Kriechstrom

3 05 2017

Eifrig durchwühlte Breschke die Kellerschublade. „Irgendwo müssen sie liegen“, murmelte er, „ich hatte sie bestimmt hier hineingelegt.“ Angesichts des feuchtkalten Wetters war es nur zu verständlich, dass er den Rasen mit Handschuhen mähen wollte. Vielleicht lag es ja an diesem neuen Apparat.

„Elektrisch“, erklärte der Hausherr nonchalant, „aber die heutigen Geräte haben natürlich keine Schnur mehr. Das ist über Funk, oder so.“ Der neue Rasomat L205 hatte zwar einen ergonomischen Handgriff, ein außergewöhnlich formschönes Gehäuse und eine attraktive Zierlackierung, aber die Stromantenne war wohl im Innern verbaut. Es war wohl doch nur ein Akkumulator, der das Ding mit Energie versorgte. Da stand der Mäher auf dem Gras, unmittelbar vor der Kante des Rosenbeetes, und harrte auf den Einsatz. Wir stapften über das Grün, möglicherweise ein bisschen zu schnell, denn da hörte man den elektrischen Schnitter auch schon summen. „Sie haben ihn gar nicht ausgeschaltet?“ Horst Breschke schüttelte den Kopf. „Unseren Fernseher lassen wir nachts auch immer brennen.“

Manche hätten das Gras zu lang gefunden, manchen wäre es in diesem Augenblick auch zu nass zum Mähen gewesen. „Es ist auch ein bisschen früh.“ Zierte er sich etwa? „Dabei haben Sie mir doch vorgeschwärmt, wie flüsterleise dieser Mäher sei.“ Der pensionierte Finanzbeamte zierte sich in der Tat. Es musste sich um ein wirklich sehr leises Gartengerät handeln, so weit kannte ich ihn. „Man kann diesen Hebel einfach umlegen, es ist wie eine Art Automatikgetriebe, und dann startet es.“ Ich blickte voller Interesse auf das formschöne Gehäuse mit der attraktiven Zierlackierung. Vielleicht würde sich das Ding aus lauter Motivation in Bewegung setzen. Wahrscheinlich aber eher nicht.

„Laut Bedienungsanleitung kann man damit größere Flächen mähen.“ Wahrscheinlich handelte es sich da um mehrere Mäher, um sehr kleine Fußballfelder oder um eine suboptimal übersetzte Bedienungsanleitung. Breschke ruckelte an der Maschine, die offensichtlich Startschwierigkeiten hatte. „Es ist“, bestätigte ich, „tatsächlich noch ein bisschen früh. Diese modernen Geräte sind sicher besonders sensibel. Aber das muss ja für den Rasen nicht schlecht sein.“ Er schob den Mäher recht langsam vor sicher, genauer gesagt: es sah so aus, als schöbe er ihn, aber es war nicht auszuschließen, dass das Gelände sich unter dem Schneidewerk durch natürliche Erosion wegbewegte. Oder durch die Erdrotation. Oder es handelte sich um eine optische Täuschung. Jedenfalls kam der Mäher nur um wenige Fingerbreit voran, wobei er aber zum Ausgleich so gut wie gar nicht mähte, zumindest nicht im sichtbaren Bereich. Oder das Grad wuchs unterdessen besonders schnell wieder nach. „Ich werde jetzt mal ein bisschen schneller schieben“, kündigte Herr Breschke an und stemmte sich gegen den Bügel.

