Moronen

5 11 2020

„… als gottesdienstliche Handlung eingestuft worden sei. Die Beamten seien durch ihre übliche Dienstpraxis, die auch die Gottesfurcht als Ziel des Freistaates Bayern ansähe, nicht auf den Gedanken gekommen, dass es sich bei den rechtsnationalen Demonstranten um eine…“

„… nicht mit dem römischen Ritus zu vereinbaren seien. Die Deutsche Bischofskonferenz habe angekündigt, jeden Teilnehmer an einer dieser Kundgebungen mit der Exkommunikation als Tatstrafe zu überziehen und die sofortige…“

„… sich verwaltungsrechtlich nicht einfach untersagen lasse. Die Teilnahme von anerkannten Priestern sei nicht erforderlich, da es sich nicht auf christliche Glaubensgemeinschaften oder…“

„… sich auf Nachfrage der Polizei als Kirche der Wütenden der letzten Tage Merkels bezeichnet hätten. Es sei nach der zweiten Versammlung noch nicht zu entscheiden gewesen, ob sich das Verbot, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, mit Religionsfreiheit und…“

„… habe sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland ebenfalls für einen Kirchenbann gegen die Demonstranten ausgesprochen. Es sei dabei nicht zwingend notwendig, dass die Personen dazu im vollen Einverständnis mit Anmeldern und Veranstaltern handelten, ausschlaggebend sei allein der Glaube an die…“

„… werde auch in Dresden künftig eine wöchentliche Messe stattfinden. Die Gründung der Freien Völkischen Gemeinde Sankt PEGIDA durch den ehemaligen Zuhälter und Drogenhändler…“

„… beziehe sich die Querdenkerbewegung auf die Anti-Atom-Gottesdienste, die auch gegen staatlich gesteuerte Versuche, das Volk mit Hilfe amerikanischer Strahlen zu ermorden und die…“

„… drohe ein Aktivist der Polizei mit Strafanzeige, wenn Beamten die Kundgebung betreten wollten. Dies werde von den Demonstranten als Störung der Religionsausübung im Amt angesehen und als Offizialdelikt mit…“

„… dass es innerhalb der Gemeinde zu Missverständnissen gekommen sei. Die Mitglieder hätten sich selbst teils als Vogonen, teils auch als Moronen bezeichnet und damit ihre Unterstützung für den US-amerikanischen…“

„… sei bei der Polizei in München inzwischen der begründete Verdacht entstanden, dass es sich bei der Versammlung auf der Theresienwiese doch um eine weltliche Veranstaltung gehandelt haben könnte. Nähere Erkundigungen könne man aber erst nach Rücksprache mit der Staatskanzlei und den…“

„… das Austeilen veganer Wurst nicht gegen Maßnahmen zum Infektionsschutz verstoße. Es handele sich dabei um ein Abendmahl, das zum Gedächtnis an viele Milliarden Kinder, die die Reptiloidenfürstin Merkel täglich zur Deckung ihres persönlichen Bedarfs an Christenblut unter…“

„… der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Zahl der Teilnehmenden bei weiteren Messen auf hundert Personen beschränken werde. Jürgen Fliege habe darauf seine Teilnahme an weiteren Demos abgesagt, da er in seiner Selbsthilfegruppe ein größeres Publikum zur…“

„… ein mitgeführter Galgen für die Kanzlerin der guten christlichen Tradition entspreche, alle Riten unter einem Hinrichtungswerkzeug zu begehen. Es könne daher von Seiten der Organisatoren nicht von einer Bedrohung des…“

„… müsse das Bayerische Landeskriminalamt erst durch eine Prüfung nachweisen. Zwar sei dem Erzbischöflichen Ordinariat München eine Lesung aus dem Buch Corona verdächtig vorgekommen, man wolle jedoch zuvor die Kongregation für die Glaubenslehre, gegebenenfalls auch die Päpstliche Bibelkommission um eine Stellungnahme zum…“

„… sei der Dönerimbiss Mustafas Fresstempel auf dem Marienplatz wegen Gotteslästerung von sechzig Beamten geschlossen worden. Eine Abschiebung des Besitzers könne trotz Intervention des Bundesinnenministers nicht durchgeführt werden, da der Besitzer Max Alois Gschwörlpfleiderer in neunzehnter Generation…“

„… würden sich die Initiatoren weigern, die Hygieneauflagen einzuhalten. Nach ihrem Wissen würden in der Heiligen Schrift weder Mundschutz noch Handdesinfektion erwähnt, was für eine Verbindung des Virologen Christian Drosten zu den interstellar-gequantelten Satanisten des…“

„… es sich nur um eine symbolische Beisetzung des Grundgesetzes gehandelt habe. Eine Auferstehung der auf der Theresienwiese vergrabenen Verfassung könne innerhalb von drei Tagen erwartet werden, so dass nicht von einer mutwilligen Bodenverunreinigung im…“

„… die Bezeichnung von Merkel als ‚Judensau‘ und die Forderung, die Bundeskanzlerin ‚ins Gas zu prügeln‘, müssten nach Auskunft des LKA gerade im Zusammenhang mit dem Veranstaltungstermin kultursensibel relativiert werden dürfen. Einen Tag nach dem Reformationsfest dürfe die Tradition eines pogromorientierten Antisemitismus nicht aus der Öffentlichkeit ausgespart werden, um die ganze Bandbreite der deutschen Kirchengeschichte im…“

„… die Sperrung der islamischen Einrichtungen im Freistaat Bayern einschließlich sämtlicher Schneidereien, Taxiunternehmen und Arztpraxen ausreiche, um einer Beleidigung des christlichen Abendlandes durch feindliche Elemente im Keim zu…“





Kleine theologische Besteckkunde

1 11 2020

für Christian Morgenstern

Man weiß genau, dass hunderttausend sitzen
an Engeln auf den vielen Nadelspitzen.

Des Teufels aber sind auch spitze Listen,
so warnte man beim Speisen schon die Christen,

dass sie die Gabel mit den dünnen Zinken
nicht oben hielten: sollte Unheil winken.

Denn alle, die da Leichtsinn walten ließen,
warnt man, sie würden Engel gar aufspießen.

Man äße allgemein die Mahlzeit besser
und frömmer obendrein mit einem Messer.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXXXVIII): Lifestyleesoterik

30 10 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war Religion noch ein konsistentes Denkmuster. Uga hätte nur einmal die abendliche Bitte an die Sonne vergessen müssen, am nächsten Morgen wieder aufzugehen, und die Sippe hätte ihn ohne zu zögern gelyncht. Vielleicht hat er es nie vergessen, vielleicht wurde die Kontrolle derartiger Rituale auch nur sehr nachlässig betrieben. Oder sie wurden allmählich zum Weg der Freizeitgestaltung, den man aus sozialen Gründen mitging, während doch alle wussten, dass alle wussten, dass es nicht mehr um überlebensnotwendige Handlungen ging. Erst spätere Zivilisationen sollten endgültig die Verbindung kappen zwischen geheimkramender Methode und tatsächlichem Sinn, den es darin zu erkennen gab, gerne auch auf mehreren Ebenen. So entstand unabwendbar die Lifestyleesoterik.

