Adel verpflichtet

8 08 2017

„Meine Frau will das so“, quetschte Breschke an dem trockenen Keks vorbei. „Sie meint es sicher nur gut“, beschwichtigte ich ihn, „und Sie sagen doch auch immer, man solle seine Nachbarn kennenlernen.“ Er fischte einen Zuckerwürfel aus der Dose und schmiss ihn in den Tee. „Aber deshalb dieser Aufstand?“

Das Billett in den Briefkästen hatte sie als Friedrich Ludwig Reichsgraf Truntz auf Steinheim nebst Gattin ausgewiesen, die des Umzugs in dieses Viertel halber die Umwohner zu einer kleinen Abendgesellschaft einluden. „Stellen Sie sich das mal vor“, grantelte der Alte, „ein livrierter Diener morgens in der Bäckerei. Affig!“ „Sie leben doch zu sehr im achtzehnten Jahrhundert“, schmunzelte ich. „Die wenigsten Edelleute haben Bedienstete, und wer von denen trägt heute noch Livree?“ Er brauste auf. „Dafür muss ich mir jetzt seitenweise Benimmregeln durchlesen!“ Der pensionierte Finanzbeamte griff noch einmal zu den Plätzchen. „Dann kann meine Frau auch gern alleine zu den Grafens gehen, ich muss diese Leute nicht haben. Die passen doch gar nicht hierher!“

Wahrscheinlich lag Horst Breschke damit gar nicht so falsch, aber das änderte ja nichts an seinem Benehmen. Ich reichte ihm die Gebäckschale an. Sofort nahm er sich ein weiteres Stück. „Darf ich Ihnen noch etwas Heidesand anbieten?“ „Ich habe schon“, müffelte er, „danke.“ Geräuschvoll stellte ich die Schale auf den Küchentisch. „Mein Lieber, wir werden ab jetzt arbeiten.“ Ich wies auf die Kanne. „Bedienen Sie sich“, schmatzte er, „ich koche gerne noch nach.“ Anscheinend begriff er nicht. „So geht das nicht. Sie sind hier der Gastgeber!“ „Noch Tee?“ Ich hob die Kanne vom Untersetzer. „Möchten Sie noch ein Tasse Tee, Herr Breschke?“ Verwundert sah er mir zu, wie ich seine Tasse auffüllte. „Und bitte, nehmen Sie doch noch ein – aber doch mit der Zange!“ „So geht das viel schneller“, verkündete er und ließ den Zuckerwürfel in den Tee gleiten. Wie sollte das alles nur enden.

Zunächst übten wir an einem improvisierten Blumenstrauß; ein paar Margeriten aus dem Garten halfen aus, ebenso ein Bogen Packpapier. „Und nun überreichen Sie mir den – aber Herr Breschke!“ „Was denn“, grummelte er, „ich habe den gerade eben eingewickelt, und jetzt soll ich den schon wieder auswickeln? Das ist doch alles überflüssiger Klimbim, das werden Sie doch einsehen!“ Ich seufzte. „Aber Sie werden der Dame des Hauses nun einmal einen Strauß überreichen müssen, es handelt sich doch um eine Abendeinladung?“ Breschke guckte nochmals in die Einladung. „Ja, wir müssen so gegen halb los. U.A.w.g., das sagt doch alles.“ Hatte ich etwas verpasst? „Um acht wird gegessen“, erklärte er, „steht da doch! Dann reicht es ja völlig, wenn wir um halb acht gehen.“

Die Auswahl der Krawatte blieb problemlos, es waren überhaupt nur zwei im Schrank, zuzüglich des Beerdigungsmodells in Schwarz. „Und dann knöpfen Sie die Jacke bitte auf, wenn Sie sich setzen, aber lassen Sie den unteren Knopf bitte auch offen im Stehen.“ Er wand sich. „Also den unteren im Sitzen auch offen?“ Ich nickte. „Das muss ich mir aufschreiben, sonst vergesse ich es. Und den Schlips lockert man wann?“ „Gar nicht“, gab ich zurück. „Denken Se nicht einmal daran.“ „Also auf den Weihnachtsfeiern bei uns im Referat…“ Ich runzelte deutlich die Stirn. „Eben.“

„Wenn ich mir erlauben dürfte, Ihnen ein paar Blumen zu überreichen?“ Etwas hüftsteif, aber nicht ungalant streckte er mir die Margaritenreste entgegen, die nun auch schon ein gutes Dutzend Versuche überstanden hatten. „Nicht schlecht“, lobte ich, „und dann stellen Sie mich Ihrer Gattin vor.“ „Spielen Sie meine Frau?“ Ich guckte kurz nach: nein, noch war ich nicht in einer Doppelrolle. „Wenn ich Ihnen meine reizende Gattin…“ „Aber Herr Breschke!“ „Sie haben ja recht“, murrte er, „so reizend ist sie auch wieder nicht, aber das darf man doch einem Reichsgrafen nicht auf die Nase binden. Meinen Sie, er sagt es weiter?“ „Keinesfalls!“ Ich schüttelte den Kopf. „Adel verpflichtet.“

„Den Schirm lassen Sie ruhig zu Hause, es wird heute vermutlich trocken bleiben, und haben Sie die Blumen?“ Frau Breschke hatte sie natürlich in der Küchenspüle deponiert, mit einem feuchten Tuch um die Stängel, und alles sah so festlich aus, einschließlich des Hausherrn, wie er in seinem sandfarbenen Sommeranzug vor der Garderobe stand und sich im Spiegel betrachtete, die gestreifte Krawatte perfekt gebunden und in Sandalen. „Soirée oder nicht, aber so werden Sie das Haus nicht verlassen.“ „Ich habe es vergessen“, murmelte er, „aber was soll ich denn jetzt machen?“ Voller Angst blickte er mich an. „Diese Hose ist so furchtbar eng, und wenn ich mir jetzt Schuhe zubinde, dann platzt sie am – na, Sie wissen schon.“ Einen Moment überlegte ich, dann hatte ich die Lösung. „Nehmen Sie die Schuhe, und dann gehen Sie auf die Gästetoilette.“ Er stutzte. Frau Breschke hatte es schon verstanden.

