Mauthelden

24 11 2011

„… die Einführung einer Autobahnmaut unter der unionsgeführten Regierung ausgeschlossen. Merkel empfahl nur, die Anreize zum Klimaschutz als…“

„… lehnte auch Seehofer die Maut, wenigstens für Pkw, vorerst entschieden ab – was keinesfalls bedeuten dürfe, dass man eine Gebühr für Lkw…“

„… wollte Ramsauer ein vorzeitiges Ende der schwarz-gelben Koalition zwar nicht ausschließen, gab jedoch zu bedenken, dass mit einer schnell und unbürokratisch eingeführten Maut die…“

„…würde nach Aussage von FDP-Chef Rösler die Autobahnmaut nur dann gerecht sein, wenn sie automatisch zu Steuersenkungen führt, die dann durch die Maut wieder…“

„… eine Vignettenlösung als die beste Ersatzmaßnahme. Sie werde ebenso wie die Kfz-Steuer ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Verbrauch bezahlt, sei sinnlos, bürokratisch und ein damit sich harmonisch ins deutsche Gesetzesumfeld einbettendes…“

„… würde nach Plänen von Kretschmann als satellitengesteuerte Technologie zum Abbau der Druckkosten für Aufkleber aus biologisch nicht abbaubarer Kunststofffolie…“

„… brachte Seehofer die Idee einer EU-weiten Pkw-Maut ins Spiel. Die in Bayern hergestellten technischen Güter würden beim Export in den ganzen Euro-Raum einen Wirtschaftsaufschwung nach sich ziehen, der zwar die Sparmaßnahmen in den übrigen Ländern nicht…“

„… für den ADAC nicht diskutabel. Der Verband beharrte darauf, man würde einer neuen Dieselbesteuerung und strengeren Lärmgrenzwerten ohnehin nicht zustimmen, könne aber bei der Aufhebung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen in Deutschland eine Lkw-Maut auch in die…“

„… nur dann einverstanden, wenn die mit der Überwachung der Lastkraftwagen aufgezeichneten Daten auch einer Mindestspeicherfrist unterlägen. Bundesinnenminister Friedrich betonte, es bedürfe der Daten unbedingt auch bei Personenkraftwagen, da nur so eine wirksame Bekämpfung des Terrors auf den deutschen Autobahnen…“

„… nannte Seehofer den Anteil ausländischer Fahrzeuge auf deutschen Straßen alarmierend, da ohne belastbare Statistiken keine Aussage darüber getroffen werden könne, ob etwa niederländische Autos mehr Asphaltschäden verursachten als…“

„… würde für den Bundeswirtschaftsminister eine Maut nur dann sinnvoll sein, wenn sie auf Kleinwagenfahrer beschränkt bliebe, da sich Besitzer leistungsstarker Autos bereits durch die Absenkung der Kraftfahrzeugsteuer an den…“

„… schlug Schäuble vor, die bei der Entlastung eingesparte Summe wie gewöhnlich durch eine erhöhte Tabakbesteuerung, ansteigende Krankenkassenbeiträge und den doppelten Soli…“

„… sich nicht ausschließen – Bosbach schlug vor, die eigentlich zur Überwachung der Ruhezeiten von Lkw-Fahrern aufgezeichneten Daten auch zur Überwachung von Pkw zu verwenden und im Gegenzug auf die Datenerhebung in Lastern zu verzichten, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Speditionsunternehmen nicht…“

„„… ein Aufkommen von bis zu fünf Prozent ausländischem Verkehr auf deutschen Straßen vermutet. Spekulationen, der Anteil deutscher Fahrzeuge in den Niederlanden sei proportional höher, wies Ramsauer als irrelevant…“

„… dürfe, so Rösler, nur dann von der Koalition beschlossen werden, wenn im Gegenzug eine Senkung der Mineralölsteuer um 0,3 Prozentpunkte durchgeführt und von der Kanzlerin ein epochales Ereignis und gehaltenes Wahlversprechen genannt würde, am besten im Rahmen eines ökumenischen Dankgottesdienstes während der von den Liberalen veranstalteten…“

