Krieg und Frieden

8 08 2018

„Wie soll ich das denn abholen?“ Er raufte sich die Haare; viel war bei Herrn Breschke nun nicht mehr vorhanden, allein zu dieser Rauferei reichte es aus. „Sie haben bis zum Wochenende gewartet, dann waren es noch zwei Tage, dann hatte ich die Karte im Briefkasten – und jetzt finden sie das Paket nicht mehr wieder?“ Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, blickte den alten Herrn aus treuen und traurigen Augen an. Was tun?

„Das war doch wieder so ein Paketbote, der hat gar nicht an der Tür geklingelt, der hat einfach die Karte eingesteckt.“ Ich begutachtete das Kärtchen, es war noch dazu falsch abgestempelt, da offenbar einen Tag vor der Auslieferung schon die Signatur des Paketboten eingetragen wurde. „Sie suchen alle schweren Sendungen bereits vor der Tour raus“, mutmaßte ich, „und lassen sie selbst abholen.“ Breschke schluckte. „Ich kann doch nicht…“ „Wir werden das anders lösen“, beschloss ich. „Geben Sie mir mal das Telefon.“

Eine halbe Stunde später wurde mir klar, dass künstliche Intelligenz die einzige Rettung für die Menschheit sein würde. Natürliche hatte es nicht bis in die Innenseite der Schädel von Paketboten, Kundenberatern und einer unter chronischem Verstandesverlust leidenden Sprechpuppe aus der Rechtsabteilung des Logistikkonzerns geschafft, die uns rieten, das Paket bis spätestens vorgestern abzuholen, da sich sein Standort wegen der falsch ausgefüllten Karte leider nicht mehr herausfinden ließe. „Sie meinte, wir sollten beim nächsten Mal einen anderen Paketboten wählen.“ Die Oberlippe des Pensionärs zuckte bereits unkontrolliert. „Das lasse ich mir nicht bieten“, knurrte ich. „Fahren Sie schon mal den Wagen vor.“

Die Paketstation befand sich eine Minute vor der Mittagspause, als wir eintrafen. „Sehr gut“, sagte ich, zog die Karte aus der Jackentasche und betrat den Vorraum. Schon schlenderte fröhlichen Blicks eine Angestellte auf die Tür zu, um alle Kundschaft für eine Stunde von ihren Rechten auszuschließen. „Schnell“, rief Herr Breschke, „sie schließen Ihnen die Tür vor der Nase zu!“ „Das will ich sehen“, gab ich zurück. Ich öffnete ein paar Hemdknöpfe, setzte die Sonnenbrille auf und stand plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor der Postfrau. „Skladusnje padorowuskji?“

Sie riss die Augen auf. „Jetzt ist aber…“ „Mnje jadatj’ gownaja brjatsk?“ Wir befanden uns im Nu wieder am Verkaufstresen, wobei sie einerseits hinter jenem Platz genommen und andererseits den Weg dorthin rückwärts zurückgelegt hatte. „Die Karte, ich brauche bitte eine Karte!“ Ich reichte ihr das Schriftstück. „Das kann nicht sein“, urteilte sie. „Sehen Sie hier, der Stempel ist ja am Tag vorher, da können wir, also das ist gar nicht…“ „Gownaja brjatsk“, entgegnete ich lächelnd, „rawustaja wse kusnizkij!“ Ich zwinkerte ihr sogar ein wenig zu, nur ein wenig. Man soll in solchen Situationen mit dem Charme vorsichtig sein, hatte ich mir sagen lassen. Am Ende käme es zu Missverständnissen.

Noch immer hatte sie die Karte nicht aus den Augen gelassen. Möglicherweise war ihr bereits aufgefallen, dass sich das besagte Paket noch im Lager befinden musste. „Sie wollen ein Paket“, begann sie langsam, „ich habe hier kein Paket. Sie müssen telefonieren mit Hotline, dann bekommen Sie Paket.“ Ich runzelte die Stirn. Diese Angestellte sprach mit mir, als wäre ich zu dumm für sie. „Skladusnje brasat’!?“ Mein Unterton war schon etwas drohend, sie blieb jedoch aufrecht hinter dem Tisch stehen. „Vielleicht könnte Herr Gruschitzki… Herr Gruschitzki?“ Das dickliche Männchen kam von hinten in den Schalterraum gerollt und tat sehr groß. „You speak Russish?“ „Njas pomoj ognoroz dat’ schtschukaja.“ „Peut-vouz Française?“ „Njas“, bellte ich zurück, nunmehr schon leicht ungehalten. „Njas pomoj, zakurtschnaja brjas!“

