Teufels Küche

8 05 2014

Er konnte miserable Laune haben und mit den Zähnen knirschen, er konnte kochen – manchmal sogar vor Wut – und bekam dies charakteristische Zittern in seinen Schnurrbartspitzen, wenn er sich aufregte. Bruno Bückler, langjähriger Meister des gleichnamigen Landgasthofs, da er Aal in Gelee servierte und Schwarzsauer, von Freunden und Kritikern ehrfürchtig Fürst Bückler genannt, Bruno war außer sich. Und das von hochkarätigem Publikum.

„Ich lasse diese dahergelaufenen Clowns nicht in meine Küche“, schrie er. „Keiner von denen hat eine Gesundheitsprüfung!“ Der Aufnahmeleiter wedelte mit dem Vertrag. „Herr Dingens“, näselte er, „wir können auch gerne mit unseren Anwälten wiederkommen, aber wir würden doch lieber mit dem Dreh anfangen, ja?“ Hansi drückte sich an der Wand entlang und war schon fast im Trockenlager, als ich ihn am Kragen packte. „Das hast doch wieder Du eingefädelt“, zischte ich. Er wand sich. „Sie zahlen doch gut“, stammelte er, „und dann die Werbung – das ist die Auftaktsendung.“ „Und dafür verkaufst Du mal wieder Deinen eigenen Bruder?“ Er ließ den Kopf hängen. Wie oft hatte Hansi mit seinen Schnapsideen alles auf den Kopf gestellt, statt sich auf den Service zu konzentrieren. Es war ein Wunder, dass der Laden noch nicht drei Dutzend Male pleite gegangen, abgebrannt, in die Luft geflogen oder in Grund und Boden geklagt worden war. „Wir bräuchten einen neuen Spüler, und dann der Weinkeller, und wenn wir uns das neue Besteck kaufen wollen…“ Ich ließ ihn gehen. Würde er Bruno jetzt unter die Augen geraten, die Sache ginge auf keinen Fall gut aus.

„Hier ausleuchten“, kommandierte der Typ mit der Schirmmütze. Die Kabelschlepper schleppten Kabel, die Beleuchter warfen Schein, und schon strahlte es sonnenhell in die Küchenecke. „Mein Gemüse“, klagte Petermann. Der Entremetier, die rechte Hand des Chefs, blickte kummervoll auf Spargel und Blattsalate. „Wenn die Scheinwerfer nicht bald verschwinden, welkt mir die Hälfte unter den Händen weg!“ „Mir doch egal“, raunzte der TV-Macher, „dann kaufen Sie den Scheiß doch neu. Ich brauche mehr Licht. Für meine Süße.“ Keine Geringere als Heidemarie Weißlurch, notorisch in jedem mittelmäßigen Fernsehfilm sichtbar – die meisten Filme waren schon vorher mittelmäßig, bei den anderen wurden sie es durch ihre Präsenz – und nicht begabt fürs Gemüseputzen, stellte sich etwas an mit der Kartoffel. „Das ist ein Schinkenmesser“, stöhnte Petermann. Heidemarie kümmerte es nicht.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, werden ein Dutzend Schauspieler und sonstige Pappnasen hier Kochen spielen.“ Bruno nickte. Sein Bart vibrierte. Im Hintergrund kippte Mick Schnickers, der Untalentierteste unter den schlechteren Schlagersängern, eine ganze Flasche Balsamico über dem Kopfsalat aus. Bruno ballte die Fäuste. Ich konnte ihn gerade noch zurückhalten. „Ich werde fragen, welche Rolle Du als Küchenmeister hier spielst.“

„Gar keine“, schmatzte der Aufnahmeleiter, während er mit den Fingern auf der Platte mit dem frischen Kalbsbraten herumwühlte. „Die Vorspeise für dreißig Personen“, sagte Petermann tonlos. „Kann ich alles in die Tonne treten.“ Hansi rang die Hände. „Wir kommen nicht aus dem Vertrag raus“, jammerte er. „Was fangen wir nur an?“ Unterdessen zerlegte die Truppe Vorräte und Gerätschaften. Bruno fauchte jeden von ihnen an. „Macht er toll“, höhnte der Glotzenbonze. „So ohne Drehbuch, also echt Respekt. Den Mist schneiden wir dann rein, so zwischendurch.“ Der Nachwuchsrapper mit dem nicht aussprechbaren Namen hatte gerade die Gewürze entdeckt. Zumindest das Salz hatte es ihm angetan. Fassungslos sah Petermann zu, wie der Hampelmann auch noch die Kalbsbouillon zugrunde richtete.

„Das Format heißt Teufels Küche“, berichtete Hansi. „D-Promis verwandeln ein Spitzenrestaurant in eine Irrenanstalt, und danach zeigen sie, wie die Ergebnisse von Feinschmeckern verkostet werden.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Mir ist nicht bekannt, dass ein renommierter Kritiker sich das antun würde, wenigstens nicht freiwillig.“ „Vielleicht hat einer von ihnen so hohe Schulden, dass – “ Petermann winkte ab. Wie Heidemarie eine Karotte nach der anderen in die Raspelmaschine stopfte, hätte jeden Fresspapst vom Stuhl gejagt.

Wieder langte der Fernsehfritze zu, diesmal mit ungewaschenen Fingern in den geräucherten Lachs. Die Beiköchin griff instinktiv zum Beil. „Schade“, mampfte er, „dass wir diese Folge gar nicht senden können. Dabei hätte ich Ihnen das Honorar so gegönnt.“ Bruno klappte der Kiefer nach unten. „Normalerweise haben wir immer ein paar Gäste, denen wir den ganzen Müll hier vorsetzen, aber Sie müssen ja heute unbedingt Ruhetag haben. Und wir können schlecht die Weißlurch mit Trüffelresten filmen. Nehmen Sie’s sportlich, Herr Dings. Dafür kommt Ihre Bude hier auch nicht in unsere Sendung.“