Der Mäher murrte wie ein altersschwaches Auto, das im dritten Grand den Berg hochfährt. „Vermutlich läuft das Ding auf Kriechstrom.“ Er schwitzte. Das Gras war unbestreitbar nass. Noch immer blieben zehn Meter bis zur Auffahrt, der Vortrieb lief langsam aus und die Stromversorgung des Rasomat L205 legte sich zur Ruhe. „Sie sollten erst einmal Schluss machen“, riet ich ihm. „Wenn Sie ihn jetzt aufladen, können Sie morgen früh in aller Ruhe weiterarbeiten. Das Wetter soll sich ja noch ein paar Tage halten.“

Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass der Mäher für die Rasenfläche hinter dem Haus nur fünfmal aufgeladen werden musste. Die Kante zum Zaun sowie das Stücken Grün vor dem Haus würden nochmals zwei bis drei Ladungen in Anspruch nehmen, so dass bei durchschnittlicher Ladezeit von sechs Stunden zwei Mähgänge pro Tag würden stattfinden können, die in eine Woche passten und sogar das Wochenende freiließen. „Und Sie müssen sich nicht so verausgaben wie mit dem alten Handschneideapparat“, fügte ich an. „Diese moderne Technik ist schon nicht zu verachten.“

Wütend stampfte Breschke ins Haus zurück. „Man kann die Batterie wechseln“, schnaufte er, „der Verkäufer hat das nämlich extra gesagt, man kann sie rausholen und dann mit dem Stecker direkt anschließen – genau das werde ich jetzt machen!“ Irgendwo in der Schublade musste sich auch die Bedienungsanleitung für den Mäher befinden, jedenfalls begann er das Kellerschränkchen zu durchsuchen. „Irgendwo muss es liegen“, schimpfte er, „diese Heftchen werden immer kleiner. Man weiß kaum noch, wo man sie aufbewahren soll.“ Immerhin fand sich das Faltblatt wieder an, nebst einem Werbeprospekt, der auch einen Ersatzakku anbot. „Genau das hat der Verkäufer gesagt, das ist die Batterie, und damit kann man nochmals fünfzig Quadratmeter…“ Er stockte. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Hersteller gleich die unverbindliche Preisempfehlung dazugeschrieben hatte. Ungläubig starrte Breschke in den Prospekt. Dann lief er schnurstracks über den Rasen. „Wollen Sie ihn gleich anschließen?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Lassen Sie mich mit diesem neumodischen Kram in Ruhe“, schrie er. „Dann kaufe ich mir doch lieebr ein Schaf!“





Nichts als Scherereien

4 08 2011

Breschke balancierte. „Da oben muss sie sein“, stieß er hervor und stellte sich auf die Zehenspitzen, „ich hatte die Astschere nämlich im Frühjahr noch in Betrieb – wenn man nicht alles sorgfältig weglegt, wird es einem doch nur geklaut.“ Ich hielt die Trittleiter mit beiden Händen fest. „Meinen Sie nicht, ich sollte auf der Stellage nachschauen?“ Er renkte sich aus, dass das Rohrgestell unter ihm zu schwanken begann. „Warum denn? Ich kenne mich im Keller nun mal besser aus als Sie, es ist ja mein Keller!“ „Dafür“, replizierte ich, „bin ich allerdings einen Kopf größer als Sie, und längere Arme habe ich auch.“ „Gut, gut, gut.“ Offenbar hatte der pensionierte Finanzbeamte ein Einsehen. „Dann schauen Sie halt, ob Sie die Schere finden.“

Mehr als eine herkömmliche Gartenschere aber fand ich nicht. „Wenn Sie nur den Buchsbaum ein bisschen beschneiden wollen, reicht die auch aus.“ Er rümpfte die Nase. „Das ist meine Hecke in meinem Garten, und ich werde sie mit meiner Astschere beschneiden.“ Ich schmunzelte; es war doch jedes Mal dasselbe, er war nur wieder zu stolz gewesen, mich um meine Astschere zu bitten, weil er sie unauffindbar im Keller verlegt hatte. Mit der Gartenkralle war es so gewesen, mit der Rosengabel und mit dem Pikierstab. Hätte seine Frau nicht die Gartenschere für ihre Schnittblumen in Verwendung und rückte sie das Gerät nicht nur auf Bitten aus der Küchenschublade heraus, Horst Breschke würde mindestens zweimal im Jahr eine neue anschaffen, die sich auf wundersame Art im Keller verlöre. „Früher“, sinnierte er, „da wohnte da drüben noch der alte Doktor Haberkamp. Feine Leute, wissen Sie, das gibt es ja heute gar nicht mehr. Da hat man sich noch ausgeholfen, mit dem Rasenmäher, mit Spaten und Sauzahn. Aber das ist lange vorbei.“ Grollend schüttelte er die Fäuste. „Heutzutage muss man seine Astschere am Boden festschrauben, damit diese Halunken sie nicht vom Fleck weg klauen. Ich werde ihn schon kriegen, diesen verfluchten Gabelstein.“

