Steinzeitdiät

27 04 2017

„Ruf Doktor Klengel an!“ Hildegard tupfte sich den Schweiß mit dem Handtuch ab. Sie sah blass aus, deutlich blasser als ohnehin, und es stand ihn nicht einmal gut. „Nichts täte ich wohl lieber“, sagte ich mitfühlend, „allein der alte Herr praktiziert seit Jahren nicht mehr. Wie wäre es mit der Ärztin Ecke Uhlandstraße?“

„Es ist eine Glutenallergie“, entschied sie. „Bestimmt ist es eine Glutenallergie, diese fürchterlichen Bauchkrämpfe sind ja auch ganz typisch dafür. Die Apothekenzeitschrift hatte da neulich einen Artikel.“ So schlecht konnte es ihr gar nicht gehen, dass sie nicht sofort im Altpapier neben dem Abfalleimer nach dem Blättchen gesucht hätte. Bedauerlicherweise fand sie es nicht. Ich hatte es am Tag zuvor reflexartig in kleine Schnipsel zerrissen und aus ihrem Gesichtsfeld verschwinden lassen. Das ersparte mir nicht die minutenlange Diskussion, wo sich das Heftchen nur wieder befinden könne, wohl aber ein mehrstündig angelegtes medizinisches Kolloquium. „Dein Müsli enthält Getreide, anders kann ich mir das nicht erklären.“ „Du isst kein Müsli“, gab ich in nahezu sträflicher Klarheit zurück. „Sollte Deine Allergie etwa durch den Anblick der Tüte entstanden sein oder durch das Berühren der Schüssel nach dem Abwasch?“ Grimmig blickte sie mich an. „Du musst ja nicht leiden.“

Sie litt, das ist wahr; allerdings litt sie nicht genug, sonst hätte sie nicht den Vorratsschrank inspiziert auf der Suche nach tödlichen Substanzen. Bei der Kondensmilch wurde sie fündig. „Da“, rief Hildegard aus und hielt mir das Päckchen entgegen, „mehr Allergene auf einmal kriegt man doch nicht gekauft.“ „Abgesehen davon, dass Du keine Milch in den Kaffee nimmst und diese Packung nur für Besuch geöffnet wird, wie soll man davon eine Glutenunverträglichkeit bekommen?“ Sie stöhnte. „Das Zeug ist wahrscheinlich längst überall drin und verursacht Schmerzen.“

Mehrere Minuten später schleppte sie sich in die Küche zurück. „Ab jetzt esse ich auch keine Wurst mehr zum Frühstück“, verkündete Hildegard. „Das billige Industriefleisch wird nämlich mit Eiweißen gestreckt, die mir nicht bekommen.“ Das leuchtete mir spontan ein, da man für ihren Aufschnitt sicher längst eiweißfreie Schweine gezüchtet haben wird, die man dann mit Milchpulver wieder in einen verzehrfertigen Zustand bringt. Ich hätte das wissen können, aber als Banause macht man sich natürlich keine Gedanken über so komplexe Themen, schon gar nicht beim Frühstück. Vielleicht war es aber auch der Schmierkäse, den sie täglich verzehrte. Sie lehnte das entschieden ab. „Da wird sicher kein Milcheiweiß drin sein“, verkündete sie. „Ich habe auf der Packung noch nie etwas darüber gelesen.“ „Weil Du noch nie auf der Packung etwas gelesen hast“, merkte ich an. „Das sage ich doch“, zischte Hildegard.

Erschöpft ließ sie sich auf dem Küchenstuhl nieder. „Wir brauchen eine neue Ernährungsweise“, ächzte sie, und mir dämmerte, dass sie damit nicht die Menschheit an sich meinte, sondern vor allem mich. „In der Steinzeit haben die Leute auch kein Müsli gegessen, es gab keine Milch, alle wurden satt.“ „Und in Deinem Alter waren die meisten schon längst tot“, sagte ich ungerührt, doch das war ihr egal. „Diese Steinzeitdiät ist tatsächlich gar nicht so schlecht. Ich werde mich mal informieren darüber, und dann werden wir ja sehen, ob es nicht tatsächlich die bessere Ernährung ist.“ Vor meinem geistigen Auge erschien Hildegard in einem von Knochen zusammengehaltenen Bärenfell und aß wie die Steinzeitmenschen, morgens Mammut, mittags Mammut, abends eine Handvoll Gras. Am Lagerfeuer würde sie sich als kleine Knabberei ein Flughörnchen rösten. Allerdings stand zu fürchten, dass ich das würde übernehmen müssen, denn sie stellte sich im Sommer aus Prinzip nicht vor den Grillrost, um diesem, wie sie sagte, männlich dominierten Urmenschengehabe zu entkommen.

„Ich meine, man kann sogar Avocado essen und Kohl. Die Steinzeitmenschen hätten auch Avocados gegessen, wenn sie welche gehabt hätten.“ „Das klingt logisch“, befand ich. So hatte ich das noch nie gesehen – und die Steinzeitmenschen hätten sicher auch Leberwurst nicht verschmäht, wenn sie sich Leberwurst hätten vorstellen können. So ein theoretisches Fundament macht eine Diät gleich viel attraktiver, auch wenn man sich praktisch nicht daran halten muss.

Allerdings fiel mir beim Abräumen der leere Joghurtbecher auf, der sich im Müll befand. Hildegard hatte ihn offenbar am Abend zuvor noch gegessen. „Ich kann mich nicht erinnern, diesen Joghurt in meinem Kühlschrank gesehen zu haben.“ Sie sah mich erbost an. „Natürlich nicht, ich habe ihn da auch nicht reingestellt.“ Das Etikett zeichnete diesen Joghurt als deutlich verspätet aus. Wo also kam das Ding her? „Ich hatte ihn noch in der Handtasche“, murmelte sie. Jetzt verstand ich. „Es werden sich Milcheiweiße darin gebildet haben, unter Umständen auch Gluten. Kein Wunder, dass Du diese schrecklichen Bauchschmerzen hast.“ Der Löffel flog haarscharf an meinem Kopf vorbei, traf die Wand und hinterließ einen deutlichen Fleck. Möglicherweise eine allergische Reaktion. Ich würde Doktor Klengel anrufen müssen.





