Gernulf Olzheimer kommentiert (XVI): Lebensmittelimitate

17 07 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sternstunde Null – Dresden war reif für einen architektonischen Neustart, Nazis gab es, wenn überhaupt, allenfalls noch in Nürnberg, und Rest- wie Rostdeutsche wuppten ihre tägliche Existenz im ganzheitlichen Ansatz: keiner hungerte, ohne zu frieren. Der an sich bescheuerte Deutsche, der ja nie im Leben alzheimernden Postkartenmalern aus Braunau zugejuchzt hätte, setzte zum großen Sprung nach vorn an. Noch waren in der Trizone Formfleisch, orthogonale Eier und schockgefrostete Krokettensimulationen, noch plastiniertes Rotkraut, aufgepumpte Broileretten und Jägerschnitzel frisch aus dem Separator im freien Teil der stalinistischen Welt nicht entdeckt, da entwickelte der seit jeher mit eherner Schmecke ausgestattete Depp eine frühe Form von Molekularküche, das Trompe-l’œil in Mehlschwitze. Backware aus dem Kombinat Plaste und Elaste, Sahneersatz aus geschredderten Kartoffelresten, Leberwurst aus Holzrückständen ergänzten den kulinarischen Vollrausch als Flucht vor der kalorienreduzierten Wirklichkeit.

Seither hat der Bekloppte, der eher Care-Pakete als Vernunft annähme, zwei Lebensformen zur Hochblüte gedeihen lassen. Zum einen kann er nichts wegschmeißen – er, der Messi in „Messias“ entdeckt, hebt von der Werbedrucksache den Umschlag auf und hortet Gummiringe, bis von der drittobersten Schicht abwärts die Schublade mit Kautschukstaub gefüllt ist. Gleichfalls popelt er von der Schwarte die letzten Fettmoleküle und lagert im Geräteschuppen die Blumenkohlstrünke, damit der Russe ihn nicht nochmals aushungern kann, wenn die Sache mit dem Gasmonopol schief gehen sollte.

Zweitens ist er zutiefst davon überzeugt, dass er oben Knorpel, Tod und Restfett einwerfen und dann unten hochfeinen Gaumenkitzel hervorholen könne. Vorbei die Zeiten, in denen Brennnesselsud und Brathering aus Hefeextrakt, Bröckelgötzen und Beefsteak aus Brotrinde für einen stabilen BMI sorgten. Dennoch verzichtet die Knalltüte nicht auf das verbriefte Recht, Dreck fressen zu dürfen.

Und die Knalltüte bekommt ihn. Willfährig ist die Fertigfraßindustrie und schnell bei der Sache, wenn’s gilt, den Beschränkten eine Mixtur aus Brackwasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß und Bleichmitteln als Käse anzudrehen. Ahnungslos schluckt der Trottel und hat seine Lebenserwartung wieder einmal höchst elegant minimiert. Auch mit dem Schinken, vor dem Krieg noch am Stück und aus quiekfreudigen Rüsselschnäuzlern geschnippelt, hat es so seine Bewandtnis. Schnittfester Wabbel aus Kartoffelstärke – Hallihallo, hier ist sie wieder, die Notstandsknolle – mit punktuell eingelagertem Gammelfleisch spiegelt Bissfreudigkeit vor, als hätte der Schöpfer selbst den Fake am Arsch der Sau wachsen lassen. Da ist Holland ganz abgesehen von den roten Wasserbomben, die nur an der Kistenaufschrift als Tomate zu identifizieren sind, mal richtig in Not, das haben sie alle nicht gewollt. Schon plärren die denkresistent Degenerierten nach Verbraucherschutz und machen es dann dem Motor ihrer Blechkiste nach: auf geht’s zur zünftigen Magenschmierung mit Vollsynthetik.

Zum Beispiel beim Fertigdressing, das den welken Blattsalat ersaufen lässt. Fröhlich schweben schrillbunte Kräuter im Schmierfettglibber herum und kümmern sich einen Scheißdreck um die Schwerkraft; das Zeug sieht aus, als hätte Timothy Leary Wackelpudding gekocht. Dass man derart surreale Effekte wohl nur unter Einsatz von Madenepithel und flambierten Krötengonaden hinschwiemelt, verdrängt der Dummkopf in der Kassenschlange. Andererseits gönnt er sich gerne ein teures Surrogatsüppchen, wenn nur die feiste Fratze eines von Sternen vollgehagelten Kochs auf der Dose pappt. Alles jenseits von Stalingrader Kesselgulasch scheint ihm sowieso als brodelnder Vaterlandsverrat, und so labt er sich verschämt an hochgezüchteten Pilzsüppchen, da ja die Autorität für Echtes und Wahres spricht. Pustekuchen – in der Aluretorte lauert der Beschiss in Gestalt von Edelfischfond aus totgeköcheltem Altmilchvieh, butterfreie Buttersauce oder Gewürzkombinationen aus chemisch reinem Geschmacksverstärker, unter dessen Sperrfeuer die Hochpreispampe zwar immer noch wie aus der Ökotonne schmeckt, das aber wenigstens mit Papillen zerschmirgelnder Wucht. Maggi pur auf altbackenem Graubrot wäre der ehrlichere Weg zum Selbstbetrug gewesen und im Zweifel schmerzfreier, da von adäquaterem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Und so zieht er weiter seine Kreise durch die Speiseblasenkammer, knabbert Schokoladenkekse, auf denen kein Schild mehr Reste von Schokolade angeben muss, und lutscht auf Pressgarnelen aus Rotaugenmuskelfasereiweiß herum. Gourmets unter den Bescheuerten gehen inzwischen dazu über, Tütenpasta und Dosenpesto nur noch dann im Ensemble zu kredenzen, wenn beide mit Sägemehl aus der identischen Buchenschonung gestreckt worden sind. Vermutlich jubeln sie dem Behämmerten demnächst Kaninchenkotze mit Fliegenpilzmatsch als Sauerbraten in abgefeimter Karnevalsverkleidung als Sushi-Pizza unter. Unser Mitleid hielte sich in Grenzen. Selbst Schuld.