Unternehmensberatung

18 05 2021

Anne schlug die Tür zu. „Da sitzt die Mistbande“, knurrte sie. „Vierter Stock.“ Ihr Mandant hatte den Vertrag gutgläubig unterschrieben und dabei so gut wie sein ganzes Geld verloren. „Keine Chance“, erklärte sie. „Alles vollkommen wasserdicht, und das nur, weil er vorher nicht zu mir gekommen ist.“ Wir hatten das Ende des Parkplatzes erreicht. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Wir treffen uns in einer Stunde, dann wissen wir mehr.“

Im Foyer des Bürohochhauses hing eine Tafel, die den Sitz der Brummer GmbH wie erwartet für den vierten Stock auswies. Ich betrat den Aufzug, drückte auf den Knopf, und die Türen schlossen sich. Geschmeidig surrte der Lift nach oben. Da fiel mein Blick auf das Kärtchen, das auf dem Boden lag. Ich hob es auf und ließ es in die Jackentasche gleiten. Schon war ich angekommen. Die Türen öffneten sich. Ich trat heraus.

„Haben Sie einen Termin?“ Die Empfangsdame klang nicht nur schnippisch, sie sah auch so aus. Ich legte ihr wortlos das Kärtchen vor und sah sie an mit einem Blick wie zweieinhalb Ohrfeigen. Sofort stand sie auf und ging schnurstracks in ein Büro, aus dem ebenso schnell ein junger Mann gelaufen kam. „Wir hatten Sie nicht erwartet“, begrüßte er mich. „Ich weiß“, gab ich kühl zurück. „Aber das ist in Ihrem Haus ja nichts Neues.“ Er zuckte leicht zusammen. „Darf ich Ihnen etwas anbieten“, fragte er, und ich entschied mich für einen Kaffee. Er streckte unbeholfen seinen Arm aus und wollte mich in sein Zimmer bitten, aber ich wollte lieber seine Firma besichtigen. Wozu war ich denn den ganzen Weg hierher gefahren.

Ich sah mich um. „Sie haben Probleme mit dem Umsatz“, stellte ich fest. „Außerdem ist Ihr Produkt gar nicht für die Zielgruppe geeignet, die Sie ins Auge gefasst haben.“ Er wollte etwas entgegnen, aber es interessierte mich gar nicht. „Sie wollen ein junges, dynamisches Unternehmen mit einer jungen und dynamischen Zielgruppe sein?“ „Allerdings“, antwortete er, „wir sind einer der besten Anbieter auf dem deutschen…“ „Und genau da liegt Ihr Problem“, nickte ich. „Man ist entweder der beste Anbieter oder überhaupt nichts.“ Ich musterte ihn von oben bis unten. „Und Sie sind weder jung noch dynamisch. Sie sind nicht einmal ‚und‘.“

Offenbar wurde hier irgendetwas verkauft, ich wusste nur noch nicht genau, was. Vermutlich rief ein Dutzend junger Damen querfeldein Kunden an und beriet sie, wo sie wie viel Geld für was auch immer ausgeben sollten. „Veraltet“, befand ich. „Ich würde Ihnen keinen Cent zahlen, aber ich bin auch nicht Ihre Zielgruppe.“ „Sie erzählen immer von irgendeiner Zielgruppe“, herrschte er mich an, „von welcher Zielgruppe reden Sie hier eigentlich?“ Langsam verlor ich die Geduld. „Sie haben also keine Ahnung, wer Ihr Produkt nachfragt?“ Er schüttelte den Kopf. Mehr musste ich nicht wissen. Und damit begann der spaßige Teil.

„Ihr Mist ist zu billig.“ Jetzt wurde es ihm zu bunt. „Hören Sie mal“, polterte er, „Sie kommen hier einfach so reingeschneit und wollen mir vorschreiben, wie ich meine Firma sanieren soll?“ „Das haben Unternehmensberater so an sich“, sagte ich ungerührt. „Sie setzen auf ein Billigangebot, das mit viel zu geringer Gewinnspanne an junge, aber nicht kaufkräftige Kunden verscherbelt wird. Ihre Zielgruppe ist im frühen Ruhestandsalter und zahlt gut dreißig Prozent mehr – wenn Sie mir nicht glauben, besorgen Sie sich die offiziellen Zahlen, aber stehlen Sie mir nicht meine Zeit. Ich suche mir gerne aus, wer mich langweilen darf.“

Die Damen telefonierten mit ansteigender Dynamik. „Hören Sie sich das an“, forderte ich ihn auf; ich packte ihn an den Schultern, schob ihn in die Mitte des Raumes und trat einige Schritte zurück. Da stand er. „Ich habe bisher noch nichts von Finanzierungsmöglichkeiten gehört“, sprach ich hinter seinem Rücken. „Sollte es etwa keine Bank geben, die auf Ihre Empfehlung gesteigerten Wert legt?“ Abrupt drehte er sich um. „Wissen Sie, wie schwierig es ist, auf dem europäischen Markt eine halbwegs gute Position zu verteidigen?“ Ich nickte. „Deshalb brauchen Sie mich ja.“ Da tippelte die Dame vom Empfang herbei, in der Hand eine Tasse Kaffee. „Schön“, bemerkte ich. „Was auch immer das sein soll, nehmen Sie es wieder mit.“

Er sank in seinen Sessel. „Was soll ich denn nur machen“, stöhnte er, „die Konkurrenz läuft uns davon, und wir haben schon alles versucht, um die Kunden zu überzeugen.“ Ich lehnte mich zurück. „Wenn Sie die Kunden bisher nicht überzeugen konnten, dann haben Sie eben nicht alles getan.“ Es lag etwas Trostloses in seinem Blick. „Wir müssen uns dem Problem von der organisatorischen Seite nähern“, riet ich. „Halbieren Sie das Personal und verdoppeln Sie die Gehälter. So haben Sie keine Mehrausgaben und viel motiviertere Mitarbeiter.“ Das schien ihm einzuleuchten. Aber manchmal ist es eben so, dann muss erst der Fachmann von außen einen Blick auf die Firma werfen, um die Mängel zu erkennen.

Der Fahrstuhl glitt hinab und öffnete leise seine Türen. Ich trat hinaus und schritt rasch durch die Halle, der Ausgang schwang automatisch auf und entließ mich auf den Vorplatz. Am Rande des Parkplatzes wartete Anne. „Gib ihnen vier Wochen, dann ist der Laden pleite und Ihr könnt Euch an der Konkursmasse bedienen.“ Sie sah mich skeptisch an. „Du hast Ihnen doch nichts Illegales verkauft?“ Ich lächelte, als sie den Kofferraum aufschloss und ihre Aktentasche hineinlegte. Sie öffnete die Tür. „Nur eins habe ich nicht rausgekriegt. Was verkauft der Laden eigentlich?“





Impfschaden

11 05 2021

Ich war unverzüglich zu ihm gefahren. Er saß am Küchentisch und massierte seine rechte Hand. „Es fühlt sich ganz taub an“, murmelte Herr Breschke und bewegte die Finger. „Und es zieht schon bis hier oben in den Ellenbogen.“ Besorgt sah ich ihn an. Sein Gesicht schien normal, er konnte auch ohne Schwierigkeiten aus der Teetasse trinken, also war ein neurologischer Zwischenfall nicht sehr wahrscheinlich.