Vielleicht wäre die Stimmung in diesem Moment gekippt, hätte ich nicht mit dem Finger auf die Paketnummer gezeigt. „Gownaja“, sagte ich sehr bestimmt. Ein Moment der absoluten Stille trat ein, als sich die beiden stumm ansahen. Der Kleine schüttelte den Kopf. „Njas pomoj, njas gownaja brjatsk?“ Sie schüttelten beide. „Gownaja brjatsk“, wiederholte ich, bei jeder Silbe heftig mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte hämmernd. Wieder schwiegen sie. Überraschend packte ich ihn am Kragen und zog ihn halb über den Tresen. „Snagusnaja paruschni“, schrie ich, „schatjuschki na wojna!“ Hatte meine Explosion den plötzlichen Sinneswandel ausgelöst, so ging es nun doch recht schnell. In Sekunden verschwanden beide im Lagerraum, wo heftiges Poltern eine angeregte Suche zwischen Päckchen und Paletten andeuteten. Kurz danach wuchtete die Dame einen erheblichen Karton auf den Tresen. „Bittsjaka sehrskaja“, stotterte sie, „gutt?“ Ich nickte. „Danka scheen“, antwortete ich gönnerhaft, schmierte auf die Karte schnell einen unterschriftsähnlichen Kringel und schulterte das Ding.

„Ich verstehe es wirklich nicht“, wunderte sich Horst Breschke, während der Wagen langsam vom Parkplatz rollte. „Wenn das Paket doch angeblich gar nicht hier war, wie können sie es Ihnen dann gegeben haben? Gibt es da irgendein Geheimnis?“ „Ich verrate es Ihnen“, antwortete ich. „Man muss mit diesen Leuten in der Sprache reden, die sie verstehen.“

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Männer und Technik

31 07 2018

„Wenn das die Mandanten sehen!“ Luzie rümpfte die Nase. „Tun sie aber nicht“, antwortete sie schnippisch, „oder kriechen die unter meinen Tisch?“ Ungerührt stellte sie die Füße wieder in den Eimer. Endlich Kühlung.

„Ich kann sie ja verstehen“, seufzte Anne, „aber was mache ich, wenn ich mal eine Akte von ihr brauche?“ Das Beratungszimmer war nach der Nacht mit geschlossenen Fenstern ein Kubus aus schnittfester Luft, dass man bereits beim Betreten dumpf und dösig wurde. „Sie wird sich die Beine abtrocknen, den Rock…“ Anne hob unmerklich die linke Braue, ein sicheres Zeichen dafür, dass man nicht aufgepasst hatte. „Also sie krempelt sich die Hosenbeine herunter, dann sucht sie ihre Schuhe und…“ Annes Gesicht tanzte. Ich hielt besser den Mund. „Demnächst wird sie in Schwimmflossen durch die Kanzlei klatschen“, knurrte sie. „Das kann man den Mandanten wirklich nicht mehr zumuten. Und ich bin hier immer noch die Chefin, so sehr ich es bedauere.“ „Da bist Du nicht die einzige“, antwortete ich versonnen. Vielleicht war es doch schon ein bisschen zu warm.

Der angestaubte Karton in der Zimmerecke ließ keinen Zweifel zu. Es war bereits für Abhilfe gesorgt worden, die Temperaturen der nächsten Tage sollten noch einmal rekordverdächtige Höhen erreichen. „Husenkirchen hat endlich sein Büro geräumt“, verkündete Anne stolz. „Ich habe sozusagen seine ehemalige Einrichtung geerbt.“ Neben einer spröde bröselnden Schreibtischleuchte in nostalgischem Grün fanden sich allerhand große Briefbeschwerer, Buchstützen und ein riesiger Ventilator. Das Gerät sah unter der leichten Schicht von Staub und Patina aus, als hätten Alexander der Große und Richelieu im Schein einer Tranfunzel davor den Frieden von Versailles ausgewürfelt. Der Stecker war nicht mehr ganz mit der aktuellen Stromversorgung kompatibel, aber was macht’s – zwei Kabel, Plus und Minus, und der Spaß konnte beginnen. Anne ließ sich da nicht irre machen.

„Ich besorge ihr den Schraubendreher schon mal nicht“, knurrte Luzie. Das war auch verständlich, da sie im Zweifel für die Ideen der Strafverteidigerin würde geradestehen müssen. „Als sie das Faxgerät selbst programmieren wollte, hatten wir danach ständig Rückrufgespräche aus Taiwan. Und diese eben merkliche Verformung im Küchenboden stammt von der neuen Espressomaschine.“ Sie sah mich über den Rand ihrer Brille bedeutungsvoll an, und wer wusste, dass die so kleine wie kraushaarige Bürokraft Luzie Freese, die luziefr zu zeichnen pflegte, es immer und grundsätzlich ernst meinte, der ahnte, hier bahnte sich Interessantes an.