Fünfundzwanzig Jahre Nachbarschaft hatten das Ihrige getan, um die beiden Streithähne zu einer untrennbaren Einheit zusammenzuschweißen. Wie der eine um eine Handvoll verwehtes Herbstlaub und Magnolienblüten eine Privatklage anstrengte, so setzte der andere für sonntäglich auf der Leine flatternde Tischtücher eine ganze Polizeiwache in Bewegung. Versicherungsvertreter begutachteten die Folgen von Funkenflug auf der Ligusterhecke, Sachverständige verzweifelten beim Versuch, das Plätschern der Amseln in der Vogeltränke als gemeingefährlichen Lärm nachzuempfinden. Sie kannten einander nur zu genau, wussten alles vom Nachbarn, konnten ohne den anderen förmlich nicht mehr existieren und waren sich doch spinnefeind, so dass sie sich voller Bosheit verfolgten und piesackten, wo es nur möglich war. Hätte man sie gefragt, warum eigentlich, keiner hätte den Grund gewusst, und wäre ihnen das klar geworden, sie hätten auf ihre alten Tage noch die besten Freunde werden können.

„Ganz am Anfang habe ich Gabelstein wohl einmal etwas geliehen“, verkündete Breschke und nahm eine Stufe der Kellertreppe nach der anderen. „Eine Schere, einen Schraubenschlüssel oder so etwas. Aber glauben Sie nicht, dass ich das jemals wiederbekommen hätte!“ Felsenfest war er davon überzeugt, und noch immer konnte ich ihn nicht davon abbringen, das Immergrün zu beschneiden. „Ich komme hier kaum an“, quetschte er hervor und lehnte sich vornüber. „Dann werden Sie eben eine Hälfte von hier aus schneiden und die andere Hälfte von der Straßenseite“, riet ich ihm. Jeden Moment rechnete ich damit, die Astschere aus meinem Fundus holen zu müssen, doch er ließ sich Zeit. Zudem war er heute wohl besonders schlechter Laune. „Ich lasse mir doch nicht von einer Gartenschere vorschreiben, von wo aus ich die Hecke zu schneiden habe!“ Entrüstet stapfte er um den kleinen Busch herum und schnipselte hier, da und dort ein paar dürre Zweige ab. Ich versuchte, ihm das Werkzeug behutsam aus der Hand zu nehmen. „Lassen Sie es mich machen“, bot ich ihm an. „Schonen Sie Ihren Rücken, Herr Breschke, und lassen Sie mich das bisschen Grün schneiden.“

„Wir haben wohl nicht das richtige Gerät?“ Höhnisch lehnte Gabelstein über dem Gartenzaun. „Ignorieren Sie ihn“, zischte ich Breschke zu, „es gibt sonst nur Scherereien.“ Er kochte bereits vor Zorn. „Dieser Lump“, keuchte er, „ich werde ihm zeigen, was eine Harke…“ „Halt“, unterbrach ich den Hausherrn. „Ich hab’s: ich verschwinde schnell im Keller, gehe innen im Haus die Treppe hinauf, zur Vordertür hinaus, laufe nach Hause, und mit der Astschere denselben Weg zurück. Drei Minuten, wenn es hoch kommt. Topp?“ Breschke feixte. „Großartige Idee“, sagte er und schlug mir auf die Schulter, „ganz hervorragend! So machen wir das! Und wenn Sie herauskommen, bringen Sie dann auch gleich den Rechen mit?“

