Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVIII): Anstand

24 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sehen wir der Sache ins Auge: der Hominide ist offensichtlich derart defizitär ausgestattet, dass er als einzige Spezies Regeln definieren muss, um sich nicht selbst auszulöschen. Paradoxerweise führt die Einrichtung der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen nicht selten dazu, dass genau diese Regeln außer Kraft gesetzt, wenigstens aber gezielt verletzt werden. Es scheint, als habe dieser lächerlicherweise aufrecht durch die fade Existenz stolpernde Depp einen sorgfältig ausgeklügelten Selbstzerstörungsmechanismus in seiner DNA, um die Ergebnisse der Evolution auf dieser mit flüssigem Wasser und Schokolade gesegneten, leicht eiernden Kugel auf ihrem Weg zu einem kochenden Brei in der Sonnenumlaufbahn nicht länger als notwendig zu stören – diese Affenart wird früher oder später von alleine über die Wupper wippen, es ist halt ihre Bestimmung. Doch wozu dann die Erfindung des Anstands?

Zunächst gehen Anstand und Gesellschaft Hand in Hand, und verschaffte einem Teilnehmer einen Vorteil an Distinktionsgewinn. Wer nicht mehr in der eigenen Höhle seine Verdauungsendprodukte unter sich ließ, gehörte bald zu den besseren Kreisen, es stank weniger beim Nachmittagstee und die Fliegen blieben dauerhaft draußen. Der Aufstieg, jene fixe Idee der Urgesellschaft, gelang mit allerlei anständigem Verhalten. Was als gesittet galt, entschieden Sitten, zeit- und ortsneutral nicht zu haben, aber in der Regel stark kodifiziert und so streng beobachtet, dass jeder Fehltritt sanktioniert wurde, mehr oder weniger unangenehm in der Folge bis zum Ausschluss aus ebendieser Gruppe, Schicht, Gesellschaft. Zwar lassen sich mit Hilfe des kategorischen Imperativs einige Universalien herausfiltern – Tötungsdelikte nur im begründeten Einzelfall, Hände weg von der Tochter des Chefs – doch deren Anwendungsintensität galt individuell recht unterschiedlich. Wichtig bleibt, dass die reine Anwendbarkeit der Sanktion bei gleichzeitig sehr deutlichem Vorhandensein der Regel als Instrument sozialer Konstruktion Macht aufbaut und absichert. Dies fängt mit der Benutzung des Messer an, bei Tisch oder gegen genetische Konkurrenten.

Die dysfunktionale Gesellschaft entwickelte sich Hand in Hand mit der Idee der Sitte, nur eben in paralleler Richtung. Was heute als dominanter Typ des Gesellschaftsaufbaus eben jene Idee eines menschlichen Miteinanders nur noch windschief abbildet, ist dem Gegenteil geschuldet; nicht der Anständige, der Unanständige gelangt zu Macht, Einfluss und in die Schichten, in denen sich der Distinktionsgewinn lohnt, allerdings inzwischen auf eine symbolische Weise. Für die Tochter des Chefs darf man sich interessieren, Tötungsdelikte sind nicht mehr tabu, solange sich ein politischer Grund dafür zusammenschwiemeln lässt. Was als moralische Einrichtung galt, wird nun endgültig ad absurdum geführt, wenngleich nicht so perfekt und gleichzeitig beschissen, wie es Menschen in ihren jeweiligen Zwangsgruppen erledigen können, je nach Herkunft, Geschlecht, religiöser Vorstellung oder zufälligem Geburtsort sortiert.

Der erfolgreichste Weg, jede Moral dauerhaft in Vergessenheit geraten zu lassen, ist national, ethnisch oder sonst wie sich identitär gebärdender Haufenzwang, in dem die Teilnehmer blökend einem wirr zusammengehauenen Ideal folgen, um sich gegen die Anfeindungen der Anständigen zur Wehr zu setzen. Offensichtlich haben sie das Prinzip verstanden, jenes Regelwerk sorgt im Kern dafür, dass die Arschkrampen, die man in jeder normalen Gesellschaft ausmerzte, nicht an die Spitze der Pyramide gelangen, und nur darum geht es ihnen: Macht, Einfluss, materielle Versorgung. Der evolutionäre Kampf wird mit grundlegendem Fehlverständnis geführt, dass nicht Kooperation und Ausgleich, sondern blinde Gewalt aus dem limbischen System unter ständiger Ausschaltung der Impulskontrollsteuerung die Sippe irgendwie zusammenhält. Dass diese Kollateralbevölkerung allen anderen auch noch mangelnden Anstand vorwirft, als sei Ethik Knetmasse wie jede Moral auch, ist nicht belustigend, es sei denn aus dem historischen Abstand der Nachgeborenen. Was als untadeliges Verhalten allenfalls in einer Art von Verbrecherehre gelten könnte, hier wird’s jedenfalls auch nicht Ereignis. Begegnen wir ihnen nicht mit Freundlichkeit, nicht mit Verständnis, duseln wir nicht Humanität, seien wir anständig. Denn dieser Kodex erlaubte es vor allem in gesellschaftlich komplexen Situationen mit einfachen und schnell zu realisierenden Methoden die Störenfriede aus der Gesellschaft zu entfernen. Warten wir nicht ab, bis man politische Korrektheit, jenes Schimpfwort für den kränkenden Anstand, als Straftatbestand in den Diskurs einführt, und schauen wir nicht tatenlos zu, bis diese unsere Spezies sich erledigt hat. Helfen wir anlassbezogen und fallweise nach. Und zwar anständig.