„Moment mal.“ Der Aufnahmeleiter sah mich fragend an, dann etwas weniger fragend, schließlich mit einer Spur von Panik in seinem Blick. „Sie sind doch auch noch da. Und wir könnten schnell einen Ecktisch im Gastraum ausleuchten, nicht wahr?“ Die Beleuchter waren schon zu lange im Geschäft, um sich irgendeinem Befehl zu widersetzen. Rasch sengte grelles Wüstenlicht über dem blütenweißen Damast, und Hansi tischte auf. „Möhrenrohkost auf Essigsalat“, annoncierte er, den Teller mit dem unangenehm gesprenkelten Blattwerk vor den Gast hievend. Der stocherte etwas lustlos in der Sache umher, wobei ihm der Schweiß um so heftiger von der Stirn rann. „Und ein Teller Kalbsbrühe extra.“ Bruno stand hinter der Kamera, die Kelle schlagbereit in der Rechten. „Und das wird jetzt gelöffelt. Bis zum letzten Tropfen.“

Der ungebetene Gast war auf dem Weg zur Kanalisation ein paar Mal mit der Wand kollidiert, hatte dann aber den Hinterausgang erreicht. Man hörte nur sehr gedämpft, wie er sich brüllend in den Ausguss erbrach. Die bebeilte Beiköchin stellte sicher, dass alles gefilmt wurde. Bruno tupfte sich mit dem Halstuch das Gesicht ab. „Und wenn er Glück hat“, knurrte er, „kommt er damit nicht ins Fernsehen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCXXXVIII): Quoten-TV

25 04 2014
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher – aber da waren die Gummistiefel noch aus Holz, man konnte noch drei Tageszeitungen lesen, aus denen nicht derselbe gleichgeschaltete Dreck quoll, und schaltete man den Fernseher an, so hatte man da ein Programm. Noch eins. Und noch eins. Und bisweilen lohnte es, ein Stündchen für das neue Medium freizumachen, denn es ließ die Betrachtung zu, dass es wie einst die Dichter nützt und unterhält. Dann kam die Quote.

Wer heute zu ziviler Tageszeit den Empfänger anknipst, zur Hinrichtung eines Urlaubstages oder ähnlich selbstgeißlerischen Zwecken, wird ad hoc mit dem Auswurf der telemedialen Resterampe vollgesülzt. Infantile Gewinnspiele, beschämend schlechter Dokuschrott mit naturidentischem Realitätsimitat, Seifenoperetten minderer Güte lassen die Matschscheibe von innen beschlagen, den Bildungsauftrag sucht man vergeblich. Dabei macht es noch nicht mal einen Unterschied, ob es sich gerade um die öffentlich-schrecklichen Kohleverbrennungsanlagen mit parteiintegrierten Verblödungsbeauftragten handelt oder um den Wurmfortsatz der Werbeindustrie. Mit Sicherheit sieht man Seichtmatrosen im Flachwasser dümpeln, da nur so die Ziele der Investoren zu erreichen sind: zwanzig Prozent Rendite, und ein Volk, das vor lauter Hirnweichheit den Beschiss nicht riecht.

Das Quoten-TV will in die Schlagzeilen, und es tritt den Marsch an mit der Brechstange in der Hand. Wo immer Polarisierung notwendig scheint, schalten die Sender auf Provokation. Dreck fressen, Eltern und Kinder demütigen, Jugendliche zum Jodeln oder Modeln vor die Jury schicken, damit einer nach dem anderen aufs Maul kriegt, mehr braucht es heute nicht mehr, um eine komplette Familie, WG oder Therapiegruppe vor die Glotze zu bekommen. Was allen Guckreiz verursacht, kann ja so schlecht nicht sein, und wenn man schon das geistige Lumpenprekariat auf dem Schirm hat, bekommt man es auch am besten in intellektueller Flachlage ins Schleppnetz. Nirgends stellt sich die kranke Gesellschaft in Frage, nur das auf die Spitze getriebene Selbstbild könnte das tun – und welcher Lemming würde eigens von der Klippe hüpfen, um im Sinkflug in den Reflexionsmodus zu wechseln?

Das probateste Mittel, um die Grütze großflächig in den Schädel der Beknackten zu kleistern, ist die perennierende Wiederholung. Im Jahresrhythmus trieft einmal gekaufter Schmonzes aus der Leitung, gerne zu den Zeiten, in denen nach aller Schätzung obere Lohngruppen keine Spots für Premium-Konsumgüter rezipieren, weil sie gerade im Meeting pennen. Die Blödelbeiträge, in denen sich regelmäßig der vergorene Hirnblubber der Medienredaktionen absetzt, wo erbärmliches Personal überflüssige Filme dreht – eine Tüte Lurchlaich wird wegen mangelnder Mimik nicht mit Til Schweiger besetzt, während Ferres und Neubauer sich selbst spielen, wie sich gegenseitig imitieren – wird aus Boshaftigkeit und Prinzip von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt. Nur noch aus Bordmitteln und grob massenkompatiblen Geschmacksverstärkern zusammengequirlte Skripte überstehen das Sperrfeuer der Sparfeuerwehr, die ihre quasi verbeamteten Schmalzbrocken der Nation an der kurzen Leine in die Produktion prügelt. Was sich als Star dünkt, sind letztlich nur leibeigene Hackfressen, die auf der Gulagsuppe um ihr Leben paddeln und nach einer Runde in der Endablagerung landen, wenn sie nicht brav in die Kamera hampeln.

Natürlich ist das nach Maßgabe ökonomischer Hominiden als Einheitsbrei für die große Mehrheit gedacht, vulgo: farbige Demokratiesimulation mit optionaler Pinkelunterbrechung. Doch ist die Achse des Blöden derart verdellt, dass sie nicht mehr registriert haben, wie die schweigende Mehrheit ihre Fernseher auf der Deponie ausgesetzt und das Netz zum Ersatz heranziehen. Um noch die letzten Deppen auf der Couch anzutackern, das verbliebene Potenzial an wehrlosen Opfern, quarken ihnen die Sender längst verweste Wiedergänger aus dem prähistorischen Bereich rein: die Angst, dass mit der ersten Veränderung der erste hirntote Gucker reflexartig abschaltet, trifft auf die hysterische Hoffnung, durch niveausenkendes Material den Dämmerschlaf der Vernunft in die Ewigkeit zu verschwiemeln. Um sich für diese Nullleistung bei den politischen Entscheidungsträgern Absolution zu erschleimen, krempeln sie die Kausalkette einfach auf links – das, was man dem Zuschauer nun dies- wie jenseits der Körperverletzungsgrenze zumutet, bekommt er nur, weil er es so will. Und er will es nur, weil er eh nichts anderes bekommt. Und er bekommt es nur, weil…

Sollte es ein Format geben, möglichst auf einem 24-Stunden-Live-Sender, in dem die jetzigen Protagonisten dieses unsortierten Bilddurchfalls auf kreative Art ihrer gerechten Strafe zugeführt würden, die Anstalt bekäme einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Weltkulturerbes. Auch wenn jetzt schon klar sein dürfte, dass Markus Lanz den ganzen Sabber moderiert.





