Goldes Wert

17 10 2018

„Wieder so ein neumodischer Schrott!“ Herr Breschke stopfte den Blumenstrauß in die Vase, und er tat es mit einer Wucht, dass man fürchten musste, sie kämen unten wieder heraus. Aber das wäre zu verschmerzen gewesen, von ihrem ansehnlichen Gewinn hätte sich das Pensionärspaar leicht ein Dutzend neue Vasen leisten können. Es war von der Einbauküche noch ein ganz hübsches Sümmchen übriggeblieben.

„Ich wäre ja lieber an den Gardasee gefahren“, klagte der Hausherr, „aber meine Frau wollte es unbedingt.“ „Sie müssen zugebene, dass die ganze Einrichtung einige Jahrzehnte lang nicht mehr renoviert wurde.“ Er schien meinen Einwand gar nicht zu hören. „Der Herd war doch noch wie neu.“ Dass man eine der vier Kochmulden nur mehr zum Warmhalten nutzen konnte und dass er sich, außer zur Bedienung der Kaffeemaschine, größtenteils aus der Küche heraushielt, tat hier nichts zur Sache. Der ehemalige Finanzbeamte blickte sich hilflos um und legte das Blumenpapier auf den Küchentisch. „Ich sehe ja ein, dass man mit der Zeit gehen muss, aber warum muss sie so ein modernes Zeug anschaffen?“

Er schien nachhaltig verstört, denn nicht einmal der unerwartete Lottotreffer brachte seine Laune zum Überschäumen. Im Gegenteil. „Achtundvierzig Jahre lang war hier der Geschirrschrank“, knurrte er, „und dann haben sie hier den Geschirrspüler eingebaut.“ Horst Breschke kratzte sich an der Stirn und schnaufte gewaltig. „Soll ich denn jetzt mein Geschirr direkt aus dem Spüler holen?“ „Das wäre mal eine Idee“, sinnierte ich, „nur bräuchte man dazu zwei Spüler.“ Er blickte mich verständnislos an. „Sie holen das saubere Geschirr aus dem einen Spüler“, erklärte ich, „und wenn es benutzt ist, stellen Sie es in den zweiten. Dann waschen Sie ab und wiederholen die Prozedur, nur umgekehrt.“ Das leuchtete ihm ein.

Dennoch hatte er sich noch nicht mit dem Interieur angefreundet. „Ich wollte Ihnen ja schon einen Tee machen, aber ich muss warten, bis nachher die Handwerker noch einmal kommen.“ Vielleicht hatten die das Teedöschen aus Versehen in eine der noch nicht erschlossenen Schubladen geräumt? Breschke schüttelte den Kopf. „Nein, aber Sie kommen sicherlich selbst darauf. Setzen Sie doch schon mal das Teewasser auf.“ Statt eines Kochers, wie er in fast jeder halbwegs zeitgemäßen Küche zu finden gewesen wäre, stand ein Kessel auf dem Herd, blau emailliert, auf der Tülle die vorschriftsmäßig sitzende Pfeife. „Sehen Sie es?“ Mir fiel nichts auf. Vielleicht hatte ich den Kessel auf das falsche Feld gestellt? „Sie haben vergessen, die Knöpfe anzubringen“, schimpfte er. „Wie soll man denn den Herd anstellen, wenn…“ Ein paar Sekunden später begriff Herr Breschke, dass sich das Gerät leicht mit dem Finger bedienen ließ, wenn man auf die dazu angebrachten Symbole drückte. „Sehen Sie“, erklärte ich, „das ist rechts hinten, und damit stellen Sie die Stufe ein.“ Ein leichtes Glühen färbte das Kochfeld rot. „Dazu haben die Geld“, ereiferte sich der Alte, „Kochen mit Beleuchtung!“

Ansonsten hatte sich wenig verändert. Der alte Kunststofffußboden war ebenso geblieben wie die wackeligen Stühle. „Wenn ich das gewusst hätte“, jammerte Breschke. „Wir hätten doch einen ganz normalen Herd nehmen können, nicht einen mit neun Stufen!“ Langsam erhitzte sich das Wasser. „Das geht jetzt allerdings auch schnell – wenn wir jetzt auf Stufe Neun kochen und nicht mehr wie vorher mit der Drei, kann man dann die Kochzeit eventuell verkürzen?“ Er grübelte; bevor ich noch eine Antwort geben konnte, fiel es ihm ein. „Ich werde das morgen früh mal versuchen. Wenn man nämlich die Kochzeit für die Frühstückseier zu zwei Dritteln spart, dann ist dieser neue Herd ja doch zu etwas gut. Der spart ja nicht nur Zeit, der spart dann auch Energie, nicht wahr?“

Wie gut, dass sie sich nicht auch noch eine neue Waschmaschine gekauft haben. Da knirschte auch schon der Schlüssel im Haustürschloss: Frau Breschke kam rechtzeitig. Rasch huschte sie über den Flur, bevor sie die Einkäufe die Kellertreppe hinabtrug. „Wenn wir tatsächlich so viel Strom sparen“, sinnierte der Hausmann, „dann könnten wir uns in einem Jahr neue Stühle anschaffen, oder nein, warten Sie mal – wir haben doch auf dem Dachboden noch einen Schnellkochtopf!“ Breschke machte Anstalten, das Ding sofort in die Küche zu schleppen. „Wenn wir damit die Eier doppelt so schnell kochen können, dann hieße das ja, dass wir nur noch maximal zwei Minuten, und das ist ja so gut wie nichts, wenn man bedenkt, dass wir vorher immer eine Viertelstunde auf die Eier warten mussten!“

