der Ethikkommission so ist.“ „Quatsch.“ „Uuh, wie qualifiziert!“ „Werbung ist schlicht mit den Aufgaben einer staatlichen Schule nicht zu vereinbaren.“ „Sie wollen den Religionsunterricht abschaffen? bitte, nur zu. Ist nicht meine Karriere.“ „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ „Es handelt sich in beiden Fällen um…“ „Manipulation, wollten Sie sagen?“ „Das haben Sie gesagt! das lasse ich mir von Ihnen nicht unterschieben!“ „Mit dem Unterschied, dass das eine den Kindern ein Weltbild vermitteln will, welches auch immer, und das andere lediglich Konsumanreize wecken soll.“ „Das macht doch der Religionsunterricht auch, oder zahlen Sie keine Kirchensteuer?“

„Jedenfalls nehmen Sie Ihre Gutscheine mal wieder mit, und dann machen wir weiter in Ruhe Unterricht.“ „Dafür erhalten Sie im Kaufi-Markt ein kostenloses Geodreieck, und für den hier sogar einen Wasserball. Das ist wichtig, in Deutschland können immer weniger Kinder schwimmen.“ „Ich mache bei Ihnen also einen Mindestumsatz von fünf Euro, und dann kriege ich so ein lumpiges Stück Plastik nachgeworfen.“ „Damit können Sie Winkel messen, Sie können rechte Winkel und…“ „Egal.“ „… linke auch, ich kenne mich da nicht so aus, aber auf jeden Fall ist das kostenlos und…“ „Wie gesagt, wir wollen es nicht.“ „Aber die Kinder holen sich ihre Schokoriegel sowieso beim Kaufi, da kann man doch mit der Kundenbindung gar nicht früh genug ansetzen.“ „Verstehe, Sie sehen Ihre Maßnahme als Gegenbewegung zur Servicewüste Deutschland.“ „Richtig, Sie haben es erfasst! Man muss das Konzept Staatsbürgerkunde nur etwas wirtschaftsfreundlicher gestalten, dann hat auch die Binnenkonjunktur etwas vom…“ „Vergessen Sie’s.“

„Das mit den Plakaten brauche ich Ihnen dann wohl gar nicht weiter zu erläutern?“ „Ich habe es mir durchgelesen.“ „Oh, doch?“ „Schwachsinn.“ „Was spricht denn dagegen? Gucken Sie mal: Mehr Spaß am Sport mit…“ „Es gibt noch sehr viel mehr Marken, wir brauchen dieses Sponsoring nicht an der Turnhallentür.“ „Und was ist mit der Sporthilfe?“ „Das ist gezielte Förderung der Spitzenkader.“ „Sie wollen die Kinder, die das Beste sind, was wir der Zukunft zu bieten haben, ohne die Segnungen einer…“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Gerade die einkommensschwachen Schichten müssen doch gefördert werden, das hat sich die Sozialministerin auf die Fahne geschrieben. Nicht erst diese übrigens.“ „Dass Nahles mehrere Fahnen hat, weiß ich selbst.“ „Nein, ich meine…“ „Wenn wir sinnvolle Produktunterstützung für die Kinder bereithalten, haben wir die Gewährleistung, dass wir Chancengerechtigkeit herstellen.“ „Aha. Sinnvolle Produktunterstützung für den Unterricht hätte es nicht getan?“ „Wie soll die aussehen?“ „Sie könnten in die Schulen beispielsweise Turngeräte hinstellen, die Lehrkräfte in Supervision schulen oder in Talentförderung.“ „Umverteilung, das ist alles, was Ihnen dazu einfällt?“ „Umverteilung?“ „Wenn sich die Kinder aus einkommensschwachen Schichten diese Turnschuhe leisten wollen, müssen sie sich halt ein bisschen dafür anstrengen.“ „Ich sehe, Sie nehmen das mit der Staatsbürgerkunde ernst.“ „Wir wollen eben das Beste aus den Kindern herausholen.“ „Richtig. Ihre Kohle.“

