Γνῶθι σεαυτόν

7 10 2018

für Erich Kästner

Hartnäckig hält sich das Gerücht,
es gäbe einen Bösen.
Doch sucht man, findet man ihn nicht.
Das lässt sich nicht niemals lösen.

Betrachtet man die Menschen dann,
betrachtet man die Taten,
lässt es sich schon von Anfang an
aus ihrem Tun erraten.

Was manchen in den Ohren klingt,
hier wird es wohl begründet:
der Böse ist nicht unbedingt
der Böse, den man findet.

Man schaltet sein Gewissen aus –
vorausgesetzt, man wäre
noch des Gewissens Herr – und raus
kommt Tat, kommt Schuld und Schwere.

Es ist kein Teufel, den Gebet
und Frömmigkeit besiegen.
Ihr findet ihn. Von früh bis spät
wird es in Euch drin liegen

und nagt das bisschen Mitgefühl,
das Ihr noch habt, vom Knochen.
Dann wird es dunkel, feucht und kühl.
Dann kommt es angekrochen.

Wer jemals das in sich erfand,
erspart sich noch kein Leiden.
Es liegt nur in der eignen Hand,
sich anders zu entscheiden.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.





Kinder an die Macht

1 02 2017

„… gefordert habe, das von der UNO beschlossene Verbot von Kinderarbeit auf nationaler Ebene nicht zu ernsthaft durchzusetzen. Es vertrage sich nicht mit den ethischen…“

„… den Lebensstandard nicht mehr halten könne. Die völkische Reproduktion, so Petry, müsse sofort auf das antideutsche Erbgut beschränkt werden, um geblütmäßig minderwertiges Gezücht von der Infiltration in die Rasse des…“

„… klar gegen jede Form von Kinderarbeit sei, die als spätimperialistische Form der Sklaverei die Menschenrechte verhöhne. Der SPD-Konvent habe eine einstimmige…“

„… zu viel Zeit mit Schulbesuch verplempert würde. Gauland wolle den Nachwuchs zu guten Bürgern erziehen, die nicht dabei gewesen seien und sich trotzdem für die Ehre von Führer, Volk und Vaterland in die…“

„… und Kinderarbeit erst 2025 beendet werden solle. Der DAX sei angesichts dieser Zahl mit einem gewaltigen…“

„… einstimmig gewesen sei, nach Aussage von Nahles aber die Wahlurnen verwechselt habe. Die Sozialdemokraten seien eher für eine Abstimmung, um ihre Haltung zu Parteiprogramm, Verfassung und persönlichen Absprachen nochmals deutlich zu…“

„… müsse jede Parteimitgliedschaft hinfort auf die Rente angerechnet werden, sofern die Partei nicht von Umvolkung, zionistischem Schuldkult oder christlichem Abendland…“

„… filigrane Lötarbeiten von Industrierobotern erst unterhalb eines Lohnes von umgerechnet vier Cent pro Stunde rentabel seien. Bis dahin seien die Hersteller leider gezwungen, Schulkinder zum…“

„… die Höcke-Jugend nicht geeignet sei, als Körperschaft öffentlichen Rechts die…“
„… zwar richtig sei, dass Kinderarbeit ganze Generationen vom Schulbesuch abhalte. Dies sei jedoch auf die unteren drei Viertel der Gesellschaft beschränkt und sei daher als Blaupause für den…“

„… dass auch heute Rechtssicherheit für Kindersklaven herrsche. Nahles habe darauf hingewiesen, dass es ungeachtet einer vom Gesetzgeber beabsichtigten Verschlechterung der Lebensumstände von Kindern klare Grenzen gebe, bis zu denen Minderjährige Löhne von Ferienjobs, Geburtstagsgeschenke oder andere geldwerte Vorteile bei der Berechnung von…“

„… sich westliche Technologiekonzerne in zunehmendem Maße der Verantwortung bewusst würden, die sie für die Entwicklung ostasiatischer Staaten hätten. Es sei für die Unternehmen längst Konsens, die Versorgungslücke zwischen Kinder- und Jugendprostitution sozialverträglich zu…“

