Doppelhöllige Brammelung

13 02 2017

Viel hatte ich nicht verstanden, denn Anne war einem Nervenzusammenbruch nah gewesen. „Wir haben alles versucht“, wimmerte sie. „Luzie hat sogar bis zum Ellenbogen – nein, ich kann das einfach nicht mehr!“ Das Wasser stand bis zum Rand der Sanitärkeramik, das Handwaschbecken war augenscheinlich verstopft, und selbst in der Teeküche ließ sich nichts mehr abgießen. Wie gut, dass sie gleich auf mich kam.

„Wir könnten das Zeug auch aus dem Fenster kippen“, meinte Luzie lakonisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Eimer tropfte und roch gar nicht gut. Vermutlich hatte die Vertretung für Sofia Asgatowna, die zweimal die Woche in Bücklers Landgasthof Diele und Herrenzimmer mit liebevollen Blumenarrangements schmückt, den von Annes grippalem Infekt gut gefüllten Müllkorb in die Kloschüssel entleert. „Ein gutes Dutzend Päckchen“, überschlug die Bürovorsteherin. „Und wie wir alle wissen, soll man Taschentücher nicht in der Kanalisation entsorgen, weil das Zeug aufquillt und die Rohre verstopft.“ Anne sah aus tiefroten in den Flur. „Ich habe Pröckel bestellt“, schniefte sie, „der hat sein Geschäft nur eine Straße weiter.“ Dass es einen Hausmeister gab, der für derlei Geschäfte zur Verfügung stand, musste sie übersehen haben. Ansonsten warteten wir auf den Klempner, der sich noch für denselben Tag angekündigt hatte.

Eine halbe Stunde später stand Paul Pröckel in voller Lebensgröße vor uns. „Das wird teuer“, rief er mit schmerzlichem Mitgefühl aus, „da hätte man ja den ganzen Hahn gleich in die…“ „Wir haben Sie aber doch wegen des Abflussrohrs gerufen“, wunderte sich Luzie. „Ach so“, murmelte der Installateur. „Da habe ich wohl nicht auf die Liste geguckt. Aber der Hahn muss neu, das sieht man doch, dass der ganz schäbig montiert ist. Welcher Trottel hat denn diesen Hahn da hingeschraubt?“ „Sie“, entgegnete Anne knapp. „Es war zwar ein Jahr vor unserem Einzug, aber wenn Sie kurz Zeit haben, dann zeige ich Ihnen die Rechnung.“

Natürlich hatte Pröckel eine Drehspirale im Kasten, jenes Werkzeug, mit dem man in verstopfte Rohre zu bohren pflegte, um nach zehn Minuten oder einem ganzen Nachmittag – es kam oft darauf an, wie gut man die Fachkraft kannte – wieder einen freien Abfluss zu haben. Der metallene Schlauch verschwand in der Tiefe des Beckens, und nach kurzer Zeit kündigte ein sonores Gurgeln die erste Etappe an. „Das müsste man wegreißen“, wandte sich der Handwerker an mich, der als Mann trotz geringer technischer Kenntnisse spontan sein Vertrauen erworben hatte. „Das ganze Becken weg, dann einen ordentlichen Tiefspüler rein, das mache ich Ihnen für unter zweitausend.“ „Zunächst“, gab ich ihm klar zu verstehen, „reinigen Sie mal das Waschbecken. Sie wissen, wo Sie hier sind.“

Sicher hatte diese Ansage einen gewissen Eindruck auf Pröckel gemacht, aber leider nicht den beabsichtigten. „Das geht gar nicht“, verkündete der Rohrspezialist und deutete auf das Knie. „Da sehen Sie schon, das heißt: Sie sehen das natürlich nicht, weil das ein älteres Fabrikat ist, da sammelt sich das Wasser nicht immer an der richtigen Stelle, und dann kommt es zu Rückflussstauungen, daher muss man das durch eine umgelötete Schiebmuffe, aber das kann ich Ihnen ja nicht erklären.“ Anne holte tief Luft, kam aber gar nicht zu einer Antwort. „Das Problem ist die schmarrige Schelle, die ist da unten schon total vermault, und wenn ich das nun aufhebel, dann ist Rückfluss auf dem Flansch in der Wand.“ Er griff zur Saugglocke, pömpelte ein paar Mal lustlos im halb gefüllten Waschtrog herum und schmiss das Gerät wieder in den Eimer zurück. „Das müsse man auch völlig neu machen, vor allem die Sperrung hier ist ja nicht mal richtig gekröpft.“ Luzie blickte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, als hielte sie Ausschau nach scharfen Gegenständen. „Das muss so“, beschied ich dem Handwerker. „Jetzt schrauben Sie dies verdammte Rohr ab, und dann sehen wir weiter.“ Empört warf er die Zange in den Werkzeugkasten. „Das kann man gar nicht“, maulte er, „das ist ein Flonsch, der ist nicht mal zöllig, da sitzt das ganze Schlottrohr dran, und da ist dann der…“ Da wurde es mir zu bunt. „Pröckel“, zischte ich und packte ihn am Kragen, „Sie elender Amateur! Ihre Scheißbude hat doch diese ganze Installation hier verbrochen!“ „Das war der Lehrling“, presste er hervor, „der hatte nur die geklüpften, die Dinger, die hatte er mit.“ Ich schüttelte ihn kräftig durch. „Was lernen die denn in Ihrem Saftladen?“ Luzie verkniff sich ein Kichern. „Klüpfige Schlotten müssen mit doppelhölliger Brammelung geflonscht werden, sonst droht der Schlondel kernhupfig abzuknurzen! Das Schlondelprofil ist immer doppelt so höllig wie die Maukenzahl – können Sie nicht bei zwei zählen, Sie Rohrkrepierer!?“ „Außerdem“, wandte Luzie ein, „die Schlonzfrettage ist aus verkügeltem Chrom mit Nippelzulage, das hat schon mein Vater gewusst.“ Anne lächelte milde. „Und auf der Rechnung ist Ihre Unterschrift, Herr Pröckel.“