Ein schriller Schrei hielt ihn davon ab, die Treppe zu erklimmen; im Nu war er in der Küche. „Das Blumenpapier!“ Frau Breschke ließ die halben Wasservorräte der Stadt über den leicht bräunlichen Bogen rinnen. „Du hast das Blumenpapier auf die heiße Herdplatte gelegt!“ „Die war doch nicht an“, schrie er zurück. „Die hat nur geleuchtet.“ Es roch ein bisschen kokelig, ansonsten war nicht viel passiert. „Sehen Sie“, knurrte er. „Das kommt dabei raus, wenn man so neumodisches Zeug anschafft, das nicht zwischen einem Teekessel und einem Blumeneinwickelpapier unterscheiden kann!“ Er warf den klatschnassen Papierklumpen in den Müll. „Kommen Sie mit.“ Breschke griff nach dem Haustürschlüssel. „Ich kaufe jetzt eine Kochplatte. Sicher ist sicher!“

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Die totale Erinnerung

5 09 2018

„Ich kann mich so nicht konzentrieren!“ An guten Tagen verlegte Anne die Autoschlüssel, an sehr guten auch gleich das Diktiergerät. Meist fand sich eins im Kühlschrank wieder – die Autoschlüssel hatten sich trotz des elektronischen Krimskrams, mit dem man seinerzeit wohl auch zum Mond hätte fliegen können, erheblich besser gehalten – und das andere irgendwo anders, denn die Kanzlei war recht groß. Und da waren nicht einmal die Schubladen eingerechnet.

Luzie litt stumm. Seit dem letzten Abend zog ihr Backenzahn eine Spur von Schmerzen bis ins linke Ohr, aber sie hatte es nicht geschafft, um ärztliche Hilfe zu bitten. Sie hätte das Telefon ans linke Ohr halten müssen, und das ging gerade nicht. Vielleicht würde sie bis zur Mittagspause durchhalten, aber das wusste bis jetzt noch keiner. „Wo sind denn die Mietverträge“, stöhnte Anne. „Wenn gleich Doktor Hutmacher kommt, will er alles unterschriftsreif auf dem Tisch haben.“ „Ich weiß es doch“, wimmerte Luzie Freese. Die sonst vorlaute Bürovorsteherin, die mit dem Kürzel luziefr zeichnete, hatte ernsthafte Qual. Wer weiß, wie lange sich das noch hingezogen hätte.

Plötzlich aber flog die Tür auf. Keiner hatte ihn kommen hören, es war eigentlich auch gar nicht möglich, die Türe von außen zu öffnen, ohne dass Luzie auf den Summer gedrückt hätte. Möglich, dass sie es getan hatte und sich nicht mehr daran erinnern konnte, aber dafür gab es keinen Beweis. Doktor Hutmacher, der große Impressario, stand mit Hut und Mantel im Vorraum. „Ihnen geht’s ja nicht so gold“, bemerkte er knapp. Luzie nickte. Was hätte sie auch tun sollen.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Er legte den Mantel über einen Stuhl und ließ die Fingerknöchel knacken. „Ich kann Ihnen nichts versprechen, und es ist auch schon ein bisschen her, seitdem ich das zum letzten Mal gemacht habe, aber wir könnten es wenigstens mal versuchen.“ Als guter Theatermann hatte er natürlich ein Stück Zwirnsfaden in der Jackentasche; er zog einen Manschettenknopf aus dem Hemdsärmel, knotete ihn am Faden fest und hielt ihn Luzie vors Gesicht. Anne blickte skeptisch auf die Installation. „Hypnose“, murrte sie. „Ganz billiger Trick, oder haben Sie in der anderen Tasche auch noch Zuckerkügelchen.“ Hutmacher ließ sich nicht beirren. Mit monotoner Stimme begann er die Prozedur. Der Manschettenknopf pendelte langsam hin und her, hin und her. „Der Kopf wird frei“, murmelte er. „Sie sehen nur auf die Bewegung und vergessen, woran Sie gerade denken.“ Hin und her, hin und her. „Wenn ich mit den Fingern schnipse, wachen Sie auf und können sich an nichts mehr erinnern.“ Er stoppte das Pendel und schnipste mit den Fingern. Anne zuckte zusammen. „Die Akte Grützner“, sagte sie. „Ich weiß jetzt wieder, wo die Akte Grützner abgeblieben ist.“ Sie ging schnurstracks in die kleine Kammer neben der Küche, griff ins obere Regalbrett, wo neben dem Werkzeugkasten das Ersatzradio stand, eine Schachtel mit inzwischen bröselnden Gummiringen und eine Dose Klarlack, und zog die Akte hervor. „Als ich neulich den Klarlack gesucht habe für das Tischchen, muss ich die Akte beim Umräumen dort deponiert haben.“

Luzie fühlte vorsichtig mit der Zunge nach der Haltbarkeit ihres Zahns. Leider hatte die Hypnose den Schmerz nur wenig lindern können. „Aber die kleine Blumenvase, die sonst immer im Regal stand, die hast Du nicht mit nach Hause genommen, die steht in der Küche.“ Mit einem Satz war sie am Schrank, öffnete die mittlere Tür und rückte einen Stapel Kuchenteller beiseite, hinter denen sich besagtes Gefäß anfand. „Ich muss sie jeden Tag gesehen haben, sie ist mir nie bewusst gewesen.“ „Irgendwas muss schief gelaufen sein“, wunderte sich Doktor Hutmacher. „Sonst funktioniert das immer.“ „Lassen sie mal“, nuschelte Luzie. „Mit etwas Glück findet sie noch das Bernsteinzimmer.“ „Aber wenn das anhält?“ Er war doch ein bisschen besorgt. Ich tröstete ihn. „So neu ist das alles nicht, wir kennen uns schon ein bisschen länger und sie hält mir immer noch Dinge vor, die ich vor zehn Jahren gesagt habe.“