„… die Verhinderung des Schulbesuchs nicht nur negativ sehen. Durch eine stark verlängerte Berufstätigkeit könne der durchschnittliche Einwohner eines Entwicklungslandes fast ein Viertel des Äquivalent eines in der EU prekär beschäftigten…“

„… sich die EZB wegen des Asiengeschäfts gezwungen sehe, die Zinsen nochmals auf einen neuen Rekordwert…“

„… der westlichen Industriegesellschaft nicht zuzumuten sei, dass die Preise für Sportschuhe um fast ein Prozent in der Produktion und im Verkauf um mehr als das…“

„… viel mehr internationale Solidarität fordere. Gabriel wolle für die Opfer der Globalisierung in Südostasien und Afrika dieselbe Aufmerksamkeit wie für die unterernährten Kinder von Goslar, auch wenn ihm deren Lebensumstände komplett am…“

„… dass das Verbot legaler Kinderarbeit stets eine Vermehrung illegaler Kinderarbeit nach sich ziehe. Man müsse nach diesem Muster möglichst auch Waffenhandel, Strafrecht und…“

„… letztlich zu einer Verteuerung aller im Westen gebräuchlichen Fabrikate führen könne. Der Mangel an minderjährigen Fachkräften führe so zu einer globalen Katastrophe, die zur Senkung von Hartz IV, einer Anhebung der Kaltmieten und einem…“

„… dass eine postsozialdemokratisch erfahrene Globalisierung auch mit einfachen Mitteln wirken könne. Man verstehe, so Gabriel, die Kinderarmut in der Dritten Welt erst aus der Perspektive der Industriestaaten, wenn die Hartz-Gesetze deutsche Kinder wie den allerletzten…“

„… der durchschnittliche Fußball um mehr als einen ganzen Cent teurer würde, Luxusmodelle sogar um einen halben. Der finanzielle Ruin der Bundesliga sei nur noch eine Frage der…“

„… die tatsächliche Belastung nicht angerechnet werden dürfe. Lindner fordere eine Abschaffung der Steuern bei gleichzeitig dreifacher Rückzahlung der veranlagten…“

„… den Terrorismus aus Europa fernhalte, da die extrem geringe Lebenserwartung der Kinder eine Ausbildung zum Suizidbomber so gut wie…“

„… deutsche Experten dabei helfen könnten, die Ausbreitung von Gewerkschaften und Betriebsräten zu verhindern, um die Volkswirtschaften nicht…“

„… auch den betroffenen Regionen nütze, da Kindersoldaten dank industrieller Verwendung kaum noch eine militärische Rolle…“

„… auch die FIFA betroffen sei. Eine WM mit 96 Mannschaften reiche nicht mehr aus, um die Kosten der Geberstaaten zu verteilen, daher habe man eine Sondersteuer im…“

„… eine Grundversorgung von Kindern, deren Familien bisher nie das geringste Interesse an der Stabilisierung internationaler Bankhäuser gezeigt hätten, auf keinem vernünftigen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXL): Das Böse

12 08 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bis zum dreizehnten Nachkommen war mit Uga alles okay. Er hieb Nashörnern eine rein und den Nachbarn über die Rübe, wenn sie sich an seine Töchter wagten. Sogar Betriebsratsvorsitzender der Beerensammler wurde er, mehrfach einstimmig wiedergewählt. Aber irgendwann, es war ein kalter Winter gewesen mit vielen schauerlichen Märchen, da wollten sie nichts mehr von ihm wissen, nichts mehr von seinem Weib, schließlich auch nichts mehr von seinem gebärfähigen Nachwuchs. Die Alten murmelten es am Feuer, die Jüngeren hinter vorgehaltener Hand: das Böse hatte Besitz von der Sippe ergriffen. Man konnte nicht mehr mit ihnen verkehren, ohne gründlich infiziert zu werden.

