Mythologische Ansätze

19 11 2019

„… und den Wissenschaftsbegriff komplett neu diskutieren wolle. Die Grünen würden sich dann entscheiden, ob sie die Astrologie als eine…“

„… weise die Partei die Kritik an ihrem Beschluss entschieden zurück. Da sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger Vorteile vom Glauben an eine Wirkung der Gestirne auf ihr Leben versprächen, könne man diese Überzeugung nicht einfach als…“

„… sich letztlich wieder als Verbotspartei zeige, die nur das Astrologenhandwerk zerstören wolle. Die Union habe dabei auf zahlreiche Arbeitsplätze verwiesen, die nicht nur bei der Erstellung der täglichen Zeitungshoroskope oder für die in der Wirtschaft immer noch…“

„… auf mehreren Säulen ruhe. Sollte die individuelle Erfahrung des Klienten mit seinen Werten und Wünschen eine subjektiv evidente Veränderung seines Status ergeben, so sei dies genau so wichtig wie die nachweisbare…“

„… astrologische Beratungen nicht mehr von der Steuer absetzen könne. Dies verhindere langfristig den Erfolg des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Für Kramp-Karrenbauer gehöre in schwierigen Zeiten eine verlässliche…“

„… als Einschränkung der persönlichen Freiheit sehe. Die Freidemokraten sähen in einer möglichen Ausgrenzung freiberuflicher Esoteriker ein sozialistisches Berufsverbot, das direkt in die…“

„… dass Kramp-Karrenbauer viele Verträge zur Restrukturierung der Bundeswehr nicht nur mit Controllern und Organisationspsychologen, sondern auch mit zahlreichen…“

„… zeichne sich die Branche durch eine Vielzahl stark voneinander abweichender Angebote aus, die es zunächst einzuordnen gelte. Erst nach einem Überblick über astrologische Methodik und ihre Anwendungsbereiche sei eine Studie sinnvoll, wenn sie gleichzeitig eine Fallzahl von…“

„… sei der Beruf des Astrologen noch nicht gesetzlich geregelt. Die Grünen erwarteten daher von der Kommission zunächst eine analog zu anderen therapeutischen Berufen verfasste Ordnung, die die Kompetenzen der jeweiligen…“

„… vertrete die Astrologie nach heutigen Maßstäben ein vollkommen anderes, nicht mit den Grundsätzen der heutigen Physik zu vereinbarendes Weltbild. Daher könne sie gar nicht widerlegt werden, was sich andererseits auf ihre…“

„… mindestens fünfhundert Probanden und eine genauso große Kontrollgruppe zu befragen. Es sei der Kommission dabei wichtig, dass das subjektive Beratungserlebnis dabei im Vordergrund stehe, da sonst negative Einschätzungen von Gegnern der Astrologie ein verfälschtes Bild von der…“

„… gebe es innerparteiliche Kritik am Ansatz der Forschungskommission. So werde hier fast ausschließlich die aus der Spätantike überlieferte eurozentrierte Astrologie berücksichtigt, während mythologische Ansätze aus Asien oder Südamerika keine oder nur eine unbedeutende…“

„… werde sich eine Untergruppe der Forscher zunächst mit der Verbreitung und Verwendung von Astrologie im Nationalsozialismus beschäftigen. Dies sei noch keine Vorentscheidung, wie die Sprecherin betont habe, man wollte jedoch eine deutliche historische Zäsur im…“

„… dass es immer mehr konkrete Widersprüche zur Schulastronomie gebe, beispielsweise in der Anzahl der Planeten im Sonnensystem. Dies sei jedoch kein Hinderungsgrund für die Partei, einen zumindest theoretischen Konsens auf der Basis einer gemeinsamen…“

„… zahlreiche Sonderaspekte in die Studie eingebracht werden müssten. Die Diskussion drehe sich im Moment um die Frage, ob ein umstrittenes und nicht als authentisch zu wertendes keltisches Kekshoroskop denselben Stellenwert wie die üblichen zwölf…“

„… sich die gesamte Astrologie im Gegensatz zu anderen Wissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten nicht weiterentwickelt oder wenigstens neue Erklärungsansätze vorgelegt habe, um rezente Forschungsergebnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften zu erklären. Die Parteispitze sehe daher kaum Chancen, besondere Aspekte der Nachhaltigkeit in der…“

„… habe Palmer darauf hingewiesen, dass mit der Eroberung von Bagdad durch die Mongolen die als erste Zwangsislamisierung des christlichen Abendlandes zu betrachtende Kulturzersetzung durch volksfremde Astrologie und migrantisch verseuchte Mathematik vor allem den Deutschen einen schweren Schaden in ihrem…“

„… der Mond nach wie vor als Planet in der hellenistisch geprägten Horoskoperstellung gelte. Habeck habe versichert, dass dies unter der Berücksichtigung der Bildungshoheit der Länder nicht in den Unterricht der…“

„… auf Distanz zur EKD gehe. Göring-Eckardt empfehle ihrerseits weder den Gebrauch von Tageshoroskopen noch Methoden zur Weissagung, die nach Ansicht der Synode nicht geeignet seien, um sie im…“

„… andere rechtskonservative Kreise in der Partei ein Verbot der Flachwelt-Theorie fürchteten, da diese quasi als Zugeständnis an die Anerkennung der Astrologie geopfert werden müsse, auch wenn sich dadurch eine inkonsistente Erklärung des…“

„… nur nach dem aktuellen Kenntnisstand zu entscheiden habe. Die Bündnisgrünen würden im gesonderten Verfahren, das auf die Erkenntnisse der Kommission aufbauten, die spezifische Wirkung von Wahrsagerei und anderem…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXC): Selbstmanagement

15 11 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich geschieht dies tausendfach in einer beliebigen Großstadt der westlich-kapitalistischen Welt, bevor Ersatzteile des mittleren Managements in ihre Polyesteranzüge schlüpfen und den ersten Angstschweiß des Tages aus dem angekrampften Gesicht wischen. Mancher murmelt sein Mantra, andere regulieren noch schnell ihre verbliebenen Emotionen auf ein Verträglichkeitslevel, das nicht mit der Vision des Arbeitgebers kollidiert. Ein paar Individualisten, geübt in praktischer Soziopathie, ballen die Faust vor dem Spiegel, bevor sie dem Feind eine reinzimmern. Die meisten setzen sich ein sinnvolles Ziel: den Tag überleben. Mit etwas Selbstmanagement könnte das realistisch sein.

Es beginnt ganz harmlos mit der To-Do-Liste, dem Einkaufszettel zwanghaft-ängstlicher Personen zur Bewältigung eines Alltags, der auf die stetige Vereinfachung setzt. So schwierig die Existenz sein mag, mit ein paar professionellen Tipps aus der Beraterkiste – immer absolut authentisch bleiben, immer den Plan umsetzen, immer das Erreichen der Ziele kontrollieren und dokumentieren – kriegt noch der unterbelichtete Honk es hin. Einfach ganz authentisch aus dem Haus gehen, ganz entschieden dokumentieren, ob man den Bus gekriegt hat, und dann erfolgsorientiert den Betrieb ausfeudeln, um die persönlichen Ziele zu fokussieren. Mega! Der Lerneffekt, damit sein Leben voll in den Griff zu bekommen, wird immens sein.