„Und jetzt hier läuten, und dann die Blumen, und dann Ihre Frau.“ „Sag doch auch mal was“, fauchte Breschke seine Gattin an. Doch just in dem Augenblick öffnete sich die Tür, ein dicklicher Mann in Cordhosen und einer Grillzange in der Hand winkte die Gäste heran. „Hereinspaziert“, rief er, „auch ein Bierchen?“ „Was ich Ihnen gesagt habe“, zischte Breschke pikiert. „Sie passen nun wirklich nicht hierher!“





Chipster

27 07 2017

„Sicher fiepe ich hier wie an der Supermarktkasse!“ Hildegard drehte die ominöse Plastikscheibe zwischen den Fingern und rümpfte die Nase. „Es sind ja nur drei Tage“, tröstete ich sie. „Außerdem macht das Ding überhaupt gar keine Geräusche.“ „Eben“, zischte sie zurück. „Man wird hier still und heimlich ausgehorcht, das ist der Plan!“

Das luxuriös ausgestattete Schiff glitt den stillen Fluss hinab, kichernde Paare flanierten übers Deck, lustige Damenkränzchen waren auf der Suche nach Eierlikör, in der Mitte der Heiterkeit hockte meine Begleiterin und ärgerte sich. „Es ist lediglich eine kleine Unterstützung für den Service“, erläuterte der Chefsteward. „Sobald sich ihre elektronische Marke angemeldet hat, schalten sich das Licht und Ihre Lieblingsmusik in der Kabine an.“ „Das schaffe ich alleine!“ Sie war durchaus nicht mit guten Worten zu erreichen. Und vielleicht waren diese Funkchips tatsächlich ein Eingriff in ihren innersten Privatbereich. „Nehmen wir zum Beispiel der Cocktail“, erklärte der Steward, „dank Ihres Fragebogens wissen wir bereits, dass Sie gerne ein Gläschen um die Mittagszeit trinken.“ Mehr musste er nicht sagen.

Siebels hatte uns die Karten überlassen, zwei Staffeln Traumboot unter der Sonne des Südens, hastig über Weihnachten gekurbelt, waren der Produktionsfirma eine ganze halbe Woche auf diesem wasserfesten Hotel wert gewesen. Die Küche war erträglich, man musste nicht zu allem Allotria heraustreten, und dank unserer goldfarbenen Anhänger brauchten wir für nichts zu bezahlen. Die hellbraune Brühe, die hier als Kaffee serviert wurde, machte die Sache nicht besser, immerhin: es gab nie Diskussionen um den Preis. „Und genau deshalb will ich nicht, dass mir jemand um kurz nach elf einen Cocktail unter die Nase hält“, nörgelte Hildegard. „Vor allem nicht vor dreißig lustigen Witwen, die nach dem Frühstück übergangslos zu ihrem ersten…“ „Ist ja gut“, beschwichtigte ich sie. „Nur noch heute, morgen, und dann sind wir ja auch schon durch mit dieser Kreuzfahrt.“ Sie schnaubte geräuschvoll. „Ich werde diesen Plastikmüll ab sofort in der Kabine lassen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Wir kommen aber ohne nicht ins Restaurant.“

Ein mäßiger Nieselregen ging über dem Schiff nieder. Möwen johlten am trüben Himmel. In weiter Ferne zeigten sich die Türme eines Doms, es hätte aber auch ein frühgotisches Heizkraftwerk sein können. „Wenn wir nur endlich zu Hause sein könnten“, seufzte Hildegard. Da erblickte sie das silbrige Rund an der Türschwelle. Das eingeprägte Logo der Reederei auf der Rückseite zeigte schnell, dass es sich um ein Speicherplättchen wie unseres handelte, nur eben in einer anderen Klasse: wer dieses mit sich führte, musste für alles bezahlen, was nicht im Preis inbegriffen war. „Sehr gut“, sagte sie mit maliziöser Miene. „Jetzt werden wir erleben, was wirklich Luxus ist.“

Dass der Etagenkellner Hildegard in nahezu akzentfreiem Französisch ansprach und statt des obligaten Tom Collins eine perfekt gekühlte Flasche Champagner präsentierte, überraschte doch ein wenig. „Ich hatte meinen Namen nicht so ganz verstanden“, informierte sie mich, „vielleicht sollte ich mit russischem Akzent antworten?“ Der weiße Kaviar wurde auf kleinen Schmetterlingen von Vollkornbrot serviert, mein schüchterner Einwurf, noch ein Kännchen Tee zu bestellen, wurde wie der Geistesblitz eines Genies aufgenommen. „Schade.“ Hildegard schmatzte. „Schade eigentlich, dass wir die Kreuzfahrt nicht bis zum Ende mitmachen. Du hast doch die Nummer von Siebels?“ „Er würde mir den Kopf abreißen“, knurrte ich. Sie lächelte. „Das hatte ich bedacht. Es ist Dein Kopf, nicht meiner.“

