Innere Werte

6 02 2019

„Unser Sonderangebot diesen Monat ist das Komplettpaket Kastration, aber das kommt für Sie ja gar nicht in Frage. Wir sind auch keine Klinik für kosmetische Feinfleischerei, wie uns auf diversen Fachportalen nachgesagt werden, wir verdienen unser Geld mit komplexen chirurgischen Eingriffen, und das soll auch so bleiben.

Sie haben unsere Reklame in der S-Bahn gesehen? Das ist gut angesagtes Geld, sage ich immer. In der S-Bahn hat man viel Zeit, kann sich ganz den eigenen Vorstellungen hingeben, und dann hat man gleichzeitig als Korrektiv vor zu viel Subjektivität die anderen vor Augen, wie sie alle da sitzen und stehen. Da überlegt man sich: hatte die nicht schon zweimal Galle, hat der demnächst Bandscheibe? Und haben die schon einen Termin reserviert? Und wie können die sich das überhaupt leisten? Es wird ja längst nicht alles von der Kasse übernommen, ganz im Gegenteil, die wollen ihre Kosten auch so gering wie möglich halten, aber das kann doch unsere Kunden nicht beeinflussen. Die wissen die Qualität unserer Arbeiten schließlich viel zu sehr zu schätzen. Wir arbeiten hier schließlich nicht homöopathisch, wir sind richtige Ärzte.

Magenverkleinerung ist momentan sehr en vogue, da mussten wir die Preise schon verdoppeln, um die Warteliste in den Griff zu kriegen. Da kommen Sie noch am ehesten dran als Privatpatient, wenn Sie beispielsweise eine Karriere als Model anstreben. Sie erhalten gegen Aufpreis auch gleich die Psychotherapie, damit Sie die OP und ihre Folgen verkraften, denn das muss Ihnen vorher klar sein: ganz ohne Konsequenzen wird das nicht sein. In keinem Fall. Es ist auch eine Begegnung mit sich selbst, verstehen Sie, und das hat immer Folgen.

Schauen Sie, was hatten wir nicht damals für einen Druck mit Tätowierungen, mit Piercings, das ganze Zeug, dann musste man das ja irgendwann auch haben, sonst war man komplett raus aus der Peergroup, aber hat uns das weitergebracht? In den USA lassen Sie sich in dem Alter zum ersten Mal die Nase zurechtschneiden, das geht ja entfernt in unsere Richtung, aber dasselbe ist es nicht. Das kann man auch nur einmal machen, insofern ist der Erlebnisfaktor vielleicht hoch, aber selbst da ist die Gefahr groß, dass Sie mit Ihrem neuen Riechkolben nicht wirklich glücklich werden. Da zählen dann doch mehr die inneren Werte.

Für Einsteiger würde ich einen kleinen Eingriff mit zwei bis drei Tagen Erholung im Sanatorium empfehlen, eignet sich ideal für den achtzehnten Geburtstag, man kann da gemütlich reinfeiern, und dann geht’s irgendwann ab in den OP-Bereich. Mandeln kappen, Blinddarm raus, solche Sachen halt. Geschadet hat es noch keinem, und was Sie da als erstes Erlebnis aus unserer Klinik mitnehmen, das prägt Sie natürlich positiv für Ihr weiteres Leben als Kunde.

Wie fanden Sie denn jetzt den Spot mit den beiden Lottogewinnern und der Studenten-WG? Hat Sie das angesprochen? Man möchte natürlich auch nichts Negatives kommunizieren, und wenn wir im Aufklärungsgespräch sind, gehen wir sowieso noch einmal gesondert auf Ihre Erwartungen ein. Wir wollen ja nicht, dass Sie so ganz ohne Bandscheiben auf den Gedanken kommen, jetzt wäre ein bisschen Rückgrat mal fein, nur haben Sie leider keins mehr. Das weiß man vorher bei uns. Wir informieren ja auch. Wir werben zunächst mal, schließlich verdienen wir unsere Kohle mit diesen Dienstleistungen, aber dann informieren wir Sie auch. Zum Beispiel darüber, dass wir nämlich auch werben. Das macht die Sache noch viel transparenter, wenn Sie das wissen.

Dieser Prospekt ist doch eher für die Hi-End-Abteilung, gerade aus finanziellen Gründen. Das ist ein komplettes Kniegelenk aus Titanstahl, wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht, die Kunden konnten schon wenige Wochen nach der Implantation wieder Champagnergläser halten und sich auf der Motorjacht im Mittelmeer angucken, wie die Asylanten absaufen. Lebensqualität pur! Wenn Sie wirklich den Distinktionsgewinn wollen, hier ist er.

Das Wellnessprogramm können Sie trotzdem buchen, wir haben das als Rabattmodell: zehnmal bezahlen mit der Stempelkarte, einmal umsonst. Ein ganzes Wochenende zum Fixpreis, Rücktransport ist im Preis selbstverständlich nicht enthalten, das müssen Sie selber bewerkstelligen, sonst kriegen hier Sie alles. Magen auspumpen, Darmspiegelung, auf Vorbestellung Leberpunktion – andere legen sich in flüssige Schokolade oder hauen sich Reisig auf die geschwollene Haut, da kann man sich doch mal klinisch verwöhnen lassen?