Immer vorausgesetzt, es kippt kein Mehlsack um und der Bus kam pünktlich. Was auf eisenharter Planung basiert, und was im Controlling täte dies nicht, wird dem Leben nicht gerecht. Kann es auch gar nicht, da dies auf einer Verkettung reichlich unabhängiger Zufallsgrößen besteht, die sich ohne Rücksicht chaotisch ineinander schwiemeln. Vorab strikt durchorganisiertes Werk, das den Ansprüchen einer Betriebsführung genügen soll, kennt keine Konflikte, schon gar nicht die Interaktion mit der Störgröße Mensch, die ganz überraschend immer auch außerhalb des eigenen Körpers auftritt. Die sture Ichwelt betoniert ihre Flexibilität zu Boden und gibt damit das entscheidende Signal: die Theorie kann sich nicht irren, alles andere ist falsch, nur Verlierer setzen sich nicht durch. So entsteht die Frustration, die immerwährend das Verhältnis des zwanghaft motivierten Kämpfers zu seinem Peiniger bestimmt: zu sich selbst.

Dieser doppelte Selbstvorwurf, der in der Trennung von Subjekt und Objekt, Aktiv und Passiv liegt, ist die Waffe gegen den Menschen. Subjekt und Objekt der Führung, so lautet der Tadel aus der projizierten Außenwahrnehmung, haben sich beide nicht im Griff. Die Verantwortung wird also stets auf dieselbe Person geworfen, einmal als die führende, die sich nicht gegen die niederen Instinkte des kontraproduktiven Unterworfenen durchzusetzen vermag, einmal als die geführte, die gegen die Notwendigkeit und ihre Einsicht darin rebelliert. Unter der Maßgabe, in der Tretmühle der vollständigen Entfremdung nicht funktionsgerecht die Aufgabe zu übernehmen, die mit der Division in zwei Willenskräfte einhergeht, ist die Revolte als Todsünde der gegen die gesellschaftliche Ordnung das letzte Verbrechen. Der Mensch hat doppelt seinen Sinn und sein Ziel verfehlt, eigentlich ist er längst Ballast für den willigen Rest.

Überhöhte Kategorien, zum Beispiel Schicksal, sind nur noch in banalen Alltagsentscheidungen des sozialen Umgangs zu finden, denn die unfehlbare Planung lässt unvorbereitete Abweichungen nicht zu. Der scheinliberale Perfektionswahn bedient sich der einfacheren Mittel, etwa der Aufladung mit Schuld, die stets individuell bleibt: wenn der Bus nicht kommt, der Mehlsack kippt, muss es an schuldhaftem Handeln liegen, wie es die kausale Maschinerie verlangt. Schuldverlagerung ist der Schlüssel zum Abbau der zivilisatorischen Rechte des Individuums, das nach einem vordefinierten Modell zu funktionieren hat – oder sein Recht auf Funktion verwirkt.

So entsteht irgendwann beim Schwinden der Kräfte der endgültige Selbstvorwurf, die falsche Haltung eingenommen zu haben; wer aktiv war, hat noch immer nicht den Posten als Generaldirektor, Chefarzt oder Bundeskanzler erreicht, wer passiv blieb, ist so lange vor seinen Schwächen geflohen, bis sie ihn unter sich begraben. Die Krise ist absehbar, und sie ist selbst verschuldet.

Man kann auf sie verzichten, und damit verzichtet man auch auf die feindliche Übernahme des eigenen Lebens. Den Bus fahren und den Mehlsack liegen lassen, die Erkenntnis, dass der tiefere Sinn sich nicht daraus ergibt, was man mit markigen Worten auf einen Zettel schmieren kann, der morgens am Spiegel klebt. Konsequent dem Versuch widerstehen, ein paar Arschgeigen in Polyesteranzügen ernst zu nehmen, die Philosophie von der Stange verkaufen und in Wahrheit nur kämpfen, einen Tag lang nichts auf die Fresse zu kriegen. Sie geben lediglich ihre Defizite weiter, den Kinderglauben an esoterische Sprüche, billige Patentrezepte, Angst als Ratgeber und ihren elenden Mangel an Selbstmanagement.





Alles auf Zucker

13 11 2019

„Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund… heiliger Bimbam, jetzt kann ich mit dem ganzen Mist noch mal von vorne anfangen! Wie oft habe ich der Klinikleitung gesagt, bei Lungenentzündung nur bis zu zehn mal C20, sonst muss ich meine Brille aufsetzen!

Sie müssen gar nicht so gucken, wir sind eine ordentliche Klinik, mal abgesehen von meinem Schreibtisch, aber sonst ja. Die Landesregierung hat uns die Zulassung gegeben, und jetzt machen wir hier einen Langzeitversuch. Ursprünglich sollten die homöopathischen Mittel nur als Alternative zu Antibiotika getestet werden, jetzt haben wir uns entschlossen, grundsätzlich auf schulmedizinische Medikamente zu verzichten. Das ist nicht ganz so einfach, wie es sich kompliziert anhört.

Zunächst finden Sie mal die richtigen Ärzte dafür. Also nicht, weil es nicht genügend Ärzte geben würde, die an Homöopathie glauben. Es gibt ja auch Leute, die haben einen Schulabschluss und können sich die Schuhe zubinden und wählen dann trotzdem Nazis. Aber wenn Sie im Studium gelernt haben, dass man einem Patienten in der Klinik die richtigen Tabletten gibt mit Wirkstoffen und so weiter, und dann müssen die hier auf Globuli umsteigen, dann wird das schon schwierig. Wir sind hier nicht beim Allgemeinarzt, wo man den Leuten gegen 11.000 Symptome Schwefel geben kann und dann einfach nur warten muss, ob sie es halbwegs überleben oder gleich zum richtigen Mediziner gehen. Wenn hier ein Patient mit Herzinfarkt eingeliefert wird, müssen Sie erst mal überlegen, ob Sie den adäquat versorgen können. Vor allem bei akuten Schmerzen wird das schon mal komplex. Da kommt nicht nur der Patient an seine Grenzen. Und wenn Sie den hinterher noch operieren sollen, dann haben Sie ein Problem. Nicht, was Sie jetzt denken, OP-Säle haben wir hier, genug Personal vorhanden, alles gut. Aber wie kriegen Sie so eine Narkose mit Zuckerkügelchen hin?

Noch eine Schwierigkeit haben wir bei der Anamnese. Um das richtige Mittel und die korrekte Dosierung zu finden, müssen Sie ein paar Fragen an den Patienten stellen, also Senkfüße, Nachtschweiß, Ernährungsgewohnheiten. Und dann kriegen Sie einen Notfall rein, der sich beide Beine an der Kettensäge abgetrennt hat. Senkfüße können Sie da schon mal ausschließen, aber dann wird es richtig kompliziert. Sie müssen den ja irgendwie richtig therapieren. Dass er garantiert nicht zwischendurch zum richtigen Mediziner läuft und sich eine zweite Meinung einholt, ist auch nur ein schwacher Trost. Irgendwas müssen Sie da machen, also geben Sie nach Möglichkeit eins von diesen Allheilmitteln. Schwefel, Sepia, Kochsalz. Brechnuss ist auch sehr beliebt, Faustregel: wer kotzt, ist noch nicht tot. Also alles auf Zucker.

