Technisch unmöglich

6 12 2010

„Guten Tag Herr! Und Frau! Hunke, Möller!“ Hildegard zog die Braue empor. „Du hast Dich in der Tür geirrt“, mutmaßte sie. „Das glaube ich kaum“, erwiderte ich, „es ist Karte 8 und dies ist Haus 8 – ansonsten bliebe ja die Tür verschlossen.“ Ich trat in den Flur der Hütte und tastete nach dem Lichtschalter. „Vor der! Ersten! Bestätigung, des! Lichtschalters. Karte. in die! Gebäude, Sicherung einführen!“ „Das Ding spinnt“, befand Hildegard. „Es ist nur ungewohnt“, meinte ich. „In zehn Jahren werden wir vollautomatische Ferienhäuser ganz normal finden und unseren Jahrestag immer hier feiern.“ Sie blitzte mich an. „Sollte diese Bude sich nicht zusammenreißen, dann feiern wir nicht einmal den nächsten Jahrestag!“

Offenbar schien uns das Haus auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Kaum hatte ich die Tasche abgestellt und das Bad betreten, um mir die Hände zu waschen, knipsten sich die Lichter automatisch an und aus, wo immer ich mich bewegte. Ein Spot folgte mir über den Flur. „Das ist mir unheimlich!“ Hildegard schauderte. „Für den Umweltschutz ist es doch aber gut“, widersprach ich ihr. „Die Steuerung verhindert, dass das Licht unnütz brennt. Das spart Energie.“ Dummerweise beschloss das Ding, mich nach dem Schließen der Tür komplett zu ignorieren. Die Dusche nahm ich also im Dunklen.

Die Maschine röchelte und spotzte. Wenigstens war ausreichend Kaffee im Haus. Doch wo war das Geschirr? Die oberen Schränke: leer, die unteren: nichts zu finden. „He“, rief ich. „Geschirr, wo?“ „Wusste ich doch, dass dies Haus nicht alle Tassen im Schrank hat“, moserte Hildegard. Erst im Geschirrspüler wurden wir fündig. „Das holst Du raus!“ Sie weigerte sich vehement, die verklebten Becher auch nur anzufassen. „Meinetwegen“, seufzte ich. „Dann werde ich das Zeug eben mit der Hand abwaschen.“ „Abwaschen! Spül, Programm! Intensive Reinigung!“ Die Körbe rollten nach innen, die Tür klappte wie von Geisterhand zu, und schon rauschte es im Innern des Küchengeräts. Ich verstand nichts mehr. „Und wie trinken wir jetzt unseren Kaffee?“ Zwei Cocktailschalen aus der Hausbar waren das einzige, was Hildegard auf die Schnelle auftreiben konnte. „Wenigstens sieht es mondän aus“, kicherte sie.

Während ich am Kaffee nippte, rief mich Hildegard ins Wohnzimmer. „Komm doch mal!“ Entzückt stand sie vor dem großen Westfenster, der den Ausblick auf einen prächtigen Sonnenuntergang gewährte. „Ist das nicht romantisch?“ „So kenne ich Dich gar nicht“, sagte ich verwundert. „An unserem letzten Jahrestag hast Du Dich beim Oberkellner beschwert, weil der Wein eine Spur Kork hatte, und das Jahr davor…“ Knatternd kam der Rollladen herunter. „Sie haben, es! Angenehm! Warm mit! Wärme, Dämmung und! Sichtschutz! Nach Einbruch der! Dunkelheit, ist! Ihr Haus, Herr! Und Frau! Hunke, Möller! Sicher!“ Ich grollte. „Sofort aufmachen! Hoch damit, aber etwas plötzlich!“ „Sie können, morgen! Wieder das, Berg! Panorama genießen!“ Ich ballte die Faust. „Warte, Du Mistding. Ich werde mich beschweren.“