Eine Viertelstunde später war der Aktenschrank so gut wie vollständig, die Kanzlei hatte wieder einen Bleistiftanspitzer, und die Akkus, die Luzie für das Telefon gekauft hatte, fanden sich auch wie von selbst in der Besteckschublade wieder. „Die Kuchenrezepte sind übrigens im Order mit den Abrechnungen für Mai, der im Verzeichnis mit den Strafakten und Husenkirchens Hochzeitsfotos liegt.“ Hutmacher war schwer verwirrt. „Ich sollte vielleicht noch mal…“ „Die Fahrkarte“, platzte es aus Anne heraus, „die Fahrkarte ist nicht weg, sie befindet sich im Innenfutter Ihrer Jacke. Die linke Tasche hat einen kleinen Schlitz, durch den ist sie durchgerutscht. Sie sind also eigentlich gar nicht schwarzgefahren.“ „Langsam wird es unheimlich“, stammelte Hutmacher. „Lassen Sie“, wandte ich ein. „Sie hat durchaus Talent, hier entwickelt sich gerade ein zweiter Sherlock Holmes.“ Hastig schnipste er mit den Fingern. „Aufwachen!“

Luzie war einigermaßen schmerzfrei. „So lange sollten wir jetzt aber nicht mehr warten.“ Alle nickten, Luzie inbegriffen. „Gut“, beschloss Anne, „schnell die Unterschriften, dann sperren wir den Laden bis heute Nachmittag zu und ich bringe sie schnell in die Stadt.“ Doktor Hutmacher montierte seinen Manschettenknopf, Anne durchwühlte hektisch ihre Handtasche. „Wenn ich nur meinen Autoschlüssel finden würde.“





Fremdenverkehrt

21 08 2018

Luzie kicherte. „Kniffke bringt diesmal sicher einen Beamer mit.“ Anne verdrehte die Augen. „Hör bloß auf“, stöhnte sie. „Noch einmal quer durch den Schwarzwald und zurück, das halten meine Nerven nicht aus.“ Ich wollte längst wieder gegangen sein, da läutete es auch schon an der Tür. Noch hätte ich die Möglichkeit gehabt, Reißaus zu nehmen.

Aber da war es zu spät. Kniffke, Großgrund- sowie Hausbesitzer und deshalb mit einem sehr kleinen, sehr karierten Hütchen ausgestattet, betrat in apokalyptischer Fröhlichkeit die Kanzlei. „Sie sehen ja fantastisch aus“, jubelte er, „wo waren Sie denn im Urlaub?“ Noch bevor Luzie hätte Luft holen können, fiel er seiner Anwältin um den Hals. „Mallorca, ja? Wusste ich’s doch!“ „Pyrenäen“, gab Anne trocken zurück, „und zwar im Herbst.“ Davon ließ sich Kniffke nicht abhalten, er zog einen Stoß Ansichtskarten, Quittungen und Bierdeckel aus der Manteltasche. „Langenscheid“, jodelte er. „Ich sage nur: Langenscheid!“ Anne begriff nicht. „Also wenn ich ins Ausland fahre, dann lerne ich doch ein paar Worte, um mich zu verständigen.“ Kniffke grinste von einem Ohr zum anderen. „Nein, bei Birlenbach, also in der Nähe von Diez. Das ist ja bei Limburg fast um die Ecke, wenn man unterwegs ist von Butzbach nach Koblenz, nicht wahr?“ „An der Mosel?“ Luzie biss sich auf die Zunge. „Natürlich nicht“, korrigierte Anne. „Am Rhein.“ „Limburg“, dozierte Kniffke, „liegt immer noch an der Lahn, aber Sie kennen sich da besser aus.“

Der Trick funktionierte immer wieder. Ich hatte es erst hinterher erfahren, aber genau das war Kniffkes Kunstgriff. Was nun folgen würde, war ein beim Erdaltertum einsetzender Vortrag über deutsche Lande unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalt, garniert mit Postkarten, pointenfreien Anekdoten, absonderlichen Flur- und Straßennamen sowie einem ewig wiederkehrenden Lamento über die Unbeständigkeit des Wetters. „Ja, wenn man wie Sie immer nach Mallorca jettet, dann liegt man immer schön in der Sonne, aber direkt an der Grenze von Hessen zu Rheinland-Pfalz, in Hambach, Sie wissen schon, hatten wir auf einmal einen Regenschauer, das können Sie sich nicht vorstellen!“ Er zwinkerte. Er zwinkerte nochmals. „Das Hambach, verstehen Sie? Also nicht das, sondern das, ich meine: nicht dieses, also jenes eben, ja!?“ Und langsam begriff ich auch, warum er ein gern gesehener Gast war, sobald er ging.