Was die Theorie angeht, wir sind da heute schon viel weiter als noch vor ein paar Jahrhunderten. Die haben damals noch geglaubt, dass man sich eine Infektion holt, wenn man an sich herumspielt. Das ist natürlich Unsinn. Wir wissen heute aus der anthroposophischen Literatur, dass man nach einer Impfung die Lebensenergie schädigt und dann ein paar Inkarnationen später hinkt. Oder zum Lispeln neigt. Oder Schwindsucht bekommt.

Das nächste Problem sind die Beschriftungen. Wir hatten neulich den Fall, dass wir dem Patienten mit chronischem Magengeschwür die Globuli von seinem Zimmernachbarn gegeben haben. Der war wegen eingewachsener Fußnägel hier. Gut, gewirkt hat beides nicht, also kann es ja so schlimm nicht gewesen sein, und die Fußnägel sind ihm auch nicht spontan eingewachsen. Aber was soll’s, wir hatten die Unterschrift, und das war’s.

Wenn es schief läuft, können wir das mit der richtigen Dosierung von Brechnuss auch wieder rückgängig machen. Dabei wird eine fehlerhafte Gabe von Schwefel oder Kochsalz einfach aus dem Körper entfernt. Da war zwar vorher auch nichts drin, aber sicher ist sicher. Wenn so ein Patient vom richtigen Arzt wiederkommt und aus Versehen die richtigen schulmedizinischen Medikamente in der richtigen Dosierung eingenommen hat, dann wird der hier kurz geblitzdingst, und dann machen wir da weiter, wo wir vorher aufgehört haben. Falls wir den wiederkriegen.

Das macht ja auch unsere Studie so schwierig, wir können nicht genug Fälle zu Ende behandeln. Die meisten gehen uns zwischendurch verloren, ein paar haben irgendwann eine Fehldosierung oder wir kriegen die Globuli durcheinander und dann wissen wir am Ende nicht, ob die Ergebnisse stimmen. Dass die Patienten dabei zufällig überleben, das ist ja ganz schön, aber das wussten wir vorher halt auch schon.

Sagen Sie es nicht weiter, aber wir arbeiten hier heimlich an neuen Wirkstoffen. Es werden ja immer mal wieder Krankheiten entdeckt, die sich nicht mit den alten Mitteln kurieren lassen, deshalb müssen wir uns neue Wirkstoffe überlegen und probieren die dann an unseren Patienten aus. Das darf aber natürlich niemand wissen, weil die Medikamente noch nicht zugelassen sind. Offiziell sind in den Globuli Quecksilber oder Petroleum, also nur ganz harmlose Sachen, aber manchmal fällt aus Versehen schon mal eine Kopfschmerztablette in den Tiegel. Also nur, wenn es passen könnte. Zum Beispiel bei Patienten mit Kopfschmerztablettenvergiftung. Ein paar Antibiotika haben wir auch im Kühlschrank, falls es mal zu Zwischenfällen kommen sollte. Aber das haben Sie nicht von mir!

Oh, ein Notfall. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss den Würfelzucker suchen.“





Sanfte Methoden

7 11 2019

„Wie gesagt, ich brauche Dich als Zeugen.“ Anne drückte die Tür ins Schloss klemmte sich den Aktendeckel unter den Arm. „Und keine dummen Bemerkungen, wenn ich bitten darf. Noch habe ich das Mandat nicht angenommen.“ Wir gingen über den Parkplatz. Das also war Günters Autoparadies.

„Hatten Sie denn einen Termin?“ Der Inhaber blätterte in einem zerlesenen Notizbuch auf dem Schreibtisch in der Ecke der Werkstatt. „Nein“, gab Anne zurück. „Wir, also das heißt ich bin hier, weil es…“ „Anlasser“, brummte Günter Schittlowski, seines Zeichens Paradiesbetreiber. „In den meisten Fällen Anlasser oder Zündkerzen. Ist doch der kleine Rote da hinten, oder?“ Sie zeigte mit dem Daumen auf den großen Schwarzen. „Oha“, entfuhr es ihm. „Das wird teuer.“ Ich hob leicht die Brauen. „Aha, ein Fachmann.“ Das hätte ich besser nicht gesagt. Jedenfalls schien es Anne nicht zu gefallen.

Sie sah sich um in der verhältnismäßig düsteren Werkstatt. Ein klappriger Kombi stand auf der Hebebühne, die allerdings nicht hochgefahren war. Die übrigen Gerätschaften, Ölkännchen, Werkzeuge und allerlei Apparate, standen und lagen in der Gegend verstreut, kurzum, nichts hinterließ einen ungewöhnlichen Eindruck. „Sie sind natürlich mit den Modellen bestens vertraut“, begann Anne ganz harmlos. „Und was Sie reparieren, ist hinterher auch ganz sicher wieder vollkommen in Schuss.“ Der Inhaber nickte. „Diese modernen Elektrodinger kommen ja noch nicht in die Werkstatt, aber wenn Sie mit einem Benziner oder mit einem Diesel Schwierigkeiten haben – null Problem!“ Anne begann in ihrem Aktendeckel zu suchen. „Sie haben, wenn mich nicht alles täuscht, gar keine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker absolviert?“ Schittlowski wischte die ölige Hand an seinem Hosenbein ab. „Habe ich das behauptet?“ Anne wollte etwas antworten, doch er kam ihr zuvor. „Steht das auf dem Schild oder an der Tür? Oder mache ich damit Reklame?“ „Das nicht“, fuhr sie ihn an. „Aber wenn man ‚Autoparadies‘ liest, denkt man sich doch…“ „Dass Sie hier von einem Engel im Blaumann empfangen werden“, grinste er spöttisch. Schittlowski hatte recht. Nichts davon hatte er sich zuschulden kommen lassen.

„Die Sache ist die“, begann nun Anne wieder, „mein Mandant hat vergangenen Monat seinen Wagen in Ihre Obhut gegeben und dann drei ganze Tage gewartet, dass Sie den Schaden beheben.“ Er nickte. „Drei Tage“, bestätigte der Kraftfahrzeug-Schamane. „Das wird sich um Herrn Niederolm handeln, ich hatte ihn ausdrücklich um eine Woche Behandlungszeit gebeten, weil es bei der Batterie sicher zu einer Erstverschlimmerung kommen würde, aber er hat ja nicht auf mich hören wollen.“ Ich stutzte. „Eine Erstverschlimmerung?“ Günter Schittlowski nickte. „Richtig, das ist bei Batterien durchaus normal. Sie entladen sich meisten weiter, auch wenn man sie noch nicht ausgetauscht hat. Oder aufgeladen.“ „Also wussten Sie vor Anfang an, dass die Batterie defekt war?“ Er wischte sich die andere Hand ab. „Natürlich, schließlich war der Anlasser ja verhältnismäßig neu. Und das Licht war auch nicht besonders gut.“

„Sie haben“, deklamierte Anne dazwischen, „meinem Mandanten eine Rechnung geschickt über einen Betrag von…“ Bevor sie umblättern konnte, hatte Schittlowski schon die Hände in die Hosentaschen gesteckt. „Ich habe ihm eine Woche Zeit gegeben, aber er wollte ja nicht hören. Also habe ich ihm die Autoschlüssel ausgehändigt, und er hat den Wagen samt der kaputten Batterie wieder vom Hof geschleppt. Was wollen Sie von mir?“ „Sie sind kein Automechaniker!“ Er lehnte sich zurück. „Da waren wir schon einmal. Weisen Sie mir einen Mangel nach, sonst verlassen Sie meine Werkstatt. Ich habe zu tun.“ Und er wandte sich dem Kombi auf der Hebebühne zu.