Kinder an die Macht

1 02 2017

„… gefordert habe, das von der UNO beschlossene Verbot von Kinderarbeit auf nationaler Ebene nicht zu ernsthaft durchzusetzen. Es vertrage sich nicht mit den ethischen…“

„… den Lebensstandard nicht mehr halten könne. Die völkische Reproduktion, so Petry, müsse sofort auf das antideutsche Erbgut beschränkt werden, um geblütmäßig minderwertiges Gezücht von der Infiltration in die Rasse des…“

„… klar gegen jede Form von Kinderarbeit sei, die als spätimperialistische Form der Sklaverei die Menschenrechte verhöhne. Der SPD-Konvent habe eine einstimmige…“

„… zu viel Zeit mit Schulbesuch verplempert würde. Gauland wolle den Nachwuchs zu guten Bürgern erziehen, die nicht dabei gewesen seien und sich trotzdem für die Ehre von Führer, Volk und Vaterland in die…“

„… und Kinderarbeit erst 2025 beendet werden solle. Der DAX sei angesichts dieser Zahl mit einem gewaltigen…“

„… einstimmig gewesen sei, nach Aussage von Nahles aber die Wahlurnen verwechselt habe. Die Sozialdemokraten seien eher für eine Abstimmung, um ihre Haltung zu Parteiprogramm, Verfassung und persönlichen Absprachen nochmals deutlich zu…“

„… müsse jede Parteimitgliedschaft hinfort auf die Rente angerechnet werden, sofern die Partei nicht von Umvolkung, zionistischem Schuldkult oder christlichem Abendland…“

„… filigrane Lötarbeiten von Industrierobotern erst unterhalb eines Lohnes von umgerechnet vier Cent pro Stunde rentabel seien. Bis dahin seien die Hersteller leider gezwungen, Schulkinder zum…“

„… die Höcke-Jugend nicht geeignet sei, als Körperschaft öffentlichen Rechts die…“
„… zwar richtig sei, dass Kinderarbeit ganze Generationen vom Schulbesuch abhalte. Dies sei jedoch auf die unteren drei Viertel der Gesellschaft beschränkt und sei daher als Blaupause für den…“

„… dass auch heute Rechtssicherheit für Kindersklaven herrsche. Nahles habe darauf hingewiesen, dass es ungeachtet einer vom Gesetzgeber beabsichtigten Verschlechterung der Lebensumstände von Kindern klare Grenzen gebe, bis zu denen Minderjährige Löhne von Ferienjobs, Geburtstagsgeschenke oder andere geldwerte Vorteile bei der Berechnung von…“

„… sich westliche Technologiekonzerne in zunehmendem Maße der Verantwortung bewusst würden, die sie für die Entwicklung ostasiatischer Staaten hätten. Es sei für die Unternehmen längst Konsens, die Versorgungslücke zwischen Kinder- und Jugendprostitution sozialverträglich zu…“

„… die Verhinderung des Schulbesuchs nicht nur negativ sehen. Durch eine stark verlängerte Berufstätigkeit könne der durchschnittliche Einwohner eines Entwicklungslandes fast ein Viertel des Äquivalent eines in der EU prekär beschäftigten…“

„… sich die EZB wegen des Asiengeschäfts gezwungen sehe, die Zinsen nochmals auf einen neuen Rekordwert…“

„… der westlichen Industriegesellschaft nicht zuzumuten sei, dass die Preise für Sportschuhe um fast ein Prozent in der Produktion und im Verkauf um mehr als das…“

„… viel mehr internationale Solidarität fordere. Gabriel wolle für die Opfer der Globalisierung in Südostasien und Afrika dieselbe Aufmerksamkeit wie für die unterernährten Kinder von Goslar, auch wenn ihm deren Lebensumstände komplett am…“

„… dass das Verbot legaler Kinderarbeit stets eine Vermehrung illegaler Kinderarbeit nach sich ziehe. Man müsse nach diesem Muster möglichst auch Waffenhandel, Strafrecht und…“

„… letztlich zu einer Verteuerung aller im Westen gebräuchlichen Fabrikate führen könne. Der Mangel an minderjährigen Fachkräften führe so zu einer globalen Katastrophe, die zur Senkung von Hartz IV, einer Anhebung der Kaltmieten und einem…“

„… dass eine postsozialdemokratisch erfahrene Globalisierung auch mit einfachen Mitteln wirken könne. Man verstehe, so Gabriel, die Kinderarmut in der Dritten Welt erst aus der Perspektive der Industriestaaten, wenn die Hartz-Gesetze deutsche Kinder wie den allerletzten…“

„… der durchschnittliche Fußball um mehr als einen ganzen Cent teurer würde, Luxusmodelle sogar um einen halben. Der finanzielle Ruin der Bundesliga sei nur noch eine Frage der…“

„… die tatsächliche Belastung nicht angerechnet werden dürfe. Lindner fordere eine Abschaffung der Steuern bei gleichzeitig dreifacher Rückzahlung der veranlagten…“

„… den Terrorismus aus Europa fernhalte, da die extrem geringe Lebenserwartung der Kinder eine Ausbildung zum Suizidbomber so gut wie…“

„… deutsche Experten dabei helfen könnten, die Ausbreitung von Gewerkschaften und Betriebsräten zu verhindern, um die Volkswirtschaften nicht…“

„… auch den betroffenen Regionen nütze, da Kindersoldaten dank industrieller Verwendung kaum noch eine militärische Rolle…“

„… auch die FIFA betroffen sei. Eine WM mit 96 Mannschaften reiche nicht mehr aus, um die Kosten der Geberstaaten zu verteilen, daher habe man eine Sondersteuer im…“

„… eine Grundversorgung von Kindern, deren Familien bisher nie das geringste Interesse an der Stabilisierung internationaler Bankhäuser gezeigt hätten, auf keinem vernünftigen…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXL): Das Böse

12 08 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bis zum dreizehnten Nachkommen war mit Uga alles okay. Er hieb Nashörnern eine rein und den Nachbarn über die Rübe, wenn sie sich an seine Töchter wagten. Sogar Betriebsratsvorsitzender der Beerensammler wurde er, mehrfach einstimmig wiedergewählt. Aber irgendwann, es war ein kalter Winter gewesen mit vielen schauerlichen Märchen, da wollten sie nichts mehr von ihm wissen, nichts mehr von seinem Weib, schließlich auch nichts mehr von seinem gebärfähigen Nachwuchs. Die Alten murmelten es am Feuer, die Jüngeren hinter vorgehaltener Hand: das Böse hatte Besitz von der Sippe ergriffen. Man konnte nicht mehr mit ihnen verkehren, ohne gründlich infiziert zu werden.

