Schlüsselposition

28 07 2022

Anne tupfte sich den Schweiß von der Nase. „Stromfresser hin oder her“, stöhnte sie, „es ist zu heiß.“ Luzie nickte. „Ich hole den Ventilator aus dem Keller.“ Sie stand auf, ging durchs Vorzimmer und öffnete die Schiebetür, hinter der sich die kleine Abseite und das Schlüsselbrett befand. Was sich am Brett nicht befand, war der Kellerschlüssel.

„Aber er hat doch immer dort gehangen?“ Ich betrachtete sehr konzentriert die Auslegeware der Kanzlei, denn jeder wusste, in welchem Verhältnis Anne zu Schlüsseln im Allgemeinen stand. Bis auf den Autoschlüssel, inzwischen eine Fernsteuerung für den Wagen, die sich stets in ihrer Handtasche befand und häufig sogar in der richtigen, hatte sie die Schlüssel für Geschäfts- und Privaträume aus Erfahrung in mehrfacher Ausfertigung bei mir und Breschkes deponiert, in der Küchenschublade von Staatsanwalt Husenkirchen und bei Doktor Klengel. „Warum hängt der Kellerschlüssel nicht an diesem Brett“, knurrte Anne, „und warum hängt das Brett nicht an der Tür wie in jedem anderen Haushalt?“ „Weil dies eben kein Haushalt ist“, wandte ich ein. „Luzies Idee, das Brett nicht neben den Eingang zu schrauben, liegt daran, dass zu viele Mandanten die Kanzlei betreten, denen man alles zutrauen kann.“ Sie zog die Stirn in Falten. Das hatte damals auch ihr eingeleuchtet, nicht aber der Gedanke, dass es für Schlüssel nur ein sicheres Quartier geben kann: ein abschließbares Kästchen, klein oder groß, gut zugänglich, aber eben abschließbar.

Luzies Einwand, sämtliche Schlüssel wären so sicher wie in Abrahams Schoß, lägen sie in ihrem Schreibtischschränkchen, hatte Anne frühzeitig in argumentativem Furor beiseite gewischt. „Was soll ich denn machen, wenn Du mal einen freien Tag hast?“ Die Büroleiterin, die stets als erste die Kanzlei betrat, schloss natürlich auch die Laden an ihrem Arbeitsplatz auf. „Notfalls könnte ich die Schlüssel in Deinem Schreibtisch deponieren“, gab sie mit sarkastischem Unterton zurück. „Ich habe ja den Ersatzschlüssel bei mir zu Hause.“ Der Teppich begann wirklich interessant auszusehen.

Das Problem war bekannt, hatte eine Geschichte und zu viel Wirrungen geführt, die auch durch das kleine Gerät nicht besser wurden, das Breschkes Tochter von einer Ostasienreise mitgebracht hatte. Der Schlüsselfinder, der am Corpus delicti befestigt werden konnte, sollte mit Hilfe von Funkwellen aufgespürt werden, wie das ja Anne auch mit ihrem Wagen tat – das sportliche Gefährt war nicht eben unscheinbar, jeder hätte es auf dem Parkplatz leicht ausfindig machen können, doch sie zog es vor, mit dem kleinen Druckknopfdings durch die Reihen zu gehen und beständig um sich zu blicken, wo unter meerschweinartigen Quietschgeräuschen hektisches Blinken sichtbar ist. Allein sie hatte die Vorliebe für den Ablauf nicht auf das rote Plastikteil übertragen, so dass der Kellerschlüssel weiterhin verschollen blieb. Luzie sah sich hilflos in der Abseite um. „Wo ist eigentlich dieser Schlüsselfinder?“

Tatsächlich gibt es Bodenbeläge, denen man nach jahrelanger, regelmäßiger Belastung kaum ihr Alter ansieht. Ganz nebenbei hörte ich, wie Anne aus der Erinnerung den Verbleib des Suchgeräts rekonstruierte; sie hatte ein Loch an der stilisierten Blume entdeckt und ihn aus Gewohnheit zusammen mit dem Schlüssel und der Empfangseinheit an den Ring gehängt, wo sie nun in trauter Dreisamkeit wieder verbunden waren, wo auch immer. „Es kann sich höchstens um höhere Gewalt handeln“, ätzte Luzie, „nichts hindert uns, das Haus einzureißen, wenn wir den Keller betreten wollen.“ Ich spielte vor meinem geistigen Auge einige Szenarien durch, in denen die sich anbahnende Katastrophe ohne größere Folgeschäden abgewendet werden könnte, da kam Anne der entscheidende Gedanke. „Ich habe das bestimmt in der Handtasche.“ Die Nachschau ergab, dass dem nicht so war. Es bestand keine Hoffnung mehr. Vermutlich würde ich so schnell wie möglich einen Ventilator besorgen müssen, um dieses unerträgliche Klima wiederherzustellen.

„Die unterste Schublade!“ Luzie drehte sich auf dem Absatz um, stürmte ins Besprechungszimmer und setzte sich auf den Drehstuhl. „Ich bin ja nicht immer pflegeleicht“, maulte Anne, „aber das geht nun wirklich zu weit.“ „Ach was!“ Luzie hatte das Aktenfach geöffnet, wühlte zwischen den Mappen herum und zog endlich triumphierend das gesuchte Dreigestirn hervor. „Ich wusste doch genau, dass da etwas Rotes unter den Deckeln liegt.“ Ein Druck auf die Sendeeinheit bestätigte, dass zumindest auf kürzere Distanz der am Schlüssel angebrachte Empfänger so zuverlässig wie nervtötend fiepte. „Wir müssen also jetzt den Sender abziehen, dann kommt der Schlüssel wieder ans Brett, und wenn wir ihn tatsächlich einmal nicht finden sollten, dann haben wir immer noch diesen kleinen Helfer.“ Anne seufzte. Es hatte sich nicht nur die Anspannung der vergangenen Stunde in Wohlgefallen aufgelöst, sie konnten nun auch darauf warten, dass ein dienstbarer Geist – nämlich ich – den Ventilator die Treppen bis ins dritte Stockwerk tragen würde. Da es sich um ein Standmodell mit schwenkbarem Kopf handelte, blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben.

Der Ventilator tat, wozu er angeschafft worden war: er wirbelte Luft in den Raum. „Übrigens“, ließ sich Luzie vernehmen, „Breschkes Tochter hat nicht nur einen mitgebracht.“ Und sie zog ein Tütchen aus dem Regal in der Abseite. Noch ein Suchknopf mit Piepser. Anne war perplex. „Kein Problem“, sagte ich. „Wenn der Schlüsselfinder mal verloren geht, kleben wir den anderen an den Empfänger, und Du hast noch einen Ersatz für die Handtasche.“





Wasserzeichen

30 06 2022

„Zwanzig, noch mal dreißig, also insgesamt einhundertzehn.“ Herr Breschke schloss den Karton und schob ihn zurück unter den Küchentisch. Es duftete, vielmehr: roch nach einer Mischung aus Maiglöckchen und Pfefferminzbonbons. Und noch hatte er keins der Erfrischungstücher benutzt.

„Es geht ja nicht um die Kosten“, betonte der Hausherr, „obwohl sie schon recht preiswert sind, wenn man eine größere Menge davon abnimmt.“ Hauptsächlich dürfte wohl es an der Herkunft dieser Hygieneartikel gelegen haben, die seine Tochter aus einem kambodschanischen Warenlager in Peru mit amtlichen Siegeln in drei ausgestorbenen Sprachen besorgt hatte. Immerhin waren bisher noch keinerlei Hautreizungen aufgetreten, noch benutzte der Alte zweimal am Tag die Brause. „Wenn man Wasser sparen kann, sollte man es auch tun.“ Ich nickte. Allerdings gab ich zu bedenken, dass es für Umwelt und Energiesicherheit auch schmerzfreiere Wege geben würde. „Sich zum Beispiel am Morgen mit dem guten alten Seiftuch zu reinigen, wäre einer davon.“ „Nun ja“, lächelte er, „ich bin nun nicht mehr so gelenkig. Duschen ist ein wenig bequemer, das muss ich schon zugeben.“ „Und wie erreichen Sie dann, sagen wir mal: die Zehen mit diesen Dufttüchern?“