Der erste Mandant würde in einer halben Stunde kommen; Anne spülte in aller Ruhe die Tassen um und räumte sie in den Küchenschrank ein. „Wie nett von ihm, die Reparaturen auf Kulanz zu erledigen.“ Luzie nickte. „Ein ausgewiesener Experte erkennt eine fachgerecht ausgeführte Montage eben sofort.“ Anne stellte drei Tassen auf den Küchentisch. „Und jetzt könnte ich einen guten Kaffee vertragen.“ Sie drückte mir die Blechdose mit den Bohnen in die Hand. „Am besten doppelhöllig.“





Ganzheitliche Zubereitung

8 02 2017

„Irgendwie muss sich der Deckel gelöst haben“, mutmaßte Herr Breschke. „Zum Glück stand das Gerät hier unterhalb der Hängeschränke. Sonst wäre das ganze Zeug bestimmt durch die ganze Küche… ach, ich möchte gar nicht daran denken!“ Tapfer wischte er die hartnäckigen Anhaftungen von der Unterseite des Geschirrschranks. So wie er selbst, so stur war dieser Grünkohl.

„Die Bedienungsanleitung ist wieder einmal nur auf Englisch und mit diesen komischen Zeichen“, klagte der Hausherr. „Aber auf den Bildern stand nicht, ob man den Deckel extra befestigen muss.“ Ich nahm das elektrische Objekt in Augenschein. Auf dem Schraubdeckel des Smoothiebereiters, um den handelte es sich nämlich, wies ein runder Pfeil auf die richtige Befestigung hin. „Sie müssen den Deckel im Uhrzeigersinn festschrauben“, erklärte ich dem Hausherrn, „man sieht das auch an diesem Gewinde im Mixglas – haben Sie den einfach so draufgesetzt?“ Er nickte. „Normalerweise sollte das doch halten, und ich habe das Glas auch gar nicht so voll gemacht.“ Immerhin hatte es dafür gereicht, mehrere Quadratmeter Kacheln und Holz mit einem fein gesprühten Grünton ein frühlingshaftes Dekor zu verpassen. „Es klebt so fürchterlich“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber man kann den Kohl ja nicht so trocken durchmixen, ein paar Zutaten müssen schon rein.“ „Was genau klebt denn so fürchterlich“, argwöhnte ich. „Zucker“, stöhnte er und schrubbte an der Wand lang, „und die Sahne wird wohl auch ein bisschen pappig sein.“ „Sie haben was in diese Maschine getan!?“ „Meine Frau gibt immer einen Löffel Zucker an den Grünkohl“, begehrte er auf. „Und Gemüse muss man mit einem bisschen Fett zu sich nehmen, wegen der Vitamine. Also das weiß man doch!“ Seufzend rieb er weiter. „Pürieren Sie doch mal ein Stück Wurst“, riet ich ihm. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. „Sie sollen mich nicht aufziehen“, schimpfte Breschke, „Sie könnten es nämlich mit dieser Anleitung auch nicht besser! Und wenn Sie auch viel vom Kochen verstehen mögen, von ganzheitlicher Zubereitung haben Sie sicher auch keine Ahnung!“

Immerhin passte der Deckel, wenn man ihn gut festschraubte, sah der Obstquirl auch einigermaßen stabil aus. „Nur dieses Englische“, moserte Horst Breschke. „Die hätten da doch ein bisschen mehr an uns ältere Benutzer denken können.“ „Wo es sich um ein deutsches Markenfabrikat handelt“, gab ich zu bedenken – die Aufschrift KRUBS auf dem Gehäuse ließ keinen Zweifel zu, dass seine Tochter wieder einmal einen sehr guten Fang auf dem taiwanesischen Markt gemacht haben musste.

„Ich werde jetzt erst einmal nur noch Obst in die Maschine tun“, kündigte Herr Breschke an. „Wenn man im Supermarkt mittlerweile Karottensaft und flüssige Rote Beete bekommt, muss ich das ja nicht auch noch machen.“ „Wenngleich im Sinne der Ganzheitlichkeit so ein selbst fabriziertes Püree bestimmt besser ist als industriell gefertigte Ware“, wandte ich ein. „Da ist etwas dran“, grübelte er. „Da ist wirklich etwas dran, aber es gibt so viele Gemüse, die sich nur schwer verarbeiten lassen. Denken Sie bloß mal an Rosenkohl.“ Vor meinem geistigen Auge blätterte der alte Herr Kohlköpfchen in den Mixer, goss Sahne darauf und häckselte die Mischung zu Fußballrasen à la crème. Wie gut, dass ich mich im vergangenen Jahr nicht zur Abnahme des Rührgeräts von Kennwutt hatte entschließen können, obwohl es so spottbillig war.