Jahre zogen ins Land, der Mensch wurde doch noch klug – Kreuzzüge, Hexenjagd und das Dritte Reich waren ja schließlich irgendwann Geschichte und also nicht mehr relevant – und die Idee eines konkretisierten Verderbens wurde nun endlich vom Geist durchdrungen, den er übriggelassen hatte. Das Böse: wer durch Jahrhunderte abendländischen Klamauks durchschwiemelt an Pflanzenfresser mit Schwefelatem gewöhnt war – der panische Typ mit Hörnern und Hufen ist nach gängiger Physiologie nun mal Veganer, Darwin kann auch nichts dafür – sucht sich schnell eine Karnevalsfigur, um seine unheilvollen Seiten zu fassen zu kriegen. Denn darum geht es doch.

Mord, Neid und Gier, sie sind zunächst nur eine Fehlleistung der Impulskontrolle, wenn sie der dünne Glanzlack der Zivilisation nicht hat im Zaum halten können. Kaum bricht es aus dem Bekloppten heraus, wenn er im Finanzamt Dummklumpen mit der Motorsäge zu Blutsuppe verkärchert, attestiert die Psychoanalyse ihm schon Schuldunfähigkeit, da das Schlimmerhaftige Besitz ergriffen hat von ihm. Ist es denn die Norm, dem Formularhengst nicht das Nasenbein in den Schädel zu integrieren, sieht die anthropologische Konstante des Urmenschen es nicht viel eher als natürliche Reaktion auf blödes Gefasel mit vielfarbigen Faltblättern vor, die Art vor Schaden zu bewahren, indem sie derart Gewölle zu Feinstaub reibt? Wohnt also das Böse dem Ich inne, unveräußerlich als Es, das sich treiben lässt und sich erst einfangen lässt, wenn es fast schon zu spät ist?

Die Wahl, das Böse als solches zu deklarieren, fiel noch immer auf religiöse Kontrollsysteme, die in ihrem Absolutheitsanspruch auf Deutungshoheit noch nie versagt haben, wenngleich ihre Motive selten wahrhaftig waren. Sie selbst konnten schon mal nicht von der dunklen Seite der Macht sein, wie bekanntlich auch alle normal sind, die es für sich in Anspruch nehmen. Die Lösung liegt auf der Hand und wird mit Vorliebe als Abkehr vom Schlechten praktiziert, das ja böse sein muss, da es schlecht ist. Spaltet man es nun noch ab, presst es ins Korsett billiger Personifizierung, so hat man schnell die Unschuld zur Hand, vielseitig einsetzbar wie der Finger, mit dem man auf die anderen zeigt.

Schnell und chirurgisch präzise lassen sich auf einmal die Auswüchse der Neigung darstellen, das Sittengesetz zu brechen. Nur sind Killerspiele, Sex und Askese – alles ist hier richtig, vor allem aber auch das Gegenteil – hier nicht mehr Ausdruck der Bosheit, sondern zu ihrem Auslöser geworden. Das Böse banalisiert längst nicht mehr nur sich selbst, es hat die Beweislast umgekehrt. So ist aus der Möglichkeit der Schuld eine Waffe, aus dem Sittengesetz eine Anleitung zum Abschaffen des Menschen zu machen.

Und der Kampfbegriff wirkt. Längst hängt eine aus praktischer Vernunft gerottete Masse der Idee an, auch soziale, politische oder wirtschaftliche Normen zur Kontrolle der ständigen Reflexion zu gebrauchen. Die Etikettierung der anderen zum Bösen ist bewährt, enthebt endgültig der eigenen Rechtfertigung, die ja die Geschichte übernehmen wird, und spornt zum radikal Guten an. Nicht einmal mehr das populäre Konzept, sich für eine Seite entscheiden zu können, wie es die Religionen als letzten liberalen Hauch anbieten, ließe sich zur Norm umbiegen. Sobald sich eine einigermaßen verständliche Haltung durchgesetzt hat, das Böse zu erkennen und es als Feind des Guten durch die Notwendigkeit des Unmoralischen zu beseitigen, haben die Direktiven der säkularen Welt die Religion ersetzt, und das ganz ohne den liberalen Deckmantel.

Das Böse also zerstört die Welt, indem es die Norm nicht anerkennt, die es kategorisiert. Es wohnt dem Denken inne, bricht sich da Bahn, wo es nicht aufgehalten wird, und schürt die irrationale Vorstellung, man könne es verhindern, vermeiden, vertilgen. Genau hier beginnt eins der schauerlichen Märchen, mit denen man Kinder jeden Alters in Unsicherheit wiegt, nur um sie zur Verzweiflung zu treiben mit der schlechtesten aller Nachrichten: alles wird gut. Nur wann und wie, das kann ihnen keiner verraten. Wozu auch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCC): Geiz

21 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die halbe Welt jammert über den materiellen Notstand, jeweils ein Teil aus wirklicher Armut, ein Teil aus reiner Gewohnheit und weil man vor allem dann viel über Geld und Gut spricht, wenn man nicht wirklich davon besitzt. Wer davon jedoch schweigt, nachgerade die Zähne wütend zusammen und in den eigenen Hintern beißt, ist nicht der Reiche, dessen Vermögen warm und trocken lagert, nur hin und wieder an der Dividende abgeschabt wird und dann zur Befriedigung diverser, auch grenzwertiger Gelüste die Wirtschaft ankurbelt. Er besitzt zwar auch, jongliert mit der Kohle, verfeuert sie bisweilen und freut sich am Anwachsen des Mammons, doch nicht er ist es, dessen Eigensucht ihn an der Last des Besitzes fixiert. Er hat Eigentum und hat es doch nicht, und es ist noch die Frage, wer da wen besitzt und wer besessen ist. Der Geiz ist, was den wohl Habenden verarmt.

Die charakterliche Disposition des gemeinen Kümmelspalters mag aus der gründlich aus dem Ruder gelaufenen analen Phase kommen; in aller Regel wird eine Verhaltung so oder so dafür sorgen, dass die braune Masse irgendwo hinaus will, und sei es, dass der Kopf gerade im Weg war. Der Geizige behält, was er nicht brauchen kann, und gibt nicht her, was ihm zu behalten nichts nützt. Er ist letztlich nichts als ein Messie, der sich den Ballast vor die Füße stapelt und dann darüber verwundert ist, wenn es stinkt.

