Ansteckende Infektion

12 12 2017

„Meine Frau hat die ganze Nacht kein Auge zugetan.“ Er räusperte sich noch einmal geräuschvoll und überprüfte den Sitz seines Kehlkopfes. „Sie meinen wohl“, korrigierte ich, „Sie haben…“ „Ach was“, meinte Herr Breschke, „ich habe doch gehustet. Mich stört das nicht.“

Der alte Herr hielt sich stark gekrümmt, als müsse er unter der Last des Reizhustens einknicken. Sein Atem ging recht ruhig, aber hin und wieder hüstelte er sehr theatralisch, als würde er einen starken inneren Druck bekämpfen. „Und dann kratzt es natürlich im Hals“, krächzte er, „meine Frau sagt auch, das hört sich krank an.“ In der Tat war die Stimme besorgniserregend, aber das war momentan auch sein Gedächtnis; vor lauter Heiserkeit vergaß er glatt, gebückt durch die Küche zu humpeln. „Es ist ja der ganze Körper“, gab er zu, „ich will das vor meiner Frau natürlich nicht so zeigen.“ Und er griff nach dem Faltblättchen auf dem Küchentisch. „Sie sollten das auch mal lesen“, gab er mir zu verstehen. „Das wird ja gemeinhin nicht so an die große Glocke gehängt.“ Ob sich die Apothekenzeitschrift indes dem investigativen Journalismus verschrieben hatte, vermochte ich nicht zu sagen. Doch was kann man ausschließen.

„Diese Schmerzen in den Knien kommen sicher auch nicht zufällig.“ Ich stimmte mit ihm überein, was der Tatsache geschuldet war, dass er zwei Tage lang auf Geheiß von Frau Breschke die Fußleisten geschmirgelt und neu lackiert hatte. Außerdem hatte sein überzeugendes, geradezu perfekt arthritisches Humpeln, das er nur im Ansatz zeigte, im Zusammenspiel mit der leichten Rückenandeutung mich in seinen Bann geschlagen. „Wussten Sie“, fragte ich vorsichtig, „dass diese Instabilität der Kniegelenke, wenn sie mit Reizhusten einhergeht, oft nur eine tiefere Symptomatik verbirgt?“ Horst Breschke sah mich verwirrt an. Wusste er denn gar nichts über fernöstliche Medizin? Oder hatten diese verdammten Apothekenzeitschriften in den letzten Jahrzehnten, seitdem ich eine von innen gesehen hatte, plötzlich ihr Programm geändert?

„Nehmen Sie doch mal die Schultern zurück“, sagte ich mit sanftem Druck, während ich ihn auf den Küchenstuhl setzte. „Haben Sie in den letzten Nächten vielleicht eine starke Atemnot verspürt?“ Entsetzt schüttelte Breschke den Kopf. „Aha“, murmelte ich. „Dann haben wir das wohl auch noch vor uns. Aber zumindest ist nicht auszuschließen, dass wir eine affektiv-pulmonale Störung haben, die im vorliegenden Fall – husten Sie mal.“ Er keuchte ein paar Mal trocken. „Richtig“, ermunterte ich ihn, „richtig husten! Wir wollen doch wissen, ob Ihr Lungenvolumen noch ausreicht.“ Der pensionierte Abteilungsleiter riss die Augen in wilder Furcht auf, doch sah er lediglich mein strenges, wenngleich ermunterndes Nicken. Er hüstelte ein bisschen, sehr trocken, und nichts machte mir den Eindruck einer schweren Erkrankung. Aber Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste, und so ließ ich ihn in die Deckenlampe blicken.

„Das sieht gar nicht gut aus“, murrte ich. „Sehr gerötete Bindehäute. Befeuchten Sie Ihre Augen regelmäßig?“ „Ich muss mal sehen“, stammelte Breschke, „meine Frau hat etwas im Schränkchen, aber ich darf das nicht nehmen.“ „Haben Sie ein starkes Durstgefühl?“ Er überlegte. „Wenn Sie mich so fragen, eine Tasse Tee könnte ich schon vertragen jetzt.“ Das war ein gefährliches Zeichen. Ich legte umgehend die Stirn in Falten, um mir die Diagnose durch den Kopf gehen zu lassen. „Wir wollen es noch nicht beschreien“, sagte ich mit einiger Vorsicht. „Aber möglicherweise haben wir es mit einer ansteckenden Infektion zu tun. Damit ist nicht zu spaßen!“

Viel gab das pharmazeutische Werbeblättchen nicht her. „Wussten Sie eigentlich, dass nächtliche Schlafstörungen immer in Schüben auftreten, drei oder mehrere Nächte hintereinander?“ Das Ding empfahl vor dem Schlafen eine Flasche Bier zu trinken, jedenfalls konnte man das aus den Inhalten jener Wunderpillen schließen, die der redaktionelle Teil anbot. „Nehmen Sie doch noch mal die Hände nach oben.“ Zitternd befolgte Breschke meinen Befehl. „Diese Schweißausbrüche“, wimmerte er. „Es kann sich nur um Cholera handeln, aber sagen Sie meiner Frau nichts davon!“ Zitternd hielt er sich an der Stuhllehne fest. „Die Zeitung hat doch neulich auch geschrieben, dass Pest und Typhus zurück sind in unseren Landen – kann man das denn ausschließen?“ Mit schreckgeweiteten Augen sah er mich an. „Nein“, antwortete ich im Ton einer Grabesstimme, „ausschließen kann man gar nichts. Schon gar nicht in ihrem Zustand.“