„Gestern fing es an“, berichtete Frau Breschke. „Er war kurz mit Bismarck vor der Tür, einmal bis zum Briefkasten Ecke Uhlandstraße und zurück, und als er sich den Mantel wieder ausziehen wollte, da hatte er so ein komisches Gefühl in der Hand.“ „Und im Arm“, ergänzte er. „Im ganzen Arm, ich habe ja die Strickjacke zuerst gar nicht anziehen können, weil das mich so geärgert hat.“ Ich kratzte mich am Kopf. „Normalerweise passiert das, wenn man sich einen Nerv eingeklemmt hat, eventuell auch ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom.“ Er riss sofort die Augen auf. „Das kann gar nicht sein“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Ich habe ja immer für ausreichend Vitamine gesorgt und seit mindestens fünfzig Jahren nicht mehr geraucht.“ „Nun“, beruhigte ich ihn, „das ist sicher durchaus der Gesundheit zuträglich, aber helfen wird es bei einem Karpaltunnelsyndrom nicht. Tippen Sie denn ab und zu mal?“ Er sah mich verständnislos an. Frau Breschke beugte sich zu ihn herunter. „Hast Du nicht neulich die alte Schreibmaschine aus dem Keller geholt?“ Er nickte. „Tadellos, funktioniert wie am ersten Tag – nur leider finde ich nirgends mehr ein Farbband dafür.“

Nachdem diese Art der Beanspruchung damit auszuschließen war, begutachtete ich seine Haltung, wie er leicht schräg auf dem Stuhl saß. „Leiden Sie etwa unter Rückenschmerzen?“ „Er hatte vor gut zwanzig Jahren mal Probleme mit der Bandscheibe, aber das hat ihn Doktor Klengel eingerenkt.“ Die Gattin nickte entschieden dazu. „Und Sie sind nicht bei seiner Nachfolgerin gewesen?“ Seitdem vor Jahren die junge Kollegin die hausärztliche Praxis des altgedienten Allgemeinmediziners übernommen hatte, war er nur selten mit seinen Wehwehchen dort vorstellig geworden. „Sie ist ja auch gerade im Urlaub“, informierte er mich, „das Schild hängt im Fenster – und die Vertretung ist im Ärztehaus am Stadtpark, aber da müsste ich ja eine halbe Stunde zu Fuß hinlaufen!“

Vormittags hatte Herr Breschke über leichtes Kopfweh geklagt, dies war mittlerweile verflogen. „Schwindlig ist Ihnen aber nicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir geht es sehr gut“, bekräftigte er, „nur eben diese Schmerzen in der Hand und im Arm. Ich hatte erst einen Schreibkrampf angenommen, aber ich habe zuletzt am Mittwoch das Formular für die jährliche Beitragszahlung im Beamten-Sparklub mit dem Kugelschreiber ausgefüllt, etwa eine Seite, und ich habe keine Pause dabei gemacht, aber das kann es nicht gewesen sein.“ Frau Breschke nickte. „Er sitzt manchmal den ganzen Nachmittag an einem Kreuzworträtsel – so anstrengend kann das ja nicht sein.“ Langsam wurde die Sache mysteriös. Mit welcher Hand er schrieb, auf welchen Arm gestützt er am Tisch saß, das alles waren Hinweise, doch worauf nur? Meine detektivischen Künste waren ja sonst nicht von schlechten Eltern, doch hier hatte ich keinen Erfolg. „Sie sprachen ja schon von Vitaminen“, überlegte ich. „Sie sind nicht plötzlich zur vegetarischen Lebensweise übergegangen?“ Die Art, wie er seine Augenbrauen lüpfte, überzeugte mich umgehend vom Gegenteil.

Wir kamen der Sache nicht näher. „Die Schulter schmerzt auch schon ein bisschen“, quengelte der Alte, „wissen Sie was? Das wird sicher eine Folge der Impfung sein.“ „Der Impfung?“ Er nickte. „Wir beide waren nämlich vorgestern im Ärztehaus am Stadtpark, mit dem Auto natürlich, und da haben wir uns beide impfen lassen.“ Man hatte sie über die Nebenwirkungen aufgeklärt, und mir schwante, dass die Auflistung der möglichen Effekte eine für labile Gemüter übliche Folge genommen hatte. „Ich fürchte, dass der Arm sich entzündet hat.“ Wie zum Beweis drehte er das Handgelenk und schnitt eine schmerzliche Grimasse dazu. Frau Breschke hatte das Vakzin offensichtlich gut verkraftet. Nun war guter Rat teuer. Einen Arzt zu rufen wäre kaum sinnvoll gewesen, andererseits erweckte Horst Breschke langsam den Eindruck eines sich rapide verschlechternden Gesamtbefindens. „Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. „Vielleicht haben wir Glück, und er ist gerade in der Stadt.“

„Ziehen Sie mal das Hemd aus“, sagte Doktor Klengel, der seinen ehemaligen Patienten mit einem kurzen, wissenden Blick eingehend voruntersucht hatte. Halb ängstlich vor den Folgen der drohenden Diagnose, doch auch halb beruhigt angesichts der vertrauten Fachkompetenz des Mediziners kam er dem Wunsch nach. „Können Sie einen Impfschaden wirklich ausschließen?“ Der Hausarzt nahm den Arm, hieß den Patienten auf dem Küchenstuhl das Gelenk gänzlich lockern und drehte es ein wenig hin und her. „Ach ja“, stellte er fest. „Das werden Sie mit ein paar Hausmittelchen sicher ganz gut in den Griff bekommen, mein Lieber – heiße Duschen, Heublumensäckchen, eventuell Wärmesalbe, und es ist morgen schon viel besser.“ Damit zog er sich die Gummihandschuhe von den Fingern. Wir blickten ihn ratlos an. Er wandte sich an Frau Breschke. „Auf welchem Arm schläft er immer?“ Da ging auch mir ein Licht auf. Nur Herr Breschke war’s nicht zufrieden. „Können Sie einen Impfschaden so ganz und gar ausschließen?“ Doktor Klengel schob die Brille zurecht. „Sie haben noch das Pflaster auf der Schulter kleben“, antwortete er mit seinem spitzbübischsten Lächeln, „und zwar auf der linken.“





Ein Hund für alle Fälle

20 04 2021

„Es tut nur weh, wenn ich die Arme so anhebe.“ Herr Breschke verzerrte das Gesicht vor Schmerz, indem er genau diese Bewegung mit beiden Armen gleichzeitig ausübte, warum auch immer. „Dabei soll Bewegung ja gerade helfen“, stellte ich fest, während der alte Herr leise stöhnend die Schultern sinken ließ und nach dem Küchenstuhl tastete.

Er hatte ein wenig zu schwungvoll aus seinem Fernsehsessel aufstehen wollen, wobei ihm die sprichwörtliche Hexe in die Lendenwirbel schoss. Von der Ärztin mit Schmerzsalbe und guten Worten versorgt saß er nun krumm in der Küche, obschon zu Dehn- und anderen Übungen geraten wurde. „Im Garten muss gerade nichts getan werden“, ächzte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber Bismarck, er braucht doch seinen Auslauf.“ Der angesprochene Hund, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, hatte die Gesamtsituation schnell analysiert und das Unausweichliche getan; er lag zusammengerollt auf dem nun nicht mehr besetzten Fernsehsessel und schlief friedlich in den Tag.

Natürlich hatte ich es gewusst, und natürlich war ich gern bereit, dem alten Herrn diesen kleinen Dienst zu erweisen. Etwas träge erhob sich das Tier auf Zuruf, wurde allerdings beim Anblick der Leine deutlich lebendiger, und da er mich als Freund des Hauses kannte, wusste ich auch schon, was mich auf der Platanenallee bis zur Ecke Uhlandstraße erwarten würde: ein durchaus agiler Hund, der aus Prinzip zwischen meinen Beinen umherläuft. „Bei dem Wetter reicht sicher eine Viertelstunde“, sagte Herr Breschke. „Wenn es regnet, dann kehren Sie um, Sie müssen ja nicht auch noch nass werden.“

Ein bisschen windig war es schon, aber das hielt Bismarck nicht davon ab, neben seiner üblichen Gangart – genau zwischen meinen Beinen, wobei sich ein regelmäßiger Wechsel der Leine von der einen Hand in die andere als praktisch erwies – auch intensiv die Zäune sämtlicher Nachbarn zu inspizieren, nach Tulpenbeeten Ausschau zu halten, die er leider ebenso wenig durchwühlen konnte wie die gartenzwergbewehrten Kieswege, und an den Büschen seine Marken zu setzen. Eine ältere Dame drehte sich kurz nach uns beiden um, offenbar war sie irritiert. Sie musste Bismarck gekannt haben, nur eben nicht mir mir an der Leine.

