Auf leisen Sohlen

20 10 2009

Zwei Wochen Urlaub! Was kann man da nicht alles unternehmen – an die Nordsee fahren oder mal wieder in die Ardennen. Oder den Flügel neu stimmen lassen, jeden Tag ausschlafen und eine andere Mozart-Sonate spielen. Oder seine geistige Gesundheit komplett ruinieren.

Ich hatte Anne geholfen, die Gartenmöbel in den Keller zu tragen. Zum Dank durfte ich am folgenden Tag ihre Einkaufstüten tragen. Und diesem Himmelfahrtskommando hätte ich sicher nie zugestimmt, wenn mir klar gewesen wäre, dass sie Schuhe kauft. Selbst Schuld. Bei einer Woche oder zehn Tagen hätte Anne nichts gesagt, aber sobald ich zwei Wochen gestehe, weiß sie, dass sich der Besuch im Depot mit mir lohnt.

Bereits nach drei Geschäften saß ich alleine und verzweifelt in der Einkaufspassage – inzwischen war Karl Ranseier ein paar Mal verstorben – als mich ein Mann anblickte. „Sagen Sie“, fragte er, „kennen wir uns?“ Tatsächlich hatte ich Kurt seit dem Abitur nicht mehr gesehen. „Na, das muss doch gefeiert werden“, jubelte er und zog mich ins Café, wo er sogleich Tee und Apfelkuchen orderte, um mir von seiner phänomenalen Karriere als Ägyptologe zu berichten. Nach Hatschepsut, Djoser und dem vierten Pils berichtete er mir gerade von seiner laufenden Scheidung und zeigte mir Bilder aller seiner Sprösslinge, als Anne auftauchte. „Die goldenen Sandaletten aus dem Schaufenster hatten sie nicht in meiner Größe“, informierte sie mich. „Und das hat derart lange gedauert?“ Sie kniff die Lippen zusammen. „Eigentlich suche ich ja ein Paar schwarze Pumps.“ „Ich vergaß“, antwortete ich, „Du hast ja bloß siebenundsechzig davon.“

Machen wir uns nichts vor, Anne ist Sadistin. Oder wie soll man es nennen, wenn sie weiße Flip-Flops aus dem Präsentationsständer ins Geschäft trägt, sich bis Ladenschluss alles – und alles heißt: alles, also Herrenware, Babygrößen, orthopädisches Schuhwerk – in sämtlichen technisch möglichen Brauntönen zeigen lässt, um dann mit weißen Flip-Flops wieder hinauszugehen. Sie verschleißt in dieser Zeit zehn Verkäuferinnen, drei von ihnen erleiden posttraumatische Belastungsstörungen, und Anne ist das egal. „Du betrittst ein Schuhgeschäft lediglich, um das Personal in den Wahnsinn zu treiben“, mokierte ich mich, „und Du kannst es nicht einmal richtig.“ Sie begehrte auf. „Erstens stimmt das gar nicht, und zweitens kann ich das besser als Du!“ „Ich werde Dir zeigen, wie das geht“, entgegnete ich, „Du bist nicht subtil genug. Immer dasselbe Theater, mit und ohne Riemchen, Schnällchen, Häkchen, Absätzchen und dann die ganze Nummer noch mal in 37¾. Wenn Du vorhast, Verkäuferinnen in die Klapse zu bringen, musst Du punktuell vorgehen.“ Sie lächelte säuerlich. „Wenn Du eine einzige Verkäuferin verrückt machst, bezahle ich Dir ein Paar Schuhe.“ „Und ich muss Dich nie mehr ins Schuhgeschäft begleiten?“