„Natürlich eine Erkältung“, erklärte Frau Breschke. „Er hat noch eine Nacht gehustet, dann bekam er ein wenig Fieber, und jetzt liegt er im Bett.“ Sie schob mir die Schale mit dem Gebäck hinüber. „Immerhin hat er keine Rückenschmerzen mehr.“

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Psychologische Kriegsführung

16 11 2017

Das Ding gab keinen Mucks von sich, und das war auch sehr gut so. Herr Breschke hatte die Alarmanlage, jenen unablässig heulenden Apparat, auf gutes Zureden seiner Frau, dann auf den leicht gereizten Bescheid der Nachbarschaft wieder abgebaut. „Aber irgendwie muss man sich doch schützen“, verkündete er, „es wird doch letztens so viel eingebrochen.“

Die Fenstergriffe waren frisch poliert, der Sperrriegel hinter der Eingangstür ebenso geölt und daher leichtgängig. Der Hausherr wollte es den Dieben nicht eben einfach machen. „Schräg gegenüber bei Schneidereits haben sie einen Stein in die Fensterscheibe geschmissen“, berichtete er, „und als die Familie nach vorne lief, müssen die Einbrecher das Fahrrad aus dem Garten entwendet haben.“ „Aber wenn sie nur im Garten waren“, überlegte ich, „hat es sich ja nicht um Einbrecher gehandelt.“ Das leuchtete ihm nicht ein, der alte Herr beharrte auf seine Theorie. „Sie haben dafür das Grundstück betreten müssen, das ist ja quasi wie eine Art Einbruch. Das hat mir der Doktor Schneidereit selbst so gesagt.“ Woraus ich schloss, dass die Angelegenheit mindestens zwanzig Jahre zurückliegen musste; der alte Zahnarzt der Familie hatte kurz danach das Zeitliche gesegnet. „Das Rad fand sich zwar wieder an, aber die Scheibe war hinüber – stellen Sie sich das mal vor!“

Das kleine Gitterchen hinter dem Kellerfenster war ebenfalls frisch gestrichen. „Man muss auch auf die kleinen Dinge achten“, meinte Breschke. „Der Einsteigedieb, der sieht, dass hier Sorgfalt angewendet wurde und erstklassige Technik, wird bestimmt unverrichteter Dinge umkehren.“ Das schien logisch; jenes Gitterwerk war durchaus stabil und ließ sich nicht einfach mit der Kneifzange entfernen. Sollte der Einbrecher eine dressierte Katze durch dies Fenster in den Keller schleusen wollen, denn mehr gab die zwanzig mal zwanzig Zentimeter große Öffnung nicht her, sie würde bereits an den Metallstreben scheitern. „Vielleicht wäre es auch ratsam, die Tür abzuschließen.“ Der pensionierte Finanzbeamte schaute mich verwirrt an. „Aber warum das?“ „Wer auch immer durch dies Fenster in den Keller gelangt, ist über die Kellertreppe sofort im Erdgeschoss.“ Er rieb sich das Kinn. „Und wenn ich abschließe“, überlegte Breschke, „wird der Einbrecher im Keller nach einem geeigneten Werkzeug suchen und die Tür aushebeln – nein, das wäre ja ein zusätzlicher Schaden, ich weiß nicht, ob das die Versicherung so einfach zahlt?“

Ein eher provisorisch gemeintes Schild hatte der Alte bereits am Vortag am Zaun befestigt. Warnung von dem Hunde stand darauf, und mit einem Restchen Bindfaden war es an den Latten vertäut. „Das macht sicher Eindruck“, gab ich zu. Er nickte. „Die meisten werden bereits durch diesen einfachen Hinweis abgeschreckt“, meinte Breschke. „Das klärt die Situation bereits im Vorfeld.“ Bismarck, der also angesprochene Haus- und Wachhund, spazierte ungerührt die Auffahrt entlang in Richtung Rosenbeet. Er würde keinen Bösewicht hereinlassen, so viel stand fest.

„Ich würde übrigens auch diesen Schlüssel entfernen.“ In der Pflanzschale vor dem Eingang, unterhalb der herbstlichen Hortensienreste, glänzte ein Sicherheitsschlüssel in der Vormittagssonne. Das Ding war regelrecht einladend drapiert, man hätte es wenigstens in die Erde stecken oder unter einem flachen Stein verbergen können. „Das ist doch der Trick“, erläuterte Horst Breschke. „Der Schlüssel ist vielleicht ein wenig auffällig, aber wissen Sie, was passiert, wenn man ihn ins Schloss steckt?“ Da die Warnanlage nicht mehr existierte, fiel mir nichts ein. „Gar nichts“, feixte er. „Der Schlüssel passt nämlich in kein Schloss, nicht mal in die Garage und erst recht nicht zum Auto. Das wird den Einbrecher so ärgern, dass er wieder abzieht.“ In Sachen psychologische Kriegsführung konnte ich vermutlich eine Menge von ihm lernen.