Mittlerweile hatte Breschke den Schlitzwender gezückt, um die Reste der Kohlexplosion von den Schränken zu entfernen. „Wussten Sie eigentlich“, ächzte er, „dass man mit diesen Schmusies viel schneller abnimmt?“ Leise rieselten die Krümel auf den Herd, und es war nicht unbedingt klar, dass es sich dabei um Gemüsereste handelte. „Sie meinen, je mehr Grünkohl, desto schlanker werden Sie davon?“ Er nickte, wenigstens machte es den Eindruck, wie er schräg unter dem Schrank hing. „Interessant“, überlegte ich, „wenn ich das mit Zucker und Sahne auf meinen Kaffee umrechne, der ja so gut wie keine Kalorien hat – ich müsste pro Tag ein Kilogramm abnehmen.“ „Das meinte ich auch“, quetschte er hervor. „Aber meine Frau glaubt mir ja nicht, und deshalb werde ich jetzt den Beweis antreten mit frischem Obst.“ Dabei deutete er auf die Schale, die sich auf dem Küchentisch befand. „Ich habe da neulich beim Frisör einen Artikel gelesen, es ging um innere Entschlackung, wie nennt man das doch gleich?“ Mir blieb nur ein fragender Blick, aber er hatte die Antwort schon. „Eine Botox-Kur, genau – wenn man sich von innen ausreichend reinigt, führt man ein besseres Leben, nicht wahr? Und genau deshalb werde ich mich jetzt ganz auf Obst konzentrieren.“

Ich hätte ihn warnen wollen, aber so geschwind griff er in die Schale und stopfte das Mixglas voll, setzte den Deckel auf und schraubte ihn vollendet vorschriftsmäßig fest, dass ich mich nur trocken räuspern konnte. In der Tat brachte ich keinen Ton heraus, während Breschke nach dem Zuckertopf griff, und als er nach dem Einschaltknopf langte, war es zu spät. Meinen mangelnden Kenntnissen der Comicliteratur geschuldet wusste ich nicht, ob dieses Geräusch am Ende des sonoren Röhrens, das freilich auch nur Sekunden angehalten hatte, besser mit Knarz, mit Kröchz oder Rattatakrubs wiedergegeben wird. „Immerhin ganzheitlich“, tröstete ich Herrn Breschke, der fassungslos die dünne Rauchsäule betrachtete. „Und beim nächsten Versuch nehmen Sie einfach die Steine aus den Zwetschgen heraus – vor dem Pürieren.“





Vollrausch

18 01 2017

Luzie zeigte mit dem Daumen ins Sprechzimmer. Der Mandant war außerordentlich laut und schlug mit der Faust auf den Tisch – Annes Schreibtisch, wohlbemerkt, und sie hasste wenig so sehr wie das.

„Es geht mir hier ums Prinzip“, erläuterte Herr Jensen. „Ich habe erstens klare Ansichten von der Erziehung meines Sohnes, zweitens kann ich als Teil der Rechtspflege ein solches Verhalten nicht einfach durchgehen lassen.“ Der Mann, dessen Kragen um eine kleine Idee zu eng geknöpft schien, trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. „Und Sie werden meinem Herrn Filius beibringen, dass es in diesem Gemeinwesen einige Regeln gibt, an die auch er sich zu halten hat, ungeachtet seines Vaters.“ Annes Gesicht war kurz davor, sich zu einer Grimasse zusammenzuballen. Dennoch behielt sie mit einiger Mühe die Beherrschung. „Wenn ich es richtig verstehe“, rekapitulierte sie, „hat Ihr Sohn in der Silvesternacht die Badewanne beschädigt, und Sie wollen ihn deshalb wegen §303 des Strafgesetzbuches anzeigen?“ „Sehr richtig“, gab er zurück. „Ich würde hier sogar von einer Zerstörung reden wollen, schließlich ist die Wanne so nicht mehr zum Gebrauch geeignet.“

Ein kurzer Blick in die Akte brachte mich auf den Sachstand: der Sohn des Strafrichters – daher nämlich kannte er Anne – hatte den Übergang ins neue Jahr derart feucht und fröhlich begangen, dass er im Zustand verminderter Einsichtsfähigkeit einen Eimer Streusand von der Terrasse geholt und zum Gaudium für die Gäste damit durch das elterliche Haus gestolpert war. Schließlich hatte er die Reste der erklecklichen Sandmenge in der luxuriösen Badewanne zu entsorgen versucht und dabei einen Schwamm zu Hilfe genommen, so dass die Emaillierung erhebliche Kratzer davontrug. „Einen Vorsatz muss man hier annehmen dürfen“, schloss Jensen, „der Junge ist selbst angehender Jurist, wenn auch im ersten Semester. Ein durchaus kluges Kind, nur manchmal sehr eigenwillig. Das hat er von der Mutter.“ Anne rümpfte die Nase.

„Ich verstehe Ihre Sorge“, setzte ich vorsichtig an, „sicher hat Ihr Sohn im Weinkeller geräubert oder sonstige Schandtaten vollbracht, aber…“ Er sah mich mit höchster Missbilligung an, ja beinahe mit Abscheu. „Er hat von mir die nötigen Mittel zur Durchführung dieses Festes erhalten, die Getränke ausgewählt und liefern lassen. Wir sind doch nicht bei armen Leuten!“ „Das habe ich nicht gesagt“, gab ich bissig zurück. „Und es besteht auch kein kausaler Zusammenhang, dass er möglicherweise schuldunfähig wegen eines Vollrausches gewesen sein könnte – eine in der Ursache freie Handlung, da er sich der Wirkung der geistigen Getränke ja intellektuell durchaus bewusst war. Das hat er vom Vater.“ Jensen schnappte zurück. „Mein Sohn war zurechnungsfähig“, schrie er und hämmerte auf den Schreibtisch ein. „Das werde ich als Strafrichter ja wohl besser beurteilen können als Sie!“

Anne griff gefährlich langsam nach der großen Papierschere. „Warum wollen Sie eigentlich gerade mich mit der Strafanzeige beauftragen?“ Da biss sich Jensen auf die Lippe. „Sie können doch als Strafrichter auch besser als andere eine Anzeige formulieren?“ „Es ist so“, presste er hervor, „Sie sind mir als durchaus… also Herr Oberstaatsanwalt Husenkirchen hält große Stücke auf Sie, da dachte ich mir…“ Anne ließ die Schere geräuschvoll auf den Aktenstapel fallen. „Ich bin Strafverteidigerin, wozu sollte ich Ihren Sohn hinter Schloss und Riegel bringen.“ Jensen transpirierte. „Es ist nicht das, wonach es aussieht! Sie müssen mir glauben, ich führe wirklich nichts Böses im Schilde!“ Mit zitternden Fingern reichte er ihr eine Visitenkarte, die Anne aufmerksam las. „Ein junger Kollege, er wird die Verteidigung übernehmen, natürlich noch sehr unerfahren, aber Sie werden sich mit ihm ins Benehmen setzen, und es wird sicher nur eine milde Strafe für ihn herauskommen.“ Anne schnappte nach Luft. „Sie wollen, dass ich für den Knaben eine pädagogische Maßnahme inszeniere?“ Er nickte. „Es wird ihm eine Lehre sein.“

Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, die Tür aufzureißen und Richter Jensen am Kragen zu packen. „Wir beruhigen uns“, sprach ich auf Anne ein, „alle beide werden wir jetzt ganz ruhig, und dann unterhalten wir uns über eine Zivilklage, nicht wahr? Was halten Sie denn davon?“ Er schnappte heftig zurück. „Absolut unmöglich! Der Junge wird es nie lernen, wenn er nicht endlich einmal von der Anklagebank aus seine Verfehlungen betrachtet!“ Ich blickte zur Tür. Anne nahm wieder Platz. „Es entzieht sich meiner Kenntnis, wer Ihr Mandat annimmt, ich bin es jedenfalls nicht.“ „Einer muss es doch tun“, schrie Jensen. „Er braucht vermutlich eine Schocktherapie, sonst wird sich nie etwas an seiner Widerspenstigkeit ändern!“ „Und wie wäre es, wenn Sie ihm die Klage nur androhten?“ Er sah mich verständnislos an. „Fordern Sie die Kosten der Instandsetzung, ansonsten setzen Sie den Bengel vor die Tür.“ Ganz langsam regte sich seine Miene. „Brillant“, schrie Jensen, „hervorragende Lösung, Herr Kollege! Dass ich auch nicht gleich darauf gekommen bin!“ Er entließ mich aus der hitzigen Umarmung, stürmte zur Tür, drehte sich noch einmal um: „Aber erzählen Sie nichts meiner Frau!“

Nach und nach kam Anne wieder zu sich. „Was war denn das jetzt? und warum?“ „Ich hatte gleich so ein Gefühl“, bekannte ich. Sie sah mich fragend an. „Ich kann mich irren“, überlegte ich, „aber ich glaube, der Mann ist Jurist.“





Rechts abbiegen

11 01 2017

„La-dida-didadi-da-daaa“, trällerte er und tänzelte mit leichtem Schwung in den Hüften den Kiesweg entlang bis zum Kofferraum, „Elviiira Españaaa!“ Herr Breschke setzte den Karton mit den Gläsern vorsichtig in den Wagen hinein. So gute Stimmung hatte ich bei ihm lange nicht erlebt, und das schon vor dem Urlaub.

„Den Mantel legen Sie auf die Rückbank“, wies er mich an. „Wir fahren auf dem Rückweg bei der Reinigung vorbei, da hole ich auch gleich die Jacke ab. Können wir?“ Ich nickte und stieg ein. Der alte Herr zog die Tür hinter sich ins Schloss und legte den Sicherheitsgurt an. Dann schaltete er das neue Gerät ein – das Geschenk seiner Tochter und wie zu erwarten mit einem chinesischen Startbildschirm. „Es stellt sich gleich um“, ließ er mich wissen. Der elektronische Navigator nahm sich dafür sehr viel Zeit, und doch war es irgendwann geschafft. „Also ist das heute eine Art Jungfernfahrt“, stellte ich fest. Er nickte. „Wir haben das Gästehaus in Barcelona schon einmal einprogrammiert, und nächste Woche machen wir uns auf dem Weg zu unserer Tochter.“ Unter einer quäkenden Tsching-Tschang-Tschong-Musik zeigte eine Roboterfigur auf dem Bildschirm die unterschiedlichen Optionen an. „Zuerst zu Frau Bierbichler“, entschied Breschke. „Sie weckt ein und kann die Gläser gut gebrauchen. Goldkäferweg Nummer dreißig.“ Das Getön verstummte, dafür kostete es selbst mich erhebliche Mühe, die winzig kleinen Tasten auf dem Display zu sehen. Horst Breschke klemmte vor lauter Konzentration seine Zunge zwischen die Zähne. „Gleich habe ich’s“, murmelte er. „Gleich…“

„Rechts abbiegen“, säuselte die Stimme, „rechts abbiegen!“ „Wir fahren doch aber nach Westen“, wunderte ich mich. „Dieses Gerät schickt sie in die entgegengesetzte Richtung.“ Breschke bremste kurz an. „Vielleicht liegt es ja daran, dass es aus China kommt?“ Und so nahm er wieder Fahrt auf, ganz wie der Bildschirm anzeigte, ging es in Richtung Hauptbahnhof. „Nächste Gelegenheit links abbiegen“, informierte die elektronische Dame, „bei der nächsten…“ „Hier gibt es so gut wie keine Straßen, in die wir links abbiegen können.“ Ich sah noch einmal nach. „Wahrscheinlich sagt es immer das Gegenteil an“, grübelte Breschke. „Also die Himmelsrichtungen, links und rechts – ich werde die nächste rechts nehmen.“ Ruckartig lenkte er die Limousine in den Adalbert-Stifter-Weg, knapp vorbei am Schild, das ihn als Einbahnstraße zu erkennen gab, wenngleich von der anderen Fahrtrichtung her. „Haben Sie das Schild nicht gesehen?“ Er wollte gerade antworten, aber das Ding kam ihm zuvor. „Nächste Gelegenheit rechts abbiegen.“ Nach zwei derartigen Manövern bog Breschke über die Uhlandstraße wieder auf die Kastanienallee ein. „Einmal im Kreis“, bemerkte ich trocken. „Sollten Sie auf dem Landweg nach Spanien zufällig einen neuen Kontinent entdecken, geben Sie mir schnell Bescheid.“