Wir flanierten bei leichtem Gegenwind an einer Reihe alter Alleebäume vorbei, als mich ein junger Mann ansprach. „Verzeihung“, meinte er, „Sie führen gerade den Hund aus?“ Ich musterte ihn von oben bis unten, wobei mir die untere Hälfte nicht ganz so schlecht gefiel. „Sehr freundlich, dass Sie mich daran erinnern“, gab ich zurück. „Ich hatte mich schon gefragt, wozu ich diese Leine mit mir durch die Gegend trage.“ Schon hatte ich mich ans Gehen gewandt, aber er ließ mich nicht in Ruhe. „Ich möchte Sie um eine kleine Gefälligkeit bitten“, insistierte er. „Wenn Sie darauf bestehen, würde ich Ihnen selbstverständlich auch etwas dafür zahlen.“ Ich stutzte kurz. „Sie bezahlen dafür, oder es ist eine Gefälligkeit. Lassen Sie sich das bei nächster Gelegenheit durch den Kopf gehen, und nun entschuldigen Sie uns bitte.“

Bestimmt war es meine verbindliche Art, oder Bismarck verlieh mir fälschlicherweise den Anschein eines netten, leutseligen Menschen. Jedenfalls gab sich der Störenfried nicht zufrieden, heftete sich an mich und folgte mir. „Die Sache ist nämlich so“, hub er an. „Wir werden in einigen Tagen sicher eine Ausgangssperre bekommen, und ich habe da eine, nun: sehr private Verpflichtung, der ich erst am Abend nachkommen kann.“ „Die Freude ist ganz Ihrerseits“, unterbrach ich ihn, was aber seinen Redefluss durchaus nicht störte. „Wenn ich nun einen Hund hätte, und ich dachte da an diesen ausgesprochen netten Dackel…“ Bismarck musste jedes Wort verstanden haben. Ob er schon wusste, worauf dies hinauslaufen würde, oder ob ihm die Einschätzung als nettes Schoßhündchen widerstrebte, jedenfalls schnob er verächtlich durch seine empor gereckte Nase und zog kräftig an seinem Halsband. „Kurzum, ich bräuchte Ihren Hund zweimal in der Woche für je zwei Stunden. Ich hole ihn ab und bringe ihn auch wieder nach Hause.“ Mein vierbeiniger Gefährte drehte sich leicht indigniert um. Es gab noch eine Menge Hecken und Zäune auf dem Weg.

Noch hatte er nicht aufgegeben. „Versteht sich natürlich, dass ich bar bezahle.“ Jetzt drehte ich mich um und stellte mich ihm breitbeinig in den Weg. „Haben Sie überhaupt schon einmal einen Dackel geführt?“ Er blicke mich erstaunt an, nicht ganz sicher, ob ihn meine Frage belustigen sollte. „Macht es denn einen Unterschied, ob es sich um einen Dackel oder einen Pudel handelt?“ Statt eine Antwort abzuwarten, griff er in die Manteltasche und zog seine Geldbörse hervor. Er zupfte einige Scheine heraus und hielt sie mir vor die Nase. „Das dürfte wenigstens für heute reichen, Sie müssen mir nur noch sagen, wo ich ihn abholen kann.“ Wortlos drückte ich ihm die Leine in die Hand. Bismarck begriff; langsam setzt er sich in Bewegung, der Mann folgte, während er sich ganz erstaunt nach mir umsah. Just in diesem Moment lief der Hund zwischen seine Beine, wo die Leine ihr Werk tat. Er strauchelte, und als er das Gleichgewicht verlor, landete er unsanft auf der steinernen Einfassung des Gartens von Nummer 43. Gelassen lief Bismarck zu meinen Füßen und wartete, bis ich die Leine wieder aufnahm.

„Er sieht aus, als hätte er ordentlich Bewegung bekommen.“ Herr Breschke goss Tee in meine Tasse, setzte sich stöhnend in den Fernsehsessel und blickte auf den Dackel, der gemütlich unter dem Couchtisch Platz nahm. „Morgen noch einmal, aber dann werde ich auch selbst wieder mit ihm vor die Tür gehen.“ Ich nickte. „Er ist in der Tat ein sehr verständiges Tier, Sie können sich ganz auf ihn verlassen.“





Die schrille Gille

24 03 2021

Sie sah auf dem Foto ganz manierlich aus, wobei es sich allerdings um eine Schwarzweißaufnahme handelte und dieses Bild schon vor ziemlich langer Zeit entstanden war. „Trotzdem“, stöhnte Breschke, „mit ihr ist nicht zu spaßen. Immerhin hat sie Onkel Ewald unter die Erde gebracht, womit auch immer.“ Ich legte das Porträt auf den Küchentisch, wo der Umschlag mit dem Telegramm lag. Wer weiß, was das noch werden sollte.

Was den Stammbaum meines pensionierten Finanzbeamten betraf, so war dieser auch nicht viel komplizierter als andere, nur gab es hier und dort Seitenlinien, zu denen nur noch wenig bis gar kein Kontakt mehr bestand – in anderen Familien soll dies ja selten bis nie vorkommen – wegen diverser Erbschaftsangelegenheiten, gelöster Verlöbnisse oder einer Mark Flaschenpfand, die ein Vetter nach zwanzig Jahren in Arizona nicht mehr zurückzahlen wollte. Gisela, so hieß diese damals junge Dame, hatte sich gleich nach der erfolgreichen Ausbildung zur Stenotypistin in der Süßwarenfabrik des Onkels an den Chef des Ganzen herangeschmissen, obwohl dieser gründlich verheiratet war, und zwar mit Edelgard, Namensgeberin eines seinerzeit beliebten Bonbons mit Veilchenaroma und, was erschwerend hinzukam und für den Krach sorgte, Schwester des zweiten Inhabers. Es scheint ihr feuerrotes Haar gewesen zu sein, das Ewald in die Scheidung und damit ins gesellschaftliche Abseits trieb – wie zum Hohn ließ Doktor Prückler aus dem Doppelbildnis an der Deckelinnenseite der Dosen das Konterfei des untreuen Schwagers stanzen und zehntausende von Veilchenzuckerl an die Geschäftswelt senden. Der Drops war gelutscht.

„Ich habe keine Ahnung“, bekannte Horst Breschke. „Nach Ewalds Tod hat sie die Villa in der Eifel geerbt und ein Segelboot, oder vielleicht war’s auch ein Sportwagen. Aber ich weiß nicht, was sie von mir will.“ Ich stellte die Teetasse auf dem Tisch ab. „Nun“, beruhigte ich den Hausherrn, „das werden wir in Kürze herausfinden, denn sie will ja noch heute kommen.“ Bismarck schien ein wenig die Stirn zu runzeln; wahrscheinlich war es diesem Gefährten in gesetztem Dackelalter recht egal, wer oder was die schrille Gille war, denn so nannte man sie familienintern wegen ihres unangemessen lauten Auftretens. „Ich kann sie ja schlecht vor die Tür setzen“, seufzte der Hausherr. „Es sei denn, sie spricht schlecht über Onkel Ewald, das lasse ich nämlich nicht zu!“

In diesem Moment aber hupte es schon auf der Straße; Gisela war nicht gewohnt, ohne ausreichend Publikum aus einem Taxi auszusteigen, jedenfalls musste Herr Breschke über den Gehweg bis zum Bordstein laufen, ihr die Tür zu öffnen, den Fahrer zu entlohnen – was mich nicht gewundert hatte – und ihr für ein bisschen eingebildeten Nieselregen den Schirm zu halten, damit sie auf hohen Absätzen über den Plattenweg bis ins Haus stöckeln konnte, um sich gebührend empfangen zu lassen. „Schön“, sagte sie mit kratziger Stimme, „schön. Aber das wollen wir mal sehen.“ Und sie lief gleich bis in die Wohnstube durch, die sie mit eicherner Schwere in den Nachmittagsstunden empfing.

Sie trug etwas fürchterlich Rotes, das zu ihrem inzwischen fuchsfarbenen Haar nicht passte, eher Oll- als Schmollmund, und blickte sich um. „Ihr seid ja rustikal eingerichtet“, stellte sie fest. „Wie mein Zweiter, der hatte auch keinen Geschmack.“ Dazu drehte sie sich herum und äugte in die Winkel des Wohnraums. „Hund?“ Irgendetwas ließ mich an der Stimme aufhorchen, aber ich musste mich wohl getäuscht haben. „Was willst Du hier?“ Breschke stand mit einem Küchenhandtuch in der Faust auf der Türschwelle. „Das ist mein Haus.“ Sie lächelte. „Das soll ja auch so bleiben, Horsti.“ Dass ihm die Zornesröte so langsam ins Gesicht stieg, war schon ein wenig verwunderlich, aber sie fuhr fort. „Mein Vierter ist vor drei Monaten verblichen, ein guter Patentanwalt, und ich würde gerne die restlichen Jahre hier verbringen. Ich will das Haus.“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Du könntest es mir schon leichter machen, schließlich ist Deine Frau bestens versorgt nach einer Scheidung – ich nehme Dich als Gärtner mit, dann haben wir es beide leichter. Das wirst Du als Finanzbeamter doch sicher…“

