Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXV): Die Trinkhalle

14 09 2012
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was wären die freiem Stunden des Tages, was wären Muße und Beschaulichkeit ohne die stumme Zusammenkunft der, wie sie edle Weisheit und gesellschaftlichen Fortschritt gebiert, begleitet von maßvollem Trunk. Die Symposien und Vinalien der Antike haben bereits die diesseitsbetonte Richtung der Angelegenheit unterstrichen, unter den Schatten von Mittelalter und Neuzeit haben sich angeregtes Fachgespräch und geselliger Kontakt zwischen den mehr oder weniger Gleichgesinnten zu einer festen Einheit verschweißt. Als feste Einrichtung in der mittelbaren Nähe der Behausung wuchs der Stammtisch, der halbmobile Fall in der Gegenwart wurde die Synthese aus Depotverkauf und Therapieraum. Die Trinkhalle prägte das Bild unserer Städte maßgeblich.

Die Gesundheit hatte den Ausschlag gegeben. Das Leitungswasser hinterließ mehr als einen Schmierfilm auf den inneren Organen, noch gab es keine Lebensmittelkonzerne, die sich mit teurer Plasteplempe einen goldenen Sitzmuskel verdienten und dem Arbeiter den Durst löschten. Mählich erst wurde die Bedeutung des Wassers und anderer Wässerchen erkannt für die Volksgesundheit, und es entstanden Hallen für Kur und Kurze, Kneipp und Kneipe. Was der Werktätige zum Leben benötigt, einen Schoppen temperierter Hopfenbrause, Wurst im Eigendarm nebst Feinbackware und Mostrich, dazu die schöne Literatur (Rätselheft, Boulevard und Revolverblatt) und ein Lotterielos, der Budiker bietet’s. Die Keimzelle der urbanen Bewegung ist diesem Punkt verhaftet. Außerdem regnet es nicht rein und die Alte ist zu Hause gerade am Bügeln.

Jene ins Stadtbild geschwiemelte Form des begehbaren Gruppenwohnzimmers ist für die spezifische ökologische Nische lebensnotwendig, gibt sie doch dem kulturellen Underground ihre genuine Gestalt. Das Stübchen, das sich der zu Fenstern geformten Warendurchreiche anschließt, ist Wartestation für ein metaphysisches Irgendwo, als käme just Godot auf ein Pils vorbeigeschlendert, und Hinz samt Kunz haben noch Zeit, sich im bisweilen sinnvoll unterbrochenen Schweigen jeglicher Couleur eine bürgerliche Existenz zu imaginieren. Informationsaustausch findet hier statt, politischer Diskurs wird geboren und verworfen, die Mode pendelt sich in Bauchhöhe ein, doch was die Ästhetik nicht schafft, wuppt das Spirituelle im Nu. Die Volleulen verfügen über ihren eigenen Kosmos, ungestört durch die Verhältnisse der Kühlschrankbesitzer, die sich das Fußballspiel nur in sozialer Exklusion der eigenen Bleibe zwischen Tapete und Balkon reinpfeifen können – Neid ist hier sicher zu erwarten, und so kommt es auch allenthalben, dass die Trinkhalle nicht so sehr durch ihre Lärmentfaltung, durch Reststoff- oder Personenanhäufungen inklusive sämtlicher damit verknüpfter Wertminderungen für spätbürgerliche Wohnviertel angefeindet wird, sondern wegen der Freiheit, die sie nach den Ladenöffnungszeiten bietet. Die Trinkhalle bewahrt die Thesen der Aufklärung, sie ist der klassenlose Salon, der die Fragen eines trinkenden Arbeiters beantwortet.