Interessiert musterte ich die Auslage. Schwerer Samt, keine Preisschilder – rein. Kaum zehn Sekunden später schritt etwas in Violett auf mich zu. Sicher würde sie mich gleich fragen, ob ich überhaupt genug Geld besäße, um ihren Tempel zu entern. So weit ließ ich es nicht kommen. „Bitte einen schwarzen Budapester, französischer Schnitt, Cordovan, 8½.“ Machte Anne Zeichen hinter meinem Rücken? Sofort bekam ich ein Paar Schnürstiefeletten. Mein Einsatz. „Fangen wir mit dem Positiven an. Sie sind nicht farbenblind. Und jetzt den Budapester.“ Zwei Versuche später waren wir bei einem mäßig guten Markentreter, den ich der Ladenmaus um die Ohren hieb. „Jetzt schauen wir mal auf die Vorderkappe. Glatt wie ein Kinderarsch. Was sagt uns das? Da war der Fabrikant zu blöd, Löcher reinzupieken.“ Das nächste Paar, gelocht, fand noch weniger Gnade. „Das ist ein Oxford. Ein Derby-Schnitt, Madame, hat offene Schnürung und ist am Schaft nicht gerade geschnitten, sondern im Derby-Bow. Werden wir heute noch fertig oder soll ich nächstes Jahr wiederkommen?“ Sie begann zu beben, kam aber mit einem Semibrogue zurück. Ich beäugte ihn kritisch. „Den kann man auch zum Frack tragen?“ Sie zerstreute meine Bedenken. „Interessant. Der Geschäftsführer ist zu sprechen?“

„Semmerow mein Name“, dienerte der Patron. „Tut nichts zur Sache“, schnöselte ich, „Ihre Angestellte will mir doch einen Brogue zum Frack verkaufen.“ Er sah verständnislos mich an, sie, dann wieder mich. Als hätte ich mich beklagt, dass man hier keinen warmen Pinselreiniger mit Milch serviert bekäme. „Zum Frack empfehle ich einen Lackslipper, wenn Sie einmal schauen möchten…“ Ich fiel ihm ins Wort. „Sagen Sie das bitte erstens nicht mir und zweitens dem Personal. Möglichst während der Ausbildung.“ Langsam verlor ich die Geduld. Es war aber auch nicht leicht mit mir.

Sein Angebot war zwiegenähter Machart und mit Löchern fein verziert. Ich erkundigte mich nach dem Obermaterial. Sofort versicherte er mir, dies sei allerbestes Boxcalf, weich und geschmeidig, zugleich robust. Mit grimmiger Miene rieb ich dem Mann die Galoschen unter die Nase. „Damit Sie’s sich merken: Cordovan. Pferd! Kalb ist das Ding, das sich benimmt wie Ihre Sandalöse, Pferd ist das Tier, das ungefähr Ihren Verstand hat. Und jetzt will ich endlich…“ Verstört taumelte er ab, vermutlich, um das Lager zu durchsuchen, sobald sein Blutdruck es zuließe. Während das konvulsivische Schluchzen der Verkäuferin unter der Ladentheke langsam in apathisches Wimmern überging, wurden wir Zeuge, wie er das Hinterzimmer in Einzelteile zerlegte. Mit einem Paar kam er zurück. Budapester aus Pferdeleder, distinguiert schlank. Ich war’s zufrieden. Anne bezahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Preis, meinte ich, sei angemessen. Wenigstens für einen Schuh, der bei guter Pflege 30 Jahre hält. Zumal er als Klassiker sicher auch nie unmodisch würde.

Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie die Ladentür zugeworfen wurde und eine nervöse Hand das Schild Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen in die Vitrine stellte. Tatsächlich habe ich Anne nie wieder in ein Schuhgeschäft begleitet. Sie mich allerdings auch nicht.





Fahrstuhl zum Schafott

14 05 2009

Bis heute bin ich bereit, jeden Eid zu leisten, dass ich Heike nicht ins Kino eingeladen habe. Niemals. Nicht im Leben! Was auch vollkommen unlogisch wäre. Erstens pflege ich so gut wie nie ins Kino zu gehen, zweitens gehe ich, wenn überhaupt, alleine, und drittens in jene Art von Filmen, bei denen ich ein gewisses Verständnis habe, wenn man sie als diffizil bezeichnet. Italienischen Neorealismus und Rive Gauche sieht man eben am besten alleine, was auch den zweiten Punkt untermauert, und da die cineastischen Werke der Sechziger nun mal nicht ständig laufen, hat endlich der erste Punkt seine Berechtigung. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, mit dieser Frau einen Film zu sehen. Heike hegt eine so heimliche wie ausdauernde Liebe zu mir. Seit Jahren. Sie rief Reinmar als Zeugen an, der meinen bohrenden Blick mit maliziösem Grinsen ignorierte und ohne sich zu schämen behauptete, er selbst habe mein Versprechen noch im Ohr. Der Mann war des Todes. Ich aber war das Opfer des denkbar schnödesten Verrats.