„Dann jedenfalls schon mal herzlichen Dank für das Gespräch, ich werde mir den…“ „Nicht so schnell, können Sie nicht Ihre Werbespots noch mal zeigen?“ „Ich dachte, Sie wären gegen Werbung in der Schule?“ „Bin ich auch. Das heißt aber nicht, dass man nicht Werbung für die Schule machen sollte.“ „Wie soll das funktionieren?“ „Sie können Ihre Reklame ein bisschen umschneiden, und dann werden die Filmchen halt für Fremdsprachen oder Erdkunde. Oder überhaupt mal dafür, sich in die Schule zu begeben.“ „Und mit welchem Nutzen? Denken Sie doch mal nach, die Kinder müssen doch einen konkreten Nutzen sehen, sonst spricht sie die Werbung gar nicht an.“ „Schulausbildung. Lernen. Weshalb man eben in die Schule geht und nicht auf der Straße hockt.“ „Und wie bekommen wir dafür Sponsoren?“ „Sie arbeiten nur sporadisch mit der Wirtschaft zusammen, stimmt’s?“ „Sollen wir die Schüler etwas nur als bewusste Verbraucher bilden?“ „Wäre ein Anfang.“ „Aber wie verkaufen wir dann Kekse und Klamotten?“ „Indem Sie die Kinder frühzeitig zu vernünftigen Staatsbürgern erziehen, die genug für die Binnenkonjunktur tun.“ „Super Idee! Und das kriegen wir vernünftig hin?“ „Selbstverständlich, unter einer Bedingung.“ „Ja?“ „Halten Sie die Banken raus.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXII): Das unfunktionale Kind

7 03 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was war die Welt für ein wundervoller Ort, sein unbedeutendes Leben kurz und schmerzlos zu beschließen. Wer nicht die falschen Pilze knabberte, wurde vom Säbelzahntiger beseitigt oder verlor das Match gegen Grippe, Wundbrand und Asthma. Niemand wurde älter als 40 – ein Traum für die Jugendfetischisten, die noch mit 95 aussehen wollten wie Wolfgang Joop mit 59. Kinder waren n och Kinder. Sie durften noch auf eigene Faust durch die Savanne streichen, hatten dann aber Pech, wenn die Raubkatzen sich gerade das Lätzchen umgebunden hatten. Was jedoch die Erzeuger nicht groß aus dem Ruder brachte: sie legten vor dem Abnippeln noch mal drei neue Folgen Nachwuchs hin und suchten sich dann das beste Material aus. Die Evolution war ja hart, aber herzlich. Nur heute funktioniert das nicht mehr. Was aber nicht am durchschnittlich viel gesünderen Nachwuchs liegt. Sondern an den Dummklumpen von Eltern, die ihre Kinder generell für dümmer halten als sich selbst – was technisch unmöglich sein sollte.

Denn die heutigen Nachkommen sind einfach zu nichts zu gebrauchen. Sie können nicht segeln, beherrschen ihre Drittsprache nicht akzentfrei, betonen in den Pralltrillern der Scarlatti-Sonaten die Mittelnote einfach zu stark, haben noch keine internationalen Finanzkonzerne gegen die Wand gefahren, und dabei sind sie meistens schon mitten im dritten Lebensjahr. Dass sie Versager sind, liegt nicht an den Eltern, so viel ist sicher. Und dann sind sie auch noch so störrisch und funktionieren nicht auf Knopfdruck.

Die Abgehobenheit helikopternder Eislaufmammis ist nichts gegen den Drill im heimischen Camp, den aufstrebende, also ab Werk noch nicht zur obersten Gesellschaftsschicht gehörende Deppen ihrem Gezücht mit auf den Weg geben. Dieser ist meist vorgezeichnet, wird steinig und hat nicht zwingend eine große Erfüllung zur Folge, in der Mehrzahl jedoch einen charakterlichen Kollateralschaden, der beim Ultramarathon ein perfektes Largo geigt und ansonsten als Blödföhn die Menschheit nervt. Das nicht hinreichend in die Erfolgsspur geprügelte Kind hat keine Zeit mehr, sich selbst zu entfalten, deshalb faltet es die anderen zusammen und wird, Überlebensfähigkeit immer vorausgesetzt, auch von ihnen gefaltet. Wer das sät, erntet Kompott.

Dies jedoch ist nur die übliche Brutalität der Querkämmer auf Sündenbocksuche, wie sie für ihre eigene Beklopptheit alles zur Verantwortung zerren, was nicht schnell genug zurückschießt. Als Steigerung der Perversion gibt die niedermolekulare Verschwiemelung mit der gesellschaftlichen Norm den Ist-Zustand ungefragt als Krankheit aus, sprich: was nicht hinreichend den wirren Vorstellungen der Egoleptiker entsprich, wird umgehend als pathologische Erscheinung gebrandmarkt. Ist das Söhnchen nicht sportlich genug, weil es als Kleinkind lediglich die Koordinationsfähigkeit eines Kleinkindes aufweist, so handelt es sich um eine Entwicklungsstörung, die therapeutisch zu therapieren ist. Meist werden dem Balg aus Gründen der gesteigerten Effizienz (die Verziehungsberechtigten haben ja noch richtige Erben und müssen sich auch um die Finanzen kümmern) pharmazeutische Waffen verabreicht. Wer soll sich auch ständig um den Familienmist kümmern.