„… drohte Ramsauer der CDU damit, den Güterverkehr langfristig ganz auf die Schiene zu verlagern. Die Deutsche Bahn AG lehnte diese Überlegung entschieden ab; man könne erst bei einer Auslastung des Zugverkehrs nahe der Null-Prozent-Marke auf einen baldigen Börsengang…“

„… entwarf Uhl ein satellitengestütztes Sicherungssystem für die deutschen Autobahnen. Der Vorteil, so der CSU-Innenexperte, sei der integrierte Trojaner, um bei Reisebus-Entführungen durch Fernsteuerung des Navigationssystems die Täter in die Falle zu…“

„… werde nach Aussage Ramsauers auch dann möglich sein, wenn die Lkw-Maut ausschließlich auf Personenkraftwagen erhoben würde – im Gegenzug bliebe die Pkw-Maut wie vorgesehen den Personenkraftwagen vorbehalten. Ein Mehraufkommen sei so lediglich bei der Kfz-Steuer zu…“

„… mit der Lösung für das Speditionsgewerbe, dass eine Maut nicht mehr erhoben würde, eine Speicherung der Verkehrsdaten jedoch als Ausgleich bei Telefon- und Internetanschlüssen vorgenommen werden solle, da dies eine wirksame Aufklärung von Auffahrunfällen noch…“

„… doch wiegelte René Obermann alle Sicherheitsbedenken bereits im Vorfeld ab: die Deutsche Telekom AG werde wie vereinbart zum Preis von 15 Milliarden Euro, zahlbar in mehreren Raten zu je 20 Milliarden sowie einem Abschlag von 33 Milliarden Euro, mit höchstens fünf Jahren Verspätung ein komplett funktionsunfähiges System liefern, mit dem eine Datenübermittlung so gut wie ausgeschlossen…“





Der Kämmerer des Schreckens

29 10 2009

Der Fahrstuhl ruckelte und zuckelte – plötzlich schoss er in die Höhe, obwohl es mich an die Decke zu drücken schien. Wie in Trance sah ich, dass der Anzeiger auf 9¾ stehen blieb. Die Türen öffneten sich. Da stand Fählske. „Pünktlich auf die Minute“, lobte er, „treten Sie gleich herein, junger Freund!“ Kisten und Kästen verstopften die Korridore des Bundesministeriums der Finanzen. Sicher war noch Zeit, dass Peer Steinbrück einpacken könne. „Das kann er in der Tat“, bestätigte der Ministerialrat, „aber das hier gehört schon der neuen Führung. Wir stellen um.“ Umstellung? Würde es Aktendeckel in neuen Grautönen geben? ordentliche Buchführung? Was sollte das bedeuten? Fählske druckste herum. „Kommen Sie mit. Sie glauben es mir doch nicht, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen.“

Wir durchschritten die ministeriellen Korridore. Zwei Handwerker waren damit beschäftigt, eine Menge neuer Schilder an die Türen zu nageln. Ich stutzte. „Raum der Wünsche? Was hat denn das nun wieder zu bedeuten?“ Fählske zeichnete mit der Schuhspitze Kreise auf das Linoleum. „Es ist ja so: der Haushalt ist momentan, wie soll ich sagen… also es sieht gar nicht so gut aus, genauer gesagt, wir wissen eigentlich noch gar nicht, wie groß die Katastrophe ist. Und da muss man vorbeugen.“ „Sie wollen ernsthaft behaupten, dass Sie Ihren ganzen Laden jetzt nach dem Harry-Potter-Prinzip… nein, sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist!“ „Ich weiß es doch selbst“, jammerte der Fiskalbeamte, „aber wir konnten nichts machen. Der Chef hat ja schon vorher einen Schatten gehabt, aber jetzt dreht er komplett durch!“ „Und was wird hier gemacht?“ „Nicht viel. Der Chef sitzt hier herum und murmelt stundenlang etwas von Aufschwung oder beschwört Wirtschaftswachstum von zwanzig Prozent herauf. Was sollen wir denn machen?“ Ja, was sollte man?

