Burgerbegehren

1 05 2014

„… habe der Konzern die Kritik an seinen Schnellrestaurants abgewiegelt. Es sei nicht so, wie es der Fernsehbericht…“

„… verzerre der Undercover-Bericht die tatsächlichen Vorgänge, da er nur die umsatzstarken Tage zeige, nicht aber Phasen, an denen man teilweise wochenlang Zeit habe, sich mit den Nahrungsmitteln zu…“

„… die Gurken aus einer ursprünglich blassgelb gefärbten Züchtung stammten, so dass erst durch längere Lagerung bei Zimmertemperatur die typisch grünliche…“

„… falsch, dass dieselben Putztücher für Friteuse, Klosett und Vorratsräume benutzt würden. Das Unternehmen schreibe schon seit Jahren vor, die Vorratsräume mit eigenen Lappen zu säubern, teilweise sogar die Türklinken mit dem…“

„… verlange der Verbraucher das weiche, labberige Mundgefühl, weshalb ein kürzer als sechs Stunden unter Wärme und Bautrocknungsgeräten präparierter Eisbergsalat nicht den Wünschen des durchschnittlichen…“

„… es sich bei der Zubereitung des Doppelklopper TF um vielfach ausgezeichnete Fleischprodukte handele, die auf der Landesausstellung des hessischen Zuchtverbandes von 1983 und 1984 das amtliche…“

„… sei der letzte Dosenöffner im Jahr 1998 abgeschafft worden. Das Unternehmen vertraue darauf, dass die Pfefferschoten scharf genug seien, um mit ihnen Weißblech zu…“

„… die zweitunterste Schicht im Geschirrspüler eine Kreuzigung mit Kuchengabeln nachgestellt habe. Die Kontrolleur hätten das lebensechte Spektakel am akzentfreien Aramäisch…“

„… dass der Burger-Konzern sich für eine nachhaltige und ressourcenschonende Produktion einsetze. So sei es bekannt, dass keine angelieferten Lebensmittel jemals in den Müll geworfen würden, auch nicht im Falle einer…“

„… habe man es der Küchenbelegschaft ausschließlich gestattet, bei der Arbeit zu rauchen, um so den seit Monaten stetig ansteigenden Befall mit Kakerlaken und…“

„… keine Pfannenwender. Das Burgerbrät könne allerdings auch mit handelsüblichen Gummihandschuhen, die zur Reinigung von Friteusen, Klosett und Vorratsräumen…“

„… nicht um genmanipulierte Kartoffeln, sondern um genmanipulierte Fritten, was ein völlig anderer Tatbestand…“

„… eine äußerst flexible Einkaufspolitik, die den Kunden auch weiterhin niedrige Preise garantiere. Erst die Lagerung der Rohware bestimme letztlich, ob daraus ein Fleisch- oder Fischburger…“

„… erleichtert, dass die Keimmenge knapp unterhalb des meldepflichtigen Wertes blieb. Weniger zufrieden war die Amtsleitung, da das Hackfleisch mit den Stuhlproben verwechselt worden sei, die vorsorglich für einen Cholerafall in den südlichen Stadtbezirken…“

„… für eine sofortige Schließung des Restaurants demonstriert hätten. Das landesweite Burgerbegehren richte sich gegen die Methoden des gesamten…“

„… würden die Hygienestandards systematisch ignoriert. Das Management wolle dies nicht generell abstreiten schließlich handele es sich um Systemgastronomie, was auch für den…“

„… nur sehr unregelmäßige Kontrollen. In Zukunft werde man anbieterfreundlicher vorgehen und die Überprüfungen bis zu anderthalb Jahre zuvor…“

„… sich ausgebreitet hätten, bevor die Laborantin das Kaltgetränk auf eine Nährlösung…“

„… auch die Kontrolldichte verstärkt werden müsse. So wolle man für den Bereich Süd (Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Thüringen, Sachsen) künftig nicht mehr zwei, sondern drei Beamte…“

„… der Alkoholgehalt in den getesteten Rezepturen regelmäßig ansteige, wenn die Remouladensauce wenige Tage bei mehr als 40 °C im…“

„… dem Vorwurf ausgesetzt, dass abgelaufenes Fleisch mit einer automatischen Etikettiermaschine wieder zu verwendbaren Produkten deklariert worden sei. Dies entbehre jeder Grundlage, da die Fleischhaltbarkeitsetiketten stets von Hand…“

„… entschieden zurückgewiesen habe. Dies sei kein Ketchup der vergangenen Woche, sondern naturbelassene Tomatenreste der vorvorletzten…“

„… biete der Konzern an, seine Produkte den OSZE-Kontrolleuren für eine eingehende Analyse zur Verfügung zu stellen. Man sei zu einer Zusammenarbeit weiterhin bereit, falls nicht die…“

„… komme es schon vor, dass Frischgemüse auf dem Boden lagere, da es sich schließlich um einen Beilagensalat…“

„… einen Preisanstieg angekündigt. Kostenlose Extras wie Escherichia coli und Heliobacteriaceae biete man aus Kulanz auch weiterhin an, der Einkaufspreis für Staphylococcus aureus rechtfertige jedoch eine kurzfristige…“

„… habe es sich bei den Haaren auf dem Burger nicht um hygienische Vernachlässigung durch das Küchenpersonal handeln können, da die Beweisstücke eindeutig nicht von einem Säugetier…“

„… in der UNO-Vollversammlung den hinteren Küchenabschnitt des Kölner Restaurants gezeigt habe. Es gebe sich verdichtende Verdachtsmomente für die Produktion von Massenvernichtungswaffen, die zu einer sofortigen…“