Überraschend verboten

25 04 2017

„Das muss ansteckend sein.“ Luzie guckte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Oder er schluckt Sachen, die man besser nicht schlucken sollte.“ Im Beratungszimmer saß ein älterer Herr in einem viel zu engen, viel zu grauen Jackett. Aufgeregt mustere er seine Umgebung. Anne musste jeden Augenblick kommen.

„Ich bestehe auf meinem Recht“, sagte Herr Kötter ganz entschieden, jede Silbe betonend, und unterstrich seine Ansicht noch einmal mit dem in die Höhe gestreckten Zeigefinger. „Ich bestehe auf meinem Recht, und Sie werden es durchsetzen, sonst werde ich für den Bestand meiner Ehe nicht mehr garantieren können. Sie wissen, worum es sich handelt.“ Anne blickte ihn konsterniert an. Sie hatte eine leise Ahnung, dass auch dieser Besuch ihres Mandanten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würde, aber sie wusste noch nicht, mit welchen. Aus einer grauen Mappe reichte ihr Kötter ein handgeschriebenes Blatt. „Ich habe Ihnen die rechtlichen Regelungen einmal herausgesucht, Sie werden das natürlich wissen, aber das erspart Ihnen das Nachschlagen.“ Sie warf einen Blick auf die steilen, wie ins Papier gekratzten Zeilen. „Ich hatte mir so etwas bereits gedacht“, murmelte Anne. „Das ist schwierig, nicht zu sagen vollkommen unmöglich.“

Mit größtmöglichem Umstand nahm Herr Kötter einen winzigen Schluck aus seiner Teetasse. „Wir haben in absehbarer Zeit den Tag unserer Silberhochzeit zu feiern. Meine Frau auch.“ „Ich hatte etwas in diese Richtung vermutet“, gab Anne trocken zurück, „vermutlich ist Sie mit Ihnen verheiratet?“ „Absolut korrekt“, nickte er. „Das entspricht vollkommen den Tatsachen, weshalb ich mich ja auch bei Ihnen befinde. Sie müssen diese Ehe retten, und zwar vor meiner Frau. Sie hat durch eine widerrechtliche Maßnahme vor, diese Ehe in der Blüte ihrer Jahre zu zerstören, und das darf ich nicht zulassen. Sie wird mir eine Reise nach Venedig schenken.“ „Sie werden doch mitfahren?“ Verärgert winkte er ab. „Darum geht es doch gar nicht“, schimpfte er. „Sie verstößt damit gegen die grundlegendsten Rechtsvorschriften, und ich kann das nun einmal nicht dulden. Sie will mich mit der Reise überraschen! Ist das zu fassen?“

Aufgeregt lief Kötter vor dem Fenster hin und her. „Da es sich bei unserer Ehe nun einmal um ein Rechtsgeschäft auf Gegenseitigkeit handelt, muss ich das rechtzeitig regeln. Ansonsten könnte ich Schwierigkeiten bekommen.“ „Ich vermute, mit Ihrer Frau.“ Er sah mich pikiert an. „Ich wusste, dass Sie die Rechtslage überhaupt nicht begreifen. Meine Frau will mich überraschen, das geht doch nicht! Möglicherweise wird unsere Ehe durch diese Überraschung mit der Reise quasi annulliert, und dann sitze ich auf den Kosten für die Feier, die Ehe ist kaputt, und vom Gerede will ich gar nicht erst anfangen. Da muss man doch etwas tun können.“ Er stürmte aus dem Zimmer und begab sich auf die Toilette. Ich las mir seinen Schriftsatz in aller Ruhe durch, allein ich verstand ihn nicht.

„Er bezieht sich auf einen entlegenen Paragrafen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch“, stöhnte Anne. „Es gibt dieses Überraschungsverbot tatsächlich, aber es bedeutet etwas ganz anderes. Man darf in einem Vertrag niemanden mit einer vollkommen unerwartbaren Regelung überraschen, denn diese würde auf der Stelle nichtig.“ „Verstehe“, sagte ich. „Wenn ich Dir ein Fahrrad verkaufte, und im Vertrag stünde, dass Du nur mittwochs damit fahren dürftest?“ „Genau“, antwortete sie, „der Kauf wäre gültig, aber fahren darf ich damit natürlich immer, nicht nur mittwochs.“ „Gleichwohl“, schloss ich, „überrascht wärest Du doch, und das wäre nicht einmal verboten.“