Im härteren Fall können Sie auch gerne eine Niere spenden, immer auf die Gefahr hin, dass die gerade nicht gebraucht wird und im Klinikabfall landet. Die Bonuspunkte bekommen Sie trotzdem auf Ihrer Kundenkarte gutgeschrieben, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Kundenbindung geht uns über alles. Also Sie können die Übersicht mit der Preisliste auch gerne mal mit nach Hause nehmen, das ist vollkommen okay, und wenn Sie eine Frage haben, kontaktieren Sie uns oder lassen Sie sich gleich mit der Hotline verbinden. Wir finden immer das beste Produkt für Ihre Anforderungen, für jeden Bedarf, für jede Situation. Ach, Sie sind schwanger? Moment mal, ich glaube, da habe ich etwas für Sie.“

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Aufbaukurs II

11 12 2018

„Heiratsmaterial, würde ich sagen. Kann schon die Pantoffeln holen, kocht inzwischen ganz gut, also Dosensuppe, Gartenarbeit, aber sonst: picobello. Heiratsmaterial. So eine Hausfrauenschule ist doch durch nichts zu ersetzen.

Als mein Großvater damit angefangen hat, das war gleich nach dem Krieg, wir hatten ja nichts, nicht mal Dosensuppen, Dosen hatten wir, aber die Suppe musste man selbst mitbringen, und da haben wir die neue Generation der deutschen Familie in Schuss gebracht. Zucht und Ordnung, klar verteilte Rollenbilder, da wusste man noch, wer wofür die Zuständigkeit hatte. Alles war einfacher, also nicht wirklich einfach, man musste sich ja bei vielen Dingen erst durchsetzen, aber der Gesetzgeber hatte auch andere Vorstellungen als heute. Das muss man alles mitberücksichtigen. Wir hingegen, wir sind da recht modern und können die… –

Meine Güte, doch nicht mit dem Zeug! Wie oft habe ich Ihnen das gesagt, erst die Möbelpolitur, dann noch mal trocken drüberwischen! Machen Sie das zu Hause auch? Ich meine, dürfen Sie da die Möbel überhaupt anfassen? Wenn Sie so putzen, wie Sie kochen, nein: wenn Sie so kochen, wie Sie putzen, dann ist das auch kein Wunder, dass Sie noch Single sind. Jetzt stellen Sie sich hier nicht so an, das ist schließlich schon der Aufbaukurs II, die anderen Kurse haben Sie wohl im Tiefschlaf hinter sich gebracht, wie!?

Immer noch viel von den Eltern, ja. Wir haben ja auch ein gewisses Niveau, also preislich, und da leistet man sich in der höheren Mittelschicht, wo man auch ein Privatflugzeug hat und Verwandte, die wegen Steuerhinterziehung brummen, da leistet man sich so ein Programm für den Nachwuchs. Wir haben die besten Referenzen, dessen versichere ich Sie gern. Und wir stehen ganz im Dienste des Gemeinwohls, deshalb sind unsere Kurse auch so sozialverträglich. Außerdem lernen Sie hier den… –

Ich werde noch wahnsinnig! Das Ei wird vorher mit der Gabel ordentlich verrührt, Salz und Pfeffer, die Pfanne gut buttern, aber doch nicht so! Es hilft auch nichts, wenn Sie jetzt die Pfanne wie blöde in der Küche herumschwenken, das wird so jedenfalls nie ein vernünftiges Rührei. Und ich möchte auch nicht die Eierschalen in der Spüle liegen haben, Sie schmeißen dann wieder Besteck drauf, dann haben wir die Eierschale im Abfluss, das muss doch nicht sein! Herrgott im Himmel, warum habe ich mich nicht im Insiderhandel selbstständig gemacht! Man ist von asozialen Arschlöchern umgeben, aber man ist selbst eins und merkt es nicht so.

Wo waren wir? Geschlechterrollen. Früher hatte man ja gar keine Wahl, auch diese Festlegung, ob man Beruf oder Karriere machen wollte, die stellte sich einem gar nicht in den Weg. Wer sich eine Entscheidung offen halten wollte, der musste dann früher oder später feststellen, dass die gar nicht mehr zur Debatte stand. Aber das ist jetzt anders, und in der Hinsicht ist es gut, dass wir in der Gegenwart leben. Keine Klischees mehr, man kann sich heute ganz ideologiefrei für einen Lebensweg entscheiden, wenn man akzeptiert, dass man diese Entscheidung nicht mehr revidieren wird.

Und wir sind technisch gut ausgerüstet, wenn Sie mal schauen möchten. In unserem Atelier haben wir eine ganze Fensterfront, immer bereit zum Putzen dank einer neuen Berieselungsanlage, die in zehn Minuten frische Schmutzstreifen anbringt, und wenn Sie mal hier in unserem Bügelzimmer… –

Ich rege mich nicht auf. Ich rege mich nicht auf, damit das mal klar ist! Meine Herren, ich habe noch nie in meinem Leben jemanden derart umständlich ein Oberhemd bügeln sehen, und ich bin seit mehr als dreißig Jahren im Geschäft. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Herrenoberhemd gesehen? und das hatte solche Knitterfalten? Damit können Sie ja Reklame für Wellpappe machen! Es ist nicht zu glauben! Da kauft man die teuersten Bügeleisen, die machen die Arbeit quasi von alleine, einmal auf den Knopf drücken, zack! mit einem Dampfstoß vorne, und hinten, und hier, und da, wenden, noch einmal so, und falten, Manschette, Manschette, und jetzt ab auf den Bügel. Ich arbeite hier mit Idioten, oder vielleicht bin ich selbst einer.