„Sie“, und er tippte mir dabei auf die Brust, „Sie sind wahrscheinlich immer nur in Südfrankreich unterwegs, nicht wahr? Sagen Sie nichts, ich kenne Ihre Art – Mittelmeer, wahrscheinlich mehrmals im Jahr, aber was sage ich.“ „Nicht ganz“, entgegnete ich. „Eigentlich bin ich ausschließlich im Norden, und auch da habe ich meine bevorzugten Gebiete. Es gibt an der Küste ganz bestimmte Ortschaften, die würde ich Ihnen zu gerne verraten, aber wer weiß, dann sind sie bestimmt bald kein Geheimtipp mehr.“ Neugierig glotzte Kniffke mich an. Gut, dann würde ich also auspacken müssen. Ich zupfte ein Blatt Papier aus Luzies Drucker und zog einen Stift aus der Tasche. „Hier“, erklärte ich und zog eine gekräuselte Linie am linken Rand, „hätten wir dann die Küste, und dort gegenüber, das geht dann in Richtung Meer.“ Angestrengt folgte er meinen Ausführungen. Vielleicht schmiedete er bereits Reisepläne?

In der Tat war die Zeichnung etwas verworren, aber wer außer mir wusste das schon. „Wenn man nämlich von hier aus bei Kronsmoor losfährt, ist man schnell in Münsterdorf, aber man muss nur auf dem richtigen Weg bleiben, und schon ist man in Heiligenkampstedt.“ Er nickte. „Da waren wir mal, muss gut zwanzig Jahre, ach was, viel länger, und damals war das schon eine Attraktion.“ Das Nest hieß Heiligenstedtenerkamp, ich hatte es in der Hektik schlicht verwechselt, womit auch immer. Allein das tat der Sache ja keinen Abbruch. „Sie fahren dann immer so in Richtung Elbe, das ist gar nicht zu verfehlen, und kurz vor Krumpelstede taucht eine große Windmühle auf, da halten Sie sich dann links und biegen in die Allee ein, die nach Böhringsbüttel führt.“ Anne nickte. „Sehr schön“, bestätigte sie. Kniffke seinerseits nickte noch viel heftiger. „Famose Gegend“, freute er sich und rieb sogleich die Hände. „Das ist doch bei – wie hieß dieser Ausflugsort noch gleich?“ Ich kritzelte ein bisschen auf der entstehenden Landkarte herum. „Also wenn das hier“, sagte ich und deutete auf ein Kreuz mit zwei Pfeilen, „wenn das hier die Straße nach Eddelhusen ist, biegen Sie hier Wödelwurth ein und kommen da an der Kanalbrücke raus, wo der Feldweg in Richtung Diekstede-Kaakbek abgeht, aber Vorsicht!“ Ich beugte mich zu ihm herüber. „Hier“, flüsterte ich verschwörerisch und kringelte dünn auf dem Papier herum, „ist die alte Mühle von Klütenkoog nach der letzten Sturmflut hingezogen, den berühmten Wülsterer Knusperkäse kriegen Sie da nur noch am Samstag!“ Hastig griff er nach dem Papier. „Ich muss das mit meiner Frau besprechen“, keuchte er. „Wir haben im Herbst nur noch drei Tage Urlaub, das muss man nutzen!“ Und schon war er fort.

„Und Du hast wirklich gar kein schlechtes Gewissen?“ Ich schaute Anne entgeistert an. „Ich bitte Dich“, antwortete ich mit großer Verwunderung, „selbst wenn er in dieser Einöde die Müllverbrennungsanlage entdecken sollte, was will er da am Wochenende schon groß anrichten?“





Krieg und Frieden

8 08 2018

„Wie soll ich das denn abholen?“ Er raufte sich die Haare; viel war bei Herrn Breschke nun nicht mehr vorhanden, allein zu dieser Rauferei reichte es aus. „Sie haben bis zum Wochenende gewartet, dann waren es noch zwei Tage, dann hatte ich die Karte im Briefkasten – und jetzt finden sie das Paket nicht mehr wieder?“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, blickte den alten Herrn aus treuen und traurigen Augen an. Was tun?

„Das war doch wieder so ein Paketbote, der hat gar nicht an der Tür geklingelt, der hat einfach die Karte eingesteckt.“ Ich begutachtete das Kärtchen, es war noch dazu falsch abgestempelt, da offenbar einen Tag vor der Auslieferung schon die Signatur des Paketboten eingetragen wurde. „Sie suchen alle schweren Sendungen bereits vor der Tour raus“, mutmaßte ich, „und lassen sie selbst abholen.“ Breschke schluckte. „Ich kann doch nicht…“ „Wir werden das anders lösen“, beschloss ich. „Geben Sie mir mal das Telefon.“

Eine halbe Stunde später wurde mir klar, dass künstliche Intelligenz die einzige Rettung für die Menschheit sein würde. Natürliche hatte es nicht bis in die Innenseite der Schädel von Paketboten, Kundenberatern und einer unter chronischem Verstandesverlust leidenden Sprechpuppe aus der Rechtsabteilung des Logistikkonzerns geschafft, die uns rieten, das Paket bis spätestens vorgestern abzuholen, da sich sein Standort wegen der falsch ausgefüllten Karte leider nicht mehr herausfinden ließe. „Sie meinte, wir sollten beim nächsten Mal einen anderen Paketboten wählen.“ Die Oberlippe des Pensionärs zuckte bereits unkontrolliert. „Das lasse ich mir nicht bieten“, knurrte ich. „Fahren Sie schon mal den Wagen vor.“

Die Paketstation befand sich eine Minute vor der Mittagspause, als wir eintrafen. „Sehr gut“, sagte ich, zog die Karte aus der Jackentasche und betrat den Vorraum. Schon schlenderte fröhlichen Blicks eine Angestellte auf die Tür zu, um alle Kundschaft für eine Stunde von ihren Rechten auszuschließen. „Schnell“, rief Herr Breschke, „sie schließen Ihnen die Tür vor der Nase zu!“ „Das will ich sehen“, gab ich zurück. Ich öffnete ein paar Hemdknöpfe, setzte die Sonnenbrille auf und stand plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor der Postfrau. „Skladusnje padorowuskji?“