Ein bisschen nervte Swetlana Eduardowna, oder wie immer sie hieß, denn wir verstanden ihren Namen nicht auf die Entfernung. „Es ist gerade so gemütlich“, meinte Hildegard. Der Damenclub prostete uns selig im Fackelschein mit Eierlikör zu. Der rasch auf dem Landweg besorgte Bassbariton trug einen ergreifenden Schubert-Zyklus vor, der beherzte Umbau des Oberdecks in eine mit seidenen Baldachinen überspannte Arena hatte dem Direktor einiges an Anerkennung abgerungen. Leiser schlugen die Wellen ans Ufer, keiner hörte, wie sich in den hastig schallisolierten Kabinen unter Deck das Streichorchester einspielte. Einen Abend auf dem Wasser ohne Bartók und Strawinsky kann man haben, muss man aber nicht.

„Du hättest ruhig den stabileren Koffer nehmen können“, moserte Hildegard beim Aussteigen. Die vielen Souvenirs aus der Bordboutique drohten das Gepäckstück beinahe zu sprengen. Der Chefsteward hatte ihr erst in einem Anfall von Ritterlichkeit beim Tragen helfen wollen, entdeckte aber im letzten Augenblick ihren goldenen Chip. „Bis zum nächsten Mal“, grüßte er knapp und hatte sich halb schon den nächsten Passagieren zugewandt. Mit gekonnt divenhaftem Schwung drehte sie sich um und schritt die Gangway hinunter. Oben zeterte es aus vollem Halse. „Meine Güte“, stöhnte Hildegard und verdrehte die Augen. „Wenn Sie es sich nicht leisten kann, warum fährt sie dann nicht erster Klasse?“





Ein Tässchen mehr

13 07 2017

Sie hatte etwas besorgt geklungen. „Er übertreibt ja gerne einmal“, sagte Frau Breschke, „aber diesmal mache ich mir ernsthaft Gedanken. Jedenfalls hat er sofort den Gartenschlauch ausgewechselt, und dann wollte er die Scharniere ölen.“ Und das am selben Tag – das erforderte sofortiges Einschreiten.

Der alte Herr empfing mich mit einer gewissen Fahrigkeit. „Ich müsste eigentlich nur dort oben die Schelle auswechseln“, erklärte er und wies auf die Dachkante. „Die Regenrinne ist an sich noch intakt und wird sicher keine Schwierigkeiten machen.“ Er wippte hektisch hin und her, maß mit dem Daumen die Distanz nach und stellte vermutlich eine grobe Berechnung an, wie lange er zum Erklimmen der Leiter brauchen würde. „Diese Klempner“, teilte mir Horst Breschke mit, „das ist ja gar nichts. Die nehmen Geld für jede Kleinigkeit.“

Immerhin hatte jemand sämtliche Fugen, die die Steinplatten der Auffahrt zur Garage voneinander trennten, auf einem quasi-chirurgischen Niveau gesäubert, vermittels eines spritzwasserbetriebenen Gerätes oder aber auf die herkömmliche Art, die ein Küchenmesser und sehr viel Zeit erfordert. Ein flüchtiger Blick auf die Kellertreppe, der auch das Corpus delicti offenbarte, zeigte deutlich, dass sich der Hausherr auch diese Zeit genommen hatte, ein Umstand, der nicht eben häufig vorgekommen war. „Das war an einem Vormittag fertig“, bekräftigte er, „kaum der Rede wert. Darf ich Sie auf eine Tasse Kaffee einladen?“ Da allerdings wurde ich doch misstrauisch.

„Kaffee verlängert das Leben“, verkündete Herr Breschke; den kopierten Zeitungsartikel – eine Wochenendbeilage des örtlichen Anzeigenblattes hatte er selbstverständlich griffbereit in der Küche liegen. „Es hat eine Langzeitstudie gegeben, die sich mit dem Verbrauch von Bohnenkaffee und den gesundheitlichen Folgen beschäftigt hat. Seitdem nehme ich gerne mal ein Tässchen mehr.“ Im Hintergrund schmurgelte die Brühmaschine, die den braunen Sud warm hielt oder es doch versuchte. „Und das trinken Sie nun?“ Er nickte. „An sich sind wir Teetrinker, ich und meine Frau.“ Genau das hatte ich in Erinnerung, vor allem angesichts seiner Versuche, für den Besuch einen ordentlichen Kaffee zuzubereiten. „Aber was tut man nicht alles für die Gesundheit!“

Der pensionierte Finanzbeamte nuckelte an der Tasse. „Natürlich sollte man auch nicht zu viel zu sich nehmen“, gab er zu bedenken, „aber mehr als drei Kannen pro Tag kriege ich sowieso nicht herunter.“ Das streng riechende Gebräu verfestigte meinen Eindruck: hier war kein Könner an Werk. „Meine Frau bleibt lieber beim Tee, und das ist ja auch gut so. Stellen Sie sich mal vor, wie viel Kaffee ich sonst kochen müsste!“ Er nippte wieder, Schluck um Schluck.