Biowahn

1 03 2011

„Vorsicht, Mann! Sie stehen im Weg!“ Der Arbeiter im grauweißen Gummimantel stieß keuchend den Stahlcontainer mit den Eierpaletten vor sich her. Der Behälter verschwand in der großen Maschine an der Längswand. Bruno Bücklers Schnurrbart zuckte bedenklich, als der Apparat knirschend anlief und mit Getöse Kartons mit Eiern auf das Laufband entließ. „Da können Sie mal sehen“, strahlte der Mann, „das nenne ich total beschissen!“

Ausgerechnet Bruno, leidenschaftlicher Koch und Küchenchef in seinem eigenen Landgasthof, ausgerechnet der, den die respektvoll Fürst Bückler nennen, musste mit ansehen, wie diese Maschine Hühnereier aus der Legebatterie mit weit gehend identischen Dreckspritzern versah und als Bioware kartonierte. „Wie echt“, strahlte der Maschinenführer. „Und jetzt viel billiger als vorher, da haben wir die Hühnerscheiße noch mit dem Pinsel…“ „Dimpfler, stehen Sie hier nicht im Weg herum!“ Der Ingenieur war ganz plötzlich auf uns zugekommen. „Schlörmann, ich bin hier der Chef. Kann ich Ihnen behilflich sein?“ „Was macht denn diese Maschine so“, wollte ich wissen. „Zehn Eier pro Sekunde“, führte er aus, „also 750 pro Minute, 50.000 in der Stunde. Und das Tollste: sie kann auch braune Eier!“

Nebenan kippten zwei kräftige Burschen Obst in einen großen Trichter. „Unsere Apfelmaschine“, informierte Schlörmann uns. „Wir geben den Früchten ein sortentypisches Aussehen durch die Behandlung mit naturbelassenem Leitungswasser, Warmluft und mechanischen Wirkeinflüssen.“ Bruno stutzte. „Was bitte darf ich mir unter einem mechanischen Wirkeinfluss vorstellen?“ Ratternd begann das Ding die Äpfel durcheinander zu schmeißen. „Wie Sie sehen, bekommen die Schalen natürliche Schrammen und Druckstellen – keine Einwirkungen von Metall oder Kunststoff, nur die natürliche Umgebung! Der Verbraucher bevorzugt leichtes Vorgammeln, wenn die Haut schon etwas zuckrig ist durch austretenden Saft.“ Bruno runzelte die Stirn. „Das ist doch alles ein Beschiss am Kunden!“ Schlörmann lächelte. „Nein, das müssen Sie verwechseln. Beschiss ist an den Eiern.“

Offensichtlich funktionierten die Geräte schräg gegenüber auf dieselbe Art; ein großer Korb reifer Bananen wurde herangeschleift. „Dann hauen Sie hier folglich Bananen zu Brei“, murrte Bruno. Unser Führer schüttelte entschieden den Kopf. „Das würden wir bei unseren Kunden nie los. Bedenken Sie, dass es sich um das Premium-Segment handelt, die kaufen nicht einfach irgendetwas – das muss schon gewissen Qualitätsansprüchen genügen, denn eine Banane ist erst durch braune Druckstellen so richtig…“ Ich tippe ihn auf die Schulter und zeigte auf den Bottich, der keine zehn Meter von uns entfernt darauf wartete, aus der Halle geschoben zu werden. „Was“, fragte ich, „soll das darstellen? Hat sich ein Alligator als Bananenhaufen verkleidet?“ Schlörmann errötete. „Kommen Sie mal ganz unauffällig mit.“

Halle 23 lag abgeschirmt vom Lärm der Fabrik. Stählerne Kästen säumten die Wände, kaltes Licht leuchtete bis in die letzten Winkel des gekachelten Raums. „Das sind unsere neuen Produkte. Sie dürfen keinem Menschen etwas verraten, hören Sie? Keinem!“ Nervös blickte er um sich, als sei er schon von Feinden umgeben. Bruno ächzte leise. „Wenn ich das gewusst hätte“, wisperte er mir leise zu. „Hansi bringt mich aber auch immer in solchen Schlamassel!“ Dabei hatte es sein Bruder bestimmt gut gemeint und nur den besten Lieferanten für Biowaren herausgesucht. Bruno grollte. „Biowahn, genau! Die bio-logen schon immer, die Biologen!“

Schlörmann zog die Klappe auf. „Dies ist unser Bananenprojekt K-23, pre-shrunk, unter Gas mehr als drei Monate lagerfähig. Beste Produkteigenschaften, wir haben damit ein Niveau erreicht, das man sonst nirgends findet.“ Bruno guckte ungläubig auf die Schlauchfrüchte. „Die sind ja mindestens ein halbes Jahr alt“, stieß er hervor. Doch Schlörmann widersprach. „Diesen Zustand erreichen wir innerhalb von drei Tagen. Alles eine ausgeklügelte Technik, Luftfeuchtigkeit, Säuren, Hitze. Aber dafür können Sie die Dinger auch drei Jahre lang in den Kühlschrank packen, die verändern sich nicht. Kein Stück!“ Ich griff nach dem Hülsenobst – tatsächlich, es fühlte sich trocken und fest an, gleichwohl es wie verfault aussah. Kalt lief es mir den Rücken herunter. „Und wofür stellen Sie das alles her?“ „Nun“, druckste Schlörmann herum, „Sie erinnern sich an Ihre Studententage? Man hat seine eigene Bude, und dann kommen die Eltern überraschend zu Besuch, um die Küche zu inspizieren.“ Mit Schwung riss er die nächste Klappe auf. Vergammelte Pfirsiche lagerten dort, grünlich schimmernde Wurst, ein Klumpen Graubrot. „Wenigstens muss man sich keine Sorgen machen, dass das Haltbarkeitsdatum übersprungen wird“, sagte Bruno trocken.