Die Wasserrechnung vom vergangenen Jahr wies einen ganz hübschen Verbrauch auf, jedenfalls für ein kleines Häuschen mit Garten. Letzterer war mit Rasen und Rosen Großverbraucher, vor allem in regenarmen Zeiten. „Ich kann meine Pflanzen nicht einfach vernachlässigen“, betonte der pensionierte Finanzbeamte. „Sie müssen wissen, wir sind als Anwohner verpflichtet, diese Flächen zu begrünen.“ Ich sah mich um. Die große blaue Tonne, die seit Jahrzehnten im Keller stand, würde hervorragend unter den Abfluss der Dachrinne passen; ein kleiner Schnitt ins Fallrohr, ein Regensammler, schon liefe der Niederschlag nicht mehr in die Kanalisation. Er kratzte sich am Kopf. „Das würde sicherlich eine Menge weniger verbrauchen.“ Er blickte sich im Garten um. „Auf der anderen Seite liest man gerade überall, dass Sparen auch schädlich sein kann, wenn man die Leitungen nicht regelmäßig spült.“ „Ihre fünf Minuten Duschen am Tag reichen da vollkommen aus“, beruhigte ich ihn. „Keiner wird Sie zu einem Wannenbad nötigen.“

Das Bad, seit Jahrzehnten in einem funktional wirkenden Rostbraun eingerichtet, war die nächste Etappe. „Diesen Brausekopf haben Sie vor dem Dreißigjährigen Krieg installiert“, mutmaßte ich, was Breschke mit Stirnrunzeln quittierte. „Das Ding wird nicht richtig sauber“, nörgelte er. „Man kann Essig dazu verwenden“, riet ich trotz Skepsis beim Anblick der Gummidichtungen, „manche schwören auf Gebissreiniger.“ Aus dem Schränkchen unter dem Waschbecken kramte er eine vergilbte Dose mit Briefchen heraus, die ein blassblaues Pulver enthielten. „Sagen Sie nichts“, stöhnte ich. „Ja, aber sie hat mit die schon vor zehn Jahren mitgebracht, ich wollte sie erst aufbrauchen.“ Auch der Schlauch hielt einer genaueren Inspektion nicht stand; er war an mehreren Stellen porös und drohte zu brechen, so dass ein Leck bei der täglichen Körperpflege nur noch eine Frage der Zeit war. „Wir werden sicher im Baumarkt etwas Schönes finden, damit drehen Sie dann auch die Wasserzufuhr ab, wenn Sie sich gerade den Kopf shampoonieren.“ Er nickte. „Ich wollte ja die ganze Zeit etwas machen“, sagte er kleinlaut, „aber die Kosten!“ „Herr Breschke“, mahnte ich, „wenn Sie ab sofort auf zu viel warmes Wasser verzichten, hat sich diese Investition im Nu amortisiert.“ Es sah aus, als würde er mit mehreren Unbekannten rechnen. Schließlich nickte er wieder.

„Selbstverständlich können Sie auch in der Küche eine Menge Wasser sparen.“ Ich zog das Besteckfach des Geschirrspülers heraus. Zwei Gabeln, zwei Messer und zwei Suppenlöffel lagen im Auszug. „Ich müsste sonst den ganzen Kasten in den Küchenschrank räumen, wir haben ja so selten Besuch.“ „Sie spülen das Besteck also nach den Mahlzeiten von Hand ab“, konstatierte ich. Horst Breschke schüttelte energisch den Kopf. „Vor den Mahlzeiten, sonst macht es ja gar keinen Sinn.“

Das Minzmaiglöckenaroma der Küchenluft war noch immer dominant, da nahm Breschke eins der Tücher aus der Packung. Die Folie ließ sich leicht aufreißen, und sofort breitete sich das penetrante Bukett im ganzen Raum aus. Der Hausherr rieb sich die Hände mit dem Geruchsträger ein, und es trieb nicht nur mir beinah die Tränen in die Augen. „Das ist fürchterlich“, krächzte ich. „Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie sich ab sofort zweimal täglich mit diesem Zeug imprägnieren werden, um Wasser zu sparen?“ Seine Nase zuckte. „Glauben Sie, dass der Gestank mit Wasser und Seife wieder abgeht?“ „Sparen Sie“, ächzte ich. „Aber bitte nicht an Seife und nicht an Wasser, und nehmen Sie bloß warmes dazu!“ Er krempelte sich die Hemdsärmel hoch und verschwand im Bad.

Zehn Minuten später kam er mit rot geschrubbten Fingern wieder aus dem Waschraum. Freudig begrüßte Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, seinen Herrn, vielmehr: er hatte es wohl vor. Als er aber die Reste der fürchterlichen Aromenverirrung an seinen Händen roch, lief er jaulend ins Wohnzimmer, wo er sich verstört hinter dem Fernsehsessel verbarg. „Sie sehen“, schloss ich, „auch Ihr treuer Gefährte kann dem nichts abgewinnen.“ Er seufzte. „Kann man denn da gar nichts machen, um im Alltag das Wasser effektiver einzusetzen?“ Ich griff zur Blumenspritze auf der Fensterbank. „Nun“, sprach ich und drückte auf den Hebel, „es gibt da manche Möglichkeit.“





Geschenk mit Eigenanteil

23 06 2022

Anne rümpfte die Nase. „Ich will ja nichts sagen“, sagte sie, wie sie immer sagte, wenn sie unbedingt etwas sagen wollte. „Ich stelle nicht diese Maschine in mein Büro, um einen vorsintflutlichen Apparillo von Breschkes Tochter dafür zu bekommen!“

Immerhin hatte sie recht; ob in meinem eher bescheiden eingerichteten Arbeitszimmer oder in der gerade noch aufrecht begehbaren Küchenabseite ihrer Kanzlei, der morgendliche Kaffee gehörte zu den Grundvoraussetzungen, um einen Tag halbwegs lebend zu beginnen, wenn man ihn denn überstehen wollte. „Ich habe damals für ein Heidengeld diesen Kaffeevollautomaten abgeschafft, weil mir geraten wurde, dass das für die Mandanten genau richtig ist!“ „Das ist nicht verkehrt“, entgegnete ich, „Du bist ohne Kaffee morgens nicht ansprechbar, hast ein seltenes Talent, die Presskannen wenige Tage nach Anschaffung am Boden zu zerschmeißen, und es gibt kein Spielzeug, für das Du nicht jeden noch so hohen Preis bezahlen würdest.“ Sie zog ihre Augenbrauen gefährlich schnell nach unten. „Ich habe genau, warte… auf jeden Fall war es viel preiswerter als in der Kalkulation!“ Was natürlich angesichts der Wasserleitungsschwäche, die durch einen Entkalkungsbeauftragten behoben werden musste, der dafür eine solide Monatspauschale kassierte, auch wenn er sich gerne mehrere Wochen Zeit ließ mit der Instandsetzung, recht teuer war.

Aber wir hatten ja andere Sorgen. Luzie, seit Anbeginn Büroleiterin und gute Seele des Hauses, hatte endlich an einem sehr schönen Abend nach der Premiere im Freilufttheater Bad Gnirbtzschen von ihrem Gefährten einen Antrag erhalten und ihn voller Glückseligkeit angenommen. Minnichkeit, der in der Opernfreundin seine Seelengefährtin gefunden hatte, ließ es sich nicht nehmen, uns zur Trauung aufs Wasserschloss Poggenmootsch zu laden. Die Frage blieb: was schenkt man da?

„Ich hatte da noch so einen Prospekt.“ Anne zog die unterste Schreibtischschublade auf. Ein Wunder, dass die sich überhaupt öffnen ließ angesichts der herausquellenden Papiere; es musste im Inneren eine Quantenverschränkung stattgefunden haben, bei der sich sämtliche Elementarteilchen in ihre Zwischenräume gequetscht haben. „Personalisierte Sektkelche“, las ich. „Das ist eine grandiose Idee, wenn die beiden nach einem Glas Schaumwein nicht mehr wissen sollten, wer wie heißt.“ „Es ist ja auch nur ein Vorschlag“, murmelte sie, „und sie können ja damit jedes Jahr auf ihren Hochzeitstag anstoßen.“ Ich überlegte. „Wäre dann eine Gravur des Datums nicht der ungefährlichere Weg, falls daraus eine wiederkehrende Ehekrise entsteht?“ Sie war sichtlich verärgert und blätterte weiter. Neben Gartenlaternen und Türschildern ließ sich offenbar jede Menge Schrott gravieren, womit auch immer. „Im Falle einer Trennung wird es natürlich nicht einfach“, wandte ich ein. „Ein Essbesteck ließe sich mühelos teilen, mit ungravierten Badebürsten hat man auch nach der Scheidung Spaß, aber…“ Ihr Blick machte mir unmissverständlich klar, dass ich zwar recht hatte, das Thema jedoch trotzdem nicht zielführend war.