So kleben die Schorfhirne Etiketten auf ihre Zöglinge: bipolare Störung, Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit. Wie sonst auch sollten sie die Reaktionen ihrer Kinder bezeichnen, deren Defizite hauptsächlich darin bestehen, dass sie wenig bis höchstens falsche Aufmerksamkeit einer sozialen Zusammenrottung bekommt, die man mit ihr besser nicht allein lassen sollte. Natürlich sind diese Heranwachsenden bipolar gestört, und zwar zunächst von ihren Eltern, die sich nichts nehmen lassen, als sie zwischen Überforderung und Kontaktsperre einzuklemmen. Sie treten die Hinterlassenschaft ihrer Kinder an, vielmehr: sie werden sie mit in ihr eigenes Leben nehmen, wenn sie zufällig allen Rückkehrwünschen zur Biomasse entsagt haben, und werden den Schmodder an ihre eigenen Enkel weiterreichen. In den Gepeinigten Staaten leiden 25 Prozent der Bevölkerung unter Angststörungen; warum wir aus dieser Gesellschaft, die sich als unterer Dreckrand der westlichen Zivilisation etabliert hat, die persistente Paranoia als Normalzustand übernommen haben, bedarf keiner Diskussion mehr.

Es besteht Hoffnung, dass die Bescheuerten irgendwann dem Innendruck nicht mehr standhalten und sich mit einem preiswerten Burnout aus der Nummer verabschieden. Das macht kurzfristig etwas Lärm, aber dann wird eine hübsche Wohnung frei. Und der ewige Kreislauf zwischen zur Sau gemacht werden und zur Sau machen ist endlich einmal durchbrochen. Es kann so einfach sein, sein unbedeutendes Leben kurz und schmerzlos zu beschließen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXIX): Das Kind im Wattepanzer

14 02 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Seit Generationen waren sie am östlichen Seeufer barfuß über die Geröllhalde gelaufen, schon deshalb, weil Schuhe erst ein paar Jahrtausende später erfunden wurden. Sie hatten sich die Knie eingehauen, waren aufgestanden, vor den Büffeln davongelaufen, waren in den See gesprungen, haben Fische mit der bloßen Hand gefangen, in die Höhle geschleppt, mit Feuersteinmessern aufgeschlitzt und gebraten, und wenn das mit den Wollnashörner nicht gut ausging, kamen von den zehn nur neun zurück. Sie hatten nicht einmal ein Dosentelefon oder einen Zettel, auf dem stand, dass sie regelmäßig trinken sollten da draußen in der Wildnis. Und sie haben es ihren Kindern und Kindeskindern erspart, wie auch die ihren Blagen. Nur wir denken, wir müssten unsere Sprösslinge in den Wattepanzer stopfen. Gewaltfrei natürlich.

Die Hysterie, mit der die Beknackten heute an den dräuenden Untergang für jedes Kind denken, wie er bereits in Gestalt eines Puschelhäschens lauern könnte, diese Wahnvorstellung wird mit einer Intensität durch sämtliche Schichten dieser unserer Gesellschaft dekliniert, mit der normale Menschen Konzerne gründen. Wir schleifen die Rotznasen im zartesten Alter zum Turnen, in die Chinesisch- oder Geigenstunde und laden sie zu arrangierten Zeiten bei ausgewählten Spielgefährten ab, um vom Start an die besten Sozialkontakte zu unterhalten. Wir drücken ihnen ungefragt die Wasserflasche ins Gesicht, schwiemeln ihnen zuckerfreien, fettarmen und geschmacksneutralen Pomps in den Stoffwechsel und stopfen sie in mundgehäkelte, genderneutrale Säcke mit Knopf und Faden, bis sie mit tödlicher Sicherheit psychotische Vollklopse sind, Abbilder ihrer geistig erodierten Erzeuger.