Sie riss die Augen auf. „Jetzt ist aber…“ „Mnje jadatj’ gownaja brjatsk?“ Wir befanden uns im Nu wieder am Verkaufstresen, wobei sie einerseits hinter jenem Platz genommen und andererseits den Weg dorthin rückwärts zurückgelegt hatte. „Die Karte, ich brauche bitte eine Karte!“ Ich reichte ihr das Schriftstück. „Das kann nicht sein“, urteilte sie. „Sehen Sie hier, der Stempel ist ja am Tag vorher, da können wir, also das ist gar nicht…“ „Gownaja brjatsk“, entgegnete ich lächelnd, „rawustaja wse kusnizkij!“ Ich zwinkerte ihr sogar ein wenig zu, nur ein wenig. Man soll in solchen Situationen mit dem Charme vorsichtig sein, hatte ich mir sagen lassen. Am Ende käme es zu Missverständnissen.

Noch immer hatte sie die Karte nicht aus den Augen gelassen. Möglicherweise war ihr bereits aufgefallen, dass sich das besagte Paket noch im Lager befinden musste. „Sie wollen ein Paket“, begann sie langsam, „ich habe hier kein Paket. Sie müssen telefonieren mit Hotline, dann bekommen Sie Paket.“ Ich runzelte die Stirn. Diese Angestellte sprach mit mir, als wäre ich zu dumm für sie. „Skladusnje brasat’!?“ Mein Unterton war schon etwas drohend, sie blieb jedoch aufrecht hinter dem Tisch stehen. „Vielleicht könnte Herr Gruschitzki… Herr Gruschitzki?“ Das dickliche Männchen kam von hinten in den Schalterraum gerollt und tat sehr groß. „You speak Russish?“ „Njas pomoj ognoroz dat’ schtschukaja.“ „Peut-vouz Française?“ „Njas“, bellte ich zurück, nunmehr schon leicht ungehalten. „Njas pomoj, zakurtschnaja brjas!“

Vielleicht wäre die Stimmung in diesem Moment gekippt, hätte ich nicht mit dem Finger auf die Paketnummer gezeigt. „Gownaja“, sagte ich sehr bestimmt. Ein Moment der absoluten Stille trat ein, als sich die beiden stumm ansahen. Der Kleine schüttelte den Kopf. „Njas pomoj, njas gownaja brjatsk?“ Sie schüttelten beide. „Gownaja brjatsk“, wiederholte ich, bei jeder Silbe heftig mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte hämmernd. Wieder schwiegen sie. Überraschend packte ich ihn am Kragen und zog ihn halb über den Tresen. „Snagusnaja paruschni“, schrie ich, „schatjuschki na wojna!“ Hatte meine Explosion den plötzlichen Sinneswandel ausgelöst, so ging es nun doch recht schnell. In Sekunden verschwanden beide im Lagerraum, wo heftiges Poltern eine angeregte Suche zwischen Päckchen und Paletten andeuteten. Kurz danach wuchtete die Dame einen erheblichen Karton auf den Tresen. „Bittsjaka sehrskaja“, stotterte sie, „gutt?“ Ich nickte. „Danka scheen“, antwortete ich gönnerhaft, schmierte auf die Karte schnell einen unterschriftsähnlichen Kringel und schulterte das Ding.

„Ich verstehe es wirklich nicht“, wunderte sich Horst Breschke, während der Wagen langsam vom Parkplatz rollte. „Wenn das Paket doch angeblich gar nicht hier war, wie können sie es Ihnen dann gegeben haben? Gibt es da irgendein Geheimnis?“ „Ich verrate es Ihnen“, antwortete ich. „Man muss mit diesen Leuten in der Sprache reden, die sie verstehen.“





Männer und Technik

31 07 2018

„Wenn das die Mandanten sehen!“ Luzie rümpfte die Nase. „Tun sie aber nicht“, antwortete sie schnippisch, „oder kriechen die unter meinen Tisch?“ Ungerührt stellte sie die Füße wieder in den Eimer. Endlich Kühlung.

„Ich kann sie ja verstehen“, seufzte Anne, „aber was mache ich, wenn ich mal eine Akte von ihr brauche?“ Das Beratungszimmer war nach der Nacht mit geschlossenen Fenstern ein Kubus aus schnittfester Luft, dass man bereits beim Betreten dumpf und dösig wurde. „Sie wird sich die Beine abtrocknen, den Rock…“ Anne hob unmerklich die linke Braue, ein sicheres Zeichen dafür, dass man nicht aufgepasst hatte. „Also sie krempelt sich die Hosenbeine herunter, dann sucht sie ihre Schuhe und…“ Annes Gesicht tanzte. Ich hielt besser den Mund. „Demnächst wird sie in Schwimmflossen durch die Kanzlei klatschen“, knurrte sie. „Das kann man den Mandanten wirklich nicht mehr zumuten. Und ich bin hier immer noch die Chefin, so sehr ich es bedauere.“ „Da bist Du nicht die einzige“, antwortete ich versonnen. Vielleicht war es doch schon ein bisschen zu warm.