Die typische Wohneinheit einer allein lebenden Grützbirne mittleren Alters in einem eher nicht so spannenden Beruf zeichnet sich eh schon durch ästhetische Verwirrungen aus, die an der Grenze zur Transzendenz nicht unbedingt umkehren. Hier und da gesellen sich buddhistische Dekoelemente zum indianischen Traumfänger, original gedruckte Ikonen aus taiwanesischen Klöstern stehen neben der obligaten Nofretetenbüste auf dem Schränkchen mit Kochbuch und Räucherwerk – um nach dem Meeting den Kopf wieder zu entlasten, rettet sich die Dumpfdüse in eine Runde Ziegenyoga, gerne am veganen Wochentag mit ayurvedischen Drinks direkt aus dem Kühlregal an der 24-Stunden-Tanke.

War die ethische Funktion der Religionen noch aus dem Gefühl entstanden, fortwährend beobachtet zu werden, ballert sich der mystische Schnösel im Zweifelsfall die Bude mit Feng Shui voll, labert am Feierabend die Topfpflanzen zu und hält sich allen Ernstes für spirituell erwacht. Ein psychedelisch wirksames Raumspray wäre hier eindeutig die schmerzfreiere Variante gewesen, aber reicht ein Bausparerabitur bis in diese gedanklichen Gefilde? Gläubigkeit ist immer das, was man daraus macht, insofern darf jeder nach seiner Façon selig werden.

Nebenbei sind ja traditionelle Rückbindungen an die eigentlichen Glaubensvermarkter nicht selten noch produktiv, auch wenn sie im Zuge moderner kapitalistischer Verwertbarkeitsmechanismen nur noch als Einkaufs-, Party- oder Urlaubsgelegenheit wahrgenommen werden. Der hippe Jetztzeitler ist stets imstande, seine synkretistischen Vorstellungen von Göttern und Geistern mit neuen Features zu optimieren, ein bisschen Reinkarnation hier, etwas Karma dort, Sitzmeditation, Kabbala, Klangschalen fürs positive Chi. Das haben die antiken Vorfahren schon gemacht und alles umsemantisiert, was nicht bei drei auf dem Maibaum hockte – viel hilft ja bekanntlich viel, zur Sicherheit in einem Aufwasch Mutter Maria, Isis und Kybele anzubeten kann so falsch nicht sein, wenn alle es machen. Daneben tut man sich aber aus reiner Gewohnheit freitags noch einen Rosenkranz an und lässt den Nachwuchs im Kreise der Familie sowie unter den Augen der buckligen Verwandtschaft taufen. Man weiß ja nie.

Dass sich Spiritualität als Gehhilfe für einen halbwegs stolperfreien Pfad der Erkenntnis eignet, wird keiner bestreiten, der damit sein Geld verdient. Nach dem Genuss mehrerer angesagter Workshops, in denen Reiki als Königsweg gelehrt wird, sich das Fett über den Chakren wegzukneten, fühlt sich die einsame Seele endlich wieder in der Gnadenzone angekommen und genießt den Sinn des Lebens. Die schnelle Lösung ist bekanntlich die beste, man schwiemelt sich ein Pfund Heiligkeit an die Wand und ist schon angekommen im Wir-Gefühl der Knalldeppen. Andere brauchen dafür viel Schnaps oder fünftausend Kilokalorien pro Tag, müssen auf Rollschuhen hinter einem Rennwagen kleben oder am Seil in die Tiefe hüpfen, bis sie inkontinent sind. Einfacher geht’s doch mit linksgerührtem Vollmondwasser, Powerpendeln über dem eigenen Nabel und allerlei glitschigem Engelgedöns. Die Wahrscheinlichkeit, diesen offenporigen Versuch einer Hirnausschaltung zu überleben, liegt immer noch oberhalb derer bei Anwendung von Schnaps.

Die Transzendenz hat ihre Funktion verloren, und wer sie einem gekonnt wiedergibt, sind meist nur dödelige Sektenfuzzis, die in die psychischen Notstandsgebiete gründlich gestresster Großstädter einfallen wie die Borg in einen Kindergarten. Nach sattsam bekannten neoliberalen Spielregeln wird das als Patentrezept verkauft, das wirken muss, weil man ja daran glauben kann – und keiner würde für ein allseits beliebtes Abführmittel aus Überzeugung eine Menge Geld ablaschen und sich dann als der eine outen, der sein Problem immer noch an der Backe hat. Dann nimmt man die Sinnsuche schon beherzt in die eigene Hand und weiß, dass es von jedem selbst abhängt, Erlösung zu finden. In einer freien Gesellschaft lassen sich alle zur Verfügung stehenden Mittel und Wege frei kombinieren, alle phänomenologischen Sperenzchen, alle dogmatisch verquasten Zerlebungsanzeichen einer Kasperade, die sich selbst für relevant hält. Es geht uns gut. Wir sind immer noch imstande, selbst zu unseren schamanischen Geistheilern zu humpeln. Macht die Nachbarin ja auch. Natürlich nicht, ohne sich einen Christophorus in die Karre zu pappen.





Machtübernahme

14 05 2020

„Was dauert das denn hier wieder so lange? sind die Türschilder schon ausgewechselt? Und haben wir den Unterbrecher für die Funkstrahlung jetzt scharf geschaltet? Kinder, was ist das hier für ein elender Hühnerhaufen! Morgen ist der 15., da muss die Regierungsübernahme klappen!

Ach jetzt hören Sie doch mal zu! Für uns ändert sich nichts? Sie haben das Organigramm gelesen, oder? Dann gucken Sie doch Ihre Unterlagen durch, es ist doch nicht zu glauben! Nein, nicht ‚Frau Bundeskanzlerin‘, Angela Merkel ist jetzt ‚Frau Weltpräsidentin‘. Reden Sie sie morgen früh richtig an, sonst gibt es aber richtig Stress!

Was gibt’s? Ja, ich habe mit Potsdam telefoniert, die wollen die Dosis im Laufe des Tages in Verkehr bringen. Chemtrails gehen ja gerade nicht mehr, die verdammten Masken lassen den Stoff auch gar nicht mehr durch, und so viele Drohnen kriegt man auf die Schnelle nicht gekapert. Wir machen das nur noch übers Trinkwasser. Potsdam koordiniert, wir verlassen uns auf die. Schlag Mitternacht wird das Wasser ausgetauscht, das Beruhigungsmittel ist sehr hoch dosiert. Achten Sie also darauf, dass Sie gleich auf nüchternen Magen Ihr Gegenmittel nehmen, und Obacht, auf keinen Fall mit Leitungswasser einnehmen! Sie haben Ihre Wasserration für die ersten drei Tage, nutzen Sie die.