„Unter uns“, sagte ich, „Sie verstehen nichts von Autos. Wen wollen Sie damit aufs Kreuz legen, etwa Ihre Kunden?“ „Meine Kunden“, antwortete er, „suche ich mir sehr genau aus, ich akzeptiere schließlich nicht jeden. Und im Erstgespräch kläre ich sie auch gründlich auf, wie ich arbeite und was sie von mir zu erwarten haben.“ Ich verstand nicht. „Das ist doch hier eine ganz normaler Werkstatt, in die ich mein Auto bringe, wenn der Anlasser nicht mehr funktioniert oder der Vergaser?“ Er lächelte. „Ich bin kein Mechaniker. Ich bin Heilpraktiker für Kraftfahrzeuge.“ Anne riss die Augen auf. „Sie sind was!?“ „Heilpraktiker“, wiederholte Schittlowski. „Nur sehr sanfte Methoden, ich beobachte die Autos ein paar Tage und führe minimale Eingriffe mit gut verträglichen Methoden durch, die die Schulmechanik meistens ablehnt.“ „Sie haben den Wagen von Herrn Niederolm tagelang beobachtet und nichts unternommen?“ „Er wollte es doch so“, entgegnete der Inhaber. „Einen Tag später hätte ich ihn rübergebracht.“ Anne stutzte. „Rüber?“ Er deutete mit dem Finger aus dem Rolltor auf die gegenüberliegende Straßenseite. „Da sitzt mein Bruder“, sagte er mit leicht abfälligem Unterton, „er hat eine Schulwerkstatt. Man muss ja auch seine Grenzen kennen, das gehört bei einer Ausbildung in meinem Metier nämlich dazu.“

Fassungslos ging Anne zurück zum Wagen. Der Schlüssel funkte, die Tür aber öffnete sich nicht, wenigstens nicht beim ersten, zweiten oder dritten Versuch. „Nichts als Ärger“, knurrte sie. „Ach“, gab ich zurück, „wir könnten es mit unkonventionellen Methoden versuchen. Was hältst Du von Globuli?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXXIV): Orthorexie

4 10 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Speisezettel in Rrts Höhle war einfach, aber effektiv: Buntbeerenmus an Buntbeeren, im Lenz frische Buntbeerenblüten, im Herbst getrocknete Buntbeeren, dazu saisonale Gräser und Eiweiß aus der nahegelegenen Steppe, manchmal auch von unvorsichtigen Säugetieren. Mitglieder der Sippe, die die Jagdausflüge nicht im Ganzen überstanden, wurden nicht Teil der Gemeinschaftsverpflegung; man hatte bereits einen gewissen Zivilisationsgrad erreicht. Später jedoch, als die Verfügbarkeit von Nahrung anstieg durch Ackerbau und Viehzucht, begann der Hominide überwiegend mäkelig zu werden. Spätestens mit der Gegenbewegung, sich nicht zur Arterhaltung die Speckschürze zu füllen, sondern gesund, vital und bewusst zu futtern, kollabierte der Kauer und fand sich im Zwang wieder, sich nur nach dem Buchstaben des Gesetzes Kalorien hinters Zäpfchen zu schwiemeln. Hier und da übernahmen Religion und andere Nahrungstabus das Geschäft der neurotischen Konditionierung, der zur Wahlfreiheit verdammte Jetztmensch muss das mit einer Macke erledigen. Mit Orthorexie.

Denn längst ist nicht mehr klar, was noch als physisch, psychisch oder wie auch immer politisch korrekte Ernährungsform gelten kann, darf oder muss. Zwischen Low-Carb, Low-Fat, Glyx und FdH, Trenn- und Steinzeitkost drängeln sich Clean Eating, Dinner Canceling und andere hilfsverbal zu großem Getöse aufgeblähte Schluckbeschwerden, mit denen Diätpäpstinnen, Magermodels und Köche ohne Fortune die Masse in den Wirrsinn treiben. Ist die regional gekaute Karotte als fettfreier Faserstoff noch zulässig, physiologisch überflüssig oder eine notwendige Ersatzhandlung? Gehen drei Möhren als Mahlzeit durch oder soll man es lassen? Ist es unabdingbar, sie roh und auf drei Stunden verteilt zu nagen, oder tödlich? Taugt Fasten etwas, wenn man es überlebt? Schon für normale Fettverbrenner und Metaboliker stellt die Stulle einen Akt größerer Rechtfertigung dar, wenn man sie vor feindlichem Publikum zückt – öffentlich hinter die Kiemen geschobene Kohlenhydrate sind inzwischen fast so schlimm wie Rauchen auf der Säuglingsstation.

Geschenkt, dass inzwischen jeder seine eigene Essschule als dogmatisches Glaubenssystem vor die Säue werfen darf, die den Schmodder für Perlen halten. Der Bekenntniszwang, keinen bösen Weizen und keine bösen Avocados zu vertilgen, ist zugleich die Unterwerfung unter eine gleichsam ideologisch festbetonierte Unterscheidung einschließlich des Schubladendenkens, das in allen Glaubenssystemen erst Freiheit verspricht, wenn die Kiste komplett vernagelt ist. Auf der Basis des postmodernen Fitness- und Körperwahns, der unter dem Diktat der Selbstoptimierung alles in den Wahn knüppelt, wird die angstgetriebene Vermeidung zum Instrument der Heilsbotschaften, die überdies größtenteils ohne humanmedizinische Fachkenntnisse in den Äther, meist aber auch nur ins Netz gerülpst werden. So erzeugt als kleine Schwester von Fress- und Brech- die Normfuttersucht ihren eigenen Druckraum im Hirn, wo das mangelhaft empfundene Selbstbild auf ein gründlich geschranztes Zwangsverhalten trifft und die jene Dressur ermöglicht, die den Esser zum Sklaven seiner Nahrung macht.

Wie mit einem göttlichen Verdikt überzogen bleibt dem Neurotiker nichts anderes, als Läden und Märkte nach dem moralisch erlaubten Produkt zu durchsuchen, ohne Fett, Farb-, Konservierungs-, Zusatzstoffe, stets überwölbt von der dräuenden Schuld, der kultisch unreine Dosenpfirsich könnte an der Höllenpforte die Stachelpeitsche schwingen. Nur im Zustand konstant gezählter Kilojoule ist der Mampfkasper noch in der Lage, ein Salatblatt zwischen Zähne zu stopfen, wogegen alle anderen, die bei Weißmehl und Margarine den Teufel anbeten, eigentlich schon verloren sind. Gleichwohl versucht der geistlich Gestörte hin und wieder die vom Satan gesättigten Ketzer zu missionieren, zum Glück meist so erfolg- wie folgenlos.