„Man muss dieses Gitter irgendwie fixieren“, mutmaßte Anne, „hier ist eine kleine Schraube, nein, nicht die – hier, diese kleine Schraube, die ist jetzt aber gerade unter den Schreibtisch gefallen, wie gut, dass da ein Teppich liegt. Du findest sie bestimmt wieder.“ Die Sonne war noch nicht unwiderruflich hinter dem Horizont eingesunken, die letzten Strahlen beleuchteten die Westwand des Büros, da zog Anne den Stecker des mondänen Deckenfluters aus der Dose und präsentierte stolz das Ende des strombetriebenen Umluftgeräts. „Du hast das doch nicht…“ Ein Nicken ließ mich zusammenzucken. Sie hatte tatsächlich mit Hilfe eines Taschenmessers – meines Taschenmessers, ich begann es erst in diesen Augenblick wieder zu vermissen – einen Stecker an das braungraue Kabel aus Großvaters Zeiten geschraubt. „Ich muss es nur noch in die Dose stecken“, kicherte sie, „Männer und Technik passen ja offensichtlich nicht immer so gut zusammen.“

Eine Viertelstunde später, Luzie hatte mit Hilfe der akkubetriebenen Bauleuchte recht schnell die Hauptsicherung im Keller des Anwesens gefunden, stand der Quirl auf Annes Schreibtisch. „Das mit dem Kabel kann ja immer mal jedem passieren“, maulte sie. „Die sind halt kompliziert.“ „Ich möchte trotzdem nicht, dass Du dieses Ding aus dem technischen Museum auf Deinen Schreibtisch stellst“, ließ ich sie wissen. „Es sieht einfach falsch aus.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Wir werden ja sehen“, meinte sie schnippisch und ließ sich auf dem Sessel nieder, „ich werde jetzt erstmal die Klageschrift von – wo ist eigentlich die Akte?“

Kaum hatte Anne sich erhoben, begann der Ventilator zu schnurren, erst leise, dann kollernd, innerhalb weniger Sekunden jedoch mit einem sonoren Röhren, als bräche gleich eine Turbine aus der Unwucht aus. Ein Krachen, und wie Schrapnell spritzten die Splitter der Windflügel durch das dünne Drahtgitter. Ein paar der scharfkantigen Teile blieben in der Tapete hinter dem Schreibtisch, ein größerer Metallkeil in der Sessellehne stecken, etwa in Augenhöhe.

„Nein!“ Anne hielt sich an meinem Arm fest. „Du hast noch einmal Glück gehabt“, stellte ich fest. „Für dieses Experiment einen fabrikneuen Ventilator zu kaufen und künstlich nachaltern zu lassen wäre sehr kostspielig gewesen.“ Sie sagte nichts. „Vielleicht sollte ich doch die technischen Geräte hier besser im Auge behalten.“ Und sie durchsuchte den Aktenschrank, guckte in der Küche wie in der kleinen Abstellkammer und ließ sich erschöpft in den durchbohrten Sessel fallen. „Du hast ja recht“, sagte sie kleinlaut. „Haben wir eigentlich noch einen Eimer?“





Der Alte von Ipanema

5 07 2018

„Das hält ja sonst nicht.“ Horst Breschke stakste in seiner knielangen Badehose über den Rasen zu dem kleinen Tischchen auf der Terrasse, wo sich die Tube befand. Er rieb sich kräftig die Arme ein, wobei er jede Menge Gartenerde auf der Haut verteilte. Kein Wunder, hatte er doch zuvor eine gute Stunde lang Unkraut gezupft.

Dies und die Tatsache, dass der alte Herr zu diesem Ensemble wie stets ein braun kariertes Hütchen trug, ließen mittelfristig ein Einschreiten unabdingbar erscheinen. „Sie hat wohl keinen Garten“, murrte er, „sonst hätte mir die Hausärztin nicht diesen unsinnigen Ratschlag gegeben.“ Herr Breschke hatte die Medizinerin konsultiert, da es um eine winzige Veränderung an einem Leberfleck ging, der ihm auf der rechten Schulter saß. Nichts Schlimmes, wie sie meinte, er solle sich nur immer gut eincremen bei der Gartenarbeit. „Ich habe nun wirklich alles ausprobiert“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber meine Frau geht mir auf die Barrikaden, wenn ich jeden Tag mit verschmierten Hemdsärmeln ankomme.“