Wer? ach so, das ist ja auch heute. Halb acht? Sagen Sie den Systemmedien, ich habe erst noch das Briefing mit den Freimauern, das geht bis etwa acht, halb neun, und dann können die ihre Fragen stellen. Die Machtübernahme wird natürlich sofort in den GEZ-Kanälen per Liveschalte verbreitet, um punkt null Uhr will ich, dass alle auf Sendung sind. Wir haben bis zum normalen Geschäftsbetrieb nur ein paar Stunden, deshalb wünscht die Regierung hier keine Verzögerungen, klar? Dann sagen Sie denen doch, sie sollen einfach das Handbuch lesen, Seite 274. Es ist alles geplant, es wird also keine Zufälle geben, haben wir uns da verstanden!?

Das wird natürlich sehr irritierend sein, wenn sich herausstellt, dass Herr Naidoo jetzt als neuer Reichssekretär im Weltinnenministerium für den Gau Transatlantien amtiert. Ich will nicht wissen, wie viele ihm diese False-Flag-Aktion übel nehmen, aber da wir die dann offiziell als Kritiker eines Weltregierungsmitglieds verschwinden lassen können, geraten wir nicht in Rechtfertigungszwang. Wissen Sie, man kann von unserer Weltpräsidentin politisch halten, was man will, aber eine geniale Strategin, das ist sie. Und wenn sie den peinlichen Jammerlappen nicht mehr braucht, dann wird sie ihn auch elegant wieder los. Ganz bestimmt.

So, da kommt das Fax vom Mobilkommando. Alle Kräfte sind für das ganze Staatsgebiet der heutigen Bundesrepublik eingeteilt, wir schwärmen unerkannt bereits heute Abend aus, ab Mitternacht dann Schnellzugriff. Wir haben das in Bayern und Hessen geübt, es wird keine zweite Chance geben. Wir werden alle Batterien in allen Tauben wechseln und bis zum Morgen fertig sein, ich wiederhole: alle Batterien in allen Tauben. Und wehe, es werden wieder Kontakte falsch justiert wie bei der Übung!

Den Container nach E-22A. Ich will, dass der ganze Stapel vor dem Brandenburger Tor ist, bevor die bestellte Menschenmenge eintrifft, und dann veranstalten die eine spontane Äußerung von gesundem Volksempfinden. Wir haben eine halbe Tonne vegane Kochbücher, das Zeug brennt wie Zunder – größtenteils originalverschweißt, weil den Dreck keiner freiwillig liest – und dann machen wir noch ein bisschen Bekenntnis zum Grundgesetz und Meinungsfreiheit und Trallala, und dann ist auch schon gut. Etwa eine Stunde, das muss reichen.

Das Weltvolkswirtschaftskommissariat hat die nötigen Personalunterlagen bekommen. Wir werden mit der Zwangsrekrutierung bis einschließlich Montag fertig sein. Die Teilnehmer an allen Hygiene- und Querfront-Demonstrationen sind in einer gemeinsamen Datei erfasst, die Polizei wird die Personen abholen, und dann geht es umgehend auf die Spargelfelder. Robuste Arbeiter können auch in der Fleischzerlegung eingesetzt werden, da fällt es dann auch nicht so auf, wenn mal einer die Wurstverarbeitung nicht überlebt. Zelte können sie sich selbst aufbauen, die Produktionsrückstände sollten als Verpflegung reichen. Da die meisten ein ausgeprägtes Problem mit Autoritäten haben dürften, dürfte hier eine zielorientierte Führung angebracht sein. Wer nicht spurt, opfert sich für das Wohlergehen der Neuen Weltordnung.

Die Spitzen der Automobilkonzerne werden um halb vier Uhr im Weltpräsidialamt erscheinen, die Unterredung wird kurz sein. Abwrackprämien wird es nicht geben. Wir setzen ab jetzt vollständig auf Elektromobilität. Wer da nicht mitmacht, für den haben wir bedauerlicherweise keine Verwendung mehr. Eine Weltwirtschaftspolitik unter deutscher Führung wird sich an neue Standards gewöhnen, wenn ihre Akteure überleben wollen. Wir lassen uns gerne Pläne für ein nachhaltiges Konzept vorlegen, aber die Entscheidungen treffen wir dann immer noch selbst. Bill Gates war klug genug, das zu akzeptieren. Dann werden es die Autofritzen wohl auch schaffen. So, und jetzt hätte ich gerne eine Tasse Kaffee mit Milch und zwei Stück Zucker, die Rufumleitung für Amt 23 steht, und wenn mich heute noch einer mit der Fußball-Bundesliga nervt, dann gibt’s einen Satz heiße Ohren, klar!? Gut. Weitermachen!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCII): Detox

29 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jetzt gurgeln sie wieder. Ab und zu schluckt die alternativmedizinisch vorverseuchte Doppelnamen-Zweitgattin von dem Ingwer-Yuzu-Mondwasser in der mundgetöpferten Inkaschale, aber nur in ganz geringen Dosen, weil sonst der Säuregehalt in der Innenauskleidung abkippen könnte. Ästhetisch ist das kein Genuss, vor allem nicht, wenn die Corona anthroposophisch-dynamischer Hausfrauen dazu in konzentrischen Kreisen über den Waldboden hüpft, als hätten verwesende Pflanzenteile nicht auch eine zu berücksichtigende Restwürde. Die Jahreszeit des Winterspecks löst das Quartal des Selbsthasses ab, in dem das Spiegelbild der Bikinifigur entzündete Mittelfinger zeigte. Bald ist es wieder so weit und der Schweinehund wird ganz kurz aufgeweckt, mit Einfachzuckern, gesättigten Fettsäuren und Schnaps beschmissen, los geht die wilde Fahrt: ab jetzt nur noch gesunde Lebensführung. Trennkost. Detox.

Da hat sich das Schulwissen ein gemütliches Loch im Oberstübchen geschaufelt und döst vor sich hin, während die Synapsen wegklappen. Dass die Pizza vom letzten Wochenende noch als Rest durch die Zellen geistert, treibt die Giftfetischisten in reine Verzweiflung. Wobei noch nicht einmal bekannt ist, woraus jene Schadstoffe überhaupt bestehen, was sie schädigen und ob es ein sicheres Konzept gibt, sich die Schrottstoffe wieder aus der Anatomie zu schmirgeln. Spätestens beim jähen Übergang vom Kräutersud zum Stärkungsshampoo für toxisch herausgeforderte Locken wir dann klar, wer diesen Brauchtumsterrorismus erfunden hat: die Heißdüsen der Füllstoffindustrie.