Hildegard trug den Koffer ins Schlafzimmer und wuchtete ihn aufs Bett, vielmehr: sie versuchte es, denn kaum hatte sie die Türschwelle passiert, da flogen die Schiebetüren des Kleiderschranks auf und eine Schublade schoss hervor. Das Ding traf sie genau vor dem Knie. „Socken und! Unter, Wäsche! Wünschen Sie einen! Kleider, Bügel: Herr! Hunke, Möller!“ Hildegard humpelte zum Sessel. „Dieses Drecksding“, zischte sie schmerzverzerrt hervor, „ich lasse mir doch von einem Kleiderschrank nicht befehlen, wo ich meine Unterwäsche aufbewahre!“ „Es war doch nur gut gemeint“, versuchte ich sie zu besänftigen. Erfolglos. „Und ich bin auch nicht Herr Hunkemöller, kapiert?“ Das Möbel reagierte prompt: „Danke sehr! Herr! Hunke, Möller!“

Der Fernseher schaltete sich automatisch ein, als wir uns auf der Couch niederließen. „Wie praktisch, dass sich der Ton nicht abschalten lässt.“ Meine Laune war auf dem Nullpunkt, Hildegard war nicht ganz so entspannt wie ich. „Die Fernbedienung liegt neben der Glotze“, wies sie mich auf den kleinen Kasten in der Schrankwand hin. „Du wirst Dich schon erheben müssen.“ Ich erhob mich, mit dem Ergebnis, dass sich die Flimmerkiste nun auch wieder automatisch ausschaltete. „Was soll denn das bedeuten“, stöhnte ich. „Kann denn in diesem Haus nicht irgendwas vernünftig funktionieren?“ Für den Umweltschutz ist es aber gut“, höhnte sie. „Die Glotze verhindert, dass jemand sie benutzt. Das spart Energie und jede Menge Hirnzellen.“

Die Mikrowelle funktionierte nicht, dafür ließ sich der Herd nicht bedienen. „Wenn ich es nicht besser wüsste“, mutmaßte Hildegard, „würde ich sagen, man muss einen Groschen einschmeißen.“ Ich drehte an den Knöpfen. Da war sie wieder, die vertraute Plastikstimme. „Sie hatten! Ohne, die! Verpflegung! Gebucht, Herr! Und Frau! Hunke, Möller! Der Herd wird! Sich, erst ein! Schalten! Lassen! Wenn Sie! Herr! Und Frau! Hunke, Möller! In der Zentrale…“ „Geschenkt!“ Entnervt schmiss ich die Butter in den Kühlschrank. Es reichte.

Das Kaminfeuer verbreitete einen behaglichen Schein im Wohnzimmer. Hildegard hatte sich in die Wolldecke eingewickelt und lehnte sich gegen meine Schulter. „Darauf hätten wir gleich kommen sollen“, sagte sie schläfrig und schloss die Augen. „Und wenn wir morgen vor die Tür wollen?“ Ich betrachtete Karte 8 und legte sie auf den Tisch neben den Korkenzieher. „Dann werde ich eben die Sicherung wieder reindrehen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIX): Urlaubsreisende

19 03 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Urlaubszeit. Die eine Hälfte der Ausreißer übt auf dem Hautkrebszuchtgelände den Totstellreflex, während die andere hektisch nach Gelegenheiten sucht, sich beim Freeclimbing am griechischen Bambusgerüst die Gräten zu brechen oder in der Braunalgenpopulation des kenianischen Pools ein unterhaltsames Potpourri exotischer Dermatosen zuzulegen. Folkloristische Verarbeitungsformen toter Tiere kitzeln zunächst den Eingang des Verdauungstraktes, später dessen Ausgang. Mit Hilfe digitalen Spielzeugs macht der Bekloppte das Ferienerlebnis dauerhaft haltbar, um sich auch zehn Jahr später noch an die lustigen handtellergroßen Achtbeiner auf den Liegestühlen zu erinnern und schmunzelnd der landestypischen Empörung zu gedenken, als er, der Pauschaleuropäer, sich nach zwei Litern Flüssigkeitsverzehr auf dem Innenhof der Kultstätte direkt neben dem Götzenstandbild erleichterte.

