Der Große Sprung

24 09 2017

für Bert Brecht

Vor vielen Jahren gab man jenen Leuten,
die sonst mit Fisch und Reis die andern nähren,
die Order, dass sie sich im Ungefähren
die Zukunft in der Stahlfabrik erbeuten.

Zunächst war’s so, dass sich die Massen freuten;
sie konnten noch vom Vorrat etwas zehren,
und dann begann sich alles zu verkehren.
Dann kam der Tag, wo sie es nur bereuten.

Sie hungerten; Fabriken gab es nicht,
denn keiner wusste, wie man diese baute,
schon gar nicht einer, der davon nur spricht.

Dann starben sie, denn der Versuch misslang,
und starb auch, worauf man bislang vertraute:
die Menschheit zieht, man weiß, an einem Strang.

Advertisements




History, rewritten

7 08 2017

„… eine historische Gegenoffensive gegen Deutschland gefordert habe. Polen bestehe auf Reparationszahlungen, da die Schäden des Zweiten Weltkriegs noch lange nicht…“

„… dass das Vereinigte Königreich als Rechtsnachfolger anzusehen sei. Die aus dem Siebenjährigen Krieg erwachsenden Folgen seien damit direkt auf den Freistaat Sachsen als…“

„… die innerdeutschen Konflikte bereits seit der Herbstkrise bestanden hätten. Das Fürstentum Reuß älterer und das Fürstentum Reuß jüngerer Linie seien trotz ihres späteren Zusammenschlusses nicht ausreichend in ihrer…“

„… als TV-Ereignis plane. Die dänische Regierung habe bereits angekündigt, Deutschland für den Mehrteiler zahlen zu lassen, der in Erinnerung an den Zweiten Schleswig-Holsteinischen…“

„… den Deutschen Bauernverband gerade im Lutherjahr nicht gehört habe. Die Ausrottung des Adel könne nur durch eine milliardenschwere…“

„… auch Preußen im Kriegsverlauf fast 180.000 Mann verloren habe. Eine Entschädigung durch Russland und Schweden dürfe sich wegen des wesentlich länger zurückliegenden Datums aber nicht auf die im 20. Jahrhundert…“

„… Bayern auf Seiten des Deutschen Bundes in den Krieg eingetreten sei. Es sei damit nicht geklärt, den heutigen Freistaat verfassungsrechtlich überhaupt innerhalb der Grenzen der…“

„… den Grenzübertritt in Schleswig-Holstein sowohl für Deutsche als auch für Österreicher bis auf Weiteres mit kostenpflichtigen Kontrollen der…“

„… dass mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag die weiteren Ansprüche nicht abgegolten seien. Polen sei bereits damals als Marionettenstaat nicht in der Lage gewesen, völkerrechtlich bindende…“

„… unterbrochen worden sei. Da die im Konzil propagierte Unfehlbarkeit des Papstes nicht habe durchgesetzt werden können, werde der Vatikan die Bundesregierung für alle nach 1870 erlassenen…“

„… erst durch eine widerrechtliche Koalition gegen Markgraf Ludwig von Brandenburg möglich geworden sei. Die Anerkennung der Reichsunmittelbarkeit Pommern-Stettins durch Kaiser Ludwig IV. könne aus heutiger Sicht nicht als legitime…“

„… sich die russische Delegation gegen die seinerzeit aus friedenspolitischer Sicht vorteilhafte Einigung in Nikolsburg gewandt hatte. Außenminister Lawrow habe darauf hingewiesen, dass die dem Zarenreich entgangenen sicheren Geländegewinne bei einer zeitnahen Intervention noch heute durch weitere Annexionen im…“

„… ob Tschechien als Einzelstaat oder nur gemeinsam mit Österreich in der Nachfolge der Habsburgermonarchie klageberechtigt sei. Die Entscheidung werde vor dem…“

„…allein Württemberg acht Millionen Gulden an Kriegsentschädigung habe zahlen müssen. Dies sei jedoch, da es weder eine Kapitulation noch eine Annexion der Gebiete durch…“