Der angestaubte Karton in der Zimmerecke ließ keinen Zweifel zu. Es war bereits für Abhilfe gesorgt worden, die Temperaturen der nächsten Tage sollten noch einmal rekordverdächtige Höhen erreichen. „Husenkirchen hat endlich sein Büro geräumt“, verkündete Anne stolz. „Ich habe sozusagen seine ehemalige Einrichtung geerbt.“ Neben einer spröde bröselnden Schreibtischleuchte in nostalgischem Grün fanden sich allerhand große Briefbeschwerer, Buchstützen und ein riesiger Ventilator. Das Gerät sah unter der leichten Schicht von Staub und Patina aus, als hätten Alexander der Große und Richelieu im Schein einer Tranfunzel davor den Frieden von Versailles ausgewürfelt. Der Stecker war nicht mehr ganz mit der aktuellen Stromversorgung kompatibel, aber was macht’s – zwei Kabel, Plus und Minus, und der Spaß konnte beginnen. Anne ließ sich da nicht irre machen.

„Ich besorge ihr den Schraubendreher schon mal nicht“, knurrte Luzie. Das war auch verständlich, da sie im Zweifel für die Ideen der Strafverteidigerin würde geradestehen müssen. „Als sie das Faxgerät selbst programmieren wollte, hatten wir danach ständig Rückrufgespräche aus Taiwan. Und diese eben merkliche Verformung im Küchenboden stammt von der neuen Espressomaschine.“ Sie sah mich über den Rand ihrer Brille bedeutungsvoll an, und wer wusste, dass die so kleine wie kraushaarige Bürokraft Luzie Freese, die luziefr zu zeichnen pflegte, es immer und grundsätzlich ernst meinte, der ahnte, hier bahnte sich Interessantes an.

„Man muss dieses Gitter irgendwie fixieren“, mutmaßte Anne, „hier ist eine kleine Schraube, nein, nicht die – hier, diese kleine Schraube, die ist jetzt aber gerade unter den Schreibtisch gefallen, wie gut, dass da ein Teppich liegt. Du findest sie bestimmt wieder.“ Die Sonne war noch nicht unwiderruflich hinter dem Horizont eingesunken, die letzten Strahlen beleuchteten die Westwand des Büros, da zog Anne den Stecker des mondänen Deckenfluters aus der Dose und präsentierte stolz das Ende des strombetriebenen Umluftgeräts. „Du hast das doch nicht…“ Ein Nicken ließ mich zusammenzucken. Sie hatte tatsächlich mit Hilfe eines Taschenmessers – meines Taschenmessers, ich begann es erst in diesen Augenblick wieder zu vermissen – einen Stecker an das braungraue Kabel aus Großvaters Zeiten geschraubt. „Ich muss es nur noch in die Dose stecken“, kicherte sie, „Männer und Technik passen ja offensichtlich nicht immer so gut zusammen.“

Eine Viertelstunde später, Luzie hatte mit Hilfe der akkubetriebenen Bauleuchte recht schnell die Hauptsicherung im Keller des Anwesens gefunden, stand der Quirl auf Annes Schreibtisch. „Das mit dem Kabel kann ja immer mal jedem passieren“, maulte sie. „Die sind halt kompliziert.“ „Ich möchte trotzdem nicht, dass Du dieses Ding aus dem technischen Museum auf Deinen Schreibtisch stellst“, ließ ich sie wissen. „Es sieht einfach falsch aus.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Wir werden ja sehen“, meinte sie schnippisch und ließ sich auf dem Sessel nieder, „ich werde jetzt erstmal die Klageschrift von – wo ist eigentlich die Akte?“

Kaum hatte Anne sich erhoben, begann der Ventilator zu schnurren, erst leise, dann kollernd, innerhalb weniger Sekunden jedoch mit einem sonoren Röhren, als bräche gleich eine Turbine aus der Unwucht aus. Ein Krachen, und wie Schrapnell spritzten die Splitter der Windflügel durch das dünne Drahtgitter. Ein paar der scharfkantigen Teile blieben in der Tapete hinter dem Schreibtisch, ein größerer Metallkeil in der Sessellehne stecken, etwa in Augenhöhe.

„Nein!“ Anne hielt sich an meinem Arm fest. „Du hast noch einmal Glück gehabt“, stellte ich fest. „Für dieses Experiment einen fabrikneuen Ventilator zu kaufen und künstlich nachaltern zu lassen wäre sehr kostspielig gewesen.“ Sie sagte nichts. „Vielleicht sollte ich doch die technischen Geräte hier besser im Auge behalten.“ Und sie durchsuchte den Aktenschrank, guckte in der Küche wie in der kleinen Abstellkammer und ließ sich erschöpft in den durchbohrten Sessel fallen. „Du hast ja recht“, sagte sie kleinlaut. „Haben wir eigentlich noch einen Eimer?“





Der Alte von Ipanema

5 07 2018

„Das hält ja sonst nicht.“ Horst Breschke stakste in seiner knielangen Badehose über den Rasen zu dem kleinen Tischchen auf der Terrasse, wo sich die Tube befand. Er rieb sich kräftig die Arme ein, wobei er jede Menge Gartenerde auf der Haut verteilte. Kein Wunder, hatte er doch zuvor eine gute Stunde lang Unkraut gezupft.