Kötter hatte sein Jackett noch nicht einmal zugeknöpft, als er das Zimmer wieder betrat. „Ich nehme an“, fragte er und knöpfte das Jackett wieder auf, da er sich setzen wollte, „Sie haben inzwischen eine Lösung gefunden? Gibt es einen Präzedenzfall dafür? Und wie kann ich mich jetzt verhalten, ohne die Ehe zu gefährden?“ „Haben Sie denn überhaupt einen Ehevertrag?“ Entrüstet sah er Anne an. „Aber selbstverständlich“, polterte er. „Ich werde doch eine so wichtige Sache wie eine Ehe nicht nur mit einer mündlichen Abmachung schließen. Was denken Sie nur von mir?“ Annes Hände pressten sich gegen die Tischplatte; ihre Fingerknöchel waren von hektischem Weiß. „Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie diese Reise bereits mit Ihrer Eheschließung in den Kontrakt aufgenommen haben. Oder sollte ich mich da irren?“ „Reden Sie doch kein dummes Zeug“, rief er verärgert. „Ich habe diesen Brief in der Post vorgefunden, er war versehentlich an uns beide adressiert, und darin fand ich die Bestätigung des Reisebüros. Venedig. Zwei Personen. Verstehen Sie jetzt?“ „Moment“, bremste ich Kötter. „Ihre Frau hatte Ihnen noch nichts gesagt?“ Er schüttelte verdutzt den Kopf. „Und Sie haben den Brief, gleichwohl er an Sie adressiert war, trotzdem geöffnet und den fraglichen Inhalt durch Lesen in Erfahrung gebracht?“ „Was wollen Sie von mir“, knurrte Kötter, „das habe ich Ihnen doch…“ „Sie selbst also“, unterbrach ich ihn, „haben diese Überraschung herbeigeführt, an der Ihre Gattin nur mittelbar beteiligt war. Ich darf von einer Mitwisserschaft ausgehen, weshalb sie bis zu einem gewissen Grad haftbar, wohl aber keinesfalls allein schuldig wäre. Die Verantwortung für diesen Verstoß, mag er fahrlässig herbeigeführt worden sein, liegt bei Ihnen. Ihnen ist klar, was das bedeutet?“ Er schluckte trocken. „Ich wäre damit schuldig am Scheitern meiner Ehe“, fragte er heiser, „und müsste im Falle einer Auflösung auch die Kosten tragen?“ Anne nickte. „Die Rechtslage ist da eindeutig“, sagte sie. „Sie könnten natürlich den Gerichtsweg einschlagen und sich selbst verklagen, aber das wäre ein langwieriges Verfahren. Sie würden ohnehin als unterlegene Partei auf den Kosten sitzen bleiben.“ „Kann man da denn gar nichts machen?“ Flehentlich sah er von einem zum anderen. „Sie sind ja nun schon überrascht“,tröstete ich ihn, „verzichten Sie auf die Klage und treten Sie im Zuge eines Täter-Opfer-Ausgleichs die Reise an. Dann bin ich mir relativ sicher, dass Ihre Frau auf weitere Rechtsmittel verzichten wird, und die Ehe hat weiterhin Bestand.“ „Sehr gut“, jubelte Kötter, „so machen wir das! Hervorragend! Ich wusste, Sie würden eine Lösung finden!“

Anne knetete ihre Hände. „Wenn ich jetzt auch noch wüsste, was man diesem Kauz an Gebühren abrechnen kann?“ Ich legte das von der Feder zerfurchte Blatt auf ihre Mappe. „Dir wir schon etwas einfallen. Überrasch mich!“





Schwarze Löcher

19 04 2017

„Dass Du auch immer alles wegräumen musst!“ Was da klapperte, war unverkennbar der Schrank im Bad, wer klapperte, konnte nur Hildegard sein, denn sonst befand sich keiner in meiner Wohnung. „Wie soll ich morgen das Paket abholen, wenn Du immer alles wegräumst!“

Meine Rasierwasservorräte wären auch ohne sie zur Neige gegangen, ganz zu schweigen von den Stecknadeln, die seit längerer Zeit unbedingt in meinem Spiegelschrank aufbewahren musste, weiß der Teufel, wozu. „Dann steht man im Bad, braucht dringend eine Nadel, Du weißt schon.“ „Ich weiß nicht“, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet, aber Ihr Zorn ließ das natürlich nicht gelten. „Ich möchte nicht immerzu im Bad stehen und alles suchen“, hatte sie in einem ihrer wirklich seltenen großen Ausbrüche geschrien – sie hatte manche laute, die waren öfter, aber kaum große Ausbrüche, höchstens zwei oder drei am Tag, manchmal auch pro Stunde – und gerade jetzt hätte ich diese Worte zitieren mögen. Es wäre nur sinnlos gewesen. Ich wusste nicht einmal, um welches Paket es sich handelte.

„Ich habe mir Bücher schicken lassen“, gab sie mir zu verstehen, „Fachbücher – es kann ja wohl nicht verkehrt sein, sich beruflich zu bilden, und wie soll ich das sonst bitte machen!?“ „Fangen wir doch mal logisch an“, überlegte ich. „Wo hattest Du diese Karte denn hingelegt?“ „Woher soll ich denn wissen, wo Du sie hingeräumt hast!“ Da war es wieder, das Grundproblem unserer Kommunikation. Sie wusste auf alles eine Antwort, nur nicht auf die entscheidende Frage. „Und Du bist Dir absolut sicher, dass Deine Karte sich im Bad befindet?“ Mit grimmiger Miene äugte sie aus dem Türrahmen. „Soll ich vielleicht lieber im Kühlschrank suchen?“

Langsam hatten wir den Sachverhalt eingekreist und näherten uns einer Lösung. Die Karte, ein ganz normales Stück Papier mit Datumsaufdruck, hatte im Briefkasten ihrer Wohnung gesteckt, als sie am Nachmittag nach Hause gekommen war. Da sich das Postamt gleich hier in der Nähe befindet, hatte Hildegard die Benachrichtigung mitgebracht und, so war der Stand der Dinge, in diesem Stockwerk zuletzt gesehen. Zielstrebig schritt sie in mein Arbeitszimmer und griff ins Regal. Band für Band zog sie die Literaturgeschichte heraus, Folianten von einigermaßen statthaftem Umfang, blätterte in jedem einzelnen – nichts. „Du benutzt ja alles als Lesezeichen“, nörgelte sie, „ich erinnere mich noch, wie die Opernkarten für Breschkes hier drinsteckten und bis zum letzten Moment verschollen waren.“ Es war zwar ein Geschenk zum Hochzeitstag, gut aufgehoben im Opernführer, und der stand beim pensionierten Finanzbeamten in der Schrankwand, doch wozu sollte ich mit Einzelheiten den Prozess unterbrechen. Gerade jetzt, wo wir uns dem Ziel schon so weit angenähert hatten.