Denn die wollten ja einfach nur das Beste für ihre Stöpsel, und das ist das Problem. Die Kohorte der heutigen Fortpflanzer ist mehr denn je gegen die Wand gelaufen, schlimmer als alle zuvor. Was als Individualisierung innerhalb der vergangenen Jahrzehnte herhalten musste, weckt heute nur noch ein müdes Lächeln. Punk? in diesem Jahrtausend tragen sie Vollbart, die Nonkonformistenuniform des Spätkapitalismus, dazu Brillen, die aus jeder Durchschnittsphysiognomie einen Knalldeppen zaubern. Das bisschen Einzigartigkeit, wenn sie morgens Kevin auf die Sojaplörre pinseln, kann man sich auch schenken. Sie gehen alle unter; vielleicht ist das nicht einmal schlecht, weil von der Evolution so vorgesehen, aber es löst diese dumpfe Urangst vor der Vernichtung aus. Die Einschläge kommen näher. Sie haben sich mit letzter Kraft reproduziert. Und das soll jetzt alles gewesen sein?

Vor dem Hintergrund der eigenen Nichtigkeit plustern sie ihre genetische Hinterlassenschaft auf und projizieren ihre Besessenheit auf das wehrlose Wesen. Die obsessive Jagd nach Unverletzlichkeit, nach der perfekten und makellosen Imago treibt ihre Sumpfblüten. Wie eine Puppe inszeniert der teilzeitintelligente Teil der Erlebnisgesellschaft seinen Abkömmling, steril und unantastbar, schon ab Empfängnis reizstoffarm gepuffert und ab der Geburt quasi im Schutzhelm geparkt, vegan und laktosefrei mit Mozart zugekleistert, damit nichts das gepamperte Glück der Leibesfrucht stören möge. Und das alles nur, weil eine Rotte völlig verseifter Dummklumpen aus der bröselnden Mittelschicht den Gong zur letzten Runde nicht gehört hat.

Kriegt der Neubürger dadurch die Klimakatastrophe in den Griff, dass er erst mit zehn unter Aufsicht ein Fahrrad mit Stützrollen fahren darf? Erledigen wir die NSA und den Hunger in der Welt, den Nahostkonflikt und die Vogelgrippe, indem wir männlichen Flugpassagieren verbieten, neben fremden, wahlweise auch neben ihren eigenen Kindern zu sitzen? Wird die Finanzkrise, wird die Arbeitslosigkeit, werden Rassismus und soziale Ungerechtigkeit dadurch entschärft, dass nach einer narkosefreien Hirnverödung Eltern ihre Schutzbefohlenen in Klarsichtfolie einschweißen, um sie vor dem Kontakt mit gleichaltrigen Kita-Kommilitonen zu schützen? Der Windmühlen sind viele, aber der Kampf hat ja auch erst begonnen.

Die Ängstlichen. Sie haben derartige Furcht vor dem Abnippeln, dass sie sie auf ihre Erben werfen, und die reflektieren sie in ihrer Schwäche strikt zurück. Lauert irgendwo der Untergang? dann ist es besser, sie balsamieren ihre Kurzen nicht erst post mortem ein, sie erledigen sie jetzt schon und nehmen sie dem Leben, statt ihnen das Leben nehmen zu müssen.

Was fehlt, sind Bungeekurse auf Krankenschein. Für manche mag es der bessere Weg sein, sich ordentlich die Gräten auszurenken, als das für Jahrzehnte an einem wehrlosen Wesen zu unternehmen. Und die Kampfhubschraubereltern gehen ja nicht nur ihren Kindern auf die Plomben. Wahrlich nicht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXV): Das optimierte Kind

17 01 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das waren noch Zeiten, als flachgekämmte Väter ihre präsumptiven Erben an der Schulter packten, ihnen Klinkerbude, Stall und Schrankwand zeigten, um mit bebender Stimme zu verlautbaren, dass alles das einmal ihnen gehören werde. Ob derart große Gesten immer angebracht sind, sei dahingestellt, immerhin zeigt es noch eine klare Sicht auf die Tradition: was der Abkömmling ererben würde von seinem Alten, erwerben müsse er es, um es zu besitzen, und dann würde es ihm auch besser gehen als den Ahnen. Möglicherweise. Sie haben alle eine realistische Perspektive auf den weiteren Wuchs des Stammbaums gehabt, die Altvorderen. Und sie wussten, dass die Knirpse den ganzen Quark namens Leben selbst über die Bühne zu bringen hatten. Alles andere wäre Faulheit gewesen. Denn irgendwann sollten sie aufhören, ihre Füße unter den elterlichen Tisch zu strecken. Jahrhunderte und Jahrhunderte kamen so junge Menschen zustande, die ein langweiliges Dasein geführt haben müssen. Wenige von ihnen hatten Plüsch im Kopf oder Burnout.