„… der Schiedsspruch nicht als bindend anzusehen sei. Die Münchener Linie der Wittelsbacher sei ohne das Kufsteiner Land dazu gezwungen gewesen, als Anhängsel des bundesdeutschen…“

„… wenn Deutschland sich bereiterkläre, ein voll funktionsfähiges Vernichtungslager zu bauen. Kaczyński gebe der Bundesregierung drei Monate und wolle danach die deutsche Schuld um zehn Prozent…“

„… die vom Kurfürstentum Sachsen geleisteten Kontributionszahlungen zurückfordern werde. Es sei strittig, ob sich diese Begleichung mit dem aktuellen Negativzins der…“

„… den Krieg getreu der Regel, den Angreifer zuerst zu nennen, als Französisch-Deutschen Krieg zu bezeichnen habe. Steinbach werde nach der Machtergreifung darauf hinarbeiten, das welsche Würstchen und seine angeheiratete Faltentrulla zur bedingungslosen Rückgabe des Elsass sowie der…“

„… sich die Deutsche Bischofskonferenz mit immensen Ansprüchen konfrontiert sehe, da die Wittenberger Kapitulation nicht den Widerstand der Reichsstände gegen die…“

„… da Zahlungen von Sachsen an Brandenburg unrechtmäßig im Sinne des Länderfinanzausgleichs zu betrachten seien und damit durch den Bund…“

„… habe die Verschiebung Polens politische Gründe gehabt. Da die Sowjetunion nicht mehr existiere, werde Warschau nicht auf die Rückgabe der ehemaligen…“

„… dass das Reich für seine Söldner keine Sozialversicherungsabgaben entrichtet habe. Die Interessengemeinschaft der Truppen des Schmalkaldischen Bundes habe ihre Bereitschaft gezeigt, gemeinsam vor dem Bundessozialgericht für die…“

„… nach der Schlacht bei Tannenberg gezwungen worden sei, Reparationen an Polen zu zahlen. Die seit 1411 aufgelaufenen Schulden wegen einer offensichtlichen Urkundenfälschung bezifferten sich auf täglich 875 Trilliarden Euro, die für mehrere Jahrtausende an den Deutschen Orden zu…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXX): Das Mittelalter als Folie und Wunschvorstellung

21 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Zeitalter wird besichtigt: Sightseeing in einer dunklen Epoche ohne Wasserspülung. Herr Hallmackenreuther kann gerade nicht kommen, er hat die Pest. Das aufreizende Fehlen bunt bemalter Knalltüten mit elektrischer Gitarre wird allerwärts als Kollateralschaden für das touristische Potenzial bemängelt. Kunibert der Ersetzbare bringt noch eben schnell seine Brüder um und erobert dann die Grafschaft Ziegenhain von seinem Schwager Botho von Sponberg, wobei letzterer unglücklich mit der Axt in der Birne von der Zugbrücke segelt. Gattin Irmintrudis sorgt für sein Spontanableben nach der Rückkehr, übernimmt die Burg, schenkt dem zukünftigen Ex-Bischof Alduin von Hinten sein neuntes bis dreizehntes Kind und wird dann zur Lokalheiligen. Das sollte normalerweise für eine Vorabendserie reichen, grausame Bilder, nackte Haut, Grillfleisch galore, Ströme von Schnaps und Blut, und irgendwo hinter der Säule saß sicher Karl der Große. Wie es halt im Mittelalter so war.

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen Schnaps, denn die Destillation wurde erst später auf eine vernünftige technologische Ebene gehoben. Das Volk stillte seinen Durst an Minderprozentigem und lutschte zermatschte Rüben aus dem Kessel, weil die Kartoffel erst ein halbes Jahrtausend später kommen sollte. Diese konservative Vorstellung von der guten alten Zeit, sie zeigt einen Abschnitt, der weder alt noch gut war.