Weiter ging’s, rechts lag die Heulende Hütte für die Planungskommissionen des Koalitionsvertrags, links führte eine Tür zu Zonkos Scherzartikelladen, wo sich ein Team von Unternehmensberatern neue Steuern ausdenken sollte. „Die Rückwärtslauf-Abgabe, den progressiven Montag-bis-Mittwoch-Spitzensteuersatz und den Schluckauf-Freibetrag haben wir schon durchgekaut, aber der Verbotene Wald sagt, das ginge alles nicht.“ „Der Verbotene Wald?“ „Das Bundesverfassungsgericht natürlich. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir auch einige neue Sprachregelungen eingeführt haben.“

Die Tür zur Magischen Menagerie war abgeschlossen. Fählske bedauerte: „An sich gar nicht so schlimm, es sind in Wirklichkeit nur kleine Puschelkätzchen und Wauwaus, die als reißende Raubtiere verkleidet werden. Völlig harmlos.“ Ich blieb skeptisch. „Und warum leisten Sie sich nicht richtige Giftschnecken?“ „Ich bitte Sie! Echte Steuerprüfer bei den Industrieunternehmen – das kann man der Wirtschaft ja nun wirklich nicht zumuten!“

„Cheffe? Wo stell ick’n Deluminator hin?“ Der Möbelpacker schleppte einen gewaltigen Karton die Treppe hinauf. Ich sah ihm interessiert zu. „Sie benutzen das Ding als Ortungsgerät, wenn Sie auf Sicht fahren?“ „Keinesfalls“, korrigierte Fählske, „wir setzen es seiner eigentlichen Bestimmung gemäß ein: als Verdunkelungsapparat.“ Das wollte ich nun genauer wissen: „Warum dies?“ „Wissen Sie eigentlich, wie lästig der Bundesrechnungshof sein kann?“ Ich begriff. „Und sicher haben Sie irgendwo auch ein Denkarium versteckt?“ „Das steht im Büro vom Herrn Minister. Wir wollten es eigentlich mit der Vorratsdatenspeicherung koppeln, aber die fällt jetzt ja nicht mehr in Schäubles Ressort. Und da mussten wir uns eben einiger anderer Mittel bedienen, wie Sie sehen.“

Das Zimmer am Ende des Flügels war mit schwarzem Samt ausgeschlagen; kryptische Zeichen an den Wänden ließen es wie einen Tempel erscheinen. „Das hier“, erklärte Fählske stolz, „wird der Durchbruch sein! Ab sofort gibt es keine Steuerausfälle mehr – das Problem ist für alle Zeit gelöst!“ „Online-Überwachung?“ „Viel besser“, warf er sich in die Brust, „ein Spickoskop! Ab jetzt gibt es keine Heimlichkeiten mehr. Wir erkennen jeden Steuerhinterzieher!“ „Na, das wird ja die Kollegen im Wirtschaftsministerium freuen. Oder wie handhaben Sie das mit den Steuergeschenken für die Großkonzerne?“ Fählske schlug eine Portiere zu einem Schränkchen auf. „Für unsere Leistungselite haben wir selbstverständlich noch an ein Verschwindekabinett gedacht. Bei genügend hohen Umsätzen sind Sie dabei – oder bei genügend hohen Schulden, je nachdem.“