„Ich habe sie sicher in den Stutzflügel gesteckt“, teilte ich Hildegard beiläufig mit. Sie wollte gerade den Deckel des Instruments anheben, da hielt sie inne. „Du hättest dazu die Murano-Schälchen und die Seidendecke abnehmen müssen“, sagte sie mit einem gefährlichen Unterton. „Warum hättest Du das tun sollen?“ „Erst wollte ich sie in den Toaster legen“, begehrte ich auf, „der wird täglich benutzt, so wäre die Karte nie in Vergessenheit geraten.“ Sie wandte sich ab und verschwand im Schlafzimmer. Mit meiner Krawattensammlung würde sie genug zu tun haben.

Das Geräusch einer in sich zusammenfallenden Baustelle riss mich aus der Meditation. „Ich finde einfach nichts“, jammerte Hildegard. „Du hast noch genau vierhundert Euro in kleinen Scheinen in der unteren Schublade, drei Brillenputztücher und eine Schachtel Büroklammern.“ „Tatsächlich“, sagte ich erstaunt. „Würde es Dir etwas ausmachen, sie ins Bad zu bringen? Man weiß nie, wann man im Bad eine Büroklammer braucht.“ Sie verfehlte mich mit dem Pappschächtelchen nur knapp. Dreihundert Büroklammern würden schnell aus dem Teppich entfernt sein.

Schublade um Schublade zog sie auf, doch ohne Ergebnis. „Du solltest hier alles kartografieren“, schlug ich vor. „Die ganze Wohnung. Am besten mit einer Strichliste, oder noch besser: Karteikarten. Da kann man dann immer alles indiziert und in ordentlicher Reihenfolge eintragen, wenn mal etwas umgeräumt wird.“ Hildegard atmete deutlich hörbar ein. „Deine Wohnung hat Schwarze Löcher“, sagte sie. „Gut, dass Du noch nichts kartografiert hast“, antwortete ich erleichtert. „Du hättest am Ende eine Karte verloren.“

Sie tat, was sie in solchen Fällen immer tat, und ging einkaufen. „Wenn Du noch etwas brauchst“, ließ sie mich wissen, „dann sag es jetzt. Ich nehme noch einen von diesen Beuteln mit, die passen noch in meine Handtasche.“ Ansonsten waren in diesem ledernen Behältnis nicht viele Dinge, ein Schlüssel, ein Telefonbuch, ein Akkuschrauber, zwei Dosen Schuhcreme, eine halb fertiggestellte Kathedrale ohne Chor und mit fehlendem Westwerk, noch ein Schlüssel sowie eine Karte, die zur Abholung eines Postpakets berechtigte. „Du hattest Recht“, gab ich zu, „sie befindet sich doch in meiner Wohnung.“ Hildegard mopste sich. „Wenn ich die Krawatten wieder eingeräumt habe, werde ich kurz nachsehen, ob im Schlafzimmer noch Platz ist. Falls Du zufällig im Bad ein Bernsteinzimmer findest.“





Denkzettel

12 04 2017

„Man darf ja nichts sagen!“ Frau Breschke hob abwehrend die Hände. „Am Anfang hat er diese grünen Tabletten genommen, die Apothekerin hat sie ihm aufgeschwatzt, aber sein Gedächtnis wurde nicht besser.“ „Und dann?“ Sie seufzte. „Er wusste nicht mehr, wo er sie hingelegt hat.“

Der alte Herr knipste mit der Rosenschere an einem seiner Stöcke herum. „Ich hatte es ihr doch vorige Woche gesagt“, klagte Horst Breschke, „wir müssen bis Donnerstag, nein: Freitag, und dann ist der Abholtermin für den Strauchschnitt, und heute finde ich den Zettel auf dem Tischchen.“ „Was aber schon in der vergangenen Woche fällig gewesen wäre“, gab ich zu bedenken. „Ihre Frau wollte den Service anrufen, aber Sie haben die Nummer mit der Bestellung nicht gefunden.“ Er gestikulierte wild. „Weil der Zettel weg war“, ereiferte sich der pensionierte Finanzbeamte. „Wie soll ich denn die Abholung bestätigen, wenn der Zettel weg ist?“ „Er lag neben dem Telefon“, wandte ich ein. „Ich werde dieses Jahr die Rosen ein wenig stärker schneiden“, erklärte er. „Außer mir kümmert sich ja niemand um den Garten.“

Offensichtlich hatte Breschke in den letzten Wochen eine Menge liegen lassen; Pakete wurden nicht abgeholt, eine Rechnung nicht bezahlt, das Opernabonnement für die Dame des Hauses – teils besuchte sie die Aufführungen, teils ließ er sie auch alleine ins Theater gehen – wurde erst im letzten Augenblick verlängert, weil das Singspielhaus die treuen Gäste selbst angerufen hatte. „Ich kann mir doch nicht für jede Kleinigkeit einen Knoten ins Taschentuch machen!“ Entrüstet stieß er das kleine Rosenschäufelchen ins Beet. „Und dann stellen Sie sich diese Peinlichkeit vor! Ich komme zum Frisör, möchte mir die Brille putzen, sehe den Knoten und weiß nicht, was damit gemeint ist – was soll ich denn da sagen?“