Wetten…

7 04 2014

„… die Sendung nach diesem Jahr einzustellen. Gleichzeitig habe das Zweite Deutsche Fernsehen erklärt, es sei nicht die aktuelle Folge damit…“

„… die Sendung vielleicht nur noch im Internet ausgestrahlt werden solle. Schwierig sei daher die Frage der Öffnungszeiten, falls sich nicht genügend Zuschauer auf…“

„… da der Redaktion sonst die Hollywood-Schauspielerinnen ausgegangen wären. Nach der Regeneration des skandinavischen Musikmarktes sowie der deutschen Pop-Literatur sei es aber wieder denkbar, eine Show mit ansprechenden Wettpaten zu…“

„… natürlich falsch, dass sich die Zuschauerzahl innerhalb der vergangenen anderthalb Jahre halbiert habe. Man müsse nur mit dem Zweiten sehen, um wieder die ganze…“

„… vereinzelte Sendungen gegeben, die überdurchschnittlich viele Zuschauer gesehen hätten. Die Redaktion könne sich vorstellen, diese Folgen in längeren Abständen als Wiederholungen im Hauptprogramm zu…“

„… sich ein Investmentbanker-Format mit dem Titel Euro-Wetten, dass…? kaum zur besten Sendezeit in den…“

„… dass eine Sendung auch mit Helene Fischer nicht zu retten sei, wenn gleichzeitig Cindy aus Marzahn als…“
„… eine Integration des gesamten Sendekonzepts in die Fernsehwerbung schwierig, aber auch sinnvoll…“

„… sich der Zuschauer gegen die Spielshow entscheide, da das TV-Umfeld in den vergangenen Jahren erheblich an Qualität eingebüßt habe. Das ZDF habe zwar alles getan, um diesem Trend gerecht zu werden, könne aber nicht mehr…“

„… sei von derart mäßigem Niveau gewesen, dass der Einsatz von Jauch, Will und Illner nur eine Verbesserung des…“

„… um ein Missverständnis gehandelt habe. Der Sender wolle gerne eine eigene Talentshow launchen, die sich unter Umständen auch in die Samstagabendsendung integrieren ließe. Die Redaktion halte es aber für ausgeschlossen, auf diesem Wege einen Nachfolger von Markus Lanz zu…“

„… technisch auch möglich sei, die Show eine Woche vorher aufzuzeichnen, den Moderator aus dem Material komplett zu entfernen und die Sendung als kürzeres Format im…“

„… die Verwässerung des Qualitätsanspruchs überhaupt nicht zur Debatte stehe. Man habe Markus Lanz zwar bewusst als Hauptfigur eingesetzt, wolle aber nicht unbedingt auch eine so rasche Angleichung an Ekelformate wie das Dschungelcamp einkalkuliert…“

„… kaum an der Qualität der angebotenen Wetten gelegen haben könne. Vielmehr müsse man inzwischen annehmen, eine von einem Fesselballon hochgehobene Dampflokomotive, die auf vier Eiern balanciere, die ein Kind mit Buntstiften zum…“

„… die nächste Sendung einfach wieder mit Karl Lagerfeld zu…“

„… auf veränderte Sehgewohnheiten einzugehen. Die Unterhaltungsredaktion wolle daher eine verbesserte Fassung in HD versuchen, die noch in diesem Jahr…“

„… man den veränderten Sehgewohnheiten des Publikums auch anders begegnen könne. Bellut habe vorgeschlagen, die Sendung aus Gründen der Bequemlichkeit künftig hochkant zu…“

„… Gespräche mit dem FC Bayern München aufgenommen habe. Eine Kurzversion der Show in der Halbzeitpause, beispielsweise bei Spielen in der Champions League, könne auch…“

„… keine Stellungnahme zu erwarten sei. Raab habe genug zu tun und könne sich nicht auch noch um die Rettung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten…“

„… die Sendung in eine Rahmenhandlung von Rosamunde Pilcher zu integrieren, um auch jüngere Zuschauerschichten wieder in den…“

„… wegen des großen Publikumserfolgs. Eine Exhumierung von Johannes Heesters sei jedoch aus organisatorischen Gründen nur sehr…“

„… nur als Mischung aus Satire, Musikshow, Sport und Late Night denkbar, in der es außer ihm selbst keine Stargäste gebe, da außer ihm keinerlei Stargäste nötig seien. Allerdings bestehe Raab auf die Änderung des Namens in DSDSOETTWMTLIUGABPSGWK – Die Sendung, die sowieso ohne einen tollen Typen wie mich total langweilig ist und gerne auch bei ProSieben gesendet werden kann, um Plagiatsvorwürfen bei anderen Sendern zu…“

„… nach vorne schauen und einen neuen Versuch unternehmen wolle. Man sei sich einig, dass eine Quotensteigerung durch Markus Lanz grundsätzlich möglich sei, wenn dieser künftig Die Sendung mit der Maus als Talkshow…“





Hart, aber fair

15 01 2013

„Für einen Altmaier kriegt man aber schon zwei Kubickis.“ „Da kommt ja auch nur Heißluft.“ „Dann schon lieber Gröhe.“ „Da kommt ja nicht mal Heißluft.“ „Leute, so kriegen wir das doch nie fertig!“ „Und welcher Sender kauft uns das ab?“ „Ist doch Banane. Hauptsache, wir haben die Leute hier am Haken.“