Mit dem Trend zur Individualisierung – jene leicht verschwiemelte Geisteshaltung, die sich selbst für geistig hält – haben vor allem die Macken an Gewicht gewonnen. Keine Mittelschichtmuddi würde ihren Ruben-Jonas, wahlweise: ihre Marie-Melissa übermäßig normal erziehen, um sie dem Durchschnitt anheimzustellen, der Schicht, die nicht glutenallergisch ist, Industriezucker ohne Ekzeme verkraftet, Hausschuhe tragen kann, ohne Sehnenscheidenentzündungen im Vorderfuß zu erleiden und sich nicht für hochbegabt hält, weil in der Familie alle ihren Namen auswendig schreiben können. Überhaupt die Hochbegabung, sie scheint das Schicksal ganzer Landstriche zu sein, die sich zufällig mit gentrifizierten Altbaugebieten deckt, wo nur in Ausnahmefällen ein Kind mit einem IQ unter 150 durch den Kaiserschnitt gezerrt wird. Natürlich werden die Blagen mit laktosefreier Milch hochgepäppelt, weil das Muttertier in der Evolution falsch abgebogen ist und ihr Gesäuge nur mit herkömmlicher Brustplempe dienen kann. Macht aber nix, seinen Schaden bekommt der Wechselbalg, sobald die Verziehungsberechtigte ihn in die mehrsprachige Krabbelgruppe schleppt. Spätestens nach sechs Wochen, wenn die Leibesfrucht weder selbsttätig sitzen noch mit deutlichem Mandarin-Akzent lallen kann, lässt die Alte ihren Frust an dem Kurzen aus und schafft eine neue Generation psychotischer Arschlochmonster.

Längst wird der Nachwuchs aber nicht mehr nur von chronisch Bekloppten drangsaliert, die ihre Kollateralbekinderung als ideologisch korrektes Accessoire am Gängelband neben sich tippeln lassen wie einen Modehund. Die wahren Stammhalternazis geben sich wie blöde die Sporen, ihren Söhnen und Töchtern vom ersten Augenblick an das Leben so gründlich zu versauen, dass es kein Zurück mehr gibt. Sie wählen die Tunnelvision der Hölle und optimieren die Folgegeneration zu Tode.

Das Inferno ist nicht die autoritäre Erziehung. Es ist ein von Foucault entwickeltes Zwangssystem der omnipräsenten, klebrigen Liebe, die mit stumpfen Nadeln unter die Haut gegraben wird. Die helikopternden Elterntiere kriechen mit jedem guten Ratschlag zur absolut passenden Zeit aus der Brotdose mit der ökologisch korrekten Dinkelstulle plus Biosalatblatt, die sich der Vierzehnjährige im Schmollwinkel reinpfeifen muss, während die mental noch nicht verrümpelten Klassenkameraden das Ende ihrer Pubertät bereits zur Kenntnis genommen haben. Der mit einem unsichtbaren Ganzkörperfahrradhelm gegen die böse Realität ausgestattete Schnösel (er kann nichts dafür, ist aber trotzdem einer) bleibt ein emotionaler Nichtschwimmer, das ist eine Seite der Medaille.

Auf der anderen Seite steht der Narzissmus, der den Teilzeitgescheiterten die schärfste Waffe in die Hand gibt, Liebesentzug, mit dem sich jedes intakte Kind in eine von Lemuren getriebene Kreatur verwandeln lässt. Die für eine Zukunft mit erhöhter Weltuntergangsgefahr getrimmten Nesthäkchen tun das alles nur, um die Zuneigung ihrer Erzeuger zu sichern, die ansonsten in das umschlüge, was die eigentliche Haltung ihnen gegenüber ist: blanke Ignoranz, aus der die Verwahrlosung spricht, die sie der folgenden Schicht im Gemenge der Generationen gerne aufdrücken würden. So peitschen sie ihre Experimentierembryonen mit Lust in die Mühle, die die Funktionstüchtigen durchlässt, damit sie sich ein Leben lang aufreiben können, um eine Gesellschaft zu stützen, die sie vergiftet. Sie taumeln von einem Double Bind ins nächste, wenn die Eltern sie zum Konzertgeiger gedrillt um die Welt jagen, ihnen aber aus lauter Fürsorge nicht erlauben, sich selbst die Schnürsenkel zu binden. Diese Hölle hat keinen Notausgang.

