Es ist vollbracht

10 02 2019

Das war des kleinen Mannes ganzer Stolz:
er sägte einen ganzen Wald zu Holz.
Er sägte, sägte, hackte wie bestellt,
dass Baum um Baum vor seinen Äxten fällt.

Es kostete den kleinen Mann nicht viel.
Dazu befand er sich ja im Exil,
die Republik bezahlte diesen Spaß,
bis sie ihn irgendwann so ganz vergaß,

der jammerte, wo man ihn nicht mehr hörte,
und tat, was er nur konnte: er zerstörte.

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Pariser Chic

27 01 2019

Einst, vor die schwere Wahl gestellt,
wer wohl die Schönste auf der Welt,
da schaute Paris leider nicht
den Damen nur aufs Angesicht.

Er blickte tiefer, und die Süße,
die auf den schärfsten Schuhn die Füße
hob, der ward nun der Preis zuteil.
Doch leider trug le monde dieweil

nur Stelzenstiefel, sprich: Plateau.
Und weil Helene ebenso
ins Straucheln kam, so hinkt ihr Sieg
bei Troja justemang zum Krieg.

Und seither wollen alle Damen
bei Knickgefahr, bei Sturz und Lahmen,
bei Eitelkeitswahn überdies
nur feines Schuhwerk aus Paris.





Agnus Dei oder Die Mittel heiligen den Zweck

13 01 2019

für Erich Kästner

Versinkt das Land betulich im Gegreine,
so fühlt die Masse sich erst richtig wohl.
Ihr seid uns gleich. Wie alle dummen Schweine
läuft das zur Schlachtbank, wo es enden soll.

Geht auf die Knie. Das ist die rechte Pose,
die jedem Opfer für das Volk gebührt.
Ihr habt’s gehört. Macht Euch nicht in die Hose.
Das war der Plan, Ihr habt ihn ausgeführt.

Da tut Ihr bass erstaunt: wer Euch verachtet,
verachtete doch früher nur den Rest?
Das muss so sein, denn wenn man Euch nicht schlachtet,
kann’s sein, dass Ihr es nachher nicht vergesst.

Jetzt schreit schon „Vaterland!“, doch niemals: „Mutter!“
Wer will ein Waschweib sein für Volk und Land?
Ihr dient der Macht nur als Kanonenfutter,
denn Ihr seid höchstens mäßig bei Verstand.





Schmidt oder Einer muss es ja sein

9 09 2018

für Erich Kästner

Es ging den Leuten endlich gut.
Sie konnten täglich essen,
man war gesund und hatte Mut.
In manchen aber kochte Wut,
sie konnten nicht vergessen.

Nicht alles war wie Sonnenschein,
es gab wohl kleine Mängel.
Sie hieben in die Kerbe rein,
das soll die reine Lehre sein:
wir selbst sind nämlich Engel.

Doch diese einen, die sind schuld,
an allem, was beklagt war.
Schon damals nahm man ihnen Huld
und keiner hatte noch Geduld,
der heute recht betagt war.

Nun war das Volk vollständig gleich,
man kann es schon erkennen.
Sie waren alle blond und bleich,
und ebenmäßig, mild und weich,
man kann den Feind nicht nennen.

Der Frieden war schon in Gefahr.
Es ist kein Übeltäter,
und als man fast am Ende war,
Vernunft war aus und Denken rar –
es wurde immer später.

Da hatten sie’s. Der eine Schmidt,
der war zwar nicht verdächtig,
doch schwang hier schon der Argwohn mit,
und zwischen ihnen war wohl Kitt,
sonst wären sie nicht mächtig.

Es gab so viele Schmidts im Land,
die nur sich selbst gehörten,
doch als bei einem Schuld man fand,
hat man sie alle gleich erkannt,
dass sie das Volk zerstörten.

Man hat sie an die Wand gestellt,
der Name nur genügte
den andern, denen das gefällt,
worauf auch gleich die halbe Welt
die Sache leise rügte.

Jetzt hat die liebe Seele Ruh,
die dieses Unrecht mitreißt,
doch schließlich sieh ein jeder zu,
ein Mensch, ein jeder, ist partout
auch selbst schuld, wenn er Schmidt heißt.