Moderne Medien, deren wahl- und haltloses Geplärr wenig Rücksicht auf die Wirkung bei der Prallmasse am anderen Ende der Leitung nimmt, verdienen nicht eben schlecht mit der Erfindung sinnfreier Trends, mit denen sie die seelische Gesundheit labiler Nachtmützen aufs Spiel setzen. Pseudowissenschaftlicher Sondermüll blökt aus allen Richtungen, unterfüttert mit Astrologie oder Promi-Mimesis. Die Marionettenmaschinerie läuft, bis das Krankheitsbild selbst in den einschlägigen Organen pathologisiert wird als Wiederkäuen des selbst Erbrochenen. Offensichtlich hocken auch bei Frigitte und Locus gründlich devitalisierte Deppen, deren Konfektkonsum regelmäßig im Heulkrampf auf der Körperfettwaage endet, der als Projektion dem unschuldigen Opfer aufgebürdet wird, die Postille beim Hairstylisten durchzublättern. Die mediale Individualisierungsstrategie trampelt lustig über Leichen, während eine Doppelseite weiter die Reklame für Bier und Lightkäse aus dem Falz suppt. Man sollte sie alle einsperren in ein dunkles Verlies. Bei Wasser und Rosenkohl.





Qualifizierte schamanische Aufsicht

23 09 2019

„… als Kassenleistung einführen werde. Spahn sei von der Erklärung des Allgemeinen Deutschen Heilpraktikerverbandes überzeugt, dass auch schamanische Rituale künftig den Patienten eine…“

„… strikt ablehne. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung könne keine qualifizierte medizinische Behandlung durch Heiltänze, Handauflegen oder die…“

„… der Freie Verband Deutscher Heilpraktiker eine Sondergenehmigung für Heiltrommler und Trommelheiler beantrage. Das Bundesministerium habe die Beschlussvorlage zur Vereinfachung vom Interessenverband selbst schreiben lassen, um Verzögerungen so weit wie möglich aus dem…“

„… traditionelle mongolische Tanzverfahren nur von besonders qualifizierten Schamanen durchgeführt werden dürften. Die Union Deutscher Heilpraktiker dringe darauf, dass Spahn alle anderen Verbände anweise, sich nicht in die Kompetenzen der mongolischen Spezialisten zu…“

„… sei sich Spahn sicher, dass der bei den Krankenkassen bisher skeptisch beurteilte Ansatz des Gesundbetens bei einer steigenden Nachfrage auf mehr Akzeptanz stoße. Im Gegenzug versprach er, eine Entlastung der Konzerne von zu teuren Krebstherapien zu beschleunigen, um die Gewinne auch in den folgenden Jahren noch…“

„… für die Erforschung der Wirksamkeit notwendig sei, schamanisches Heiltanzen für zehn bis fünfzehn Jahre im Leistungskatalog zu verankern, da erst hinterher mit Sicherheit beurteilt werden könne, ob es sich um eine sinnvolle therapeutische Maßnahme handle oder um einen…“

„… Chakrenharmonisierung und Rückführung nicht von den gesetzliche Kassen getragen würden. Es stehe den Privatversicherern allerdings frei, die Angebote in Verbindung mit Reinigungsmeditation und Detox als Wahlleistung bei zehn Prozent Eigenanteil in die bestehenden…“

„… spirituelle Bewegungen nicht unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen vorgenommen werden dürften. Spahn wolle allerdings vorerst die Anerkennung des rituellen Heilsaufens mit anschließender Torkelbehandlung in der Traditionellen Bayerischen Alternativmedizin belassen, um sich eine abschließende Beurteilung auf dem…“

„… und Hörgeräte weiterhin nur noch an Selbstzahler abzugeben. Eine Trommelbehandlung müsse laut Verband Heilpraktiker Deutschland nicht zwingend mit einer apparativen Therapie kombiniert werden, außerdem sei durch die Übernahme der Heilbehandlung bei den Versicherten ja wieder mehr Kaufkraft vorhanden, um sich ein eigenes Hörgerät zu…“

„… fordere die Vereinigung Christlicher Heilpraktiker ein sofortiges Verbot aller anderen religiös motivierten Therapien. Sollte Spahn nicht umgehend Gesundbeten und Handauflegen für seine Mitglieder reservieren, werde der Verband sich bei der Unionsvorsitzenden über ihn…“

„… nur unter Aufsicht eines vom Ministerium zugelassenen Schamanen stattfinden dürfe. Der Verband Freie Heilpraktiker habe durchgesetzt, dass einfaches Fasten, möglicherweise auch nur unter Kontrolle eines Allgemeinarztes, keinesfalls als schamanisches Fasten bezeichnet werden dürfe. Ein Nahrungsverzicht ohne qualifizierte schamanische Aufsicht stelle eine potenzielle Gefahr dar, vor allem für die Heilpraktiker und ihre…“

„… würden vor allem nicht approbierte Schamanen zusätzliches Auspendeln, Reiki oder ganzheitliche Akupunktur anwenden, was zu Belastungen für die feinstoffliche Ebene führen könne. Der Verband Unanhängiger Heilpraktiker habe kein Recht, sich über die Genehmigungen mit dem Ministerium für…“

„… die Zulassung entzogen wurde. Patienten hätten geklagt, dass ihnen während einer als chinesisch angebotenen Heilsteinbehandlung auch indische Halbedelsteine aufgelegt worden seien, was den Therapieerfolg bei einem grippalen Infekt ganz erheblich…“

„… sich Trommeltanz zur Selbstwahrnehmung auch ohne schamanische Nahrungsergänzungsmittel anwenden lasse. Die Union Deutscher Heilpraktiker fordere daher, diese Leistung bei anderen Anbietern wieder zu streichen oder sie Selbstzahlern vorzubehalten, die nicht über eine ärztliche…“

„… koreanische Schamanismus-Anbieter auf dem deutschen Markt zulassen wolle. Spahn könne dies nicht verhindern, solange die Dienstleister der ISO-Norm entsprechend arbeiteten, und wolle sich für eine Steuererleichterung einsetzen, die den deutschen Schamanen bis zu dreißig Prozent der…“

„… die Verbände Indigener Heilberufe eine Lizenzzahlung wegen der unentgeltlichen Nutzung des immateriellen Kulturerbes einklagen wollten. Es sei nicht hinzunehmen, dass sich deutsche Freizeitmediziner mit evident unwirksamen Therapieansätzen einen erheblichen Vorteil auf dem europäischen…“

„… ebenso wirkungslos sei wie die Anwendung der Homöopathie. Spahn sei davon überzeugt, dass schamanische Heilrituale deshalb einen festen Platz in der deutschen Gesundheitsversorgung besitzen müssten und kündigte an, alle anderen Leistungen fortan kritisch auf den Prüfstand zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLII): Superfood

30 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es hätten Leinsamen sein können, es hätte genau so gut Schokolade werden können. Aber der Typ aus dem Großhandel hatte halt noch einen Sack voller Zeugs ohne Geschmack im Keller, es fehlte nur noch ein hipper Name, damit man es nicht für Streumaterial hielt. Die Verpackung stimmte, der letzte Hype war gerade im Niedergang begriffen, die Marketingschergen liefen sich am Spielfeldrand des Wirtschaftskriegsschauplatzes warm. Die Chancen für grobe Esoterik waren ausgelotet, nichts stand einer überflüssigen Hysterie in globalem Maßstab im Weg. Unter den nachhaltig Intelligenzabstinenten begann der Siegeszug von Chia, dem Superfood überhaupt.