Man merkte, wie im Kopf des pensionierten Finanzbeamten arbeitete. Zwei Wagen und einen Omnibus wartete er ab, dann bog er links wieder auf die Hauptstraße ein. „Wenn wir uns jetzt in der Gegenrichtung bewegen, dann stimmen die anderen Hinweise vielleicht wieder.“ Das leuchtete mir ein, schließlich hätten wir zu Fuß auch keinen anderen Weg genommen. „Am Kreisverkehr bei der ersten Möglichkeit herausfahren“, meldete sich der Wegweiser wieder zu Wort. „Bei der ersten…“ „Das Display zeigt auf die Schönfelder Chaussee“, gab ich zu bedenken, „das ist doch nicht die erste?“ Schon vor Jahren hatte man die Verkehrsführung so geändert, dass ganz neue Zu- und Abwege sich ergaben, aber das war an dieser Straßenkarte wohl komplett vorbeigegangen. „Ich will nicht meckern, aber das Material scheint mir etwas überholt.“ Horst Breschke zog die Stirn in Falten. „Oder sie haben ihr eins verkauft, das nur für Spanien gilt?“

Einmal kreiselten wir in der Tirpitzstraße auf die bisher erprobte Weise rechtsum, sodann legte der Fahrer neben mir eine gekonnte Vollbremsung hin, als ihm das Navi ins Hafenbecken abzubiegen empfahl. „Ich verstehe es nicht“, jammerte er. „Das Gerät ist doch ganz neu, ich habe nichts verstellt!“ „Daran könnte es liegen“, gab ich zurück. „Wenn Ihre Tochter solche Sachen kauft, ist man ja vor Überraschungen nie wirklich sicher, aber hier stoße sogar ich an meine Grenzen.“ Beherzt gab er Gas, fuhr über den Kreisverkehr in den Libellenweg, bog links in die Seerosenstraße und an der Kreuzung Am Stadtpark – Gartenstraße rechts ein in den Goldkäferweg. „Warten Sie einen Moment“, bat er. „Ich trage Frau Bierbichler eben die Gläser an die Tür, dann kurz zur Reinigung, und dann brauche ich eine Tasse Tee. Eine große Tasse Tee!“

Keine fünf Minuten später hatte sich Herr Breschke wieder ins Auto gesetzt. Grimmig blickte er den kleinen Kasten auf dem Armaturenbrett an. „Ich gebe die Adresse der chemischen Reinigung ein, und dann fahren wir die normale Strecke. Wollen wir doch mal sehen, wohin uns der Apparat diesmal lotsen will.“ „Rechts abbiegen“, säuselte die bekannte Stimme wieder, „rechts abbiegen!“ Er gab Gas und rollte durch die Schönfelder Chaussee direkt auf den Kreisverkehr zu. „Wenn ich das gewusst hätte“, knurrte Breschke. „Das Ding ist doch nicht ganz – oh!“ Kurz vor dem Kreisel würgte er den Motor ab. Schreckensbleich sah er auf das Display, wo uns die Weiterfahrt bis zum Adolf-Hitler-Platz empfohlen wurde. „Bauen Sie es lieber aus“, riet ich Breschke. „Lassen Sie das Ding hier, wer weiß, was Sie damit anstellen, wenn Sie nach Spanien fahren.“





Erlebe die Möglichkeiten

3 01 2017

Hildegard bremste ab. Ohne auch nur den Kopf zu drehen, setzte sie rückwärts in die enge Parklücke. „Beschwer Dich nicht“, moserte sie, „ich mache das Deinetwegen, schließlich war es Dein Geschenk!“ Ich hatte es mir nicht gewünscht, dafür hatte sie es mir geschenkt. Und jetzt standen wir hier, komplett eingeklemmt vor dem Heimwerkermarkt.

„Wir brauchen eh eine Badleuchte“, murrte die Begleiterin und schob mich durch die Eingangstür. „Und dann kannst Du gleich nach einem neuen Tretmülleimer schauen, den brauchst Du auch. Am besten fragst Du gleich mal an der Information.“ Wo das Schild hing, starrte ein draller Mann im gelblich zerknitterten Hemd durch mich hindurch, als wäre ich Luft hinter einer Glaswand. „Wir wollten in die Elektroabteilung“, teilte ich ihm mit, aber er verstand mich nicht. Möglicherweise war es ihm auch nur völlig egal. „Hallo“, versuchte ich es wieder, diesmal schon mit der Hand vor seinem in Desinteresse zerfließenden Gesicht. „Lampen und Elektro? Wo!?“ Keine Reaktion. Hildegard zog das Kärtchen aus der Tasche. „Einen wunderschönen guten Tag“, jubelte der Dicke, „Sie werden heute den besten Service in unserer Filiale erleben – wir sind immer für Sie da!“ Er stempelte die Karte ab und zeigte mit dem Finger nach links. „Unser Elektroparadies befindet sich direkt hinter den Baubeschlägen, fragen Sie uns gerne nach unserem einzigartigen Rabattsystem für Sie!“ Das also war der Erlebnisgutschein für den Besuch im Baumarkt.