Gerne entschuldigt der gemeine Entenklemmer seine materielle Fixierung mit einer Tugend, der Sparsamkeit, doch das ist sie nicht. Sein Gewinsel ist nicht weniger als Gier, die nicht zusammenhält, um klüger zu Wohlstand zu kommen, sondern rafft, um zu haben. Jener seltsame Appetit, der zwanghaft zum Verhungern führt, ist paradoxe Nebenwirkung einer ansonsten offenkundigen Lebensfeindlichkeit, die sich des eigenen Versagens freut, emotionale Anorexie, die den Mangel zum höchsten Gut und die schwäbische Hausfrau zur Säulenheiligen erklärt, die die Exzesse einer versaubeutelten Austerität zur Kunstform erhebt, weil sie die wechselseitigen Zusammenhänge von Besitz, Konsum und Leben nicht kapiert.

Der selten vernunftmäßig eingesehene Grund des Seins, Tod und Erneuerung in der nächsten Generation, stellt bei seinem jähen Auftauchen einen gewaltigen Tritt ins Hirn dar für den in seine Habsucht geflohenen. Jede Sucht will ewig sein, nur was erwartet der auf zeitliche Segnungen Vertrauende von einem Geschäftsmodell, das so sinnvoll ist wie ein Brennholz-Verleih, wenn mit der finalen Kompostierung alles futsch ist, in fremde Hände rieselt oder versickert. Habsucht ist negativer Zins, kassiert zu Lebzeit, denn keiner weiß, was mit dem Besitz geschehen wird, wo er bereits zuvor keine Frucht getragen hatte. Der Geizkragen ist doppelt gestraft, getrieben von der Leidenschaft, sich jede andere zu versagen, und in steter Gewissheit, dass das, was er da so tapfer ignoriert, die eigene Wirklichkeit ist.

Darum macht Geiz einsam, auch und erst recht da, wo er wie Mehltau auf sozialen Beziehungen liegt. Durchaus lädt sich das Schimmelhirn Gäste in die karg möblierte Bude, bietet im Vollbesitz seiner Verantwortung trockenes Toastbrot und Wasser frisch aus der Leitung an, den preiswerten Schnittsalat vom Vortag inklusive Strunk und Hülle, dazu etwas Essig und kein Salz, und ist verwundert, wie seine Kostgänger sich abwenden von einem, der es doch nur gut mit ihnen gemeint hatte. Den Gedanken der Freigiebigkeit begriffe er erst, wenn er je zuerst gegeben hätte, um irgendwann später mit Zins zu empfangen. Jede Wohltätigkeit aber sieht der Beknackte als reine Verschwendung an, Prasserei aus mangelndem Charakter oder Anstand, den er selbst sich zubilligt, nicht aber anderen. Wer an diesem Tisch gesessen hat, wird es nicht mehr freiwillig tun, denn meist ist nicht einmal die Aussicht auf ein reiches Erbe Grund genug, sich die verschwiemelte Kasperade eines Weltflüchtlings zu geben.

Es mag trösten, dass der Knauser im Wahn, alle anderen zu bestrafen, nur sich selbst züchtigt. Die anderen werden das völlig verseifte Egomanentum des Knickers bestenfalls ignorieren, sein Ableben in Luftnot und Vereinsamung gleichmütig zur Kenntnis nehmen und im Falle einer größeren Hinterlassenschaft das Geld zwar möglicherweise versaufen, aber nicht zu seinem Andenken. Vielleicht war der Raubbau dann doch noch zu etwas gut. Im dialektischen Sinne.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXCIII): Werte

3 07 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede feucht-völkische Deppenansammlung kennt sie, jede religiös sich bepredigende Schar, und nicht nur die konservative Fraktion führ sie im Schild, mit dem sie verteidigt, was scheinbar ansonsten nicht laufen kann. Was jede Ideologie jeder Ideologie vorwirft, meist in Verkennung, selbst Ideologie zu sein, hier wird’s Ereignis, und sei das Eis auch noch so dünn: Werte zählen. Welche, das bestimmt oft nicht viel mehr als der Wetterbericht.

Jeder reklamiert die universalen Ansprüche, die die eigene Gesellschaft, die eigene Nation, den eigenen Schützenverein zu dem gemacht haben, die sie heute sind, für sich und nur für sich. Jeder Heckenpenner auf Sozialentzug hofft, es fiele außerhalb des Wahlkampfes nicht auf, dass ein komatöser Mob sich für die eigenen ethischen Fundamente interessiert wie für das Innere von Pickeln, und die Hoffnung fällt auf fruchtbaren Boden. Gilt es gegen andere, die uns die eigene Wurst streitig machen könnten, echt oder eingebildet oder von den Bannerträgern der eigenen Ordnung herbeifantasiert, dann plärrt der Führer von Werten, und das verseifte Gros stapelt sich hinter ihm.

Da man den größten subjektiven Wert Dingen zumisst, die relativ knapp sind, stehen die Werte in der soi-disant zivilisierten Welt eben ganz oben. Fast alles lässt sich mit dieser Seifenblase an den Haaren in die Mitte der Manege zerren, Wirtschaft und Sozialabbau, manchmal beides, und wenn es um die Verteidigungsbereitschaft geht gegen Hier-ein-Volk-nach-Wahl-einfügen-das-eigentlich-von-der-Herrenrasse-ausradiert-gehört, wer würde nicht Werte exportieren wollen? Natürlich exportiert die Seite des gerechten Krieges dann noch Werte, und wir nutzen dazu meist Flugkörper, die genug Minderjährige und Senioren unter den Zivilisten mit plattmachen, so dass sich die Demonstration westlicher Moral auch noch jahrlang lohnt.

Keiner spricht über den Wertewandel, es sei denn, man will als Regierungsdarmleuchter mal eben ein bisschen Remmidemmi mit religiotischer Schwungmasse veranstalten, wenn eine dieser degenerierten Versagerinnen der Öffentlichkeit ankündigt, bald nach der Gleichstellung werde sicher ein deutscher Volksgenosse seinen Staubsauger ehelichen wollen. Wertewandel, den man unbedingt negativ verstehen will, ist auch die Abgötterei mit dem Kapitalismus und Abkehr vom Ahlener Programm, das den ganzen Berufskatholen ja viel zu viel Jesuskacke enthielt. Im positiven Sinne wäre es überhaupt die konsequente Umsetzung der Zivilisation, der Abschied vom Auge-um-Auge-und-Zahn-um-Zahn-Prinzip. Aber was kümmert eine Gesellschaft die Versuchung, die eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen – die Gartenzwerge beharren auf der Größe ihrer Schatten bei untergehender Sonne und lassen sich ihre Auffassung nicht zerreden.