Allerlei Kitsch mit Herzchen zum Aufhängen, Ankleben, Annageln oder Verschrauben quoll aus einem Prospekt für wohlfeile, aber geschmacksfreie Geschenke. „Ein Kirschholzbrettchen, das Tag für Tag erinnert, dass hier ein Kirschholzbrettchen in der Küche hängt.“ Anne knirschte mit den Zähnen. „Man könnte ja vielleicht den Namen in das Ding meißeln.“ Ich schüttelte den Kopf. „Luzie heißt nicht nur weiterhin Freese, sie wohnt seit geraumer Zeit zusammen mit ihrem künftigen Gatten.“ Die Kollektion ergoss sich in Fußmatten, Flaggen für den bürgerlichen Balkon und einem Töpfchen mit Rosmarin. „Das gilt als Zeichen von Liebe und Verbundenheit“, las Anne vor. „Schön.“ Sie blickte mich verständnislos an. „Für den Preis bekommt man im Baumarkt ein Dutzend Töpfe, wir sollten ein Geschenk mit Eigenanteil in Betracht ziehen.“

Die schlimmeren Dinge, dort nämlich, wo sich Marketingfachkräfte in die Niederungen des Humors begaben – oder dessen, was sie dafür hielten – Paarsocken, ein Flitterwochenratgeber oder ein Erste-Hilfe-Buch für den ersten Ehekrach, kamen gar nicht erst in Betracht. „Meine Güte“, stöhnte Anne. „Was haben die Leute denn früher geschenkt, als es diese ganzen schrecklichen Shops noch nicht gab?“ „Toaster“, erläuterte ich, „Töpfe und Pfannen, Mixer, Eierkocher und allerlei Zeug für den neu gegründeten Hausstand.“ Da auch dies ausschied, näherten wir uns dem gefährlichsten Teil der Prospekte, jene, die Gutscheine verkauften für allerhand Erlebnisse zu zweit, vom Klettern und Hüpfen bis zum Fliegen oder Tauchen, alles an Fallschirmen und Sprungseilen, unter Wasser oder in der Karibik, wenn man das nötige Kleingeld zu zahlen bereit war. „Sie wird mir ins Gesicht springen, wenn ich Ihr einen Gutschein für den Hochseilgarten schenke.“

Und da kam sie auch schon, nicht so pünktlich wie sonst, doch die Umstände erklärten ihre Verspätung. „Dieser Mann ist ein Nervenbündel“, zischte Luzie. Wie sie berichtete, war soeben das heimische Brühgerät ausgefallen, ein Filter ließ sich bei Luzie nicht auftreiben, da sie ausschließlich Tee trank, und Minnichkeits Versuche, sich die lebensnotwendige Koffeindosis zu verschaffen, hatten zu einem mittelschweren Desaster geführt. Wir blickten einander stumm an. „Eigentlich sollte es eine Überraschung sein“, sagte ich. Anne stellte die Kaffeemaschine auf den Anmeldetresen. „Wenn man schon etwas zur Hochzeit schenkt, sollte es etwas Persönliches sein – etwas ganz Persönliches.“





Abwasser

20 04 2022

„Sie können mir ja gleich die Tür aufhalten“, schnaufte der Mann und hob zwei Flaschenträger in den Flur. „Vielleicht möchten Sie auch probieren?“ Luzie sprang wie angestochen hinter dem Tresen auf. „Ich hatte mich doch klar genug ausgedrückt, wir wollen Sie hier nicht mehr sehen!“ Keuchend stellte er seine Fracht auf den Boden. „Das sagt mir Ihre Chefin vielleicht am besten selbst.“

Eigentlich hatte ich nur einen Umschlag in der Kanzlei abgeben wollen, und so hatte ich gar nicht gefragt, ob Anne überhaupt da sein würde. Was den Vertreter anging – als solcher war der unangenehme Zeitgenosse ja hinlänglich zu erkennen – so teilte er mir sofort mit, dass er einen Freund des Hauses, nämlich Staatsanwalt a.D. Husenkirchen, sehr gut kenne. Ich blickte auf die billige Visitenkarte. „Und er kennt Sie auch?“ Unbeirrt packte er sein Dutzend Flaschen aus und baute sie vor Luzie auf. „Sie werden sich wundern“, frohlockte er, „es gibt allein in Deutschland an die 800 Sorten Wasser, und bei mir finden Sie genau das richtige Getränkt für Ihren Bedarf.“ „Machen wir das kurz und schmerzlos“, unterbrach sie ihn. „Sie packen Ihr Gesöff wieder ein, und dafür bekommen Sie garantiert alle Ihre Flaschen wieder heil hier heraus.“ Mit geradezu bewundernswerter Ignoranz zeigte er mir das ganze Sortiment. „Wie bevorzugen Sie denn Ihr Wasser?“ Ich blickte ihn und seine Batterie an. „Heiß“, gab ich zurück, „über einen auf Stufe 8 gemahlenen Robusta gefiltert, ohne Milch, ohne Zucker.“

Immerhin hatte der Knilch, der sich auf seinem Kärtchen hochtrabend als Sommelier bezeichnete, auf levitiertes Informationswasser in strukturierter Vollmondabfüllung verzichtet. Aber er ließ sich von nichts und niemandem beirren, hebelte vermittels des Flaschenöffners einige Flaschen auf und goss ein paar der Gläser auf dem Beistelltischchen neben dem Tresen voll. „Ihre Kunden brauchen natürlich vor allem eine gesunde Alternative, deshalb haben wir einen ganz besonderen Tropfen mit viel Eisen.“ „Wir haben keine Kunden“, knurrte Luzie, „wir haben Mandanten, und unser enteisenter Sprudel aus dem Supermarkt hat noch keinen von denen vergiftet.“ Ich schob ihm das Glas zu. „Wir können das bei Ihnen aber gerne ausprobieren.“ „Natürlich ist auch eine Anreicherung mit lebenswichtigem Sauerstoff problemlos möglich.“ Wie zum Beweis, dass er an alles glauben würde, was er da von sich gab, nahm er einen großen Schluck aus einem anderen Glas. „Dieses Wasser speichert ungefähr 100 Milliliter reinen Sauerstoff pro Liter, meinen Sie nicht, dass das ausgezeichnet zu einem sportlich durchtrainierten Mann wie Ihnen passt?“ Ich wies auch das zweite Glas ab. „Passen Sie auf“, begann ich milde, „wenn ich ganz in Ruhe vor mich hin atme, nehme ich bis zu 300 Milliliter Sauerstoff aus der Luft auf, wenn ich Holz hacke oder mit der Axt hinter Ihnen herlaufe, dann steigert sich das um das Dreifache, und das muss noch nicht mal durch den Magen-Darm-Trakt, wo es sowieso ganz woanders wieder zum Vorschein kommt.“

Der Schlüssel knackte kurz im Schloss, schon stand Anne in der Kanzlei. „Was machen denn Sie hier schon wieder?“ Keck reichte er ihr ein Glas. „Wonach sieht es denn aus?“ Ihr Blick war schon vorher nicht übermäßig freundlich, hatte aber noch genug Potenzial, sich zu verfinstern. „Sie packen jetzt Ihr ganzes Abwasser zusammen und sind in zehn Sekunden auf der Straße, oder ich stopfe Sie mit Ihrem Sammelsurium in den Altglascontainer.“ „Alles in der Pfandflasche“, krähte er, „als moderne und nachhaltige Rechtsanwältin setzen sie natürlich auf umweltschonende Verpackungen und tun damit Ihren Kunden…“ „Ich habe keine Kunden“, zischte Anne. „Ich habe Mandanten, und Sie sollten sich schon mal einen Kollegen suchen, der Sie aus einer Anklage wegen Hausfriedensbruchs raushaut.“