Jahre zogen ins Land, der Mensch wurde doch noch klug – Kreuzzüge, Hexenjagd und das Dritte Reich waren ja schließlich irgendwann Geschichte und also nicht mehr relevant – und die Idee eines konkretisierten Verderbens wurde nun endlich vom Geist durchdrungen, den er übriggelassen hatte. Das Böse: wer durch Jahrhunderte abendländischen Klamauks durchschwiemelt an Pflanzenfresser mit Schwefelatem gewöhnt war – der panische Typ mit Hörnern und Hufen ist nach gängiger Physiologie nun mal Veganer, Darwin kann auch nichts dafür – sucht sich schnell eine Karnevalsfigur, um seine unheilvollen Seiten zu fassen zu kriegen. Denn darum geht es doch.

Mord, Neid und Gier, sie sind zunächst nur eine Fehlleistung der Impulskontrolle, wenn sie der dünne Glanzlack der Zivilisation nicht hat im Zaum halten können. Kaum bricht es aus dem Bekloppten heraus, wenn er im Finanzamt Dummklumpen mit der Motorsäge zu Blutsuppe verkärchert, attestiert die Psychoanalyse ihm schon Schuldunfähigkeit, da das Schlimmerhaftige Besitz ergriffen hat von ihm. Ist es denn die Norm, dem Formularhengst nicht das Nasenbein in den Schädel zu integrieren, sieht die anthropologische Konstante des Urmenschen es nicht viel eher als natürliche Reaktion auf blödes Gefasel mit vielfarbigen Faltblättern vor, die Art vor Schaden zu bewahren, indem sie derart Gewölle zu Feinstaub reibt? Wohnt also das Böse dem Ich inne, unveräußerlich als Es, das sich treiben lässt und sich erst einfangen lässt, wenn es fast schon zu spät ist?

Die Wahl, das Böse als solches zu deklarieren, fiel noch immer auf religiöse Kontrollsysteme, die in ihrem Absolutheitsanspruch auf Deutungshoheit noch nie versagt haben, wenngleich ihre Motive selten wahrhaftig waren. Sie selbst konnten schon mal nicht von der dunklen Seite der Macht sein, wie bekanntlich auch alle normal sind, die es für sich in Anspruch nehmen. Die Lösung liegt auf der Hand und wird mit Vorliebe als Abkehr vom Schlechten praktiziert, das ja böse sein muss, da es schlecht ist. Spaltet man es nun noch ab, presst es ins Korsett billiger Personifizierung, so hat man schnell die Unschuld zur Hand, vielseitig einsetzbar wie der Finger, mit dem man auf die anderen zeigt.

Schnell und chirurgisch präzise lassen sich auf einmal die Auswüchse der Neigung darstellen, das Sittengesetz zu brechen. Nur sind Killerspiele, Sex und Askese – alles ist hier richtig, vor allem aber auch das Gegenteil – hier nicht mehr Ausdruck der Bosheit, sondern zu ihrem Auslöser geworden. Das Böse banalisiert längst nicht mehr nur sich selbst, es hat die Beweislast umgekehrt. So ist aus der Möglichkeit der Schuld eine Waffe, aus dem Sittengesetz eine Anleitung zum Abschaffen des Menschen zu machen.

Und der Kampfbegriff wirkt. Längst hängt eine aus praktischer Vernunft gerottete Masse der Idee an, auch soziale, politische oder wirtschaftliche Normen zur Kontrolle der ständigen Reflexion zu gebrauchen. Die Etikettierung der anderen zum Bösen ist bewährt, enthebt endgültig der eigenen Rechtfertigung, die ja die Geschichte übernehmen wird, und spornt zum radikal Guten an. Nicht einmal mehr das populäre Konzept, sich für eine Seite entscheiden zu können, wie es die Religionen als letzten liberalen Hauch anbieten, ließe sich zur Norm umbiegen. Sobald sich eine einigermaßen verständliche Haltung durchgesetzt hat, das Böse zu erkennen und es als Feind des Guten durch die Notwendigkeit des Unmoralischen zu beseitigen, haben die Direktiven der säkularen Welt die Religion ersetzt, und das ganz ohne den liberalen Deckmantel.