Das aktuelle Programm machte die Sache nicht besser. „Guck mal“, sagte Heike, während sie sich über die Tageszeitung beugte, „im Eldorado kommt heute Abend so ein französischer Film. Die magst Du doch so gerne.“ Ein völlig unbekannter Krimi eines noch unbekannteren Regisseurs, aber von 1963. Ich gab mich geschlagen.

Sie musste schon eine Viertelstunde auf mich gewartet haben. Die Braut trug Schwarz. Wir lösten unsere Karten und betraten den halb vollen Saal des Lichtspielhauses. Ganz vorne setzten wir uns.

Es wurde stockfinster. Jazzklänge peitschten die Atmosphäre hoch. Der Schuft, der Jean-Paul Belmondo entfernt ähnlich sah, knallte mit der Maschinenpistole drei Dutzend Flics ab, die brav ihre Kugel abwarteten, statt aus der Schussbahn zu gehen. „Ich glaube, den kenne ich“, ließ sich Heike eine Spur zu laut vernehmen, „war der nicht mal im Fernsehen?“ Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn. „Ich kann es mir nicht vorstellen, aber wenn Du es sagst…“ So hatte ich es mir vorgestellt. Es gab kein Entrinnen.

Lino Ventura war ein gefragter Leinwandstar. Deshalb hatte er vorsichtshalber ein drittklassiges Double zu Verfilmung dieses Drehbuchs geschickt. „Eh bien“, näselte Inspektor Chevalier dem jungen Kollegen zu, „das Monster hat wieder eine Bank ausgeraubt! Wir müssen ihn schnappen, bevor er die Nationalbank plündert!“ Heike ergriff meinen Arm. „Gleich zeigen sie die Nationalbank!“ Und so geschah’s. Jean-Paul II. pfriemelte schon Dynamit zurecht, wienerte seine Waffen auf Hochglanz und schlich sich durch die Kanalisation von Koblenz direkt ins VI. Arrondissement. Das Herzflimmern war nur noch eine Frage der Zeit – indes nagte Leclerc, der Nachwuchs-Kommissar, am Bleistift und skizzierte Fluchtmöglichkeiten auf dem Pariser Stadtplan. Da trat eine existenzialistisch anmutende Dame ins Zimmer – schwarzes Kleid, schwarze Schuhe, schwarzes Haar, fingerdick umflorte Kajal ihre schwarzen Augen – und sagte sicher etwas Bedeutsames, aber Heike kam dem Weib zuvor: „Die kriegen sich!“ Halblaut murrte es aus dem Hintergrund. Was la bête noire Leclerc gesteckt hatte, war mir entgangen. Offenbar auch anderen Besuchern. Zur Sicherheit legte sie nach: „Glaub’s mir, die kriegen sich am Ende!“ In meinem Nacken trafen sich tausend Nadelstiche.

Irgendein Alien-Film hätte gepasst.

Vorne lieferte sich der Schlacks mit der Wumme in der Faust einen Schusswechsel mit Chevalier und seinen Ordnungshütern. Natürlich lud er nie nach; pausenlos fanden die Projektile Stirn und Brust der Policiers, obschon Jean-Paul sich nicht die Mühe machte, im Halbdunkel des Tresorschachts zu zielen. Heike hatte sich in mein Hemd verkrallt, die Augen starr auf die Leinwand geheftet. „Er wird schwer verletzt“, teilte sie mir atemlos mit, „aber er überlebt es!“ Das Echo folgte nur Bruchteile einer Sekunde später. „Ruhe da vorne! Wir wollen den Film sehen!“ Ich rutschte in den Sitz zurück und machte mich ganz klein. Warum saß ich nicht wie sonst in der letzten Reihe? Oder gleich auf dem Fahrstuhl zum Schafott?