Denn meist ist es nicht Glaube oder säkulares Sendungsbewusstsein, nicht einmal Leberwerte als Ausdruck der daseinserfüllten Weltsicht spielen eine Rolle, sondern schlicht die schwarze Zahl. Wer Wert preist, hat nur die Materie zum ideellen Prinzip erhoben, was mehr über den Grad seiner Zivilisiertheit aussagt, als es die Zivilisation je könnte.

Die neoliberale Gesellschaft ist geboren aus Schutt und Asche einer totalitären Welt pervertierter Ideologien, die subjektiv für die eigene Größe, im historischen Rückblick für die Zerstörung der Zivilisation selbst standen. Der heutige Realitätsallergiker will die alte Größe, weiß jedoch, dass er sie mit schwerem Mangel erkaufen würde, und entscheidet sich instinktiv gegen die Unsicherheit der Verhältnisse. Dass er damit zugleich die postdemokratische Gesellschaft herbeireden will, ist sein Kreuz. Wie praktisch, dass man bei einer primitiven Masse auch mit Friedensgeschrei einen Krieg argumentativ durchdrücken kann.

Das Vordringen postmaterieller Bedürfnisse ist immer ein Einbruch durch das dünne Eis der gesellschaftlichen Verfasstheit, der Konservative hasst sich selbst dafür, dass er Stück für Stück die Individuen in seiner Population als Menschen wahrnehmen muss und ihre Werte ebenso als die seinen. Kurzfristig verteidigt der Berufskathole den Feminismus gegen die bösen Flüchtlinge, die aus einer patriarchalen Parallelwelt stammen, um ihn hernach im kruden Cocktail krustiger Vorurteile wieder fortzuspülen, als sei er eine in der Studentenrevolte aufgekommene Schnapsidee. Wert ist, was in Fettschrift auf ein Plakat passt, als rituelle Abwehrhandlung gegen das Andere. Solange es Dumme gibt, wird es diese Abziehbilder einer postulierbaren Ethik geben. Solange es diese Abziehbilder gibt, werden Menschen geboren und zu Dummen erzogen. Man wird ihnen sagen, ihr Verhalten sei irgendwie nachhaltig, und sie werden es als Wert verkaufen. Immerhin.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXV): Die politische Lüge

1 05 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ganz früher war es noch keine Frage des Charakters. Wer zu oft von den falschen Pilzen naschte, mit dem Nasenbein an die Keule geriet oder bei der Weitergabe seiner DNS eine schlechte Performance zeigte, setzte sich nicht durch. So geriet ein Teil der Gesellschaft auf die schiefe Bahn: sie krümmten den Raum, um die ihnen gefällige Wirklichkeit an die ellipsoide Form des Möglichen zu gewöhnen. Wer auch zu oft an den falschen Pilzen geknabbert hatte, schien nicht uninteressiert – die liberale Bewegung war geboren – und wer sich trotz eklatanter Blessuren im Hirnschädelbereich, wie sie Konservative bis heute auszeichnen, für verhandlungsfähig hielt, schraubte die Krümmung im Sinne einer konsensfähigen Gesprächsgrundlage fest. Die Idee des doppelten Bodens war nicht neu, die Idee einer doppelten, da angepassten Wahrheit noch viel weniger, wobei doppelt bedeutet: eine der Wahrheiten ist gar keine. Sie wird nur als solche gehandhabt. So entstand die politische Lüge.

Natürlich weiß der gemeine Epistemologe zu unterscheiden zwischen den Anwendungsbereichen der Unwahrheit, die ihre spezifische Form der Heuchelei hervorbringen. Der einfachste Fall ist die im zivilen Leben gebräuchliche Notlüge. Man weiß doch, dass der politische Entscheidungsträger nur durch multiples Versagen in der Entscheidungskette je über den Äquator gesellschaftlicher Wahrnehmung steigt; aus der Not, dieses Personal überhaupt beschäftigen zu müssen, erwächst die Peinlichkeit, einen Deppen in die vordersten Reihen zu schieben, der aus reiner Dämlichkeit sein Hirnschadenkaraoke coram populo nachlallt. Das Übergangsfeld zur sozialen Lüge mag fließend sein – größtenteils beschwindelt der politische Mensch sich ja selbst, und sei es, indem er seinen Genossen weismacht, er verstünde etwas von dem, was er sagte.

Den größten Teil nimmt die Zwecklüge ein, indes sie plausibel genug erscheint: wer betrügt, fliegt kostenfrei, weiter und oft zum Erfolg. Nichts ist ohne Grund, so auch die motivierte Lüge. Sie entspringt nicht selten derselben geistig-moralischen Überforderung, die der Rest der gestaltenden Tätigkeit mit sich bringt. Im Gegensatz zum frommen Schwindel, der die Funktionsfähigkeit sichert – Banken bauen ihr Geschäftsmodell darauf auf, Politiker ihre öffentliche Einschätzung von Wirtschafts- und Währungskrisen, die Grenzen zum puren Aberglauben sind erstaunlich fließend – verfolgt die funktionale Lüge einen Selbstzweck, der weniger das System erhält als den Lügner. Selber lügen macht fett.

Daher ist die vorsätzliche Lüge der Regelfall. Sie instrumentalisiert das Konzept Gegenwahrheit, die Untertunnelung des eigenen moralischen Anspruchs, der sich oft genug auf religiös bis wahnhaft konstruierte Synapsenprogramme bezieht, wird zur methodisch ausgebauten Ersatzrealität, in der die Ausländer einwandern, um uns die Jobs wegzunehmen und gleichzeitig in der sozialen Hängematte zu liegen, während trotzdem unsere Renten sicher sind. Womit der Zielpunkt der pathologisch-zwanghaften Lüge erreicht wäre, die selten ohne eine innere Systematik auskommt und üblicherweise direkt in die Ideologie führt. Sie braucht den Betrüger wie den Betrogenen, der als stiller Teilhaber am Betrugsgeschehen den Dingen aktiv ihren Lauf lässt. Wahr ist, was die Bekloppten für wahr halten, im Grenzfall unmöglich für falsch, wenigstens für denkbar, falls das Denken des Gegenteils schwierig wird. Auf dieser Suppe kommen Diktaturen geschwommen, und manche fangen klein als marktkonforme Demokratie.