Unterdessen hatte ein junger Mann die Pforte geöffnet und kam stracks auf die Tür zugelaufen. Die Tatsache, dass er eine blau und gelbe Jacke mit entsprechendem Emblem trug und unschwer als Briefträger zu erkennen war, ließ Breschke jedoch sofort aufatmen. „Einschreiben für den Herrn“, rief er und hielt ihm einen Umschlag hin, „und dann habe ich noch eine Büchersendung.“ Während Herr Breschke seine Unterschrift leistete, kam Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, gemächlichen Schrittes aus dem Garten zurück in Richtung Haustüre. Der Bote schaute erschüttert nach dem Hund. Er bekam weiche Knie, ein leises Zittern in seinen Händen zeigte an, dass er eine starke Abneigung gegenüber Hunden haben musste. Geradezu fluchtartig verließ er das Anwesen. „Er ist ja ein braver Hund“, sagte Breschke und streichelte dem Dackel übers Köpfchen, „aber Sie sehen, er macht Eindruck. So leicht kommt uns hier keiner ins Haus hinein.“

Er brachte mich noch bis ans Gartentor. „Morgen werde ich dann eine neue Birne in die Lampe schrauben“, erklärte Breschke, „dann wird in dieser Jahreszeit jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit…“ Da fiel es auch ihm auf. Das Schild war verschwunden. „Wie ist das nur möglich? Mir ist gar nichts aufgefallen!“ Ich sammelte ein Ende Schnur vom Gehweg auf. „Sie sollten Ihr Haus viel besser sichern“, befand ich. „Vielleicht lassen Sie Bismarck öfter mal in den Garten.“





Letzte Reserve

10 10 2017

Jetzt also war es so weit. Er erkannte mich nicht mehr, oder wollte er mich nur nicht kennen? Mit schwarzer Brille und mir bis dato unbekannter Schiebermütze auf dem Kopf huschte Herr Breschke in aller Frühe am Gartenzaun entlang, den Hund im Schlepp. Unvermittelt drehte er sich um. „Wir haben uns nie gesehen!“

Während Bismarck noch einmal ganz genau den Löwenzahn an Studienrat Kalübbes Grundstück inspizierte, tupfte sich der alte Herr den Schweiß von der Stirn. „Meine Frau darf nichts davon erfahren“, flüsterte er, „ich habe nämlich in die Urlaubskasse gegriffen – sie wird mir das nie mehr verzeihen!“ In der Tat hatte der Gedanke, dass die beiden nicht wie sonst im Frühjahr für eine Woche ins Sauerland fuhren, etwas Erschreckendes. Sicher gab es auch eine gedankliche Verbindung zu seinem Aufzug und zu dem Korb, den er mit schwarzer Folie ausgekleidet hatte. Sollte er etwa heimlich im Stadtpark die Überreste einer Freveltat entsorgt haben? Immerhin wühlte sich der Dackel ganz wie sonst durch den kleinen Grünstreifen und beendete das Leben der herbstlichen Flora.

Er straffte sich. „Rasch“, sagte er im Befehlston. „Wir müssen die ersten Kunden sein, sonst spricht es sich herum und wir haben das Nachsehen!“ „Sie wollen zu Supikauf“, mutmaßte ich. Ein scheues Nicken mit emporgezogenen Schultern gab mir Recht. Horst Breschke nestelte einen zerknüllten Prospekt aus der Manteltasche. „Da“, zeigte er, „Seite zwei – wir sollten uns jetzt wirklich beeilen, sonst ist alles weg.“ „Haben nur Sie dieses Blättchen bekommen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Natürlich nicht“, stöhnte er. „Hunderte sind jetzt schon auf dem Weg, ein Sonderangebot geht doch herum wie ein Lauffeuer.“ Ich zog langsam die Brauen in die Höhe. „Und Ihnen ist klar, dass es sich um Butter handelt? schlicht und ergreifend deutsche Markenbutter?“ Er sah mich entgeistert an. „Natürlich“, tadelte er meine Einfalt, „Butter – haben Sie mal auf die Butterpreise geschaut? und was man bei diesem Angebot alles sparen könnte?“ Ich begriff langsam. Der pensionierte Finanzbeamte plante also einen Hamsterkauf und hatte sich zur Vorsicht als Geheimagent verkleidet, um keinen Argwohn hervorzurufen. Man musste ja auch erstmal darauf kommen.

„Sie hätten mit dem Wagen kommen können“, stellte ich fest. „Zwei bis drei Klappkörbe für den Kofferraum, dann hätten Sie für den Rest Ihres Lebens immer genug Speisefette im…“ Er rollte die Augen. Hatte ich einen Denkfehler gemacht? „Doch nicht zum Essen“, knurrte Breschke. „Man kann sich dies kostbare Gut ja nicht einfach so aufs Brot schmieren, das ist eine Wertanlage!“ Ich verstand; Gold wäre im Bereich des Möglichen gewesen, aber die Haltbarkeit von Streichfett war nicht von der Hand zu weisen. „Schnell jetzt“, rief er, „wir sind tatsächlich die ersten!“

Die Verkäuferin, die die Tür aufschloss, sah nur, wie ein älterer Herr an ihr vorbeischoss. Ich ging in gemessenem Schritt hinterher, verpassen konnte ich ihn nicht. Herr Breschke stand schon am Kühlregal und schaufelte Päckchen für Päckchen das Begehrte in seinen Einkaufskorb. Dann jedoch geschah das Unvermeidliche. „Haushaltsübliche Mengen“, ließ die Verkäuferin sich vernehmen, „wir geben unsere Ware in haushaltsüblichen Mengen ab – legen Sie bitte die anderen Päckchen zurück ins Regal.“ „Das sind haushaltsübliche Mengen“, ereiferte sich der Alte, „haben Sie schon einmal überlegt, wie groß das Bruttonationaleinkommen ist im Vergleich zu Ihren Preissteigerungen?“ Ob die Kassenkraft nur viel mehr von Volkswirtschaft verstand als Herr Breschke oder den Wunsch der Geschäftsführung durchsetzte, sie beharrte darauf. Zehn Päckchen. Mehr war nicht drin. „Ich werde mich über Sie beschweren!“ „Tun Sie das“, erwiderte die junge Dame ungerührt. „Gehen Sie auch bitte ganz nach oben bis zur Konzernleitung, weil man den Hinweis in unsere Prospekte gedruckt hat, ohne Sie vorher zu fragen.“