Leclerc stürmte in den Schacht, den Revolver im Anschlag. „Pourriture, ergeben Sie sich! Jeder Widerstand ist zwecklos!“ Gegenschnitt – die Schwarze wimmerte an der Tür um Pierre. „Ich sag Dir doch, die kriegen sich“, krähte Heike. Zentnerschwer traf mich der Atemdruck zwischen den Schulterblättern. Sie lauerten.

Warum zeigen sie Apocalypse Now nie dann, wenn man es wirklich braucht?

Siegesgewiss riss Pourriture eine Sprengkapsel empor. „Keinen Schritt weiter, Bulle“, schrie er, „sonst explodieren wir alle! Es lebe die Anarchie!“ „Er lügt“, jodelte Heike dazwischen, „pfui, was für ein abgekartetes Spiel!“ Ich kroch verzweifelt unter den Sitz. „Verfluchte Scheiße noch mal“, röhrte es aus dem Hintergrund, „wenn jetzt nicht gleich Ruhe ist, gibt’s hier Tote!“ Chevaliers Schicksal schien meines zu sein. So hoffte ich wenigstens. Nicht alle Lungensteckschüsse müssen tödlich verlaufen.

Leclerc war auf Zack. Brillant knallte er dem Bösewicht eine Kugel ins Bein, so dass der in den Kanalisationsschacht stolperte – seine zukünftige Braut hatte unterdessen den Notausgang luftdicht verschweißt – und sein Ableben via Detonation in Angriff nahm. Die Nationalbank war gerettet. Heike brach in frenetischen Jubel aus. Wenigstens berichtete mir das die Schwester, als ich wieder zu mir kam. Alles halb so schlimm. Verglichen mit einem Lungensteckschuss.





Der kleine Unterschied

7 05 2009

„Es ist aber auch ein Kreuz!“ Anne rührte in der Kaffeetasse und zog die Stirn in tiefe Sorgenfalten. Ihr Bruder hatte sich zum Essen angesagt. „Ich sage Dir, der Mann ist schwierig. Und ich habe vor sechs Wochen einen Lammrücken geschmort, der einfach nur zäh war. Fürchterlich! Jetzt bringt er seine neue Freundin mit und wünscht sich Rinderfilet. Was soll ich bloß machen?“ Ich bot mich an, beim Kochen behilflich zu sein, doch sie lehnte ab. „Das ist nicht das Problem. Sie werden mir in der Metzgerei Martens wieder irgendeine altersschwache Kuh andrehen und ich kann dann zusehen, wie ich den Fleischklumpen zu Tode schmore.“

(Der Korrektheit halber muss man sagen, dass Anne gar nicht einmal schlecht kocht. Allerdings ist sie Juristin und kann die meisten Dinge – Laminat verlegen, Kühlwasser nachfüllen, Briefumschläge zukleben – nur mit Hilfe einer genauen Anweisung bewerkstelligen. So ist es auch mit dem Kochen. Es ist bei ihr die präzise Umsetzung vorgegebener Rezepte, nicht mehr und nicht weniger.)

„Was meinst Du“, fragte ich, „wenn Du mir bei den Rohren im Bad hilfst, regle ich das mit dem Fleisch. Einverstanden?“ Denn das war nicht gerade einfach. Der Klempner bestand darauf, die Rohre unter dem Waschbecken mit einem Drehgewinde anzuschrauben, das offensichtlich nur in seiner Vorstellung zu existieren schien; daher hatte er es auch nicht auf Lager und überließ es mir, das Teil zu besorgen. Also kam es, wie es kommen musste: das obere Teil passte ans Becken, das untere passte ans Rohr, beide passten aber in der Mitte nicht zusammen und daher passte ich auf, dass der Eimer unter der Armatur regelmäßig geleert würde. Den Klempner musste das nicht weiter stören, er hatte zu Hause sein eigenes Waschbecken und er empfing auch nicht meinen Besuch.