Dies und die Tatsache, dass der alte Herr zu diesem Ensemble wie stets ein braun kariertes Hütchen trug, ließen mittelfristig ein Einschreiten unabdingbar erscheinen. „Sie hat wohl keinen Garten“, murrte er, „sonst hätte mir die Hausärztin nicht diesen unsinnigen Ratschlag gegeben.“ Herr Breschke hatte die Medizinerin konsultiert, da es um eine winzige Veränderung an einem Leberfleck ging, der ihm auf der rechten Schulter saß. Nichts Schlimmes, wie sie meinte, er solle sich nur immer gut eincremen bei der Gartenarbeit. „Ich habe nun wirklich alles ausprobiert“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber meine Frau geht mir auf die Barrikaden, wenn ich jeden Tag mit verschmierten Hemdsärmeln ankomme.“

Die Cremetube trug neben dem stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen und einem fetten Kind, das sich just mit der Cremetube, die den stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen trug, auf dem sich ein Kind mit der Cremetube… – jedenfalls war die Aufschrift eindeutig chinesisch, und so schien es nur logisch, dass Breschkes Tochter das Elixier von einer Geschäftsreise nach Brasilien mitgebracht hatte, wo es auf einem Marktstand feilgeboten wurde. Das Ablaufdatum dieser stark nach Jasmin und alten Fahrradreifen duftenden Flüssigkeit hatte sich vermutlich schon in der Sonne aufgelöst. „In Südamerika hat’s ja ganz andere Temperaturen“, sinnierte Breschke. „Und der Brasilianer an sich ist am Strand ja größtenteils unbekleidet, die wissen schon, was für eine Creme sie benutzen müssen.“ Ich stellte das Tübchen wieder auf den Tisch. „Der Brasilianer an sich hat zwar einen etwas anderen Hauttyp“, erklärte ich, „aber es gibt da eine uralte Landessitte: man cremt sich ein, und dann lässt man die Sache auch einziehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann doch hier nicht im Liegestuhl in der Sonne warten, da schlafe ich glatt ein. Wissen Sie, wie gefährlich das ist?“

Vor meinem inneren Auge lag Breschke sanft schnarchend im Klappstuhl, ein Dutzend Damen fächelte ihm mit gemopsten Hotelhandtüchern Kühlung zu oder sorgte für ausreichend Schatten, damit der Alte von Ipanema keinen Sonnenstich bekäme. Im Hintergrund stapfte ein fettes Kind durch den Sand, das eine Cremetube mit sich trug, auf der ein stilisierter Drache aus Sonnenstrahlen abwechselnd sich selbst und viele fette Kinder verschlang. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange in der Mittagssonne gestanden.

„Das Komplizierteste ist ja die Kopfhaut.“ Herr Breschke lüftete vorsichtig seinen Hut, in dessen Krempe eine verschachtelte Konstruktion aus Papiertaschentüchern und Frischhaltefolie klemmte. „Es gibt ja neuerdings Spezialprodukte gegen den Kopfhautsonnenbrand“, kicherte er, „aber ich bin ja nicht dumm. Da tut’s doch normale Sonnencreme auch.“ Also hatte er sich den haarlosen Scheitel mit der Sonnenlotion kräftig eingerieben, bevor er die Sache mit dem inneren Hutschoner aufsetzte. Um sich nicht in Schmierigkeiten zu bringen, dichtete er das Gebilde doppelseitig ab. Darin war der Alte perfekt. Auch wenn es ein bisschen mehr Aufwand mit sich brachte.

Allerdings hatte die Sache einen Haken. Diese ominöse Drachenmilch war derart dünnflüssig, dass sie gar nicht erst auftrocknete. Horst Breschke kniete nun vor dem Rosenbeet und auf dem Rasen, wobei er sich im Viertelstundenrhythmus selbst panierte, um dann wieder eine neue Schicht von der Sonnencreme aufzutragen. Immerhin hatte er noch ein gutes Dutzend Tuben im Keller lagern, das Tochterkind war wie immer gründlich gewesen beim Kauf; vielleicht gab es auch 143 Tuben zum Preis von 142, da kann man ja nicht widerstehen, zumindest nicht in Brasilien. Doch das würde nicht den ganzen Sommer lang halten. „Und ich kann doch den Garten nicht im Stich lassen, nur weil die Sonne scheint?“ „Natürlich nicht“, bekräftigte ich, „gerade im Sommer bedarf ein großer Garten der intensiven Pflege, und ich glaube, ich habe dafür auch schon die richtige Lösung. Warten Sie einen Augenblick, wir fangen gleich an.“

Anfangs weigerte er sich, in die rasch herbeigeschafften Badeschlappen zu steigen, doch beim Gedanken, dass seine Gattin ihm für die fettigen Fußspuren auf dem Flurteppich eine Strafpredigt halten würde, lenkte er schnell ein. „Und es sind nur ein paar Schritte“, besänftigte ich, „nur bis ins Bad.“ „Ins Bad?“ Skeptisch blickte er mich an. „Was soll ich da?“ „Sie können natürlich auch eine Stunde regungslos in der Sonne stehen und warten, bis das Zeug eingezogen ist, aber…“ „Und einen Sonnenstich bekommen?“ Schon lief er aufs Haus zu.