Sicherlich war die Verkaufsfläche völlig mit Überwachungskameras bedeckt, die ansonsten für das spurlose Verschwinden des Personals sorgten. Jetzt aber diffundierten hier und da Leute in gelben Hemden durch die Regale – es mussten wohl immer dieselben sein, so viele Verkäufer hätte man sonst in Europa nicht an einem Tag auftreiben können – und winkten freundlich. Ich betrat den Gang. Skeptisch betrachtete ich die verchromten Leuchtklopse, die da an der Stellage hingen. „Darf ich Ihnen helfen?“ Wie aus dem Boden gewachsen stand der Mann neben mir. „Ich suche eine…“ „Haltbar durch den energiesparenden Acrylglasschirm“, schwatzte er, „und die hochwertige Verarbeitung ist auch mit LED, die Sie nicht mehr austauschen müssen.“ Er griff eine zweite. „Diese hier ist auch im Angebot, da kann man das Leuchtmittel ebenfalls, aber die Verchromung ist besonders mit dem Acrylglas, das ist dann auch viel haltbarer.“ „Ich wollte“, warf ich ein, „eigentlich nur eine Lampe.“ Hildegard drehte die Augen sehr weit nach innen. „Entscheide Dich doch endlich mal!“ „Sie kriege natürlich in dieser Effizienzklasse auch die Klassiker“, schwafelte der Verkäufer weiter, „aber die sind dann nur in Acryl mit Chrom, und die Beleuchtung geht dann als LED.“ Warum hatte sie mir nicht etwas mit mehr Zartgefühl und Entspannung geschenkt, zum Beispiel eine Nachtschicht im Schlachthof.

Ich entschied mich vorsichtig für ein Modell, das dem aktuell in meinem Bad hängenden recht ähnlich sah, doch der Verkäufer ließ nicht locker. „Ich habe die auch in Warmweiß, da müsste ich mal eben ins Lager. Kleinen Moment!“ Fort war er. „Lass uns gehen“, drängte ich, „wir wollten doch noch einen Mülleimer holen.“ „Den können Sie so nicht mitnehmen“, raunzte es neben mir. Ein Mann riss mir die Leuchte aus der Hand, hängte sie ans Regal zurück und drehte sich um. Ich hielt ihn an der Schulter zurück. „Moment!“ Er hatte offenbar nicht mit Widerspruch gerechnet und ging bereits in die Verteidigungshaltung über. „Sie besorgen mir jetzt dieses Modell mit einer warmweißen Lampe und dann…“ „Das ist nur für die Decke“, blaffte er, „sehen Sie doch selber!“ Hildegard biss sich auf die Unterlippe. „Erstens will ich eine Deckenleuchte“, antwortete ich sanftmütig, „und zweitens: warum hängt dieses Ding da senkrecht am Regal?“ „Weil die fürs Bad ist, können Sie nicht lesen?“ Da holte ich den Gutschein aus der Manteltasche. Er sah mich ungläubig an. „Sie werden mir jede einzelne dieser verdammten Leuchten zeigen“, erklärte ich, „und wenn ich ‚jede einzelne‘ sage, dann meine ich das auch so, klar!?“ Er nickte hilflos. Ich drückte ihm den runden Lichtkloß wieder in die Hand. „Los jetzt“, knurrte ich, „ich will ein unvergessliches Erlebnis!“ Hektisch drehte er an der Scheibe, so dass ein Teil der verchromten Plastikverkleidung abbrach. „Sehr effizient“, stotterte er, „und mit einer Neun-Watt-Lampe, das heißt vier mal drei, oder drei mal zwei?“ „Spritzwasserschutz“, half ich ein, „ich würde gerne über Spritzwasserschutz bei diesem Modell diskutieren.“ Verzweifelt sah er auf dem Karton nach. „Die muss geschützt sein“, rief er mehrmals, „ich bin mir sicher, die ist auch sicher!“ „Nur die Ruhe“, tröstete ich ihn, „wir haben noch den ganzen Tag Zeit.“

Keine zwei Stunden später kam mit federndem Gang und einer warmweißen Chromdeckenleuchte der ursprüngliche Meister Lampe zurück. „Wir hatten da noch genau ein Exemplar“, verkündete er fröhlich, „und ich lege Ihnen noch einen zweiten Satz Leuchtmittel drauf – weil Sie es sind!“ Der konvulsivisch zuckende Kollege auf dem Boden fingerte nach seinem Hosenbein. Er musste es wohl übersehen haben. „Sehr gut“, sagte ich befriedigt. „Ganz hervorragend. Dann bräuchten wir jetzt ja nur noch einen Mülleimer.“ Ich reichte den Karton mit der Leuchte an Hildegard weiter. „Falls Dir im nächsten Jahr nichts einfällt“, sagte ich, „meine Gardinen haben es echt nötig.“





Sicherheitsverwahrung

14 12 2016

„Er hat mir gesagt, ich kann mich an Sie wenden!“ Der alte Mann mit dem kleinen karierten Hütchen zeigte mit dem Finger auf mich, als stünde er schon vor Gericht und ich sei sein einziger Zeuge. Anne seufzte tief auf. „Dann kommen Sie mal mit.“

„Es geht jetzt bloß um eine Kommode“, erklärte Herr Nussbaum umständlich, „die ist geerbt, also vererbt hat sie Onkel Paul, das wissen wir ganz sicher, aber dann wird’s schwierig.“ Anne las den Schriftsatz des Junganwalts, der seine Mandantin vor ungerechtfertigtem Zugriff auf jenes Möbel zu verteidigen suchte. „Onkel Paul war nämlich meiner, das heißt, er war mein Onkel, aber er hat die Kommode trotzdem mir vererbt.“ „Das klingt bisher recht vernünftig“, stimmte ich zu. Doch Herr Nussbaum schüttelte den Kopf. „Nix mit Vernunft, das ist meine Frau. Sie besteht darauf, dass Onkel Paul ihr die Kommode vererbt hat, und deshalb will sie sie jetzt nicht im Schlafzimmer stehen haben, und wenn ich nicht zustimme, dann verkauft sie sie, und – ach, ich weiß doch auch nicht mehr weiter!“