„Drei Tassen am Tag“, entzifferte ich aus dem kopierten Artikel. „Kann es sein, dass Sie den Beitrag gar nicht richtig gelesen haben?“ Breschke griff gerade hektisch zur Hundeleine, aber von Bismarck, dem außergewöhnlich eigensinnigen Dackel, war nicht viel zu sehen. Sicher lag das Tier auf dem Fernsehsessel und wartete, bis der Anfall des Zweibeiners sich erledigt hatte. „Ich müsste noch die Fensterscharniere ölen“, stöhnte er, „meine Frau wollte das so.“ „Ich verstehe.“ Wehleidig sah er mich an. „Früher habe ich sie immer eine Woche warten lassen, und dann bin ich in den Keller gegangen, um das Ölkännchen zu suchen, weil mir nie einfiel, dass es ganz hinten auf dem obersten Bord steht.“ Sein Blick hatte etwas zutiefst Waidwundes an sich. „Diese furchtbare Unruhe – ich kann doch jetzt nicht täglich den Teppich mit dem Klopfsauger bearbeiten, den Geschirrspüler ausräumen oder…“ „Bewahre“, fiel ich ihm ins Wort. „Wollen Sie Ihre glückliche Ehe aufs Spiel setzen? Das kann man doch nicht riskieren!“ Seufzend sank Breschke auf den Küchenstuhl. „Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwas muss doch jetzt geschehen.“ Ich nickte mitfühlend.

„Sehr viel besser.“ Frau Breschke roch an der Kanne, während ihr Mann im Garten gerade den Zaun richtete. „Nicht mehr so kräftig, und natürlich sehr viel weniger, aber das ist schon in Ordnung. Und der Kaffee ist auch erträglich.“ Ich trank einen kleinen Schluck; es schmeckte recht erträglich, wenn man sich vorstellte, eine Kanne davon zum Frühstück zu vertilgen. „Nachbar Gabelstein war stinkwütend, dass unser Rasen so gepflegt aussieht, und die neuen Schellen hat Klempner Kußmaul prompt angeschraubt. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!“ Eben bückte sich Breschke, rupfte eine Butterblume aus dem Gras und legte den Pinsel beiseite. Schon hatte er ein anderes Kraut auf dem Rasen entdeckt und dabei den Zaun gänzlich aus dem Sinn verloren. Sie kicherte. „Gut, dass Sie noch diesen ohne Koffein hatten.“





Beweismittel

22 06 2017

Herr Breschke wedelte mit beiden Armen, dann schlich er sich an der Kellertreppe entlang in Richtung Hecke. Deutlich sichtbar legte er den Finger über seine Lippen. Dabei hatte ich gar nicht vor, seine Pantomime zu kommentieren.

„Das muss es sein“, wisperte er mir zu. „Das da hinten, ich habe es genau erkannt, das ist bestimmt das Mikrofon!“ Er deutete verstohlen mit dem Zeigefinger auf Gabelsteins Grundstück, starrte unterdessen angestrengt in die andere Richtung und lief dann auf Zehenspitzen wieder zur Kellertreppe zurück. „Ich kritisiere Sie ja nur höchst ungern“, bemerkte ich möglicherweise eine Spur zu laut, „aber meinen Sie nicht auch, dass es kaum auffälliger geht?“ Die beiden älteren Damen, die auf dem Trottoir standen und verwundert in die Einfahrt hineinblickten, schüttelten die Köpfe, und sie entfernten sich nur langsam und widerstrebend; wahrscheinlich hatten sie gehofft, Zeugen einer sehr merkwürdigen Angelegenheit zu werden, die jetzt doch nicht oder wenigstens nur im Garten eines fremden älteren Herrn stattfinden sollte. „Das ist mein Grundstück“, ereiferte sich Breschke im Flüsterton, „da werde ich doch wohl schleichen dürfen, wo ich will!“

Nun war Gabelstein prinzipiell jede Schandtat zuzutrauen, er hatte dem Nachbarn aus Bosheit eine Karre Laub über den Zaun und jede Menge Schnee auf den frisch geräumten Weg gekippt, Bismarck mit Papierkrampen beschossen und heimlich nachts Löwenzahn auf dem Rasen gesät. Aber eine derart komplizierte Operation sah ihm schon aus Gründen der Intelligenz nicht ähnlich, und dass Horst Breschke ihn seit Jahr und Tag mit allerlei wenig schmeichelhaften Worten zu bezeichnen pflegte, war ihm auch bekannt. „Vielleicht habe ich bei der Gartenarbeit irgendwann einmal ein unbedachtes Wort über meine Arbeit im Finanzamt geäußert“, sinnierte der alte Herr, „und er wird mich damit zu erpressen versuchen. Das sieht ihm ähnlich!“