„Sehen Sie es ein“, ermahnte ich ihn. „Durch Hamsterkäufe destabilisieren Sie das Preisgefüge noch viel mehr, sonst gibt es Butter bald nur noch auf dem Schwarzmarkt.“ „Ich wusste es“, ächzte Breschke, „dass es so schlimm ist, wollte ich wohl gar nicht wahrhaben. Aber was jetzt?“ Stück für Stück legten wir Fettziegel in die Kühlung zurück. Da fiel mein Blick auf ein anderes Regal. „Salz!“ Er blickte mich skeptisch an. „Salz?“ Ich griff in die Stellage und füllte seinen Korb mit Tafelsalz in handlichen Kartons. „Sie wollten Ihre Wertanlage nicht konsumieren, und Sie brauchen ein Ersatzgut, das einerseits preisstabil ist und andererseits nur wertvoller werden kann.“ Er nickte vorsichtig. „Dann sollten Sie hier zugreifen. Und wissen Sie was? Ich werde mich zur Stabilisierung Ihres Haushaltes bereiterklären, noch einmal dieselbe Menge abzunehmen.“ Er zögerte. „Aber ist denn das so viel Wert wie Butter? Immerhin…“ „Solange Sie die Päckchen irgendwo sicher einlagern, ist es doch egal, ob Butter drin ist oder Streusand.“

Im Bewusstsein seines wirtschaftlichen Genies schritt Breschke zur Kasse, zwei Paletten Tafelsalz in Korb und Beuteln. Die Kassiererin zuckte bloß mit den Schultern, ehe sie die Fracht über das Laufband zog. „Der Wirtschaft haben wir es aber gezeigt“, keuchte er. „Wir lassen uns nicht die Butter vom Brot nehmen!“





Adel verpflichtet

8 08 2017

„Meine Frau will das so“, quetschte Breschke an dem trockenen Keks vorbei. „Sie meint es sicher nur gut“, beschwichtigte ich ihn, „und Sie sagen doch auch immer, man solle seine Nachbarn kennenlernen.“ Er fischte einen Zuckerwürfel aus der Dose und schmiss ihn in den Tee. „Aber deshalb dieser Aufstand?“

Das Billett in den Briefkästen hatte sie als Friedrich Ludwig Reichsgraf Truntz auf Steinheim nebst Gattin ausgewiesen, die des Umzugs in dieses Viertel halber die Umwohner zu einer kleinen Abendgesellschaft einluden. „Stellen Sie sich das mal vor“, grantelte der Alte, „ein livrierter Diener morgens in der Bäckerei. Affig!“ „Sie leben doch zu sehr im achtzehnten Jahrhundert“, schmunzelte ich. „Die wenigsten Edelleute haben Bedienstete, und wer von denen trägt heute noch Livree?“ Er brauste auf. „Dafür muss ich mir jetzt seitenweise Benimmregeln durchlesen!“ Der pensionierte Finanzbeamte griff noch einmal zu den Plätzchen. „Dann kann meine Frau auch gern alleine zu den Grafens gehen, ich muss diese Leute nicht haben. Die passen doch gar nicht hierher!“

Wahrscheinlich lag Horst Breschke damit gar nicht so falsch, aber das änderte ja nichts an seinem Benehmen. Ich reichte ihm die Gebäckschale an. Sofort nahm er sich ein weiteres Stück. „Darf ich Ihnen noch etwas Heidesand anbieten?“ „Ich habe schon“, müffelte er, „danke.“ Geräuschvoll stellte ich die Schale auf den Küchentisch. „Mein Lieber, wir werden ab jetzt arbeiten.“ Ich wies auf die Kanne. „Bedienen Sie sich“, schmatzte er, „ich koche gerne noch nach.“ Anscheinend begriff er nicht. „So geht das nicht. Sie sind hier der Gastgeber!“ „Noch Tee?“ Ich hob die Kanne vom Untersetzer. „Möchten Sie noch ein Tasse Tee, Herr Breschke?“ Verwundert sah er mir zu, wie ich seine Tasse auffüllte. „Und bitte, nehmen Sie doch noch ein – aber doch mit der Zange!“ „So geht das viel schneller“, verkündete er und ließ den Zuckerwürfel in den Tee gleiten. Wie sollte das alles nur enden.