Das Böse also zerstört die Welt, indem es die Norm nicht anerkennt, die es kategorisiert. Es wohnt dem Denken inne, bricht sich da Bahn, wo es nicht aufgehalten wird, und schürt die irrationale Vorstellung, man könne es verhindern, vermeiden, vertilgen. Genau hier beginnt eins der schauerlichen Märchen, mit denen man Kinder jeden Alters in Unsicherheit wiegt, nur um sie zur Verzweiflung zu treiben mit der schlechtesten aller Nachrichten: alles wird gut. Nur wann und wie, das kann ihnen keiner verraten. Wozu auch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCC): Geiz

21 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die halbe Welt jammert über den materiellen Notstand, jeweils ein Teil aus wirklicher Armut, ein Teil aus reiner Gewohnheit und weil man vor allem dann viel über Geld und Gut spricht, wenn man nicht wirklich davon besitzt. Wer davon jedoch schweigt, nachgerade die Zähne wütend zusammen und in den eigenen Hintern beißt, ist nicht der Reiche, dessen Vermögen warm und trocken lagert, nur hin und wieder an der Dividende abgeschabt wird und dann zur Befriedigung diverser, auch grenzwertiger Gelüste die Wirtschaft ankurbelt. Er besitzt zwar auch, jongliert mit der Kohle, verfeuert sie bisweilen und freut sich am Anwachsen des Mammons, doch nicht er ist es, dessen Eigensucht ihn an der Last des Besitzes fixiert. Er hat Eigentum und hat es doch nicht, und es ist noch die Frage, wer da wen besitzt und wer besessen ist. Der Geiz ist, was den wohl Habenden verarmt.

Die charakterliche Disposition des gemeinen Kümmelspalters mag aus der gründlich aus dem Ruder gelaufenen analen Phase kommen; in aller Regel wird eine Verhaltung so oder so dafür sorgen, dass die braune Masse irgendwo hinaus will, und sei es, dass der Kopf gerade im Weg war. Der Geizige behält, was er nicht brauchen kann, und gibt nicht her, was ihm zu behalten nichts nützt. Er ist letztlich nichts als ein Messie, der sich den Ballast vor die Füße stapelt und dann darüber verwundert ist, wenn es stinkt.

Gerne entschuldigt der gemeine Entenklemmer seine materielle Fixierung mit einer Tugend, der Sparsamkeit, doch das ist sie nicht. Sein Gewinsel ist nicht weniger als Gier, die nicht zusammenhält, um klüger zu Wohlstand zu kommen, sondern rafft, um zu haben. Jener seltsame Appetit, der zwanghaft zum Verhungern führt, ist paradoxe Nebenwirkung einer ansonsten offenkundigen Lebensfeindlichkeit, die sich des eigenen Versagens freut, emotionale Anorexie, die den Mangel zum höchsten Gut und die schwäbische Hausfrau zur Säulenheiligen erklärt, die die Exzesse einer versaubeutelten Austerität zur Kunstform erhebt, weil sie die wechselseitigen Zusammenhänge von Besitz, Konsum und Leben nicht kapiert.

Der selten vernunftmäßig eingesehene Grund des Seins, Tod und Erneuerung in der nächsten Generation, stellt bei seinem jähen Auftauchen einen gewaltigen Tritt ins Hirn dar für den in seine Habsucht geflohenen. Jede Sucht will ewig sein, nur was erwartet der auf zeitliche Segnungen Vertrauende von einem Geschäftsmodell, das so sinnvoll ist wie ein Brennholz-Verleih, wenn mit der finalen Kompostierung alles futsch ist, in fremde Hände rieselt oder versickert. Habsucht ist negativer Zins, kassiert zu Lebzeit, denn keiner weiß, was mit dem Besitz geschehen wird, wo er bereits zuvor keine Frucht getragen hatte. Der Geizkragen ist doppelt gestraft, getrieben von der Leidenschaft, sich jede andere zu versagen, und in steter Gewissheit, dass das, was er da so tapfer ignoriert, die eigene Wirklichkeit ist.