Er wollte gerade zu einem längeren Schrei anheben, das wusste ich genau, doch da bemerkte sie mich. Spitznäsig musterte sie meinen Aufzug. „Wenigstens einen attraktiven Schwiegersohn hat sich Deine Tochter geangelt“, bemerkte sie. Herr Breschke stand wie versteinert, und so viel hatte ich auch nicht parat. „Bedaure“, gab ich zurück. „Ich habe gespart und mich auf hoffnungslose Fälle spezialisiert. Wenn man die Neunzig hinter sich gebracht hat und trotzdem die…“ „Was für eine Unverschämtheit!“ Wutentbrannt schwenkte sie die Handtasche durchs Wohnzimmer. „Ich werde im nächsten Frühjahr erst…“ Weiter kam sie nicht, da Bismarck, der zugegebenermaßen dümmste Dackel im weiten Umkreis plötzlich vor ihr stand und der schlechten Laune durch knurrende Laute ein Gefühl von Unmittelbarkeit gab. „Horst“, kreischte sie, „das wird ein Nachspiel haben!“

„Eins aber“, fragte ich beim Rühren in der Teetasse, „müssen Sie mir verraten: das Grundstück war das Erbe Ihrer Frau, und das Haus war ein Lottogewinn?“ Herr Breschke druckste. „Wenn Sie es schon wissen“, gnatzte er, „dann hätten Sie sie ja gleich rausschmeißen können.“ „Naja“, meinte er, „ich war an der Reihe: Ewald, Wilhelm, Paul, und nun ich. Einer musste sie ja loswerden.“ Und er warf Bismarck einen liebevollen Blick zu.





Kunststück

4 11 2020

„Die Bohrmaschine, Handschuhe, Kelle, Wandfarbe und den Hammer“, erklärte Herr Breschke und lud den Klappkorb in den Kofferraum. „Das sollte doch für den Augenblick reichen.“ Ich nickte. Wir fuhren die Uhlandstraße hinab bis zum Kontorhaus, wo wir sicher schon erwartet wurden.

Leider war das nicht der Fall. „Anne hat sich für den Veranstalter verbürgt“, sagte ich. „Da seit ein paar Tagen wieder alle öffentlichen Ausstellungen gesperrt sind, müssen wir dies sozusagen als wilde Galerie veranstalten.“ „Ach ja“, seufzte der alte Herr. „Wir waren seit Jahren nicht im Museum, und in diesen Zeiten merkt man erst, wie sehr es einem fehlt.“ Er musste sich nicht für eine Parklücke entscheiden, der ganze Platz war leer, da dem alten Gebäude der Abriss bevorstand. Wir standen dicht vor dem Eingang, der nun ohne Türen war, und sahen direkt in die große Eingangsdiele, die sich im Halbdunkel fast über das halbe Erdgeschoss hinweg nach hinten erstreckte. „Und Sie meinen, dass sich hier klassische Kunst zeigen lässt?“ Ich hievte den Korb, der bis zum Brechen der Handgriffe noch als Kartoffelhorde in meinem Keller gestanden hatte, aus dem Laderaum. „Vielleicht nicht unbedingt klassisch“, überlegte ich, „aber es liegt ja immer im Auge des Betrachters.“

Drinnen hatte sich nicht viel getan; eine rostige Gasflasche lehnte an der Wand, schräg gegenüber hatte jemand Blumenerde in eine Ecke des Raums geschaufelt. „Keine Sorge“, meinte ich, „dass wir vorher noch aufräumen sollen, hat Anne mit keinem Wort erwähnt.“ Horst Breschke kicherte. „Sehr gut, sonst würde ich so eine Vernissage auch mal in meinem Garten machen.“ Eine große Schachtel mit Dübeln lag direkt neben der einzigen Steckdose im Raum; in Augenhöhe waren etwa ein Dutzend Stellen an der Wand markiert, in die angebohrt werden sollten, um dann Haken in den Löchern zu befestigen. „Meinen Sie nicht“, mutmaßte der pensionierte Finanzbeamte, „dass wir erst die Wände anstreichen sollten?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann finden wir die Stellen zum Bohren nicht mehr wieder.“ Das leuchtete ihm ein.

Ohnehin hatte der Auftraggeber die Arbeiten recht gründlich falsch eingeschätzt. Einen derart großen Raum mit einem einzigen Eimer Wandfarbe zu streichen schien so gut wie unmöglich. Breschke kratzte sich am Kinn. „Vielleicht erwarten sie von uns eine Art Gemälde“, überlegte er. „Aber das übernehmen dann Sie, ich bin ja künstlerisch völlig unbegabt.“ Umständlich zog er die Handschuhe an. Diesen Raum in eine Galerie zu verwandeln würde tatsächlich ein Kunststück sein.

„Ein Achter reicht aus“, befand ich, „und Sie haben zum Glück auch die dicken Bohrspitzen eingepackt.“ „Mit den Diamanten“, bestätigte Herr Breschke. „Damit habe ich auch das neue Regal an der Kellerwand befestigt, es ging ganz leicht.“ Er steckte die Bohrmaschine ein. Leider bleib es beim Versuch, denn trotz Verlängerungsschnur erwies sich die Leitung als zu kurz, um auch nur die nächstliegende Stelle mit der Spitze zu erreichen. „Haben Sie eine Kabeltrommel zu Hause?“ Horst Breschke verneinte. „Und wenn“, überlegte er, „wie komme ich denn dann bis zur gegenüberliegenden Wand?“

Guter Rat war teuer. „Mit einem Akkubohrer könnte man es versuchen.“ Ich war skeptisch. „Ich habe keinen, kann mir aber nicht vorstellen, dass das in diesen Wänden funktioniert.“ Herr Breschke legte die Maschine neben den Korb, zog sich die Handschuhe aus und betrachtete den Raum. „Meinen Sie nicht auch“, fragt er, „dass diese Idee ein bisschen vorschnell war?“ „Ich verstehe das auch nicht“, erwiderte ich. „Sonst schaut sich doch Anne solche Sachen immer ganz genau an, bevor sie ihre Mithilfe verspricht.“ Auf der anderen Seite kannte ich ihr Faible für Kunst und Kultur, auch in deren abseitigen Gefilden.

Da hörten wir plötzlich Schritte auf den Dielen. „Ich grüße Sie“, rief ein mittelgroßer, mittelalter Mann mit mittlerem Haarausfall durch die Halle. „Rummelpeter mein Name, Ihre Freundin hatte mir versprochen, dass ich Sie hier treffen würde.“ Er verbeugte sich artig und kam auch nicht zu nahe. „Mein Name ist Breschke“, sagte ebendieser, „ich…“ „Entzückend!“ Herr Rummelpeter klatschte in die Hände und tänzelte um das Ensemble in der Mitte des Raums herum. „Das ist eindeutig das Highlight dieser Ausstellung! Diese subtile Sprache aus technischen Objekten, die als Symbole der Raumgestaltung sich quasi auf eine Metaebene transzendieren – ich bin hingerissen!“ „Wir fühlen uns Ihrem Konzept sehr verbunden“, bestätigte ich. „Ich darf wohl sagen, dass dieser Raum eine ganz außerordentliche Inspiration bietet.“ Rummelpeter konnte sich gar nicht mehr beruhigen. „Wie heißt denn diese Installation, verehrter Meister?“ Herr Breschke sah mich hilflos an, bevor ich einschreiten konnte, antwortete er: „Dies ist keine Kunst.“ Der Galerist jubelte. „Dies ist keine Kunst!“ Nun war Herr Breschke nachhaltig verwirrt. „Und dann auch noch eine die Genregrenzen sprengende Referenz an den historischen Surrealismus! Herr Breschke, Sie sind ein Genie!“

„Ich verstehe das nicht“, murmelte der alte Herr und schloss die Autotür auf. „Sie wollen mir doch jetzt nicht auch noch eine Begabung einreden wie dieser Spinner?“ „Sehen Sie es positiv“, gab ich zurück und setzte mich auf den Beifahrersitz. „Man lernt jeden Tag etwas dazu.“ „Dass ich jetzt Künstler sein soll?“ „Nein“, sagte ich. „Aber bisher dachte ich auch immer: moderne Kunst sei das, was nicht mehr in einen Kofferraum passt.“





Streichkonzert

15 10 2020

„Hups!“ Herr Breschke konnte sich gerade noch am Fernsehsessel festhalten, sonst wäre er auf der Folie ausgerutscht, die das gesamte Zimmer unter sich bedeckte, genauer: den Fußboden sowie einige kleine Gegenstände wie einen Zeitungsständer und ein pittoreskes Höckerchen für Blumenvasen.