Das Gute ist, wir geben nie die Hoffnung auf. Das machen wir unserer Kundschaft auch immer wieder klar: solange wir dafür bezahlt werden, machen wir immer weiter, bis es klappt. Bei uns lernen Sie kochen und backen, die üblichen kleinen organisatorischen Dinge des Haushalts, etwas Technik – man muss ja nicht jeden Mal den Klempner rufen, wenn der Abfluss überläuft – und alle Putzarbeiten. Kinder sind fakultativ, dafür gibt es auch andere Anbieter, und wenn man den Spagat zwischen Erziehung und beruflichen Pflichten für sinnvoll hält, gut, warum nicht. Aber wir warnen auch davor, das auf die leichte Schulter zu nehmen, das rächt sich. Die realistische Einschätzung geht oft verloren, und aus unserer Perspektive ist ein gutes Rührei immer besser als ein Posten im Aufsichtsrat. Und nachhaltiger sowieso.

Wie gesagt, wenn Sie sich für unser Programm erwärmen würden, könnte ich Ihnen gerne mal ein Angebot zukommen lassen, Schnuppertag umsonst, Termin machen wir telefonisch ab, und unser neues Verzeichnis ist… – Ich werde gleich zum Mörder! Sehen Sie sich diese Handtücher an, das ist doch Kochwäsche! Das steht doch sogar auf dem Etikett! Nein, ich rege mich nicht auf, aber das hört mir nach diesem Kurs auf, und zwar endgültig. Nie wieder Männer!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCII): Rechter Antifeminismus

3 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Führer, wir folgen! Maid und Mutter machen mutig Menschenmarmelade, wenn der Bettnässer aus Braunau es braucht! Das Frauenbild in der Zeit der NSDAPopanze hatte jene lustige Mischung von Brechmittel und Sprengstoff in sich, wie sie sich kein zugekiffter Sozialpädagoge hätte ausdenken können. Mehrheitlich konservativ lehnt die teutsche Frau das feministische Reformprojekt ab, da die Rechtsausleger jedoch Freiheit (die sie meinten) für Weib und Wirklichkeit zum Brauchtumsterrorismus erhoben, wankte und wich Widerstand, weh-weh, auf dass wehrhaft sich militärisches Gemädel am Hülsendrehwerk zeigte. Dafür, Fraue, ist Dein Verlust gut! die arische Geschichte gedenkt Deiner (abzüglich 45 Prozent Generalrabatt vor und nach der Unschuldserklärung) an Sonn- und nicht mehr zu vermeidenden Feiertagen. Zum Schluss aber waren die Deutschherren kuriert, besonders als zehn von drei Abendlandsern im Widerstand gewesen worden waren, und da begann die Rolle rückwärts in der Rolle rückwärts. Der komisch inkonsequente Antifeminismus der Faschisten zeigt auf brachiale Art, was dies als evolutionärer Irrweg auftretende Genomgulasch der völkischen Spulwurmaufzucht zu bieten hatte.

Erwartbar für den rechten Rand ist zunächst der grundlegende Antiliberalismus, der allem, was nicht wie der national wertvolle Krieger aussieht – weiß, Y-Chromosom, geistig allen anderen natürlich weit überlegen – alle Freiheit abspricht. Alles, was da außerhalb der eigenen Kaste kraucht, ist fern der eigenen kleinen Welt Feind, innerhalb knapp über dem Heimtier. Wer sich vom prüden Ideal eines völkischen Zwangsstaates abwendet, wie ihn sich die Sippenkasper in feuchtbraunen Träumen zusammenschwiemeln, ist Gegner, im Falle des konstruierten Geschlechtergegensatz Antagonist, jedenfalls aber kein Fall von Augenhöhe – wie auch soll das ein gestandener Männerbündler mit einer Erziehung aus Erdfraß und Ohrfeigen kapieren, dass es intellektuell Sphären gibt jenseits des tumben Gedödels um Blut und Boden. Die einfachen Formeln, in die Gestaltungsgrundsätze einer auf Machterhalt gegossenen Betonschicht geritzt, waren vielleicht für die Nachwelt lesbar, für Zeitgenossinnen größtenteils lebensgefährlich und allen anderen Beteiligten schlicht nicht wichtig genug. Das Pack hatte sich die Ecke gemalt. Pech.

Wie so vieles am Extremismus ist auch der Antifeminismus die gelebte Ambivalenz des Beknackten. Gemeinsam mit dem ubiquitären Geopfere, das alle Machtmenschen trefflich als Waschlappen erster Kajüte ausweist, will die Schädelvollprothese doch nur Mann sein, Herr und Meister über alles, was er nicht zu den seinen zählt, gleich, ob Neger oder anderweitig am Inbegriff des Nibelungenhelden orientiert. Fräuleins dürfen ruhig Karriere machen, aber die eigene Schlampe kriegt ins Zahnfleisch, wenn sie aus der Küche geht. Der identitäre Dumpfschlumpf geht davon aus, dass er jederzeit vollumfänglichen Anspruch auf das Weib hat, auf jedes Weib und daher aus Prinzip und bis an die Grenze zum Materialbesitz. Ödipus weiß nicht, wie er aus der Nummer unbeschadet wieder rauskommt, der Männerrechtler hat längst Rat. Wie alle Versager, die sich die Umerziehung des linksjüdischen Matriarchats teils wünschen, teils damit endlich eine stringente Erklärung für ihr verpfuschtes Leben haben, nennen sie die Vernichtung des christlichen Abendlandes als höheres Ziel; immerhin haben sie begriffen, die Geschichte hat keine Lust, diese Ausschussware in einem eigenen Arbeitsgang zu plätten.