Die Cremetube trug neben dem stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen und einem fetten Kind, das sich just mit der Cremetube, die den stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen trug, auf dem sich ein Kind mit der Cremetube… – jedenfalls war die Aufschrift eindeutig chinesisch, und so schien es nur logisch, dass Breschkes Tochter das Elixier von einer Geschäftsreise nach Brasilien mitgebracht hatte, wo es auf einem Marktstand feilgeboten wurde. Das Ablaufdatum dieser stark nach Jasmin und alten Fahrradreifen duftenden Flüssigkeit hatte sich vermutlich schon in der Sonne aufgelöst. „In Südamerika hat’s ja ganz andere Temperaturen“, sinnierte Breschke. „Und der Brasilianer an sich ist am Strand ja größtenteils unbekleidet, die wissen schon, was für eine Creme sie benutzen müssen.“ Ich stellte das Tübchen wieder auf den Tisch. „Der Brasilianer an sich hat zwar einen etwas anderen Hauttyp“, erklärte ich, „aber es gibt da eine uralte Landessitte: man cremt sich ein, und dann lässt man die Sache auch einziehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann doch hier nicht im Liegestuhl in der Sonne warten, da schlafe ich glatt ein. Wissen Sie, wie gefährlich das ist?“

Vor meinem inneren Auge lag Breschke sanft schnarchend im Klappstuhl, ein Dutzend Damen fächelte ihm mit gemopsten Hotelhandtüchern Kühlung zu oder sorgte für ausreichend Schatten, damit der Alte von Ipanema keinen Sonnenstich bekäme. Im Hintergrund stapfte ein fettes Kind durch den Sand, das eine Cremetube mit sich trug, auf der ein stilisierter Drache aus Sonnenstrahlen abwechselnd sich selbst und viele fette Kinder verschlang. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange in der Mittagssonne gestanden.

„Das Komplizierteste ist ja die Kopfhaut.“ Herr Breschke lüftete vorsichtig seinen Hut, in dessen Krempe eine verschachtelte Konstruktion aus Papiertaschentüchern und Frischhaltefolie klemmte. „Es gibt ja neuerdings Spezialprodukte gegen den Kopfhautsonnenbrand“, kicherte er, „aber ich bin ja nicht dumm. Da tut’s doch normale Sonnencreme auch.“ Also hatte er sich den haarlosen Scheitel mit der Sonnenlotion kräftig eingerieben, bevor er die Sache mit dem inneren Hutschoner aufsetzte. Um sich nicht in Schmierigkeiten zu bringen, dichtete er das Gebilde doppelseitig ab. Darin war der Alte perfekt. Auch wenn es ein bisschen mehr Aufwand mit sich brachte.

Allerdings hatte die Sache einen Haken. Diese ominöse Drachenmilch war derart dünnflüssig, dass sie gar nicht erst auftrocknete. Horst Breschke kniete nun vor dem Rosenbeet und auf dem Rasen, wobei er sich im Viertelstundenrhythmus selbst panierte, um dann wieder eine neue Schicht von der Sonnencreme aufzutragen. Immerhin hatte er noch ein gutes Dutzend Tuben im Keller lagern, das Tochterkind war wie immer gründlich gewesen beim Kauf; vielleicht gab es auch 143 Tuben zum Preis von 142, da kann man ja nicht widerstehen, zumindest nicht in Brasilien. Doch das würde nicht den ganzen Sommer lang halten. „Und ich kann doch den Garten nicht im Stich lassen, nur weil die Sonne scheint?“ „Natürlich nicht“, bekräftigte ich, „gerade im Sommer bedarf ein großer Garten der intensiven Pflege, und ich glaube, ich habe dafür auch schon die richtige Lösung. Warten Sie einen Augenblick, wir fangen gleich an.“

Anfangs weigerte er sich, in die rasch herbeigeschafften Badeschlappen zu steigen, doch beim Gedanken, dass seine Gattin ihm für die fettigen Fußspuren auf dem Flurteppich eine Strafpredigt halten würde, lenkte er schnell ein. „Und es sind nur ein paar Schritte“, besänftigte ich, „nur bis ins Bad.“ „Ins Bad?“ Skeptisch blickte er mich an. „Was soll ich da?“ „Sie können natürlich auch eine Stunde regungslos in der Sonne stehen und warten, bis das Zeug eingezogen ist, aber…“ „Und einen Sonnenstich bekommen?“ Schon lief er aufs Haus zu.