„Das sieht doch schon ganz ordentlich aus“, befand der Hausherr, der sich standesgemäß in eine der zahlreichen Strickjacken gekleidet hatte, die sich sogar für die Gartenarbeit nicht mehr eigneten. Der obligate Malerhut durfte nicht fehlen, und um ihm eine Freude zu machen, ließ ich ihn für mich gleich noch einen zweiten aus alter Zeitung falten. Einer zünftigen Handwerksarbeit stand nun nichts mehr im Weg, abgesehen von den Möbeln, die noch immer das Wohnzimmer anfüllten. Denn außer drei Rollen dieser hoch reißfesten, transparenten und dabei recht preiswerten Folie war bisher nichts zum Einsatz gekommen. „Ich möchte Sie wirklich nicht kritisieren“, wandte ich ein, „aber sollten wir nicht wenigstens die Möbel von oben abdecken, wenn wir schon die Decke streichen?“ „Wir streichen ja nicht“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte und wies auf das Gerät zu seinen Füßen. „Wir spritzen die Decke, das ist ein enormer Unterschied.“

Wie zu erwarten hatte der Plan zu einer neuen Zimmerdecke seinen Ursprung in einem Angebot, das Breschkes Tochter in einem gut frequentierten Heimwerkermarkt entdeckt hatte. Jener Laden im Herzen der peruanischen Hauptstadt hatte sich auf taiwanesische Importgüter spezialisiert, namentlich solche, die man in Europa nicht findet, wohl aber Gründe, warum man sie nirgends kaufen kann. Ein elektrisch betriebener Pumpmechanismus, der im Deckel eines Behältnisses eingebaut über einen langen Spritzschlauch die Farbe in eine Düse leitet, von wo aus sie letztlich auf irgendeiner Oberfläche haften bleibt, war das Herzstück dieses Apparats, klein genug, um jederzeit durch die im Deckel montierte Schnur ins Kippen zu geraten, und nur ein wenig zu groß, als dass man sich das Ding hätte umschnallen können. Die Farbe also, ein blendend helles Weiß wie Hochgebirgsschnee im Mittagslicht der Sonne, war ordnungsgemäß eingefüllt. Horst Breschke stand unschlüssig im Raum. Leider war die Steckdose hinter der abgeklebten Folienschicht.

„Sie müssen doch wissen, wo sich die Dose befindet“, tadelte ich ihn, „wie lange wohnen Sie jetzt schon hier?“ Statt mich zu tadeln, stach er immerhin gleich ein entsprechend großes Loch in der Nähe der Heizung. Bereits hier zeichnete sich ab, dass die Zuleitung des Spritzgeräts nicht lang genug war, um auch die andere Hälfte der Decke zu erreichen. „Ich hole nachher einfach eine Schnur, dann können wir das verlängern.“ Immerhin tat er es nach kurzem Überlegen dann doch sofort, was mir die Gelegenheit gab, umgehend den Sessel, das Sofa, die Schrankwand samt Fernseher und Radio zu verhüllen, da die Farbflecken dem Mobiliar mit Sicherheit schwere Schäden zufügen würden. Doch Herr Breschke fand dies übertrieben. „Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, beschwichtigte ich ihn. „Sie haben ja schließlich auch eine Hausratversicherung abgeschlossen, ohne jemals den Wunsch verspürt zu haben, dieses Gebäude in Schutt und Asche…“

Er war eingeschnappt; deutlich war dies sichtbar daran, wie er den Knopf am Pumpaufsatz ganz nach rechts drehte. Doch es kam nichts. „Das Heft“, sagte er, „da muss doch etwas drinstehen.“ So griff ich nach der Gebrauchsanweisung, die, zu meiner geringen Überraschung, ein paar Strichzeichnungen wackerer Spritzenmännchen zeigte, aber in Bezug auf den Text eher den Eindruck erweckte, aus dem Ostasiatischen ins Altfranzösische übersetzt worden zu sein. „Das kann nicht angehen“, knurrte der Alte. „Und Sie sollten auch wissen, warum.“ Ich wusste es nicht. „Weil die Altfranzosen“, dozierte er, „ja bekanntlich in Burgen wohnten, und dort hat man die Wände gekalkt!“ Triumphierend blickte er mich an. Vor meinem inneren Auge erschien Jehan François le Grand, Fürst von Avignon-sur-le-Pont, wie er mit einer monströsen Büchse voller Kalkputz durch den Palast schritt, gnädig auf die Wand zeigte und abwaschbare Farbe versprühen ließ.

Ein unangenehmes Blubbern machte sich in der Apparatur bemerkbar. Horst Breschke, zumindest in dieser Immobilie befehligende Gewalt, teilte mit, dass so gut wie keine Farbe in den Spritzschlauch gepumpt wurde, weshalb sie auch das ausziehbare Rohr mit der am Ende befindlichen Düse gar nicht erst erreichte. „Hier steht, man müsse die Farbe ein paar Mal umwälzen.“ Das Piktogramm war in der Hinsicht wenigstens eindeutig, er hatte recht. „Allerdings“, gab ich zu bedenken, „müsste man dazu den Deckel abnehmen, und dann kann das Ding ja nicht mehr pumpen.“ „Man sollte es mit Schütteln versuchen“, schlug Herr Breschke vor, und ich konnte ihm gerade noch in den Arm fallen. „Erst schalten Sie es aus, dann können Sie das ganze Gerät gerne schütteln, und dann schalten Sie es wieder ein.“ Und so geschah es.

Es brummte weiter, während der Finanzbeamte a.D. genervt das Rohr nach oben hielt. Doch da verstummte das Geräusch, während ein zunehmend strenges Pfeifen sich am Ventil auf dem Deckel des Spritzgefäßes aufbaute. Mit einem kurz röhrenden Crescendo kündigte sich der schmatzende Schluss an. Der Deckel schoss infolge der Druckluft einfach in die Höhe und verteilte die Farbe in die Richtung aller verfügbaren Raumkoordinaten, wobei sich die Plastikdecke als zuverlässig erwies. „Meine Güte“, stöhnte Herr Breschke. „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt. Wenn ich nicht die Folie mitgebracht hätte – wer weiß, was noch alles passiert wäre!“





Herr und Hund

23 07 2020

Keiner weiß, was er denn hätte sagen wollen, wenn er denn hätte sprechen können. Aber er konnte es eben nicht, und vielleicht war das gut so. „Das wird jetzt langsam ein bisschen viel“, schnaufte Herr Breschke, indes Bismarck mit der ihm eigenen Mischung von Interesse und Misstrauen über die Wiese blickte und auf seinen Herrn, der beim Traben im Stand eine durchaus gute Figur machte.

„Sehr schön“, lobte die Trainerin. „Und unser vierbeiniger Freund macht jetzt auch mit?“ Was ihr an motivierendem Verhalten fehlte, das glich Ilse Schwabach-Wildhausen durch Zweckoptimismus aus. Zackig riss sie die Knie hoch, die anderen Damen und Herren folgten mehr oder weniger ihrem Vorbild; die meisten mehr weniger. Als nicht beteiligter Beobachter hüpfte ich ein bisschen mit, auch wenn mir gerade kein Hund zur Verfügung stand, wobei das auch auf den alten Herrn zutraf. Seiner lag recht entspannt auf dem Rasen und sah keinen Grund, das zu ändern. „Und wir nehmen nun die Leine auf“, verkündete Frau Schwabach-Wildhausen, „und dann rund im Uhrzeigersinn!“ Sinn und Zweck dieser Partnerübung sollte darin bestehen, mit dem Begleiter in lockererer Rundung und leichten Schrittes über den Platz zu spurten. Im Falle dieses Dackels, der die Leine allenfalls als ein Mittel betrachtete, um seinem Herrn daran zwischen den Beinen herumzulaufen, gestaltet sich das schwierig. Horst Breschke umrundete nun den Hund, der sich partout nicht einmal drehen wollte, so dass ein Großteil der Übung darin bestand, die Leine um Bismarck zu führen. Immerhin hatte dies etwas Graziles, man konnte es nicht anders sagen.