„Die Redaktion will Konzepte sehen.“ „Hatte ich mir gedacht.“ „Weil sie selbst keine mehr haben?“ „Man könnte doch mal…“ „Au nee!“ „Bloß nicht!“ „Hören Sie auf, das kauft keiner!“ „Aber Sie wissen doch noch gar nicht, was ich vorschlagen wollte.“ „Sie wollten was vorschlagen, das reicht.“ „Das will keiner.“ „Die wollen Personal mit möglichst viel Musik drin.“ „Musik?“ „Naja, die sollen sich nicht gleich an die Kehle gehen, aber für eine Runde Beleidigungen muss es schon reichen.“ „Und das kaufen die einfach so?“ „Was sonst? Aus mehr besteht doch eine Talkshow nicht.“

„Haben wir jemanden für…“ „Erstmal nicht, haben wir ein Thema für Bosbach?“ „Wieso werden die Themen jetzt schon für die Gäste ausgesucht?“ „Raten Sie mal.“ „Dann schlagen die Ihnen die Themen vor und werden dann eingeladen, wenn es passt?“ „Sie haben das offensichtlich noch nicht so ganz kapiert.“ „Die geben Ihnen die Themen vor und sagen, wenn Sie Zeit haben?“ „Waren Sie schon mal beim Fernsehen?“ „Ich bin vom Bundesrechnungshof, ich…“ „Ach Gottchen, das ist ja putzig!“ „Sagt ihm bloß nicht, was hier ein Intendant verdient.“ „Wir sagen ihm, was die anderen Arbeitskräfte bekommen, dann ist er wieder zufrieden.“ „Was schlagen Sie denn den Gästen jetzt vor?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Nichts. Wir sagen ihnen, was sie hier zu tun haben.“ „Und das lassen die einfach so mit sich machen?“ „Mann, was haben Sie denn gedacht?“ „Aber das sind doch Politiker?“ „Und? Was hatten Sie gedacht, wie Lobbyismus funktioniert?“ „Klingt hart.“ „Aber fair.“

„Bundespolitik für übernächsten Monat?“ „Rente.“ „Hier steht was mit Arbeitsmarkt und Energiewende.“ „Brüderle.“ „Okay, der kann alles nicht.“ „Und weshalb laden Sie ihn dann ein?“ „Weil wir die Roth schon drin haben.“ „Hat die nicht mit Lafontaine getauscht?“ „Nur einmal, aber dafür muss die Wagenknecht zu Lanz.“

„Wir brauchen eine Betroffenheitssendung.“ „Was bitte ist eine Betroffenheitssendung?“ „Ist die Käßmann schon wieder auf dem Markt?“ „Und dann noch irgendeinen Schlauschwätzer.“ „Der Yogeshwar macht doch diesen ganzen Müll.“ „Was ist eine Betroffenheitssendung?“ „Oder Heiner Geißler.“ „Meine Güte noch mal, was ist eine Betroffenheitssendung!?“ „Ja, nach irgendeiner Katastrophe halt.“ „Der Geißler guckt aber so schön philosophisch.“ „Der ist einfach nur alt.“ „Aber philosophisch.“ „„Was ist betroffen an dieser Betroffenheitssendung, kann mir das mal bitte einer erklären?“ „Ja, Katastrophen halt. Erdbeben, Zug entgleist, so Sachen halt.“ „Oder Amoklauf.“ „Nee, Amok macht der Innenminister.“ „Dann kommt aber Geißler nicht.“ „Eben, deshalb machen wir bei Amok auch keine Betroffenheitssendung.“ „Und die Leute heulen da öffentlich herum?“ „Sie suchen irgendeine Erklärung.“ „Oder rechtfertigen sich.“ „Aber für ein Erdbeben gibt es doch keine Rechtfertigung.“ „Deshalb sitzen da auch so Leute wie die Käßmann.“

„Dieser Programmpuffer…“ „Die Neubauer macht ja auch alles mit.“ „Kann man die Ferres nicht auch wieder mal einplanen?“ „Nur im Abstand von zwei Wochen zu der Ex von Wulff.“ „Das pufft ja auch schon ganz gut.“ „Soll aber puffern.“ „Also dieses ‚Hilfe, mein Hamster bohnert‘, oder was?“ „So ähnlich.“ „Zwei Politiker, zwei aus der Wirtschaft, ein Künstler, und ein Typ, von dem keiner weiß, wer den immer einlädt.“ „Das wäre das Ding von der Wulff?“ „Oder eben von der Ferres.“ „Können wir Nahles und Söder?“ „Hm, lieber Dobrindt und Leutheusser-Schnarrenberger.“ „Ich wäre ja für Gottschalk.“ „Als Künstler?“ „Nee, hat jetzt ja eher mit Wirtschaft zu tun.“ „Plus Ilse Aigner.“ „Nicht ausgewogen“ „Ist die auch aus den USA?“ „Aus Bayern sind die doch.“ „Stimmt, die reden ja auch beide so einen Schmarrn.“ „Oder Seehofer.“ „Weil der auch aus Bayern kommt?“ „Weil der auch einen Schmarrn redet.“ „Und dazu die Katzenberger.“ „Das gibt ein Niveaugefälle!“ „Dann erklären wir Seehofer am Anfang alles ganz langsam.“ „Westerwelle und Bushido?“ „Igitt!“ „Nee, dieses asoziale Schwein will doch keiner mehr sehen.“ „Aber…“ „Nix, diesen widerlichen Populismus kann er sich sonst wo reinstecken.“ „Bescheuerte Idee, so ein Profilneurotiker.“ „Äh, Bushido und Gabriel?“ „Na also, geht doch!“

„Und das Terrorspecial?“ „Können wir das noch näher an die Wahl heranrücken?“ „Bloß nicht!“ „Wieso denn nicht?“ „Mensch, sind Sie denn des Wahnsinns?“ „Man muss doch die Zuschauer warnen, wenn es eine…“ „Eben nicht!“ „Aber warum heißt das Ding dann Terrorspecial?“ „Rahmenvertrag.“ „Rahmenvertrag?“ „Die Gäste unterschreiben einen Rahmenvertrag, dass sie einmal im Jahr eine Sendung abdrehen müssen, in der sie nichts als die Wahrheit sagen.“ „Wie, die Wahrheit? Und das wird dann gesendet?“ „Eben nicht. Sonst hätte man ja nichts gegen sie in die Hand. Und wo bekäme man sonst Talkgäste her?“