Die Gartenkralle war allerdings unauffindbar. „Und ich hatte sie hier auf die Kellertreppe gelegt!“ Was auch stimmte, zumindest zur Hälfte – die kaputte, deren Stiel sich schon vor längerer Zeit gelöst haben musste, lag noch dort und harrte ihrer Entsorgung. „Vielleicht“, merkte ich an, „haben Sie aber schon vor drei Wochen eine neue gekauft?“ Breschke guckte über den Treppenabsatz in den Kellerraum. „Ich will das nicht ausschließen“, gab er grimmig zurück. „Aber ich hatte sie doch extra hier auf die…“ „Deshalb ist sie auch im Regal“, sagte ich und zog das Werkzeug von der Stellage. „Meine Frau weiß einfach nicht mehr, wo ich die Sachen hinlege.“ Er putzte sich mit erstaunlicher Sorgfalt die Brille. „Manchmal habe ich fast den Eindruck, sie wird vergesslich.“

Zwei Stunden intensiver Gespräche hatte es gedauert, dann sah er es endlich ein: hinfort würde es nicht mehr ohne Gedächtnisstütze gehen. „Sie brauchen einen Denkzettel“, ermunterte ich ihn, „dann fällt Ihnen vieles leichter.“ Noch war er zögerlich, doch das sollte sich ändern. „Wie wäre es“, begann ich, „wenn Sie sich die wichtigen Dinge gleich aufschreiben?“ Zufällig fand ich den Notizblock in der Tasche, den Frau Breschke von der Apothekerin mitbekommen hatte. „Morgen hole ich die Cholesterinpillen vom Doktor ab“, verkündete er, indem er es auf die Liste schrieb. „Da sind Sie in der Stadt“, bestätigte ich, „und könnten auch gleich ein neues Formular für den Strauchschnitt beantragen.“ „Gute Idee“, bestätigte er, „und die Grundwassergebühr für das laufende Quartal – wir haben ja seit vierzig Jahren einen Grundwasserstreit mit der Kommune, aber das wissen Sie ja sicher längst – kann ich dann auch gleich unter Vorbehalt einzahlen.“ Tief befriedigt sah er über sein Rosenbeet. „Die linke dort“, verriet er mir, „kann noch einen guten halben Meter höher werden. Aber das geht natürlich auf Kosten der Blüten.“

Immerhin hatte er unterdessen die Rosenschere wiedergefunden; sie lag anstelle der Kralle auf der Kellerstellage, und die Suche war recht gut vonstatten gegangen. „Ich habe bei der Stadt angerufen“, verkündete er anderntags, „das Formular war übrigens noch gültig – ich musste ihnen nur die Nummer geben, die auf dem Antrag stand.“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch gleich, dass Frau Breschke ein kariertes Kostüm aus der Reinigung abzuholen hatte, und dies auch schon seit einer Woche. „Es ist aber auf derselben Ecke wie die Apotheke. Ich parke in der Brunnenstraße und kann zu Fuß in Richtung Holbeinplatz, und dann wollte ich da noch etwas.“ Er kratzte sich am Kopf. „Schuhe?“ Er schüttelte den Kopf. Auch mit dem Sonderangebot aus dem neuesten Prospekt vom Feinkosthändler hatte es nichts zu tun. „Ich komme nicht darauf“, stöhnte er, „und dabei war ich so sicher. Warten Sie!“ Angestrengt blickte er in den Garten hinein und konzentrierte sich. „Ich hatte es doch eben noch auf der Zunge.“ „Setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck“, riet ich ihm, „sonst erreichen Sie nur das Gegenteil.“ „Warten Sie“, sagte Breschke aufgeregt, „gleich – ja, ich hab’s!“ Triumphierend zog er einen Zettel aus der rechten Tasche seiner Strickweste. „Da haben wir es doch: in der Besteckschublade!“ Und so folgte ich ihm, wie er schnurstracks die hintere Treppe hinauf ins Haus lief, durch das Balkonzimmer und den Flur direkt in die Küche, wo er den Zettel aus der Lade fischte. „Notizzettel. Wir brauchen dringend ein paar Notizzettel.“ Breschke legte das Blatt auf den Besteckkorb zurück. „Gut, dass mir das noch eingefallen ist.“





Strahlenschutz

30 03 2017

„Du hast mir das eingebrockt“, zischte Anne. „Ich hätte Ihr einen Termin gegeben, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen!“ Marlene Krupp-Kosinski saß bereits im Beratungszimmer, guckte skeptisch auf das Gebäckstück, das Luzie neben die Kaffeetasse gelegt hatte, und blätterte in ihrem kleinen, roten Notizbuch.

„Er hat mir Ihre Kanzlei empfohlen“, sagte die Dame. „Besser gesagt, seiner Nachbarin.“ Anne hielt angestrengt die Luft an. Sigune, die mit ihren Topfpflanzen sprach und sie mit linksgerührtem Informationswasser aus Vollmondabfüllung goss. Immerhin war die Mandantin nicht mit Klangschale und Ohrkerzen angerückt, trug keinen Jutesack und hatte nicht versucht, das Wartezimmer nach den Erkenntnissen von Feng Shui umzudekorieren. „Sie müssen etwas machen, es besteht höchste Gefahr.“ „Nur die Ruhe“, entgegnete Anne aus Gewohnheit, denn die meisten kamen mit Angst. „Wir werden das schon hinkriegen. Erzählen Sie mal.“ „Das ist die Ärztin aus dem ersten Stock“, begann Frau Krupp-Kosinski. „Oder vielleicht auch Helferin, jedenfalls geht sie jeden Morgen in die Praxis im gegenüber liegenden Haus – das heißt, sie könnte dann auch Putzfrau sein. Ich habe nichts gegen Putzfrauen, aber ich finde schon, dass man…“ „Es handelt sich also um eine Mieterin“, unterbrach Anne, „den Rest klären wir später.“ Heftig nickte die spärlich geschminkte Blonde und spielte hektisch mit ihrer Halskette. „Sie hat da so eine Art Antenne auf ihrem Balkon angebracht – ich dachte erst, das könnte eine Art Kleiderbügel sein, aber es sah doch zu sehr nach Antenne aus, Sie wissen ja: man kann mit einigen auch Signale aussenden.“ Mit einem leisen Ächzen lehnte Anne sich zurück. Mir wurde langsam klar, was das zu bedeuten hatte.