Darum macht Geiz einsam, auch und erst recht da, wo er wie Mehltau auf sozialen Beziehungen liegt. Durchaus lädt sich das Schimmelhirn Gäste in die karg möblierte Bude, bietet im Vollbesitz seiner Verantwortung trockenes Toastbrot und Wasser frisch aus der Leitung an, den preiswerten Schnittsalat vom Vortag inklusive Strunk und Hülle, dazu etwas Essig und kein Salz, und ist verwundert, wie seine Kostgänger sich abwenden von einem, der es doch nur gut mit ihnen gemeint hatte. Den Gedanken der Freigiebigkeit begriffe er erst, wenn er je zuerst gegeben hätte, um irgendwann später mit Zins zu empfangen. Jede Wohltätigkeit aber sieht der Beknackte als reine Verschwendung an, Prasserei aus mangelndem Charakter oder Anstand, den er selbst sich zubilligt, nicht aber anderen. Wer an diesem Tisch gesessen hat, wird es nicht mehr freiwillig tun, denn meist ist nicht einmal die Aussicht auf ein reiches Erbe Grund genug, sich die verschwiemelte Kasperade eines Weltflüchtlings zu geben.

Es mag trösten, dass der Knauser im Wahn, alle anderen zu bestrafen, nur sich selbst züchtigt. Die anderen werden das völlig verseifte Egomanentum des Knickers bestenfalls ignorieren, sein Ableben in Luftnot und Vereinsamung gleichmütig zur Kenntnis nehmen und im Falle einer größeren Hinterlassenschaft das Geld zwar möglicherweise versaufen, aber nicht zu seinem Andenken. Vielleicht war der Raubbau dann doch noch zu etwas gut. Im dialektischen Sinne.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCIII): Werte

3 07 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede feucht-völkische Deppenansammlung kennt sie, jede religiös sich bepredigende Schar, und nicht nur die konservative Fraktion führ sie im Schild, mit dem sie verteidigt, was scheinbar ansonsten nicht laufen kann. Was jede Ideologie jeder Ideologie vorwirft, meist in Verkennung, selbst Ideologie zu sein, hier wird’s Ereignis, und sei das Eis auch noch so dünn: Werte zählen. Welche, das bestimmt oft nicht viel mehr als der Wetterbericht.

Jeder reklamiert die universalen Ansprüche, die die eigene Gesellschaft, die eigene Nation, den eigenen Schützenverein zu dem gemacht haben, die sie heute sind, für sich und nur für sich. Jeder Heckenpenner auf Sozialentzug hofft, es fiele außerhalb des Wahlkampfes nicht auf, dass ein komatöser Mob sich für die eigenen ethischen Fundamente interessiert wie für das Innere von Pickeln, und die Hoffnung fällt auf fruchtbaren Boden. Gilt es gegen andere, die uns die eigene Wurst streitig machen könnten, echt oder eingebildet oder von den Bannerträgern der eigenen Ordnung herbeifantasiert, dann plärrt der Führer von Werten, und das verseifte Gros stapelt sich hinter ihm.

Da man den größten subjektiven Wert Dingen zumisst, die relativ knapp sind, stehen die Werte in der soi-disant zivilisierten Welt eben ganz oben. Fast alles lässt sich mit dieser Seifenblase an den Haaren in die Mitte der Manege zerren, Wirtschaft und Sozialabbau, manchmal beides, und wenn es um die Verteidigungsbereitschaft geht gegen Hier-ein-Volk-nach-Wahl-einfügen-das-eigentlich-von-der-Herrenrasse-ausradiert-gehört, wer würde nicht Werte exportieren wollen? Natürlich exportiert die Seite des gerechten Krieges dann noch Werte, und wir nutzen dazu meist Flugkörper, die genug Minderjährige und Senioren unter den Zivilisten mit plattmachen, so dass sich die Demonstration westlicher Moral auch noch jahrlang lohnt.