Großes Kino

9 08 2011

„Keine Waffen! Was auch immer Sie vorhaben, wir werden keine Waffen zeigen!“ „Können Sie mir mal verraten, wie man eine Kriminalstory ohne Waffen zeigen soll?“ „Das ist nicht mein Problem. Lassen Sie sich halt etwas einfallen. Schließlich ist das Ihr Drehbuch.“ „Aber es ist doch illusorisch, einen Krimi ohne Waffen zu drehen – und vor allem, was soll das bitte bringen?“ „Die Anweisung aus dem Bundesinnenministerium war doch klar: wir zeigen ab sofort keine Waffen mehr, dann gibt es auch nie wieder Amokläufe und andere Gewalttaten.“

„Gut, gut, gut. Dann gehen wir das ganze Ding noch einmal durch. Christoph, der Privatdetektiv, fährt mit seinem Lebensgefährten Jens nach…“ „Jenny.“ „Wie, Jenny?“ „Jens ist Jenny.“ „Aber in der Romanvorlage ist das ein…“ „Weiß ich selbst.“ „Wie sollen wir denn dann diese Szene in London erklären, wo er mit dem…“ „Das interessiert mich nicht, es ist Jenny.“ „Und warum bitte?“ „Weil die Rolle schon für Veronica Ferres reserviert war, und ich möchte nicht meinen Job loswerden, weil sich der Bundespräsident über mich beschwert.“ „Kann das nicht das Bundesinnenministerium regeln?“ „Die sind für Kultur zuständig, aber nicht für die Altersvorsorge von der Ferres.“

„Die beiden fahren also in den Club-Urlaub in die marokkanische…“ „Marokko ist gestrichen. Wir drehen in Thüringen.“ „Warum ausgerechnet Thüringen? Ist das jetzt ein Spielfilm oder eine Strafexpedition?“ „Das eine muss das andere ja nicht zwingend ausschließen.“ „Aber dann hätte man es ja wenigsten in der Schwäbischen Alb oder auf Norderney…“ „Wollte der Bundespräsident auch nicht. Und fragen Sie bitte nicht, warum.“ „Und was bringt das, wenn wir den Krempel in Thüringen drehen?“ „Zuschauer. Die Leute können sich wenigstens streckenweise damit abfinden.“ „Sie meinen: identifizieren?“ „Nein, abfinden. Wer sich mit dem Quark identifiziert, ist ohnehin nicht mehr ganz bei Trost.“ „Meinetwegen, fahren sie also nach Thüringen. Der Aufenthalt im Hotelpool ist dann vermutlich auch gestrichen?“ „Sportstube im Übernachtungskombinat Friedrich Ludwig Jahn in Suhl.“ „Da hören sie einen Schuss und…“ „Es ist eine nächtliche Ruhestörung. Waffen kommen in dem Film nicht vor, wie Sie sich erinnern werden.“ „Und womit werden sie nächtlich ruhegestört? Fernsehen oberhalb der Zimmerlautstärke?“ „Eine Unterhaltung landfremder Elemente.“ „Tut mir Leid, aber hier endet unsere Zusammenarbeit. Ich gebe mich nicht für ausländerfeindliche Propaganda her.“ „Wer redet denn von Ausländern? Die beiden sprechen eindeutig westfälischen Dialekt. Das gilt in Thüringen als landfremd.“

„Tags darauf finden sie im Wellness-Bereich – ach so, gibt’s ja nicht.“ „Auf dem Parkplatz.“ „Und da finden sie die Leiche des…“ „Florian Silbereisen hat sich den Kopf gestoßen.“ „Bitte?“ „Der kann auch gleich seine neue CD ankündigen, und wenn wir das mit den Zweitverwertungsrechten noch auf die Reihe kriegen, schneiden wir eine Szene aus dem Konzert in Erfurt rein.“ „Wozu das denn?“ „Zehn Minuten weniger Produktionskosten und die Zielgruppe unterhalb von Siebzig abgedeckt.“ „Wieso unterhalb? Sie meinen doch das Alter?“ „Nein, den IQ. Haben Sie eine Vorstellung, was das kostet, so einen Film zu drehen?“

„Meinetwegen, ich muss mir den Schrott ja nicht ansehen. Florian Silbereisen stößt sich den Kopf, singt und wird ermordet.“ „Nein, er findet auf dem Parkplatz diese Nonne.“ „Welche Nonne denn bitte?“ „Die mit dem Bandscheibenvorfall.“ „Iris Berben?“ „Keine Ahnung, die macht doch sonst nur Reklame für Kosmetik. Wahrscheinlich doch wieder Hannelore Elsner, die kann auch Schmerzmittel und Globuli.“ „Homöopathie?“ „Man muss nehmen, was man kriegt.“ „Das hilft doch nicht!“ „Natürlich hilft das. Uns hilft jede Art von Förderung. Auch in kleinen Dosen.“ „Na egal. Was macht er mit der Nonne?“ „Wer?“ „Der Detektiv natürlich.“ „Welcher Detektiv denn jetzt?“ „Christoph!“ „Detektiv? Der ist Vermögensberater, FDP-Mitglied und verkauft nebenbei private Krankenversicherungen an Besserverdienende.“ „Warum ist das dann hier als Krimi deklariert?“ „Sie haben Szenen aus dem Kreiskrankenhaus, die werden dann irgendwo reingepackt.“ „Und da geht es um den Mord?“ „Welcher Mord?“ „Der Koch wird doch ertappt, wie er die Süßspeisen mit Zyankali…“ „Die Küchenhilfe wird verhaftet.“ „Wegen Zyankali?“ „Weil sie einen Job für drei Euro Stundenlohn hat.“ „Verstehe, das ist also als Wirtschaftskrimi gedacht. Der Pächter der Krankenhauskantine ist der Bösewicht, weil er das Personal zu Dumpinglöhnen beschäftigt.“ „Nein, die Küchenhilfe bescheißt, weil sie Aufstockerin ist und den Nebenjob im Jobcenter nicht angibt.“