Rasch hatte Breschke sich abgebraust, die Spuren von Erde und Kosmetik gründlich beseitigt, und das bereitgelegte Unterhemd angezogen. „Man kann das waschen“, befand ich, „sogar Ihre Frau wird da nicht widersprechen. Und jetzt die.“ Ich reichte ihm seine gewohnte Strickjacke. „Sehr gut“, lobte er. „Kommen Sie, wir wollen gehen.“ „In den Garten?“ Breschke winkte ab. Er langte nach dem Haustürschlüssel und der Geldbörse. „Nein, gleich in die Drogerie. Wir brauchen eine vernünftige Sonnencreme.“





Schatten der Vergangenheit

14 06 2018

„Drei Stück, das müsste ungefähr ein Meter sein.“ Herr Breschke stellte die Blumentöpfe in den Wagen. „Und Schmetterlingsflieder – meine Frau hat sich den schon im vergangenen Jahr so sehr gewünscht, und dann ist er einfach…“ „Hotte!“

Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es ein kleiner, dicker Mann in einem grünen Pullover war, wie ihn alle Angestellten in diesem Gartencenter trugen, und ich musste auch nicht zur Seite blicken, um zu ahnen, wie der alte Herr zusammengezuckt war. Uns näherte sich ein deutlich verlebter Rentner mit knolliger Nase und rot geädertem Gesicht, dessen freudige Erregung in bizarrem Kontrast stand zu Herrn Breschkes vor Schreck verkrampfter Miene. „Alte Hütte“, johlte der Aushilfsverkäufer, „dass Du noch oberhalb der Radieschen bist, hätte ich ja auch nicht gedacht!“ Breschke schüttelte die ihm aufgedrängte Pranke, wobei ihn Unlust befiel, ziemlich Unlust, und er wand sich, dem Dicken die Hand wieder zu entziehen. „Karl“, krächzte er. Damit war auch schon alles gesagt, es hätte ein netter Nachmittag bleiben können, und doch: die Gefahr war da. Er hatte sie eindeutig identifiziert.

Und schon ging es los. Karl klopfte ihm auf die Schulter, als habe er ein altes Pferd vor sich. „Nee“, jodelte er unbekümmert weiter, „wenn ich das zu Hause erzähl, die werden Augen machen, obwohl: nee, was meine Frau ist, die kennt ihn ja gar nicht.“ Was kein Wunder war, hatten die beiden sich doch gut vierzig Jahre lang nicht gesehen. Die Freude über die jähe Unterbrechung dieses Zustandes war dann auch eher asymmetrisch. „Wie wir damals noch im Kegelverein waren, da wollte ich ihn immer mal zu mir einladen, aber er hat gearbeitet.“ Fast bewundernd, ein bisschen mitleidig und sehr überrascht blickte er den Kegelbruder an. „Also tagsüber, wenn Sie wissen, was ich meine.“

„Wir müssen dann auch zur Kasse“, verkündete der pensionierte Finanzbeamte resolut. „Im Baumarkt wird’s nachher wieder so voll, und wir wollten doch noch…“ „… in den Seehafen“, sekundierte ich, „Fisch besorgen.“ „Ach“, entfuhr es Karl mit dem Ausdruck den Bedauerns, „schade – aber komm doch mal wieder, wenn ich keine Zeit habe.“ Und er lachte ein meckerndes, dünnes Lachen, zwar als einziger, aber er lachte. Ansatzlos hieb er ihm wieder die Hand auf die Schulter, dabei sprach er in verschwörerischem Ton zu mir. „Der hat doch damals die Rothaarige abgeschleppt!“ Breschkes Gesicht verzog sich, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. „Er spricht von meiner Frau.“ Ich nahm ihm langsam Karls Pfote von der Schulter. „Dann lassen wir die Sache jetzt mal besser auf sich beruhen, sonst sagt am Ende noch jemand irgendetwas, das ihm hinterher leid tun könnte, nicht wahr?“

Wir wandten uns zum Gehen; doch unser Verkäufer hatte kein Mitleid. „Das war nämlich so“, begann er. „Hotte konnte ja schon immer besser rechnen als kegeln, eigentlich konnte er alles besser als kegeln, aber das ist halt so.“ Breschkes Hals schwoll langsam an, aber ich konnte ihn noch gut im Zaum halten. „Sie kommen jetzt mal zum Punkt, wir können unsere Topfpflanzen auch woanders kaufen.“ Aber das hatte er wohl überhört. Oder die Schatten der Vergangenheit lasteten ein bisschen zu stark auf ihm. „Das war der spanische Likör“, kicherte Karl, „Hotte hatte einen zu viel erwischt, und dann hat er sich verrechnet, und dann musste er noch zwanzig Würfe machen, und dann…“ Wir blickten einander an. Horst Breschkes Augen verengten sich zu einem geradezu kaltherzigen Schlitz, als würde er aus ihnen jeden Moment mit Laserstrahlen einen Gegner in handliche Stücke schneiden. „Der Abend, an den er sich nicht mehr erinnert, richtig?“