Da wurde ich stutzig. „Was ist denn das da?“ Er packte mich am Arm. „Das ist der Beweis“, keuchte Herr Breschke, „er hat meinen Garten verkabelt – das sind bestimmt Funkmikrofone!“ Schon warf er sich, nein: ließ sich in mehreren Stufen, aber doch verhältnismäßig rasch auf den Rasen nieder. „Sie werden ja Grasflecke in ihrer Strickjacke kriegen“, mahnte ich, aber er hörte schon gar nicht mehr zu. „Da läuft die Schnur“, ächzte er. Wie ein schwer bewaffneter Kämpfer – die Gartenschere hatte er wohlweislich am Fuße der Kellertreppe auf der Fensterbank liegen lassen – robbte er sich nun an der Hecke entlang, alle anderthalb Armlängen einmal ins Strauchwerk hineinlangend, bis er unter trockenen Blättern und Ästchen die Strippe wieder zu fassen bekam. „Sie geht wohl bis ganz vorne“, japste er, und wie anders ließ sich die Mutmaßung beweisen als durch einen gut fünfminütigen Kriechgang bis knapp vor das Gartentor. Einmal machte Breschke dabei Anstalten, mit krebsrotem Kopf liegen zu bleiben; ich sah mich schon die Nummer des Notarztes wählen und ihm mühsam auseinandersetzen, warum der pensionierte Beamte an einem angenehmen Sommertag bewusstlos in seinem eigenen Garten mit einem Stück Elektrolitze in der verkrampften Faust abtransportiert werden musste. „Noch gut zwei Meter“, röchelte Breschke, „nur noch…“ „Also wirklich!“ Die beiden Damen waren entrüstet und daher in nicht zu steigernder Neugier zum Zaun zurückgekehrt, hatten sich dort mitsamt ihren erbaulichen Heftchen postiert und sahen nun einen Maulwurf in braungrauem Strick, der triumphierend einen Stecker aus dem Laubwerk riss. „Das ist der Beweis!“ „Entschuldigung“, gab die eine der beiden zaghaft zurück. „Wir wollten mit Ihnen über…“ „Dieser Unhold!“ Er hieb mit den Fäusten auf die Rasenkante. „Dieser miese Patron!“ Mit einem Riesensatz verschwanden die Missionsschwestern von der Gartenpforte, und das im rechten Augenblick, denn jetzt erhob sich der Alte zu voller Größe, stürmte auf die Kellertreppe zu und verschwand im Untergeschoss.

Gewaltiges Rumoren kündigte es an: mit einem verdächtigen Gegenstand in der Faust stapfte er die Treppe wieder hinauf, näherte sich schwer atmend der Hecke und legte an. „Das hat sich Gabelstein selbst zuzuschreiben“, schnaubte er. „Lassen Sie das doch“, ermahnte ich ihn. „Sie werden sowieso alles treffen, nur nicht das Ziel.“ In der Tat zitterte das Luftgewehr in Breschkes Händen gewaltig. „Nehmen Sie das Ding einfach runter und…“ Da hatte sich schon ein Schuss gelöst. Zum Glück hatte er kein Fenster getroffen, nicht einmal die Fassade von Giebelsteins Haus. Weniger schön, dass das Projektil das gewünschte Ziel erreichte. Die silbrig verspiegelte Kugel auf dem Bambusstöckchen zersplitterte, und nichts war zu sehen außer eben diesem Stab. Kein Kabel verbarg sich darunter, kein technisches Gerät. Kein Mikrofon.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, knurrte Breschke, schulterte sein Gewehr und ging wieder auf das Haus zu. „Einen alten Mann so zum Narren zu halten – das sieht diesem Unhold ähnlich!“ Dann beugte er sich zu mich herüber. „Aber bitte“, flüsterte er, „erzählen Sie bloß meiner Frau nichts davon!“





Mahnverfahren

7 06 2017

Luzie stöhnte. „Ich wünsche ja niemandem etwas Schlechtes“, presste sie hervor, während jeder von uns wusste: doch, einem. Anne konferierte hektisch mit dem Amtsgericht – es ging um eine größere Kuchenlieferung für den Geburtstag einer Kollegin, aber das musste niemand wissen – und Herr Kurtz saß im Vorzimmer, als hätte er sich mit voller Absicht auf einem Besenstiel niedergelassen. Wahrscheinlich war er schon so geboren worden.

„Es ist eine Minute vor elf Uhr“, trompetete er aus dem Raum. Luzie verdrehte die Augen. Sie kam gar nicht dazu, das Naheliegende zu sagen, denn schon erschien der Mandant unter dem Türstock und plusterte sich zu voller Größe auf. „Ich sage das nicht als Kritik“, tönte Kurtz, „denn es ist ja noch einmal Elf, aber Sie müssen darauf achten, dass Sie Ihre Termine, wenn Sie schon langfristig vergeben werden, dann auch mit der passenden Pünktlichkeit…“ „Kommen Sie herein“, knurrte Anne. „Einen Moment noch“, unterbrach der Mann mit dem wie angenagelt sitzenden Anzug. „Ich werde mir vorher noch die Hände waschen.“

„Er ist immer so“, seufzte Luzie. „Beim letzten Besuch wollte er einen Büroklammerfabrikanten auf horrenden Schadenersatz verklagen, weil in seiner Schachtel nur 498 Stück waren.“ Sie klopfte auf einen dicken Aktendeckel; offensichtlich hatte der Streithahn sich nicht mit dem Urteil der ersten Instanz zufriedengegeben. „Danach hat er einen Damenfrisör vergeblich abgemahnt, weil dieser seinen Salon erst eine Minute nach sieben Uhr geöffnet hatte.“ „Verstehe“, murmelte ich, „er ist verheiratet.“ Luzie zog die Stirn in Falten. „Dieser Mann hat nicht einmal Topfblumen.“