Umgekehrt ist also der Testosterontroll immer auf dem besten Weg, als klassischer Verlierer seiner von Gott und Vaterland garantierten Privilegien in eine neue Blindgängerrolle integriert zu werden, aus der er nur mit der ihm eigenen sinnlosen und ungerichteten Aggression halbwegs herauskommt. Der machtlose Durchschnittsmann kann sich nicht mehr legitimieren, über den Umweg ritualisierter Virilität rutscht er sukzessive in den Bezirk der Realitätsallergiker, die ihre Unterdrückung durch die omnipotente Frau als permanente Kastration erleben, schlimmer: sie müssen erdulden, dass die noch nicht ganz unter dem Aluhut verdampften Blitzbirnen, die mit Frauen umgehen können, keine gesellschaftlichen Nachteile erleiden, ganz anders also, als es die Doktrin vom verschnittenen Helden vorgesehen hatte. Sie pennen weder beruflich noch privat unter der Hecke, müssen sich nicht regelmäßig ihr bisschen Existenz in eine Biografie umbasteln und müssen auch nicht heimlich weinen, weil sie sich so unverstanden fühlen. Das tut weh.

Die bodenlose Beklopptheit des offenporigen Konzepts von Hass würgt sich erst heraus in Frauen, die Frauen ihren Feminismus als antirechte Gesinnung vorwerfen und sich lieber unterwürfig die Fresse polieren ließen, als einmal die Konsequenz aus ihrer glitschig formulierten Selbstermächtigung zu ziehen: ihren Eigenwert zieht die Brauneva aus der Speichelleckerei. Was man als Faschist, damals wie heute, doch alles von den großen Frauen der Geschichte lernen könnte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLIII): Der rechte Vergewaltigungswunsch

2 09 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist nicht neu und nicht originell, es suppt aus dem Schaumstoff, den die rechten Stumpfklumpen zwischen den Ohren kleben haben. Wann immer irgendeine Frau erkennbar nicht seiner Meinung ist, gehört sie sexuell missbraucht. Zwar schwallt das Heer der Realitätsallergiker in einem fort über die potenten Invasoren, vor denen der Blut-und-Hoden-Aktivist das weiße Weib zu schützen in die letzte Schlacht zieht, andererseits wünscht, ja fordert er als ultimative Erniedrigungsstrafe, dass sie von den verhassten Anderen notgezüchtigt wird. Es ist, als hätte die gemeine Männlichkeit, jenes weinerliche Gepopel, nur um zu überprüfen, ob die Klöten noch nicht abgefallen sind, sich tapfer das letzte Bisschen Grütze weggebembelt, damit die Frau oben feucht durchwischen kann. Was bleibt, ist der egoistische Vergewaltigungswunsch der Rechten.

Es ist weder originell noch neu, denn kollektive Hysterie hat das Patriarchat schon am Ausgang des geordneten Mittelalters in die Psychose getrieben. Furchtbare Angst, klebrig-religiös verschwiemelt mit Missgunst und banaler Habgier, auf dem Grund gedieh der Hexenwahn, jene den weiblichen Körper als Auslöser von Vernichtungsfurcht verfolgende Unschuld vom Lande, aus dem die Reformation kam. Nicht die Randständigen, Mägde oder billige Mädchen, die zentralen Figuren der Zeitenwende, der sozialen Veränderung und des wirtschaftlichen Umschwungs wurden in der Raumkrümmung des erwachenden Kapitalismus mit Hilfe von Märchen, die sich geistig dünn angerührte Männerchen im Angstschweiß ausgedacht hatten, so lange bekriegt, bis die Sache in sich selbst zusammenfiel. Heute ist dem unter der Kalotte rasierten Brüllmüll der Satan als Erklärung zu wenig einsehbar – die meisten Abendlandser sind ja schon früh von der Bildung entwöhnt worden, die sie von anderen einfordern – aber mehr Modernität ist nicht.

Nichts hat sich indes verändert, außer dass der große Andere das Gebäude verlassen hat. Die faschistische Ideologie begreift gesellschaftliche Mechanismen stets populationsgenetisch und mit der panischen Kastrationsangst, die der Name des Vaters den Mehlmützen hinterlassen hat. Ohne die volle Hose als Primäraffekt wird kein Rechter tätig, ergo zelebrieren sie die unmittelbar bevorstehende Vernichtung der jeweiligen Nation durch den übermächtigen Aggressor so gründlich, bis sie zu der Überzeugung gekommen sind, als stärkstes und edelstes Volk dieses übel beleumundeten Klumpens im Sonnensystem jede Rotte von Untermenschen rausschmeißen zu können. Nicht zufällig kulminiert die Charakterzeichnung des Jud Süß in der Schändung der Reichswasserleiche, liebevoll geschlachtet vom eigenen Gatten. Die politische Pornografie braucht die Schmach des unterlegenen Maskulinums, um sich nicht argumentativ zur Wehr setzen zu müssen.