Das Ergebnis dieser magisch-mechanistischen Weltsicht beginnt bei der kruden Vorstellung, die Homöopathie hinterlasse über nicht existierende Stoffe ein Gedächtnis in Wassermolekülen, und sie führt zur mittelalterlich anmutenden Auffassung, dass unerwünschte Stoffe im Körper stets etwas wie Säure sein müsste, die selbstverständlich immer sofort in Blut gelangt und durch geheimnisvolle Teebeutel wieder ausgewaschen werden kann. Als könne man einen Neurotransmitter, der durch die Mitochondrien schwappt, per Funktionskaugummi aus der Blutbahn schwiemeln. Gäbe es die Methode für real existierende Wirkstoffe, die Pharmabranche hätte sich längst den Arsch vergoldet – so aber weiß jeder, die Pillen gibt es, weil sie noch keiner jemals gesehen hätte, und sie werden um keinen Preis verkauft. Alles andere ist bestimmt Märchenwald oder Lügenpresse. Oder Reptiloidenfachwissen.

Wenn diese Entgiftung – vorausgesetzt, die Werbung hält sich an Jahrtausende altes Wissen statt an hastig zusammengeklöppelten Bullshit aus dem Marketing-Aushub – nun tatsächlich natürlich sein soll, warum sind die Mechanismen nicht längst bekannt? Warum werden evolutionär relativ junge Schädigungen wie Alkohol, Nikotin oder allseits beliebtes Mikroplastik, das sich übrigens nicht mit dem Stoffwechsel ins Benehmen setzt und eh nicht durch Pflanzenaufguss ausgekärchert wird, durch die seit babylonischer Weisheit bekannten Mittel behoben? Sind körpereigene Stoffe wie Eiweiße oder Basen weniger gefährlich für den normalen Metabolismus, und wenn ja, warum werden sie dann unter normalen Umständen regelmäßig aus dem Stoffkreislauf entfernt? Merkt die esoterisch verdübelte Schwurbelgurke irgendwann, dass sie sich in ihrer versaubeutelten Deppenroulette auf die falsche Kugel gesetzt hat? Haben Leber-, Nieren- und Hirnentlastung gleichzeitig die finale Last der Blutversorgung aus lebenserhaltenden Maßnahmen entfernt und der Brägen klötert vor dem Fest schon mal fröhlich ins Nirwana? Gar nicht zu fragen, fräst uns die Entgiftungskirmes auch Pestizide aus der Milz? Bollert’s die Hormone aus der Aorta? Nicht!?

So aber ist der ganze Säuberungswahn, der die Abführmittel- und Schlankheitsparanoia der letzten Jahrhunderte auf die Spitze schraubt, nicht mehr als eine willkommene Programmerweiterung für das drittklassige Programm der Frauenzeitschriften, die mit Melonendiät und Bio-Botox eine greinende Herde intellektueller Hinterwandinfarktopfer durch Hokuspokus von feixenden Scharlatanen an die Kasse dirigiert: Selbstoptimierungsgeballer, dessen Schuld nach alter Rezeptur natürlich die Opfer tragen, denn man hat ihnen nichts befohlen, man hat ihnen nur deutlich erklärt, dass sie ohne diesen Firlefanz nicht mehr würden überleben können. Sie pumpen sich halt ihr bisschen Restego auf, und wen solle es schon stören. Es ist der säkularisierte Ersatz einer Fitnessreligion, er funktioniert exakt wie ein interventionistisches Stoßgebet, das vor allem das Gewissen beruhigt – nur für den Augenblick, aber was erwartet man schon von einer religiösen Vorstellung. Irgendwann im Kalender stellt man fest, dass eine vordefinierte Art von Fehlverhalten durch Leistungsdruck kompensiert werden muss. Die einen greifen zum Superfood, die anderen zum Strick. Manche hauen sich Avocado in die Figur. Da wäre die Gesichtsmaske der schmerzfreiere Weg gewesen. Oder man gurgelt.





Mythologische Ansätze

19 11 2019

„… und den Wissenschaftsbegriff komplett neu diskutieren wolle. Die Grünen würden sich dann entscheiden, ob sie die Astrologie als eine…“

„… weise die Partei die Kritik an ihrem Beschluss entschieden zurück. Da sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger Vorteile vom Glauben an eine Wirkung der Gestirne auf ihr Leben versprächen, könne man diese Überzeugung nicht einfach als…“

„… sich letztlich wieder als Verbotspartei zeige, die nur das Astrologenhandwerk zerstören wolle. Die Union habe dabei auf zahlreiche Arbeitsplätze verwiesen, die nicht nur bei der Erstellung der täglichen Zeitungshoroskope oder für die in der Wirtschaft immer noch…“

„… auf mehreren Säulen ruhe. Sollte die individuelle Erfahrung des Klienten mit seinen Werten und Wünschen eine subjektiv evidente Veränderung seines Status ergeben, so sei dies genau so wichtig wie die nachweisbare…“

„… astrologische Beratungen nicht mehr von der Steuer absetzen könne. Dies verhindere langfristig den Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Für Kramp-Karrenbauer gehöre in schwierigen Zeiten eine verlässliche…“

„… als Einschränkung der persönlichen Freiheit sehe. Die Freidemokraten sähen in einer möglichen Ausgrenzung freiberuflicher Esoteriker ein sozialistisches Berufsverbot, das direkt in die…“

„… dass Kramp-Karrenbauer viele Verträge zur Restrukturierung der Bundeswehr nicht nur mit Controllern und Organisationspsychologen, sondern auch mit zahlreichen…“

„… zeichne sich die Branche durch eine Vielzahl stark voneinander abweichender Angebote aus, die es zunächst einzuordnen gelte. Erst nach einem Überblick über astrologische Methodik und ihre Anwendungsbereiche sei eine Studie sinnvoll, wenn sie gleichzeitig eine Fallzahl von…“

„… sei der Beruf des Astrologen noch nicht gesetzlich geregelt. Die Grünen erwarteten daher von der Kommission zunächst eine analog zu anderen therapeutischen Berufen verfasste Ordnung, die die Kompetenzen der jeweiligen…“

„… vertrete die Astrologie nach heutigen Maßstäben ein vollkommen anderes, nicht mit den Grundsätzen der heutigen Physik zu vereinbarendes Weltbild. Daher könne sie gar nicht widerlegt werden, was sich andererseits auf ihre…“

„… mindestens fünfhundert Probanden und eine genauso große Kontrollgruppe zu befragen. Es sei der Kommission dabei wichtig, dass das subjektive Beratungserlebnis dabei im Vordergrund stehe, da sonst negative Einschätzungen von Gegnern der Astrologie ein verfälschtes Bild von der…“