Sie griff sich die Karte, die ich auf den Tresen gelegt hatte. „Wassersommelier“, las sie. „Was es nicht alles gibt, was man alles nicht braucht.“ „Das ist eine anerkannte Bezeichnung“, antwortete er mit gekränktem Unterton. Sie ging gar nicht darauf ein. „So weit ich weiß, kümmert sich ein Sommelier um Güter, die zwecks Veredelung im Keller aufbewahrt werden – vielleicht hat es sich nur nicht bis zu mir herumgesprochen, warum man Wasser einlagern muss, und dann auch noch unterirdisch.“ Er schmollte. „Er gibt ja auch Brotsommeliers.“ Anne schob eine Flasche nach der anderen wieder in die Träger hinein. „Wenn Sie mal nichts Besseres zu tun haben, setzen Sie sich in den Keller und denken nach. Wasser und Brot dürften Sie ja genug haben.“

Doch so leicht wollte er sich anscheinend nicht geschlagen geben. „Ich verkaufe Ihnen hier ja keine esoterischen Getränke“, erklärte er. „die anderen haben ja Edelsteinwasser im Programm oder eine spezielle Anreicherung mit Naturstoffen, wobei ich das sogar verstehen kann, wenn man die richtigen Mikroelemente reindosiert.“ „Lieber Freund“, sagte Anne mit einer ganz gefährlichen Sanftmut, „Sie dosieren sich Ihren Kram jetzt gerne sonstwo rein, und dann dürfen Sie gehen, ohne jemals wieder zu uns zu kommen.“ Sie drückte ihm das verbliebene Glas vom Tresen in die Hand, das er in einem Zug hinunterstürzte. Vielleicht war er etwas gekränkt, oder es war das Wetter, jedenfalls ging es ihm gar nicht mehr gut, als er hastig die Tür hinter sich ins Schloss zog. „Ich muss noch die Blumen gießen“, sagte Anne und griff nach dem Kännchen auf dem Tresen. Luzie leerte die letzte halbe Flasche stillen Brunnenquells in das Kupfergefäß. „Vielleicht hat er ja recht“, antwortete sie, „und eine moderne und nachhaltige Rechtsanwältin hat für jeden Anlass das passende Wasser.“





Sternstunden

29 03 2022

Sorgfältig schnitt Herr Breschke die Rasenkante. Wie mit dem Lineal gezogen verlief ein sauberer Saum am Rosenbeet. „So ein herrliches Wetter“, begrüßte er mich im Vorgarten. „Wir können gleich anfangen, die Säcke mit dem Strauchschnitt liegen im Keller.“

Vieles hatte ich erwartet, denn der Hausherr war ja nicht mehr der Jüngste. Eine fiebrige Erkältung, plötzlich einsetzende Gelenkschmerzen, leichter Schwindel durch eine verhobene Bandscheibe, alles das war schon einmal der Grund gewesen, ihm im Haus zu helfen, da plötzlich ein Rollo herabgefallen war oder eine Schublade sich verklemmt hatte. „Sie hatten doch gesagt, Sie könnten gerade nicht aus dem Haus?“ Er nickte. „Deshalb bleibe ich ja auch hier, nur bis zum Zaun – man soll sein Schicksal nie herausfordern.“ Er legte die Schere beiseite und zog die Handschuhe aus. Offenbar fehlte ihm nichts. Was mich sonst gefreut hätte, machte mich stutzig. „Ihnen bereiten zwei kleine Beutel mit Gartenabfall doch keine Schwierigkeiten?“ Breschke schüttelte energisch den Kopf. „Ich bitte Sie“, antwortete er, fast trotzig. „Die trage ich Ihnen eben herauf, und Sie stellen die bloß an den Bordstein, weil morgen früh Abfuhr ist.“ Jetzt begriff ich gar nichts mehr. Würde er sich beim Transport ernstliche Schäden zuziehen? Müsste ich fürchten, er verliefe sich auf dem Rückweg zur Haustür? „Sie werden das sicher für unnütze Vorsicht halten“, beharrte er, „aber ich bin nun einmal wachsam, was Gefahren angeht.“

Kurz war er in den Hauseingang getreten und hatte eine Illustrierte aus dem Postkörbchen neben der Tür gefischt. „Sehen Sie“, sagte er und blätterte das Heft auf. „Im Straßenverkehr lauern Gefahren, die ich nicht unterschätzen soll.“ Das also stand auf der Doppelseite von Linda, dem neuen Organ für Backrezepte und Hysterie, im Horoskop. „Herr Breschke“, stöhnte ich, „Sie wollen mir doch jetzt nicht weismachen, dass Sie auf Ihre alten Tage anfangen, an diesen Hokuspokus zu glauben?“ Er zog missbilligend die Augenbrauen in die Höhe.

Vor Jahren hatte der pensionierte Finanzbeamte durch ein Mitbringsel seiner Tochter die chinesische Tradition in Taiwan gefertigter Plastikarmbänder entdeckt, die seit Jahrtausenden mit magnetischem Kupfer und automatisch übersetzten Anleitungen an fitnessbewusste Europäer geliefert werden, um die Volksgesundheit bei schrumpfendem Geldbeutel zu stabilisieren. Da die Urlaubsvertretung von Doktor Klengel mit ihrem Versuch gescheitert war, seine rheumatischen Anfälle durch Zuckerkügelchen zu therapieren – genauer gesagt war es ihr schon nicht gelungen, ihn zur Einnahme dieser Süßwaren zu bewegen – hielten sich die Ausflüge ins Esoterische also in Grenzen. Was konnte nur geschehen sein? „Das Hundemagazin ist dreimal nicht gekommen“, erklärte er. „Irgendetwas muss ich ja nachmittags beim Tee lesen, und da meine Frau immer die Hefte hat…“ Deshalb also musste Horst Breschke nun in diesem als Sternstunden bezeichneten Unfug sein unabänderliches Los suchen. „Lieber Freund“, begann ich, „Sie werden sicher die Güte haben, mir zu erklären, warum Sie die Säcke nicht selbst hinaustragen.“ „Lesen Sie doch“, zeigte er auf den Abschnitt. „Straßenverkehr – alles vor dem Gartenzaun ist Straßenverkehr, deshalb muss ich auf dem Grundstück bleiben.“ Das erklärte einiges.

„Herr Breschke“, gab ich zurück, „Sie glauben daran, dass ein Zwölftel der Menschheit sich eine Woche lang zu Hause aufhalten soll, weil sonst ein gefährliches Übel ihnen droht? allen gleichzeitig?“ Er sah mich ungläubig an. „Ich habe mich doch bis jetzt daran gehalten, und es ist nichts passiert.“ Ich stöhnte auf. „Gibt’s keine Gefahren, so stimmt das Horoskop, weil man sich in Sicherheit gebracht hat, und passiert tatsächlich etwas, haben die Sterne ja ausdrücklich gewarnt.“ Möglicherweise war er ein bisschen gekränkt, aber darauf konnte ich nun keine Rücksicht mehr nehmen. „Übrigens stimmt diese ganze Berechnung sowieso nicht mehr.“ Er sah auf das Heft. „Es wird doch aber immer wieder neu berechnet, Woche für Woche?“ „Was sagt Ihnen denn der Begriff ‚Präzession‘?“ „Natürlich ist das sehr genau“, nickte Breschke, „das machen die ja beruflich.“ So kamen wir offenbar nicht weiter. „Es ist ein 2500 Jahre altes Modell, das den Himmel in zwölf Abschnitte teilt und ihnen Namen gibt wie Stier, Wassermann oder Widder, aber unsere Erde bewegt sich nun mal, die Erdachse neigt sich im Laufe der Zeit hin und her und der Frühlingspunkt verschiebt sich.“ „Sie wissen doch aber, dass ich im Winter Geburtstag habe?“ Wie sollte ich dem noch beikommen? „Die Jahreszeiten verschieben sich, und in diesen 2500 Jahren sind die Sternzeichen um eine Stelle weiter gewandert. Wären Sie nach dieser Aufteilung Wassermann, so sind Sie astronomisch korrekt nun eigentlich Steinbock.“ Verzweifelt sah Breschke mich an. „Um die ganze Sache genauer zu machen, eigentlich sind es dreizehn Sternzeichen, aber für die Astrologen in Babylon war die Zwölf eine heilige Zahl. Und einfacher zu berechnen.“

Herr Breschke drehte sich wortlos um, betrat den Flur und schritt auf die Kellertür zu. Ich ging ihm schnell nach. Gerade eben noch sah ich, wie einer der beiden Beutel mit Blattwerk, mit denen er die Treppe empor kam, mit scharfem Rauschen riss, so dass die Abfälle die Stufen hinab purzelten. „Wie ist das möglich“, keuchte er. „Das kann doch nicht sein?“ „Sie hätten dies Präzisionshoroskop besser lesen sollen“, erklärte ich. „Vielmehr das Datum, es ist das Heft der letzten Woche.“ Ich zog die neue Linda hervor. „Die Sterne empfehlen Ihnen, den Frühling bei einem Stadtbummel zu genießen. Das klingt doch vernünftig, oder nicht?“