Nicht zufällig greinen ebenjene effeminierte Klemmschwestern, die die Zukunft des prosperierenden Abendlandes in männlicher Härte sehen, aus flamboyant schlecht verborgenem Selbsthass nach dem Verbot der weiblichen Verschleierung. Es ist aber nicht das Problem, die fremde Frau unter der Peitsche des Mannes zu sehen, es ist das Problem, dass sie nicht vom arischen Helden selbst erniedrigt werden kann, so wie man in der Gesellschaft generell nicht will, dass es einem besser geht, wenn es denn die reale Chance gäbe, dass es einem anderen noch viel schlechter gehen könnte. Das von Phantomschmerz getriebene Gehirn der Braunalgen rülpst sich dazu die passenden Vorlagen hoch – hunderttausend voll verschleierte Frauen, täglich Angriffe ominöser Südländer in nationalen Freibädern, der geldgeile Wirtschaftsflüchtling in der sozialen Hängematte, der simultan dem völkischen Arbeitsmann seinen Job wegnimmt – und muss sogar den Obdachlosen, den seine Gesinnungsgenossen zur Reinerhaltung der deutschen Ehre oft und gerne zusammentreten, abstechen und anzünden, zum Sorgenkind unseres gefährdeten Zusammenhalts machen.

Gleichzeitig lässt der Contrat social nicht zu, dass die volkstreuen Schranzen sich nach Belieben danebenbenehmen. Sie sind nicht in der Mehrheit, auch wenn ihre Eifersucht auf alles andere sich gut verkauft. Geht es nach seinem beschränkten Weltbild, der gemeine Nationalkasper spuckt auch die eigenen Frauen an. Er will einfach zurück in die Epoche, in der er selbst noch zitternd vor Angst und Ekel die Frau als das unkontrollierbar Böse mit sexistischen Gewaltandrohungen abwerten konnte, ohne die Stützen der Gesellschaft zu verärgern. Der symbolische Phallus, der als Repräsentation des Besitzens der Frau so verdammt schnell schrumpft, er nützt auch nichts mehr. Die von Soziopathen gepflegte Störung der Impulskontrolle wird zum politischen Programm auftoupiert, das von einer nachgerade mediävalen Dämonologie flankiert die verrohte Mitte aufhetzt. Sie werden alle sterben, aber erst werden sie die unbesiegbaren Gespenster besiegen. So wie damals die Hexen. Mammi hätte ihnen damals öfter mal eine reinhauen sollen. So grundsätzlich.





Emanzipiertes Programm

24 02 2011

Siebels stöhnte. „Was soll ich aus dem Ding bloß machen.“ Der TV-Produzent starrte verzweifelt in seine Papiere, ein Bild des Jammers, verzagt und vollkommen mutlos. Und er hatte allen Grund, sich die Haare zu raufen. Herlinde Grüb-Polterstein hatte zugeschlagen, die Frauenbeauftragte der Programmkommission.

„Wie soll ich eine gute Zuschauerquote kriegen, wenn diese alte Hexe mir jeden noch so seichten Unterhaltungsfilm kaputtquarkt?“ Er grub sein Gesicht in die Hände und ächzte leise. „Wir haben mit Müh und Not Rosen der Liebe auf die Reihe gekriegt!“ Ich grinste. „Diese grauenhafte Schmonzette? Entsetzlich, ich hätte fast die Glotze aus dem Fenster geschmissen!“ „Also haben Sie es gesehen“, konstatierte Siebels, „und darauf kommt es an. Das wissen Sie genau.“ Wieder blätterte er unschlüssig in seinem Skript. „Aber dann haben sie uns Traumhotel unter Kokospalmen im letzten Augenblick torpediert.“ „Weil Sie das ganze Team in die Karibik schleifen wollten für einen Film, der zu 95 Prozent aus Innenaufnahmen besteht.“ Er runzelte die Stirn. „Das ist doch nicht entscheidend – die Grüb-Polterstein wollte nicht, dass wir einen Klischeefilm über die Hotelbranche machen, in dem die weibliche Hauptrolle eine Hotelerbin ist, die sich in einen einheimischen Taxifahrer verliebt und mit ihm eine Pension am Rand der Slums aufmacht.“ „Dabei wäre das doch eine großartige sozialkritische Arbeit geworden“, sinniert ich. „Durchaus“, bestätigte Siebels. „Aber die Hoteltante wird im zweiten Teil des Films Hausfrau und Mutter, und das auch noch freiwillig, während ihr angeheirateter Vetter aus Bad Münster am Stein-Ebernburg das Hotel übernimmt.“ „Die Poltersteinsche wollte nicht, dass das traditionelle Frauenbild überbetont wird?“ Er nickte und schob mir den Papierstapel über den Tisch.