Zunächst übten wir an einem improvisierten Blumenstrauß; ein paar Margeriten aus dem Garten halfen aus, ebenso ein Bogen Packpapier. „Und nun überreichen Sie mir den – aber Herr Breschke!“ „Was denn“, grummelte er, „ich habe den gerade eben eingewickelt, und jetzt soll ich den schon wieder auswickeln? Das ist doch alles überflüssiger Klimbim, das werden Sie doch einsehen!“ Ich seufzte. „Aber Sie werden der Dame des Hauses nun einmal einen Strauß überreichen müssen, es handelt sich doch um eine Abendeinladung?“ Breschke guckte nochmals in die Einladung. „Ja, wir müssen so gegen halb los. U.A.w.g., das sagt doch alles.“ Hatte ich etwas verpasst? „Um acht wird gegessen“, erklärte er, „steht da doch! Dann reicht es ja völlig, wenn wir um halb acht gehen.“

Die Auswahl der Krawatte blieb problemlos, es waren überhaupt nur zwei im Schrank, zuzüglich des Beerdigungsmodells in Schwarz. „Und dann knöpfen Sie die Jacke bitte auf, wenn Sie sich setzen, aber lassen Sie den unteren Knopf bitte auch offen im Stehen.“ Er wand sich. „Also den unteren im Sitzen auch offen?“ Ich nickte. „Das muss ich mir aufschreiben, sonst vergesse ich es. Und den Schlips lockert man wann?“ „Gar nicht“, gab ich zurück. „Denken Se nicht einmal daran.“ „Also auf den Weihnachtsfeiern bei uns im Referat…“ Ich runzelte deutlich die Stirn. „Eben.“

„Wenn ich mir erlauben dürfte, Ihnen ein paar Blumen zu überreichen?“ Etwas hüftsteif, aber nicht ungalant streckte er mir die Margaritenreste entgegen, die nun auch schon ein gutes Dutzend Versuche überstanden hatten. „Nicht schlecht“, lobte ich, „und dann stellen Sie mich Ihrer Gattin vor.“ „Spielen Sie meine Frau?“ Ich guckte kurz nach: nein, noch war ich nicht in einer Doppelrolle. „Wenn ich Ihnen meine reizende Gattin…“ „Aber Herr Breschke!“ „Sie haben ja recht“, murrte er, „so reizend ist sie auch wieder nicht, aber das darf man doch einem Reichsgrafen nicht auf die Nase binden. Meinen Sie, er sagt es weiter?“ „Keinesfalls!“ Ich schüttelte den Kopf. „Adel verpflichtet.“

„Den Schirm lassen Sie ruhig zu Hause, es wird heute vermutlich trocken bleiben, und haben Sie die Blumen?“ Frau Breschke hatte sie natürlich in der Küchenspüle deponiert, mit einem feuchten Tuch um die Stängel, und alles sah so festlich aus, einschließlich des Hausherrn, wie er in seinem sandfarbenen Sommeranzug vor der Garderobe stand und sich im Spiegel betrachtete, die gestreifte Krawatte perfekt gebunden und in Sandalen. „Soirée oder nicht, aber so werden Sie das Haus nicht verlassen.“ „Ich habe es vergessen“, murmelte er, „aber was soll ich denn jetzt machen?“ Voller Angst blickte er mich an. „Diese Hose ist so furchtbar eng, und wenn ich mir jetzt Schuhe zubinde, dann platzt sie am – na, Sie wissen schon.“ Einen Moment überlegte ich, dann hatte ich die Lösung. „Nehmen Sie die Schuhe, und dann gehen Sie auf die Gästetoilette.“ Er stutzte. Frau Breschke hatte es schon verstanden.

„Und jetzt hier läuten, und dann die Blumen, und dann Ihre Frau.“ „Sag doch auch mal was“, fauchte Breschke seine Gattin an. Doch just in dem Augenblick öffnete sich die Tür, ein dicklicher Mann in Cordhosen und einer Grillzange in der Hand winkte die Gäste heran. „Hereinspaziert“, rief er, „auch ein Bierchen?“ „Was ich Ihnen gesagt habe“, zischte Breschke pikiert. „Sie passen nun wirklich nicht hierher!“





Chipster

27 07 2017

„Sicher fiepe ich hier wie an der Supermarktkasse!“ Hildegard drehte die ominöse Plastikscheibe zwischen den Fingern und rümpfte die Nase. „Es sind ja nur drei Tage“, tröstete ich sie. „Außerdem macht das Ding überhaupt gar keine Geräusche.“ „Eben“, zischte sie zurück. „Man wird hier still und heimlich ausgehorcht, das ist der Plan!“

Das luxuriös ausgestattete Schiff glitt den stillen Fluss hinab, kichernde Paare flanierten übers Deck, lustige Damenkränzchen waren auf der Suche nach Eierlikör, in der Mitte der Heiterkeit hockte meine Begleiterin und ärgerte sich. „Es ist lediglich eine kleine Unterstützung für den Service“, erläuterte der Chefsteward. „Sobald sich ihre elektronische Marke angemeldet hat, schalten sich das Licht und Ihre Lieblingsmusik in der Kabine an.“ „Das schaffe ich alleine!“ Sie war durchaus nicht mit guten Worten zu erreichen. Und vielleicht waren diese Funkchips tatsächlich ein Eingriff in ihren innersten Privatbereich. „Nehmen wir zum Beispiel der Cocktail“, erklärte der Steward, „dank Ihres Fragebogens wissen wir bereits, dass Sie gerne ein Gläschen um die Mittagszeit trinken.“ Mehr musste er nicht sagen.