Doch sie stirbt aus. Flächendeckend klotzten Mischkonzerne ihre Abverkaufsschuppen in die Landschaft, wo unschuldige Bürger vom Ambiente einer Tankstelle geblendet in die Hölle aus dreizehn Chipssorten und siebenundachtzig Bieren, TK-Schrott, Herrenmagazinen und Quengelware mit Schokoladenüberzug stolpern. Tentakelgleich lockt das qualitätsfreie Discountergeschmadder im Späti, rund um die Uhr verfügbare Massenware ohne Gesicht und Kontur. Wer sich nach Einbruch der Dunkelheit zum Erwerb einer Packung Salzgebäck entschließen sollte, wer ein Bier knapp unterhalb der körpereigenen Durchlauftemperatur braucht, ist gekniffen, denn rigoros kärchert das Personal die Suchenden von der Matte, lässt rasiermesserscharf die Türen vor ihrer Nase zugleiten. Kein soziales Netz aus nichtssagender Lautkulisse, fleckigen Hemden und herzlicher Ignoranz nimmt sich der Einsamen an, sie werden ohne Barmherzigkeit an die auch nicht immer so frische Luft gesetzt und müssen den nächsten Grünstreifen anlaufen, unter klimatisch ungünstigen Bedingungen auch eine Tiefgarage, um ad hoc ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. So der Kapitalismus uns alle, wenn er denn per Zwangsbeglückung des umfassenden Sortiments sich in unser Leben prügelt.

Hat sich die postbürgerliche Dekadenz endlich gentrifizierend durchgesetzt, jene kleinen Oasen aus Curry-mit-Pommes und Knibbelbildern in der Altbausubstanz dem Geist der Leistung geopfert, so bleiben an deren Stelle meist nicht mehr als blasse, immer gleiche Imbisse für die degenerierte Schicht, die Elite markiert mit überteuertem Schaumwein und seifiger Räucherfischkonserve. Eine Verankerung im Umfeld ist nicht nötig, schließlich handelt es sich nur um Bedarfshaltestellen jener Karawane, die auf ihrem Zug die Städte verwüstet, Quartiere preistreibend hoch pumpt und leer zurücklässt. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass sich die Macht nach ihrem Exodus die Claims zurückholt. Wir warten auf die Sprudelbuden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXVII): Hipster

23 07 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nichts macht die Orientierung einfacher als eine Verbindung zwischen Designat und Designiertem. Wo Zucker draufsteht, sollte kein Salz drin sein. Und umgekehrt. Man erwartet ja von einer Nonne ebenso wenig einen Tabledance wie normales Verhalten von einem Nazi. Und man mag Nonne und Nazi auch gerne unterscheiden, dass sie beide nicht mit ferkelrosa Haarbürste auf dem Kopf durch die Geschichte turnen, doch was tut man, wenn einem zwei identisch albern gekleidete, spiegelsymmetrisch hampelnde und deckungsgleich dämlich deklamierende Brezelbieger über den Weg schlurfen, von denen der eine laut Programmheft zum durchschnittlichen Hominidensalat gehört, nicht weiter erwähnenswert und vernachlässigbar, der andere total angesagt, Vorreiter, Zielgruppe und Role model für eine sich aufpumpende Gesellschaft am Rande der verebbenden Dekadenz? Und was tut man, wenn man nolens volens in die Mischpoke hineinstolpert, gar damit verwechselt wird?

Der Hipster ist zunächst eine Schnittmenge aller Ungreifbarkeiten, fahrig zusammengeschwiemelt in ästhetischen Entwürfen ohne erkennbaren Kern; bald trägt er Fellstiefel im brüllend heißen Sommer, bald benutzt er karierte Schreibblocks, küsst an ungeraden Wochentagen gleichgeschlechtlich und verbringt seine restliche Lebenszeit damit, sich zucker- und laktosefrei zu benehmen. Er müht sich krampfhaft, immer nur neorealistische Filme zu sehen, kauft fair gehandelte Seife und zitiert Roland Barthes, ohne je eine Zeile Roland Barthes gelesen zu haben. Sie hören elektronische Popmusik mit postmaterialistischen Texten, die kolumbianische Sänger in phonetischem Phönizisch ins Megafon murmeln. Sie sind die selbst definierte Bohème innerhalb einer ohnehin ständig um Originalität lechzenden Nachmacherherde, deren oberstes Ziel stets das abgefeimte Plagiat war, denn wer immer genug Hirn besaß, wollte garantiert nie ein Rudel intellektuell komatöser Schnackbratzen um sich.