Energisch schritt Kurtz voran ins Besprechungszimmer, setzte sich ungefragt und begann eine Menge Papier auf Annes Schreibtisch auszubreiten. „Ihnen auch einen schönen guten Morgen“, sagte sie lakonisch und ließ sich nieder. „Dies hier“, und Kurtz tippte ganz entschieden auf den groß aufgefalteten Stadtplan, „ist ein besonders eklatanter Fall von Irreführung, den wir sofort mit der ganzen Härte des Rechts abstellen werden.“ Ein dickes Bleistiftkreuz an der Ecke Uhlandstraße und Birkenweg sowie eine Markierung auf dem alten Gelände der städtischen Gärtnerei deuteten auf den Fall hin. „Zweihundert Meter sollen das sein.“ Er beugte sich weit vor und starrte mir triumphierend in die Augen. „Jetzt haben wir die Brüder am Schlafittchen – es sind gut drei Meter mehr!“ „Sie haben sicher nicht von der Kante des Grundstücks aus…“ Doch Kurtz schnitt mir einfach das Wort ab. „Allerdings“, schrie er, „allerdings! Direkt von der Grundstücksgrenze aus, und dann sind es noch einmal fast acht Meter bis zur Einfahrt. Ich wittere einen Betrug, wenn ich ihn sehe, das können Sie mir glauben!“

Damit hatte es selbstverständlich kein Ende. Der Querulant blätterte eine lange Liste durch, er hatte tatsächlich die Gehwegplatten – es handelte sich mit Ausnahme zweier Grundstückseinfahrten mit Kopfsteinpflaster, die aber noch einmal extra ausgemessen wurden, um dieselbe Sorte von Betonplatten, eine Krümmung der Straße war so gut wie vernachlässigbar für die Berechnung – einzeln abgezählt und die Breite damit malgenommen. „Auch hier haben wir, eine kleine Rundung von der Millimetern zugunsten des Teppichhändlers habe ich sogar schon abgezogen. Was sagen Sie nun?“ Anne tat, was sich ohnehin anbot, und schwieg eisern weiter. Sie würde den Teppichmarkt in der Uhlandstraße abmahnen müssen, schließlich hatte Staatsanwalt Husenkirchen neben vielen anderen Knalltüten auch diesen Mandanten zu ihr geschickt. „Wenn sie sich auf einen Zusatz einigen könnten, wie wäre es denn mit ‚Circa 200 Meter‘?“ Kurtz schüttelte entschieden den Kopf. „Erst werde ich arglistig, ach was: böswillig werde ich getäuscht von diesem Gauner, und dann soll ich auch noch klein beigeben, damit er sein schmutziges Geschäft mit den anderen unschuldigen Leuten weiterhin treiben kann?“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch; Anne zuckte empfindlich zusammen. „Das ist ein bösartiger Betrug, er verschafft sich einen ungerechtfertigten Wettbewerbsvorteil gegen andere Händler – das werden Sie unterbieten!“ Wie im Rausch blickte er sich um, ob nicht jemand applaudieren wollte, es war aber keiner da.

„Was ist denn nun Ihr Grund“, begann ich, „mussten Sie etwa Ihren Teppich drei Meter weiter nach Hause tragen als beabsichtigt?“ Fast mitleidig sah er mich an. „Erstens brauche ich gar keine Teppiche, und zweitens würde ich das wie jeder andere Mensch mit dem Auto erledigen. Stellen Sie sich doch nicht dümmer an, als Sie ohnehin schon sind.“ Anne lehnte sich zurück. „Sie sind also von der Lage des Grundstücks gar nicht betroffen.“ Kurtz schnappte ein. „Wenn man einen Mann ermordet, muss man dann auch immer erst warten, bis er sich beschwert?“ „Erstens kann man das nicht vergleichen, und…“ Außer sich vor Zorn sprang er auf. „Ich habe Ihnen zehntausend Mal gesagt, dass Sie mich nicht unterbrechen sollen!“ Anne zog ganz langsam die Stirn in Falten. Kurtz tastete noch nach der Stuhllehne, dann raffte er hastig die Papiere vom Tisch und stürmte zur Tür hinaus.

„Ich bin mal eben weg“, teilte Luzie mit. „Fünf Minuten, ja?“ Anne zog den Schreibblock aus dem Papierstapel. „Kriege ich das schriftlich?“





Intelligente Technik

18 05 2017

„Sehen Sie hier ein Stäubchen?“ So sehr ich auch sah, sah ich nichts. Herr Breschke triumphierte. „Der Teppich ist nicht nur rein, sondern auch äääh… sauber.“ Das hätte man von einem neuen Staubsauger in der Tat nicht erwarten können. Er war wirklich ein großer Kenner der postmodernen Haushaltstechnik.

„Die Leistung ist wirklich enorm“, schwärmte Breschke. „Und dabei ist er ja wirklich sehr klein, man weiß gar nicht, wohin er den ganzen Staub pustet.“ Ein flüchtiger Blick auf die Bücherregale half diese Frage zu beantworten, aber darum ging es ja gerade nicht. Seine Tochter hatte wieder einmal ein Angebot durchreisender taiwanesischer Händler nicht ausschlagen können – am Preis hatte es, wie so oft, wirklich nicht gelegen – und dann einen der zeitgemäßen Bodensauger erstanden, die man nicht mehr am Teleskopstock durch die Etage stoßen musste, verbunden mit Kabelgewirr und lahmen Armen, ohrenbetäubendem Lärm und ständig vollen Papierbeuteln, die noch dazu für einen unverständlich hohen Preis kontinuierlich zu ersetzen waren. Der kreisrunde Sauger, so wie er in der Broschüre abgebildet war, hatte alle diese Mühe abgeschafft und geradezu paradiesische Zustände ausbrechen lassen. „Wobei“, merkte Horst Breschke an, „wobei man auch sagen muss…“