Siebels hatte uns die Karten überlassen, zwei Staffeln Traumboot unter der Sonne des Südens, hastig über Weihnachten gekurbelt, waren der Produktionsfirma eine ganze halbe Woche auf diesem wasserfesten Hotel wert gewesen. Die Küche war erträglich, man musste nicht zu allem Allotria heraustreten, und dank unserer goldfarbenen Anhänger brauchten wir für nichts zu bezahlen. Die hellbraune Brühe, die hier als Kaffee serviert wurde, machte die Sache nicht besser, immerhin: es gab nie Diskussionen um den Preis. „Und genau deshalb will ich nicht, dass mir jemand um kurz nach elf einen Cocktail unter die Nase hält“, nörgelte Hildegard. „Vor allem nicht vor dreißig lustigen Witwen, die nach dem Frühstück übergangslos zu ihrem ersten…“ „Ist ja gut“, beschwichtigte ich sie. „Nur noch heute, morgen, und dann sind wir ja auch schon durch mit dieser Kreuzfahrt.“ Sie schnaubte geräuschvoll. „Ich werde diesen Plastikmüll ab sofort in der Kabine lassen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Wir kommen aber ohne nicht ins Restaurant.“

Ein mäßiger Nieselregen ging über dem Schiff nieder. Möwen johlten am trüben Himmel. In weiter Ferne zeigten sich die Türme eines Doms, es hätte aber auch ein frühgotisches Heizkraftwerk sein können. „Wenn wir nur endlich zu Hause sein könnten“, seufzte Hildegard. Da erblickte sie das silbrige Rund an der Türschwelle. Das eingeprägte Logo der Reederei auf der Rückseite zeigte schnell, dass es sich um ein Speicherplättchen wie unseres handelte, nur eben in einer anderen Klasse: wer dieses mit sich führte, musste für alles bezahlen, was nicht im Preis inbegriffen war. „Sehr gut“, sagte sie mit maliziöser Miene. „Jetzt werden wir erleben, was wirklich Luxus ist.“

Dass der Etagenkellner Hildegard in nahezu akzentfreiem Französisch ansprach und statt des obligaten Tom Collins eine perfekt gekühlte Flasche Champagner präsentierte, überraschte doch ein wenig. „Ich hatte meinen Namen nicht so ganz verstanden“, informierte sie mich, „vielleicht sollte ich mit russischem Akzent antworten?“ Der weiße Kaviar wurde auf kleinen Schmetterlingen von Vollkornbrot serviert, mein schüchterner Einwurf, noch ein Kännchen Tee zu bestellen, wurde wie der Geistesblitz eines Genies aufgenommen. „Schade.“ Hildegard schmatzte. „Schade eigentlich, dass wir die Kreuzfahrt nicht bis zum Ende mitmachen. Du hast doch die Nummer von Siebels?“ „Er würde mir den Kopf abreißen“, knurrte ich. Sie lächelte. „Das hatte ich bedacht. Es ist Dein Kopf, nicht meiner.“

Ein bisschen nervte Swetlana Eduardowna, oder wie immer sie hieß, denn wir verstanden ihren Namen nicht auf die Entfernung. „Es ist gerade so gemütlich“, meinte Hildegard. Der Damenclub prostete uns selig im Fackelschein mit Eierlikör zu. Der rasch auf dem Landweg besorgte Bassbariton trug einen ergreifenden Schubert-Zyklus vor, der beherzte Umbau des Oberdecks in eine mit seidenen Baldachinen überspannte Arena hatte dem Direktor einiges an Anerkennung abgerungen. Leiser schlugen die Wellen ans Ufer, keiner hörte, wie sich in den hastig schallisolierten Kabinen unter Deck das Streichorchester einspielte. Einen Abend auf dem Wasser ohne Bartók und Strawinsky kann man haben, muss man aber nicht.

„Du hättest ruhig den stabileren Koffer nehmen können“, moserte Hildegard beim Aussteigen. Die vielen Souvenirs aus der Bordboutique drohten das Gepäckstück beinahe zu sprengen. Der Chefsteward hatte ihr erst in einem Anfall von Ritterlichkeit beim Tragen helfen wollen, entdeckte aber im letzten Augenblick ihren goldenen Chip. „Bis zum nächsten Mal“, grüßte er knapp und hatte sich halb schon den nächsten Passagieren zugewandt. Mit gekonnt divenhaftem Schwung drehte sie sich um und schritt die Gangway hinunter. Oben zeterte es aus vollem Halse. „Meine Güte“, stöhnte Hildegard und verdrehte die Augen. „Wenn Sie es sich nicht leisten kann, warum fährt sie dann nicht erster Klasse?“





Ein Tässchen mehr

13 07 2017

Sie hatte etwas besorgt geklungen. „Er übertreibt ja gerne einmal“, sagte Frau Breschke, „aber diesmal mache ich mir ernsthaft Gedanken. Jedenfalls hat er sofort den Gartenschlauch ausgewechselt, und dann wollte er die Scharniere ölen.“ Und das am selben Tag – das erforderte sofortiges Einschreiten.