„… gebe es innerparteiliche Kritik am Ansatz der Forschungskommission. So werde hier fast ausschließlich die aus der Spätantike überlieferte eurozentrierte Astrologie berücksichtigt, während mythologische Ansätze aus Asien oder Südamerika keine oder nur eine unbedeutende…“

„… werde sich eine Untergruppe der Forscher zunächst mit der Verbreitung und Verwendung von Astrologie im Nationalsozialismus beschäftigen. Dies sei noch keine Vorentscheidung, wie die Sprecherin betont habe, man wollte jedoch eine deutliche historische Zäsur im…“

„… dass es immer mehr konkrete Widersprüche zur Schulastronomie gebe, beispielsweise in der Anzahl der Planeten im Sonnensystem. Dies sei jedoch kein Hinderungsgrund für die Partei, einen zumindest theoretischen Konsens auf der Basis einer gemeinsamen…“

„… zahlreiche Sonderaspekte in die Studie eingebracht werden müssten. Die Diskussion drehe sich im Moment um die Frage, ob ein umstrittenes und nicht als authentisch zu wertendes keltisches Kekshoroskop denselben Stellenwert wie die üblichen zwölf…“

„… sich die gesamte Astrologie im Gegensatz zu anderen Wissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten nicht weiterentwickelt oder wenigstens neue Erklärungsansätze vorgelegt habe, um rezente Forschungsergebnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften zu erklären. Die Parteispitze sehe daher kaum Chancen, besondere Aspekte der Nachhaltigkeit in der…“

„… habe Palmer darauf hingewiesen, dass mit der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen die als erste Zwangsislamisierung des christlichen Abendlandes zu betrachtende Kulturzersetzung durch volksfremde Astrologie und migrantisch verseuchte Mathematik vor allem den Deutschen einen schweren Schaden in ihrem…“

„… der Mond nach wie vor als Planet in der hellenistisch geprägten Horoskoperstellung gelte. Habeck habe versichert, dass dies unter der Berücksichtigung der Bildungshoheit der Länder nicht in den Unterricht der…“

„… auf Distanz zur EKD gehe. Göring-Eckardt empfehle ihrerseits weder den Gebrauch von Tageshoroskopen noch Methoden zur Weissagung, die nach Ansicht der Synode nicht geeignet seien, um sie im…“

„… andere rechtskonservative Kreise in der Partei ein Verbot der Flachwelt-Theorie fürchteten, da diese quasi als Zugeständnis an die Anerkennung der Astrologie geopfert werden müsse, auch wenn sich dadurch eine inkonsistente Erklärung des…“

„… nur nach dem aktuellen Kenntnisstand zu entscheiden habe. Die Bündnisgrünen würden im gesonderten Verfahren, das auf die Erkenntnisse der Kommission aufbauten, die spezifische Wirkung von Wahrsagerei und anderem…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXC): Selbstmanagement

15 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich geschieht dies tausendfach in einer beliebigen Großstadt der westlich-kapitalistischen Welt, bevor Ersatzteile des mittleren Managements in ihre Polyesteranzüge schlüpfen und den ersten Angstschweiß des Tages aus dem angekrampften Gesicht wischen. Mancher murmelt sein Mantra, andere regulieren noch schnell ihre verbliebenen Emotionen auf ein Verträglichkeitslevel, das nicht mit der Vision des Arbeitgebers kollidiert. Ein paar Individualisten, geübt in praktischer Soziopathie, ballen die Faust vor dem Spiegel, bevor sie dem Feind eine reinzimmern. Die meisten setzen sich ein sinnvolles Ziel: den Tag überleben. Mit etwas Selbstmanagement könnte das realistisch sein.

Es beginnt ganz harmlos mit der To-Do-Liste, dem Einkaufszettel zwanghaft-ängstlicher Personen zur Bewältigung eines Alltags, der auf die stetige Vereinfachung setzt. So schwierig die Existenz sein mag, mit ein paar professionellen Tipps aus der Beraterkiste – immer absolut authentisch bleiben, immer den Plan umsetzen, immer das Erreichen der Ziele kontrollieren und dokumentieren – kriegt noch der unterbelichtete Honk es hin. Einfach ganz authentisch aus dem Haus gehen, ganz entschieden dokumentieren, ob man den Bus gekriegt hat, und dann erfolgsorientiert den Betrieb ausfeudeln, um die persönlichen Ziele zu fokussieren. Mega! Der Lerneffekt, damit sein Leben voll in den Griff zu bekommen, wird immens sein.

Immer vorausgesetzt, es kippt kein Mehlsack um und der Bus kam pünktlich. Was auf eisenharter Planung basiert, und was im Controlling täte dies nicht, wird dem Leben nicht gerecht. Kann es auch gar nicht, da dies auf einer Verkettung reichlich unabhängiger Zufallsgrößen besteht, die sich ohne Rücksicht chaotisch ineinander schwiemeln. Vorab strikt durchorganisiertes Werk, das den Ansprüchen einer Betriebsführung genügen soll, kennt keine Konflikte, schon gar nicht die Interaktion mit der Störgröße Mensch, die ganz überraschend immer auch außerhalb des eigenen Körpers auftritt. Die sture Ichwelt betoniert ihre Flexibilität zu Boden und gibt damit das entscheidende Signal: die Theorie kann sich nicht irren, alles andere ist falsch, nur Verlierer setzen sich nicht durch. So entsteht die Frustration, die immerwährend das Verhältnis des zwanghaft motivierten Kämpfers zu seinem Peiniger bestimmt: zu sich selbst.

Dieser doppelte Selbstvorwurf, der in der Trennung von Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv liegt, ist die Waffe gegen den Menschen. Subjekt und Objekt der Führung, so lautet der Tadel aus der projizierten Außenwahrnehmung, haben sich beide nicht im Griff. Die Verantwortung wird also stets auf dieselbe Person geworfen, einmal als die führende, die sich nicht gegen die niederen Instinkte des kontraproduktiven Unterworfenen durchzusetzen vermag, einmal als die geführte, die gegen die Notwendigkeit und ihre Einsicht darin rebelliert. Unter der Maßgabe, in der Tretmühle der vollständigen Entfremdung nicht funktionsgerecht die Aufgabe zu übernehmen, die mit der Division in zwei Willenskräfte einhergeht, ist die Revolte als Todsünde der gegen die gesellschaftliche Ordnung das letzte Verbrechen. Der Mensch hat doppelt seinen Sinn und sein Ziel verfehlt, eigentlich ist er längst Ballast für den willigen Rest.