Immerhin gibt es eine legitime Art der Rache, wie sie vor einem Jahrhundert oder zwei noch nicht möglich war. Die effizienzverseuchten Bambini wählen in naher Zukunft das Pflegeheim aus, wo ihre Eltern den Löffel abgeben werden. Da sind sie, die Arschlochmonster. Viel Spaß noch.





Krippewelle

25 07 2013

„… es ab dem 1. August einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gebe. Dieser werde von der Bundesregierung durchaus ernst genommen, da die zu erwartende Klagewelle…“

„…das Verwaltungsgericht Köln geurteilt habe, dass die Eltern Anspruch auf einen Kita-Platz hätten, der sich im Umkreis von höchstens fünf Kilometern…“

„… die Anzahl der Kindertagesstätten ausreichend sei. Ein Defizit sei lediglich bei der Bestückung mit qualifiziertem Personal zu…“

„… keine Anzeichen für eine Fehlallokation gebe. Die Lage sei ähnlich gut wie auf dem Arbeitsmarkt und…“

„… gelte als statistisch abgedeckt, wenn sich eine Kindertagesstätte pro Verwaltungsbezirk finde. In wenigen Einzelfällen könne auch eine Kita pro Bundesland als…“

„… errechnet, dass auch die Schleckerfrauen nicht ausreichen würden. Rösler habe angekündigt, dies aus dem Bericht der Bundesregierung streichen zu lassen, die Fassung von 2014 werde dann lediglich die strukturellen Verbesserungen in der Kinderbetreuung…“

„… den Einsatz von Migranten mit Ausbildung in der Kinderbetreuung ablehne, da es sich laut CSU-Chef Seehofer um Wirtschaftsflüchtlinge handle, die nur nach Deutschland gekommen seien, um als Arbeitslose in der sozialen Hängematte…“

„… zu erheblichen Problemen komme, da die meisten der im Industriegebiet beschäftigten Arbeiterinnen ihre Kinder erst zwei Stunden nach Schichtbeginn abgeben könnten. Das Ministerium habe angeregt, die anderthalb bis vier Jahre alten Schützlinge auf dem Parkplatz hinter den Glascontainern abzusetzen, da hier optimaler Schutz gegen Wind und…“

„… die Senioren-Union gedroht habe, Kitas im Wohnumfeld auf dem Klageweg zu…“

„… lehne auch die SPD den Einsatz ausländischer Kräfte entschieden ab. Zwar begrüße die Partei die Einsatzbereitschaft der akademisch ausgebildeten Kräfte, es diene jedoch nicht der Integration, wenn durch ihre Arbeit in deutschen Kindertagesstätten neue Kopftuchmädchen…“

„… dass in städtischen Regionen ca. 40% der gesetzlich vorgeschriebenen Kita-Plätze vorgehalten würden. Dies, so Schröder, sei fast die Hälfte, also quasi schon so gut wie vollständig, womit der restliche Ausbau ein Kinderspiel…“

„… habe die hessische CDU vorgeschlagen, noch mehr Steuerfahnder von ihren Aufgaben abzuziehen, um sie in einem zweiwöchigen Kurs zu Erziehern…“

„… fehlten allein in Düsseldorf noch 300 Fachkräfte. Rösler habe sich optimistisch gezeigt, es seien in den kommenden Wochen genug Firmenpleiten zu erwarten, so dass einer Anschlussverwendung in den Wohlfahrtsverbänden nichts mehr im Weg…“

„… wolle einen kostenpflichtigen Fahrdienst einzurichten, der die niedersächsischen Kinder nach Mainfranken oder ins Erzgebirge…“

„… gar nicht erst bis zu einer Umschulung zu warten. Die Heimwerkermarktkette Praktiker sei personell bereits jetzt in der Lage, ausreichend Fachkräfte sowie Räumlichkeiten für die Betreuung von bis zu…“

„… sich bemühe, ein ausgewogenes Verhältnis von Fachkräften und Kindern zu gewährleisten. Schröder hingegen habe angemerkt, in der CDU gebe es auch nur eine Kanzlerin, und dies habe sich noch nie nachteilig auf die pädagogischen…“

„… nicht zum gewünschten Vertragsabschluss komme. Praktiker weigere sich, Eltern mit FDP-Mitgliedschaft einen Nachlass von…“

