Gernulf Olzheimer kommentiert (LIII): Die Schrankwand

16 04 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kaum hatte der postdiluviale Schlurcher die Eigentumshöhle gegen eine Einraumlehmhütte getauscht, schon hing der Haussegen schief wegen unlösbarer innenarchitektonischer Probleme. Wohin mit dem Rest Spitzmaus an gegarter Hirse? Ist in der Nische genug Platz für Urgroßvaters Gerippe, das aus anbetungstechnischen Gründen nicht unter dem Bett verstaut werden kann? Kisten und Kasten waren noch nicht erfunden, ja nicht einmal der simple Holzeimer existierte im durchschnittlichen Haushalt – Ordnung herrschte selten, Wohnästhetik schon gleich gar nicht, wen wundert’s da, dass Homo sapiens sapiens einige Jahrtausende lang vorwiegend damit beschäftigt war, sich gegenseitig die Fresse einzudellen. Vor allem mangelte es am passenden Zubehör, um des Beknackten Drang nach gesteigerter Geschmacklosigkeit nachhaltig zu befriedigen. Auf Dauer führte kein Weg an der Erfindung der Schrankwand vorbei.

Das teutonische Gesamtkunstwerk aus Eiche dunkel gebeizt, stilistisch zwischen Wohnsarg und Völkerschlachtdenkmal im Maßstab 1:23, wartet mit dem Strömungswiderstandskoeffizienten einer Staumauer auf – ehernes Beharrungsvermögen aus einem Guss, rustikal in Plattenbau und Wohnloch geklotzt, verschandelt Versuchsfelder realsadistisch veranlagter Inneneinrichter, denen Cordgarnituren in Beige mit gekacheltem Couchtisch samt kurbelbetriebener Höhenverstellung noch Luft für die zweite Halbzeit ließen. Unwillkürlich assoziiert man bei der Konfrontation mit dem begehbaren Zementklotz Vorstellungen von Ewigkeit; das Ding ist auch durch Kernspaltung nicht abbaubar, eher gäbe die Sonne ihren thermonuklearen Vollzeitjob dran, als dass die in diesem Bausparertraum beigesetzten Kräuterlikörkanister neben der Karl-May-Gesamtausgabe in Schweinsleder noch einmal das blakende Licht der Wirklichkeit erblicken könnten. In diesem Schwarzen Loch ist mehr graue Materie verschwunden als in den schwarzen Kassen der CDU, mit der sie neben dem Stetigkeitsfaktor auch die generationsübergreifende Spießigkeit eint.

Schrankwand – was schon so nach Brutalbarock klingt wie der Titel eines Rammstein-Albums, das ist die kulturfreie Variante des Kulturschocks, was, vom Kulturbeutel abgesehen, so der Deutsche zum Glück nur einmal hingeschwiemelt bekam. Hier wurzelt die tiefe Verachtung fahrender Schönheit, hier bekennt sich der Bescheuerte zur optischen Sterbehilfe, die das bevorzugt, was weder Art noch déco ist. Beim Anblick eines derart monströsen Konglomerats antizivilisatorischer Wahnbilder beschleicht einen der klare Gedanke, Außerirdische hätten jene quaderförmige Qualzüchtung dem Behämmerten eigens in die Butze gebeamt, um dereinst schneller die Macht zu übernehmen, wenn sich herausstellen sollte, dass der mit dem Intellekt von Stroh ausgestattete Erdling bereits degeneriert genug ist, um jede Form von Netzhautpeitsche ohne nennenswerten Widerstand anzubeten.