„Großartig. Das Krankenhaus wird geschlossen, nehme ich an?“ „Nein, es wird weitergeführt mit der Hälfte des Personals. Wir kombinieren das gleich mit dem Trailer der neuen Krankenhausserie, dann prägen sich die Darsteller besser ein.“ „Und dann käme eigentlich die Verfolgungsjagd durch Casablanca.“ „Testfahrt mit dem SUV über die neue Umgehungsstraße zwischen Erfurt und Gera. Mit Nahaufnahmen aus dem Wageninneren. Auto wird freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Fahrzeugparadies Hönkelmann.“ „Und dann müssten sie sich verpartnern. Also heiraten, in dem Fall.“ „Lassen wir weg. Wird zu lang.“ „Und jetzt haben wir einen hochkarätigen, spannenden Thriller fürs Abendprogramm?“ „Nein. Aber vom Niveau her sollte es reichen.“ „Für Vollidioten?“ „Für den MDR natürlich.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXV): Scripted Reality

17 09 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein jeder verrät sich, das Schwein am Gang, der Lustgreis am Husten im Kleiderschrank, und der gemeine Weichstapler fällt in der Konkurrenz um die intellektuelle Vorherrschaft im Wettrennen mit Fadenwurm und Stummelfüßer Platz um Platz nach hinten, wo sich Schund und Plunder um einen Schlag in den Nacken balgen, um den Stoffwechsel nicht einschlafen zu lassen. Knapp unterhalb dieser Klientel hocken Sauerstoffkonsumenten, die nur in eigens simplifizierter Umgebung lebensfähig sind: die unsortierten DNA-Reste, mit deren Existenz Privatfernsehanstalten ihre Anhäufung miserabler Plärrkulisse zwischen den Werbespots rechtfertigen. Eine Population, die schafft, jede Qualität quasi punktförmig zu modulieren, evolutionär kaum einer Erwähnung wert, geschweige denn eines Witzes. Es reagiert nur auf grobe Reize, Schießgewehr und Schmachtschlager, und er braucht unbedingt ein Klettergerüst, um aufrechten Gang zu markieren. Ihm hilft der Prekariatssender via Scripted Reality.

Was nicht doof genug ist, wird entsprechend erfunden. Der nachmittägliche Sozialporno wird aus Fertigware zusammengenagelt, kreischenden Teenagermuttis, dauerblauen Feinrippträgern und Kleinkindern, die man selbst als Sozialpädagoge gegen die Raufasertapete kloppen möchte, um das elende Gekreisch aus dem Cortex zu kriegen. Dazu bieten sich die handelsüblichen Accessoires, leichte Haftstrafen und Adipositas, Bildungsmangel und Nationalsozialisierung, um aus dem humanoiden Siff auf der Mattscheibe den feuchten Traum eines jeden Regisseurs zu machen, der täglich die Basis der Bevölkerung zu bespeicheln hat. Das also geklonte Casemodding des Proletariats hat mit der Realität nichts, in Worten: gar nichts zu tun, bedient jedoch höchst komfortabel die Ambitionen der Dompteure, die die Pro- und Antagonisten mit Anlauf in immer neue Konflikte rasseln lassen, um der gelangweilten Schar auf durchgeschwitztem Plastemobiliar überhaupt noch ein Lebenszeichen abzuringen in der Spirale stetig verdummenden Desinteresses – Emotainment braucht der Pöbel, die Fäuste soll er schütteln, zu Mord und Kotschlag hetzen, wenn der Producer Nüsse in seinen Käfig spuckt. Denn es ist gut so.

Schablonen gibt’s genug. Bauern suchen Frauen und überfordertes Familienpersonal darf plärrende Bälger in die Obhut professioneller Besserwisser geben, um die natürliche Priorität akademischer Egomuschis über pädagogisch dürftig ausgestattete Aufstocker zu untermauern, überschuldete Stinos gewöhnen sich daran, dass man sich coram publico nackig machen darf, so es die Verhältnisse fordern, dass Datenschutz und Bürgerrechte unterhalb des Einkommensdurchschnitts Serviervorschlag bleiben und nicht erheblich sind. So wenig, wie die Pseudowirklichkeit wirklich und skalierend ist, so gierig frisst sie Unbedarfte und verdummt sie verdauernd und hinterlässt sie am Dreckrand der Gesellschaft, indem sie ihm vorgaukelt, die kranke Mixtur aus Enthemmung und Depersonalisation sei normal. Schleichend erliegt der Bekloppte dem Guckreiz und kriegt die televisionären Flöhe nicht mehr aus dem Hirn, einerseits den verblödenden Gewöhnungseffekt, sich bald selbst wie moralischer Morast zu benehmen, andererseits den latenten Schuldvorwurf, der zischelnden Einflüsterung nicht widerstanden zu haben. Mit stillem Einverständnis, das Gebastel aus Psycholegosteinen für bare Münze zu nehmen, steigt das Volk ohne Not in die Falle und zahlt die Befreiung mit Dauerverdeppung.

Denn die Dramatisierung des Banalen, die die Trickfilmer dem ahnungslosen Vieh zum Fraß vorwerfen, häuft eine solche Menge an Vollquark aufeinander, dass der Delinquent nur noch stolz aufs Vorurteil sein kann, das er sich mit jeder Sekunde Trottelprogramm in die Birne pfropfen lässt. Nach dem Konsum einer einzigen Schicht von Krawalltalk bis Gerichtsshow mit Polizei-Doku und Primatdetektiv hat der Beknackte geschluckt, dass die Welt ein Sündenpfuhl ist, dass eine kaputte und entsolidarisierte Gesellschaft nicht mehr zu ändern ist, dass jeder an der Dramaturgie seines Abstiegs in die soziale Müllverwertung letztlich selbst schuld ist und sich nicht zu beschweren hat, wenn man ihm mit leichtem Treten nachhilft, und dass der Plebs im Zweifel vor den Instanzen der Gewalt zu buckeln hat, da ja die galoppierende Verrohung in der gekneteten Kalokagathie nicht stattfindet. Schon hat der vulgärsoziologische Mattscheibenkleister sein Leitmotiv für die neue Kastengesellschaft weg und kann, die Einführung aller Herrschaftsinstrumente der Gegenaufklärung betreibend, fröhlich auf dem Objekt seines Interesses herumtrampeln. Es ist formbar, denn der Impuls, nach der Fernbedienung zu greifen, wurde ihm längst weggemendelt.