Der Inhalt der Kühlkammern war durchaus gut sortiert: reines Rinderhack, Gürkchen, Tomaten und Zwiebeln, Brötchen, vorgebratene Kartoffelstücke sowie diverse Saucenreste, die langsam vor sich hintrockneten. „Das dürfte für einen mittelgroßen Kühlschrank wohl ausreichen“, spottete ich. Doch Bruno blieb skeptisch. „Diese Zusammenstellung“, argwöhnte er, „das erinnert mich an etwas, und Sie wissen das genau. Raus mit der Sprache – sind Sie schuld an diesen versteinerten Hamburgern?“ Schlörmann wand sich. „Wie gesagt: verraten Sie mich nicht! Das Mumifizieren von Nahrungsmitteln mag ungewöhnlich sein, aber bedenken Sie, was wir da an Konservierungsmitteln sparen!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXII): Der Stehimbiss

18 06 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Stadt: moderner Dschungel, unübersichtlich wie das Innere einer Damenhandtasche, weit und breit sucht der aufrecht torkelnde Zweibeiner nach Orientierungsmöglichkeit und nutzt das geringste Ding, um sich seiner Existenz zu versichern. Am Schein der Peitschenlampen bemisst er die Stunden des Tages, den Zustand der Politik an jenen bunten Wandschmierereien, die Wirtschaftslage deutet ihm der Benzinpreis, und so strolchten Getriebene durch ewige Nacht, gäbe es da nicht rettende Inseln im Ozean der Müll- und Grauenseuche, Leuchtfeuer der Triebbefriedigung, schmierig, unfein und wie geschaffen als letzter Zaunpfahl, bevor man von der Erdscheibe kippt. Irgendwo ist da ein Stehimbiss.

In Randgebieten menschlichen Seins wachsen solche windschiefen Buden aus dem Pflaster, Anker für die Gestrandeten, Heimstatt der Beknackten auf der Suche nach Sozialisationsrestbeständen. Es sind die olfaktorischen Lockstoffe, mit denen der Wille gebrochen wird, wie sich Karnivoren, Sonnentau und Wanzenpflanze, damit eine Portion Fleisch in die Anatomie panzern, nur eben umgekehrt, denn hier ist die tote Sau selbst der Köder. Aufplatzender Darm schmurgelt auf dem Grillrost und bildet jene krustig-karzinogene Patina, die dem Städter, wenn er nicht noch Kettenraucher ist oder wenigstens im Geländewagen zum Kippenkasten bollert, das letzte Abenteuer ersetzt: Mensch sein, wo auch das nicht mehr als nennenswerte Auszeichnung gilt. Wogen der Zivilisation spülen sie an die Fressbutzen heran, Nachtschwärmer und Nachtwächter, Reisende ohne Ziel und Zweck, Bänker und andere Penner, und alle eint die Erkenntnis, dass ein Herrenoberhemd ohne Senfflecke nicht statthaft ist.

Ohnehin nehmen zahlreiche Ernährungstrends hier ihren Ausgangspunkt; schade, dass deren letzte, degenerierte Ausläufer auch hier wieder enden. An Thüringer und Schinkengriller gewohnt, Senfeimer im Anschlag, so wünscht sich der Testkandidat die Open-Air-Nahrungsaufnahme. Eigens durch heiße Abluft mit Kohl-, Fisch- und Rußfilteraromen versetzte Toastbrotscheiben, schräg durchschnitten, bröckeln am Rand des Papptellerchens entlang, allenfalls in diversen deutschen Regionen, die sie allesamt als erste erfunden haben, serviert man die Wurst mit braunsaurem Schmadder, der an einer Dose Currypulver vorbeigeschossen wurde, und feiert das Ergebnis als kulturellen Meilenstein; man kann das machen, aber dann sollte der in Phosphat getunkte Separatorenabfall an Fettfritten in einer Liga spielen mit Stalingrad, Hiroshima und Heino. Kulturelle Vielfalt ist der zum Scheitern verurteilte Versuch, Schaschlik, serbische Bohnensuppe mit Wurstresträdchen oder Bouletten auf Ćevapčići-Art ins westeuropäische Lager zu integrieren – die Ausweitung der Mampfzone bleibt zumindest konsistenztechnisch kompliziert, denn Feinheiten wie Geschmack, Nährwert oder Hygiene sind dem Fressfeind der Fleischklopse längst egal. Er vertraut auf die abhärtende Kraft des Faktischen, lässt sich in einer Doppelblindstudie – ein Auge frühzeitig weggesoffen, das andere in einer Rauferei jenseits der Promillegrenze eingebüßt – keine messbar lebensverkürzende Wirkung mehr feststellen, dann schwiemelt er die Reste unterhalb der Signifikanz mit Filterkaffee für bewusste Raucher weg und freut sich des Lebens. Trotz allem.

Aber machen wir uns nichts vor, in Wirklichkeit geht es auch hier nur um alkoholische Getränke und deren Verzehr in engen Zeitfenstern unter prekären Außenumständen – ein Hohlpflock mit Restniveau würde sich die Plempe an der Tanke ziehen und sozialverträglich unter der schlecht beleuchteten Autobahnbrücke durch die Blut-Hirn-Schranke bembeln, statt zum erhöhten Preis körperwarmes Proletenpils zu ordern, jenes Spaltprodukt, das den Schädel in die Zerfallsreihe einsortiert. Handelt es sich am Ende um ein streng gehütetes Geheimnis, wer an den nächtlichen Trinkritualen eines lockeren Männerbundes teilnehmen darf, so weiß die Horde der Bierfahnenträger sich doch in guter Tradition mit den weiland noch landesweit präsenten Trink- und Stehbierhallen, an denen so mancher sich vor dem Hereinbrechen des Dosenpfandes über die Gesellschaft hirnentlüfteter Mehlmützen in eifriger Schluckfron die Leber sturmreif gebechert hat. An der schmalen Theke des Stehimbisswägelchens spielt der große Gleichmacher, der Schluckstoff zur Synapsenverdunkelung, sein Potenzial zur Genesis einer egalitären Gesellschaft aus, ersichtlich und, wenn überhaupt, hörbar am polykakophonen Lallen der Schicksalsgemeinschaft, die Arm in Arm, mit einer Hand in Wurstreste geschmiegt, wacker jeder Sinnkrise trotzt, und sei sie aus Schweinenacken.