Schnaufend baute Breschke sich auf. „Das war, als er diese… wie hieß sie noch gleich?“ „Heide“, grübelte ich, „das muss Heide gewesen sein. Sie hatte eine Abneigung gegen Doppelkorn, wenn ich mich recht entsinne.“ „Aber…“ „Und sie konnte verdammt gut zielen“, knurrte Breschke. „Und dann war da dieses Schwimmbecken auf der Rückseite des Hotels, in dem die Kegelbahn lag.“ „Und einer hatte plötzlich die Idee, aufs Dreimeterbrett zu klettern.“ „Natürlich freiwillig.“ „Natürlich.“ Jeden Augenblick hätte er uns bestätigt, dass die Geschichte, so sie denn wahr gewesen wäre, sicher ganz anders hätte verlaufen müssen. So aber tastete er sich ängstlich und rückwärts den Weg durch die Rabatten, wobei er auf den Chef stieß. „Ach nee“, rief er, „Sie hier?“ Kalle wimmerte. „Seit wann haben Sie denn einen Balkon?“ „Ach“, erwiderte ich, „ich helfe nur ein bisschen.“ Mit einem Aufschrei verschwand Kalle hinter dem Taxus. „Wir sollten jetzt in den Seehafen“, meinte ich, „da kennt uns wenigstens keiner.“





Nicht ohne meinen Anwalt

23 05 2018

„So habe ich sie noch nie erlebt!“ Luzie knetete ihre Finger und schaute besorgt zu der Tür, hinter der seit einer guten Stunde der Mandant saß. Anne kam und kam nicht weiter. Es war zum Verzweifeln.

„Ich frage mich sowieso, wie sie diesen Mann vertreten will.“ Die Bürochefin knibbelte hektisch an einer Heftklammer herum, während im Beratungszimmer dumpfes Schweigen herrschte. „Wer ist es denn?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist es ja“, seufzte sie. „Er will es nicht sagen.“ „Doch nicht etwa ein Räuber“, argwöhnte ich, „der seine Verteidigerin nur ausnutzt?“ Energisch schüttelte Luzie den Kopf. „Wenn ich es richtig verstanden habe, will er gegen seinen Nachbarn Anzeige wegen Sachbeschädigung erstatten.“

Da öffnete sich unerwartet die Tür. Ein Herr im braunen Anzug hockte auf dem Besuchersessel, in den Händen hielt er einen Stapel Papier. Aber den hatte er, was schnell klar wurde, nicht zur Ansicht mitgebracht. „Wir werden gegen diesen Unhold vorgehen“, deklamierte er, „aber nicht mit unlauteren Methoden! Daraus dreht er uns nur wieder einen Strick!“ Einigermaßen waidwund hing Anne im Türrahmen, erschöpft von einer Stunde vergeblichen Verhörs, während der sie nichts aus dem Mann hatte herausbringen können. „Er hat eine zerkratzte Vordertür“, ächzte sie, „und der Spiegel ist abgebrochen, aber egal – frag ihn doch einfach selbst.“ „Warum nicht?“ Sie grinste schief. Mir war noch nicht klar, warum.

„Ihnen darf ich das sowieso gar nicht sagen“, protestierte er. „Und damit das klar ist, ich rede hier kein Wort mehr ohne meinen Anwalt!“ „Ich hätte auf einen soliden Sprung in der Schüssel getippt“, murmelte Anne. Aber so leicht machte er es uns auch nicht. „Nach diesem neuen Datenschutzgesetz müssen Sie meine Angaben streng vertraulich behandeln!“ „Das wollen wir ja“, wimmerte Anne. „Aber wie soll ich den Fall denn bearbeiten, wenn ich nicht einmal weiß, wer sie sind?“ „Ich darf das nicht einfach sagen“, belehrte er mich. „Erst müssen Sie mich schriftlich belehren, dass ich Ihnen zugestimmt habe – oder war’s umgekehrt? – auf jeden Fall wird alles gegen mich verwendet.“ Ich zog Anne beiseite. „Und Du bist Dir absolut sicher, dass der Typ nicht einfach einen Triller unterm Pony hat?“ „Dessen bin ich mir sogar ziemlich sicher“, gab sie grimmig zurück. „Er hat Luzie wortlos den Vorschuss auf den Tresen gelegt und sich geweigert, eine Quittung zu unterschreiben.“

Ich trat wie unabsichtlich ans Fenster und blickte auf den Vorplatz. „Momentchen“, sagte ich, „ich muss mal eben etwas gucken.“ Eine Minute später war ich wieder im Beratungszimmer. „Nun“, beschloss ich, „wir müssen den Fall zumindest theoretisch angehen, sonst kommen wir nicht weiter. Es handelt sich also um dieses rote Auto, das Ihr Nachbar mutwillig beschädigt hat?“ „Grau“, korrigierte er, „grau. Ich will mich nicht durch eine Falschaussage belasten, und ich hoffe, dass Sie das bemerkt haben.“ Anne nickte ergeben. Ich sah verstohlen auf meinen Schreibblock. Alles passte.