Nachdem niemand die Absicht hatte, jemandem ein Ehrenwort zu geben, ist der Gedanke grotesk, der Belogene selbst würde sich früher oder später beschmutzt von seinem Lügenlieferanten abwenden oder sich wenigstens die elefantöse Plumpheit verbitten, mit dem das politische Personal ihm auf die Plomben geht. Noch selten hat sich die intellektuelle, juristisch und soziologisch hinreichend vorgebildete Schicht der Parteigänger von peinlichem Populismus angewidert abgewandt und wenigstens ein bisschen mehr Mühe beim Bescheißen eingeklagt. So ist die Lüge, mit der man Kriege vom Zaun bricht, am Kochen hält und als Mittel des Machterhalts zum Regierungsprogramm macht, gleichgültig, ob gegen Vietnam oder gegen die eigenen Erwerbslosen, so ist diese Lüge ein im gegenseitigen Einverständnis in kollektive Hirn geschwiemelter Selbstbetrug, an dem man dankbar teilnimmt, weil es das lästige Denken ersetzt. Die politische Lüge vereinfacht das Leben, zwar allen Beteiligten, doch nicht immer so wie beabsichtigt. Wenngleich die Politik dies ihren Subjekten immer wieder zu vermitteln versucht. Es muss sich um die Wahrheit handeln – um eine gut gelogene.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLVII): Neid

12 09 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist nicht der fettere Mammutschinken, der Uga immerzu grollen lässt, wenn er in die Höhle des Schwagers blickt. Es ist auch nicht das anmutig geschwungene Beilchen, mit dem der Jüngere Birken weghackt, als wär’s gar nichts. Die Sonne, die jeden Morgen einen kurzen Augenblick früher den Eingang der Butze streift, die versaut ihm den Rest des Tages. Warum, sagt Uga sich in finsteren Nächten neben dem schnarchenden Weib, warum fresse ich nicht den verdammten Schinken, haue ihm das Drecksbeil über die Rübe und schiebe seine ganze Mischpoke aus dem Loch? Eine der unedlen Regungen ist es, die ihn ergreift, und gerade durch sie wird er zu dem, der er ist. Seine untragbare Art, nicht das zu schätzen, was er kriegt, sondern das zu hassen, was nicht für ihn bestimmt ist, macht ihn zum Blödföhn der Schöpfung. Neid, jene inverse Anerkennung der Fülle, ist nicht viel mehr als eine tief empfundene Schwäche: der nagende Verdacht, den Mangel, ob zufällig oder nicht, vielleicht doch verdient zu haben.

Voll sind Geschichte und Mythen von den Aggregatzuständen der Eifersucht. Früh lernt der Nachwuchs an Schneewittchens mieser Mutter, dass Selbstsucht in ein nicht standesgemäßes Ableben mündet. Der Schlaf der Zufriedenheit gebiert Magengeschwüre, nur kein Mitleid. Geht der innere Halt flöten, so braucht der Beknackte keine Freunde mehr, denn Feinde hat er dann genug. Und es ist nicht die Aufklärung, die vor der Implosion des Denkens schützt. Beileibe nicht.

Eine ganze Wirtschaftsform, der Kapitalismus, der sich in Anflügen für eine Gesellschaftsordnung hält, ist aus diesem Abfall geronnen. Besitz, mit anderen Worten: Geraffel, das der Dummbatz nur braucht, um dem Nachbarn die Laune zu verderben, wird zum Lebenselixier der Bekloppten, die sich eine menschenwürdige Existenz kaum noch vorstellen könnten ohne vergoldete Spucktüten, während die anderen nur die hohle Hand haben. Auch blinkende Hosen, die Ich sagen können, einst werden sie dem mental Vergilbten über den Kopf gezogen, und wenn nicht, dann äschert man ihn halt darin ein – er merkt es eh nicht mehr. Nichts würde den Scheelsüchtigen tiefer erbittern als ein völlig gleichgültiger Nebenmann, dem der Zwölfzylinder vor dem Reihenhaus gepflegt am Sitzmuskel vorbeiginge. Ein vergnügter Balkonblumengießer, der den auf pump gekauften Nerz der Miss Günstig erst mitleidig bemerkt, wenn er ihr von den Füßen fault. Neid ist zum großen Teil doch nur die Angst, man könnte so viel wert sein wie alle anderen. Aber nicht mehr.

Wird der konstruktive Neid – eine interessante calvinistische Verschwiemelung für den Versuch, eine Todsünde zur Tugend umzutaufen – als Triebfeder des Individuums verkauft, so triggert er sich zunächst selbst und führt geradewegs in die Sackgasse der Reformation. Vernachlässigen wir die Theorie der Prädestination, so ist die Jagd nach materiellem Streben das höchste Gut, was zielsicher in die Hölle führt, weil die schlichte Lebensführung jede Art von Luxus als moralisch minderwertig ansieht und verurteilt. Der fürchtige Mensch ist nicht zu beneiden, und ist er es doch, dann ist er es erst recht nicht.

Der Sinn der schizoiden Erlösungslehre liegt also darin, so viel Wohlstand zu erwirtschaften, dass er bei den weniger Begüterten Neid erweckt, eine Sünde von verlässlicher Widerlichkeit, so dass die Armen durchaus nicht grundlos arm sind, da moralisch verwerflich, und die Reichen nicht ohne Anlass reich und also berechtigt, auf die Armen herabzublicken. So konstruiert die Wirtschaft, die der Armen sicher bedarf, um überhaupt Reichtum zu generieren, en passant den gesellschaftlichen Oberbau, in dem die Phase der soziokulturellen Exklusion sich für besser hält, nur weil sie schäumend aufschwimmt. Nur die Zivilisation kann verhindern, dass das Recht des Stärkeren gilt; dabei sollte sie es gerade hier nicht tun.