High Five

2 12 2021

„Gleich geht es los!“ Herr Breschke rieb sich die Hände. Zwei Teller mit Gebäck und Nüssen balancierend erklomm er die Treppe zum ersten Stock, schob sich durch die Tür im kleinen Lesezimmer, im dem er ein Tischchen mit zwei Sesseln aufgebaut hatte. „Nehmen Sie doch Platz, es ist bestimmt gleich so weit!“

Nachdem ich es mir auf dem linken Sessel bequem gemacht hatte, setzte auch er sich. Alles war an seinem Platz, das Notebook war mit allem ausgerüstet, was man brauchte – mein Neffe Kester, der auf einen Sprung zwischen zwei physikalischen Expertentreffen bei mir vorbeigeschaut hatte, war so freundlich gewesen, die notwendige Technik ins Haus des pensionierten Finanzbeamten zu schaffen. „Ein großartiger Junge“, bestätigte der Hausherr, „er hat handwerkliches Talent, das sollte er zum Beruf machen.“ Er klickte ein bisschen auf dem Bildschirm herum, ich knabberte ein paar Nüsschen und sah ihm zu. In diesen Zeiten muss man den Advent eben modern feiern.

Und schon öffneten sich die Fenster. Mit einem sonoren „Guten Abend, die Herrschaften!“ ließ sich Staatsanwalt Husenkirchen vernehmen, offenbar im Kaminzimmer sitzend. Doktor Klengel, der alte Hausarzt der Familie, hatte leichte Schwierigkeiten, den dünnen Kopfhörer auf den Ohren zu halten, und sprach anfangs etwas abgehackt. „Was für ein Tag“, stöhnte es. Bruno Bückler, weithin als Fürst Bückler bekannt, Inhaber und Küchenchef des legendären Landgasthofs, saß auf dem Stuhl im hinteren Gastraum, während leise Glas und Teller klirrten. „Dann sind wir ja vollzählig“, stellte ich fest, doch Herr Breschke schüttelte den Kopf. „Ich würde doch die Runde niemals ohne Ihre…“ „Ich kann Sie hören“, zwitscherte es hell, bevor sich das Fenster öffnete. Anne war also auch da.

„Ich muss doch den Flaschenöffner irgendwo haben“, sinnierte der Hausherr. Das Werkzeug lag sicher im Korb, der wie eine gut sortierte Hausbar aussah, und ich wunderte mich schon, suchte aber lieber. „Mein lieber Herr Breschke“, hub da Herr Husenkirchen an, „angesichts dieser schrecklichen Nachrichten bin ich doch erleichtert, Sie so gesund zu sehen.“ Dazu hob er sein Glas, prostete in die Kamera und nahm einen großen Schluck. „Da neben dem Regal“, flüsterte Breschke mir zu. Offenbar hatte er mit allem gerechnet und sich eine Auswahl an Gläsern bereitgestellt, so dass er nun seinem alten Bekannten zutrinken konnte. „Hätte etwas kälter sein können“, flüsterte er. Dem Etikett nach musste Breschkes Tochter die Flasche besorgt haben, jedenfalls handelte es sich um einen original Bordeaux Frères aus Frankenreich, und das sind ja bekanntlich die besten.

Während Doktor Klengel von der Leidenschaft des Fotografierens erzählte, schlürfte er genüsslich einen Grog von Rum nach altem Hausrezept, das sicher von einem Wasserscheuen erfunden wurde. Heißes Wasser war auf die Schnelle nicht zu haben, also goss Breschke ein bisschen Sprudel ins Glas, das er großzügig mit der Spirituose auffüllte. „Zum Wohle“, rief er, „Zucker muss ja nicht!“ Bruno seinerseits tat sich am Wodka gütlich, was leichte Verlegenheit hervorrief. Ich runzelte die Stirn. „Das scheint mir hier ein regelrechtes Besäufnis zu werden“, tadelte ich den Alten. „Sie können doch nicht alles durcheinander zu sich nehmen.“ Er aber winkte entschiednen ab. „Erstens ist nur einmal im Jahr Weihnachten, und zweitens gehört es sich doch nicht, dass man hier einer Herrenrunde…“ „Ich kann Sie hören“, ließ sich Anne vernehmen. Mehr als eine Bierflasche hatte sie nicht auf dem Tisch, aber das war sicher der Tatsache geschuldet, dass sie spät abends noch in der Kanzlei saß.

Irgendwie musste es Breschke versehentlich gelungen sein, alle Fenster zugleich vom Monitor verschwinden zu lassen, jedenfalls teilte er mir die Regeln dieser Festlichkeit mit zaudernder Zunge mit. „Ich kann doch nicht alle einladen und dann etwas anderes trinken“, bekräftigte er. „Stellen Sie sich mal vor, ich würde jetzt mit Tee…“ „Ist ja auch erst der dritte“, krähte es fröhlich. Doktor Klengel poppte auf, Bruno Bückler schüttete sich aus vor Lachen. Vor Schreck setze Horst Breschke den Wein an. „Das musste ja so kommen!“ Staatsanwalt Husenkirchen guckte schon glasig aus dem Fenster. „Dass wir hier alle noch einmal so gemund und sunter hier alle zusammen…“ Es musste ein guter Tropfen gewesen sein.

Das Gebäck erwies sich als gute Ablenkung, schnell wechselte Bruno das Thema aufs Backen, von Anne tatkräftig unterstützt. „Merken Sie sich’s schon mal fürs nächste Jahr“, flüsterte ich, „dann bietet sich eine virtuelle Kaffeetafel an.“ Bruno schimpfte ein wenig auf Hansi, den Bruder und Chef des Service, bevor er sich kräftig nachgoss. Doktor Klengel war drauf und dran, zweideutige Anekdoten aus der Geschichte seiner Praxis zu erzählen. Nur Herr Breschke guckte ängstlich auf den Bildschirm. „Sie wollen doch Ihre Gäste jetzt nicht alleine lassen“, fragte ich, „was macht das für einen Eindruck?“ Er griff zu den Plätzchen. „Sie hätten auch eher etwas nehmen sollen wie…“ Ich schaltete vorsichtshalber alle Gäste stumm, das heißt: ich versuchte es. „Ich kann Dich hören.“ Anne hielt ihre Flasche in die Linse. „Ja, es ist alkoholfrei, und nein, es ist nicht freiwillig.“

Staatsanwalt Husenkirchen äußerte noch einmal seine Freude, wie jung alle zusammengekommen seien, Doktor Klengel bekam Schluckauf. Ich schloss die Konferenz und Herr Breschke atmete sichtlich auf. „Das Gute an der Technik“, kicherte er, „das Gute ist doch, dass man danach nicht mehr nach Hause muss.“





Meistersinger

7 10 2021

„Wagner“, stöhnte Anne. Ihr Gesicht sank erheblich und ließ das Grauen mehrerer Abende in der Oper erahnen. „Wenn ich ihn schon ertragen muss, dann bitte nicht auch noch bei Wagner.“ Sie ließ sich in den gepolsterten Sessel sinken wie Amfortas, aber das war sicher nur ein Zufall.

„Er ist sein Großneffe.“ Dass Staatsanwalt Husenkirchen einen solchen in der Familie gehabt haben könnte, hätte wohl niemand bezweifelt. Aber dieser Husenkirchen, frisch promoviert und nur ein paar Jahre jünger als die Strafverteidigerin mit der inzwischen gut eingeführten Kanzlei, er war sich sicher, dass er als Teil der Familie nur würde Erfolg haben können, wenn er die passende Frau an seiner Seite hätte. „Ausgerechnet ich“, knurrte sie, „er hat auf dem Juristenball beinahe einen Preis gewonnen für den dämlichsten Auftritt des Jahrhunderts.“ „Er war ein bisschen zu undiplomatisch“, grinste Luzie, während sie die Akten im Hängeschrank verteilte. „Augen auf bei der Berufswahl!“ Jedenfalls oblag es nun Anne, einen Opernabend auszusuchen, an dem sie seine Begleitung und natürlich zwei sehr gute Plätze im ersten Rang bekommen sollte. Der Patriarch galt als freigiebig und hatte dem Theater bereits mehrfach große Spenden zukommen lassen, es würde sich um die Mitte handeln. Erste Reihe.