Beschwingt lief er vor mir her. „Sogar die Kantine hat sich völlig verändert. Gut, der Bohneneintopf mit Ohrenschmalz ist nicht jedermanns Sache, aber Sie sollten einmal die Schokofrösche kosten – einfach zauberhaft!“ Und schon standen wir am Ende des Flurs. Die Tafel an der Wand verzeichnete alle Abteilungen des Finanzministeriums. „Magische Strafverfolgung“, las ich, „Internationale Magische Zusammenarbeit, Mysteriumsabteilung – das dient wohl auch Ihrer Verschleierungstaktik?“ „Ganz recht“, bestätigte er, „aber wir haben die Abteilung noch nicht besetzt. Vorerst brauchen wir alle im Deluminationsressort.“ „Und was machen Sie mit diesem Fachbereich?“ „Wir bereiten uns darauf vor, dass man den ganzen Mist, den wir hier produzieren, nicht merkt. Haushaltslöcher, Milchmädchenrechnungen, die ganzen Schuldenberge.“ Fassungslos blickte ich ihn an. Er legte mir tröstend seine Hand auf die Schulter „Na, halb so schlimm. In vier Jahren ist der ganze Zauber ja sowieso vorbei.“





Zimmer frei

28 10 2009

„Du, Angela?“ „Ja, Horst?“ „Sag mal, hast Du den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen?“ „Ich habe ihn gar nicht erst reingesteckt.“ „Aber warum denn, Angela?“ „Der Guido hat noch keinen Strom legen lassen, und ich dachte, wir könnten vielleicht die ersten paar Tage mal ohne…“ „Ja Himmisakrament, wo soll ich denn jetzt hin mit meinem Weißbier und dem Leberkäs? Seid’s denn narrisch geworden?“ „Jetzt reg Dich doch nicht so auf, Horst. Der Guido brauchte halt das Geld für die Betten.“ „Welche Betten? Ich dachte, wir haben gar kein Geld dazu?“ „Der Guido wollte aber neue Betten, da habe ich’s ihm erlaubt. Er hat mir keine Ruhe gelassen.“

„Shalim-Shalom-Shalömchen, ich bin’s, Euer Guido! Na, was geht ab?“ „Ich geb Dir gleich was-geht-ab, Du Bazi! Den Strom hast nicht bezahlt! Das geht doch nicht!“ „Mensch Horst, jetzt bleib mal locker – Deine Wurst kannst Du auch frisch kaufen und das Bier stellst Du einfach auf den Balkon!“ „Du Guido, wir haben keinen Balkon.“ „Wie, keinen Balkon?“ „Wenn ich’s Dir doch sage, wir haben keinen.“ „Aber ich will einen!“ „Du hast schon neue Betten gewollt, was war das wieder für ein Schmarrn?“ „Da sind sie doch, Horst. Gestern angeliefert.“ „Was? Wo?“ „Die kommen um halb elf zurück.“ „Wieso zurück?“ „Horst, der Guido hat halt die aus dem Kanzleramt genommen.“ „Aber dann haben wir doch im Kanzleramt keine mehr?“ „Eben. Aber wir werden eine Lösung anstreben für diese Problematik.“ „Sag einmal, Angie, bist jetzt auch deppert? Wir haben keine Betten hier!“ „Weil der Guido nicht die von Frank-Walter wollte. Da hat er ganz fest versprochen, dass es neue gibt.“ „Ja aber es gibt keine neuen und auch keine alten!“ „Jetzt macht hier mal keine Welle, Freunde! Wir haben neue Betten. Die stehen bloß im Kanzleramt. Die alten Feldbetten aus dem Keller. Die müssen wir bloß jeden Abend hier herüber…“