Eine Liebe fürs Leben – meine Güte, wer hat sich diesen Staubfänger ausgedacht?“ „Kommt aus der Redaktion“, antwortete Siebels wortkarg, „soll von einem sehr bekannten Autor sein.“ Ich blätterte und las. Und ich staunte. „Sandra, die Tochter aus dem Akademikerhaushalt, heiratet den Franzl vom Land.“ Der Fernsehpapst knirschte mit den Zähnen. „Gleich hier hat die Alte mir das Drehbuch zerfleddert“, schimpfte er, „angeblich ein klischeehafter Stadt-Land-Konflikt, das sei völlig unrealistisch, so viel Mobilität gebe es gar nicht, das sei nur ein Wunschtraum, damit man die neoliberale Schichtentrennungspropaganda nicht so stark spüre – ach, was rege ich mich auf…“ „Da bricht Franzls Vater, der Sägewerksbesitzer, mit einem Herzinfarkt zusammen. Der Sohn muss den Betrieb übernehmen, und so ziehen beide ins Glutschlertal nach Obergschwurbl.“ „Blöd fand sie das, der hätte nie den Job als Unternehmensberater für ein Sägewerk an den Nagel gehängt.“ „Es läuft gut an, sie leben sich im Dörfchen ein, da ziehen dunkle Wolken auf: Franzl deckt einen Schmuggel auf, denn in den hohlen Baumstämmen findet er Falschgeld.“ „Wieder nichts als der übliche Krimikram, sagt die Polterdings.“ „Heimlich legt er sich auf die Lauer und…“ „Schluss jetzt!“ Siebels schlug mit der Faust auf den Tisch, dass der leere Kaffeebecher einen Satz machte. „Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören!“

Ich blickte aus dem Fenster über die Dächer der Stadt. „Was soll man da noch machen? Was soll man auf diese Haltung antworten?“ Der bekannte Medienmacher legte die Stirn in tiefe Furchen. Herlinde Grüb-Polterstein, Quoten-Gutmenschin, Gender-Betroffene und Produktionsbremse der Sendeanstalt, hatte sich redliche Mühe gegeben, das Abendfilmchen zu zerhacken. „Sie hat doch allen Ernstes die Verfilmung vom Stechlin für nicht politisch korrekt gehalten, weil die Darsteller alle so merkwürdige Namen haben“, wimmerte er. „Die Frau ist doch nicht ganz dicht!“ Und er verbarg wieder sein Gesicht in den Armen.

Da hatte ich plötzlich eine Idee. „Siebels“, sagte ich atemlos, „geben Sie mir doch noch mal das Skript. Ich weiß, was wir machen.“ Dann zückte ich den Bleistift. „Eine Liebe fürs Leben, das lassen wir, und dann legen wir mal los.“ Siebels guckte mich erwartungsvoll an. „Sandro, Sohn aus dem Akademikerhaushalt, heiratet die Franzi vom Land.“ Seine Miene heiterte sich innerhalb von Sekunden spürbar auf; er grinste von einem Ohr zum anderen und rieb sich schadenfroh die Hände. „Da bricht Franzis Vater, der Sägewerksbesitzer, mit einem Herzinfarkt zusammen. Die Tochter muss den Betrieb übernehmen, und so ziehen beide ins Glutschlertal nach Obergschwurbl. Es läuft gut an, sie leben sich im Dörfchen ein, da ziehen dunkle Wolken auf: Franzi deckt einen Schmuggel auf, denn in den hohlen Baumstämmen findet sie Falschgeld. Es ist die Bande von Bürgermeister Xaver Gröllpiesler, die heimlich Dollars aus dem Stausee in Sankt Kathrein holt. Sie verfolgt die Bösewichte – mit dem Geländewagen durch die Glutschlerschlucht und auf den Gschwurblkogl hinauf bis nach Glump am Kraxlbachfall, dann wird sie von Gröllpiesler und den seinen gestellt. Ein wilder Kampf, und endlich kommt auch Sandro, der Göttergatte, der nur fragen wollte, ob er für den Abend Gemüsegratin kochen dürfe. Gemeinsamer Kampf auf Leben und Tod, Gröllpiesler fällt in den Wasserfall und ertrinkt, Franzi wird seine Nachfolgerin.“ Siebels klatschte in die Hände. „Großartig! Toll! Sie wird es uns abkaufen!“ Er grinste diabolisch. „Und das Tollste daran: so eine gequirlte Scheiße hat noch nie jemand so leicht an einem Verantwortlichen vorbeibekommen!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVIII): Alleinerziehendes Selbstmitleid

30 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

„Hallihallo und guten Tag, hier spricht Ihre gesamtgesellschaftliche Betroffenheit. Bitte machen Sie sich kurz bewusst, dass die kleine Pilar (6) aus Manila noch nie in ihrem Leben Black Cardamom Spicy Flavored Chai Latte mit Cherry Hazelnut Syrup getrunken hat, da ihre drei minderjährigen Schwestern, mit denen die Vollwaise die Blechhütte am Rande der Mülldeponie teilt, der Prostitution nachgehen und ein Großteil des Haushaltsgeldes für Heroin draufgeht. Echauffieren Sie sich kurz über die Klimakatastrophe. Seien Sie solidarisch mit Tibet oder dem, was davon übrig blieb. Danke für Ihr Verständnis.“ So oder ähnlich knarzt es beim Booten der Birnen, wenn die Alleinerziehende sich voller Anklage gegen die Schlechtigkeit dieser Welt aufmacht, aufs Neue in ihrer dünn aufgegossenen Mitleidsplörre zu rühren. Es ist der Typus junger Mütter, die nach subjektivem Empfinden mindestens ein Fernsehprogramm bräuchten, um der wehrlosen Welt mitzuteilen, wie beschissen ihre nutzlose Existenz verläuft: Opfer aus Berufung.