„Gib mir mal die Rohre“, sagte Anne, als wir vor dem Baumarkt parkten, „ich erledige das.“ Wir betraten die Halle. Zielstrebig steuerte sie auf den Verkaufstresen zu und hieb die Metallteile auf den Tisch. „Das hier soll ein zölliger Doppelflansch sein. Passt aber nicht.“ Der Mann hob nur kurz den Kopf. „Das passt“, murmelte er an dem Streichholz zwischen seinen Zähnen vorbei, „Sie können bloß nicht schrauben.“ „Jetzt hören Sie mal ganz genau zu.“ Annes Stimme hatte bereits den schneidenden Unterton angenommen, der manchen Staatsanwalt seine Berufswahl hatte überdenken lassen. „Das passt nicht, und Sie besorgen jetzt einen zölligen Flansch. Ich warte.“ Der Verkäufer lehnte sich nach vorne. „Kunden wie Sie, zu Hause herummurksen und wiederkommen, weil Sie mit der Rohrzange nicht können.“ Er blickte süffisant. „Lassen Sie das Ihren Mann machen.“ Immer weiter rutschte er nach vorne. „Für den Nenndruck muss ich Ihre Nippel messen“, fuhr er schmierig grinsend fort, „dann verlege ich Ihnen ein Rohr mit Slip-On-Flansch, da können Sie das Höschen anbehalten.“ „Den Geschäftsführer!“ „Der hat für Sie auch keine Zeit.“ Der Rohrkrepierer senkte wieder den Kopf. „Gut, anders“, bellte Anne zurück, „ich rufe bei der Gewerbeaufsicht an und sage den Kollegen, dass keine Geschäftsführung im Haus ist. Dann machen wir Ihre Witzbude für drei Monate dicht.“ Und sie öffnete ihre Handtasche.

Ich begriff. Nicht männliche Diplomatie kommt zum Ziel, sondern weibliche Brutalität.

Schon dreißig Sekunden später begrüßte der Geschäftsführer sie mit Handkuss. Er begutachtete die Rohrstücke samt Quittung. „Gnädige Frau“, sagte er, „das passt schon. Haben Sie vielleicht den Nippel verkehrt herum eingesetzt?“ Annes Gesicht war ein Fragezeichen. „Hat denn der Installateur da nichts eingeschraubt?“ Sie verneinte. „Dann ist der Mann, verzeihen Sie bitte, ein Idiot. Sie brauchen für die beiden Rohre nämlich einen Doppelnippel. Schauen Sie mal.“ Er fuchtelte mit den Rohrteilen herum. „Also zunächst mal nehmen Sie nicht diese Gewinderohre nach DIN 2441, die sind ja viel zu schwer, das ist für Gasbetrieb. Dieselben gibt es in Leichtguss für Wasserabflüsse. So, und dann haben Sie das DN-25-Stück, also zöllig, ja? Das passt zum oberen, wenn der Reduziernippel da angeschraubt ist. Die Nennweite wird so verringert. Ein kleiner Unterschied, aber entscheidend.“ Er fischte aus einer Kiste ein kleines Gewindeteil und schraubte es zwischen die Rohre. „Der Nippel geht aufs Haus, gnädige Frau. Und wenn Sie einen Rat wollen: suchen Sie sich einen guten Klempner. Wissen Sie, die Handwerker heute, das ist ja nicht mehr zum Aushalten! Keine Ahnung, und der Kunde steht dann vor dem Rohrsalat und wir müssen das ausbaden. Empfehlung an den Herrn Gemahl!“

Eine Viertelstunde danach standen wir in der Metzgerei Martens. Durch die Vitrine besah ich das Angebot und verlangte nach Rinderfilet. Kritisch musterte ich, was die Metzgersgattin hochhob. Ich tippte gegen die Glasscheibe. „Zeigen Sie mal das Stück hier. Nein, das große. Links daneben.“ Es war von sanfthellem, aber sattem Rot sowie von feinen Fettäderchen durchzogen, mager und doch kräftig. „Das müssen Sie vorsichtig behandeln“, riet mir die Fleischfrau, „ist auch besonders feinfaserig. Und lassen Sie’s nach dem Braten unbedingt ruhen, damit sich der Saft besser verteilt. Massieren Sie das Öl am besten vorher ein. Und nicht vorher salzen, sonst geht das Aroma verloren!“

Anne wog das Fleischpäckchen in den Händen. Bewundernd schaute sie mich an. „Ich glaube, manche Dinge können Männer einfach besser.“