„Meine Frau meinte, wir könnten beide mal ein bisschen Sport vertragen.“ Schnaufend hoppelte der pensionierte Finanzbeamte um den Vierbeiner, stets darauf achtend, sich auf dem hügeligen Rasen nicht zu verstolpern. „Sehr schön“, lobte die Trainerin einmal mehr, „aber er muss auch mitmachen. Das wird schon!“ „Machen Sie mal weiter“, keuchte er. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bismarck machte seinem Ruf als dümmster Dackel im weiten Umkreis alle Ehre; allerdings war auch seine Friedfertigkeit bekannt, und er ließ sich ohne zu murren von mir umhüpfen. „Wahrscheinlich ist ihm das Lob der Dame genug Bestätigung“, mutmaßte ich. „Sobald sie sein sportliches Liegen sehr schön findet, guckt er zufrieden.“ Ein weiteres Lob der Trainerin nährte meinen Verdacht. Dieser offene Herr-und-Hund-Nachmittag vom Tiersportverein offenbarte seine pädagogischen Schwächen.

Die anderen gemischten Doppel hatten sichtlich Spaß an diesem Manöver. Vor allem eine junge Dame mit zwei Pudeln stampfte geradezu ätherisch übers Grün; es sah von Weitem ein wenig aus wie ein ägyptischer Streitwagen. Herr Breschke ließ sich nicht beirren. „Das ist etwas für junge Leute“, knurrte er. „Außerdem sehe ich nicht, dass sich mein Bismarck sonderlich beeindrucken lässt von diesem Firlefanz.“ „Es soll ja nachher noch einen netten Umtrunk geben“, tröstete ich ihn. „Das ist zwar auch nicht figurfreundlich, aber wenigstens findet der Tag damit noch einen netten Abschluss.“

„Und aus“, krähte die Trainerin. „Und für die nächste Übung nehmen wir unser Schatzi einmal auf den Arm.“ Sie griff sich einen der Pudel, der sie verdutzt anguckte und zu winseln begann. „Und dann Knie – beugt, und Knie – beugt, und…“ Sie hob nun den widerspenstigen Hund auf und nieder, was einigen anderen, namentlich einer älteren Dame mit einem Chihuahua, deutlich eleganter von der Hand ging. „Schäferhunde sind manchmal von Nachteil“, kicherte Breschke, und ich konnte ihm nicht widersprechen. „Wollen Sie es denn nicht wenigstens einmal versuchen“, näherte sich Ilse Schwabach-Wildhausen dem Widerspenstigen. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben musste, sie griff Bismarck unter den Bauch und wollte ihn zur Turnübung stemmen, doch sie hatte ihn gehörig unterschätzt. Mit einem einzigen ansatzlos aus der Tiefe des Leibes ausgestoßenen Bellen stieß er sich von der erschrocken aufschreienden Leiterin ab und sprang wieder auf den Rasen. Fast wäre sie auf mich gefallen. „Sie wissen schon“, sagte ich ganz beiläufig, „dass er beißt?“ „Machen Sie gefälligst Ihre Kniebeugen“, zischte sie. „Ich lasse mir doch von Ihnen nicht meine Autorität untergraben!“ „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut mit Hunden umgehen können.“ Herr Breschke stemmte die Fäuste in die Hüften, und Frau Schwabach-Wildhausen sagte zur Vorsicht gar nichts mehr.

Die nächste Übung bestand aus einer Art Yoga mit Grundkontakt, wobei die meisten Hunde nicht verstanden, dass sie unter ihren liegestützenden Herrchen hindurchkrabbeln sollten. Manche von ihnen wälzten sich im Gras, einige schnupperten eifrig an der Bezugsperson, aber so recht wollte das nirgends gelingen. „Sie können ja so eine Brücke machen“, schlug Breschke vor, „und ich lasse dann Bismarck unten durch laufen.“ Doch so weit kam es nicht. An der Seite hatte der Vereinswart einen kleinen Kugelgrill angefeuert, ein Kasten Limonade nebst einer Batterie Pappbecher stand daneben. Während die Kohle vor sich hin glomm, war er ins Gerätehaus verschwunden und kam nun mit einer Blechplatte zurück, auf der drei Dutzend Würste lagen. Doch kaum hatte er die Rasenkante erreicht, stieß er mit dem Fuß auf einen Widerstand – das Tablett schlingerte, in hohem Bogen flog eine Wurst empor. Sie war noch nicht auf dem Boden aufgekommen, als Bismarck schon wie ein Blitz über den Grund schoss, eine Emanation von Kraft und Geschmeidigkeit, sich die Wurst schnappte und mit ihr im Gebüsch verschwand. Wer andere Hunde noch nie verwirrt hatte blicken sehen, hier bot sich die Gelegenheit. „Sehr gut“, sagte Herr Breschke. „Wie Sie sehen, wenn es darauf ankommt, sind wir immer noch ganz schön fit.“





Textilveredelung

18 06 2020

So schnell wie möglich – wenn Anne das sagte, musste es sich wirklich um einen Notfall handeln. Luzie empfing mich mit vollkommen verwirrter Miene. „Sie ist nicht mehr ansprechbar“, sagte die Bürovorsteherin. „Ich darf nicht einmal mehr Telefonate durchstellen.“ Es musste sich etwas sehr Ungewöhnliches ereignet haben.

Die Anwältin saß in sich zusammengesunken auf der Couch vor dem Fenster. „Ich habe alles versucht“, flüsterte sie, „buchstäblich alles, aber nichts hilft.“ Sie stand auf und kam ein paar Schritte auf mich zu. „Über eine juristische Klärung des Sachverhalts können wir später reden, aber ich weiß im Moment einfach nicht, was ich machen soll.“ „Gut“, antwortete ich, „dann sind wir schon zu zweit, und im Gegensatz zu Dir habe ich nicht einmal Ahnung, worum es sich handelt.“ Wortlos begann sie ihre Bluse aufzuknöpfen. „Darum!“

Das war überraschend. Sicher war Anne nur auf einer frisch gemähten Wiese eingeschlafen oder hatte ein bisschen Zeit in der Badewanne verbracht, angefüllt mit Spinat. Oder sie hatte Tango mit einem Marsmenschen getanzt. Jedenfalls war ihre Haut, so weit ich es sehen konnte, grün. Grasgrün. „Normalerweise passiert das im Schwimmbad mit blondiertem Haar“, mutmaßte ich, aber ich lag sehr weit daneben. Anne zog unter dem Sofakissen ein Stück Stoff hervor, in einem satten Pflanzenton. „Crêpe de Chine“, erklärte sie. „Quasi geschenkt, das heißt, ich musste es noch nicht einmal bezahlen, weil es für eine kleine Gefälligkeit war. Und jetzt das!“ Es handelte sich um einen blusenähnlichen Gegenstand mit weiten Ärmeln und einer aparten Knopfleiste am Rücken, der vom Schnitt perfekt zum Fleckenbild auf der Haut passte. „Und Du hast es nicht gemerkt?“ „Beim Ausziehen“, knurrte sie. „Und ich habe alles versucht. Duschen, Baden, Schaumbad, Duschbad, Kernseife, Schwamm, Wurzelbürste und Fön.“ „Fön?“ „Keine Ahnung, ich hatte so eine Idee, dass die Farbe eventuell nicht hitzebeständig sein könnte. Aber zu früh gefreut.“ Sie zeigte mir ein kleines Kärtchen, das mit dem Kleidungsstück geliefert worden war. Ich stutzte. „Breschkes Tochter?“ Anne seufzte. „Sie hatte mal wieder etwas aus Ostasien mitgebracht, es war meine Größe, und ich habe es sofort angezogen.“ Ich betrachtete das Etikett. „Es steht nichts darin, dass man es vor dem Tragen hätte waschen sollen, zumindest nicht in einer Sprache, die ich verstehen würde.“ Der Stoff hatte offensichtlich nicht unter der Farbabgabe gelitten. Was also tun? „Ich wollte Herrn Breschke sowieso noch einmal wegen der Sache mit der Grundstücksgrenze fragen“, erklärte ich, „das können wir doch gleich jetzt erledigen.“