„Sie haben doch bestimmt schon davon gehört.“ Ich lehnte mich unbehaglich im Sessel zurück. „Es knackt dann immer so im Radio, oder die Lampen flackern, und wenn man bei der Polizei anruft, tun die so, als wüssten sie nicht, worum es geht.“ Mit viel Umstand blätterte sie in ihrem Büchlein. „Im Juni ging es los“, las sie vor, „da hatte ich um elf Uhr so ein Flackern in der Deckenlampe.“ „Wer schaltet auch tagsüber seine Lampen ein“, gab Anne trocken zurück, „noch dazu im Sommer?“ Die Übersinnliche schien es überhört zu haben. „Und dann knackte es einmal sehr deutlich – und ich sage das bewusst so: sehr, sehr deutlich, als ich das Radio eingeschaltet habe, und da war sie gerade nach Hause gekommen. Das ist doch kein Zufall?“

Waren es die Russen? noch oder schon wieder? Würde der längst fällige Untergang des Abendlandes an einer defekten Energiesparleuchte aufkippen? Marlene Krupp-Kosinski jedenfalls saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und ließ sich nicht beirren. „Man hört doch so oft“, erklärte sie, „dass die elektrischen Geräte ein paar Tage nach dem Ablauf der Garantie kaputt sind. Ist das Zufall?“ Wir waren einander einen betroffenen Blick zu. „Ich würde es so ausdrücken“, knurrte Anne, „haben Sie gerichtsfeste Beweise oder heute noch etwas anderes vor?“

Laut Notizbuch hatte das Teewasser tagelang nicht wie gewohnt in acht Minuten den Siedepunkt erreicht, es war schneller, teils in sieben, einmal gar in sechseinhalb zum Sprudeln gekommen. Dann wieder sah man merkwürdige Lichtreflexe in der Scheibe der Balkontür, wenn man sich ganz nach links beugte, eine Hand auf den Boden stützte und von unten in den Himmel blickte. Eine knappe halbe Stunde intensiver Beoachtung hatte gereicht, um die Wirkung hervorzurufen. „Ich hatte das nicht für möglich gehalten“, rief die schwer Getäuschte. „Sie müssen etwas unternehmen!“ Anne tastete nach der Schreibtischplatte; die war noch da, verlieh aber nur rudimentären Halt. „Wir bräuchten zuerst eine Unbedenklichkeitserklärung“, gab ich zu bedenken. „Ob Frau Freese…“

Luzie, am schwungvollen Handzeichen luziefr erkennbar, kam mit einem großen Stapel Papier an. „Für eine Untersuchung auf Strahlenschutz müsste das Landesamt erst einmal eine Unbedenklichkeitserklärung haben“, klärte sie auf. „Das Gutachten wäre erst nach der Klageerhebung fällig, aber die Anzahlung kann in Raten geleistet werden.“ „Wir müssten da vorab ein paar Dinge klären“, half ich ein, „wenn Ihre Nachbarin ohne behördliche Genehmigung einen Teilchenbeschleuniger betreibt, könnten wir auch ohne den Staatsanwalt tätig werden.“ Anne nickte. „Das Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren stuft das zwar nur als Ordnungswidrigkeit ein, aber wir könnten ihr ein Bußgeld dafür aufbrummen.“ Luzie nickte. „Bis zu fünfzig Euro.“

Hilflos blickte Frau Krupp-Kosinski von einem zum anderen. „Sie müssten“, fügte Anne maliziös an, „schon mit einem gerichtsverwertbaren Beweis zu uns kommen, damit wir tätig werden.“ Luzie reichte ihr ein Stückchen Pappe mit einem Streifen Klebefilm. „Wenn sich das blau verfärbt an der Außenluft, dann kommen Sie sofort zu uns. Wir haben die Durchwahl zur Atomenergiebehörde.“

Anne stellte die Tasse auf das Tablett. „Und wir werden sie sicher nie wiedersehen?“ „Ich wäre mir da nicht so sicher“, grübelte Luzie. „Möglich, dass sie die Behördennummer selbst herausgefunden hätte.“ Anne schnaufte hörbar. „Ich brauche noch mal die Unbedenklichkeitserklärung. Aber schnell!“





Erika

1 03 2017

„Hier ist schon alles vertikutiert.“ Der Hausherr deutete im weiten Bogen auf das Rasenstück hinter der Auffahrt. „An der Seite können wir dann den Bodendecker pflanzen.“ Ich schulterte die Schaufel, denn wer sonst würde das wohl tun.

Ein paar klägliche Reste vom Steinbrech lagen noch an der Rasenkante. „Dabei hatte mir meine Tochter garantiert, dass er anwächst!“ Im Schatten der zehn Meter hohen Zimmerlinde, ebenso ein Geschenk der Familie, schritt Horst Breschke die Einfassung ab. „Ich war bei Höppners“, tröstete ich ihn. „Sie begrünen drei Dutzend öffentliche Plätze und den Vorgarten des Bürgermeisters, da bekommt man sicher etwas Reelles.“ „Eben“, knurrte er, „der Möpp schaut ja auch direkt drauf – da kann er mal sehen, wie es bei ordentlichen Leuten zugeht!“

Gemeint war Gabelstein, Nachbar und Erzfeind, der Breschke den frisch gefegten Gehsteig wieder mit Schnee zuschippte, Laub über den Zaun warf und die Gartenschläuche zerstach. Zwar hatte auch Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, seinen Anteil an der Sache, weil er sichtlich nicht ohne eine gewisse Heiterkeit hin und wieder durch die Hecke schlüpfte, das Tulpenbeet massakrierte und die Gabelstein’schen Gartenzwerge umstieß, doch gab es nie einen verwertbaren Beweis. Er war stets vorsichtig gewesen.