Mit einiger Mühe entlockten wir ihm, dass sich die Tat am gestrigen Abend abgespielt haben musste. „Sie haben natürlich keine Zeugen“, gab ich zu Bedenken. Doch ich hatte mich getäuscht. „Ich stand am Küchenfenster“, tobte der Mann. „Ich musste mit eigenen Augen ansehen, wie dieser… aber das tut jetzt nichts zur Sache. Es war ja auf meinem Grundstück, und da habe ich gesehen, wie er über den Zaun…“ Er biss sich auf die Unterlippe. Offenbar hatte ihn jetzt gerade der Datenschutz von einer vollumfänglichen Zeugenaussage abgehalten. „Aber sonst würde es doch niemand bestätigen, dass sich dieser Nachbar widerrechtlich auf Ihr Grundstück begeben hat, um Ihren Wagen zu zerkratzen?“ Er schnaubte angewidert durch die Nase. „Natürlich!“ Drohend blickte er mich an. „Die ganze Straße weiß, dass er nicht normal ist, jeder weiß das!“ Ein kurzes Häkchen auf dem Schreibblock. Dann stand ich auf. „Luzie wollte das unbedingt haben“, erklärte ich, „und wir werden die Sache danach schnellstens erledigen.“

„Halterfeststellung“, nickte Luzie. „Es gab nur einen grauen Wagen auf dem Parkplatz?“ Ich lächelte. „Genau genommen gab es nur einen mit zerkratzter Tür, aber ich wollte ganz sichergehen. Und dann müssten wir noch wissen, in welche Richtung sein Küchenfenster liegt. Schaffen Sie das?“ Sie rückte ihre Brille zurecht. „Geben Sie mir eine Viertelstunde.“

Es ging wesentlich schneller, und in der Zwischenzeit hatte der Mandant tatsächlich den einen oder anderen sachdienlichen Hinweis gegeben, nur leider langte alles das nicht. Da kam Luzie. Ich nahm ihr den Zettel aus der Hand. „Lassen Sie sehen, Doktor Watson.“ Er blickte mich misstrauisch an. „Ich glaube“, befand ich, „wir können den Fall nun ganz datenschutzkonform einer gerechten Lösung zuführen, und es sollte in Ihrem Sinne und zu bester Zufriedenheit verlaufen.“ Zur Vorsicht stimmte mir Anne sofort zu. „Lassen Sie nur, wir kümmern uns um alles und kommen dann auf Sie zu, wenn wir die nötigen Formalitäten erledigt haben.“ Er war äußerste verwirrt. Anne reichte ihm die Hand und schob ihn aus dem Beratungszimmer in Richtung Flur. „Der Täter wohnt in Nummer 37“, sagte sie. „Das reicht uns.“ „Aber…“ Sie sah im fest ins Auge. „Nur, damit das klar ist – von mir haben Sie das nicht!“





Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“





Wiener Blut

24 04 2018

Es sah ein bisschen aus wie kreislaufbedingter Drehschwindel. Oder Schwierigkeiten nach zu viel Schnaps. Nur die Musik, die aus dem Wohnzimmer drang, ließ recht schnell erkennen, dass Herr Breschke mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

„Das muss vierzig Jahre her sein“, murmelte der Alte. „Ich meine, nach vierzig Jahren – wer hätte denn ahnen können, dass man das heutzutage noch braucht?“ So beschwingt wie majestätisch kontrastierten die Klänge von Johann Strauss Sohn die Klage des Hausherrn, der ausgerechnet in der Küche, in Pantoffeln und alleine etwas probierte, was nicht sofort als Wiener Walzer zu identifizieren war. „Sie haben es Ihrer Frau versprochen“, mahnte ich. „Und Sie wussten schon ein wenig länger, dass dieser Tag kommen würde.“ Die Goldene Hochzeit rückte näher, und noch immer war nicht vergessen, wie sich Breschke während der Hochzeit seines Patenkindes, der einzigen Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen, eine schwere Knöchelverletzung zugezogen hatte (es war glücklicherweise im Sitzen gewesen, er musste den Tisch für dieses kleine Malheur nicht einmal verlassen) und für den Ehrentanz mit der Braut ausgefallen war. Jetzt aber war die laue Frühlingsluft von schmelzigen Geigen satt, während sich Breschke an der Lehne des Küchenstuhl festklammerte und verhältnismäßig unrhythmisch hin und her wippte. Wie Walzer sah das nicht aus, wie ein Kaiserwalzer schon gar nicht.