Eine halbe Stunde später betraten die beiden die Kanzlei, der pensionierte Finanzbeamte und sein Bismarck, seines Zeichens der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der auch hier seinem Herrn und Halter vornehmlich zwischen den Beinen umherlief und ihn in allerlei Schwierigkeiten brachte, da er dies natürlich im angeleinten Zustand tat. Hier aber blieb das Tier sofort wie angewurzelt stehen, richtete den Blick starr auf die unterste Schublade in Luzies Schreibtisch und schaute sie, Luzie nämlich, mit den dackeligsten Dackelaugen an, derer er fähig war. „Schokoladenkekse“, schloss ich, „unser vierbeiniger Freund hat seine Spürnase nicht verloren.“ „Das ist das Mittel“, erklärte Horst Breschke, indem er eine in Plastik gewickelte Papiertüte aus seiner Aktentasche zog. „Es wirkt sofort, und wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, ich würde es gar nicht glauben.“ Auch auf dieser Sprühdose waren Schriftzeichen ostasiatischer Provenienz zu lesen, und nur ein paar international gebräuchliche Symbole, die uns davon abhalten sollten, den Metallzylinder gewaltsam zu öffnen oder ins Feuer zu werfen, erinnerten an die Waren, die im heimischen Handel erhältlich sind. „Ich habe ordentlich mit ihr geschimpft, aber sie sagt, im Hotel in Indonesien nehmen sie es auch, und es ist möglicherweise nur abgelaufen, aber das heißt ja nicht, dass es noch funktionieren sollte.“

Ein kleiner Sprühstoß in die Luft erzeugte einen nicht unangenehmen Blumenduft, der für diese Art Raumerfrischer typisch war. Bismarck fiepte etwas indigniert; für eine Hundenase war dies Konzentrat aus künstlichen Blüten bestimmt eine Zumutung. „Probieren Sie es gerne aus“, sagte Herr Breschke und reichte Anne die Dose. „Wenn Sie durch meine Tochter zu Schaden gekommen sein sollten, dann ist es doch das Mindeste, dass ich Ihnen dieses Mittel zur Verfügung stelle.“ Noch war sie ein wenig skeptisch, aber dann gewann der Mut die Oberhand. „Was soll schon schiefgehen?“ Und sie schloss die Tür hinter sich.

Einen Augenblick lang war es still. „Das ist so eine Art Spray für Hotelräume?“ Luzie betrachtete die zweite Sprühdose. „Nein“, berichtigte Herr Breschke, „eigentlich ist es für Textilien gedacht, in den Hotels werden damit die Polster eingesprüht und Bettdecken und solche Sachen, und das wollte ich auch ausprobieren zu Hause.“ Es begann hörbar zu zischen. Anne musste sich gerade kräftig mit dem Dosenzeug einnebeln, der intensive Geruch nach einem ganzen Blumengarten kroch unter der Tür durch. „Leider waren die Kissen nicht nur sehr schnell sauber, nach ein paar Minuten waren die Bezüge auch strahlend weiß.“ „Großartig“, jubelte Luzie, „Ihre Frau wird sich aber gefreut haben!“ „Nun ja“, bekannte der alte Herr zerknirscht, „vorher waren sie orange und braun gemustert.“

Das Zischgeräusch war verstummt, da flog auch schon die Tür auf. „Großartig“, rief Anne mit rotem Kopf, „Herr Breschke, wenn ich Sie nicht hätte! Ich dachte schon, ich müsste jetzt wie ein Frosch durch die Gegend laufen, oder noch schlimmer: wenn das abgefärbt hätte!“ Ich ließ die Papiertüte diskret wieder in der Aktentasche verschwinden. „Leider war das auch die letzte Dose.“ Anne knüllte das grüne Stoffstück zusammen und warf es beherzt in den Papierkorb. „Aber das wird mir eine Lehre sein – nie wieder dieses obskure Zeug aus Fernost. Man weiß nie, was man sich da ins Haus holt!“





Schluckauf

4 06 2020

„Hpp!“ Anne sah mich verzweifelt an, der Schweiß lief ihr von der Stirn. Noch eine knappe Stunde, und sie würde ins Gericht fahren müssen. Aber in ihrem momentanen Zustand sah es nicht danach aus.

„Es hat heute Vormittag angefangen“, klagte Luzie. „Halb zehn bringe ich ihr die Post und einen Kaffee, will gerade die Tasse auf dem Schreibtisch abstellen, da passiert es.“ „Hpp“, machte Anne. „Dieser verdammte Schluckauf, ich kann einfach nicht…“ „Du könntest die Luft anhalten“, riet ich ihr, aber Luzie winkte ab. „Alles probiert, dreimal die Luft angehalten, sechs Schlucke Wasser, ein Stück Würfelzucker gelutscht, aber nichts hat ihr geholfen.“ „Hpp!“ Ich blickte auf den Aktendeckel. „Ah, heute ist also die Verhandlung mit dem Mieter aus dem verlassenen Kellergeschoss.“ Sie nickte gequält. „Hpp!“ Der Fall war klar: würde er nicht die beste Anwältin bekommen, die es gab, die Sache würde sehr, sehr teuer für ihn. Was aber, wenn Anne nun gar nicht erst ins Gericht käme?

Da klingelte das Telefon. Anne winkte ab. „Ich kann Sie leider nicht durchstellen“, hörte ich Luzie sagen, „aber Sie können gerne morgen früh bei uns vorbeischauen, dann ist die Situation bestimmt…“ Ich schlug mir die Hand vor den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Anne ließ sich stöhnend in ihren Sessel fallen. „Ein bisschen Schluckauf, und die ganze Kanzlei steht kopf? Das ist dann ja wohl doch zu stark!“ „Und wenn wir es mal mit Lesen versuchen?“ „Also…“ „Keine Widerrede!“ Luzie drückte der Chefin die Akte förmlich ins Gesicht. Widerwillig begann sie. „Sehr geehrte Frau Hpp!“ „Ruhig atmen“, empfahl ich. „Je mehr Du Dich jetzt entspannst, desto schneller kommt alles wieder in Ordnung.“ „In Sachen Städtische Gesellschaft für Hpp!“ Luzie wurde langsam etwas unruhig. „Vielleicht helfen ja Pfefferminzbonbons, ich habe in der Schreibtischschublade einen…“ „Wegen der widerrechtlichen Nutzung des Kellergeschosses des Grundstücks in der…“ Ich atmete so leise wie möglich, um Annes Konzentration nicht zu stören. „… Albert-Einstein-Straße Nummer Hpp!“ Sie ließ den Brief sinken, doch Luzie klappte ihr das Papier gleich wieder unter die Nase. „Entgegen den Ausführungen der Klägerin trage ich vor: Hpp!“ „Zumindest wirst Du damit dem Richter in guter Erinnerung bleiben“, wandte ich ein. Anne zog die Stirn in Falten. „Wenn Du eine bessere Idee hast, kannst Du Dich gerne als mich ausgeben und diesen Idioten raushauen!“ Luzie war ganz unbemerkt aus dem Zimmer geschlüpft und hatte die Tür lautlos hinter sich geschlossen. „Auf der anderen Seite ist es mir ein Rätsel, wie man diesen Mann ein ganzes Jahr lang im Keller vermutet, nicht nachschaut, die Türschlösser nicht auswechselt und dann zu allem Überfluss auch noch den Abfluss repariert, obwohl das Gebäude ja angeblich demnächst abgerissen werden soll für das neue Parkhaus.“ Da flog die Tür auf und Luzie platzte ins Zimmer. „Buh!“ „Hpp!“

„Ich kann mich täuschen“, wandte ich mich an die Bürovorsteherin, „aber vielleicht ist Deine Art von Schocktherapie handwerklich nicht unbedingt ausgereift. Vielleicht solltest Du sie auch nur bei anderen Gelegenheiten anwenden.“ Anne legte die Akte auf den Schreibtisch. „Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.“ „Kopf hoch“, ermunterte ich sie, „zur Not wirst Du plötzlich eine schwere Störung des Sprechapparats erleiden, wir holen uns auf dem Weg schnell ein Attest aus der Praxis von Doktor Klengel, dann schreibst Du mir die Fragen auf einen Block und ich lese sie einfach vor.“ „Geht nicht“, schüttelte sie den Kopf. „Juristisch wäre das ein glatter Fall von Hpp!“ Das hatte ich natürlich nicht bedacht. Man kann nicht vorsichtig genug sein.