Wie gesagt, Leinsamen hätten es auch getan, haben aber nicht den Promifaktor, der auch in der Provinzkantine abgestandenen Milchprodukten in Krankenhausmengen diese gewisse Leckerness verleiht, die Zwieback und Weizenschrott so entschieden abgeht. Außerdem kann jenes Abfallprodukt aus der Nährmittelindustrie, gezogen mit Liebe und Mindestlohn kurz hinter Bad Gnirbtzschen, einfach nicht mit der Edelschlacke konkurrieren, die mondän und prestigeträchtig um den halben Rotationsellipsoiden gekarrt werden, um in der hinteren Ecke eines Discounters Schimmel anzusetzen. Damit könnte das Ding an sich in seiner kompletten Überflüssigkeit versuppen. Aber die auf höherem Niveau kognitiv verdünnte Auskenneria ist noch lange nicht fertig. Das Elend nimmt seinen Lauf.

Ähnlich wie gedungene Schwafelschlümpfe der Werbeindustrie Lightprodukte zum Patentrezept für den schnellen Beschiss aufgeblasen haben, ist die Essenz des Megafutters selten auf seinen Inhalt zu beziehen. Was der Schlankheitswahn als essbaren Bauschaum in den Markt schwiemelt, wäre ja mit vernünftigen Mitteln durchaus zu ersetzen, wenn nur der kalorienreduzierte Vollfettkäse abgesehen vom quantitativen Einsatz dem Magerquark wiche, die zucker- und geschmacksfreie Limonade dem sozial inzwischen abgehängten Früchtetee. Sie wollen Brot, also essen sie Kuchen.

Lustigerweise sind genau die aus repressionsfrei geklöppeltem Bohnenstroh herausgedroschenen Heckenpenner, die sich für regionalen Bergbau, antiautoritär im Beisein der Bezugsperson zu Tode gestreichelte Lämmchen und fairen Filterkaffee in Bürgerinitiativen engagieren, die Trägersubstanz für diese Schädelschädigung werden, und das auch noch aus freien Stücken. Das lutscht täglich an der Frühstücksavocado und wundert sich, warum fürs Wegklappen des Regenwaldes mehr Energie aufgebracht werden muss, als mit der Pinkeltaste gespart werden könnte. Wer seine Bedürfnisse der Ideologie unterordnet oder sie gar von ihr vorgeben lässt, der muss sich seine Hirnweichheit sekundär rationalisieren, aber auch dies ist ein Fest für die Imagekneter. Wer redet sich schon alleine die ganze Grütze bunt.

Das Zeug schwimmt schließlich mit in der unwissenschaftlichen Gesundbeterei rund um Detox, Entschlackung und Achtsamkeit – die in allerlei Publikumspostillen auf den Boulevard gespeichelten Anekdoten und Erfahrungsberichte entspringen meist gelangweilten Textern, die derlei als Stehsatz verkaufen, ohne sich die auf dem Transport wochenlang im Container verlabbernden Fruchtfasermatten hinters Zäpfchen zu schieben. Immerhin werden die Wunderpflanzen meist in Regionen geerntet, in denen noch der gute Onkel mit der Pestizidspritze übers Feld stakt, damit die bunten Früchte es überhaupt bis zum Frachter schaffen. Rotkohl hätte ähnliche Werte wie Açaí, aber wie bekommt man mit Flugkohlrabi die Besserfresser in den Gourmettempel?

Superfood ist eine neoliberale Heuchelei wie das Positivgeschwall manischer Selbstoptimierer, ostentative Lebensführung als Punkt in einem stromlinienförmigen Paralleluniversum. Wie in jeder esoterischen Schiefe driftet die Realität gen Nirwana, wenn nun der Ernährungsberater Beeren empfiehlt, deren enzymatisches Gezumpel laut neuester Absatzwirtschaft Krebs und Koma vermeiden soll. Denn ändert sich dadurch die Kalorienzufuhr, wird der Patient voluminös, kaut sich kariös und diabetisch, so ist er, zack! selbst schuld. Wäre es nur das Ziel, sich mit Vitaminen die Leber aufzupumpen und gäbe es auch keine Überdosierung mit drastischer Symptomatik, keiner müsste sich mit Granatäpfeln die Figur ausstopfen, wo es auch heimisches Obst täte. Immerhin schön, dass exotisches Obst dank hinreichend allergener Wirkungen farbenfrohe Schwellungen hinterlässt, wo andere noch eine Gesichtsattrappe hängen haben. Gewiss, es sollen auch Menschen beim Anblick der gemeinen Brennnessel in Tränen ausgebrochen sein, aber das wenigstens lag dann nicht am Preis oder an der Erkenntnis, sich gerade zum willigen Opfer einer ganzen Marktmaschinerie gemacht zu haben, die nur unser Bestes will, und das möglichst schnell und in großen Portionen. Hätten wir als Kinder brav Spinat gegessen, wir wären ihnen nicht auf den Leim gegangen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVI): Das Dankbarkeitssyndrom

19 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück. Die Pest hat einen Namen und es braucht mehr als Schmirgelpapier, um sich diesen Schmodder aus der Hirnrinde zu schwiemeln. Die gesamte westlich-vegane Welt, das christliche Abendland samt kapitalistischer Anhängsel und Wurmfortsätze, aalt und suhlt sich in Ergebenheit, nicht dem Schicksal gegenüber, aber doch in quasi-esoterischer Selbstermächtigung, dass noch aus dem dümmlichsten Hirnquark ein Patentrezept wird, mit dem die intellektuelle Ausschussware sich ihr bisschen Stoffwechsel in ein erfüllendes Leben umbiegen kann. Der Murks hat Methode, und wer sie nicht mehr merkt, ist als unterwürfiges Rad im Getriebe gerade recht. Einmal mit dem Syndrom ewiger, vollumfänglicher Dankbarkeit für alles, jeden sowie den letzten Rotz infiziert, und die Sache läuft.

Es ist vordergründig die devote Grundhaltung, noch die ausweglose Hochglanztristesse eines gründlich versaubeutelten Systems als gegeben zu betrachten, sie hinzunehmen und – positiv denken, positiv denken! – sich die ganze Scheiße bunt zu lügen. Frisch geschieden? super, mehr Zeit für Überstunden! Danke, Chef! Umweltkatastrophe im Kongo? dufte, wir leben in Europa! Danke, Zufall! Erderwärmung? na urst, wenn der Meeresspiegel steigt, sind wir schon längst Biomasse! Danke, Generationenungerechtigkeit! Alles lässt sich so krempeln dass das Gute in den Vordergrund tritt, alles gibt jemandem die Gelegenheit, dankbar zu sein, und ist man es nicht selbst, dann danken wir aus Solidarität. Nazis zünden Flüchtlingsheime an? knorkomat, da hocken die Arschmaden wenigstens mal nicht auf der Straße! Danke, Faschismus!

Aber machen wird uns nichts vor, dankbar ist das neue achtsam, und es führt zu bestialischen Selbstzerfleischungen, nur um für andere attraktiv genug auszusehen. Die komplizierte Demut wird in ihrer geistigen Einfachheit demonstrativ vor sich hergetragen als Monstranz klinischer Beklopptheit. Aus dem Gekrümel bastelt sich die Zielgruppe einen eigenen Lifestyle, und es wäre keiner, wenn sie nicht peu à peu extremistisch würde, für alles danken würde, erst für schönes Wetter, dann für die momentane Gesundheit, irgendwann für die Gene, wahrscheinlich auch irgendwann für die Luft zum Atmen oder die kosmische Hintergrundstrahlung. Nach diesem Strickmuster sind Dummdeppen stolz, eine Nationalität zu besitzen, auch wenn sie am Zustandekommen der Nationalität nicht schuld sind und nichts dafür getan haben, mit ihr geboren zu werden.