„Bitte nichts Kompliziertes.“ Luzie schloss mit erheblichem Geräusch den Auszug. „Er hat es mit der Tochter von Regierungsdirektor Schlippenbach versucht“, berichtete sie, „Hamlet – schon im ersten Akt hat er sie zu einer Diskussion genötigt, ob der Prinz nun eine tief greifende Bewusstseinstörung durch das traumatische Erlebnis des Vatermordes hat oder eine schwere seelische Abartigkeit, die zur Schuldunfähigkeit führt.“ „Ich möchte raten“, gab ich zurück, „er studiert Jura in Wittenberg, das löst im Regelfall eine Persönlichkeitsstörung aus.“ Anne kicherte. „Leider wird das schwierig, in der Oper wird auch überwiegend gemordet oder wenigstens kurz nach der Arie gestorben.“ Luzie wusste sich keinen Rat. „Es ist kompliziert.“

Dabei hätte sie schon etwas beizutragen gehabt. Seit längerem hatte sie in Minnichkeit, inzwischen Büroleiter einer angesehenen Steuerberatung, einen treuen Begleiter im Musiktheater, obgleich er die Reisen nach Verona und Bregenz bevorzugte, wenn dort Rodolfo eine randgeschmeidigere Tessitura zu bieten hatte. Oder was immer der Opernführer für solche Gelegenheiten vorsah. Luzie genoss nach wie vor das Abonnement des Staatstheaters, quälte sich durch endlose Vokalmeetings der Romantik, die man mit einem postmodernen Videocall hätte von der Platte putzen können, und genoss dafür den Fioriturenschmelz der italienischen Schule, für die sich Minnichkeit allenfalls physiologisch erwärmte. Einer von beiden grämte sich im Parkett, aber der andere merkte es nicht oder nahm es wenigstens nie zur Kenntnis, beide sprachen sie nicht darüber und fanden alles ganz wunderbar, und so hatten sie eine der schönsten unglücklichen Lieben, über die man eine Oper hätte verfassen können, wenn es denn je einen berührt hätte.

Ich schlug das Programmheft auf. „Gut, es ist Wagner, aber: Meistersinger.“ „Schrecklich“, rief Anne. „Wahrscheinlich werde ich mir einen Vortrag über Wettbewerbs- oder Urheberrecht anhören, oder es wird eine längere Debatte über Misshandlung von Schutzbefohlenen.“ Luzie sah mich fragend an. „Hans Sachs schmiert seinem Lehrling eine.“ „Da bleibt dann nur noch Mozart.“ Abgesehen davon, dass es sich um ein bereits ausverkauftes Gastspiel handelte, gaben sie Don Giovanni – der jugendliche Freier würde sehen, wie der Protagonist den Alten zu Beginn absticht und dann zum Ende von ihm in die Hölle gezogen wird. „Für mich ist das Mord“, sagte Luzie. „Eugen Onegin wird wieder in den Spielplan aufgenommen“, stellte Anne fest. „Lenski ist natürlich selbst schuld“, beharrte ich, „er hätte sich ja nicht duellieren müssen.“ Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Allein darüber müsste ich dann eine stundenlange Abhandlung ertragen.“ Die beiden Puccinis – einmal Ehe mit einer 15-Jährigen samt Entziehung Minderjähriger und Suizid, einmal eine Fluchthelferin, die neben Strafvereitelung und Erpressung auch noch Mord auf dem Kerbholz hat und ebenfalls freiwillig aus dem Leben scheidet – schieden aus. „Fledermaus?“ Anne riss die Augen auf. „Die Silvestervorstellung? dann halse ich mir eine Debatte über Sicherheit im Justizvollzug auf, wenn man eingesperrt wird, ohne den Haftrichter zu Gesicht bekommen zu haben, und umgekehrt.“ Aus ähnlichen Gründen fiel auch der Weihnachtsabend flach. „Hänsel und Gretel! Vernachlässigung des Kindeswohls in mehreren Fällen, Aussetzung, ein spektakulärer Fall von Freiheitsberaubung zur Verwirklichung von Kannibalismus, und von den baurechtlichen Versäumnissen an der Hütte wollen wir gar nicht erst anfangen!“ „Das ist noch nicht alles“, ergänzte ich, „auch die Hexe wird ja zu Lebkuchen gebacken. Die Kinder sind zwar nicht strafmündig, aber das Inverkehrbringen einer Hexe als Backware dürfte lebensmittelrechtlich doch zu beanstanden sein.“

„Dann bleibt nur Verdi.“ Zwar ist jede auf dem Kopf stehende Straßenkarte leichter verständlich als die Werke dieses Italieners, aber wenn einer drei Stunden dauernde Terzette schreiben konnte, dann er. „Ein älterer Herr gräbt zwei Damen gleichzeitig an, muss sich in einem Wäschekorb verstecken und irgendjemand heiratet irgendjemanden.“ Anne hob eine Augenbraue. „Keine Toten?“ Luzie schüttelte energisch den Kopf. „Gut, ich rufe Husenkirchen an. Vortäuschung falscher Tatsachen ist kein klarer Rechtsbegriff. Das wird ein schöner Abend.“





E 112

25 08 2021

Eine rote, noch eine rote, und eine gelbe. Herr Breschke legte die drei Tabletten sorgfältig in das kleine Glasschälchen und stellte die Dosen wieder zurück in die Küchenschublade. Dann schlürfte er einen Schluck aus seiner Teetasse, um die Pillen in einem Rutsch hinunterzuspülen. Es gelang ihm nur mittelmäßig.

„Ich habe die falsch genommen“, nuschelte er an seiner Zunge vorbei. Ein Ruck, dann waren die Tabletten geschafft. „Eigentlich müssen es zwei von denen hier sein, aber ich habe immer zwei von denen genommen.“ Die beiden Kunststoffdöschen unterschieden sich im Aufdruck, sogar die Marke war nicht dieselbe. Was die Inhaltsstoffe betraf, war es aber eigentlich egal, ob man zwei von den roten nahm oder zwei von den anderen wegließ; außer einer zuckrigen Hülle fanden sich immerhin weder Gelatine aus naturbelassenen Schweinen oder das tödliche Gluten darin, das zum Problem wird, wenn einem ein Doppelzentner Mehl auf den Kopf fällt. Horst Breschke trank noch einen Schluck, dann zog er die Lade wieder auf und nahm eine längliche Schachtel mit langen, bräunlichen Kapseln heraus. „Die waren kürzlich in einer Zeitschrift“, teilte er mir mit, „und ganz zufällig…“ „Ganz zufällig hatte die Apotheke sie im Sonderangebot, stimmt’s?“ Er nickte. „Ab und zu muss der Mensch ja auch mal Glück haben, nicht wahr?“

Immerhin hatte der pensionierte Finanzbeamte sich die Mittelchen nicht bei seiner Tochter besorgt, die als Reiseleiterin in fernen Ländern an keinem der grellbunten Straßenläden vorbeigehen konnte, ohne nicht wenigstens ein Fläschchen original nigerianische Kräutertinktur Made in Singapur oder ein Elektrogerät mit lustig britzelnden Stromkontakten mitzunehmen. Vermutlich hing an sämtlichen Zollstationen rund um den Globus ihr Konterfei mit der ausdrücklichen Warnung, ihr Handgepäck selbst in Schutzkleidung nur bei Lebensgefahr zu untersuchen.