Was immer die Widerspiegelungsvergewaltiger ihm in den Schädel schwiemeln, er turnt es auf Wunsch seitenverkehrt nach: Hungern und Fressen, Reproduktion und Religion, und es ist nur eine Frage der Polung, ob er zur Stabilisierung dieser oder jener Werte und Renditen in die Fabrik stapft oder ins Trommelfeuer. Obwohl auch das den Bescheuerten nicht stören würde; schließlich dient es der Wahrheitsfindung.





Die Stimme Gottes

29 07 2010

„Es ist nicht mehr wie früher.“ „Sie sagen das so gleichgültig? Haben Sie etwas? Weltschmerz?“ „Nein, ich konstatiere es nur. Es ist nicht mehr wie früher.“ „Es ist schlechter geworden?“ „Nein, es ist anders. Dass alles, was sich ändert, grundsätzlich zum Schlechteren tendiert, ist nur eine höchst eingeschränkte Sichtweise.“ „Kann man, kann man. Aber was stört Sie denn daran?“ „Dass diese Sicht von denen vertreten wird, die sich dem Fortschritt verschrieben haben und ihn überall bremsen, wo er nur auftritt.“

„Es ging früher eben alles ruhiger zu. Das sagt auch die Kanzlerin.“ „Das mag vielleicht daran liegen, dass sie die operative Hektik der Medien mit ihrer eigenen geistigen Windstille verwechselt. Nicht die Bewegung hat sich verändert, sondern die Beweglichkeit. Die Menschen warten nicht mehr darauf, dass ihnen jemand sagt, was sie zu denken haben.“ „Sondern?“ „Sie denken.“ „Einfach so?“ „Stellen Sie sich vor!“ „Das wird kein gutes Ende nehmen.“ „Es könnte der Ausweg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit sein.“ „Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!“ „Und sie haben Zeit, sich mit der Politik auseinanderzusetzen.“ „Müssen denn diese Leute sich nicht um Arbeit bemühen? Die können doch nicht einfach so den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen?“ „Ihnen war entgangen, dass es in Deutschland auch noch Menschen gibt, die ganz normal arbeiten? die studieren? oder Freizeit haben?“ „Wenn man die Regierung reden hört, kann einem das schon mal entfallen.“

„Und warum Fernsehen? Seit wann interessiert man sich noch für das Fernsehen?“ „Die Regierung hat gerade das ZDF mit zuverlässigen, guten politischen Kräften aufgefüllt.“ „Sie meinen, die CDU hat den Sender gekauft.“ „Regierung, CDU, meine Güte – ist das nicht dasselbe? Und warum sollen denn die Leute sich nicht im Fernsehen über die Politik informieren? Das kostet weniger als beispielsweise eine Tageszeitung.“ „Weil die Bevölkerung nicht berieselt werden will.“ „Und wer guckt dann diese ganzen Volksmusik-Sendungen?“ „Alle, die nicht ohne fremde Hilfe von der Glotze wegkommen.“ „Und was ist gegen Berieselung einzuwenden?“ „Dass es eine Einbahnstraße ist. Sie sitzen vor dem Fernseher und werden mit Bildern vollgestopft. Sie können nicht darauf reagieren.“ „Sie können beispielsweise Leserbriefe schreiben.“ „Sie verwechseln das mit der Zeitung, und da werden die kritischen Leserbriefe normalerweise von einem Jungredakteur verfasst und vor dem Abdruck dem PR-Berater und der Rechtsabteilung vorgelegt.“ „Sie können ja anrufen.“ „Und wen verlange ich da? Den Programmdirektor? Den Redakteur? Den Chefredakteur?“ „Sie werden doch wohl bitte noch einen Verantwortlichen ausfindig machen können im deutschen Fernsehen!“ „Und wenn es gerade daran stört, dass er der Verantwortliche ist?“

„Sie wollen bestimmt wieder auf Ihr Internet hinaus, richtig? Was ist denn in diesem Internet so anders?“ „Dass es weniger Zeit in Anspruch nimmt, sich zu informieren. Dass sich mehr Menschen schneller und genauer informieren können. Dass sie sich nicht berieseln lassen müssen, sondern sich selbst artikulieren können. Dass nicht die eine Stimme zu ihnen spricht.“ „Ich fände das aber zu anstrengend. Ich meine, mehr als eine Stimme. Man kann das doch gar nicht mehr auseinanderhalten, wer da was sagt.“ „Es ist Ihnen also lieber, wenn man nicht mehr auseinanderhalten kann, ob die Regierung spricht oder ein Journalist, der sich als unabhängig bezeichnet?“ „Sie meinen, es gibt im Fernsehen Journalisten, die nicht objektiv die Wahrheit berichten? Das kann ich mir nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht.“

„Die Stimme Gottes, die Sie um jeden Preis wiederhaben wollen und die Kanzlerin anscheinend auch, die ist im Stimmbruch. Es gibt sie schon nicht mehr. Es gibt kein einheitliches Meinungsbild der Deutschen mehr – sie informieren sich gezielt und reagieren. Und sie äußern sich.“ „Das ist es ja! Haben Sie diese Kommentare mal gelesen? Es ist eine Schande!“ „Sie meinen die Kommentare, die zur Neuwahl auffordern und das, was die Regierung betreibt, mit deutlichen Worten ablehnen?“ „Man müsste das schleunigst verbieten! Es verstößt doch gegen die guten Sitten, wenn nun jeder seine Unzufriedenheit mit der Regierung auf diese Art und Weise artikulierte!“ „Artikulieren – genau. Die Menschen nennen Ross und Reiter. Und sie stellen diese Bande virtuell an die Wand.“ „Da muss man doch aber etwas tun, da muss man doch etwas machen können! Kann man denn da nichts zurücksetzen oder wegsperren, man muss doch dies Internet irgendwie sauber machen können, das geht doch nicht mehr!“ „Das Internet spiegelt lediglich die Gedanken der Menschen wider, nichts anderes. Was Sie wollen, ist nicht das Internet sauber machen, sondern den Menschen die Köpfe von innen feucht durchwischen.“ „Ich will bloß, dass diese ganze fürchterliche Kritik…“ „Sie wollen also den Leuten das Maul verbieten?“ „Sie sollen doch bloß ordentlich etwas machen und nicht immer nur so herumkritisieren – die Regierung kann doch machen, was sie will, die sind so, die Regieung kann nicht mehr machen, was sie will! Das darf doch nicht sein!“ „Wollen Sie der Regierung den Arsch retten?“ „Was muss ich dazu machen?“ „Nichts. Lassen Sie es so, wie es ist. Lassen Sie die Leute im Internet die Kanzlerin aus dem Land jagen und ihren Vize auf Hartz IV setzen. Sonst…“ „Was sonst? Was denn sonst?“ „Sonst machen sie es in Wirklichkeit.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (LX): Fernsehwerbung