Man stelle sich so das Jenseits vor, seltsam schwankende Gestalten philosophieren vor sich hin über Weltgeist und Erbsensuppe mit Wursteinlage, die Jacken mit eingetrockneten Ketchupresten aus anderen Äonen imprägniert gegen das Eindringen der reinen Weltlichkeit, wo nur noch Stammelgäste am Tresen wesen. Die letzten Kristallisationskerne werden bleiben, wenn Städte in Schutt und Asche sinken, das Ewig-Leibliche. Und das Dosenpfand, damit das mal klar ist.





Codename: Tortilla Flat (IV)

22 07 2009

„Also jetzt noch mal langsam, Minnie: er häckselt da unten vergifteten Mais?“ Senior Special Agent Jeremiah Tipps hatte einige Dinge noch nicht ganz begriffen. Hermina Castafiore erklärte es ihm ganz langsam. „Er hackt Teile des Gencodes von Vögeln in eine Maschine“, erläuterte sie, „und baut daraus künstliche Maispflanzen. Sie dienen der indischen Terrorgruppe Chapati Freedom zur Koordination.“ „Und was wollen diese Typen?“ „Sie sind extremistische Hindus, die den Verzehr von Rindfleisch stoppen wollen. Also baut Cuthbert Suyabaram in die Maispflanze auch Vogelcode ein, damit…“ „Vogelkot?“ „Code, Tipps, Code. Er löst allergische Reaktionen aus, so dass die Tiere auf den südamerikanischen Zuchtfarmen sterben. Es wird keine Hamburger mehr geben. Keine Steaks. Und dann kann diese Bande die ganze Welt platt machen wie ein Fladenbrot, da sie den Weizenpreis kontrollieren. Nur eins verstehe ich noch nicht – warum muss man alle Rinder töten, um sie zu retten?“ „Religiöse Fundamentalisten gehen weder logisch vor noch nehmen sie Rücksicht“, antwortete Tipps, „für sie gibt es nur eine Macht: Geld.“

„Nimmermehr!“ Der ganze Raum war von unzähligen Vogelkäfigen umsäumt. Opalracke und Dollarvogel, Schwarzrückenschwalm und Zwergflamingo, Wundersylphe, Bountyscharbe und ein glänzend schwarzer Kolkrabe flatterten, keckerten, hockten in den Volieren. Er gab den Ton an. „Nimmermehr!“ „Noch ein Ton von dieser Nervensäge, und ich drehe ihm den Hals um!“ Officer Zina Davidowa war sichtlich angespannt. „Ruhig“, flüsterte Francesco DiNatro, „wir müssen zuerst Suyabaram ausschalten, bevor wir etwas unternehmen.“ Mit gezogenen Waffen schlichen sie die oberste der vier Emporen entlang, an denen die Drahtverschläge lagen.

„Frank!“ Charles McBoo flüsterte aus dem Knopf im Ohr des Agents. „Ihr müsst vorsichtig sein – er hat ein Sicherungssystem eingebaut, das alle 24 Stunden betätigt werden muss.“ „Und was passiert sonst, Bambino?“ „Er wird eine Explosion auslösen, die den Planeten erschüttert.“ „Geht’s nicht eine Nummer kleiner, McWeltuntergang?“ „Frank, hör zu: Ihr befindet Euch da, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte zusammenstoßen, genauer: über der Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens. Eine Vulkanzone, falls Du es vergessen haben solltest. Wenn Lystigarður Akureyrar in die Luft fliegt, werden wir es merken, weil kurze Zeit später ein Tsunami die Vereinigten Staaten von Amerika überrollt.“ Frank schluckte.

„Was machen Sie hier?“ Cuthbert Suyabaram wartete die Antwort gar nicht erst ab; er rannte in Richtung Einstiegsluke. Doch er hatte nicht mit Zina gerechnet, die ihm den Weg abschnitt. „Bleiben Sie stehen! Es hat keinen Zweck.“ Der Inder hatte die Wendeltreppe fast erreicht, als ihn Davidowa mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht setzte. Er brach zusammen.

Die Käfigtüren öffneten sich. Ein Gewirr von Vögeln schwirrte in den Raum, während sich ein Gitter über das Schaltpult der Maschine schob. „Hervorragend“, ätzte Frank, „er ist bewusstlos und wir haben noch genau drei Minuten Zeit, die Welt zu retten.“ „Glaubst Du, Du schaffst es noch rechtzeitig?“ „Nimmermehr!“ Der Rabe stolzierte um den Kasten und hob neugierig den Kopf. „Ach, halt doch den Schnabel!“ DiNatro suchte die Empore ab. „Wir importieren die Vögel aus Indien.“ „Was redest Du da?“ „Alfred Hitchcock, Die Vögel. Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor. Jetzt sag nicht, dass Du diesen Klassiker nicht kennst!“ „Offensichtlich hat er hier mit Maispflanzen experimentiert.“ Zina lachte bitter. „Ein Säckchen Saatgut. Wenn das hier in die Luft geht, haben wir wenigstens in der letzten Sekunde noch genug Popcorn, um…“ „Halt! Sagtest Du: Popcorn?“ Frank hatte die rettende Idee. Er griff in den Sack und angelte sich eine Handvoll Körner, die er durch die Gitterstäbe schnippte. Sie landeten zielgenau vor dem Raben, der sie sofort aufpickte. „Wo hast Du das so gut gelernt?“ „Beim Profi-Basketball, Zina.“ Sie blickte ihn erstaunt an. „Du hast mal in der Profiliga gespielt? Wow, das wusste ich nicht!“ „Genauer gesagt, ich habe mit Popcorn auf den Papierkorb gezielt, wenn mir langweilig war. Dabei lief dann meistens Basketball im Fernsehen.“