Anne schluckte ein paar Mal trocken und hickte vor sich hin. Ihr Zustand wollte sich nicht bessern. „Ich weiß noch gar nicht, was ich Herrn Breschke zum Geburtstag schenken soll.“ Sie sah mich voller Überraschung an. „Natürlich“, fuhr ich fort, „ist er auch erst im nächsten Monat dran, und im Herbst feiern Breschkes sowieso ihren Hochzeitstag, und ich hatte eine Kleinigkeit besorgt, Schlagerplatten nämlich, aber nicht so, wie Du denkst.“ Anne wollte es vermutlich gar nicht wissen, ich erzählte es zur Vorsicht trotzdem. „Sofia Asgatowna hatte doch mal diesen Bibliothekar kennen gelernt, der hin und wieder musikalische Nachlässe in die Finger bekommt – wie gesagt, es ist eine ganz hübsche Sammlung von Schlagern der Zwanziger Jahre, alles fast neu, und er hat ja nun mal eine Schwäche für diese Zeit. Eigentlich hatte ich geplant, ihnen beiden diese Platten zu schenken, da sie ja doch sehr kostspielig sind, aber bis dahin habe ich ja noch genügend Zeit, mich um ein neues Geschenk zu kümmern.“ Anne sah mich an. Sicher hatte sie den einen oder anderen Sachverhalt verstanden, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann schrak sie plötzlich hoch. „Es ist höchste Zeit“, rief sie, „wir plaudern und plaudern und müssen in einer halben Stunde im Gericht sein. Schnell die und die Akten, ich brauche den Autoschlüssel, und dann geht’s los.“ Sekunden später stürmte sie mit dem schwarzen Talar über dem Arm durch den Flur. „Für heute keine Termine mehr“, informierte sie Luzie, die der Chefin ganz konsterniert hinterher sah, wie diese aus der Tür verschwand. „Ich komme dann nächste Woche wieder“, verabschiedete ich mich. Luzie richtete sich kerzengerade in ihrem Drehsessel auf. „Hpp!“





Akte Weißmann

13 05 2020

„Schuhe ausziehen!“ Das Ding stand vor mir und versperrte den Weg in die Kanzlei. Seine großen Augen liefen unangenehm rot an, bevor es den Befehl wiederholte: „Schuhe ausziehen!“ Luzie seufzte. Sie hatte es schon zu oft gehört.

„Wir haben ihn seit letzter Woche“, knurrte die Bürovorsteherin. „Frag mich nicht, warum sie sich diese elektronische Nervensäge hat aufschwatzen lassen.“ „Jedenfalls ist sie da“, bemerkte ich, da der Hausknecht unentwegt um mich herumsurrte. „Er ist ja noch nicht einmal eine große Hilfe.“ Sie suchte im Eingangskorb nach einem Schreiben. „Er kann nicht lesen, er hört nicht zu, Türen öffnet er auch nicht selbst, und dann lässt er regelmäßig die Tassen fallen.“ Ich warf verstohlen einen Blick auf die Teppichstelle vor dem Beratungszimmer, wo ein mittelgroßer Kaffeefleck noch nicht ganz entfernt worden war. Die Schieflage des Haussegens war nicht zu übersehen.

Die Tür öffnete sich. Anne würdigte mich zwar keines Blickes, obwohl sie mich gebeten hatte, ihr zu helfen, aber sie musste wohl mich gemeint haben. „Die Sache Weißmann?“ „Ich kann mich täuschen“, entgegnete Luzie, „aber hat nicht Robbie die Akte?“ Anne zog langsam eine Augenbraue hoch. Es musste ernst sein. Sie schloss die Tür. „Das Ding geht mir auf die Nerven“, fauchte Luzie. „Es wühlt in den Akten, zieht Stecker, und dann geht es ohne Vorwarnung unsere Mandanten an!“ „Schuhe ausziehen!“ Robbie hatte sich unbemerkt hinter mich gerollt und fiepte herum. Ich ignorierte ihn, das heißt: ich versuchte es wenigstens. „Schuhe ausziehen!“ Irgendwas musste hier schief gelaufen sein. „Habt Ihr eine Gebrauchsanweisung für das Gerät?“ Luzie zog die unterste Schublade auf. „Es muss da ein Handbuch gegeben haben, aber sie hat es gleich einkassiert. Anne wollte nicht, dass ich mich mit dem Roboter beschäftige – die Sicherheit, nicht wahr?“ Eine kleine Spitze, aber sollte sie ihr wirklich das Gefühl vermittelt haben, sie sei von dem rollenden Plastikklops zu ersetzen?

„Die haben mir das aufgeschwatzt“, erklärte Anne. „Alle haben das, es ist steuerlich absetzbar, es kann die Akten ordnen und…“ „Hat nicht Luzie die Akten im Griff?“ Sie sah mich schuldbewusst an, aber ich ließ nicht locker. „Und hättest Du nicht vorher in Erfahrung bringen sollen, was sich von der Steuer absetzen lässt?“ „Ja.“ Ich war sprachlos. Noch nie war ich ohne Widerspruch geblieben, zumindest nicht bei Anne. „Aber der Prospekt las sich so gut, und ich dachte, ich könnte Luzie damit ein bisschen unter die Arme greifen. Sie hat mir in letzter Zeit sehr viel geholfen.“ Anne knipste mit den Fingernägeln. „Vielleicht hätte ich sie fragen sollen?“ Ich nickte. „Das wäre eine gute Idee gewesen, und ich bin mir ganz sicher, Luzie hätte nichts dagegen gehabt.“

„Robbie?“ Annes Stimme klang ungewohnt leicht und liebenswürdig – ich hatte durchaus ein wenig Zeit gehabt, mich mit diesen Nuancen vertraut zu machen – und sie sprach in genau dem Frequenzbereich, den die Gebrauchsanweisung des programmierbaren Gehilfen als geeignet ansah. „Robbie, die Sache Weißmann.“ „Sache Weißmann bezieht sich auf einen Vorgang“, blubberte der rollende Schaltkreis. „Wollen Sie Informationen zu dem Fall, dann nennen Sie die Eins. Möchten Sie das Aktenzeichen, dann…“ „Weißmann“, bellte sie. Ich atmete auf. Sie hatte sich nicht verändert. „In einer Minute habe diese verdammte Scheißakte Weißmann auf dem Tisch, oder Deine Batterien fliegen aus dem Fenster!“ „Ich habe Akkumulatoren und keine…“ Anne stampfte mit dem Fuß auf, zufällig genau auf den Kaffeefleck. „Das ist mir völlig egal, ich will Weißmann!“

Möglicherweise gab es in der Kanzlei bereits Geruchsortung für Aktendeckel, jedenfalls kurvte der Roboter kreuz und quer durch die Räume. „Akte Weißmann negativ“, fiepte Robbie und rollte aus der Küche. „Akte Weißmann negativ.“ Auch die hinteren Flure und die Toilette brachten ihm keine Erkenntnis. Seine Augen verfärbten sich mehr und mehr. „Wahrscheinlich muss er scharf nachdenken“, mutmaßte Luzie. „Er hat zwar seine elektronische Nase in alles hineingesteckt, aber ich fürchte, dass seine Kombinationsfähigkeit nicht sonderlich ausgereift ist.“ Rein zufällig fiel mein Blick in die aufgezogene Schublade, in der sich die obligate Kekspackung befand. Ich schob sie rasch mit dem Schienbein zu, bevor Anne hinter den Tresen treten konnte. „Akte Weißmann negativ!“ Noch immer kreiselte das Ding durch die Gegend und stieß gegen Wände, Türrahmen und die Nerven der Anwältin. „Schluss jetzt!“ Anne atmete heftig durch.

Ich nahm gemächlich in einem der Besuchersessel gegenüber von Luzies Tresen Platz und stellte meine Mappe neben mich. „Weißmann“, sagte ich laut und deutlich. „Weißmann.“ Einen Augenblick später rollte Robbie heran. Kurz kippte er seinen kopfähnlichen Gegenstand nach hinten, dann schnarrte er: „Schuhe ausziehen!“ Im Hintergrund sah ich, wie Anne auf einem kleinen schwarzen Kästchen herumdrückte. Die Augen des Dings blitzten bläulich boshaft. „Ich bin zu lange in Betrieb, Sie können mich nicht mehr ausschalten.“ Gerade wollte ich aus dem Sessel aufstehen, da hatte Luzie auch schon das Blumengießkännchen vom Tisch hinter ihr gegriffen. Einen Schritt nach vorne, und schon zischte es. Robbie grunzte höchst organisch und hörte auf zu blinken. „Die Sache Weißmann“, sagte Luzie und reichte die Mappe an, die auf dem Tresen lag. „Und dann kann man hier vielleicht mal wieder vernünftig arbeiten.“