Rasch hatte Breschke sich abgebraust, die Spuren von Erde und Kosmetik gründlich beseitigt, und das bereitgelegte Unterhemd angezogen. „Man kann das waschen“, befand ich, „sogar Ihre Frau wird da nicht widersprechen. Und jetzt die.“ Ich reichte ihm seine gewohnte Strickjacke. „Sehr gut“, lobte er. „Kommen Sie, wir wollen gehen.“ „In den Garten?“ Breschke winkte ab. Er langte nach dem Haustürschlüssel und der Geldbörse. „Nein, gleich in die Drogerie. Wir brauchen eine vernünftige Sonnencreme.“





Schatten der Vergangenheit

14 06 2018

„Drei Stück, das müsste ungefähr ein Meter sein.“ Herr Breschke stellte die Blumentöpfe in den Wagen. „Und Schmetterlingsflieder – meine Frau hat sich den schon im vergangenen Jahr so sehr gewünscht, und dann ist er einfach…“ „Hotte!“

Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es ein kleiner, dicker Mann in einem grünen Pullover war, wie ihn alle Angestellten in diesem Gartencenter trugen, und ich musste auch nicht zur Seite blicken, um zu ahnen, wie der alte Herr zusammengezuckt war. Uns näherte sich ein deutlich verlebter Rentner mit knolliger Nase und rot geädertem Gesicht, dessen freudige Erregung in bizarrem Kontrast stand zu Herrn Breschkes vor Schreck verkrampfter Miene. „Alte Hütte“, johlte der Aushilfsverkäufer, „dass Du noch oberhalb der Radieschen bist, hätte ich ja auch nicht gedacht!“ Breschke schüttelte die ihm aufgedrängte Pranke, wobei ihn Unlust befiel, ziemlich Unlust, und er wand sich, dem Dicken die Hand wieder zu entziehen. „Karl“, krächzte er. Damit war auch schon alles gesagt, es hätte ein netter Nachmittag bleiben können, und doch: die Gefahr war da. Er hatte sie eindeutig identifiziert.

Und schon ging es los. Karl klopfte ihm auf die Schulter, als habe er ein altes Pferd vor sich. „Nee“, jodelte er unbekümmert weiter, „wenn ich das zu Hause erzähl, die werden Augen machen, obwohl: nee, was meine Frau ist, die kennt ihn ja gar nicht.“ Was kein Wunder war, hatten die beiden sich doch gut vierzig Jahre lang nicht gesehen. Die Freude über die jähe Unterbrechung dieses Zustandes war dann auch eher asymmetrisch. „Wie wir damals noch im Kegelverein waren, da wollte ich ihn immer mal zu mir einladen, aber er hat gearbeitet.“ Fast bewundernd, ein bisschen mitleidig und sehr überrascht blickte er den Kegelbruder an. „Also tagsüber, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Wir müssen dann auch zur Kasse“, verkündete der pensionierte Finanzbeamte resolut. „Im Baumarkt wird’s nachher wieder so voll, und wir wollten doch noch…“ „… in den Seehafen“, sekundierte ich, „Fisch besorgen.“ „Ach“, entfuhr es Karl mit dem Ausdruck den Bedauerns, „schade – aber komm doch mal wieder, wenn ich keine Zeit habe.“ Und er lachte ein meckerndes, dünnes Lachen, zwar als einziger, aber er lachte. Ansatzlos hieb er ihm wieder die Hand auf die Schulter, dabei sprach er in verschwörerischem Ton zu mir. „Der hat doch damals die Rothaarige abgeschleppt!“ Breschkes Gesicht verzog sich, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. „Er spricht von meiner Frau.“ Ich nahm ihm langsam Karls Pfote von der Schulter. „Dann lassen wir die Sache jetzt mal besser auf sich beruhen, sonst sagt am Ende noch jemand irgendetwas, das ihm hinterher leid tun könnte, nicht wahr?“

Wir wandten uns zum Gehen; doch unser Verkäufer hatte kein Mitleid. „Das war nämlich so“, begann er. „Hotte konnte ja schon immer besser rechnen als kegeln, eigentlich konnte er alles besser als kegeln, aber das ist halt so.“ Breschkes Hals schwoll langsam an, aber ich konnte ihn noch gut im Zaum halten. „Sie kommen jetzt mal zum Punkt, wir können unsere Topfpflanzen auch woanders kaufen.“ Aber das hatte er wohl überhört. Oder die Schatten der Vergangenheit lasteten ein bisschen zu stark auf ihm. „Das war der spanische Likör“, kicherte Karl, „Hotte hatte einen zu viel erwischt, und dann hat er sich verrechnet, und dann musste er noch zwanzig Würfe machen, und dann…“ Wir blickten einander an. Horst Breschkes Augen verengten sich zu einem geradezu kaltherzigen Schlitz, als würde er aus ihnen jeden Moment mit Laserstrahlen einen Gegner in handliche Stücke schneiden. „Der Abend, an den er sich nicht mehr erinnert, richtig?“

Schnaufend baute Breschke sich auf. „Das war, als er diese… wie hieß sie noch gleich?“ „Heide“, grübelte ich, „das muss Heide gewesen sein. Sie hatte eine Abneigung gegen Doppelkorn, wenn ich mich recht entsinne.“ „Aber…“ „Und sie konnte verdammt gut zielen“, knurrte Breschke. „Und dann war da dieses Schwimmbecken auf der Rückseite des Hotels, in dem die Kegelbahn lag.“ „Und einer hatte plötzlich die Idee, aufs Dreimeterbrett zu klettern.“ „Natürlich freiwillig.“ „Natürlich.“ Jeden Augenblick hätte er uns bestätigt, dass die Geschichte, so sie denn wahr gewesen wäre, sicher ganz anders hätte verlaufen müssen. So aber tastete er sich ängstlich und rückwärts den Weg durch die Rabatten, wobei er auf den Chef stieß. „Ach nee“, rief er, „Sie hier?“ Kalle wimmerte. „Seit wann haben Sie denn einen Balkon?“ „Ach“, erwiderte ich, „ich helfe nur ein bisschen.“ Mit einem Aufschrei verschwand Kalle hinter dem Taxus. „Wir sollten jetzt in den Seehafen“, meinte ich, „da kennt uns wenigstens keiner.“