Einen Nachteil hatte der Sauger: er blieb seit Tagen verschwunden. „Ich habe ihn verloren“, beichtete er. „Und meine Frau weiß es noch gar nicht.“ Das erklärte einiges, unter anderem das aktuelle Staubaufkommen. „Man muss das Ding regelmäßig aufladen“, erklärte Herr Breschke, „und da ich ihn zum Lernen der Saugwege immer wieder in die Ladestation im Flur gesteckt habe, kann er nun so gut wie überall sein.“ Er grübelte angestrengt nach. „Nein“, schloss er, „nicht überall. Ich habe ihn ja nur im Erdgeschoss eingesetzt.“ „Das vereinfacht die Angelegenheit ungemein.“ Er blickte mich zufrieden an. „Ich wusste, es würde sich bezahlt machen.“

Bismarck lag dösend auf dem Fernsehsessel. Der wohl dümmste Dackel im weiten Umkreis, dessen einzige Leistung es war, seinem Herrn an der Leine zwischen den Beinen herumzulaufen, hatte den Verlust des Saugroboters schadlos überstanden, mehr noch: es machte ihm nichts aus. „Er mochte ihn nicht“, erläuterte Breschke. „Ich weiß auch nicht, woran es gelegen haben kann, vielleicht an diesem unangenehmen Surren, auf jeden Fall mochte er ihn überhaupt nicht.“ „Ein sehr gute Hinweis“, erklärte ich. Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine großen Hoffnungen“, seufzte er. „Ich habe ihn auch schon gefragt, er weiß es nicht.“

Im Garten also konnte er nicht sein, der Einsatz war stets bei geschlossenen Türen erfolgt. Ebenso war ein Verlust im oberen Stockwerk ausgeschlossen. „Das heißt, wir müssen im Erdgeschoss suchen.“ „So weit waren wir schon“, bemerkte ich. „Wäre es nicht denkbar, dass er in irgendeiner Ecke feststeckt und ohne ausreichende Ladung gegen eine Wand drückt, anstatt sich aus der Klemme herauszumanövrieren?“ Er schüttele den Kopf. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Die aus dem Taiwanesischen in eine Art steinzeitliche Bilderschrift übersetzte Bedienungsanleitung, die leicht an Höhlenmalereien gemahnte, schwieg sich in vielen wichtigen Punkten aus, ließ aber keinen Zweifel daran, dass es sich um ein intelligentes Gerät handelte. „Wenn es intelligente Technik ist“, überlegte der pensionierte Finanzbeamte, „dann kann es doch nicht in irgendeiner Ecke hängen bleiben, oder?“ Für Notfälle dieser Art, jedenfalls lehrte uns das eine durchaus dramatische Folge hieroglyphenartiger Bilder, die ein Szenario von dräuendem Ungemach zeigte, gab es an der Ladestation einen Schalter, der den Sauger in einen Alarmzustand versetzte, in dem er ein beständiges Piepsen aussandte, und zwar so lange, bis man es an der mobilen Saugeinheit wieder abschaltete. „Der Nachteil ist“, stellte ich fest, „man muss dazu auch einen Schalter am Sauger betätigen.“ „Ja sicher“, nickte Breschke. „Man kippt diesen Schalter hier hinten am Sauger, und schon weiß man, wo er ist, und kann den Schalter wieder kippen. Die Hersteller werden sich schon etwas dabei gedacht haben.“ Mir fiel beim besten Willen nicht ein, was. Aber das lag bestimmt an meiner fehlenden Erfahrung mit Haushaltsgeräten der neuesten Generation.

„Ich habe eine Idee.“ Bismarck guckte mich mit einer Mischung aus Überraschung und völliger Ahnungslosigkeit an, als ich ihn unversehens vom Sessel herunterhob. „Such“, befahl ich ihm. Er blickte mich mit komplettem Unverständnis an. „Sehr gut“, konstatierte ich. „Wir gleichen einfach die Intelligenz dieses Saugers mit der Intelligenz des Hundes ab“, bedeutete ich Herrn Breschke. „Die Ergebnisse sind eindeutig.“ Verwundert, aber mit der gewohnten Widerstandslosigkeit ließ sich Bismarck in den Flur transportieren, wo er mit ratloser Miene um sich blickte. Erst in der Küche packte ihn sichtbares Unbehagen – kommentarlos lief er zum Ausgang und dackelte wieder auf den Sessel zu. „Na also“, stellte ich befriedigt fest, sah unter die Küchenanrichte und zog den Roboter von der Wand. „Aha.“ Langsam begriff Breschke. Er knipste den Schalter an der Rückseite der Saugscheibe an. Deutlich vernehmbar piepste es durch den Raum. „Ich glaube“, sinnierte er, „wir haben ihn gefunden.“ Er setzte das Gerät wieder auf den Küchenboden. „Wie gut, dass die moderne Technik es einem so leicht macht.“





Kriechstrom

3 05 2017

Eifrig durchwühlte Breschke die Kellerschublade. „Irgendwo müssen sie liegen“, murmelte er, „ich hatte sie bestimmt hier hineingelegt.“ Angesichts des feuchtkalten Wetters war es nur zu verständlich, dass er den Rasen mit Handschuhen mähen wollte. Vielleicht lag es ja an diesem neuen Apparat.