So rollte ich die Schubkarre die Auffahrt hinauf zur Kellertreppe, während Breschke im Haus nach Zeitungspapier suchte. „Ach“, hörte ich hinter mir eine Stimme, „können Sie mir mal helfen?“ Auf der anderen Seite des Zauns stand eine ältere Dame, eingehüllt in einen Steppmantel, einen voluminösen Hut auf dem Kopf. „Ich wollte zu Gabelsteins, aber da öffnet niemand. Ob die Herrschaften wohl zu Hause sind?“ „Bedaure“, antwortete ich und stellte die Karre für den Moment ab, „aber von hier lässt sich das nicht sagen. Normalerweise bewegen sich die Gardinen, wenn man hier im Garten steht.“ Sie kicherte. „Das hätte ich mir denken können!“ Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Breschke eben aus der Tür trat, nein: wie er aus der Tür treten wollte und, schreckensbleich, im letzten Moment wieder im Haus verschwand wie der Kasper im Puppentheater. „Das ist eigentlich eine Frechheit“, fuhr die Dame fort. „Das Haus gehört mir zwar nur auf dem Papier, aber immerhin muss er doch bei einem angekündigten Besuch öffnen?“ „Wenn ich es richtig sehe“, schloss ich, „dass Ihnen das Haus auf dem Papier gehört, dann heißt das: es gehört Ihnen.“ „Das wollte ich aber auch meinen“, rief sie aus und stampfte mit dem Fuß in den Laubhaufen hinter dem Zaun. „Na, das ist mir ja einer!“

Unterdessen hatte der alte Mann zitternd in der Tür gestanden, die Luft angehalten und unserem Gespräch gelauscht. „Und Sie wohnen ganz alleine in diesem großen Haus?“ „Nicht doch“, wehrte ich ab. „Ich kümmere mich ein wenig um den Garten von Breschkes.“ „Breschke“, sagte sie versonnen, „einen Horst Breschke kannte ich mal.“ „Nicht die Möglichkeit“, tat ich erstaunt, „ich werde gleich mal nach ihm rufen. Herr Breschke!“

Der pensionierte Finanzbeamte erschien in kaltem Schweiß und mit glühend roten Wangen. „Du hast Dich ja kein bisschen verändert“, grinste die Dame. „Erika“, krächzte er, „das ist… lange nicht… gesehen!“ „Fast fünfzig Jahre“, krähte sie. „Und weit hast Du es gebracht, dass Du Dir sogar einen Gärtner leisten kannst.“ „Das ist…“ Er kam gar nicht dazu. „Früher hatte er Locken“, verriet Erika. „Richtige Locken! Aber er hat sich gut gehalten, finden Sie nicht auch?“ Sie wandte sich in verschwörerischem Ton zu mir, und das, wo er doch genau hörte, was sie sprach. „Wissen Sie, dass wir ihn damals den feschen Horsti genannt haben? Meine Schwester war damals auf dem Lyzeum, sie hatte sich extra einen Bubikopf schneiden lassen, damit er…“ „In einer Reihe, und oben an die Mauer kommen dann Aubrietien!“ Hastig stellte er die Töpfe in die Schubkarre. „Kommen Sie, kommen Sie!“ Und schon watschelte er hinweg.

Sie sah ihm lange nach. „Ich erinnere mich ja noch an ein Gartenfest bei Husenkirchens, ist das Ihnen ein Begriff?“ Ich musste überlegen. „Er hat jedenfalls damals seine spätere Frau kennengelernt, und dann wurde er auch bald Oberinspektor.“ Sie seufzte. „Und jetzt werden Sie sich hier in seiner Nachbarschaft niederlassen?“ Sie lachte wiehernd. „Ach Gottchen – nein!“ In der Ferne lud Horst Breschke in gebotener Uneile die Pflänzchen aus, als wögen sie je Topf einen Zentner und wären aus Porzellan. „Gabelstein, das ist ein Schlawiner. Erst hatte er der Bank sein Haus angeboten, dann musste er es versteigern. Und was mein Hubert war, der hat mir so einige Ersparnisse hinterlassen. Er kann bis auf Weiteres wohnen bleiben, aber ich erwarte, dass er keine Scherereien mehr macht.“ „Wir werden dafür sorgen“, versprach ich. „Er wird sich gar nicht mehr rühren, ich habe das so im Knie.“

„Das war damals noch ganz anders“, stammelte Breschke. „Sie wissen doch, dass das Haus damals einem Doktor Schneider gehört hatte? Aber er war ja kinderlos und musste – überhaupt gehört hier gar kein Bodendecker hin!“ Er wirkte verärgert. „Nur keine Sorge“, beruhigte ich ihn. „Noch haben wir den guten Gabelstein und seine Gartenzwerge.“ Bismarck schnürte die Hecke entlang und blickte auf die nachbarlichen Blumenbeete. Was für ein schöner Tag.





Doppelhöllige Brammelung

13 02 2017

Viel hatte ich nicht verstanden, denn Anne war einem Nervenzusammenbruch nah gewesen. „Wir haben alles versucht“, wimmerte sie. „Luzie hat sogar bis zum Ellenbogen – nein, ich kann das einfach nicht mehr!“ Das Wasser stand bis zum Rand der Sanitärkeramik, das Handwaschbecken war augenscheinlich verstopft, und selbst in der Teeküche ließ sich nichts mehr abgießen. Wie gut, dass sie gleich auf mich kam.

