Kleine Fabel oder Die Tücke guter Vorsätze

6 10 2019

„Ach, wie’s mich friert!“ Er musste überwintern
in einer Höhle, dieser arme Hund.
„Wie schmerzt es an der Nase und am Hintern!
Ich baue eine Hütte, fest und rund!“

Kaum war es Sommer, störte ihn das wenig,
im Sonnenschein lag er wie je zuvor
und schnarchte durch die Nacht wie wohl ein König.
Schon kam der bittre Frost. Und er erfror.





Kleine Fabel oder Hindernisse der Schönheit

25 08 2019

„Natürlich“, singt der Pfau, „sind meine Federn
ganz ungewöhnlich schön. Seht nur den Glanz,
den keiner sah bei andren Pfauenrädern!
Fürwahr, ich habe doch den schönsten Schwanz!“

„Mag sein“, so krächzt die Dohle. „Ganz vorzüglich.
Nun bitte, wem die Äußerlichkeit liegt –
ich sehe außerdem, und zwar untrüglich,
dass man mit diesem Putz recht übel fliegt.“





Der Fuchs und die Trauben

12 02 2012

für Bertolt Brecht

Da er sie hängen sah, sprach er, die Trauben,
sie seien ihm zu sauer. Wie man wüsste,
so gäbe es noch Füchse, die da glauben,
dass man von sauren Trauben kosten müsste,

doch diese seien Feinde – so entartet,
dass es nach sauren Trauben sie gelüste,
das sei kein wahrer Fuchs. Und er erwartet,
dass man der Feindschaft stolz sich nun auch brüste.





Stachelschwein und Igel

10 04 2010

Der Igel und das Stachelschwein,
die hatten einen Zwist:
wer wohl von beiden Tieren ein
Bemerkenswertres ist.

„Ich habe“, sprach der Igel spitz,
„ja Stacheln – Sie bloß Haar.“
„Und damit schieß ich wie der Blitz
bei jeglicher Gefahr“,

entgegnete das Stachelschwein.
Doch statt darob zu schmollen,
warf selbstbewusst der Igel ein:
„Ich aber kann mich rollen.“

„Ich kann mit meiner Stachelzier
ganz ausgezeichnet rasseln!“
So leicht ließ sich das Nagetier
die Tour ja nicht vermasseln.

Das war dem Igel gar nicht lieb.
Er sprach: „Das weiß der Kenner,
ich bin, man sieht’s am Heckantrieb,
ein exzellenter Renner!“

So stänkerten die beiden fort
und sorgten mit dem Streit
im ganzen Tierreich, hier wie dort,
nur für Verdrossenheit.

Es hielt die ganze Welt auf Trab.
Und also kam die Gans
und musterte die beiden ab
der Nase bis zum Schwanz.

„Nun also“, sprach das Federviech,
„Ihr: Igel und Schweinigel,
belästigt Ihr um Stacheln mich –
gut, zeigt zunächst die Flügel!“

Und weil hier niemand nichts gewann,
sie mussten stumm abschieben;
die Antwort sind die beiden dann
der Gans schuldig geblieben.

Wie Eimer passt hier aufs Gesäß
die Lehre: wer gut piekt,
nicht unbedingt naturgemäß
auch ganz vorzüglich fliegt.