„… könnten gerade in strukturschwachen Regionen wie Thüringen oder Bremen arbeitslose Frauen zu Tagesmüttern umgeschult werden. So sei es nach Berechnungen des Schröderministeriums bereits 2015 möglich, den Fahrdienst bundesweit auch für die Inanspruchnahme thüringischer Tagesmütter…“

„… generell die Wahlfreiheit lasse zwischen der Kostenerstattung für den Fahrdienst oder dem Betreuungsgeld. Bei Transferleistungsempfängern werde die Zuwendung gegengerechnet, um nicht versehentlich eine Gleichbehandlung mit den…“

„… eine einheitliche Erziehung in der ganzen Bundesrepublik anzubieten. Die zentralen Sammelstellen für Kinder bis zu sechs Jahren würden durch den ÖPNV jeweils einmal in der Woche bedient, so dass die Familien sich wieder voll auf ihre Niedriglohnjobs…“

„… Förderungen für innovative Konzepte aus EU-Mitteln durchaus möglich seien. Neben Wirtschaftschinesisch und einer Ausbildung zum Scharfschützen biete das KidCenter Ost auch…“

„… irritiert, dass die Erziehungsgruppen eine einheitliche Uniform mit dem Aufdruck Schröder-Jugend…“

„… müsse man mit einer pauschalen Freigabe zur Einschulung immer vorsichtiger sein. Von der Leyen spreche sich strikt dagegen aus, Bildung als kostbaren Rohstoff in jede Gesellschaftsschicht einsickern zu lassen. Außerdem sei so ein nahtloser Übergang zwischen Kid- und JobCenter…“

„… eine gemeinsame Lösung finden wolle. Merkel habe es als innovativen Schritt bezeichnet sowie als familienpolitisch wertvoll im Sinne der CDU-Agenda, wenn die Kinder zweimal im Jahr für eine ganze Nacht bei ihren Eltern…“

„… habe Schröder von der Leyens Kritik als nicht zielführend bezeichnet. Durch die Umsetzung des Krippengipfels seien größtenteils überflüssige Kita-Plätze entstanden, so dass für weitergehende Bildung überhaupt keine finanziellen Mittel…“

„… lehne von der Leyen Schröders Replik vollumfänglich ab. Diese habe durch das Ausweichen auf das Betreuungsgeld dafür gesorgt, dass Kita-Plätze gar nicht erst beansprucht…“

„… Merkel nach der Bundestagswahl nicht mehr zur Verfügung stehe. Die Kanzlerin habe das Vorgehen der Ministerin als Kindergarten…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CV): Lernen im Säuglingsalter

20 05 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schnabeltier und Nacktmull, Tapir und Tapeti, kurz: Säuger wie Du und ich verbringen zwar eine erheblich längere Spanne auf diesem netten Rotationskörper irgendwo zwischen Epsilon Indi und Ross 248, doch bedarf es auch längerer Zeit, um die jeweils kommende Generation an ihre dürftige Existenz zu gewöhnen, länger allemal als beispielsweise Prokaryoten, die die Kohlenstoffwelt erblicken, zur Klärung aller Sachfragen einmal kurz den Nebenmann anrempeln und unverzüglich starten mit dem Normalprogramm aus Fressen, Vermehrung und Verteidigung des angestammten Reviers – das, was der an seinem gefleckten Feinrippunterhemd zu identifizierende Beknackte zwischen zwei Flaschen Bier vollzieht, wenngleich es viel mehr Mühe gekostet hat, ihm den aufrechten Gang anzutrainieren. Bis der Dummlurch sein Auto waschen und Kernkraftwerke in die Landschaft klotzen kann, vergehen etliche Lenze. Gerade in Zeiten des Effektivitätswahns dürfen wir keine Zeit verplempern. Nur Lernen im Säuglingsalter hilft.