„Horst, jetzt lass doch! Der Guido meint es doch nur gut.“ „Der hat die Betten neu gekauft, die uns sowieso schon gehören und…“ „Ist ja gar nicht wahr!“ „Du hast da Geld zum Fenster rausgeworfen und wir haben immer noch keine Betten!“ „Ist ja nicht wahr, ist ja gar nicht wahr!“ „Und wo soll ich jetzt schlafen?“ „Du, Horst, das kriegen wir schon in den Griff. Wir können doch auch mal auf den Matratzen schlafen.“ „Äh, nein.“ „Wieso, Guido?“ „Das ist, ääh… ich habe die neuen Matratzen erst mal ins Leihhaus gebracht.“ „Wofür denn?“ „Damit ich die Bettgestelle kaufen kann.“ „Die uns sowieso schon gehören? Kruzitürken, und wo sind die alten Matratzen?“ „Die sind… also wir müssen da als Liberale auch eine eigene Note setzen und uns…“ „Jetzt sag’s halt endlich!“ „Horst, jetzt bleib doch mal ruhig! Es hat doch keinen Zweck, wenn Du Dich aufregst, es ist ja nicht mehr zu ändern jetzt. Der Guido hat sie auf den Sperrmüll gebracht.“ „Aber wir haben doch noch die Bettgestelle.“ „Im Kanzleramt.“ „Dann erhält das eben ab sofort die Aufgabe, uns ein attraktives Angebot zur freiwilligen Zusammenarbeit zu unterbreiten.“

„Und die Mietkaution? Habt Ihr die hinterlegt?“ „Ich dachte, das machst Du, Angela?“ „Warum denn ich?“ „Du bist doch die Hauptmieterin.“ „Ach Guido, das hatten wir doch schon besprochen. Ich mach das wie immer: ich halt mich aus allem raus.“ „So geht’s aber nicht, Angela! Du hast den Vertrag unterschrieben, also musst Du auch die Miete…“ „Miete? Ich dachte, das Haus gehört uns?“ „Horst, erklär ihr das doch noch mal, was ein Mietvertrag ist.“ „Zwecklos, Guido. Sie kapiert’s ja doch nicht.“ „Guido, das ist gemein von Dir! Ich finde, wir sollten Geschlossenheit zeigen und…“ „Angela, woher soll denn überhaupt die Miete kommen?“ „Sag Du’s mir.“ „Hast Du Dir da überhaupt keine Gedanken gemacht?“ „Also ich plane, ob eine Planfindungskommission…“ „Angela, das hilft uns nicht weiter.“ „Wir müssen uns etwas überlegen.“ „Das fällt Dir ja früh ein!“ „Wie können wir denn die Mietkosten wieder reinkriegen.“ „Arbeit?“ „Prima Idee, Guido! Damit erhöhen wir für uns den Anreiz, uns eine voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu suchen und anzunehmen. Das kann auch dazu beitragen, die Sozialkassen zu entlasten!“ „Kann, kann, kann – so ein Gelump, so ein damisches! ‚Kann die Hirndurchblutung fördern‘ – das hatte ich doch schon mal irgendwo gelesen?“ „Das sind die Pillen auf ihrem Nachttisch, Horst.“ „Ich hab’s! Wisst Ihr, wie viel so eine Poolreinigung kostet? Wir lassen einfach den Pool nicht mehr…“ „Angela, das Haus hat gar keinen Pool.“ „Hm. Das ist doof, Guido.“ „Warum?“ „Ich hatte das nämlich schon so mit dem Haushaltsgeld verrechnet.“ „Wie das denn?“ „Weil ich sonst die kapitalgedeckte Altersvorsorge für uns nicht bezahlen kann.“ „Welche Altersvorsorge?“ „Da war dieser nette Herr von der Versicherung, und ich wollte…“ „Was hast Du Dir da wieder für einen Blödsinn aufschwatzen lassen?“ „Also ich finde das voll okay, Horst. Da hat Angie mal richtig mitgedacht. Dann können wir nämlich im Alter die Miete davon…“ „Sakradi, und wovon bezahlen wir sie jetzt?“ „Horst, jetzt rede doch nicht alles klein. Ich hatte so schöne Zielvorstellungen, dass sich der Wettbewerb der Ideen im ständigen Bemühen um eine Erbringung des Mietzinses entfalten kann, wenn wir…“ „Ah bah, ein Schmarrn ist das!“ „Horst, jetzt sei kein Spielverderber! Et is noch immer jot jejange, wie wir Rheinländer…“ „Ein Schmarrn, sag ich! Wir sind hier schneller wieder draußen, als wir einziehen können!“ „Das glaube ich nicht. Wir haben uns nämlich ein tolles Gesetz ausgedacht. Damit dauert eine Räumungsklage jetzt mindestens vier Jahre!“