So lächerlich in seinem Distinktionswahn bis in die Regionen des Grenzdebilen, wo keine Tragik mehr ein Bein auf die Erde bekäme, so inkongruent in Bezug auf Anspruch gegen Wirklichkeit diese Hipsterhorde wäre, so nachgerade penetrant fallen die Egoleptiker in die Umwelt ein. Tatsächlich ist ihre Kaste ein wenig ausdifferenziertes, autonomes Modell neuer oder alter Antibürgerlichkeit, die sich als Citoyen neuen Typs begriffe, sondern bloß Mittelschicht im Wahn, zum unteren Dreckrand der Elite gehören zu können, der sie doch nur dann nah kommt, wenn sie sie nach Mitte und Södermalm in gentrifizierte Ghettos zum Lattesaugen abschiebt und ihnen die fixe Idee einimpft, es handle sich um aktive Landnahme – konsumgesteuerte Lohnratten, die über ihre Verhältnisse vegetieren, von ihren Kunden im Irgendwas-mit-Medien-Job mit miesen Schmerzensgeldern ruhiggestellt, von einem müden Personalchef ins Bodenlose geschnippt, weil der Name nicht mehr hip genug klang oder dieselbe Grütze von einem Sklaven in Andhra Pradesh für ein halbes Promill weniger zu kaufen war. Wer immer ihnen eingeredet hat, ihre Individualität sei wertsteigernd, war ein verlogener Teufel.

Das Problem ist, dass die Hipster plötzlich und unerwartet in die Schrunden dieses geschundenen Planeten gekippt und der Entsorgung anheim gefallen sind; wenn es sie nie gab, jetzt gibt es sie schon gleich gar nicht mehr. So plötzlich, wie der radikale Materialist mit der markenbesessenen Ich-Show auf die Bühne gehinkt war, so plötzlich plumpst er jetzt in die Versenkung. Weg. Aus. Lag es am mangelnden Markenkern? Denn letztlich war jeder Hipster, der von den anderen dafür gehalten wurde; die kleine Schar ergänzte sich durch Zuwahl von außen. Lag es überhaupt an einer geradezu das Nichtsein von Gruppenmerkmalen zelebrierenden Vorspiegelung ausgeborgter Tatsachen, dass aus ein bisschen Existenzialismus, schräger Musik und fehlendem Talent zur Dandydezza dies herauskam, eine Seinsform, die ihre Geräuschentwicklung beim Gasaustausch schon für Leben hielt und ihr bohrend langweiliges Gehampel oberhalb der Erdkruste für interpretationswürdig? Es gab die Hipster nie, sie sind die Erfindung angestrengter Skribenten, die uns Yuppies, Buppies und Yetties an die Backe kritzeln wollten, diese Parvenüs im Raum der Lebensstile, denen Progression und provokativer Protest zuwider sind, weil man dazu bewegen müsste, was ihnen fehlt: den Arsch in der Hose.

Die Revolution wäre mit ihnen bestimmt nicht gekommen. Sie hätten nicht einmal den Rasen betreten. Und es ist gut, dass sie sich Lobopoden und Knospenstrahlern gleich zum Sterben in die Ecke verkrümelt haben, denn die Geschichte braucht sie nicht mehr. Die Stubenhocker haben sie verdrängt, denn die hatten genug Großhirn, um die unkritische Masse zur Implosion zu bringen. Mag es Klassen geben, die für gewisse Zeit genug Schaum produzieren, um sich an der Oberfläche zu halten, für seichtes Geschunkel reicht das; auf der Welle ist es nicht überlebensfähig. Den alltäglichen Tsunami hat der Hipster nicht überstanden. Gedenken wir seiner mit der ihm gebührenden Gleichgültigkeit.