Überhöhte Kategorien, zum Beispiel Schicksal, sind nur noch in banalen Alltagsentscheidungen des sozialen Umgangs zu finden, denn die unfehlbare Planung lässt unvorbereitete Abweichungen nicht zu. Der scheinliberale Perfektionswahn bedient sich der einfacheren Mittel, etwa der Aufladung mit Schuld, die stets individuell bleibt: wenn der Bus nicht kommt, der Mehlsack kippt, muss es an schuldhaftem Handeln liegen, wie es die kausale Maschinerie verlangt. Schuldverlagerung ist der Schlüssel zum Abbau der zivilisatorischen Rechte des Individuums, das nach einem vordefinierten Modell zu funktionieren hat – oder sein Recht auf Funktion verwirkt.

So entsteht irgendwann beim Schwinden der Kräfte der endgültige Selbstvorwurf, die falsche Haltung eingenommen zu haben; wer aktiv war, hat noch immer nicht den Posten als Generaldirektor, Chefarzt oder Bundeskanzler erreicht, wer passiv blieb, ist so lange vor seinen Schwächen geflohen, bis sie ihn unter sich begraben. Die Krise ist absehbar, und sie ist selbst verschuldet.

Man kann auf sie verzichten, und damit verzichtet man auch auf die feindliche Übernahme des eigenen Lebens. Den Bus fahren und den Mehlsack liegen lassen, die Erkenntnis, dass der tiefere Sinn sich nicht daraus ergibt, was man mit markigen Worten auf einen Zettel schmieren kann, der morgens am Spiegel klebt. Konsequent dem Versuch widerstehen, ein paar Arschgeigen in Polyesteranzügen ernst zu nehmen, die Philosophie von der Stange verkaufen und in Wahrheit nur kämpfen, einen Tag lang nichts auf die Fresse zu kriegen. Sie geben lediglich ihre Defizite weiter, den Kinderglauben an esoterische Sprüche, billige Patentrezepte, Angst als Ratgeber und ihren elenden Mangel an Selbstmanagement.





Alles auf Zucker

13 11 2019

„Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund… heiliger Bimbam, jetzt kann ich mit dem ganzen Mist noch mal von vorne anfangen! Wie oft habe ich der Klinikleitung gesagt, bei Lungenentzündung nur bis zu zehn mal C20, sonst muss ich meine Brille aufsetzen!

Sie müssen gar nicht so gucken, wir sind eine ordentliche Klinik, mal abgesehen von meinem Schreibtisch, aber sonst ja. Die Landesregierung hat uns die Zulassung gegeben, und jetzt machen wir hier einen Langzeitversuch. Ursprünglich sollten die homöopathischen Mittel nur als Alternative zu Antibiotika getestet werden, jetzt haben wir uns entschlossen, grundsätzlich auf schulmedizinische Medikamente zu verzichten. Das ist nicht ganz so einfach, wie es sich kompliziert anhört.

Zunächst finden Sie mal die richtigen Ärzte dafür. Also nicht, weil es nicht genügend Ärzte geben würde, die an Homöopathie glauben. Es gibt ja auch Leute, die haben einen Schulabschluss und können sich die Schuhe zubinden und wählen dann trotzdem Nazis. Aber wenn Sie im Studium gelernt haben, dass man einem Patienten in der Klinik die richtigen Tabletten gibt mit Wirkstoffen und so weiter, und dann müssen die hier auf Globuli umsteigen, dann wird das schon schwierig. Wir sind hier nicht beim Allgemeinarzt, wo man den Leuten gegen 11.000 Symptome Schwefel geben kann und dann einfach nur warten muss, ob sie es halbwegs überleben oder gleich zum richtigen Mediziner gehen. Wenn hier ein Patient mit Herzinfarkt eingeliefert wird, müssen Sie erst mal überlegen, ob Sie den adäquat versorgen können. Vor allem bei akuten Schmerzen wird das schon mal komplex. Da kommt nicht nur der Patient an seine Grenzen. Und wenn Sie den hinterher noch operieren sollen, dann haben Sie ein Problem. Nicht, was Sie jetzt denken, OP-Säle haben wir hier, genug Personal vorhanden, alles gut. Aber wie kriegen Sie so eine Narkose mit Zuckerkügelchen hin?

Noch eine Schwierigkeit haben wir bei der Anamnese. Um das richtige Mittel und die korrekte Dosierung zu finden, müssen Sie ein paar Fragen an den Patienten stellen, also Senkfüße, Nachtschweiß, Ernährungsgewohnheiten. Und dann kriegen Sie einen Notfall rein, der sich beide Beine an der Kettensäge abgetrennt hat. Senkfüße können Sie da schon mal ausschließen, aber dann wird es richtig kompliziert. Sie müssen den ja irgendwie richtig therapieren. Dass er garantiert nicht zwischendurch zum richtigen Mediziner läuft und sich eine zweite Meinung einholt, ist auch nur ein schwacher Trost. Irgendwas müssen Sie da machen, also geben Sie nach Möglichkeit eins von diesen Allheilmitteln. Schwefel, Sepia, Kochsalz. Brechnuss ist auch sehr beliebt, Faustregel: wer kotzt, ist noch nicht tot. Also alles auf Zucker.

Was die Theorie angeht, wir sind da heute schon viel weiter als noch vor ein paar Jahrhunderten. Die haben damals noch geglaubt, dass man sich eine Infektion holt, wenn man an sich herumspielt. Das ist natürlich Unsinn. Wir wissen heute aus der anthroposophischen Literatur, dass man nach einer Impfung die Lebensenergie schädigt und dann ein paar Inkarnationen später hinkt. Oder zum Lispeln neigt. Oder Schwindsucht bekommt.

Das nächste Problem sind die Beschriftungen. Wir hatten neulich den Fall, dass wir dem Patienten mit chronischem Magengeschwür die Globuli von seinem Zimmernachbarn gegeben haben. Der war wegen eingewachsener Fußnägel hier. Gut, gewirkt hat beides nicht, also kann es ja so schlimm nicht gewesen sein, und die Fußnägel sind ihm auch nicht spontan eingewachsen. Aber was soll’s, wir hatten die Unterschrift, und das war’s.

Wenn es schief läuft, können wir das mit der richtigen Dosierung von Brechnuss auch wieder rückgängig machen. Dabei wird eine fehlerhafte Gabe von Schwefel oder Kochsalz einfach aus dem Körper entfernt. Da war zwar vorher auch nichts drin, aber sicher ist sicher. Wenn so ein Patient vom richtigen Arzt wiederkommt und aus Versehen die richtigen schulmedizinischen Medikamente in der richtigen Dosierung eingenommen hat, dann wird der hier kurz geblitzdingst, und dann machen wir da weiter, wo wir vorher aufgehört haben. Falls wir den wiederkriegen.

Das macht ja auch unsere Studie so schwierig, wir können nicht genug Fälle zu Ende behandeln. Die meisten gehen uns zwischendurch verloren, ein paar haben irgendwann eine Fehldosierung oder wir kriegen die Globuli durcheinander und dann wissen wir am Ende nicht, ob die Ergebnisse stimmen. Dass die Patienten dabei zufällig überleben, das ist ja ganz schön, aber das wussten wir vorher halt auch schon.