4 06 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der akustische Urgrund, das monotone Kauen der Hausstaubmilbe, die in Wirklichkeit noch einem Teilzeitjob als Schwanzlurch nachging, bis das Haus samt dem zugehörigen Staub erfunden wurde, wurde strukturiert vom Rascheln der Gräser, wenn ein Vierbeiner seine Nahrungsreste in der Steppe verklappte, und hie sowie da zerschnitt es rasch und unbürokratisch der Sound eines fallenden Gehölzes, das unvorsichtiges Getier in halbflüssigen Aggregatzustand versetzte. Der Hominide mit dem Einkaufszettel in der Hand ließ rhythmisiertes Gegrunze erschallen, ungefähr auf halber Strecke zwischen Magenübersäuerung und Gangsta Rap, um den anderen Evolutionskandidaten mitzuteilen: hier gibt’s lecker Proteine. Manch einer folgte der Anpreisung und fand Schmackhaftes, manchem jedoch, der Zeit voraus, ging das Reklamegeblök schon damals gewaltig auf den Sack.

Bis heute hat sich eigentlich nur geändert, dass Frequenz und Blödheit des Propagandageschwallers exponentiell angeschwollen sind, während ein Menschengeschlecht heranwuchs, das sich die Synapsen von der Resterampe hievt. Allabendlich drischt der Glotzkasten seinem bescheuerten Eigner eine Invasion grellbunter Bewegtbilder in die Hirnrinde. Die Fernsehwerbung gehört zu den letzten nicht erforschbaren Gefährdungen, denen der durchschnittliche Blödmann ausgesetzt ist; ihre Existenz wird nicht geleugnet, ihr Auftreten ist auch ohne wissenschaftlichen Kenntnisse vorhersehbar, und doch preschen ganze Völker mit dem Druck auf die Fernbedienung allabendlich wieder in das große Messer, das ihnen aus der Bildröhre droht. Pawlows Pinscher haben sich hinterhältig in die Masse einkreuzen lassen.

Die Verblödungslaterne leuchtet vornehmlich mit überflüssigem Zeugs heim: Pofel, den man nicht braucht, für Geld, das man nicht hat, im besten Falle noch, um andere Beknackte neidisch zu machen. Ob Halbbildungsfernsehen oder Unterschichtensender, auf allen Kanälen erfährt der Telekommandierte, dass er sein bisheriges Leben eigentlich für die Tonne gelebt hat. Ohne Backofensäuberungsspray, Geländemotorrad oder Feinstrumpfhose ist wohl längst kein zivilisierter Haushalt mehr zu führen, und ohne Duftbombe „Ananas/Nasser Hund“ kein bis zur Vollendung geführter Stoffwechsel mehr statthaft – wobei die von hyperaktiven Designern ins Bild geschwiemelten Kachelstudios den Bewohner in abgrundtiefe Depressionen stürzt, weil sich außer auf von Desinfektionsfluid getränkten Verkaufsausstellungen kein zurechnungsfähiger Erdkrustenbewohner finden dürfte, der in derart aseptischer Umgebung auch nur einen Tropfen Körpersekret unter sich ließe. Die Kulisse gaukelt eine Welt vor, die dem zügigen Ableben jeden Schrecken nimmt.

Doch sind die Menschendarsteller kaum anders; entweder schwafeln Klebebildchen auf dünnen Beinen spontan wie ein Busfahrplan verquirlten Dünnfug, oder ein vom Entlustigungsbeauftragten aus den Restbuchstaben einer Runde Scrabble zusammengehauene Desinformation verkleistert die Ohren der arg- und hilflosen Guckopfer. Ein übersäuerter Rapper gestikuliert grobmotorisch wie ein zugedröhnter Heuschreck in die Kamera, während ein Rudel Hochbeinschnitzel sich Würfelzucker unter Schokoladenverblendung in die Figur panzert, trauriger als jedes Klischee, das hinter der Wirklichkeit hinter den Klischees lauert.

Denn die Ästhetik in derlei Flachfilmchen läuft allezeit gleich: austauschbare Hackfressen grinsen grenzdebil in die Linse und jodeln die Tatsache, dass es bei ihnen grobmotorisch ausreicht, um eine Flasche Allzweckreiniger senkrecht zu halten, auf Weltniveau hoch. Irritiert sieht der Bescheuerte, wie die Wegwerfblondine aus dem Krimi zwischen den Werbepausen zu jenen drei am Rande der Manie tänzelnden Anstatt-Models gehört, denen die telegene Verwendung gewisser Hygieneartikel wohl Ersatzflüssigkeit unter die Fontanelle drückt. Glück und Zufriedenheit, lauter Jubel und panische Freude lösen Fischstäbchen, Wollsocke und Fliegentod aus, eine orgiastische Verwirbelung von Liebe, Frieden und gestilltem Juckreiz saugt der Verbraucher aus Teppichschaum und Tiefkühlpizza: mehr, als das organisch gesunde Herz verkraftet.

Denn groß und grauenvoll sind die Segnungen der selektiven Wahrnehmung, die da funktionieren in beiderlei Richtung; der Werber, meist ein frustriertes Opfer realitätsresistenter Kunden, hält sein Wirrwerk für halbwegs kompatibel mit den gesellschaftlich akzeptablen Geschmacksgrenzen, und der Umworbene erliegt dem Wahn, die aus dem metaphysischen Klärschlamm der Jahrtausende aufblubbernden Grunzlaute mitzuhören, die im Sirren des Geziefers zur letzten Chance antreiben: schnell Rahmspinat kaufen, sonst geht diese Welt ohne uns unter. Wer würde die Hirnwaschanlage dann refinanzieren? Die Hausstaubmilbe nicht, so viel ist schon mal sicher.