Denn wie historische Romane – heute sind es die epischen TV-Narkotika – den Massen meist nur ein Bild der Entstehungszeit vermitteln, gespiegelt in den Ansichten des Autors, so ist ein Zeitalter der Haudegen nicht besonders repräsentativ für die Lebensentwürfe in einer Ständegesellschaft, die den meisten Menschen null soziale Mobilität, Freiheit oder Individualität bot, dafür aber genug bizarre Moralvorstellungen, Hilflosigkeit gegenüber der Fremdbestimmung, genug körperlichen Verfall sowie einen frühen Tod. Knechtschaft, religiöse Wahnvorstellungen und Dreck kommen in der metgeschwängerten Fieberfantasie nicht vor. Dafür aber waren alle in ihren Rückführungstherapien Päpste und keiner Bauer, Schmied, Knochenhauer. Der Pöbel vor den Flachbildschirmen weiß ja nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Inszenierung lauert. Er war doch auch noch nie im Weltraum und guckt trotzdem die Filme mit dem Alienklops.

Am beliebtesten ist bis heute der Herbst des Mittelalters, jene Epoche, die mit dem Verfall der Kaiseridee und dem Niedergang der Gesellschaft die überschaubare Welt in ein unüberschaubares Chaos kippte. Beim modernen Ignoranten, der in einer geordneten Welt mit Zahnersatz und Rechtsschutzversicherung vor sich hin vegetiert, kommen nur die Heldentaten imaginärer Ritter an, die in Wirklichkeit schmarotzende Berufskriminelle mit locker sitzenden Hieb- und Stichwaffen waren, materiell eingestellte Söldner, mit denen sich jeder beliebige Bürger- und Nachbarschaftskrieg vom Zaun brechen ließ, als könne man mit Zeitarbeit seine Mordbuben aufstocken. Kriegerische Gewalt plus dürftige Quellenlage, dies ist nicht mehr als das Paradies der Romantiker, auch solcher, die im national verschwiemelten Delir hollywoodesken Monumentaltalmi aus dem Hirn häkeln. Feucht-völkisch wanzt sich eine brägenbewölkte Schicht an den historischen Befund, schreckt aber schon beim Menschenbild jäh zurück. Aus gutem Grund trug man seinerzeit nur Vornamen, damit der Exitus eines Sippenkaspers nicht die ganze Ordnung in Unordnung brachte. Natürlich gab es ein Leben vor dem Tod, es interessierte aber keinen.

Wer dem Minnegeträller folgt, kommt alsbald in der grausamen Realität an, wo Kinderehe samt Vergewaltigung Schutzbefohlener – für die Retter des christlichen Abendlandes bekanntlich nur im Nahen Osten als Exportschlager entwickelt – an der Tagesordnung waren, ebenso die regelmäßige Zerstörung abhängiger Landleute, wo man doch durch Zehnten und illegale Strafsteuern den Wirt viel besser am Leben hätte halten können. Die Leute klotzten sich Dome in den Vorgärten, aber keine Untertaneninitiativen demonstrierten wegen der anhaltenden Geräuschbelästigung durch Krane und Geläut. Aber die Welt war einfacher ohne diese ständig geforderte Individualität. Es gab keinen Staat, und wenn, war er bloß eine nette Idee ohne Konsequenzen. Jeden Moment konnte in der von Geister- und Dämonenglaube grundierten Welt doch ein Monster aus finsteren Gassen eines verwinkelt in den Wald wuchernden Metropölchens knurren und alle Albträume Wirklichkeit werden lassen. Wir wissen es heute besser, und es tut uns nicht mehr gut. Die tollkühnen Reiter in ihren scheppernden Blechbüchsen erledigten sich endgültig mit dem Feudalsystem, das bis heute seine Anwesenheit in den Raum stellt. Die Postmoderne hat da nicht viel zu bieten. Bis auf den Schnaps.