Sagen Sie es nicht weiter, aber wir arbeiten hier heimlich an neuen Wirkstoffen. Es werden ja immer mal wieder Krankheiten entdeckt, die sich nicht mit den alten Mitteln kurieren lassen, deshalb müssen wir uns neue Wirkstoffe überlegen und probieren die dann an unseren Patienten aus. Das darf aber natürlich niemand wissen, weil die Medikamente noch nicht zugelassen sind. Offiziell sind in den Globuli Quecksilber oder Petroleum, also nur ganz harmlose Sachen, aber manchmal fällt aus Versehen schon mal eine Kopfschmerztablette in den Tiegel. Also nur, wenn es passen könnte. Zum Beispiel bei Patienten mit Kopfschmerztablettenvergiftung. Ein paar Antibiotika haben wir auch im Kühlschrank, falls es mal zu Zwischenfällen kommen sollte. Aber das haben Sie nicht von mir!

Oh, ein Notfall. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss den Würfelzucker suchen.“





Sanfte Methoden

7 11 2019

„Wie gesagt, ich brauche Dich als Zeugen.“ Anne drückte die Tür ins Schloss klemmte sich den Aktendeckel unter den Arm. „Und keine dummen Bemerkungen, wenn ich bitten darf. Noch habe ich das Mandat nicht angenommen.“ Wir gingen über den Parkplatz. Das also war Günters Autoparadies.

„Hatten Sie denn einen Termin?“ Der Inhaber blätterte in einem zerlesenen Notizbuch auf dem Schreibtisch in der Ecke der Werkstatt. „Nein“, gab Anne zurück. „Wir, also das heißt ich bin hier, weil es…“ „Anlasser“, brummte Günter Schittlowski, seines Zeichens Paradiesbetreiber. „In den meisten Fällen Anlasser oder Zündkerzen. Ist doch der kleine Rote da hinten, oder?“ Sie zeigte mit dem Daumen auf den großen Schwarzen. „Oha“, entfuhr es ihm. „Das wird teuer.“ Ich hob leicht die Brauen. „Aha, ein Fachmann.“ Das hätte ich besser nicht gesagt. Jedenfalls schien es Anne nicht zu gefallen.

Sie sah sich um in der verhältnismäßig düsteren Werkstatt. Ein klappriger Kombi stand auf der Hebebühne, die allerdings nicht hochgefahren war. Die übrigen Gerätschaften, Ölkännchen, Werkzeuge und allerlei Apparate, standen und lagen in der Gegend verstreut, kurzum, nichts hinterließ einen ungewöhnlichen Eindruck. „Sie sind natürlich mit den Modellen bestens vertraut“, begann Anne ganz harmlos. „Und was Sie reparieren, ist hinterher auch ganz sicher wieder vollkommen in Schuss.“ Der Inhaber nickte. „Diese modernen Elektrodinger kommen ja noch nicht in die Werkstatt, aber wenn Sie mit einem Benziner oder mit einem Diesel Schwierigkeiten haben – null Problem!“ Anne begann in ihrem Aktendeckel zu suchen. „Sie haben, wenn mich nicht alles täuscht, gar keine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker absolviert?“ Schittlowski wischte die ölige Hand an seinem Hosenbein ab. „Habe ich das behauptet?“ Anne wollte etwas antworten, doch er kam ihr zuvor. „Steht das auf dem Schild oder an der Tür? Oder mache ich damit Reklame?“ „Das nicht“, fuhr sie ihn an. „Aber wenn man ‚Autoparadies‘ liest, denkt man sich doch…“ „Dass Sie hier von einem Engel im Blaumann empfangen werden“, grinste er spöttisch. Schittlowski hatte recht. Nichts davon hatte er sich zuschulden kommen lassen.

„Die Sache ist die“, begann nun Anne wieder, „mein Mandant hat vergangenen Monat seinen Wagen in Ihre Obhut gegeben und dann drei ganze Tage gewartet, dass Sie den Schaden beheben.“ Er nickte. „Drei Tage“, bestätigte der Kraftfahrzeug-Schamane. „Das wird sich um Herrn Niederolm handeln, ich hatte ihn ausdrücklich um eine Woche Behandlungszeit gebeten, weil es bei der Batterie sicher zu einer Erstverschlimmerung kommen würde, aber er hat ja nicht auf mich hören wollen.“ Ich stutzte. „Eine Erstverschlimmerung?“ Günter Schittlowski nickte. „Richtig, das ist bei Batterien durchaus normal. Sie entladen sich meisten weiter, auch wenn man sie noch nicht ausgetauscht hat. Oder aufgeladen.“ „Also wussten Sie vor Anfang an, dass die Batterie defekt war?“ Er wischte sich die andere Hand ab. „Natürlich, schließlich war der Anlasser ja verhältnismäßig neu. Und das Licht war auch nicht besonders gut.“

„Sie haben“, deklamierte Anne dazwischen, „meinem Mandanten eine Rechnung geschickt über einen Betrag von…“ Bevor sie umblättern konnte, hatte Schittlowski schon die Hände in die Hosentaschen gesteckt. „Ich habe ihm eine Woche Zeit gegeben, aber er wollte ja nicht hören. Also habe ich ihm die Autoschlüssel ausgehändigt, und er hat den Wagen samt der kaputten Batterie wieder vom Hof geschleppt. Was wollen Sie von mir?“ „Sie sind kein Automechaniker!“ Er lehnte sich zurück. „Da waren wir schon einmal. Weisen Sie mir einen Mangel nach, sonst verlassen Sie meine Werkstatt. Ich habe zu tun.“ Und er wandte sich dem Kombi auf der Hebebühne zu.

„Unter uns“, sagte ich, „Sie verstehen nichts von Autos. Wen wollen Sie damit aufs Kreuz legen, etwa Ihre Kunden?“ „Meine Kunden“, antwortete er, „suche ich mir sehr genau aus, ich akzeptiere schließlich nicht jeden. Und im Erstgespräch kläre ich sie auch gründlich auf, wie ich arbeite und was sie von mir zu erwarten haben.“ Ich verstand nicht. „Das ist doch hier eine ganz normaler Werkstatt, in die ich mein Auto bringe, wenn der Anlasser nicht mehr funktioniert oder der Vergaser?“ Er lächelte. „Ich bin kein Mechaniker. Ich bin Heilpraktiker für Kraftfahrzeuge.“ Anne riss die Augen auf. „Sie sind was!?“ „Heilpraktiker“, wiederholte Schittlowski. „Nur sehr sanfte Methoden, ich beobachte die Autos ein paar Tage und führe minimale Eingriffe mit gut verträglichen Methoden durch, die die Schulmechanik meistens ablehnt.“ „Sie haben den Wagen von Herrn Niederolm tagelang beobachtet und nichts unternommen?“ „Er wollte es doch so“, entgegnete der Inhaber. „Einen Tag später hätte ich ihn rübergebracht.“ Anne stutzte. „Rüber?“ Er deutete mit dem Finger aus dem Rolltor auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Da sitzt mein Bruder“, sagte er mit leicht abfälligem Unterton, „er hat eine Schulwerkstatt. Man muss ja auch seine Grenzen kennen, das gehört bei einer Ausbildung in meinem Metier nämlich dazu.“