Wo aber befand sich der Rechen? Nicht in der Halterung an der Kellerwand, ebenso wenig neben der Schneeschaufel. Ich fand ihn in einer kleinen Abseite in einem niedrigeren Nebengelass, halb verdeckt, bei Straßenbesen, Grabstock, diversen Schaufeln sowie der Astschere. Gabelsteins Grinsen gefror, als ich mit dem Schneidinstrument die Treppe hochkam. „Danke bestens“, teilte ich dem Nachbarn in maliziöser Freundlichkeit mit, „wir wissen Ihr Angebot durchaus zu schätzen, aber für dieses Mal sind wir wunschlos glücklich.“ Er knirschte mit den Zähnen. Breschke nahm die Schere in Empfang. „In einem ordentlichen Haushalt kommt doch nichts weg“, jubelte er, „und Wiedersehen macht Freude!“ „Allerdings“, sagte ich und wies wortlos auf den Handgriff des mächtigen, geschmiedeten Stahls, da mit den Jahren nachgedunkelt, aber noch gut lesbar Ernst-Wilhelm Haberkamp eingraviert stand. Breschke blickte die Griffenden ungläubig an. „Sie haben ja so Recht“, lächelte ich, „heutzutage muss man seine Astschere am Boden festschrauben.“





Sprengstoff

4 08 2010

Pst. Pst. Pst. Pst. Achtete man nicht auf dies feine Zischeln knapp oberhalb der Hörschwelle, es ginge unter im Rauschen der mächtigen Platanen, neben bellenden Hunden, zwitschernden Vögeln und dem empörten Fluchen von Herrn Breschke, der mit wutrotem Gesicht hinter dem Jägerzaun stand, auf seinen Rechen gestützt, und ohnmächtig die Fäuste schüttelte, weil er den Rasensprenger dort auf dem nachbarlichen Grundstück nicht abstellen kann. „Das macht der doch bloß, um mich zu ärgern!“ Er bohrte seine Finger in den Stiel des Gartengerätes, stapfte mit verärgertem Blick an mir vorbei und erregte sich über das harmlose Gerät, das über das Gras rollte, nur eben nicht über sein eigenes.

„Gabelstein macht das doch bloß aus Schikane“, keifte der pensionierte Finanzbeamte, „der weiß nämlich genau, dass ich das nicht leiden kann.“ Auch Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, war dieser Meinung. Mit treuen Augen lief er seinem Herrn zwischen den Beinen herum. Ich aber wusste nun nicht genau, worum es sich eigentlich handelte, und fragte nach. „Der Apparat zieht sich doch über den Rasen, sehen Sie?“ In der Tat war es eins der altertümlichen Gartengeräte, wie man sie heute nur noch höchst selten findet: ein gewitzter Federmechanismus wickelte einen Draht auf eine Rolle, und so zog sich, unendlich langsam sowie dabei das Wasser hin und her sprühend, das aus Aluminium gebaute Spritzwägelchen übers Grün – der eben noch merkliche Zischellaut, er rührte von jenem kleinen Hebel, der vom Wasserdruck zurückgeworfen immer wieder in die Mündung des Strahls zurückschwenkt und den Sprinkler um ein Weniges dreht. So regnete es mild und gemächlich auf das Rasenstück des Nachbarn. Breschke kochte vor Zorn. „Dieser Faulpelz macht sich noch nicht einmal die Mühe, mit einem Gartenschlauch den Rasen zu wässern!“ „Und das macht Sie so böse?“ „Es ist außerdem reine Wasserverschwendung, das ist ja unverantwortlich! Was würde bloß passieren, wenn er mal vergisst, den Sprinkler auszuschalten?“ „Dann würde das Ding bis vors Fenster rollen“, entgegnete ich trocken, „sein Fenster übrigens – haben Sie wirklich nichts Besseres zu tun, als sich über diesen Mechanismus aufzuregen?“ „Das ist eine freche Lärmbelästigung“, brüllte Breschke. „Ich werde mir den Kerl kaufen – aber zuerst werde ich die Höllenmaschine unschädlich machen!“