Ich beäugte die Schachtel. Herr Breschke hatte eine Hälfte bereits verbraucht, so dass neben der zweiten Schachtel im Schrank noch die andere Hälfte der ersten Packung übrig blieb. „Und wozu soll das gut sein?“ Er schaute ein bisschen verlegen auf den Boden, möglicherweise war er auch ein wenig errötet. Was fragte ich auch. „Meine Frau“, murmelte er, „aber die weiß nichts davon – hinten fallen mir in der letzten Zeit so viel Haare aus, da muss man doch irgendwas machen.“ Ich lächelte. Immerhin hatte er sich nur leicht wirkende Mittel besorgt, wenngleich auch diese sicher versprachen, wie Adonis selbst den Garten zu durchschreiten und die Harke wie Orpheus zu ergreifen. „Die anderen sind nur wegen der Vitamine“, belehrte er mich, „ich habe mir das genau durchgelesen, die sind auch in Obst und Gemüse.“ „Das mag wohl sein“, wandte ich ein, „meiner Erinnerung nach wurden diese Stoffe aber bisher eher in Gemüse und Obst an den Mann gebracht.“ Er dachte nach. „Das mag stimmen.“ Herr Breschke dachte wirklich nach, und dann hatte er die Lösung. „Aber wenn zum Beispiel die Tagesdosis an Vitamin A in der roten Pille ist, dann brauche ich ja an diesem Tag keine Möhren mehr zu essen, richtig?“ Ich konnte es nicht abstreiten; Triumph glomm in seinen Augen. „Wenn ich also einen Tag lang keine Möhren esse, dann ist eine einzige Pille ausreichend?“ Der Logik konnte ich mich nicht entziehen, mehr noch: ich wusste, worauf es hinauslaufen würde. „Wenn ich also nicht jeden Tag so viel Möhren esse, dass ich ohne diese rote Pille genug Vitamin A bekomme, was mache ich dann ohne die rote Pille?“

Da ich weiteren Exkurse über die vermeintliche Baugleichheit künstlicher und natürlicher Vitamine an dieser Stelle aus dem Weg ging, waren wir schnell an dem Punkt, an dem die Winkelstruktur synthetischer Moleküle und ihre Reaktionsneigung mit Spurenelementen wie Zink und Selen keine tragende Rolle mehr spielten. „Die Apothekerin hat mir erklärt, dass man alle Bestandteile immer auf das Medikament schreiben muss.“ Herr Breschke wusste, wovon er sprach. Ich las auf der Packung. „E 112“, buchstabierte ich, „das klingt ja fast schon gefährlich.“ Er hatte den Beipackzettel entfaltet und die Brille aufgesetzt. „Ich kann da nichts entdecken, aber etwas Verbotenes werden die da wohl nicht reingemischt haben, oder?“ Ich schwieg. „Oder?“

Neben den genannten Döschen befanden sich auch Brausepulver mit Vitamin C im Vorrat, eine Packung Lutschtabletten für den B-Komplex sowie ein hoch dosiertes Kombi-Präparat, das bei nur einer Ladung pro Tag die Abwehrkräfte gegen alles stärken sollte, was der Teufel ausgespien hat. „Es scheint mir doch ein wenig überdimensioniert“, mutmaßte ich, „warum muss man diese ganzen Dinge nebeneinander einnehmen, wenn doch eins schon die vollkommene Wirkung verspricht?“ Er kratzte sich an der Stirn. Eine Wirkung, von einer vollkommenen wollen wir gar nicht sprechen, blieb jedoch aus. „Man muss dem Körper ja auch etwas anbieten“, erklärte Herr Breschke. „Außerdem muss man immer darauf achten, dass es im rechten Maß ist, sonst wird es nicht verarbeitet.“ „Sie spülen sich also Vitamine in den Körper, die mit Ihrem Tee wieder ausgeschieden werden“, konstatierte ich. „Und noch eine Frage: wenn diese rote Pille eine Tagesdosis an Vitamin A enthält, warum nehmen Sie dann jeden Tag zwei?“

Ich musste mich ein bisschen beeilen, weil der Wochenmarkt schon um halb eins vorbei war. Aber die Zitronen für Herrn Breschkes Tee bekam ich noch. Was man nicht alles tut, wenn man seit Tagen ein wenig Halskratzen spürt.





Im Strudel der Erinnerung

10 08 2021

Anne schlug die Kofferraumklappe zu. „Wenn ich diesen Wicht in die Finger kriege, kann er unter dem Teppich Trampolin springen!“ Ich entfaltete den Korb, suchte nach einem Chip für den Wagen und schritt über den Parkplatz. „Er wird sie sitzen lassen“, knurrte sie. „Und dann wird er mich kennenlernen!“ Kurz nach Feierabend war es im Supikauf richtig voll. Die perfekte Zeit, um schlechte Laune zu haben.

Annes Bekanntschaft mit Max Hülsenbeck, dem aufstrebenden Juristenkollegen, war recht stürmisch gewesen, lag aber schon einige Jahre zurück. Nach einigen Anzeichen offensichtlicher Untreue hatte sie ihn aus ihrer Kanzlei und sowie allen privaten Zugängen entfernt. Sie hatte mit ansehen müssen, wie er sich an ihre Freundin, die jüngste Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen heranschmiss, um auch sie nach Strich und Faden auszunehmen. „Wenn er sich jetzt auch noch an Breschkes Tochter vergreift, kann er sich einsalzen lassen!“ Wütend schmiss sie Nudeln in den Einkaufswagen, während ich die Regale nach passablem Olivenöl absuchte.

Da packte sie mich am Arm. „Wenn man vom Teufel spricht“, grinste ich. Tatsächlich stand dort Hülsenbeck, gedankenvoll in die Tiefkühlauslage starrend, während schon Dosenbier und Chips in seinem Korb sich stapelten. „Halt mich zurück“, keuchte Anne. „Sonst haue ich diesem Drecksack den verdammten Einkaufskorb in seinen…“ „Aber nicht doch“, beruhigte ich sie. „Meinst Du, er wird sich noch an mich erinnern?“ Unsicher sah sie mich an. „Was hast Du vor?“ Ich gab ihr meinen Zettel. „Es steht alles drauf, wir rechnen nachher ab.“

Tatsächlich erinnerte sich Hülsenbeck nicht an mich, wie ich plötzlich suchend neben ihm stand und auf die haltbarkeitsbedingt preisreduzierten Gefrierbackwaren guckte. Er nahm mich gar nicht wahr. Zögernd schob er den Deckel beiseite und griff nach einem Apfelstrudel. Max sah den Kuchen an, wie man im Heimwerkermarkt einen billigen Akkuschrauber betrachtet: das Ding war sein Geld nicht wert, würde aber schnelle Befriedigung liefern und war deshalb schon so gut wie gekauft. „Ihre Großmutter, oder?“ Er zuckte leicht zusammen. Ich sah ihn mit melancholischem Lächeln an. „Ist bei mir auch so, ich habe diese Erinnerungen immer noch.“ Vermutlich würde er gleich irgendeine Frage stellen. Ich musste ihm zuvorkommen, doch nein: er suchte angestrengt nach dem Preis. Ein knallroter Aufkleber verkündete schon, dass auf den Strudel dreißig Prozent Nachlass gewährt wurde.

Alles, was man über Breschkes Tochter wissen musste, konnte man an den Hinterlassenschaften ihrer Tätigkeit als Reiseleiterin entnehmen, die sich im Keller ihres Elternhauses stapelten. Neben dem ausklappbaren Weihnachtsbaum, der so natürlich war, dass er gleich beim ersten Auspacken das ganze Wohnzimmer vollgenadelt hatte, lagerten hier schmelzbares Mikrowellengeschirr und Dosenbrot aus der Zeit Ferdinands II. Nur die beiden Flaschen ostukrainischen Wodka hatte ihre Perle Sofia Asgatowna ihrem Bruder überlassen, der bis heute keinen besseren Pinselreiniger kennt. Wenn der Preis stimmt, sagt man, achtet sie nicht auf Qualität.

„Ich weiß nicht recht“, murmelte Hülsenbeck. „Es ist für eine ganz besondere Frau“, antwortete ich im Brustton meiner Überzeugung, „und glauben Sie mir, sie muss es wirklich wert sein.“ Vielleicht hatte ich ihn damit überfordert; schon machte er Anstalten, die Truhe wieder zu öffnen. „Sie will sich nicht mit Marmorkuchen zufriedengeben, am Ende gar mit Keksen – es muss ein Erlebnis sein, das Sie beide emotional verbindet.“ Er begann mich zu verstehen. „Ich wollte sie morgen Nachmittag zum Kaffee einladen“, erklärte er. Seine Stimme war außergewöhnlich nervös. „Ich dachte, vielleicht ist ein Stück Kuchen…“ Ich packte ihn am Arm. „Können Sie sich mehr emotionale Verbindung zwischen zwei Menschen vorstellen?“ Hülsenbeck schluckte. „Das ist eine einmalige Stunden in Ihrem Leben, glauben Sie mir!“ Er drehte den Strudel hin und her. Jetzt musste ich den entscheidenden Stoß führen. „Ich frage Sie ungern, aber: ist sie wirklich die Richtige?“ Er war vollkommen verwirrt. „Wenn sie nämlich nicht die Richtige ist“, fügte ich fast verschwörerisch hinzu, „wie soll sie dann in einem so entscheidenden Moment begreifen, dass es Ihnen um eines der tiefsten Gefühle geht – Apfelstrudel, die wirklich wichtigen Erinnerungen…“ Von mir selbst völlig ergriffen brach ich ab. Was würde Max Hülsenbeck jetzt tun mit dem kalten Knochen, der sich laut Packungsaufdruck in eine verführerische Köstlichkeit verwandeln würde, sobald man ihn in den vorgeheizten Backofen schöbe? Ich lächelte, doch meine Augen umflorte eine geradezu zuckrige Melancholie. Er zitterte. Entschlossen riss ich den Deckel auf. Es gab passables Vanilleeis, nicht ganz so passables Vanilleeis sowie etwas, das laut Lebensmittelrecht als Vanilleeis in Verkehr gebracht werden durfte. Ich nahm hastig eine Packung und drückte sie ihm in die Hand. „Machen Sie keinen Fehler“, brachte ich mit erstickter Stimme hervor und drehte mich um.