Der Rabe folgte der Maisspur. Er flatterte auf den Sessel, auf das Pult, und als Frank ein Maiskorn direkt auf den rot leuchtenden Taster schnellte, hackte der Raubvogel darauf. Das Aggregat fuhr herunter. „Boss? Wir haben das Ding gestoppt. Zina hat Suyabaram erledigt. Aber wir wissen noch nicht, wie wir an die Maschine rankommen sollen. Hier muss irgendwo ein Hebel sein oder eine Fernbedienung oder…“ „Such weiter.“ Das Licht flackerte auf und verlosch. Die Gittertüren der Käfige schlossen sich scheppernd. Der Schutzrost fuhr zurück. „Was zum…“ „Darf ich den Notausknopf drücken“, fragte Zina trocken, „oder verstößt das gegen die Vorschrift?“

„Glückwunsch, Frank. Gut gemacht, Zina. Ich erwarte Euch heute noch zurück. Und ich hoffe, Ihr bringt uns ein bisschen Popcorn mit.“ Minnie drängte Tipps beiseite. „Ein sprechender Rabe? Cool! Ihr müsst den für mich… ich meine, er ist ein Beweismittel und ich will ihn sofort hier in meinem Labor haben, Special Agent DiNatro!“ Der Rabe hüpfte auf das Notebook und pickte nach der Kamera. „Nimmermehr!“

Teil I

Teil II

Teil III





Codename: Tortilla Flat (III)

20 07 2009

Doktor Lawrence Sweetbay zog den Mundschutz ab. „Unser Marine wollte uns den entscheidenden Hinweis schon geben, er lag ihm sozusagen auf der Zunge. Dies, Jeremiah, ist der Calamus der Feder eines Raben.“ „Sehr gut, Lawreau“, lobte Tipps, „wir wissen jetzt, dass wir es mit einem echten Unglücksvogel zu tun haben.“ „Gute Arbeit braucht eben Sorgfalt und Zeit“, gab der Gerichtsmediziner geschmeichelt zurück. Sein Assistent Johnny Talker warf sich in die Brust. „Ich erledige meine Aufgaben immer so schnell wie möglich.“ Doktor Sweetbay grinste in sich hinein. „Wusstest Du, dass ‚Kalamität‘ eigentlich calamitas, also den Misswuchs von Getreide bedeutet? Vielleicht kein Zufall, wo doch Mais im Spiel ist.“

Special Agent Francesco DiNatro grübelte. „Auf der einen Seite wissen wir jetzt, dass wir nach einem Raben suchen müssen. Aber wenn hier kein Maisfeld mehr… Zina, was machst Du da?“ Officer Davidowa suchte das Ufer ab. „Ich suche diese Schnur. Wenn ich jetzt nichts finde, habe ich einen Beweis.“ „Lass das und komm her! Ich bin hier der Boss, Du bist weisungsgebunden!“ „Was mich an Dir stört, ist, dass es mich schon nicht mehr stört“, fauchte sie zurück. Da flog Frank in die Blümchen. „Was soll das werden?“ „Ich sichere Beweismittel“, knurrte DiNatro, „an diesem Faden muss etwas hängen.“ Und er watete in den See, der zu seiner Überraschung bis zur Mitte kaum knietief war. „Ich hab’s!“ An der Schnur baumelte ein Päckchen: ein flaches, metallenes Kästchen. Vakuumverpackt.

„Wie soll das ich in der kurzen Zeit via Satellit hierher kriegen“, stöhnte Charlie, „das ist technisch unmöglich.“ „Dann beeil Dich, McBoo.“ „Tipps, es sind gut ein Terabyte Daten auf der Platte. Ich kann nicht die Lichtgeschwindigkeit neu erfinden.“ Hermina Castafiore blickte besorgt. „Er weiß nicht genau, was ein Terabyte ist?“ „Schlimmer“, ächzte Charlie, „er hat keinen blassen Schimmer, was eine Festplatte ist.“

„Treffer! Treffer! Treffer!“ Minnie hüpfte wie ein Gummiball auf Speed durchs Labor. „Wir haben den Entschlüsselungsalgorithmus! Jetzt kommen wir an alle Daten ran!“ Frank betrachtete skeptisch den Laptop. „Was ist das? CAT ATTACCA AT TAG – das ergibt doch alles keinen Sinn!“ „Nicht, wenn man es nicht versteht“, gab McBoo genüsslich zurück, „aber wir wissen jetzt, wer unser Mann ist. Er heißt Cuthbert…“ „… Suyabaram und hat einen kanadischen Akzent?“ „Richtig. Allerdings besitzt er nach wie vor die indische Staatsbürgerschaft. Ein Ornithologe und ehemaliger Stipendiat der Edinburgh Medical School.“ „Er war Jahrgangsbester“, ergänzte Lawreau, „und hat ein Aufbaustudium in Mikrobiologie.“ „Was ist sein Plan?“ „Er nutzt den Genmais tatsächlich auf zwei Arten, wie wir angenommen hatten. Einerseits für die Spionage, andererseits lösen die von ihm erdachten Genmanipulationen spezifische Defekte aus. Unser unglücklicher Marine starb an einem Mokassinotterschock, jetzt baut er Sequenzen von Vögeln ein.“ „Wozu soll das gut sein?“ „Wir wissen es nicht. Vielleicht eine Massenvernichtungswaffe auf der Grundlage von Vogelgrippe.“