Abgewickelt

27 10 2009

„Hallo, Zentrale? Stellen Sie mich doch jetzt mal in die Chefetage durch, das dauert ja wieder ewig! Arbeitet denn in dem Laden überhaupt noch einer? Hallo! Hallo! Na endlich, Menschenskind, das ist aber auch… Was soll ich denn da sagen, ich telefoniere Ihnen doch schon seit gestern hinterher, nie kriegt man mal einen ans Rohr. Ist doch wahr!

Also das muss ich Ihnen ja mal sagen, also wie Sie da gewirtschaftet haben – sagenhaft, die Karre an die Wand gefahren und dann schmeißen Sie das Geld mit beiden Händen zum Fenster… Jetzt unterbrechen Sie mich nicht, das kann ich gar nicht leiden! Jawohl, zum Fenster raus! Und Sie wundern sich, wenn Sie jetzt rechtliche Schwierigkeiten am Hals haben? Na Prost Mahlzeit, da werde ich doch gleich… Konzept erstellen, neue Impulse, ach hören Sie doch auf mit diesem ganzen Gewäsch. Das glaubt Ihnen doch keine Sau mehr. Sie haben die Leute von vorne bis hinten belogen, so sieht’s doch mal aus! Anstatt, dass Sie an Arbeitsplätze denken, nein, da muss die Dame natürlich auf dem internationalen Parkett… Ihre Aufgabe? Ich will Ihnen mal sagen, was Ihre Aufgabe ist. Ihre Aufgabe ist es, den Laden zusammenzuhalten und eine ordentliche Bilanz zu machen, so! Aber statt mal die Bücher unter die Lupe zu nehmen, warten Sie ja lieber, bis die Hütte brennt, und dann…

Jetzt mal ganz langsam – Sie haben das Geld einfach beiseite geschafft. An der Bilanz vorbei. Jawohl, an der Bilanz vorbei! Und dann immer mal hier und mal da noch in Schnickschnack investiert, aber keine Substanz mehr in der Kiste. Was soll man denn da noch groß sanieren? Da ist doch nichts mehr! Da ist doch einfach nichts mehr!

Stabile Entwicklung, ich bitte Sie, was ist denn heute noch stabil? Das stabilste ist doch Ihr ganzes Krisengejammer, so kriegt man doch keinen Aufschwung hin! Investitionsfreundliches Klima, das ist doch Kokolores, was glauben Sie eigentlich, was der kleine Mann auf der Straße von Ihnen denkt? Sie sind doch längst bankrott, und das wissen Sie genau so gut wie ich. Was reden Sie denn um den heißen Brei herum, das hätte man doch alles schon vor der… Kredit? Sie haben wohl einen Triller unterm Pony! In der Situation auch noch die Schulden vergrößern, wer macht denn so einen Unfug? Für die Wirtschaft? Wie bitte? Was glauben Sie denn, was die Wirtschaft von Ihnen erwartet? Die erwartet, dass Sie sich still und leise zum Sterben in die Ecke legen und uns nicht weiter mit Ihrer Inkompetenz belästigen!

Weil das eben alles von Vorgestern ist! Meine Güte, das ist doch so was von out, was Sie da machen. Haben Sie sich eigentlich schon jemals ernsthaft mit dem Thema Internet befasst? Ach Gott, das ist ja rührend, dass Sie sogar wissen, was ein Browser ist… Also jetzt alles nachmachen, was die anderen schon lange vor Ihnen gemacht haben, das bringt doch auch nichts. Das ist doch bloß Kosmetik. Sie haben eben den Zug der Zeit nicht mitbekommen, die Geschichte ist über Sie hinweg, da kommt auch nichts mehr. Da kommt nichts!