Denn dass er dies tut, ist erwiesen; er hatte ausreichend Zeit, das Ritual einzuüben. Abend für Abend verbringt er die Weihestunden vor dem Altartrumm, der sein Retabel für die Sportschau aufklappt, den Sermon eines Gottschalks überträgt und aus dem Jenseits die Gestalt des verblichenen Johannes Heesters hinüberschwappen lässt, vom Bierkelch samt einer Patene mit Schnittchen begleitet: Abendmahl mit Gürkchen unter dem Styroporstuck muffiger Wohnsiloromantik, die man mit rezeptfreien Medikamenten nur schwierig zu simulieren vermag. Vielleicht war es auch nur der Versuch, eine komplette Doppelhaushälfte in die Längswand des Balkonzimmers einzuquetschen, damit man die Inhalte von Luftschutzkeller und Dachboden immer griffbereit hat. Dies ist typisch männliche Denke, die dem weiblichen Verhalten angesichts eines Hochregallagers voller Schuhe entspricht; beiden gemein ist die Idee, dass man, nachdem seit dem Urknall nichts weggeschmissen wurde, den kompletten Krempel auch kompakt auf Schubladen verteilt haben möchte, nicht unbedingt alphabetisch sortiert, aber wenigstens Raum sparend in genau ein einziges Objekt hinein verdichtet – was physikalisch etwa dem Versuch entspricht, Jupiter auf einer Reihenhausterrasse abzustellen, und viel von dem Spaß verrät, den Architekten mit Betondecken haben können. Eigentlich sollte der aus Spanplatte zusammengetackerte Krempelkatafalk bereits beim Aufstellen vor lauter Seinsschwere den Boden perforieren und mit hurtigem Donnergepolter die Immobilie in vertikaler Richtung entsorgen. Bei genauem Nachdenken offenbart sich denn auch der innere Zusammenhang: was das seit dem Big Bang angestaute Chaos birgt, wird kaum der tiefere Grund für nachwachsendes Leben auf diesem Planeten sein, wohl aber ein Argument für die weite Verbreitung des gemeinen Beknackten, und erst Recht der Anlass für den drohenden Weltuntergang, wenn das Universum am Jüngsten Tag durchs Parkett poltert. Denn das Dasein an sich hat nun mal eine beschissene Statik. Ganz im Gegensatz zur Schrankwand.





Lineare Regression

27 03 2009

Natürlich hatte ich mich für Breschkes gefreut. Sechs Richtige im Lotto, das hat man ja nicht alle Tage. Mit einem kleinen Sektempfang für Nachbarn und Freunde wurde der glückliche Zufall begossen, dann verkündete Herr Breschke seine Pläne für die Zukunft: während einer längeren Erholungsreise in den Schwarzwald sollte der Bungalow der Eheleute einer Komplettrenovierung unterzogen werden. Das nötige Kleingeld sei ja nun vorhanden, und es solle für die verbleibenden Jahre seines Ruhestands – hier zwinkerte der pensionierte Finanzbeamte mir zu – etwas Ordentliches sein. Nicht dieser neumodische Quatsch, sondern durable Qualität. Es sollte schließlich noch ein paar Jahre halten und Freude machen.

Was zunächst hieß, dass ich mich mit Breschkes Tochter um Bismarck stritt. Der Hund musste ausgeführt werden. Eine gewisse Affinität hatte dieser außerordentlich blöde Dackel zu mir entwickelt. Dennoch kam die Angelegenheit zu einer einvernehmlichen Lösung. An geraden Tagen holte ich den Hund bei Breschkes Tochter ab, die dann genügend Zeit für ihre Besorgungen hatte, an ungeraden pausierte Breschkes Tochter, damit ich den Dackel ausführen konnte.

So kam ich eines Tages, Breschkes atmeten schon seit vier Wochen die würzige Luft der Fichtenwälder im deutschen Mittelgebirge, an dem Anwesen vorbei. Ein Möbelwagen parkte in der Einfahrt. Bismarck wickelte wieder einmal die Leine um meine Füße und ich nutzte die Pause, um auf den Gartenweg zu treten. Vor der Tür stand der alte Beußelmann, ein unwahrscheinlich dicker Mensch mit Spiegelglatze, der beständig schwitzt. Doch er versteht etwas von Mobiliar und hatte mir schon einige schöne Stücke verschafft. „Na, junger Freund“, begrüßte er mich, „wie geht’s, wie steht’s?“ Schon witterte er meine Frage. „Ich hätte da für Ihre Schleiflackanrichte just zwei hübsche Hocker. Stahlrohr, Marcel Breuer, Sitze natürlich frisch bezogen. Würde ich Ihnen für 1700 pro Stück, was sag’ ich denn: 2500 für alle beide, abgemacht?“ Wenn er mich auch etwas überschätzte in Betreff meiner finanziellen Mittel, Geschmack hatte er. „Na, gehen Sie mal rein. Aber wundern Sie sich über gar nichts, ja?“ Bismarck zog an der Leine. Ich betrat das Haus.

Die Blümchentapete im Flur ließen mich schon Schlimmeres erahnen. Neu sah sie nicht aus, allerdings war ich mir sicher, dass bis vor einigen Tagen da noch Raufaser in Altweiß geklebt hatte. Was war hier geschehen? Ich tastete mich durch muffige Dunkelheit bis zur Tür und blickte hinein. Das Blut in meinen Adern gefror schlagartig.