„Ich will Beweise. Frank, Tatortskizzen. Ich will wissen, wo es in Akureyri einen geeigneten Ort für dieses Verbrechen geben könnte.“ Zina war irritiert. „Aber wir haben doch jeden einzelnen Winkel hier fotografiert. Du musst die Fotos längst haben, Boss.“ „Ich habe schon bessere Bilder von einem Ufo gesehen“, knurrte Tipps, „sucht weiter.“

„Lass uns logisch vorgehen, Zina.“ Er sondierte das Gelände. „Das Orchideenhaus ist ungefährlich. Aber dieser Teich kommt mir irgendwie merkwürdig vor. Die Geschichte mit der Insel kann nicht stimmen, und Paddelboote hat es hier auch nie gegeben. Der Schlüssel muss hier liegen.“ „Aber was willst Du in dieser Pfütze verstecken“, entgegnete Zina, „sie ist viel zu flach.“ „Vielleicht unter der Cafeteria? Denk an die Polenta-Taler, wo es die gibt, ist auch Maismehl nicht weit.“

„Ich glaube, so könnte es gehen. Ja, das muss es einfach sein.“ Charlie blickte auf die Buchstaben, die kolonnenweise den Monitor herunter ratterten. „Ich habe einen heuristischen Suchalgorithmus geschrieben, mit dem wir die Schlüsselbegriffe aus dieser Datenhalde herausfiltern werden. Dann werden wir wissen, wonach wir gesucht haben.“ Talker verstand nichts. „Du willst diese ganze Festplatte durchsuchen?“ McBoo drehte genervt den Kopf. „Nein, nur zur Hälfte. Danach habe ich vermutlich keine Lust mehr.“ Genau in diesem Moment meldete sich Akureyrarkaupstaður. „Los, Spongebob! Sag uns, warum wir immer noch hier sind!“ „Es kommt gerade rein. Ihr sucht einen großen Raum mit einer Deckenhöhe von sieben Metern. Er heißt Tortilla Flat.“ „Aber das ist doch absurd, überall sind ein- und zweigeschossige Häuser. Nicht mal mit einem Keller wäre das Orchideenhaus so groß.“ „Sagtest Du: Keller?“ Zina war aufmerksam geworden. „Der Raum könnte doch unterirdisch liegen.“ „Dann müsste er hier in der Nähe des Sees sein.“ Sie umrundeten das Gewässer mehrmals in jeder Richtung. Plötzlich entdeckte Frank einen silbrigen Schatten auf dem Grund. „Das sieht nach einer Luke aus.“ Er sprang ins Wasser und watete zu der glänzenden Stelle. Auf einmal blieb er an einem Hebel hängen. Ein schlürfender, schmatzender Laut ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Verblüfft sahen die beiden Agents, wie sich Wirbel bildeten. Gurgelnd strudelte das Wasser in einen Abfluss. Zina gewann als erste die Fassung wieder. „Tipps? Frank hat den Stöpsel gezogen!“

Fortsetzung folgt.

Teil I

Teil II

Teil IV





Codename: Tortilla Flat (II)

15 07 2009

„Lystigarður Akureyrar“, buchstabierte Francesco DiNatro, „wer denkt sich solche Namen aus?“ „Die Isländer. Die meisten sprechen Isländisch – im Gegensatz zu Dir, Frank.“ Special Agent Charles McBoo lächelte nachsichtig. Immerhin war es ihm zu verdanken, dass er den Standort der speziellen Tomate so schnell ausfindig gemacht hatte; die Tomatensauce konnte nur von den drei Pflanzen stammen, die im Botanischen Garten von Akureyri standen. Der Rest war Routine. Das Telefon piepte. Tipps horchte angestrengt und legte wieder auf. „Minnie hat etwas für uns. Los, kommt mit.“

„Genau genommen ist es ein Stückchen tRNA, das spiegelverkehrt in den Mais eingesetzt wurde“, erläuterte Hermina Castafiore, „etwas Gencode von Corvus corax.“ Zina Davidowa blickte erstaunt. „Ein Rabe? So ein schwarzer Vogel? Wie bei Poe?“ „Ah, ich verstehe!“ Charlie hatte die genetische Sequenz überflogen. „Es ist eine monographische polyalphabetische monopartite Substitution, die Enigma-Maschine hat einen ganz ähnlichen…“ Der Boss nagelte ihn mit einem Blick an die Wand. Minnie half ein. „In Tipps-Sprache: es ist ein Geheimcode im Genmais.“ Frank grübelte. „Geniale Idee. Sie bauen Mais, der den Code transportiert und als Killerwaffe funktioniert.“ Er grinste. „Und wer den Burrito nach dem Lesen isst, verwischt aus Versehen gleich alle Spuren. Ich schlage vor, ich fliege nach Island und nehme sofort die Ermittlungen vor Ort auf.“ Tipps schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. „Regel Nummer 15.“

Akureyrarkaupstaður zeigte sich von seiner besten Seite. Der Frühdunst mündete übergangslos in Hochnebel. Zina und Frank waren seit einer Stunde im Botanischen Garten unterwegs und wussten noch immer nicht, wonach sie suchten. „Wir rennen hier ewig im Kreis und finden nichts!“ „Das kommt Dir nur so vor“, belehrte Frank sie, „eins Deiner Beine ist kürzer, deshalb denkst Du, dass Du im Kreis herumlaufen würdest.“ Sie fuhr aus der Haut. „Ich kriege Kreisverkehrsstörungen!“ „Du meinst Kreislaufstörungen, aber das ist etwas ganz anderes.“ „Warum müsst Ihr in Eurer Sprache auch so furchtbar komplizierte Wörter haben!“