Und natürlich funktioniert der ganze Schmodder auch andersrum. Die Luxusuhr am Handgelenk des arrivierten Prolls ruft nicht halb soviel grünes Gift in den Eingeweiden eines Arbeitslosen hervor wie die Gabe des Sozialhilfebeziehers, jeden Morgen in Ruhefrühstücken zu können, einen Topmanager zu enthemmtem Zähneknirschen führte. Destruktiver Neid ist die Blaupause für ein ethisches Massaker, das sich als Modell einer destruktiven Ordnung nicht erst seit Jahrzehnten Bahn bricht, sondern nur als quasireligiöse Erlösung feiert, und das mit dem sittlich zweifelhaften Verhalten der Altvorderen. Wenn auch der andere absäuft, dann sägt der Bekloppte gern den eigenen Kahn an. Es ist nicht der eigene Wohlstand, der das Leben schön macht, es ist das Bewusstsein, dass es sehr viel braucht, um sich das bisschen Dasein nachhaltig zu versauen. Wie angenehm, dass es so unangenehm ist. Wäre es der Ehre nicht zu viel, man könnte neidisch werden.





Kinderlied, verwirrt

24 08 2014

Eigentlich ist das gemein:
statt im Sand zu spielen,
zieht man große Leute ein,
um auf sie zu zielen.

Kaufmann Müller, Lehrer Schmidt
dürfen sich nicht grüßen,
ihnen gibt man einen Tritt,
dass sie auf sich schießen.

Graue Hemden werden rot,
kaum hat das begonnen.
Hinterher sind alle tot.
Keiner hat gewonnen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXVI): Das Wohlstandsevangelium

18 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Überall da, wo eine Gesellschaft Moral zeigen könnte – und da, wo sie es sollte, zeigt sie sie nie – ist auch eine vorhanden; meist ist sie antiquiert, selten hat sie etwas mit der Wirklichkeit zu tun, und dass sie so durchdacht ist, gereicht ihr nicht immer zum objektiven Vorteil. Wo sie sich höherer Wesen bemächtigt, die wir verehren, lässt sie jede Ethik durchdrücken, auch die, die ohne Spuren von Nüssen und Moral auskommt. Alle diese Konstrukte nehmen für sich in Anspruch, die Sitten der kompletten Gesellschaft wohlgefällig zu ordnen, und doch ist es nichts weniger als der plumpe Versuch, die bestehenden Verhältnisse zu verschärfen. Beispielsweise mit Hilfe des Wohlstandsevangeliums.

Die Idee, allein die materielle Begüterung sei für die Qualität einer Grützbirne entscheidend, ist eine putzige Marotte und derart beknackt, dass sie für den operativen Kernbereich einer Religion wie geschaffen erscheint; fliegende Schweine, ad hoc reinkarnierte Revoluzzer oder wundertätige Hominiden, die den Grundannahmen der Physik widersprechen, haben es da schon schwerer. Wer immer sich diesen Murks ins Fäustchen geschwiemelt haben wird, er hatte jedenfalls Besseres zu tun als Nächstenliebe zu verbreiten oder Idealismus. Für Rhesuspfäffchen eine praktische Lehre, denn es enthebt jeglicher Verantwortung, und welche totalitäre Ideologie wäre darüber nicht glücklich. Schließlich wird noch der Lottogewinn, der nicht einmal durch Schicksal besser erklärt werden kann als durch den Zufall, zum Prüfstein der Gottgefälligkeit. Wie sich in diesem denkerischen Gerümpel die biblische Armut verkantet, wird planmäßig unterschlagen, je eher, desto werberischer das Gefrömmel sich unter die Leute wanzt: bald gelten nicht mehr moderate Mittel, bald gilt schon ausufernder Luxus als approbierte Huld, später die anhaltende Gesundheit. Inzwischen hält die soziale Zusammenrottung bereits eine betriebsbedingte Kündigung für den Nachweis, ein Schwein zu sein. Da können noch die Buddhisten lernen.

Gerade die calvinistische Leichtbauweise der Soziologie bekennt sich ausdrücklich zur unbedingten Askese und materiellen Verachtung, um durch manisch tugendhaftes Getue zu höchstem Ansehen zu finden. Dass in den frühkapitalistischen Moralinansammlungen gerade durch unermüdliche Arbeit gewachsenes Vermögen (ein frommer Wunsch überdies, weil so gut wie nie nachweisbar) als Abzeichen höherer Gnade galt, widerspricht so gut wie jedem eigenen Tugendbedürfnis, gerade auch der geradezu grotesk verargumentierten Geworfenheit des Bescheuerten: wer auf der Schnauze landet, blutet aus Vorhersehung, wer den Stunt unbeschadet übersteht, hat lediglich durch höherwertigen Glauben ein neues Level erreicht. So viel Schnaps gibt es nicht, dass sich diesen Quark ein Kriechpriester aus der Birne möllert und ihn auch noch für die Synthese aus Vernunft und Aberglaube hält.

Wohlstand, sagt der gemeine Religiot, ist also nichts mehr als ein Symptom der Zuneigung jenes höheren Wesens, das zwar irgendwann gratis und blanko Vergebung und Chancengleichheit versprochen hat, aber sicher war das nicht so gemeint, denn wenn er schon ein Symptom ist, muss es auch einen Grund dafür geben, und welcher Schnösel hielte seinen Kapital nicht für ehrlich verdiente Asche, auch und gerade dann, wenn es sich um Erbe oder Spekulationsgewinn handelte. Die Bigotterie der pseudotheologischen Moral liegt darin, dass sie das gute Werk ungeachtet der Gesinnung vom Ende her erklärt. Wer also nicht gescheitert ist, wird auch nicht scheitern, weil er nicht gescheitert ist, und wer gescheitert ist, muss sich nicht mehr bemühen, weil er ja bereits gescheitert ist. Ihr alle, die Ihr mühselig uns beladen seid, haltet gefälligst die Fresse und geht sterben.