Pappsnut

12 08 2018

Es lebte in der Stadt vor vielen Jahren
ein Bürger, wohlgesonnen aller Welt,
die hohen Mutes ihn in den Gefahren
als Nachbarn sah, der ihnen recht gefällt.

Seit der Geburt war er hübsch anzusehen,
doch blieb sein Spiegelbild im Antlitz schlicht,
man mochte es als Laune nur verstehen.
Er hatte Ohren, eine Nase nicht.

Aus Freundlichkeit hat man ihm dann von Pappe
ein Spitzchen, gut geformt, dass alles sitzt,
verfertigt, das als heimliche Attrappe
ihm im Gesicht steht, kunstvoll und verschmitzt.

Und wenn er, seines Zeichens Wirt, die bleiche,
die Nase, die auch nicht beim Trinken glüht,
den Gästen zeigt, ist es doch stets die gleiche,
die er im Spiegel Tag für Tag besieht.

(Von allen, die zu ihm als Gäste kamen,
war keiner, der die Herkunft je verstand.
Man führte ihn nur unter diesem Namen,
als Pappsnut war er jedem wohlbekannt.)

Soldaten rannten trunken in die Schenke,
belästigten, was ihnen gut gefiel
an Mägden. Fragten ihn, ob er wohl tränke
und nötigten den Wirt zum Würfelspiel.

Sie warfen nun; es waren anfangs Päsche,
und sie verloren Geld, Geschmeide, Gold.
Dann schauten sie recht dumm aus ihrer Wäsche.
Das Glück war ihnen offenbar nicht hold.

Nun: alles oder nichts. Der Hauptmann brüllte,
wie er mit sechs und sechs und fünf begann,
und sah man, wie er sich die Taschen füllte,
als Pappsnut mit drei Sechsern dann gewann.

Sie fassten ihn. Und die Geschrei anhuben,
die schlugen ihn – doch was war dies ein Graus!
Da sprang die Nase ab. Er griff die Buben
Und warf sie allesamt aufs Pflaster raus.

Besteck und alter Schmuck gab ihre Beute,
die fand er in Tornistern wohl verwahrt.
Es meldeten sich die beraubten Leute,
und gab er jedem, was sie angespart.

Die waren halb verängstigt und halb glücklich
und trugen ihm als Dank viel Wünsche an.
Dies war im Angesicht der Tat nur schicklich.
Da sagte er bescheiden dieses dann:

„Ach“, sprach der gute Mann in seiner Schläue,
„ich wünsch mir, so für sonntags, eine Neue.“





Die Kartoffeln

15 07 2018

Sie hungerten. Das Volk war kaum zu zügeln,
doch gab es nichts als Not und Dreck und Wanzen.
Der König musste seine Bauern prügeln,
damit sie ihre Knollen träge pflanzen.

Die glaubten nicht an eine gute Speise
und gingen an, das grüne Kraut zu zupfen.
Damit verschwand die Blütenpracht ganz leise,
weil man vergaß, die Früchte auszurupfen.

Er ließ Kartoffeln in die Erde säen
und sie, als sei dies kostbar, streng bewachen.
Zwei Posten sollten nachts im Dunkeln spähen.
Sie guckten übers Land mit leisem Lachen,

dass sich vermeintlich Diebe dran vergriffen.
Wahrscheinlich nennt man sie, das wär der Witz,
weil sich der König darauf eins gepfiffen,
bis heute noch nach ihm als Pommes Fritz.





Vom Ende der Welt

8 04 2018

Und als Columbus eine Welt entdeckte,
erschien es ihm, als schlössen sich die Kreise
des einen Gottes, den er damit preise,
dass sich die Gegenwart zum Ende reckte.

Das Ende aller Zeiten, das bezweckte,
dass sich die Schöpfung berge still und leise
in einem Untergang, beziehungsweise
im Aufgang, wo sich Ewigkeit erstreckte.

Zerstörung ist das Rad, das der Geschichte
die Erdenreste nimmt und ihre Wichte,
dass unser Wesen leicht zum Ende werde.

Doch wir verstehen falsch, wenn wir im Glauben
uns selbst die Sicht auf Weltenläufe rauben,
Verblendete, zerstören wir die Erde.