Es ging plötzlich alles sehr rasch; Breschke zog ein Weckgummi aus der Hosentasche, hob einen Kienapfel vom Boden auf und schoss ihn mit der improvisierten Zwille zielsicher auf den Sprinkler – im Nu kippte das Gerät um. Doch hatte er nicht mit den Folgen seiner Schleuderei gerechnet, denn der Wasserstrahl spritzte nun dünn, aber ungebremst im Allgemeinen über den Zaun, im Besonderen auf die Wäschespinne, auf die Frau Breschke einige Tisch- sowie andere Wäsche zum Trocknen aufgehängt hatte. „Um Gottes Willen“, kreischte er, „wenn das meine Frau sieht!“ Wild fuchtelte Breschke in der Luft herum, als könne er damit das Wasser in die Flucht schlagen. Schließlich drehte er hektisch das Trockengestell um die Achse; vermutlich dachte er, die Wäsche bekäme so gleichmäßige Bewässerung.

Bismarck war bereits bei den ersten Spritzern der gefährlichen Flüssigkeit wie ein Blitz unter dem Buchsbaum verschwunden. „Rasch“, rief ich, schon waren Gabelsteins Schritte im Inneren des Hauses hörbar. „Markieren Sie harmlose Arbeit!“ Er schlich zum Schlauch und wickelte ihn von der Rolle. „Ich werde dann auch mal den Rasen etwas bewässern“, verkündete er kleinlaut. „Bei dem Wetter sollte man damit ja auch nicht sparsam sein.“

„Und Sie haben diese ganzen Amseln gesehen, wie sie über den Garten gezogen sind?“ Gabelstein blieb skeptisch. Ich aber schilderte ihm, welches Malheur sich zugetragen hatte: eine Riesenwolke schwarzer Vögeln sei über dem Rasensprenger gekreist, schauerlich tschilpend, und eine Amsel habe sich kamikazeähnlich mit dem Zapfen auf das Spritzding gestürzt, todesbereit in ihrem Mut. Er tippte sich an die Stirn. Immerhin konnte er mir nicht das Gegenteil beweisen.

„Und ich sage es Ihnen, er macht das alles nur, um mich zu ärgern!“ Breschke duschte den Rasen mit einer gießkannenförmigen Spritze ab und grummelte dabei beständig. „Immerhin haben Sie ihm den Rasensprenger umgeschossen“, korrigierte ich, „und nicht etwa ungekehrt.“ Er rümpfte die Nase. „Das müssen Sie doch verstehen. Das würde auch ein Richter als Notwehr sehen. Außerdem müssen Sie nicht mit so einem Nachbarn leben.“ Gerade in diesem Augenblick räusperte sich jemand an der Straßenseite. Polizeiobermeister Klottenrath, nicht unbedingt die Respektsperson des Viertels, winkte Breschke zu sich heran. Beinahe weinerlich erklärte er ihm die Lage. „Die Gemeindesatzung verbietet das Rasensprengen zwischen zwölf und drei. Ich muss Sie bitten, mit der Bewässerung des Rasens vermittels eines schlauchähnlichen Gerätes…“ Breschke schluckte schwer. Mit dieser Vorschrift hatte er nicht gerechnet; sie stammte sicher aus einer Zeit, als Herzog Otto der Dehnbare seinem Widersacher Graf Paul von Sockenschuss den Handel mit Nüssen verbot, weil dessen Tochter ihn nicht hatte zum Manne nehmen wollen – und so ließ er’s mit Sorgfalt schreiben in alle Satzung und Ordnung, die fürderhin dem Volke mächtig auf die Nerven gingen und dafür sorgten, dass sich geldgierige Anwälte auf dem sichtlich überlasteten Verwaltungsgericht anschrien und Nachbarn sich gegenseitig den Lack neuer Mittelklassewagen zerkratzten. „Aber sagen Sie mal“, brachte sich der Schutzmann in Erinnerung, „warum legen Sie sich nicht auch so einen Rasensprenger zu wie Herr Gabelstein? Ist doch viel praktischer.“