Die beiden hatten die Tomate rasch geortet. Sie stand in einem Zierpflanzenhain mit Gurken und Knoblauch. Doch wo war der Mais? „Das Feld befindet sich ungefähr hundert Meter weiter östlich“, wies McBoo über den Sender an, „Ihr lauft direkt darauf zu.“ Zina checkte mit einem kurzen Blick die Lage. „Er meint sicher ein Reisfeld. In fünfzig Metern geht es bergab und dann kommt so eine Art Goldfischbassin.“ „Tipps, ich habe da eine Befürchtung.“ Die Forensikerin war in den Videokonferenzraum getreten. „Es ist etwas in dem Code. Es ist irgendwie unheimlich, aber weil es heimlich hinein geschrieben wurde, ist es natürlich unheimlich heimlich, obwohl ich es eher heimlich unheimlich finde, und dann ist es auch wieder unheimlich unheimlich, allerdings…“ „Minnie!“ „Irgendwie verstehe ich nicht, wie diese ganze Pflanze überhaupt existieren konnte, denn quasi die komplette Gensequenz ist eine verschlüsselte Information.“ „Boss, der Typ muss einen Gen-Hack durchgeführt haben, wir könnten die Basentripel höchstens in Polynomialzeit…“ „McBoo, kannst Du das auch so sagen, dass ich es heute noch kapiere?“ „Äh, das Ding da ist verdammt gut verschlüsselt. Vielleicht haben wir eine Chance, wenn wir es durch den Roadrunner im Los Alamos National laufen lassen, dann…“ „Fein, McBoo. Du hast drei Stunden.“

Das Satellitenbild flackerte, aber das Gras zeigte eine deutlich andere Grünfärbung am Ostrand des Tümpels. „Der Rasen muss erst kürzlich ausgesät worden sein, oder es ist eine andere Sorte.“ „Finde heraus, warum.“ „Tipps, Rasen, Gänseblümchen, was…“ „Ah, ich verstehe, DiNatro. Beim NCIS interessieren uns nur Beweise, die uns gefallen.“

Plötzlich schlug Zina der Länge nach ins Gras. „Verdammt, pass doch auf“, schimpfte Frank, „oder binde Dir wenigstens einmal am Tag die Schuhe richtig zu.“ „Da war etwas.“ „Wenn da etwas war, wird es entweder jetzt immer noch da sein, oder es ist nichts da, dann war da auch nichts.“ Tatsächlich lief ein dünner Nylonfaden von dem Zaunpfahl in die Uferböschung. „Es könnte sein, dass der Untergrund vorher planiert oder mit Holzbohlen ausgelegt war.“ „Dann war das eine Platzanlage?“ „Du meinst: ein Anlegeplatz.“ „Warum muss diese verdammte Sprache immer so schwierig sein!“

„Was haben Sie hier zu suchen?“ Der Wächter war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er richtete die Waffe auf die beiden. „Bundesagenten! Special Agent Francesco DiNatro, Officer Zina Davidowa. Wir ermitteln hier in einem Mordfall.“ „Dann entschuldigen Sie bitte die harsche Ansprache“, gab der Mann zurück, „ich bin Cuthbert Suyabaram, der Kustos des Naturhistorischen Instituts. Kann ich Ihnen helfen?“ Frank verstaute den Ausweis in seiner Jackentasche. „War das hier einmal ein befestigter Weg?“ „Bis vor kurzem war das der Anlegeplatz für die Paddelboote. Aber nachdem die künstliche Insel für den Süßgrasgarten immer unterging, haben wir auch die Boote verkauft.“ „Gibt es hier ein Maisfeld?“ „Bedaure, nicht mehr. Wir haben es für das neuen Orchideenhaus gerodet. Haben Sie noch weitere Fragen? Darf ich Sie zu mir ins Institut einladen? Wir könnten dort beim Essen alles besprechen. Es gibt heute Schweinemedaillons mit Polenta-Talern.“ Zina schüttelte sich. „Ich hoffe, ich kann mir etwas anderes bestellen.“ DiNatro grinste. „Man kann nicht bestellen. Man isst, was auf den Tisch kommt, und lächelt. Genau wie in einer Ehe.“

Fortsetzung folgt.

Teil I

Teil III

Teil IV





Codename: Tortilla Flat (I)

13 07 2009

„Ah, ich habe einen Bärenhunger!“ Petty Officer Sean Toad sprang von der Pritsche des Lasters und hielt Ausschau nach der Verpflegung. Der Staff Sergeant winkte ab. „Der Alte hat angeordnet, dass die Unterkünfte geputzt werden“, knurrte er, „und zwar wie immer mit der Zahnbürste.“ Der Regen setzte wieder ein. Annapolis lag seit Wochen unter Tiefausläufern, was die Laune der Mannschaft auch nicht gerade zu verbessern half. Murrend machten sie sich auf den Weg ins Haus, als Fred Chan das kleine Päckchen in Aluminiumfolie entdeckte. „Da liegt ein…“ „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, grinste Sean und wickelte das runde Ding auf. „Ein Burrito! Und noch warm! Und ich spüre es, wie er sich wehren will – Leute, ich werde ihn beißen müssen, daran führt jetzt kein Weg vorbei!“ Der Unteroffizier hieb die Zähne in den Maisfladen. „Avocado – ich liebe Avocado!“ Sprach’s, verdrehte die Augen und fiel wie ein Stein zu Boden. „Hey, was ist los? Sag doch etwas!“ Die Männer rüttelten ihn an den Schultern. Doch er war schon tot.