„Sie können das bestimmt“, wandte er sich an mich. „Meinen Sie nicht, Sie könnten mir in ein paar Stunden ein bisschen Tanzunterricht geben?“ „Sie können die Damenschritte üben“, antwortete ich skeptisch, „ich glaube aber nicht, dass Ihnen das viel nützen wird.“ Er blieb hilflos. „Damenschritte, nein – ich wollte eigentlich nur Walzer. Ganz normalen Wiener Walzer.“ Das Problem offenbarte sich Stück für Stück; er hatte nicht nur wenig mit dem Walzer am Hut, er musste auch so gut wie alles verdrängt haben, was er in der Tanzstunde jemals gelernt hatte. Ich zeigte auf seine Füße. „Zunächst mal sollten Sie sich ordentliche Schuhe anziehen.“ Er nickte. „Die sind vielleicht ein bisschen zu rutschig. Oder etwa zuwenig?“

Die Couchgarnitur hatte ohnehin schon an der Wand gestanden, den Tisch schob Anne mit einem Ruck hinterher. „Das dürfte reichen“, sagte sie und maß den Abstand zur Schrankwand. „Mehr Platz werden Sie auf dem Tanzboden im Festsaal auch nicht haben.“ Gut, dass sie so schnell hatte kommen können. Der pensionierte Finanzbeamte nestelte an seinem Hemdkragen. „Und Sie meinen, Sie können es schaffen?“ Sie nickte mir zu. Ich setzte die Nadel auf die Schallplatte. Schmissig schmetterte das Orchester los, Anne stand mit verschränkten Armen vor dem massiven Mahagonimöbel. „Auffordern“, soufflierte ich. „Ach so“, stotterte er, „ich äääh…“ „Herr Breschke“, empörte sich Anne. „Ich muss doch sehr bitten!“ Er verbeugte sich. „Gerne, wenn Sie möchten?“

Etwas steifbeinig stand er vor ihr und suchte irgendwo Halt mit seinen Händen. „Man muss da irgendwo anfassen“, grübelte er, „aber ich habe vergessen, wo.“ „Denken Sie einfach, Ihre Frau würde zugucken.“ Jetzt traute er sich gar nicht mehr. Anne legte beherzte seine Hände auf ihre Schultern. „Das sollte für den Anfang reichen. Und bitte!“ Ansatzlos schritt Anne aus, ihr Partner mit der braunen Strickjacke stolperte irritiert hinterher. Der Sessel, genauer: seine Rückseite hielt die beiden gerade noch von einem Sturz auf die Couch zurück. „Ein bisschen weniger stürmisch“, rief sie. „Sie wollten Wiener Walzer, der ist nun mal mit einer halben Drehung verbunden. Sonst bleibt uns nur der normale Tanzstundenwalzer.“ „Machen Sie nur“, stöhnte Horst Breschke, „Hauptsache, ich lerne es irgendwann.“

Ich hatte die Platte umgedreht. „Wiener Blut“, las ich vor. „Kommen Sie, wenn Sie dazu nichts aufs Parkett kriegen, dann sehe ich für Ihre Frau aber schwarz!“ „Und… links!“ Erwartungsgemäß verwechselte Breschke die Beine. Beim dritten Versuch hatte er dann wenigstens den Bogen raus. „Sie wissen, woran man einen Gentleman erkennt?“ Der Hausherr stellte das Tanzen ein und schüttelte den Kopf. „Er guckt auf die eigenen Schuhe“, bemerkte Anne spitz. „Hier oben spiel die Musik, klar?“ Ruckartig hob er den Kopf und hing sich wieder in ihre Arme. „Noch drei Takte, zwei, und…“ Los walzte das Paar, in einem Dreieck schräg gegeneinander verkeilter Schritte, die die Musik nur sporadisch zur Kenntnis nahmen. „Meine Güte“, schnaufte Anne, „jetzt stellen Sie sich halt einen Bierkasten vor.“ Er blickte sie fragend an. „Die Seiten stehen in einem Winkel von neunzig Grad zueinander, und wir bewegen uns auf dem Rand. Links fängt an. Drei, zwei, und…“

Ganz überraschend dynamisch und aus der Hüfte wiegte sich Breschke im Karree, das mehr und mehr die Fläche des Wohnzimmerteppichs einnahm. Zwei ganze Walzer lang blieb er so gut im Takt, dass Anne ihm schließlich bescheinigte, was er hören wollte: die Goldene Hochzeit war gerettet. „Ich werde heute Nachmittag noch ein bisschen in der Küche üben“, verkündete er und schob den Tisch wieder an seinen angestammten Platz. Anne griff nach ihrem Mantel und öffnete die Hautür. „Wie hast Du das nur so schnell hingekriegt“, sagte ich verwundert. Sie lächelte. „Er kann nicht tanzen. Dazu hat er zwei linke Füße. Aber seine Frau kann führen. Wir müssen uns keine Sorgen machen.“ Und sie öffnete die Wagentür. „Vertrau mir, es wird ein rauschendes Fest.“