Klottenrath saß, in ein flauschiges Badelaken gewickelt, in der Küche, während Frau Breschke seine Uniform in den Trockner steckte und Tee aufbrühte. Aus dem Keller hörte man, wie ihr Mann eine Batterie Pflanzschalen zerschlug. „Ich weiß mir keinen Rat“, sagte sie und legte dem pitschnassen Polizisten ein Stück Bienenstich auf den Teller. „Die Gartenarbeit regt ihn in letzter Zeit viel zu sehr auf.“





Vom Winde verweht

14 10 2009

Herr Breschke zeigte mir das Gerät von allen Seiten. „Sechstausend Watt, was sagen Sie jetzt?“ Für einen Laubsauger etwas viel, aber es ist ja auch nicht mein Garten. Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, wäre nur zu gerne seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert, doch die einzige Leine, die sich quer über den Rasen spannte, war die Geräteschnur. Schnüffelnd streifte er an der elektrischen Leitung entlang. Nichts. Kein Würstchen weit und breit. Nicht einmal ein ordentlicher Gartenzwerg zum Verbellen.

„Doktor Klengel hat mir auch dazu geraten“, teilte Breschke mir mit, „ich hab’s ja so im Rücken. Da muss man vorsichtig sein, sonst hat man Ischias oder Bandscheibe.“ Breitbeinig watschelte er mit dem Püster die Hecke entlang. „Sie sind ja noch jung, aber wenn Sie das ganze Laub vom Rasen harken müssten, ich sage Ihnen, da würden Sie auch so einen anschaffen.“ Liebevoll streichelte er das Gehäuse. „Hat mir meine Tochter besorgt. Das war viel preiswerter.“ Ich nickte mitfühlend. Breschkes Tochter hatte ein seltenes Talent, so formschöne wie sinnvolle Elektrogeräte für kleines Geld anzuschleppen. Ohne die in Portugal besorgte Stichsäge hätte der pensionierte Finanzbeamte nie so schnell und nachhaltig die Werkbank im Keller zu Splitterholz zerlegen können, ohne die im Internet zum halben Preis geschossene Mikrowelle mit Grill, Bräuner und Flammenwerfer hätte Frau Breschke ihrem Gatten noch länger in den Ohren gelegen, endlich die Küche von Grund auf zu renovieren; der Zimmerbrand beschleunigte die Angelegenheit doch enorm.

Breschke fummelte an den Knöpfen herum. Offenbar klemmte der Stromschalter, denn bis auf ein kleines Britzeln ließ sich nichts vernehmen. „Das klemmt manchmal ein bisschen“, beruhigte er mich, „ist ja noch neu.“ „Sagen Sie mal“, fragte ich vorsichtig, „ist die Zuleitung für den Außeneinsatz geeignet? Und hat das Ding überhaupt irgendwo ein Prüfsiegel?“ Doch er war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Bis jetzt hat’s immer funktioniert. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Herr Gabelstein auf dem Nachbargrundstück den Rasen betrat und einen Laubventilator in Stellung brachte. Daher also wehte der Wind. Breschke schien es gar nicht zu bemerken. Mich ritt der Teufel. „Ja, diese modernen Geräte sind ein Segen, wenn man so viel Laub im Garten…“ „Papperlapapp“, schnitt er mir das Wort ab, „Gabelsteins Pflaume und dann diese klitzekleine Zierkirsche!“ „Immerhin“, sagte ich mit maliziösem Lächeln, „haben Sie dagegen prozessiert, dass von dieser Zierkirsche ständig die Blätter auf Ihren Kiesweg herübergeweht werden.“ Er war sichtlich verärgert. „Aber dann schafft man sich doch nicht so einen Kleinkram an! Das muss man richtig machen: sechstausend Watt! Das nenne ich Leistung! Wollen Sie mal sehen?“