„Irgendwas mit Honig“, moserte Anne, „aber ich konnte Deine Schrift natürlich mal wieder nicht lesen.“ Sie hielt mir den Zettel hin. „Seife“, las ich. „Handwaschseife mit Mandelextrakt und Honig, es macht aber nichts, ich habe noch einen kleinen Rest zu Hause.“ Sie schnallte sich an. „Und was war das mit den Erinnerungen?“ „Ach, nichts.“ Während ich mich anschnallte, öffnete Anne die Fenster. „Wenn Frau Breschke für eins seit fünfzig Jahren berühmt ist, dann für ihren Apfelstrudel. Wer den einmal gekostet hat, ist für alles andere verloren.“





Selbstprophezeiende Erfüllung

22 07 2021

Der Teppichschaum verhielt sich vorschriftsgemäß: er schäumte, und dies auf dem Teppich. „Das geht bestimmt nicht raus“, grummelte Anne. „Und wir haben den Teppich im letzten Winter erst ganz neu verlegen lassen.“ Ich shampoonierte und wischte und tupfte, um die rostrote Auslegeware nach dem Kontakt mit einer Schicht Buttercreme nicht noch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen.

„Zum Glück ist nicht auch noch ein Teller dabei entzwei gegangen“, quetschte Luzie am Kuchen vorbei. Sie saß mit dem anderen Stück hinter dem Empfangstresen, vielmehr mit dem, was von der Cremeschnitte noch übrig war. Das Corpus delicti – irgendetwas Deliziöses war den Überresten aber nicht mehr anzusehen – hatte Anne auf dem Pappträger ins Besprechungszimmer zu balancieren versucht, bis beides ins Rutschen geraten war und der Schwerkraft folgte. Ein Teller hätte diesen Sturz sicher nicht heil überstanden. So blieb es also beim Beseitigen der Kuchenreste. „Sie hat es nämlich wieder gesagt“, knurrte Anne. „Jedes Mal, wenn ich irgendetwas in der Hand habe, sagt sie es.“ Ich richtete mich halb auf. „Wir würden der Lösung dieses schwierigen Falls näher kommen, wenn Du uns verraten würdest, worum es sich handelt.“ Das mit dem schwierigen Fall, eigentlich war es ja ein schmieriger, hatte die Laune der Rechtsanwältin jedenfalls nicht verbessert, und jetzt war ich an der Sache mitschuldig. Was soll man da machen.

Anne wischte sich noch einen kleinen Rest vom Ärmel, vermutlich Buttercreme, und wollte das Taschentuch in den Küchenmülleimer werfen, da tönte es schon hinter ihr: „Vorsicht mit dem…“

Natürlich hatte Anne noch nicht einmal die Tür hinter sich geschlossen, als sie auch schon beim Verlassen der kleinen Abseite mit dem Ärmel an der Klinke festgehangen war. Ein kurzer, heftiger Ruck am rechten Ärmel, dann sprang der Knopf ab und kullerte über den einigermaßen cremebefreiten Teppich des Eingangsbereichs. Ein Moment der Stille, in dem Luzie sie entgeistert ansah, führte zu einem nur um so heftigeren Ausbruch auf Annes Seite. „Ich hatte es doch ausdrücklich gesagt“, schrie sie, „ich will diese ständigen Ansagen nicht mehr haben!“ So hatte ich die beiden noch nicht erlebt; normalerweise waren die Juristin und ihre langjährige Bürovorsteherin, die nicht ohne Grund mit luziefr zeichnete, ein Herz und eine Seele. „Jetzt beruhigen wir uns erstmal“, mahnte ich, „und dann sprechen wir in aller Ruhe über die Situation und wie wir sie gemeinsam verbessern können.“ Luzie hob wie ertappt die Hände.

„Es ist jedes Mal dasselbe“, rief Anne aus, „ich nehme einen Aktenordner in die Hand, da höre es ich schon hinter mir: ‚Vorsicht!‘“ „Und dann?“ Sie stampfte energisch mit dem Fuß auf. „Dann lasse ich ihn natürlich vor Schreck fallen, und wenn ich Pech habe, fliegen dabei sämtliche Papiere raus.“ Ich runzelte die Stirn. „Kann es sein, dass Du in letzter Zeit ein bisschen unvorsichtig bist?“ „Ich sage ja schon gar nichts mehr“, maulte Luzie. Anne nahm den Kaffeebecher vom Tresen und drehte sich um. „Ich will heute nicht mehr gestört werden, es gibt für die Verhandlung gegen Pick-Lepinski noch jede Menge Arbeit.“ Luzie starrte sie mit einem hypnotisierenden Blick an, und da geschah es: Anne ließ den Becher fallen, er glitt ihr einfach aus den Fingern. Zum Glück ergoss sich der Kaffee just auf die Stelle, die vom Kuchen ohnehin schon getroffen worden war. „Ich habe nichts gesagt“, wimmerte Luzie, „diesmal habe ich aber wirklich kein Wort gesagt!“ „Du wolltest aber“, schrie Anne, die in ihrem Verhalten zumindest den Vorsatz entdeckt zu haben schien. „Moment“, griff ich ein. „Hier haben wir es doch nun wirklich mir einem eklatanten Mangel an Beweisen zu tun, meinst Du nicht?“

Anne war eingeschnappt. Sie hatte das letzte Blatt von der Küchenpapierrolle abgerissen und rieb den glücklicherweise unbeschädigt gebliebenen Becher trocken. „Sie weiß, dass ich weiß, dass sie etwas sagen will.“ Luzie verdrehte die Augen. „Sie braucht es also gar nicht mehr zu sagen, weil ich ja weiß, dass sie etwas sagen will – und schon lasse ich den Becher fallen.“ „Schopenhauer hätte seine helle Freude an ihr gehabt“, knurrte Luzie und nahm die leere Papprolle vom Tresen. „Sie hat damit angefangen“, begehrte Anne auf. „Das ist jetzt eine selbstprophezeiende Erfüllung.“ „Leute“, ermahnte ich sie. „Wir passen alle mal ein bisschen besser auf, was wir tun, sind etwas vorsichtiger und legen nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wie soll das denn hier noch enden, wenn wir ständig mit Misstrauen auf den anderen sehen?“

Mein Vorschlag zeigte Wirkung. Luzie füllte die Büroklammern in ihrem kleinen Schälchen auf der Tischplatte nach, Anne zog ganz ohne Kommentar oder Bedenken einen Ordner aus dem Schrank, in Ruhe die Verteidigung ihres Mandanten zu planen. Im Nu war die ganze Anspannung der vergangenen Tage dies auch: vergangen, in Luft aufgelöst, und keiner bezichtigte den anderen der psychologischen Kriegsführung. Der Fleck auf dem Teppich würde trocknen, alles würde sich beruhigen, noch war der Tag schön. Das Telefon klingelte. Luzie nahm ab. Während sie eine komplizierte Terminabsprache durchführte, konnte ich natürlich nicht fragen, wo das Küchenpapier gelagert wurde, das nun in der dafür vorgesehenen Halterung fehlte, also sah ich mich in der Abseite um und entdeckte die Packung oben auf dem Hängeschrank. Neben dem Altpapier lehnte ein faltbarer Tritt an der Wand, den ich flugs aufklappte, um mich draufzustellen. „Vorsicht“, rief da Anne durch die Tür. „Du fällst noch runter!“