„Warum sollte ich einen Goldhamster haben?“ Special Agent Charles McBoo war genervt. „Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen, Bambino“, triezte ihn Francesco DiNatro, „und Du willst uns doch nicht erzählen, dass eine Frau daran Schuld war.“ „Natürlich war es so! Ich kenne Claire noch vom MIT, wir sind uns in einer Bar begegnet, ich habe sie eingeladen, und dann wurde es spät.“ „Er rückt nicht mit der Wahrheit raus?“ Officer Zina Davidowa zog mokant eine Braue hoch. „Bei uns würde man…“ „… ihm die Finger einzeln brechen, ich weiß“, fiel Frank ein. „Ich werde Dir jeden doppelt brechen, DiNatro. Charlie, die Ausrüstung. Frank, den Truck. Ein toter Marine in Maryland.“

„Ich sehe keine Anzeichen von äußerer Gewalt, Jeremiah. Er könnte vergiftet worden sein, er hat leichte Einblutungen und postmortale Mydriasis.“ Doktor Lawrence Sweetbay kratzte sich am Kopf. „Ich hatte einmal so einen Fall in Essex bei einem Fischhändler, einem jungen Mann, der übrigens…“ „Lawreau“, mahnte der Boss. „Du erfährst die Todesursache, sobald ich ihn zu Hause auf dem Tisch habe.“ Zina äugte um sich. „Es scheint leichte Spannungen zu geben.“ „Sie hatten seit dem Frühstück nichts zu essen“, erklärte Frank und fotografierte, „aber das rechtfertigt noch keinen Mord.“ „Du würdest für einen Burrito einen Mord begehen – dabei fällt mir ein, dass Du mir noch dreißig Dollars schuldest.“ „Die kriegst Du von Charlie“, grinste DiNatro, „ich habe mit ihm gewettet, dass Du Dich nicht mehr erinnerst.“

„Bring das zu Minnie.“ Sweetbay ließ einen Brocken des Burrito, den er aus Sean Toads Magen gekratzt hatte, ins Probenglas fallen. Johnny Talker pfropfte das Behältnis zu und lief sofort zum Fahrstuhl. Doch das forensische Labor war leer. Wo war Minnie? Ein Paar Stiefel ragte unter dem Tisch hervor. „Gleich geht es Dir besser!“ „Ääh… warum?“ Hermina Castafiore rollte mit Schwung unter dem Massenspektrometer hervor. „Stör mich jetzt nicht! Ich rede mit meinem Baby!“ „Ich habe hier einen Burrito“, brachte sich Talker in Erinnerung. Minnie blickte skeptisch auf das Reagenzglas mit dem Krümelchen. „Das nennst Du einen Burrito? Ich wusste es, man soll mit Männern nicht über die Größe diskutieren.“

Unterdessen ermittelte das Team fieberhaft, was es über den Petty Officer zu wissen gab. „Ein Strafzettel wegen Falschparkens“, las McBoo in den Akten, „und einen Rüffel, weil er sich bei der Parade die Krawatte nicht richtig gebunden hatte. Ansonsten…“ „… hätte sich unser Bambino die Akte ganz durchgelesen und herausgefunden, dass es bereits ein schwarzes Schaf in dieser Einheit gab. Staff Sergeant Dick Tator. Unehrenhafte Entlassung aus der Truppe. Er wurde angeklagt.“ „Weshalb?“ „Derselbe Grund, weshalb ich auch in den Knast komme, wenn Frank nicht gleich verschwunden ist.“ Tipps hatte sich leise von hinten genähert und setzte sich ungerührt an seinen Schreibtisch. „Zina, Neues von der Heimatschutzbehörde?“ „Nein, sie haben alles geprüft. Keine Spuren deuten darauf hin, dass der Burrito Verbindungen zu einer terroristischen Organisation haben könnte.“

Aus dem Labor dröhnte ohrenbetäubender Krach. Elektrisch verstärkte Kettensägen frästen sich durch Stahlbeton. Darunter wummerten rhythmische Bohrhämmer. „Mach das aus!“ Nichts passierte. „Mach das gefälligst aus!“ Mit einem Knopfdruck erstarb die Kakophonie. „Das kannst Du nicht machen! Das war die Neue von Plastique & The Surgeons!“ „Du wirst den plastischen Chirurgen brauchen, wenn Du nicht fertig bist.“ Minnie schlug die Hacken zusammen. „Ich habe zwei Substanzen aus dem Burrito von Lawreau isoliert, willst Du wissen, was es ist, Boss?“ „Nenn mich nicht Boss.“ „Es ist Tomatensauce aus einer Tomate…“ „Was Du nicht sagst!“ „… aus einer Tomate aus Island! Und es ist eine veränderte DNA-Struktur, Boss!“ „Nenn mich nicht Boss!“ „Zu Befehl, Ma’am!“ „Minnie!“ „Eine Tomate, auf Isländisch: Tómatur. Das klingt wie Latein, aber tomare gibt es nicht oder tomari, und das klingt wie Tamari, und das ist eine japanische…“ Er hielt ihr den Mund zu. „Das Massenspektrometer hat da noch etwas entdeckt. Calloselasma rhodostoma.“ Er sah Minnie fragend an. „Die Malayische Mokassinotter. Sie war in der Gensequenz des Maismehls.“ „Der Burrito war vergiftet?“ „Nicht der Burrito“, druckste Minnie, „der Mais. Der Mais von der Population von der Plantage von dem Feld von der Pflanze von dem Kolben von dem Maismehl, aus dem der Burrito… Du verstehst?“ „Massenvernichtungswaffen?“ „Ja, Tipps. Diesmal wirklich.“

Fortsetzung folgt.

Teil II

Teil III

Teil IV