Ich sah wenig, hörte aber um so mehr. Unter ohrenbetäubendem Fauchen blies die Motorharke die spärlichen Hinterlassenschaften der Platane, die vor dem Grundstück am Straßenrand wurzelte, von der Rasenkante. „Sechstausend Watt“, brüllte er mir ins Ohr, „damit ist man in fünf Minuten fertig!“ Er ließ das Gebläse ersterben. „Ist das nicht toll“, schrie er, „damit ist die Gartenarbeit im Herbst ruckzuck erledigt! Wenn Sie auch einen wollen, ich frage meine Tochter mal, ob sie…“ Ich war irritiert. „Sie brauchen mich nicht so anzubrüllen, der Motor ist längst aus.“ Unterdessen hatte sich Bismarck in Deckung begeben; schlotternd saß er unter dem Buchsbaum und erwartete jede Sekunde, dass der Lärm von Neuem anhübe.

Drüben hatte Gabelstein bereits damit begonnen, das Pflaumenlaub zu artigen Häufchen zusammenzublasen. Breschke knurrte wie sein Dackel beim Anblick von Radfahrern auf dem frisch geharkten Gehweg. Ein Griff zum Gehäuse, und der Apparat lief wieder an. Doch statt eine große Säuberung in Angriff zu nehmen, saugte sich der Stutzen plötzlich auf dem Kiesweg fest. Breschke ruckelte und zerrte. „Das muss der Umschalter sein“, rief er, „der Hebel ist etwas schwergängig!“ Ich tastete nach dem Umschalter. Keuchend schlurfte Breschke über den Rasen und stemmte sich dem Gebläse entgegen. Mit einem leichten Linksschwenk hatte er die ebenerdige Vogeltränke geleert; die Mischung aus Sand und Schmutzwasser klebte an der frisch gestrichenen Terrassenwand. Plötzlich knickte er jäh ein und wankte rückwärts gegen den Luftdruck über das Grün; das Gewicht zog die Ansaugvorrichtung nach unten, Breschke mähte streifenweise den Rasen und düste bei der Gelegenheit gleich handbreite Gräben in den Boden. Immerhin, ringsumher war kaum noch eine Spur von Laub zu entdecken. Bei sechstausend Watt war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Mit leichtem Linksdrall lüpfte Breschke die Reste des Schmetterlingsflieders aus der Erde, bevor er den Phlox liquidierte. Das elektrische Rodeo nahm kein Ende. Schon fraß die Maschine sich auf dem Kiesweg voll, dass der Sack sich bedrohlich blähte.

„Tun Sie doch etwas“, schrie Breschke in Panik, „ich kann es nicht mehr ausschalten!“ Ich spurtete zur Steckdose, doch es war zu spät. Die Maschine hatte soeben beschlossen, Schubumkehr einzulegen. Spotzend spie sie Fliederhäcksel in Gabelsteins Rosenbeet und schoss eine Ladung Kiesel in sein Wohnzimmerfenster. Der Nachbar tobte. „Sie Rowdy“, kreischte er und wedelte drohend mit der Gartenkralle über die Grundstücksgrenze, „ich werde Sie anzeigen! Schwerer Landfriedensbruch ist das, in Tateinheit mit grobem Unfug und tätlicher Beleidigung! In Idealkonkurrenz mit seelischer Abartigkeit, jawohl!“

Das Saugwunder hatte schon wieder auf Blasen geschaltet und fegte lärmend über den Rasen, während Breschke konsterniert die Bescherung besah. Röhrend verschwand das Utensil unter dem Buchsbaum und rumorte eine Weile dort herum, bis ich beherzt den Stecker zog. Angenehme Stille trat ein, bis Breschke mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte. „Wo ist eigentlich Bismarck?“