Nussbaum war im Viertel recht wohlgelitten als ehemaliger Ladenbesitzer für Heimtextilien. Sein kleines Geschäft hatte drei Generationen lang gute Gewinne abgeworfen, vor gut zehn Jahren aber war es ihm genug gewesen, und so ging er in Rente. „Sie hat mir seither beständig das Leben schwer gemacht, jeden Tag aufs Neue.“ Hatten die beiden zuvor in ehelicher sowie auch Gütergemeinschaft ein ruhiges Leben geführt, seine Gattin entwickelte sich zur Furie. „Und jetzt verklagt sie mich“, sagte der Alte mit tonloser Stimme. „Ich weiß gar nicht, woher sie das hat.“ Anne ließ den Brief sinken. „Dieser Nickel meint tatsächlich, er könne mit dem Unsinn vor Gericht ziehen.“ Offensichtlich hatte Nussbaum schon zu viel erlebt, um die Abwegigkeit dieses Gedankens zu begreifen. „Aber machen Sie sich keine Sorgen“, tröstete Anne. „Den Kollegen falte ich zusammen, und dann kann Ihre Gattin sich gerne…“ „Nein“, unterbrach sie Nussbaum, „nein! Sie müssen diesen Prozess unbedingt verlieren! Es muss auf die Höchststrafe hinauslaufen!“

Von Vorhängen und Sesselbezügen hatte der gute Mann Ahnung, vor den Schranken eines Gerichts war er jedoch noch nie erschienen. „Ich wäre mit allem zufrieden“, stöhnte er, „wenn Sie es so hindrehen, dass ich Lebenslänglich bekäme!“ Anne tastete nach der Tischplatte. „Jetzt bleiben wir alle ganz ruhig“, sagte sie in leise beschwörendem Ton, „wo ist denn Ihre Frau gerade?“ „Keine Ahnung“, antwortete er verwirrt. „Eigentlich wollte sie zum Frisieren, aber sie ist bestimmt danach noch in die Konditorei gegangen.“ Anne sank in ihrem Sessel zurück. „Auch gut“, sagte sie trocken. „Dann ist Lebenslänglich schon mal nicht drin.“

„Aber Sicherheitsverwahrung?“ Nussbaum sah geradezu flehentlich auf seine Anwältin. „Es heißt erstens Sicherungsverwahrung“, erläuterte Anne, „und zweitens hieße es, dass Sie gemeingefährlich wären.“ „Ich dachte an die Kommode“, murmelte der alte Mann, „aber bitte, Sie sind vom Fach.“ Ich hatte da einen Gedanken. „Du kennst doch diesen Gerichtsvollzieher – wenn jetzt Herr Nussbaum eine Menge Schulden hätte, könnte man das Corpus delicti nicht einfach pfänden lassen?“ „Sie leben nicht in Zugewinngemeinschaft“, gab Anne zurück, „das heißt, dass ein Zugewinnausgleich nach §1363 nur im Fall eines… also: nein.“ Ich nicke befriedigt. „Das wollte ich wissen.“

Doch was sollte geschehen mit der Nussbaum-Kommode? Anne fiel nichts ein. „Wenn wir eine Gütergemeinschaft als vertraglichen Güterstand, der in die…“ Der alte Herr hob abwehrend die Hände. „Kein Vertrag“, wimmerte er, „ich unterschreibe nichts mehr!“ Ich winkte ab. „Vielleicht geben wir uns besser geschlagen, lassen ihr das Möbel und haben unsere Ruhe.“ Nussbaum rieb sich an der Nase. „Sie sind doch schlank“, begann er mit einem Seitenblick in meine Richtung, „wenn Sie über die Terrasse, also die Tür, die kann man einen Spalt offenlassen, und dann verschwinden Sie mit dem Ding durch den Garten?“ Von der Tür erklang ein leises Räuspern. Luzie Freese, klein und blond und die Vorzimmerkraft der Kanzlei, die Papiere ihrer Chefin stets schwungvoll mit luziefr abzeichnete, klopfte an den Türrahmen. „Kleinen Moment.“ Schon war sie wieder an ihrem Tresen verschwunden, schob den Schrank zu und kam ins Büro zurück. In der Hand hielt sie ein kleines, handliches Beil. Anne riss die Augen auf. „Nein“, beeilte sich Luzie, „nicht das, was Sie denken: ich wollte heute nach Feierabend noch schnell ein Tannenbäumchen schlagen. Aber man kriegt damit sicher auch eine Kommode klein.“ Nussbaums Augen funkelten. „Kommen Sie!“ Er packte mich sogleich beim Ärmel. „Kommen Sie, die Alte ist bestimmt schon beim zweiten Kännchen Tee – das verdammte Ding ist Kleinholz, wenn wir uns jetzt beeilen!“ Und er zog mich nach sich, aus dem Zimmer, an Luzie vorbei, direkt zum Ausgang. Und da drehte er sich noch einmal um, lief ein paar Schritte zurück, wo Anne schon fassungslos in der Tür stand. „Sagen Sie mal“, fragte er atemlos, „machen Sie auch was mit chinesischen Vasen?“





Schnelle Welle

30 11 2016

Petermann blickte verlegen in den Korb. „Das kann ich dem Chef nicht zeigen.“ Das Sammelsurium aus Tüten und Beuteln hinterließ keinen besonders guten Eindruck, höchstens den Hauch von Sterilität. Was aber sollte man mit dem Krempel anfangen in einem Landgasthof?