„Wir könnten das Zeug auch aus dem Fenster kippen“, meinte Luzie lakonisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Eimer tropfte und roch gar nicht gut. Vermutlich hatte die Vertretung für Sofia Asgatowna, die zweimal die Woche in Bücklers Landgasthof Diele und Herrenzimmer mit liebevollen Blumenarrangements schmückt, den von Annes grippalem Infekt gut gefüllten Müllkorb in die Kloschüssel entleert. „Ein gutes Dutzend Päckchen“, überschlug die Bürovorsteherin. „Und wie wir alle wissen, soll man Taschentücher nicht in der Kanalisation entsorgen, weil das Zeug aufquillt und die Rohre verstopft.“ Anne sah aus tiefroten in den Flur. „Ich habe Pröckel bestellt“, schniefte sie, „der hat sein Geschäft nur eine Straße weiter.“ Dass es einen Hausmeister gab, der für derlei Geschäfte zur Verfügung stand, musste sie übersehen haben. Ansonsten warteten wir auf den Klempner, der sich noch für denselben Tag angekündigt hatte.

Eine halbe Stunde später stand Paul Pröckel in voller Lebensgröße vor uns. „Das wird teuer“, rief er mit schmerzlichem Mitgefühl aus, „da hätte man ja den ganzen Hahn gleich in die…“ „Wir haben Sie aber doch wegen des Abflussrohrs gerufen“, wunderte sich Luzie. „Ach so“, murmelte der Installateur. „Da habe ich wohl nicht auf die Liste geguckt. Aber der Hahn muss neu, das sieht man doch, dass der ganz schäbig montiert ist. Welcher Trottel hat denn diesen Hahn da hingeschraubt?“ „Sie“, entgegnete Anne knapp. „Es war zwar ein Jahr vor unserem Einzug, aber wenn Sie kurz Zeit haben, dann zeige ich Ihnen die Rechnung.“

Natürlich hatte Pröckel eine Drehspirale im Kasten, jenes Werkzeug, mit dem man in verstopfte Rohre zu bohren pflegte, um nach zehn Minuten oder einem ganzen Nachmittag – es kam oft darauf an, wie gut man die Fachkraft kannte – wieder einen freien Abfluss zu haben. Der metallene Schlauch verschwand in der Tiefe des Beckens, und nach kurzer Zeit kündigte ein sonores Gurgeln die erste Etappe an. „Das müsste man wegreißen“, wandte sich der Handwerker an mich, der als Mann trotz geringer technischer Kenntnisse spontan sein Vertrauen erworben hatte. „Das ganze Becken weg, dann einen ordentlichen Tiefspüler rein, das mache ich Ihnen für unter zweitausend.“ „Zunächst“, gab ich ihm klar zu verstehen, „reinigen Sie mal das Waschbecken. Sie wissen, wo Sie hier sind.“

Sicher hatte diese Ansage einen gewissen Eindruck auf Pröckel gemacht, aber leider nicht den beabsichtigten. „Das geht gar nicht“, verkündete der Rohrspezialist und deutete auf das Knie. „Da sehen Sie schon, das heißt: Sie sehen das natürlich nicht, weil das ein älteres Fabrikat ist, da sammelt sich das Wasser nicht immer an der richtigen Stelle, und dann kommt es zu Rückflussstauungen, daher muss man das durch eine umgelötete Schiebmuffe, aber das kann ich Ihnen ja nicht erklären.“ Anne holte tief Luft, kam aber gar nicht zu einer Antwort. „Das Problem ist die schmarrige Schelle, die ist da unten schon total vermault, und wenn ich das nun aufhebel, dann ist Rückfluss auf dem Flansch in der Wand.“ Er griff zur Saugglocke, pömpelte ein paar Mal lustlos im halb gefüllten Waschtrog herum und schmiss das Gerät wieder in den Eimer zurück. „Das müsse man auch völlig neu machen, vor allem die Sperrung hier ist ja nicht mal richtig gekröpft.“ Luzie blickte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, als hielte sie Ausschau nach scharfen Gegenständen. „Das muss so“, beschied ich dem Handwerker. „Jetzt schrauben Sie dies verdammte Rohr ab, und dann sehen wir weiter.“ Empört warf er die Zange in den Werkzeugkasten. „Das kann man gar nicht“, maulte er, „das ist ein Flonsch, der ist nicht mal zöllig, da sitzt das ganze Schlottrohr dran, und da ist dann der…“ Da wurde es mir zu bunt. „Pröckel“, zischte ich und packte ihn am Kragen, „Sie elender Amateur! Ihre Scheißbude hat doch diese ganze Installation hier verbrochen!“ „Das war der Lehrling“, presste er hervor, „der hatte nur die geklüpften, die Dinger, die hatte er mit.“ Ich schüttelte ihn kräftig durch. „Was lernen die denn in Ihrem Saftladen?“ Luzie verkniff sich ein Kichern. „Klüpfige Schlotten müssen mit doppelhölliger Brammelung geflonscht werden, sonst droht der Schlondel kernhupfig abzuknurzen! Das Schlondelprofil ist immer doppelt so höllig wie die Maukenzahl – können Sie nicht bei zwei zählen, Sie Rohrkrepierer!?“ „Außerdem“, wandte Luzie ein, „die Schlonzfrettage ist aus verkügeltem Chrom mit Nippelzulage, das hat schon mein Vater gewusst.“ Anne lächelte milde. „Und auf der Rechnung ist Ihre Unterschrift, Herr Pröckel.“

Der erste Mandant würde in einer halben Stunde kommen; Anne spülte in aller Ruhe die Tassen um und räumte sie in den Küchenschrank ein. „Wie nett von ihm, die Reparaturen auf Kulanz zu erledigen.“ Luzie nickte. „Ein ausgewiesener Experte erkennt eine fachgerecht ausgeführte Montage eben sofort.“ Anne stellte drei Tassen auf den Küchentisch. „Und jetzt könnte ich einen guten Kaffee vertragen.“ Sie drückte mir die Blechdose mit den Bohnen in die Hand. „Am besten doppelhöllig.“