Der alte Herr empfing mich mit einer gewissen Fahrigkeit. „Ich müsste eigentlich nur dort oben die Schelle auswechseln“, erklärte er und wies auf die Dachkante. „Die Regenrinne ist an sich noch intakt und wird sicher keine Schwierigkeiten machen.“ Er wippte hektisch hin und her, maß mit dem Daumen die Distanz nach und stellte vermutlich eine grobe Berechnung an, wie lange er zum Erklimmen der Leiter brauchen würde. „Diese Klempner“, teilte mir Horst Breschke mit, „das ist ja gar nichts. Die nehmen Geld für jede Kleinigkeit.“

Immerhin hatte jemand sämtliche Fugen, die die Steinplatten der Auffahrt zur Garage voneinander trennten, auf einem quasi-chirurgischen Niveau gesäubert, vermittels eines spritzwasserbetriebenen Gerätes oder aber auf die herkömmliche Art, die ein Küchenmesser und sehr viel Zeit erfordert. Ein flüchtiger Blick auf die Kellertreppe, der auch das Corpus delicti offenbarte, zeigte deutlich, dass sich der Hausherr auch diese Zeit genommen hatte, ein Umstand, der nicht eben häufig vorgekommen war. „Das war an einem Vormittag fertig“, bekräftigte er, „kaum der Rede wert. Darf ich Sie auf eine Tasse Kaffee einladen?“ Da allerdings wurde ich doch misstrauisch.

„Kaffee verlängert das Leben“, verkündete Herr Breschke; den kopierten Zeitungsartikel – eine Wochenendbeilage des örtlichen Anzeigenblattes hatte er selbstverständlich griffbereit in der Küche liegen. „Es hat eine Langzeitstudie gegeben, die sich mit dem Verbrauch von Bohnenkaffee und den gesundheitlichen Folgen beschäftigt hat. Seitdem nehme ich gerne mal ein Tässchen mehr.“ Im Hintergrund schmurgelte die Brühmaschine, die den braunen Sud warm hielt oder es doch versuchte. „Und das trinken Sie nun?“ Er nickte. „An sich sind wir Teetrinker, ich und meine Frau.“ Genau das hatte ich in Erinnerung, vor allem angesichts seiner Versuche, für den Besuch einen ordentlichen Kaffee zuzubereiten. „Aber was tut man nicht alles für die Gesundheit!“

Der pensionierte Finanzbeamte nuckelte an der Tasse. „Natürlich sollte man auch nicht zu viel zu sich nehmen“, gab er zu bedenken, „aber mehr als drei Kannen pro Tag kriege ich sowieso nicht herunter.“ Das streng riechende Gebräu verfestigte meinen Eindruck: hier war kein Könner an Werk. „Meine Frau bleibt lieber beim Tee, und das ist ja auch gut so. Stellen Sie sich mal vor, wie viel Kaffee ich sonst kochen müsste!“ Er nippte wieder, Schluck um Schluck.

„Drei Tassen am Tag“, entzifferte ich aus dem kopierten Artikel. „Kann es sein, dass Sie den Beitrag gar nicht richtig gelesen haben?“ Breschke griff gerade hektisch zur Hundeleine, aber von Bismarck, dem außergewöhnlich eigensinnigen Dackel, war nicht viel zu sehen. Sicher lag das Tier auf dem Fernsehsessel und wartete, bis der Anfall des Zweibeiners sich erledigt hatte. „Ich müsste noch die Fensterscharniere ölen“, stöhnte er, „meine Frau wollte das so.“ „Ich verstehe.“ Wehleidig sah er mich an. „Früher habe ich sie immer eine Woche warten lassen, und dann bin ich in den Keller gegangen, um das Ölkännchen zu suchen, weil mir nie einfiel, dass es ganz hinten auf dem obersten Bord steht.“ Sein Blick hatte etwas zutiefst Waidwundes an sich. „Diese furchtbare Unruhe – ich kann doch jetzt nicht täglich den Teppich mit dem Klopfsauger bearbeiten, den Geschirrspüler ausräumen oder…“ „Bewahre“, fiel ich ihm ins Wort. „Wollen Sie Ihre glückliche Ehe aufs Spiel setzen? Das kann man doch nicht riskieren!“ Seufzend sank Breschke auf den Küchenstuhl. „Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwas muss doch jetzt geschehen.“ Ich nickte mitfühlend.

„Sehr viel besser.“ Frau Breschke roch an der Kanne, während ihr Mann im Garten gerade den Zaun richtete. „Nicht mehr so kräftig, und natürlich sehr viel weniger, aber das ist schon in Ordnung. Und der Kaffee ist auch erträglich.“ Ich trank einen kleinen Schluck; es schmeckte recht erträglich, wenn man sich vorstellte, eine Kanne davon zum Frühstück zu vertilgen. „Nachbar Gabelstein war stinkwütend, dass unser Rasen so gepflegt aussieht, und die neuen Schellen hat Klempner Kußmaul prompt angeschraubt. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!“ Eben bückte sich Breschke, rupfte eine Butterblume aus dem Gras und legte den Pinsel beiseite. Schon hatte er ein anderes Kraut auf dem Rasen entdeckt und dabei den Zaun gänzlich aus dem Sinn verloren. Sie kicherte. „Gut, dass Sie noch diesen ohne Koffein hatten.“





Beweismittel

22 06 2017

Herr Breschke wedelte mit beiden Armen, dann schlich er sich an der Kellertreppe entlang in Richtung Hecke. Deutlich sichtbar legte er den Finger über seine Lippen. Dabei hatte ich gar nicht vor, seine Pantomime zu kommentieren.