Keiner spricht über den Wertewandel, es sei denn, man will als Regierungsdarmleuchter mal eben ein bisschen Remmidemmi mit religiotischer Schwungmasse veranstalten, wenn eine dieser degenerierten Versagerinnen der Öffentlichkeit ankündigt, bald nach der Gleichstellung werde sicher ein deutscher Volksgenosse seinen Staubsauger ehelichen wollen. Wertewandel, den man unbedingt negativ verstehen will, ist auch die Abgötterei mit dem Kapitalismus und Abkehr vom Ahlener Programm, das den ganzen Berufskatholen ja viel zu viel Jesuskacke enthielt. Im positiven Sinne wäre es überhaupt die konsequente Umsetzung der Zivilisation, der Abschied vom Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn-Prinzip. Aber was kümmert eine Gesellschaft die Versuchung, die eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen – die Gartenzwerge beharren auf der Größe ihrer Schatten bei untergehender Sonne und lassen sich ihre Auffassung nicht zerreden.

Denn meist ist es nicht Glaube oder säkulares Sendungsbewusstsein, nicht einmal Leberwerte als Ausdruck der daseinserfüllten Weltsicht spielen eine Rolle, sondern schlicht die schwarze Zahl. Wer Wert preist, hat nur die Materie zum ideellen Prinzip erhoben, was mehr über den Grad seiner Zivilisiertheit aussagt, als es die Zivilisation je könnte.

Die neoliberale Gesellschaft ist geboren aus Schutt und Asche einer totalitären Welt pervertierter Ideologien, die subjektiv für die eigene Größe, im historischen Rückblick für die Zerstörung der Zivilisation selbst standen. Der heutige Realitätsallergiker will die alte Größe, weiß jedoch, dass er sie mit schwerem Mangel erkaufen würde, und entscheidet sich instinktiv gegen die Unsicherheit der Verhältnisse. Dass er damit zugleich die postdemokratische Gesellschaft herbeireden will, ist sein Kreuz. Wie praktisch, dass man bei einer primitiven Masse auch mit Friedensgeschrei einen Krieg argumentativ durchdrücken kann.

Das Vordringen postmaterieller Bedürfnisse ist immer ein Einbruch durch das dünne Eis der gesellschaftlichen Verfasstheit, der Konservative hasst sich selbst dafür, dass er Stück für Stück die Individuen in seiner Population als Menschen wahrnehmen muss und ihre Werte ebenso als die seinen. Kurzfristig verteidigt der Berufskathole den Feminismus gegen die bösen Flüchtlinge, die aus einer patriarchalen Parallelwelt stammen, um ihn hernach im kruden Cocktail krustiger Vorurteile wieder fortzuspülen, als sei er eine in der Studentenrevolte aufgekommene Schnapsidee. Wert ist, was in Fettschrift auf ein Plakat passt, als rituelle Abwehrhandlung gegen das Andere. Solange es Dumme gibt, wird es diese Abziehbilder einer postulierbaren Ethik geben. Solange es diese Abziehbilder gibt, werden Menschen geboren und zu Dummen erzogen. Man wird ihnen sagen, ihr Verhalten sei irgendwie nachhaltig, und sie werden es als Wert verkaufen. Immerhin.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXV): Die politische Lüge

1 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ganz früher war es noch keine Frage des Charakters. Wer zu oft von den falschen Pilzen naschte, mit dem Nasenbein an die Keule geriet oder bei der Weitergabe seiner DNS eine schlechte Performance zeigte, setzte sich nicht durch. So geriet ein Teil der Gesellschaft auf die schiefe Bahn: sie krümmten den Raum, um die ihnen gefällige Wirklichkeit an die ellipsoide Form des Möglichen zu gewöhnen. Wer auch zu oft an den falschen Pilzen geknabbert hatte, schien nicht uninteressiert – die liberale Bewegung war geboren – und wer sich trotz eklatanter Blessuren im Hirnschädelbereich, wie sie Konservative bis heute auszeichnen, für verhandlungsfähig hielt, schraubte die Krümmung im Sinne einer konsensfähigen Gesprächsgrundlage fest. Die Idee des doppelten Bodens war nicht neu, die Idee einer doppelten, da angepassten Wahrheit noch viel weniger, wobei doppelt bedeutet: eine der Wahrheiten ist gar keine. Sie wird nur als solche gehandhabt. So entstand die politische Lüge.

