Kriechstrom

3 05 2017

Eifrig durchwühlte Breschke die Kellerschublade. „Irgendwo müssen sie liegen“, murmelte er, „ich hatte sie bestimmt hier hineingelegt.“ Angesichts des feuchtkalten Wetters war es nur zu verständlich, dass er den Rasen mit Handschuhen mähen wollte. Vielleicht lag es ja an diesem neuen Apparat.

„Elektrisch“, erklärte der Hausherr nonchalant, „aber die heutigen Geräte haben natürlich keine Schnur mehr. Das ist über Funk, oder so.“ Der neue Rasomat L205 hatte zwar einen ergonomischen Handgriff, ein außergewöhnlich formschönes Gehäuse und eine attraktive Zierlackierung, aber die Stromantenne war wohl im Innern verbaut. Es war wohl doch nur ein Akkumulator, der das Ding mit Energie versorgte. Da stand der Mäher auf dem Gras, unmittelbar vor der Kante des Rosenbeetes, und harrte auf den Einsatz. Wir stapften über das Grün, möglicherweise ein bisschen zu schnell, denn da hörte man den elektrischen Schnitter auch schon summen. „Sie haben ihn gar nicht ausgeschaltet?“ Horst Breschke schüttelte den Kopf. „Unseren Fernseher lassen wir nachts auch immer brennen.“

Manche hätten das Gras zu lang gefunden, manchen wäre es in diesem Augenblick auch zu nass zum Mähen gewesen. „Es ist auch ein bisschen früh.“ Zierte er sich etwa? „Dabei haben Sie mir doch vorgeschwärmt, wie flüsterleise dieser Mäher sei.“ Der pensionierte Finanzbeamte zierte sich in der Tat. Es musste sich um ein wirklich sehr leises Gartengerät handeln, so weit kannte ich ihn. „Man kann diesen Hebel einfach umlegen, es ist wie eine Art Automatikgetriebe, und dann startet es.“ Ich blickte voller Interesse auf das formschöne Gehäuse mit der attraktiven Zierlackierung. Vielleicht würde sich das Ding aus lauter Motivation in Bewegung setzen. Wahrscheinlich aber eher nicht.

„Laut Bedienungsanleitung kann man damit größere Flächen mähen.“ Wahrscheinlich handelte es sich da um mehrere Mäher, um sehr kleine Fußballfelder oder um eine suboptimal übersetzte Bedienungsanleitung. Breschke ruckelte an der Maschine, die offensichtlich Startschwierigkeiten hatte. „Es ist“, bestätigte ich, „tatsächlich noch ein bisschen früh. Diese modernen Geräte sind sicher besonders sensibel. Aber das muss ja für den Rasen nicht schlecht sein.“ Er schob den Mäher recht langsam vor sicher, genauer gesagt: es sah so aus, als schöbe er ihn, aber es war nicht auszuschließen, dass das Gelände sich unter dem Schneidewerk durch natürliche Erosion wegbewegte. Oder durch die Erdrotation. Oder es handelte sich um eine optische Täuschung. Jedenfalls kam der Mäher nur um wenige Fingerbreit voran, wobei er aber zum Ausgleich so gut wie gar nicht mähte, zumindest nicht im sichtbaren Bereich. Oder das Grad wuchs unterdessen besonders schnell wieder nach. „Ich werde jetzt mal ein bisschen schneller schieben“, kündigte Herr Breschke an und stemmte sich gegen den Bügel.

Der Mäher murrte wie ein altersschwaches Auto, das im dritten Grand den Berg hochfährt. „Vermutlich läuft das Ding auf Kriechstrom.“ Er schwitzte. Das Gras war unbestreitbar nass. Noch immer blieben zehn Meter bis zur Auffahrt, der Vortrieb lief langsam aus und die Stromversorgung des Rasomat L205 legte sich zur Ruhe. „Sie sollten erst einmal Schluss machen“, riet ich ihm. „Wenn Sie ihn jetzt aufladen, können Sie morgen früh in aller Ruhe weiterarbeiten. Das Wetter soll sich ja noch ein paar Tage halten.“

Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass der Mäher für die Rasenfläche hinter dem Haus nur fünfmal aufgeladen werden musste. Die Kante zum Zaun sowie das Stücken Grün vor dem Haus würden nochmals zwei bis drei Ladungen in Anspruch nehmen, so dass bei durchschnittlicher Ladezeit von sechs Stunden zwei Mähgänge pro Tag würden stattfinden können, die in eine Woche passten und sogar das Wochenende freiließen. „Und Sie müssen sich nicht so verausgaben wie mit dem alten Handschneideapparat“, fügte ich an. „Diese moderne Technik ist schon nicht zu verachten.“

Wütend stampfte Breschke ins Haus zurück. „Man kann die Batterie wechseln“, schnaufte er, „der Verkäufer hat das nämlich extra gesagt, man kann sie rausholen und dann mit dem Stecker direkt anschließen – genau das werde ich jetzt machen!“ Irgendwo in der Schublade musste sich auch die Bedienungsanleitung für den Mäher befinden, jedenfalls begann er das Kellerschränkchen zu durchsuchen. „Irgendwo muss es liegen“, schimpfte er, „diese Heftchen werden immer kleiner. Man weiß kaum noch, wo man sie aufbewahren soll.“ Immerhin fand sich das Faltblatt wieder an, nebst einem Werbeprospekt, der auch einen Ersatzakku anbot. „Genau das hat der Verkäufer gesagt, das ist die Batterie, und damit kann man nochmals fünfzig Quadratmeter…“ Er stockte. Wahrscheinlich lag es daran, dass der Hersteller gleich die unverbindliche Preisempfehlung dazugeschrieben hatte. Ungläubig starrte Breschke in den Prospekt. Dann lief er schnurstracks über den Rasen. „Wollen Sie ihn gleich anschließen?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Lassen Sie mich mit diesem neumodischen Kram in Ruhe“, schrie er. „Dann kaufe ich mir doch lieebr ein Schaf!“





Vom Winde verweht

14 10 2009

Herr Breschke zeigte mir das Gerät von allen Seiten. „Sechstausend Watt, was sagen Sie jetzt?“ Für einen Laubsauger etwas viel, aber es ist ja auch nicht mein Garten. Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, wäre nur zu gerne seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert, doch die einzige Leine, die sich quer über den Rasen spannte, war die Geräteschnur. Schnüffelnd streifte er an der elektrischen Leitung entlang. Nichts. Kein Würstchen weit und breit. Nicht einmal ein ordentlicher Gartenzwerg zum Verbellen.

„Doktor Klengel hat mir auch dazu geraten“, teilte Breschke mir mit, „ich hab’s ja so im Rücken. Da muss man vorsichtig sein, sonst hat man Ischias oder Bandscheibe.“ Breitbeinig watschelte er mit dem Püster die Hecke entlang. „Sie sind ja noch jung, aber wenn Sie das ganze Laub vom Rasen harken müssten, ich sage Ihnen, da würden Sie auch so einen anschaffen.“ Liebevoll streichelte er das Gehäuse. „Hat mir meine Tochter besorgt. Das war viel preiswerter.“ Ich nickte mitfühlend. Breschkes Tochter hatte ein seltenes Talent, so formschöne wie sinnvolle Elektrogeräte für kleines Geld anzuschleppen. Ohne die in Portugal besorgte Stichsäge hätte der pensionierte Finanzbeamte nie so schnell und nachhaltig die Werkbank im Keller zu Splitterholz zerlegen können, ohne die im Internet zum halben Preis geschossene Mikrowelle mit Grill, Bräuner und Flammenwerfer hätte Frau Breschke ihrem Gatten noch länger in den Ohren gelegen, endlich die Küche von Grund auf zu renovieren; der Zimmerbrand beschleunigte die Angelegenheit doch enorm.

Breschke fummelte an den Knöpfen herum. Offenbar klemmte der Stromschalter, denn bis auf ein kleines Britzeln ließ sich nichts vernehmen. „Das klemmt manchmal ein bisschen“, beruhigte er mich, „ist ja noch neu.“ „Sagen Sie mal“, fragte ich vorsichtig, „ist die Zuleitung für den Außeneinsatz geeignet? Und hat das Ding überhaupt irgendwo ein Prüfsiegel?“ Doch er war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Bis jetzt hat’s immer funktioniert. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Herr Gabelstein auf dem Nachbargrundstück den Rasen betrat und einen Laubventilator in Stellung brachte. Daher also wehte der Wind. Breschke schien es gar nicht zu bemerken. Mich ritt der Teufel. „Ja, diese modernen Geräte sind ein Segen, wenn man so viel Laub im Garten…“ „Papperlapapp“, schnitt er mir das Wort ab, „Gabelsteins Pflaume und dann diese klitzekleine Zierkirsche!“ „Immerhin“, sagte ich mit maliziösem Lächeln, „haben Sie dagegen prozessiert, dass von dieser Zierkirsche ständig die Blätter auf Ihren Kiesweg herübergeweht werden.“ Er war sichtlich verärgert. „Aber dann schafft man sich doch nicht so einen Kleinkram an! Das muss man richtig machen: sechstausend Watt! Das nenne ich Leistung! Wollen Sie mal sehen?“