Sie sind aus Eitelkeit einmal mit der Wand kollidiert, als sie den Erzeuger ihrer Jeremykevins und Sophielauras so massiv in paranoide Wahnvorstellungen trieben, bis der es vorzog, für den Rest des Lebens knapp die Hälfte seiner Abteilungsleiterkohle der Schuhschrankbewohnerin in den Rachen zu stopfen, statt sich konstant auf niedermolekularer Ebene mit Puderzuckerpüppchen zu unterhalten. Ihr Lebensmittelpunkt, eben noch zwischen spießbürgerlichem Halbbildungskanon und postdemokratischem Shoppingwahn pendelnd, wird unerbittlich in die tiefste Stelle der Existenz eingehauen: da, wo Naivität schmerzhafte Flecken hinterlässt, wenn die Wirklichkeit im Dunklen dagegenrumpelt. Statt sich selbst als Individuen wahrzunehmen und dementsprechend die Historie einen Gang höher zu schalten, nagelt sich das im Bausparerghetto aufgewachsene Volk am Zeitstrahl fest, schwuppt nach hinten und landet zielsicher auf dem Altar der leidvollen Selbstanbetung. Während sich das politische Bewusstsein der Beschränkten offenbar mit einer Hacke noch im neoliberalen All-you-can-beat verfangen hat, verstaucht sich die blind schleichende Schnarchschlange den anderen Fuß bereits in der Lücke zwischen nachindustrieller Personalflexibilisierung und Wärmeerzeugung durch Heizen mit Humanmaterial – ihr Gejammer wäre tragbar, hätte das allein verziehende Weibchen nicht durch ihr überzogenes Egogejodel maßgeblich dazu beigetragen, in die abschüssige Ecke zu driften, in der sie jetzt hockt, flennend und immer einen laktosefreien Macchiato am Start, der auf die Blahniks tropft, die sie sich noch leisten konnte, als sie nicht dafür morgens aufstehen musste.

Denn nichts anderes fällt der pseudoelitären Mittelbauschnepfe ein, als die Schenkelklappmoral des bildungsfernen Blondinendrittels nachzuturnen: wenn weder Sinn noch Perspektive mit langfristiger Anwesenheit drohen, wird erst einmal reproduziert, um hinterher für nichts mehr Zeit zu haben. Wer hätte das gedacht angesichts der mühsam auf Post- oder sonst welchen Feminismus geschwiemelten Zopfmuster, mit denen die allein auf Egolepsie geeichten höheren Töchter im Niedergang ihr Emanzengebläh nachholen und, Überraschung! zum hermanesken Synapsenkompott verköcheln, das man durch geschickte Realitätsfilterung ausblenden kann. Es ballt sich an den Rändern der Zivilisation, in den hippen Gentrifizierungsgeschwüren der Metropolen, wo man eine Hälfte des Minimallohns für Brot und Schmierkäse braucht, um mit der anderen Hälfte via Geltungskonsum den anderen Fassadenkletterinnen zu demonstrieren, dass es einem so supi wie allen anderen auch geht – durchaus gute Partien, könnte man meinen, wäre man nicht mit dem Schädelinhalt einer Grabwespe ausgestattet, die nach dem Copypasten ihrer DNA bereits ihre existenzielle Sollbruchstelle in Sichtweite hat.

Jetzt also Redesign. Was die Dumpfralle am Stammtisch schnattern hört, nämlich, dass zur Bewerkstelligung eines jeden bürgerlichen Lebens auch ein Broterwerb gehört, schwatzt das Mamatier brav nach, mehr noch: die Bescheuerte fuchtelt zu gerne damit herum, dass jeder, so er Arbeit suche, auch Arbeit fände, Qualifikation, ein drittes Bein oder das Bernsteinzimmer. Und es ist das Ende der Illusion, wenn die Bekloppte beim Kontakt mit dem Transferleistungsträger sieht, wie sie den anderen Waffen gegen sich in die Hand gedrückt hat.

Soll man mittelalterliche Mütter jener Couleur mit zusätzlicher Barmherzigkeit abpolstern, wenn sie ihre in Designerklamotten aus zweiter Hand verpackten Kids auf den Spielplatz schleppen, auf dem man Migranten noch mit demonstrativ akzentfreier Lautung wegpikiert? Beim Nagen auf Reiswaffeln zusehen, dabei sich vorstellen, wie das Aufstände macht, um vor den zu Psychobälgern mutierenden Welpen zu verheimlichen, dass die Kohle immer noch von Papa kommt, weil Mama bis auf Wehklagen und Nabelschau sonst nichts auf die Reihe kriegt? Ein Trost bleibt, denn freiwillig wird eine Bescheuerte aus diesem Sortiment keinen mehr zur Vermehrung anstiften, und sie wird mit ihrer Hybris da bleiben, wo sie hingehört: im sperrig möblierten Reservat gleichartig gelagerter Nervensägen, die dermaleinst alle gut zu entsorgen sein werden, ausgetrocknet und an den entscheidenden Stellen hohl.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LVI): Das Binnen-I

7 05 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Pest und Pocken, Bonnie und Clyde, Merkel und Westerwelle – die Welt ist voller unseliger Kombinationen, die sie uns besser erspart hätte. Denn Schlimmes droht überall, wo der Regen die Traufe, der Tod das Verderben im Huckepack gleich mitbringt und, wo man schon mal dabei ist, dem gebeutelten Erdenbürger in seine magere Existenz drückt. Schlimmer nur als derartige Kasperaden ist von den Beknackten selbst ersonnenes Dummzeug, allen voran die Auswüchse der politisch Korrekten, sich allen möglichen Ausweichschwurbel aus der Hirnrinde zu wringen, der dann auch nicht mehr ansatzweise den Tatsachen entspricht – aber darum ging’s ja auch gar nicht, Hauptsache, man sagt nicht mehr doof, wenn einer mit Objekten wie einer Banane überfordert ist. Diskriminieren mit Hilfe der Antidiskriminierungspeitsche – wer nicht schwarz, schielend, lesbisch, übergewichtig, plattfüßig, strunzdumm und taubblind ist und in seiner Kindheit nicht nachweislich von sozial benachteiligten Außerirdischen entführt wurde, ist und bleibt ein Arschloch.