„Ich wollte ihn ja absagen“, stammelte Hansi, der jüngere Bruder und eigentlich für den Service zuständig, während Bruno, von Freund und Feinden Fürst Bückler genannt, wie er Ente in Sauer und Schwarzsauer auftischte, die Küche unter sich hatte. „Und dann habe ich die Nummer nicht mehr gefunden, und dann stand er plötzlich einen Tag früher als verabredet hier, und…“ Er tupfte sich den Schweiß mit einer Serviette ab, während Herr Pläntzke, seines Zeichens Handlungsreisender der Fixikoch GmbH, die Brust heraus bog. „Sie werden nie wieder so ein schnelle Béarnaise zubereiten“, tönte er und griff nach dem Tütchen. „Eine Hälfte Wasser, eine Hälfte Sahne, kurz aufkochen, fertig!“ Petermann rümpfte die Nase. „Er hat recht“, gab ich zu bedenken. „Einmal diese Pampe aufkochen, und dann garantiert nie wieder.“

Natürlich hatte der Fertigwarenvertreter in seiner Aktentasche – es gab also Aktentaschen mit Kühlfach, man lernt nicht aus – noch mehr gruselig eingeschweißtes Zeug mitgebracht. „Die hochfeine Rindsroulade Roma mit westfälischem Rauchschinken und anderthalb Prozent getrockneter Essiggurke wird im gutbürgerlichen Segment sehr gerne genommen“, schwafelte Pläntzke, während er einen braungrau schimmernden Klops in Folie zwischen den Fingern drehte. „Wir bieten dazu ein portioniertes Selleriepüree an, einfach mit heißer Milch zubereitet – haben Sie zufällig ein bisschen Milch da?“ Petermann, Entremetier und seit Jahren die rechte Hand des Küchenchefs, widmete dem aufdringlichen Vertreter einen eindringlichen Blick. „Dies ist keine Kantine“, sagte er langsam, jedes Wort schwer betonend, „und ich weiß nicht, warum Sie uns mit Ihrem Plastikfraß immer noch auf die Nerven gehen.“ Jeder andere wäre empört gewesen oder wenigstens beleidigt, nicht aber Pläntzke; er hatte ein dickes Fell. „Weiß ich doch“, zwitscherte er, „weiß ich doch – aber wollen wir es uns nicht alle mal leicht machen, damit die Arbeit schnell von der Hand geht? Gucken Sie, ich habe da eine tolle Pasta-Variation für die Mittagskarte.“ Er zog ein aufdringlich gelbes Päckchen aus der Thermotasche heraus. „Jetzt neu im Sortiment, die Nudelserie Schnelle Welle: Fertigpasta mit Frischei und optionaler Sauce, dabei kombinieren Sie völlig frei Nudel- und Saucensorte!“ „Ein technologischer Durchbruch“, gab ich zu bedenken. „Darauf wartet man in der Gastronomie ja seit Jahrhunderten.“

Bruno hatte mich beiseite gezogen. „Ich kenne diese Sorte Vertreter“, flüsterte er. „Spätestens zehn Minuten, dann hat er Petermann weich gequatscht und verkauft ihm Heizdecken. Wir müssen etwas unternehmen.“ „Hol Bruno“, flüsterte ich zurück. „Ich halte den Schlawiner inzwischen in Schach.“

Pläntzke hatte unterdessen die Vorzüge des in Plastik mumifizierten Schnitzels gepriesen, als ich ihm ins Wort fiel. „Was empfehlen Sie als Beilage? haben Sie eine adäquate Tütenbratkartoffel oder leicht pappige Pommes im Programm?“ Ich wühlte im Präsentkorb herum. „Da sind ja kaum künstliche Aromastoffe drin“, stellte ich fest. Schon blähte der Verkäufer seine Brust wieder auf, da schmiss ich ihm das Tütchen vor den Latz. „Meine Güte! das erwartet der Konsument, dass er mit chemischem Gedöns vollgepfropft wird, und Sie lassen uns hier mit Ihrem Biokrempel alleine? Nicht mal richtige Farbstoffe, kein Geschmacksverstärker, skandalös!“ Er war nachhaltig verwirrt. Ich ging langsam drei Schritte auf ihn zu und beugte mich so weit zu ihm vor, bis ich sein billiges Rasierwasser riechen konnte. „Haben Sie keine Fertigbrühe“, fragte ich mit rauer Stimme, „der man trauen kann?“

Mit einem Knall flog die Tür auf, herein trat Bruno, dessen aufgezwirbelte Schnurrbartspitzen an einen schlecht gelaunten Hummer erinnerten. „Was wollen Sie“, schrie er, „und warum sind Sie immer noch nicht weg?“ „Wir sind gerade erst beim Schnitzel“, stammelte Pläntzke. „Sehen Sie, das ist vielleicht nicht ganz Ihre gewohnte Produktgruppe, aber wenn ich mir die Mitbewerber ansehe – ich war vorhin in einem kleinen Gasthof, hier an der Kaiserlinde rechts ab und dann…“ Der Bart zitterte gefährlich. „Mit dieser Kaschemme vergleichen Sie mein Restaurant?“ Jeden Moment musste seine Hand wie von selbst nach den Messern greifen. Ich sah versonnen auf das Fertigtütenhäufchen. „Da ist es ja auch sinnvoll eingesetzt“, erklärte ich. „Wenn die Gäste in solche Etablissements gehen, dann wollen sie halt, dass es genau wie zu Hause schmeckt, stimmt’s?“ Pläntzkes Knie erweichten sichtlich. Er hielt das Schnitzel wie einen Schild vor sich. „Man kann es traditionell zubereiten“, wimmerte er, „oder es für größere Gesellschaften in der Mikrowelle…“ Mit einem Wutschrei griff Bruno nach der Aktentasche, rannte durch die offene Tür in den Hof und schleuderte das Ding auf den Wagen des Vertreters. Mit tiefrotem Gesicht kehrte er in die Küche zurück, aber Pläntzke war schon durch den Gastraum verschwunden. Man hörte die Reifen quietschen, dann war er endgültig weg. „Und jetzt lass das verschwinden“, knurrte Bruno seinen Bruder an, „aber ungeöffnet! Wenn das jemand in meinem Müll entdeckt, sind wir geliefert!“