„Elektrisch“, erklärte der Hausherr nonchalant, „aber die heutigen Geräte haben natürlich keine Schnur mehr. Das ist über Funk, oder so.“ Der neue Rasomat L205 hatte zwar einen ergonomischen Handgriff, ein außergewöhnlich formschönes Gehäuse und eine attraktive Zierlackierung, aber die Stromantenne war wohl im Innern verbaut. Es war wohl doch nur ein Akkumulator, der das Ding mit Energie versorgte. Da stand der Mäher auf dem Gras, unmittelbar vor der Kante des Rosenbeetes, und harrte auf den Einsatz. Wir stapften über das Grün, möglicherweise ein bisschen zu schnell, denn da hörte man den elektrischen Schnitter auch schon summen. „Sie haben ihn gar nicht ausgeschaltet?“ Horst Breschke schüttelte den Kopf. „Unseren Fernseher lassen wir nachts auch immer brennen.“

Manche hätten das Gras zu lang gefunden, manchen wäre es in diesem Augenblick auch zu nass zum Mähen gewesen. „Es ist auch ein bisschen früh.“ Zierte er sich etwa? „Dabei haben Sie mir doch vorgeschwärmt, wie flüsterleise dieser Mäher sei.“ Der pensionierte Finanzbeamte zierte sich in der Tat. Es musste sich um ein wirklich sehr leises Gartengerät handeln, so weit kannte ich ihn. „Man kann diesen Hebel einfach umlegen, es ist wie eine Art Automatikgetriebe, und dann startet es.“ Ich blickte voller Interesse auf das formschöne Gehäuse mit der attraktiven Zierlackierung. Vielleicht würde sich das Ding aus lauter Motivation in Bewegung setzen. Wahrscheinlich aber eher nicht.

„Laut Bedienungsanleitung kann man damit größere Flächen mähen.“ Wahrscheinlich handelte es sich da um mehrere Mäher, um sehr kleine Fußballfelder oder um eine suboptimal übersetzte Bedienungsanleitung. Breschke ruckelte an der Maschine, die offensichtlich Startschwierigkeiten hatte. „Es ist“, bestätigte ich, „tatsächlich noch ein bisschen früh. Diese modernen Geräte sind sicher besonders sensibel. Aber das muss ja für den Rasen nicht schlecht sein.“ Er schob den Mäher recht langsam vor sicher, genauer gesagt: es sah so aus, als schöbe er ihn, aber es war nicht auszuschließen, dass das Gelände sich unter dem Schneidewerk durch natürliche Erosion wegbewegte. Oder durch die Erdrotation. Oder es handelte sich um eine optische Täuschung. Jedenfalls kam der Mäher nur um wenige Fingerbreit voran, wobei er aber zum Ausgleich so gut wie gar nicht mähte, zumindest nicht im sichtbaren Bereich. Oder das Grad wuchs unterdessen besonders schnell wieder nach. „Ich werde jetzt mal ein bisschen schneller schieben“, kündigte Herr Breschke an und stemmte sich gegen den Bügel.

Der Mäher murrte wie ein altersschwaches Auto, das im dritten Grand den Berg hochfährt. „Vermutlich läuft das Ding auf Kriechstrom.“ Er schwitzte. Das Gras war unbestreitbar nass. Noch immer blieben zehn Meter bis zur Auffahrt, der Vortrieb lief langsam aus und die Stromversorgung des Rasomat L205 legte sich zur Ruhe. „Sie sollten erst einmal Schluss machen“, riet ich ihm. „Wenn Sie ihn jetzt aufladen, können Sie morgen früh in aller Ruhe weiterarbeiten. Das Wetter soll sich ja noch ein paar Tage halten.“

Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass der Mäher für die Rasenfläche hinter dem Haus nur fünfmal aufgeladen werden musste. Die Kante zum Zaun sowie das Stücken Grün vor dem Haus würden nochmals zwei bis drei Ladungen in Anspruch nehmen, so dass bei durchschnittlicher Ladezeit von sechs Stunden zwei Mähgänge pro Tag würden stattfinden können, die in eine Woche passten und sogar das Wochenende freiließen. „Und Sie müssen sich nicht so verausgaben wie mit dem alten Handschneideapparat“, fügte ich an. „Diese moderne Technik ist schon nicht zu verachten.“

Wütend stampfte Breschke ins Haus zurück. „Man kann die Batterie wechseln“, schnaufte er, „der Verkäufer hat das nämlich extra gesagt, man kann sie rausholen und dann mit dem Stecker direkt anschließen – genau das werde ich jetzt machen!“ Irgendwo in der Schublade musste sich auch die Bedienungsanleitung für den Mäher befinden, jedenfalls begann er das Kellerschränkchen zu durchsuchen. „Irgendwo muss es liegen“, schimpfte er, „diese Heftchen werden immer kleiner. Man weiß kaum noch, wo man sie aufbewahren soll.“ Immerhin fand sich das Faltblatt wieder an, nebst einem Werbeprospekt, der auch einen Ersatzakku anbot. „Genau das hat der Verkäufer gesagt, das ist die Batterie, und damit kann man nochmals fünfzig Quadratmeter…“ Er stockte. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Hersteller gleich die unverbindliche Preisempfehlung dazugeschrieben hatte. Ungläubig starrte Breschke in den Prospekt. Dann lief er schnurstracks über den Rasen. „Wollen Sie ihn gleich anschließen?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Lassen Sie mich mit diesem neumodischen Kram in Ruhe“, schrie er. „Dann kaufe ich mir doch lieebr ein Schaf!“