Das verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit, wenn Sie ein Drittel ersatzlos streichen? Sind Sie denn vom Wahnsinn umzingelt? Damit können Sie sich doch nicht mehr vor Ihre eigene Mannschaft stellen, die werden Sie glatt… Ach, die Leute sind Ihnen egal? Was? Die haben zu kuschen? Das nenne ich mal Verantwortungsbewusstsein – in der Krise mit Geld um sich schmeißen, das dann später fehlt, große Versprechungen machen, dass jeder weiß, Sie können sowieso nichts einhalten, und wenn das Ding platzt, dann dürfen es die kleinen Leute ausbaden, weil Sie gerade keine Lust haben, sich damit zu befassen. Nein, ist es nicht! Ich nenne das Feigheit, damit Sie’s nur wissen! Feigheit, Charakterlosigkeit und Opportunismus! Ihnen kommt es doch gar nicht auf eine Lösung an, Sie wollen doch bloß in die Medien, um ein bisschen über die Probleme zu schwafeln und eine möglichst hübsche Figur zu machen. Was ist denn daran bitte Verantwortung? Das wollen Sie mir doch nicht ernsthaft weismachen!

Vorfinanzierung, das ist doch lächerlich, haben Sie denn eine Glaskugel? Drucken Sie Ihr Geld selbst? Was soll denn eine Vorfinanzierung? Sie können doch aus dem Budget nicht mehr rausholen, als drin ist. Wo nehmen Sie denn das Geld her? Also an das Märchen mit der Portokasse glaube ich ja schon lange nicht mehr, das können Sie Ihrer Großmutter erzählen. Und wenn Ihr Management sowieso der Meinung ist, dass diese ganze Blase platzt, was tricksen Sie denn jetzt noch damit herum? Um die letzte Glaubwürdigkeit auch noch zu verspielen? Wollen Sie das wirklich?

Gehen Sie mir doch ab! Strategische Neuausrichtung, das hat doch noch nie geklappt! Was wollen Sie denn da auch groß ausrichten, der ganze Laden ist doch leer! Da ist doch nichts mehr zu holen! Ja, Öffentlichkeitsarbeit, Bürgernähe – ich will es mal so sagen: der Bürger ist doch inzwischen froh, wenn er mal einen Tag lang nichts von Ihnen mitbekommt. Die Leute können es doch nicht mehr hören, die schalten doch den Fernseher ab, wenn sie nur… Hallo? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Sie haben gar keinen Grund, hier die beleidigte Leberwurst zu… Das Spiel ist aus, Karstadt und Quelle sind pleite, Sie können jetzt nur noch den Insolvenzverwalter… was, nicht Arcandor? Mit wem rede ich denn da die ganze Zeit? Was? Hallo? Frau Merkel? Hallo! Hallo! – Falsch verbunden. Oder doch nicht?“





Germanisches Café oder Das dicke Ende

29 08 2009

für Kurt Tucholsky

Nun sind die Teller abgeräumt.
Man hat gespeist, getrunken.
Mehr geht nicht rein. Der Schaumwein schäumt.
Dem Kellner wird gewunken.
Ein Solei. Eis. Forelle blau.
Kartoffeln. Schinken und Kakao.
Dazu Kaffee: zwei Schalen.
    „Zahlen!“

Was bleibt vom Lohn? was reicht fürs Brot?
Wie schnell ist das verflogen.
Dem Bürger wird schon vor dem Tod
das Hemd vom Leib gezogen.
Akzisen. Maut. Die Erbschaftssteuer.
Das Wasser: steigt. Der Strom: bleibt teuer.
Die Mühlen ewig mahlen.
    „Zahlen! Zahlen!“

Nur in Berlin, da geht’s noch an,
im Kanzlerinnenladen
sind Grafen, König, Ackermann
im Speck wie alle Maden.
Das frisst und feiert, prasst und schlemmt,
bedient sich selbst ganz ungehemmt.
Das Volk wird’s bei den Wahlen
    zahlen.