Nachtgesang

2 07 2017

für Heinrich Heine

Es träumte mir neulich zu nächtlicher Stunde,
dass Deutschland die Dummen verlachte.
Ich wähnte mich seltsam mit ihnen im Bunde,
da ich nicht sofort auch erwachte.
Sie kreischten so lauthals von größter Gefahr,
da raufte sich mancher trotz Kahlschlag sein Haar –
man hielt sich für wacker und herzensrein brav.
Ach…
  ach und wehe…
    schlafe nun, schlaf…

Man hörte die Klugen beim Rümpfen der Nasen,
die Dummen beim Greinen und Weinen,
und während die Klugen dozierten und lasen,
will Dumm sich mit Dümmer vereinen.
Sie hielten sich mit einem Male für stark,
sie stießen beständig und traten den Quark,
der wurde wohl breiter, wie’s immer sich traf.
Ach…
  ach und wehe…
    schlafe nun, schlaf…

Schon zischten die Klügsten, da sank es zur Linken –
sie waren entbrannt und zerstritten.
Man trat aufeinander, ich sah manche hinken,
das Weltkind sitzt staunend inmitten.
Die Lumpen jedoch, deren Boshaftigkeit
hielt aus und ward kräftiger zu aller Zeit.
Dies, Deutschland, geschieht Dir wohl recht, dummes Schaf.
Ach…
  ach und wehe…
    …





Schweigbarer Rest

4 06 2017

für Erich Kästner

Fahnen, wo man Blut vergoss
und die Namen schnell vergaß,
dumme Schweine, hoch zu Ross,
denen man viel Ruhm beimaß.
Ach, das Land ein Jammertal –
die Geschichte ungerecht,
war man noch so liberal,
trotzdem ging es ihnen schlecht.
Jeder hielt sich sittsam raus,
gingen unter Mann und Maus,
Krieg nach alter Väter Brauch.
  Wart nur,
    balde
      schweigst Du auch.

Heute ist man aufgeklärt.
Wo man satt und sittsam ist,
lebt es sich ganz unbeschwert,
weil man wieder schnell vergisst.
Ach, das Land ist in Gefahr,
und wenn nicht, sorgt man dafür
weil der Feind zu harmlos war
oder draußen vor der Tür.
Wieder schweigt der Bürger fein,
hüllt sich sacht ins Träumen ein,
lispelt Deutschland, wie im Hauch…
  Wart nur,
    balde
      schweigst Du auch.





Doof bleibt doof

23 04 2017

für Kurt Tucholsky

Apotheker Doktor Kroll,
ein Jahr noch zur Rente,
weiß schon, was er wissen soll –
die Medikamente
helfen größtenteils sogar,
Mumps und Ohrenrauschen
gehen weg ganz sonderbar
beim Rezeptvertauschen.
Kroll gibt, was der Arzt verschreibt,
manchmal jedoch nicht,
wenn die Wirkung ganz ausbleibt.
Dann steht er und spricht
ganz zu sich und nur im Stillen:
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Henriette, hübsch und fein,
hat gar viel Verehrer,
fällt auf alle reihum rein
und macht sich’s noch schwerer.
Wenn die Ehe man verspricht,
hält’s die junge Dame
länger in der Stube nicht.
Ach, es lockt der Name,
den die Hochzeit mit sich bringt.
Sie probiert ihn aus,
wenn auch Muttchen in sie dringt,
sie schreibt ihn ans Haus.
Seufzend lässt sie ihr den Willen.
Doof bleibt doof,
da helfen keine Pillen.

Mancher Bürger weiß Bescheid
über die Geschichte,
liest, wie eine dunkle Zeit
Hoffnung macht zunichte.
Liest auch nicht nur, was ihn lockt,
sieht auch andern Ländern
schweres Unheil eingebrockt,
und will doch nichts ändern.
Stärke ist ihm, wenn er dann
Schwächere bedroht,
nicht sieht, was er ändern kann,
und dabei verroht.
Hört Ihr ihn nach rückwärts brüllen?
Doof bleibt doof.
Da helfen keine Pillen.





Miraculum 1452

26 03 2017

Ein Knabe, gleich wie er wohl hieß,
mit eines Apfels Spiel,
dem eines Tages dies zustieß,
dass Holz vom Stapel fiel:

die dicken Bretter krachten laut,
begruben unter sich
den Jungen, der so ganz vertraut
nicht von der Stelle wich.

Man meinte wohl, das Kind sei tot
und hob die Pfosten an.
Da saß er, lachte ohne Not.
Es war ein Wunder dran.