Doch manchmal geht das alles nicht; kein Afroafrikaner, kein Geh- oder Sehbehinderter ist auf die Schnelle greifbar, man muss auf den letzten, nicht auszuräumenden Unterschied rekurrieren, der dann doch das Tagesgeschäft ausmacht: Gender Mainstreaming. Als Mann ist man ja sowieso Arsch ab Werk, als Frau entzieht sich das der Diskussion. Und weil man als gebrauchsfähiger Zellhaufen die fadenziehenden Diskussionen mit den Gut- und Bessermensch sowieso schon seit Vietnam satt hat, duldet man unter permanenter Gefahr für Netzhaut und Hirnrinde, womit das Abendland aus dem Kreis der Schriftkulturen ausscheidet: das Binnen-I, die Phallsucht der Gegendiskriminierung.

Generationen frauenbewegter Setzer und Leser haben die sinndunkle Sprachmeuchelei mit stoisch schweigender Fassung quasi aus dem Blickfeld gefiltert, um nicht permanent mit der Pupille an der typografischen Erektion festzuhaken, die mit keiner Berechtigung in den Texten herumhunzt und dort so viel zu suchen hätte wie ein Eimer Auswurf im Ballettsaal. So also leidet’s die deutsche Sprache, dass ein Gutteil ihrer Verwenderinnen innen nicht nachguckt und flott generisches mit genetischem Maskulinum verwechselt – bis in den letzten Spalt des bröselnden Sprachkäses hakt sich das I-Gitt und macht Zahnweh, wo keine Drahtbürste je hinkäme. Denn der orthografische Kollateralschaden erzeugt grammatischen Magerquark, wo immer sich die Realität nicht an die Fieberträume der Hasenhirne hält. Setzt doch die Anwesenheit von ÄrztInnen zwingend voraus, dass wenigstens ein Ärzt sich darunter befindet – es kann auch ein Anwält oder der/die gemeine sterbende Studierende sein, wo der trennende Schrägstrich schwillt, der zwar verbinden sollte, nun aber separiert in Bürger/innen, schnipp-schnapp kastriert, wozu ja nicht einmal Alice Schwarzer genug Eier in der Hose hätte.

Und da wäre die Beute des Majuskelkaters: keine. Die Sprache bestimmt das Bewusstsein? Das glauben nur FemistInnen (es müsste übrigens Feminist[inn]en heißen, da es ja nur Feministen, aber keine Feministnnen gibt, sondern grammatisch korrekt Feministen und Feministen, vulgo: weibliche und männliche Feministen, aber wer das sagt, outet sich sowieso als männlicher Scheißdrecksprachnazi) in ihrer aparten Heiterkeit, mit der sie gerade unseren MitbürgerInnen mit semitischem Migrationshintergrund die Ordnung eintrichtern: Kopftuch ab, sonst auf die Fresse. Selbstverständlich in gewaltfreier Sprache! Die Daumenschrauben der Diskriminierung werden in anderem Dekor überlackiert, und fröhlich geht’s weiter in den Abgrund der Totalitarismen.

Und was soll’s auch, dass wir eine Kollektion gesellschaftlicher Unterdrückungsmarker gegen ein verbessertes Nachfolgemodell tauschen, in dem der Bimbo als schwarzer Bruder eine Tüte Toleranz gut und ansonsten nicht mehr viel zu melden hat, ob antispeziesistische TierrechtlerInnen im humorfreien Kampf gegen nicht menstruierende Feinde stehen – Feinde, denn sexistische Korrektheit gebietet diese Sichtweise. Denn alle diese emanzipierten TerroristInnen, FaschistInnen, MassenmörderInnen, KinderschänderInnen, nie gedenkt man ihrer, nirgends kümmern sich Gleichstellungsbeauftragte um ihre geschlechtsspezifische Wahrnehmung als genuin weibliche Drecksäcke, damit MädchenInnen und andere KinderInnen sich schon frühzeitig und möglichst vor dem Hereinbrechen der queeren Schrägsicht daran gewöhnen können, dass ihre kommunikative Geschlechtsaufweichung der Popp- und PappkameradInnen nichts bringt als eine weitere Umdrehung in der Euphemismentretmühle. Alles Gender-Getue und Ungetue gerinnt zur Farce, wenn die Kampfhähninnen ihre interkulturelle Knallkompetenz auf Bengali, Afrikaans oder Persisch demonstrieren sollen, Sprachen, die bekanntermaßen keinerlei Geschlecht kennen – wie ja auch in den zugehörigen Kulturkreisen eine Unterdrückung der Frauen nie stattfand. Was wären wir nur ohne das ewig Weibliche.