Die Kücheneinrichtung sah aus wie die surreale Interpretation eines Heimatfilms, der unter der Oberfläche des Silbersees gedreht worden war. Eine weiß lackierte Anrichte mit Aufsatz, Scheibentüren mit Gardinen, Brotfach und einem ausziehbarem Geschirrtischchen stand da, wo bisher noch die Einbauschränke gehangen hatten. Der Elektroherd mit Umluftofen und integrierter Mikrowelle war einem Kohlenherd gewichen – einem emaillierten Monstrum mit umlaufender Messingstange. Ich rang erst nach Luft und dann nach Worten. „Gelungene Überraschung?“ Beußelmann war unbemerkt hinter mich getreten. „Breschke wollte das originalgetreu. Alles aus den Fünfzigern. Sie ahnen nicht, was ich unternommen habe, um diesen prähistorischen Schrott aufzutreiben. Na, kommen Sie mal weiter.“ Und mit diesen Worten zog er mich am Arm aus der Küche ins benachbarte Bad.

Nun war Breschkes Nasszelle nie ein Hort der Entspannung für Körper, Geist und Seele gewesen. Die blauen, mit stilisierten Orchideen überkitschten Kacheln standen in aufreizendem Kontrast zur Badewanne, deren Braunton – Frau Breschke hatte mir beständig ihr Leid geklagt – zudem mit dem weinroten Handwaschbecken disharmonierte. Dies alles war Herrn Breschkes Geiz geschuldet, der die Einzelteile seinerzeit der Konkursmasse eines Baustoffhändlers kostengünstig entnommen hatte, ohne Rücksicht auf Verluste oder das Urteil der Nachwelt. Und doch, ich sehnte dieses seltsame Ensemble zurück, denn meinem Auge bot sich zwar reines Weiß, aber es war aus lackiertem Metall in Gestalt einer frei stehenden Badewanne sowie eines Badeofens, der schätzungsweise zur Zeit des Reichskanzlers Caprivi konstruiert worden war. Die Kacheln waren – ein einziger Bruch, und nicht nur ein historischer – von mattem Grüngrau mit einem Stich ins Ockerfarbene, was man hinter der neu eingesetzten Milchglasscheibe im Fensterrahmen jedoch kaum bemerkte. Ich musste mich am Türrahmen festhalten. Beußelmann warf mir einen fatalistischen Blick zu. „Wenn Sie meinen, das sei schon alles, dann machen Sie sich auf die Krönung gefasst. Ich hoffe, Sie haben gut gefrühstückt.“ Und wir betraten das Wohnzimmer.

Zunächst sah ich Häkeldeckchen in rauen Mengen, die Chaiselongue und das nierenförmige Rauchtischchen nebst einigen an Scheußlichkeit nicht zu überbietenden Cocktailsesseln in Rostrot und Erbsengrün. Die dreiflammige Tulpenlampe schien alle Bestialität hämisch zu überstrahlen. „Und jetzt drehen Sie sich ganz langsam um. Ganz langsam!“ Ich tat, wie mir geheißen – wer beschreibt den Stoß in meinen Magen, als ich ein Büfett aus poliertem Edelholz entdeckte, dessen Formen gewaltig aus der Kurve getragen wurden. Gelsenkirchener Barock in seiner reinsten Form. Gewissermaßen der natürliche Widerpart zur linearen Regression.

Meine Brillengläser beschlugen von innen. „Tja, da sehen Sie, womit ich die letzten Wochen zugebracht habe. Breschke wollte und wollte unbedingt Originalstücke haben. Wissen Sie, wo ich das gefunden habe? Bei einem Sammler in Ecuador.“ Ich starrte auf das Möbel wie auf ein bizarres Insekt. Ungerührt fuhr Beußelmann fort: „Und zu einem Preis, ich sag’s Ihnen! Dafür bekommen Sie glatt zwei neue Stutzflügel.“ Ich fragte ihn, was in Herrn Breschke gefahren sei, und er antwortete mir prompt: „Ich weiß es nicht. Wenn Sie mich fragen, der Alte pickt längst am Vollmeisenknödel.“ Und plötzlich sah er ganz elend aus. „Ich kann das nicht mehr! Das ist mein letzter Auftrag, ich halte das nervlich nicht mehr aus!“ Er packte mich in höchster Verzweiflung an den Armen, wie ein Ertrinkender Rettung sucht. Schon wollte ich ihn fragen, was in ihn gefahren war, doch da kam schon einer der Möbelpacker hinein. „Chef, wo stell’ ich das ab?“ Er rollte eine Beistelletagère hinein, dreistöckig, dreieckig. Im dritten Stockwerk stand ein Gartenzwerg. Steingut in Farbfassung, um 1951. Und ich verstand.