Der Schmalz quillt nicht zufällig aus der neoliberalen Tüte, die dem narkotisierten Prekariat beibringt, die Krümel vom Tische des Herrn als ausreichend zu betrachten und nicht ständig nach mehr zu gieren, wie es angeblich leistungsstarken Besitzern von Aktien und Erbschaften zusteht. Man trichtert den Unterernährten ein, wie schlank sie durch liebevolles Hungern bleiben, erklärt ihre unterbezahlten Knochenjobs zur gesellschaftlich wichtigsten Wertschöpfung – was für die Chefs der Knochemühle ja auch stimmt – und feiert ihre eiserne Disziplin, mit der sie nicht nach der Sense greifen, um diesen komplett verseiften Schrunz der Elite zu beseitigen. Würde man sie stolz machen, ihnen Ehre und Würde einreden, den Pfleger zum Ritter schlagen, die Alleinerziehenden als Vorbild an sozialem Altruismus preisen, sie würden schnell wider den Stachel löcken.

Dazu kommt der anthropogene Vollschrott, der an seinen Folgen erkennbar die Absurdität dieser Welt zeitigt. Rüstungsproduktion, Getreideanbau zur Kraftstofferzeugung, Handelskriege, planmäßig betriebener Steuerbetrug, Mülltourismus, dazu der Sicherheitswahn und der Staatsterrorismus von Diktaturen, die aus politischem Opportunismus hofiert werden, alles das ballt sich zusammen zur übermächtigen Idee, dass diese Existenz ohne Sinn, ist, ungerecht und grenzwertig inszeniert. Mag man an der Vorstellung zweifeln, dass es jenes höhere Wesen, das wir verehren, tatsächlich gibt, hier ist wieder die Gewissheit – positiv denken, positiv denken! – dass alles gut ist, von oben kommt und es kein Scheißleben in diesem richtigen geben kann. Überhaupt, für Einsfuffzich in der Stunde arbeiten, in den Slums von Bangladesch wäre man damit der König der Reiskörner, könnte mit seiner Hartzknete locker Benz fahren und wäre nebbich so ein elend undankbares Geschöpf, dem man die Moralkeule durch die Zahnlücken ziehen könnte. Klar lässt sich das schönquatschen, klar kann man jeden, der von Dank durchspült wird, als bereits genug entlohnt abstempeln, denn wer jammert, hat zu viel Zeit, aber wer dankt, der mosert nicht. Wir haben uns in ein bezauberndes Gefängnis aus Emotionsglibber locken lassen, die kalte Schleimigkeit sieht man erst nach dem Betreten, wenn die Tür gerade knarzend sich zu schließen beginnt. Alles atmet Frieden, eine tiefe Selbstgerechtigkeit wabert über den Boden und vernebelt alles, was mit der Nase knapp über Null liegt. Alles ist gut, solange dieser Planet eine Population duldet, die sich mit der Abrissbirne artikuliert. Toll. Aber hier leben? Nein. Danke.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CD): Achtsamkeit

19 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann erwischt es jeden. Fitness, Detox, Wellness, Entschlackung, Karma, Reiki, Smoothies, laktosefreies Klöppeln, den ganzen Schmodder hat die westlich zivilisierte Bumsbirne durch, noch sind keine Trends für geistig herausgeforderte Nappel am Horizont erkennbar, und die Karawane zieht weiter in Richtung geistiger Sonnenuntergang. Noch hält sich hartnäckig das Gerücht, vereinzelt seien Versatzstücke fremder Kulturen, Ideologien oder Sportarten im natürlichen Habitat belassen worden. Doch das ist nur eine Frage der Zeit, bis wir alle, Mann und Maus, ayurvedisch bügeln und Tiefenentspannung durch keltisches Heilsaufen erleben. Irgendwann wird die Birne weich, und bis dahin sind wir alle achtsam.

Das ist ja das Schöne an unserem Zeitalter des sozial und medialen Vollgeballers, dass wir uns vor niederschwelligen Angeboten für die ästhetischen Einfallskanäle nicht mehr retten können. Hier blinkt lustig ein Lämpchen, dort röhrt die Maschine, die ansonsten Bing macht, und hätte man das kleine flackernde Licht als das gesehen, was es eigentlich ist, eine Warnlampe, man hätte sie nicht johlend überfahren. So schnell tut es weh in der Mitte vom Kopf, wenn wir das Bewusstsein, jede geistige Gallerte ohne Stellschrauben, mit allen Mitteln der Ingenieurskunst zurechtsägen, bis fein verschiebbare Quader herauskommen, die sich für eine Runde lückenloses Synapsentetris ineinander und direkt in den Hohlraum schieben lassen, den der Wachzustand noch hinterlässt. Alles voll. Keine Zelle ist unglücklich, solange sie ausgelastet ist.

Was sich der Zerebralschwamm da aus Farbe und Gedöns hinschwiemelt, soll angeblich die höchste Form der Klarheit sein, die ohne übliche Pillen zu erreichen ist. Jede noch so zarte Regung der Nervenknospe, die eine Erschütterung in der Vergegenwärtigungsapparatur hinterlässt, erlaubt es dem Sinnen, alle innere und äußere Erfahrung des Hier und Jetzt zuzulassen. Es ist. Lass es sein. Das heißt letztlich nicht viel mehr, als sich bewusst dem Gejiekel und Gefiepere auszusetzen, und zwar volle Möhre, ungefiltert, schmerzfrei, offen für ganz neue Erfahrungen im neurologischen Sektor.

Der achtsame Mensch ist also eine Koksnase, die im Vollrausch der eigenen Gegenwart durch die wehrlose Welt torkelt, überwach jegliche Details in die Hirnrinde brutzelnd, aus denen sich nicht mehr ergibt als eine redundante Vorratsdatenspeicherung im Schädel, da das Ego-Trip-Paket höchstens einen verschwommenen 8-Bit-Abdruck abliefert, der sich mit Bordmitteln kaum ordentlich verarbeiten lässt. Wer den Spagat hinkriegt, gleichzeitig absichtsvoll und doch ohne Wertung den Moment in seiner ganzen Bandbreite zu erleben, sich also kritikfrei in den Gestank stellt, wird schnell ein allseits beliebtes Rädchen im Getriebe sein, das funktioniert und sich nicht mit inhaltlich gemeintem Quark einmischt in den öffentlichen Diskurs.