Bevor sie noch das erste Lebensjahr vollendet hätte, darf die Hominidenmade schon dreisprachig lallen, Oxford, Mandarin und Mutterlaut, obgleich das hysterische Getue völlig umsonst ist, denn noch ist nichts unter der Kalotte verschaltet, was durch Vokabelgeplapper in Bewegung gesetzt werden könnte. Möglicherweise ist dem Pädagockel die Wortschatzexplosion kollateral an die Birne geraten, vorher ist jedes Gebimse mit dem Wickelpeter nur linguistischer Lackschaden wundgedachter Geschäftemacher. Und bekäme der Infant seine zweite Sprache erst im dritten Jahr durch Umzug in andere Breiten serviert, er spräche sie bis zur Grundschule sattelfester, da nicht aus dem Bildungsaquarium herausgefischt. Aber wer will davon wissen? Nicht Eltern, die man schneller, höher, weiter in den Orbit knüppeln sollte, weil sie dem Baby Kung-Fu und Ausdruckstanz reindrücken, damit es sich später beim Gehen nicht so plump anstellt wie Nachbars Zweibeiner. Doch der Lernerfolg gibt den Zeremonienmeistern des Hirnschadenkaraoke Recht; Kleinstkinder, die beim Klang fremder Sprachen verstört gucken und plärren, haben immerhin kapiert, dass es mehr als nur eine Möglichkeit gibt, sich missverständlich auszudrücken. Grund genug, sein Erfolgshonorar einzutreiben.

Schon blubbert eine ganze Industrie aus der trüben Brühe hoch, die den Eltern ins löcherige Gewissen hämmert, dass nur mit einem straffen Terminkalender das zweite Lebensjahr überhaupt zu schaffen sei. Eifernde Schreihälse setzen die Knirpse auf Sozialentzug, aber wenn der Dreikäsehoch nur rechtzeitig eine Geige unters Kinn kriegt, wird sicher alles gut. Und ganz nebenbei verinnerlichen sie auch die wichtigsten Dinge des Menschseins: dass einem nichts geschenkt wird, dass man in dieses Dasein gekippt wird von ein paar elitären Drecksäcken, denen man nichts zu verdanken hat als die Hoffnung auf ein frühes Magengeschwür, und das Bewusstsein, dass nur Stress erstrebenswert ist, wozu auch immer.

Die Güte dieses pädagogischen Konzepts zeigt sich daran, dass Kernphysik und Molekularbiologie im Lehrplan vorsichtshalber nicht berücksichtigt werden, geschweige denn die Anfangsgründe der Mathematik. Denn was bräuchte ein Kind mehr als zehn Finger fürs Milchmädchenrechnen? Dass es auf Transferwissen, Kreativität oder Abstraktion ankäme, um einen Nobelpreis zu wuppen, wer würde das ernsthaft behaupten?

Wie jeder pseudolastige Schnickschnack arbeitet die Krabbelalterverschulung nach dem Viel-hilft-viel-Prinzip, vulgo: wenn Schackeline nicht unbedingt auch Wirtschaftskoreanisch für Windelkinder mitmacht, waren mindestens vier Monate Aufbaukurs Klatschen für die Tonne. Vater zahlt, weil die dumme Trine es einmal besser haben soll als er – ob sie will oder nicht. Außerdem hat sie im Gegensatz zu Üffes zweimal öfter Wauwau und Hottehü auf den bunten Bildern erkannt, wenigstens sah es so aus. Wer würde denn seine Kinder vernachlässigen, wenn nur das Geld zählte?

Gier ist das, was zählt; Gier, die den findigen Windbeuteln in den Augen steht, Gier in den Hirnen verschnöselter Elitemammis, die ihre Bälger lieber zu Psychokompott verdeppen lassen, statt sie anständig und mit eigener Hand zu erziehen. Gier, die Brut am Handgriff zu Markte zu tragen und einen möglichst guten Preis dafür auszuhandeln, was doch nur ihrem eigenen Ansehen dienen soll. Es dient zur Eingewöhnung in die Ichlingspest, sich vom frühesten Stadium an als Topprodukt für eine schöne neue Weltwirtschaft züchten zu lassen, um zu funktionieren, wenn das Kapital pfeift. Allein es könnte noch amüsant werden, wenn die Sache ins Kippen gerät. Schon gehen Kindern grundlegende motorische Fähigkeiten verloren, sie können nicht mehr auf Fahrrädern sitzen oder unfallfrei den aufrechten Gang vollführen, der sie als höhere Trockennasenprimaten kenntlich macht. Die Bescheuerten überfordern ihre Töchter und Söhne so zielgerichtet, dass eine komplette Lieferung Elitenachschub im Raster der Regelschule sich verheddert und versagt, und so war es ja wohl auch vorgesehen: wer in diesem als Rattenrennen inszenierten Neuaufguss von Lebensborn und Napola nicht aufs Siegertreppchen kommt, ist eben eine Nulpe und darf aussortiert werden. Kopf hoch, liebe Eltern – auch stotternde Bettnässer können es zu etwas bringen. Notfalls als Postkartenmaler.