Ich sah wenig, hörte aber um so mehr. Unter ohrenbetäubendem Fauchen blies die Motorharke die spärlichen Hinterlassenschaften der Platane, die vor dem Grundstück am Straßenrand wurzelte, von der Rasenkante. „Sechstausend Watt“, brüllte er mir ins Ohr, „damit ist man in fünf Minuten fertig!“ Er ließ das Gebläse ersterben. „Ist das nicht toll“, schrie er, „damit ist die Gartenarbeit im Herbst ruckzuck erledigt! Wenn Sie auch einen wollen, ich frage meine Tochter mal, ob sie…“ Ich war irritiert. „Sie brauchen mich nicht so anzubrüllen, der Motor ist längst aus.“ Unterdessen hatte sich Bismarck in Deckung begeben; schlotternd saß er unter dem Buchsbaum und erwartete jede Sekunde, dass der Lärm von Neuem anhübe.

Drüben hatte Gabelstein bereits damit begonnen, das Pflaumenlaub zu artigen Häufchen zusammenzublasen. Breschke knurrte wie sein Dackel beim Anblick von Radfahrern auf dem frisch geharkten Gehweg. Ein Griff zum Gehäuse, und der Apparat lief wieder an. Doch statt eine große Säuberung in Angriff zu nehmen, saugte sich der Stutzen plötzlich auf dem Kiesweg fest. Breschke ruckelte und zerrte. „Das muss der Umschalter sein“, rief er, „der Hebel ist etwas schwergängig!“ Ich tastete nach dem Umschalter. Keuchend schlurfte Breschke über den Rasen und stemmte sich dem Gebläse entgegen. Mit einem leichten Linksschwenk hatte er die ebenerdige Vogeltränke geleert; die Mischung aus Sand und Schmutzwasser klebte an der frisch gestrichenen Terrassenwand. Plötzlich knickte er jäh ein und wankte rückwärts gegen den Luftdruck über das Grün; das Gewicht zog die Ansaugvorrichtung nach unten, Breschke mähte streifenweise den Rasen und düste bei der Gelegenheit gleich handbreite Gräben in den Boden. Immerhin, ringsumher war kaum noch eine Spur von Laub zu entdecken. Bei sechstausend Watt war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Mit leichtem Linksdrall lüpfte Breschke die Reste des Schmetterlingsflieders aus der Erde, bevor er den Phlox liquidierte. Das elektrische Rodeo nahm kein Ende. Schon fraß die Maschine sich auf dem Kiesweg voll, dass der Sack sich bedrohlich blähte.

„Tun Sie doch etwas“, schrie Breschke in Panik, „ich kann es nicht mehr ausschalten!“ Ich spurtete zur Steckdose, doch es war zu spät. Die Maschine hatte soeben beschlossen, Schubumkehr einzulegen. Spotzend spie sie Fliederhäcksel in Gabelsteins Rosenbeet und schoss eine Ladung Kiesel in sein Wohnzimmerfenster. Der Nachbar tobte. „Sie Rowdy“, kreischte er und wedelte drohend mit der Gartenkralle über die Grundstücksgrenze, „ich werde Sie anzeigen! Schwerer Landfriedensbruch ist das, in Tateinheit mit grobem Unfug und tätlicher Beleidigung! In Idealkonkurrenz mit seelischer Abartigkeit, jawohl!“

Das Saugwunder hatte schon wieder auf Blasen geschaltet und fegte lärmend über den Rasen, während Breschke konsterniert die Bescherung besah. Röhrend verschwand das Utensil unter dem Buchsbaum und rumorte eine Weile dort herum, bis ich beherzt den Stecker zog. Angenehme Stille trat ein, bis Breschke mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte. „Wo ist eigentlich Bismarck?“