Schön, wie der Eskapismus lebt. Die Ichlinge ziehen knallhart ihr Business durch, während die in der Erleuchtung versoffenen Stumpfklumpen lahme Mandalas pinseln, sich gegenseitig mit Ohrkerzen und Klangschalengescherbel zumüllen – was da in den Cortex schwappt, soll auf keinsten Fall einer Verarbeitung zugeführt werden, schon gar nicht einer differenzierten, kein sekundärer Prozess soll Gedanken erzeugen oder in die Identifikation mit dem Erlebten münden. Der komplett willenlose, das Sein wie eine multimediale Drogensuppe langsam, aber stetig löffelnde Dummklumpen feiert seine zielgerichtete Spontanverdeppung als Erweckung zum neuronalen Tiefschlaf, den er mangels Vergleichsmöglichkeiten für Wachheit hält. Da gibt er sich, willenlos oder nicht, doch mal ordentlich die Sporen, ist geduldig mit sich selbst, da er sich im Strom der Gezeiten in den großen Ausguss spülen lässt, gelassen, behäbig, plump und amorph, eine knetbare Masse, die den ganzen Schmalz mit bewusstem Atmen als Höchstleistung der Steuerung wegdrückt. Das war’s. Besser wird es nicht mehr.

Offiziell dient der esoterische Krempel ja dazu, den Stress zu reduzieren, und die Masche wirkt. Ist eine vergangenheitslos unbewusste Arbeitsautomate ohne große Zukunftserwartung doch die perfekte Drohne, die tapfer alles an Realität schluckt, bevor die Erkenntnis einsetzt, dass sie wesenlos in einer fremdbestimmten Welt vor sich hin dümpelt, immer kurz vor dem Verschwinden, einen Burnout entfernt vom schwarzen Loch. Mit neoreligiösem Pauschalgeschwätz aus der großen Tüte wird auch keiner selig, und keiner hat uns bisher beigebracht, wie man beim Schrubben im Rhythmus des Alls schnauft, sich das Chi aus der Chakren wringt oder vor lauter Regenbogenkotze sein Glück findet. Nein, es ist nicht alltagstauglich, kein Hokuslokus wird mit diesem Ausscheidungsprodukt fertig. Wir hauen uns alle mit Lachyoga in die letzte Ecke, und dann lassen wir es los. Und kloppen den ganzen Schrott in die Tonne. Endlich innere Ruhe.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXVII): Wunderernährung

30 06 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da hatte Rrt wieder einen seiner tollen Einfälle: die rotblauen Früchte des Hier-sag-mal-Dings-Baums im reifen Zustand reinpfeifen, um sich gegen Gelenkbeschwerden und degenerative Erscheinungen der Muskulatur zu wappnen. Zwei bis drei Hände voll empfahl er seinen Jägern, denen binnen kurzer Zeit die Augen aus den Höhle treten, die Schleimhäute jodelten dazu und der Kreislauf pegelte sich auf Null ein. Hätte man das Zeug nach dem Kochen gleichmäßig auf den Ellenbogen verteilt, die Wirkung hätte keinen gekümmert, der Zauber wäre von Generation zu Generation weitergereicht und als bald in den Rang einer Weisheit aufgerückt worden. Vielleicht hätte man damit die Homöopathie ein paar Jahrtausende früher entdeckt, ausprobiert und als bekloppt in die Tonne getreten, jedenfalls widmeten sich der Beere ganze Schulen von Naturheilkundlern, ohne Erfolg, aber das ist eine andere Geschichte. Der Brauch der rotblauen Frucht blieb, dass man erst würgte, dann geschah lange nichts, und dann musste man daran glauben. Es gedieh die Ergebenheit der wundersamen Ernährung, der quasireligiöse Wahn, sich glaubensfest zu ernähren.

Letztlich ist das Wunderfutter nichts als eine in die üblichen Marketingschubladen gepresste Idee, dass man auch aus minderwertigem Mist mit der passenden Verpackung Hochfeinkost schwiemeln kann, wo es dem Verbraucher nur an Hirnrinde mangelt. Mit Trallala wird der Kulturheidelbeere, Stammgast im Supermarkt, die Wunderwirkung der Antioxidantien nachgesagt, die Gedächtnisschwund und Krebs bekämpfen, so es ihnen gerade in den Kram passt. Dass die Wirkung unter abgezirkelten Laborbedingungen auftaucht und dann auch nur in einer minder signifikanten Zielgruppe, dass die Substanz auch im gemeinen Teebeutel vorkommt und dort in erhöhter Dosis, das aber lässt die Verkaufsabteilung magischer Produkte krachend unter den Tisch fallen. Die Zuhandenheit des Stoffs an sich ist die Sorge, ob man sich die Sache nun hinters Zäpfchen pfropft oder doch in die Blutbahn drückt, ist für den Dussel an der Ladentheke nicht so das Problem. Wer sich den Schmodder in den Drahtkorb hebeln kann, hat scheint’s eine Runde im Rattenrennen gewonnen.

Lustig, wie sich die Dinkelmuttis im braungrau gekachelten Szenebezirke ihre jutebesetzten Beutel mit dreimal um den Erdball geflogenen Gekrümel aufschaufeln, wo doch zusammengefegter Müll aus der Mühle ihrem Ökowahn die heiligen Scheine auf der Birne festgeschraubt hätten. Wer der ewigen Wahrheit dient, nur die dritte Welt – jene Zonen, denen der Scheißeuropäer im Kolonialwahn die letzten Körner geklaut hat – wäre bevölkert von edlen Wilden, die kapitalismusfrei die Samen der Vergangenheit dem Massa mit weißer Haut zur Verfügung stellen, der hat auch ein ungebrochenes Verhältnis zu Weihnachtsmann und FIFA. Sicher ist nur der Mangel an Sojamilch und toskanischen Nüssen daran schuld, dass in Afrika Infektionen nicht nach fünf Tagen Ayurveda verschwinden, immer vorausgesetzt, man ist nicht geimpft. Die Zurück-zu-den-Wurzel-Rassen, die Namen tanzen, wenn es nicht anders geht, die Abernazis, sie sind halt immer ein bisschen froh über kulturelle Aneignung, dass das Wissen der Neger nicht im Dustern verschwindet, wenn der Busch irgendwann verkokelt ist.

Das Denkmuster vegetiert unweit der magischen Realitätserzeugung, in denen die Eingeweide des Stiers mit Eigenschaften des brüllenden Boviden aufgeladen waren: kau die Samen des Grases, wo der Hirsch seinen Seich lässt, und alsbald wächst dem suggestiv befriedigten Hominiden das Geweih an einer beliebigen Stelle des Körpers, wahlweise durch Übernahme der Funktionen sublimiert oder in Größe übertragen. Ist der Baum hoch, schmeckt der Fruchtstand scheiße, so taugt der Krempel immer noch zum Abbau von Depressionen, Plattfuß und Hautschorf, denn wer würde sich nach einer Episode in der Neuropsychiatrie noch über die mehlige Konsistenz des Stielmatschs beschweren. Wie inverse Nahrungstabus, so lädt der Volksglaube das Ding mit Wunsch und Erfüllung auf, in der postmaterialistischen Gesellschaft wahlweise als naturimmanente Urkraft oder verschüttetes Wissen der guten alten Zeiten überhöht. Schließlich gerinnt der Körnerkonsum zum puren Lifestylegeschäft, was den Preis im Einzelhandel erzeugt, mit dem sich Leinsamen und Roggenschrot vom Abfall zur esoterischen Masse distinguieren. Mit etwas Glück werden wieder Apfel und Ei dank ihrer Gestalt zum liebeserzeugenden Zubehör, was der Landwirtschaft hülfe, sich gegen Chia und andere Exoten zu wappnen. Man kann die Welt ja ruhig bescheißen, sie will’s auch. Nur Mühe muss man sich gegeben, und wer wäre kreativer als die unerschöpfliche Mutter Natur.