Es ist nichts anderes als ein doppelt perfider, da in Glaubensvorstellungen betonierter New-Age-Neoliberalismus, der die Erfolge für sich selbst reklamiert, während er Scheitern als individuelles Versagen deklariert, um die Flossen in Unschuld zu waschen. Die Masse der durchschnittlich Armen, über Jahrhunderte verdübelt und verdeppt, hat nichts anderes gelernt, als zu den Mächtigen, da Reichen aufzuschauen und unreflektiert jeden Sums zu schlucken, den sie sich in ihrer Egolepsie aus dem Glibber kloppen. Keine noch so dämliche, keine noch so kriecherisch verkitschte Sicht auf die Verantwortung eines sozialen Systems kann das entschuldigen, zumal längst die Voraussetzungen und Nebenprodukte des Reichtums, Geiz, Neid und Selbstsucht, nicht mehr Todsünden sind, sondern Abzeichen der Gefälligkeit, wobei selbstgefälliges Wesen auf Eigenvergottung schließen lässt. Wer ein großes Gut sein Eigen nennt, ist unter den Bescheuerten selbst gerecht. Hoffen wir, dass es so bleibt, wenn die Brandsätze fliegen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXIV): Scheinheiligkeit

4 10 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hatte der Hominide seine Sprachfähigkeit zum sozialen Standard erhoben, nutzten einzelne Exemplare der Gattung sie für seltsame Manöver. Rrt, immer ein bisschen linkisch mit dem Speer und nicht der Hellste, wenn es in die Pilze ging, erfand die Anglergeschichte vom Feuer speienden Fisch, den er mit bloßen Händen gefangen, geschuppt und filetiert haben wollte, während er eine Herde Säbelzahntiger mit Gebrüll in Schach hielt. Die Klügeren glaubten kein Wort, doch jeden Tag steht einer auf, der dumm genug ist. So wurde die Legende vom furchtlosen Rrt geboren, der schließlich in der eng umrissenen Gemarkung zwischen Felswand und Tümpel zum Lokalheiligen wuchs, genauer: zum Scheinheiligen.

Geltungsdrang als Stimulans mag zunächst nicht verwerflich erscheinen. Nicht wenige kulturelle Großtaten einschließlich des kompletten Barock fußten auf der Erkenntnis, dass exzentrisches Gepränge, bizarres Benehmen und manischer Eifer bleibenden Ruhm einbringen konnten. Ohne ein gesund übersteigertes Selbstbewusstsein hätte der durchschnittliche Entdecker seinen Schreibtisch nicht verlassen, Meister der Bau- und Braukunst hätten ihr Gewerk nicht revolutioniert, mancher Name wie Röntgen hätte es nicht unter die Verben geschafft. Und doch eint sie alle, dass sie ihr Handeln zur Geltung bringen wollten, ihre Ideen oder ihren Willen, sei er auch noch so blühender Unsinn. Der Scheinheilige bringt zur Geltung, was ohne weiteren Wert ist, nämlich sich selbst.

Die Besessenheit, die eigene Existenz in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht weniger als eine pathologische Erscheinung in einer Gesellschaft, die ihre pathologischen Züge zur Kunstform erklärt hat. Es ist die krankhafte Neigung der Ichlinge, ihre subjektive Wahrnehmung, fernab jeglicher Realität und Reife, aus der möglichst wohlfeilen Sicht in eine leichtgläubige, an moralischen Werten nicht mehr interessierte und daher im Epizentrum der Sittlichkeit brüchige Welt zu werfen, als hätte sie auf die Würstchen im Zwirn nur gewartet – doch, sie hat auf sie gewartet, und das ist der eigentliche Bruch, denn wo der Schein so gut wie alle Mittel heiligt, lohnt nichts Wahres mehr. In einer Parallelgesellschaft von Second-Hand-Ruhm, der zum größten Teil aus medialer Widerspiegelung besteht, erntet der Bescheuerte von Geblüt, der sich akademisches Gemüse vor den Namen schwiemelt, die Winselei seiner Nachkriecher nur befristet; sobald die Sache aufkippt, verschwindet er in dem Schwarzen Loch, dessen Ereignishorizont jegliches Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana schluckt. Ein Rülpsen, dann ist alles Fabel.

Gleichwohl die chronische Selbstüberschätzung kein Privileg einer wie auch immer gearteten Elite ist – auch von unten spült es aus dem Bodensatz in den Kompetenzfasching der Leistungsträgen immer wieder die Überreste vom Abwracklimbo – hier krallt sich doch das feigste Personal fest, das ohne sein Supermankostüm nie vor die Haustür ginge. Es sind alle bange kleine Blödiane, die genau wissen, dass ihr Sitzmuskel auch nur zwei Hälften hat. Und jeder nagt sich die Fingernägel ab, dass keiner das je rauskriegt, während sie genau wissen, dass sie sich unter ihresgleichen befinden. Und dass aus der Nummer noch keiner lebend rausgekommen ist. Nicht der Trieb zum Erfolg, nicht die intrinsische Motivation schubst uns also in den denkfreien Raum, es ist die Grenzüberschreitung zum nicht mehr verantwortbaren Mutwillen und Hochstapelei, zur Anmaßung, sich über die Verhältnisse zu pfropfen, sei es als dauergedopter Radeldepp, als präsidiales Quotenwürstchen mit Kreditkasper im Anschlag oder als ministerielles Geröll, dessen geistige Vakanz unangenehme inhaltliche Fragen im Keim erstickt, weil die erwartbaren Antworten noch übler wären. Gier frisst Hirn, Gier frisst Anstand.

Problematisch ist die Gesellschaft, die es sich bieten lässt und mit Gleichmut reagiert, während auf der Galerie die Koksgnome torkeln, doch kaum weniger prekär ist das System, das unbekümmert in gespielter Strenge den Zeigefinger hebt und wie belustigt einmal das unartige Kindchen schimpft, weil es billig gegen Recht verstoßen, Amt samt Würde missbraucht und das gesellschaftliche Gefüge verkekst hat. Das Balg bräuchte eins hinter die Löffel, damit es lernfähig wird.

Mit etwas Glück kippen die unwandelbaren Aufschneider mit dem Sparflammenheiligenschein beim Balanceakt selbsttätig aufs Gesicht, ohne dass man nachhelfen müsste. Mit etwas Glück gewöhnt sich diese Zusammenrottung irgendwann daran, dass sie keine perfekten Instantfiguren auf den Markt wirft, sondern fehlerbehaftete Charaktere mit Macken, Todesangst und wirren Vorstellungen. Sie könnten alle schnell und schmerzlos der Lüge ledig werden, dass individuelle Fehler zu vertuschen der Königsweg zum allgemeinen Heil sei. Bis dahin haben sie erst einmal kein weiteres Interesse an Heiligkeit. Nur am Schein.