Wäre nur alles so nachgerade friedlich; denn offensichtlich steigt die Mehrzahl der Urlauber aus dem Kessel der deutlich zu heiß Gebadeten und praktiziert in den schönsten Wochen des Jahres eine intellektuelle Raumkrümmung, die ihresgleichen sucht. Es beginnt mit der Wahl des Quartiers, das laut Prospekt durch hervorragende Anbindung an die jüngst achtspurig ausgebaute Schnellstraße gewinnt, was sich per Satellitenbild auch unschwer verifizieren lässt: die frisch überdachte Baustelle am Rande des Betonmonsters verfügt über eine eigenständige Zufahrt nebst Parkplatz für eine fünfstellige Anzahl von Spähpanzern und gleißt durch die Abwesenheit von Lärmschutzwänden und ähnlichen Zeichen zivilisatorischer Denkprozesse. Dass das Adjektiv strandnah kein leeres Versprechen ist, versteht sich von selbst – immer vorausgesetzt, dass man unter Nähe die Wegstrecke versteht, die ein austrainierter 100-Meter-Läufer nach vier Stunden bewältigt hätte, störte ihn nicht die Grenze zum theokratischen Terrorstaat, die ungefähr in der Mitte verläuft. Man hätte es vorher wissen können.

Genau das aber ist das eigentliche Elixier des Urlaubers: Stress. Gerichtsnotorisch sind die Hirn- und Faustverrenkungen, mit denen der im zivilen Leben hündisch zahme Bescheuerte den Räubern und Dieben aller Herren Länder seine Harke zeigen will. Da plärrt der Nichtfrühstücker, der selbst am Nachmittag nur Brühmaschinenkaffee schlürft, vom Liftboy bis zum Manager die komplette Herberge zusammen, um sich über den Mangel an Teebeuteln zu beschweren. Da schreit der Hirnverdübelte, dass die in der Werbung sich hübsch ausnehmende Baumblüte nicht ganzjährig vor dem Fenster in der fünften Etage sich abkaspert, damit er sie gnädig zur Kenntnis nehmen könnte. Da spielen kleine Kreaturen in Perth den Parvenü, um nicht merken zu lassen, dass sie in Peine bloß Piefkes sind.

Der Beknackte aber lässt überall raushängen, dass er im Grunde viel zu fein ist für Fünf-Sterne-Bruchbuden und sich daheim gar nie zwischen Whirlpool, Wellnesskeller und Wäschereiservice entscheiden kann; dass er zum Nachtmahl nichts anderes akzeptiert als internationale Cuisine auf höherem Niveau; dass er Toilettenpapier nur mit handgeknickten Ecken kennt. Er ist das Fleisch gewordene Vorurteil, dass man als Dummbratze europider Provenienz schon unangenehm auffällt, wenn man seine Anwesenheit nicht als Versehen betrachtet. Demut, Laissez-faire, im Zweifel: guter Geschmack ist der Freizeitnervensäge so fremd wie der Stock im Arsch festgewachsen, das verkrümmte Rückgrat der Gesellschaft buckelt nur zu Hause, wo er einträchtig mit Moralnazis, Spaßvollbremsern und Lenkradbeißern aus dem Bildungsbiedertum das Abendland vor den großen Verheerungen des drohenden Fortschritts rettet. Nickelige Nölsusen gehen inzwischen so weit, das Offensichtliche als persönliche Beleidigung zu werten: dass im Urlaubsland die Eingeborenen noch frei laufen und ohne Vorwarnung sichtbar sind, dass das Meer sich bewegt, dass sich die klimatischen Bedingungen nicht mit der Fernbedienung regeln lassen. Irgendeine blöde Begründung schwiemelt sich der Unterliga-Tourist zurecht, für Richter und Reisebüros spannend wie ein leerer Pappkarton, um aus dem verspäteten Sonnenuntergang post festum die Erstattung des Reisepreises rauszuleiern. Was wäre der distinguierten Schicht nicht daran gelegen, diese Halbfettbrezeln auf der Hirnkirmes billig zu entsorgen oder sie wenigstens im öligen Sand eines Bettenbunkers zum Sonnenstich heranreifen zu lassen und mit industriell konfektioniertem Zucker-Alkohol-Surrogat die letzten Synapsen auf Error 99 zu schalten, damit man nicht durch das Sein an sich die Furcht vor dem Furor teutonicus triggert. Man kann dem Trottelgeschwader nur entgehen, wenn man taktisch ungünstige Ziele weiträumig umreist: Spannbetonabsteigen in weitgehend kulturbefreitem Umfeld, das ohne Kenntnisse der Landessprache betreten werden kann, wo man nicht als Fremder auffällt, weil alle mehr oder weniger fremd sind – touristisches Herzland, wo man den Bekloppten als Laune der Natur und wirtschaftlich nützlichen Idioten ansieht. Was er ja auch ist. Höchstens.