„Das muss es sein“, wisperte er mir zu. „Das da hinten, ich habe es genau erkannt, das ist bestimmt das Mikrofon!“ Er deutete verstohlen mit dem Zeigefinger auf Gabelsteins Grundstück, starrte unterdessen angestrengt in die andere Richtung und lief dann auf Zehenspitzen wieder zur Kellertreppe zurück. „Ich kritisiere Sie ja nur höchst ungern“, bemerkte ich möglicherweise eine Spur zu laut, „aber meinen Sie nicht auch, dass es kaum auffälliger geht?“ Die beiden älteren Damen, die auf dem Trottoir standen und verwundert in die Einfahrt hineinblickten, schüttelten die Köpfe, und sie entfernten sich nur langsam und widerstrebend; wahrscheinlich hatten sie gehofft, Zeugen einer sehr merkwürdigen Angelegenheit zu werden, die jetzt doch nicht oder wenigstens nur im Garten eines fremden älteren Herrn stattfinden sollte. „Das ist mein Grundstück“, ereiferte sich Breschke im Flüsterton, „da werde ich doch wohl schleichen dürfen, wo ich will!“

Nun war Gabelstein prinzipiell jede Schandtat zuzutrauen, er hatte dem Nachbarn aus Bosheit eine Karre Laub über den Zaun und jede Menge Schnee auf den frisch geräumten Weg gekippt, Bismarck mit Papierkrampen beschossen und heimlich nachts Löwenzahn auf dem Rasen gesät. Aber eine derart komplizierte Operation sah ihm schon aus Gründen der Intelligenz nicht ähnlich, und dass Horst Breschke ihn seit Jahr und Tag mit allerlei wenig schmeichelhaften Worten zu bezeichnen pflegte, war ihm auch bekannt. „Vielleicht habe ich bei der Gartenarbeit irgendwann einmal ein unbedachtes Wort über meine Arbeit im Finanzamt geäußert“, sinnierte der alte Herr, „und er wird mich damit zu erpressen versuchen. Das sieht ihm ähnlich!“

Da wurde ich stutzig. „Was ist denn das da?“ Er packte mich am Arm. „Das ist der Beweis“, keuchte Herr Breschke, „er hat meinen Garten verkabelt – das sind bestimmt Funkmikrofone!“ Schon warf er sich, nein: ließ sich in mehreren Stufen, aber doch verhältnismäßig rasch auf den Rasen nieder. „Sie werden ja Grasflecke in ihrer Strickjacke kriegen“, mahnte ich, aber er hörte schon gar nicht mehr zu. „Da läuft die Schnur“, ächzte er. Wie ein schwer bewaffneter Kämpfer – die Gartenschere hatte er wohlweislich am Fuße der Kellertreppe auf der Fensterbank liegen lassen – robbte er sich nun an der Hecke entlang, alle anderthalb Armlängen einmal ins Strauchwerk hineinlangend, bis er unter trockenen Blättern und Ästchen die Strippe wieder zu fassen bekam. „Sie geht wohl bis ganz vorne“, japste er, und wie anders ließ sich die Mutmaßung beweisen als durch einen gut fünfminütigen Kriechgang bis knapp vor das Gartentor. Einmal machte Breschke dabei Anstalten, mit krebsrotem Kopf liegen zu bleiben; ich sah mich schon die Nummer des Notarztes wählen und ihm mühsam auseinandersetzen, warum der pensionierte Beamte an einem angenehmen Sommertag bewusstlos in seinem eigenen Garten mit einem Stück Elektrolitze in der verkrampften Faust abtransportiert werden musste. „Noch gut zwei Meter“, röchelte Breschke, „nur noch…“ „Also wirklich!“ Die beiden Damen waren entrüstet und daher in nicht zu steigernder Neugier zum Zaun zurückgekehrt, hatten sich dort mitsamt ihren erbaulichen Heftchen postiert und sahen nun einen Maulwurf in braungrauem Strick, der triumphierend einen Stecker aus dem Laubwerk riss. „Das ist der Beweis!“ „Entschuldigung“, gab die eine der beiden zaghaft zurück. „Wir wollten mit Ihnen über…“ „Dieser Unhold!“ Er hieb mit den Fäusten auf die Rasenkante. „Dieser miese Patron!“ Mit einem Riesensatz verschwanden die Missionsschwestern von der Gartenpforte, und das im rechten Augenblick, denn jetzt erhob sich der Alte zu voller Größe, stürmte auf die Kellertreppe zu und verschwand im Untergeschoss.

Gewaltiges Rumoren kündigte es an: mit einem verdächtigen Gegenstand in der Faust stapfte er die Treppe wieder hinauf, näherte sich schwer atmend der Hecke und legte an. „Das hat sich Gabelstein selbst zuzuschreiben“, schnaubte er. „Lassen Sie das doch“, ermahnte ich ihn. „Sie werden sowieso alles treffen, nur nicht das Ziel.“ In der Tat zitterte das Luftgewehr in Breschkes Händen gewaltig. „Nehmen Sie das Ding einfach runter und…“ Da hatte sich schon ein Schuss gelöst. Zum Glück hatte er kein Fenster getroffen, nicht einmal die Fassade von Giebelsteins Haus. Weniger schön, dass das Projektil das gewünschte Ziel erreichte. Die silbrig verspiegelte Kugel auf dem Bambusstöckchen zersplitterte, und nichts war zu sehen außer eben diesem Stab. Kein Kabel verbarg sich darunter, kein technisches Gerät. Kein Mikrofon.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, knurrte Breschke, schulterte sein Gewehr und ging wieder auf das Haus zu. „Einen alten Mann so zum Narren zu halten – das sieht diesem Unhold ähnlich!“ Dann beugte er sich zu mich herüber. „Aber bitte“, flüsterte er, „erzählen Sie bloß meiner Frau nichts davon!“