Natürlich weiß der gemeine Epistemologe zu unterscheiden zwischen den Anwendungsbereichen der Unwahrheit, die ihre spezifische Form der Heuchelei hervorbringen. Der einfachste Fall ist die im zivilen Leben gebräuchliche Notlüge. Man weiß doch, dass der politische Entscheidungsträger nur durch multiples Versagen in der Entscheidungskette je über den Äquator gesellschaftlicher Wahrnehmung steigt; aus der Not, dieses Personal überhaupt beschäftigen zu müssen, erwächst die Peinlichkeit, einen Deppen in die vordersten Reihen zu schieben, der aus reiner Dämlichkeit sein Hirnschadenkaraoke coram populo nachlallt. Das Übergangsfeld zur sozialen Lüge mag fließend sein – größtenteils beschwindelt der politische Mensch sich ja selbst, und sei es, indem er seinen Genossen weismacht, er verstünde etwas von dem, was er sagte.

Den größten Teil nimmt die Zwecklüge ein, indes sie plausibel genug erscheint: wer betrügt, fliegt kostenfrei, weiter und oft zum Erfolg. Nichts ist ohne Grund, so auch die motivierte Lüge. Sie entspringt nicht selten derselben geistig-moralischen Überforderung, die der Rest der gestaltenden Tätigkeit mit sich bringt. Im Gegensatz zum frommen Schwindel, der die Funktionsfähigkeit sichert – Banken bauen ihr Geschäftsmodell darauf auf, Politiker ihre öffentliche Einschätzung von Wirtschafts- und Währungskrisen, die Grenzen zum puren Aberglauben sind erstaunlich fließend – verfolgt die funktionale Lüge einen Selbstzweck, der weniger das System erhält als den Lügner. Selber lügen macht fett.

Daher ist die vorsätzliche Lüge der Regelfall. Sie instrumentalisiert das Konzept Gegenwahrheit, die Untertunnelung des eigenen moralischen Anspruchs, der sich oft genug auf religiös bis wahnhaft konstruierte Synapsenprogramme bezieht, wird zur methodisch ausgebauten Ersatzrealität, in der die Ausländer einwandern, um uns die Jobs wegzunehmen und gleichzeitig in der sozialen Hängematte zu liegen, während trotzdem unsere Renten sicher sind. Womit der Zielpunkt der pathologisch-zwanghaften Lüge erreicht wäre, die selten ohne eine innere Systematik auskommt und üblicherweise direkt in die Ideologie führt. Sie braucht den Betrüger wie den Betrogenen, der als stiller Teilhaber am Betrugsgeschehen den Dingen aktiv ihren Lauf lässt. Wahr ist, was die Bekloppten für wahr halten, im Grenzfall unmöglich für falsch, wenigstens für denkbar, falls das Denken des Gegenteils schwierig wird. Auf dieser Suppe kommen Diktaturen geschwommen, und manche fangen klein als marktkonforme Demokratie.

Nachdem niemand die Absicht hatte, jemandem ein Ehrenwort zu geben, ist der Gedanke grotesk, der Belogene selbst würde sich früher oder später beschmutzt von seinem Lügenlieferanten abwenden oder sich wenigstens die elefantöse Plumpheit verbitten, mit dem das politische Personal ihm auf die Plomben geht. Noch selten hat sich die intellektuelle, juristisch und soziologisch hinreichend vorgebildete Schicht der Parteigänger von peinlichem Populismus angewidert abgewandt und wenigstens ein bisschen mehr Mühe beim Bescheißen eingeklagt. So ist die Lüge, mit der man Kriege vom Zaun bricht, am Kochen hält und als Mittel des Machterhalts zum Regierungsprogramm macht, gleichgültig, ob gegen Vietnam oder gegen die eigenen Erwerbslosen, so ist diese Lüge ein im gegenseitigen Einverständnis in kollektive Hirn geschwiemelter Selbstbetrug, an dem man dankbar teilnimmt, weil es das lästige Denken ersetzt. Die politische Lüge vereinfacht das Leben, zwar allen Beteiligten, doch nicht immer so wie beabsichtigt. Wenngleich die Politik dies ihren Subjekten immer wieder zu vermitteln versucht. Es muss sich um die Wahrheit handeln – um eine gut gelogene.