Fassungslos ging Anne zurück zum Wagen. Der Schlüssel funkte, die Tür aber öffnete sich nicht, wenigstens nicht beim ersten, zweiten oder dritten Versuch. „Nichts als Ärger“, knurrte sie. „Ach“, gab ich zurück, „wir könnten es mit unkonventionellen Methoden versuchen. Was hältst Du von Globuli?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIV): Orthorexie

4 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Speisezettel in Rrts Höhle war einfach, aber effektiv: Buntbeerenmus an Buntbeeren, im Lenz frische Buntbeerenblüten, im Herbst getrocknete Buntbeeren, dazu saisonale Gräser und Eiweiß aus der nahegelegenen Steppe, manchmal auch von unvorsichtigen Säugetieren. Mitglieder der Sippe, die die Jagdausflüge nicht im Ganzen überstanden, wurden nicht Teil der Gemeinschaftsverpflegung; man hatte bereits einen gewissen Zivilisationsgrad erreicht. Später jedoch, als die Verfügbarkeit von Nahrung anstieg durch Ackerbau und Viehzucht, begann der Hominide überwiegend mäkelig zu werden. Spätestens mit der Gegenbewegung, sich nicht zur Arterhaltung die Speckschürze zu füllen, sondern gesund, vital und bewusst zu futtern, kollabierte der Kauer und fand sich im Zwang wieder, sich nur nach dem Buchstaben des Gesetzes Kalorien hinters Zäpfchen zu schwiemeln. Hier und da übernahmen Religion und andere Nahrungstabus das Geschäft der neurotischen Konditionierung, der zur Wahlfreiheit verdammte Jetztmensch muss das mit einer Macke erledigen. Mit Orthorexie.

Denn längst ist nicht mehr klar, was noch als physisch, psychisch oder wie auch immer politisch korrekte Ernährungsform gelten kann, darf oder muss. Zwischen Low-Carb, Low-Fat, Glyx und FdH, Trenn- und Steinzeitkost drängeln sich Clean Eating, Dinner Canceling und andere hilfsverbal zu großem Getöse aufgeblähte Schluckbeschwerden, mit denen Diätpäpstinnen, Magermodels und Köche ohne Fortune die Masse in den Wirrsinn treiben. Ist die regional gekaute Karotte als fettfreier Faserstoff noch zulässig, physiologisch überflüssig oder eine notwendige Ersatzhandlung? Gehen drei Möhren als Mahlzeit durch oder soll man es lassen? Ist es unabdingbar, sie roh und auf drei Stunden verteilt zu nagen, oder tödlich? Taugt Fasten etwas, wenn man es überlebt? Schon für normale Fettverbrenner und Metaboliker stellt die Stulle einen Akt größerer Rechtfertigung dar, wenn man sie vor feindlichem Publikum zückt – öffentlich hinter die Kiemen geschobene Kohlenhydrate sind inzwischen fast so schlimm wie Rauchen auf der Säuglingsstation.

Geschenkt, dass inzwischen jeder seine eigene Essschule als dogmatisches Glaubenssystem vor die Säue werfen darf, die den Schmodder für Perlen halten. Der Bekenntniszwang, keinen bösen Weizen und keine bösen Avocados zu vertilgen, ist zugleich die Unterwerfung unter eine gleichsam ideologisch festbetonierte Unterscheidung einschließlich des Schubladendenkens, das in allen Glaubenssystemen erst Freiheit verspricht, wenn die Kiste komplett vernagelt ist. Auf der Basis des postmodernen Fitness- und Körperwahns, der unter dem Diktat der Selbstoptimierung alles in den Wahn knüppelt, wird die angstgetriebene Vermeidung zum Instrument der Heilsbotschaften, die überdies größtenteils ohne humanmedizinische Fachkenntnisse in den Äther, meist aber auch nur ins Netz gerülpst werden. So erzeugt als kleine Schwester von Fress- und Brech- die Normfuttersucht ihren eigenen Druckraum im Hirn, wo das mangelhaft empfundene Selbstbild auf ein gründlich geschranztes Zwangsverhalten trifft und die jene Dressur ermöglicht, die den Esser zum Sklaven seiner Nahrung macht.

Wie mit einem göttlichen Verdikt überzogen bleibt dem Neurotiker nichts anderes, als Läden und Märkte nach dem moralisch erlaubten Produkt zu durchsuchen, ohne Fett, Farb-, Konservierungs-, Zusatzstoffe, stets überwölbt von der dräuenden Schuld, der kultisch unreine Dosenpfirsich könnte an der Höllenpforte die Stachelpeitsche schwingen. Nur im Zustand konstant gezählter Kilojoule ist der Mampfkasper noch in der Lage, ein Salatblatt zwischen Zähne zu stopfen, wogegen alle anderen, die bei Weißmehl und Margarine den Teufel anbeten, eigentlich schon verloren sind. Gleichwohl versucht der geistlich Gestörte hin und wieder die vom Satan gesättigten Ketzer zu missionieren, zum Glück meist so erfolg- wie folgenlos.

Moderne Medien, deren wahl- und haltloses Geplärr wenig Rücksicht auf die Wirkung bei der Prallmasse am anderen Ende der Leitung nimmt, verdienen nicht eben schlecht mit der Erfindung sinnfreier Trends, mit denen sie die seelische Gesundheit labiler Nachtmützen aufs Spiel setzen. Pseudowissenschaftlicher Sondermüll blökt aus allen Richtungen, unterfüttert mit Astrologie oder Promi-Mimesis. Die Marionettenmaschinerie läuft, bis das Krankheitsbild selbst in den einschlägigen Organen pathologisiert wird als Wiederkäuen des selbst Erbrochenen. Offensichtlich hocken auch bei Frigitte und Locus gründlich devitalisierte Deppen, deren Konfektkonsum regelmäßig im Heulkrampf auf der Körperfettwaage endet, der als Projektion dem unschuldigen Opfer aufgebürdet wird, die Postille beim Hairstylisten durchzublättern. Die mediale Individualisierungsstrategie trampelt lustig über Leichen, während eine Doppelseite weiter die Reklame für Bier und Lightkäse aus dem Falz suppt. Man sollte sie alle einsperren in ein dunkles Verlies. Bei Wasser und Rosenkohl.