Die Konsequenzen ihres Handelns

19 03 2019

„Du frisst jetzt Deinen verdammten Grießbrei!“ Malwine Huber nickte befriedigt und setzte ein Häkchen auf die Liste. Sie musste nicht den Raum betreten, um zu wissen: diese Pflegerin machte ihre Sache gut, sehr gut sogar.

„Warten Sie“, beruhigte sie mich. „Fräulein Lisa kommt gleich aus dem Zehnbettzimmer, dann können Sie sie persönlich befragen.“ Ich stutzte. „Zehn Betten? Ist das denn überhaupt gestattet?“ „Natürlich nicht“, wehrte die Heimleiterin ab. „Aber wir haben zum einen im Testbetrieb immer nur eine Person untergebracht, und dann warten wir trotzdem mal ab, ob sich die Vorschriften in den nächsten Jahren nicht dramatisch ändern. Wir haben es hier mit nachwachsenden Rohstoffen zu tun: Senioren.“ Die Tür öffnete sich, Lisa trug den halb gegessenen Brei in einem verbeulten Blechnapf aus dem Zimmer. „Sehr gut“, lobte Malwine. „Sie ist eine gelehrige Schülerin. Wenn sie bis zum Ende der Woche durchhält, bekommt sie das Angebot, eine Ausbildung in unserem Haus zu machen. Dann ist sie genau im richtigen Alter, wenn unsere Kunden einziehen.“ „Und wer ist jetzt hier?“ Lisa verdrehte die Augen. Hatte ich als einziger nicht verstanden, was hier vor sich ging?

Im Zehnbettzimmer saß eine junge Dame auf dem Stuhl, höchstens zwanzig, und putzte sich die Breireste aus dem Gesicht. „Sie waren zufrieden mit dem Service?“ Sie nickte. „Schrecklich. Ich möchte, dass Sie Rosenkohl mit auf die Speisekarte setzen. Und bitte spielen Sie hier den ganzen Tag klassische Musik und viel französische Chansons.“ Malwine notierte alles gewissenhaft auf dem Fragebogen. „Er wird sich unwohl fühlen bei uns“, versicherte sie. „Wir werden uns die größte Mühe geben, dass er sich weit weg wünschen wird.“ Die Dame verabschiedete sich, und wir blickten in den schlecht gelüfteten, trostlosen Raum, der wohl dermaleinst so vielen Menschen Obdach für die letzten Tage ihres Lebens bieten sollte. „Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren“, sagte ich zögernd, „dass bei Ihnen eine gewisse Geldgier im Spiel ist.“ Da lachte Malwine laut auf. „Geld“, gluckste sie, „ach was – ich mache mir nichts aus Geld, denn erstens deckt das hier kaum die Kosten, und das bisschen, was wir verdienen, stecken wir auch gleich in gemeinnützige Dinge.“ „Und warum bieten Sie dann dieses Billigheim an, in dem Ihre Schutzbefohlenen bei kaltem Grießbrei auf einem staubigen Boden im umgeheizten Zimmer sitzen?“ Sie schob ihre Brille resolut auf die Nase zurück. „Wir helfen der jungen Generation, sich für die kommenden Katastrophen zu wappnen. Nichts wird vergessen sein, aber auch gar nichts.“

In einem anderen Zimmer schrie eine Pflegerin einen jungen Mann an, der nicht schnell genug aus dem Doppelstockbett kam. „Nichts als Ärger hat man mit Euch“, keifte sie. „Wozu füttern wir Euch eigentlich noch durch?“ „Was meint Sie damit?“ Malwine lächelte. „Sie verstehen es wirklich nicht, oder?“ Ich verneinte. „Dann gucken Sie mal genau hin, was Sie da sehen. Wer sind denn diese jungen Menschen?“ „Ich weiß es nicht.“ Sie legte mir die Hand auf den Arm. „Söhne und Töchter, und sie alle haben in absehbarer Zeit eine Entscheidung zu treffen: in welches Heim stecken wir unsere Eltern?“

Eine Hilfskraft schob fröhlich pfeifend einen quietschenden Rollstuhl über den Flur. „Sie sehen das bloß als Rache“, erläuterte Malwine, „aber Sie müssen es eher als eine Option auf die Zukunft betrachten.“ „Als Option auf die Zukunft?“ „Allerdings.“ Der Rollstuhl mit dem jungen Mann war in einem anderen Zehnbettzimmer am Ende des Ganges verschwunden. „Wir haben die Einrichtung ja noch nicht einmal gebaut, das hier sind ja nur Attrappen, ausgediente Krankenhausbetten, Reste einer Jugendherberge und der Schrott von zwei Reha-Stationen. Aber sie erfüllen ihren Zweck.“ Fräulein Lisa kam auf knirschenden Gummisohlen aus der Küche und trug ein Schüsselchen mit fade riechendem Brei. „Alle diese Eltern werden noch zu Lebzeiten vor die Konsequenzen ihres Handelns gestellt“, sagte die Leiterin. „Da ergeht es ihnen dann genau so wie ihren Kindern, die die Sache ja auch ausbaden müssen, vermutlich viel mehr als ihre Eltern.“ „Wovon reden Sie eigentlich, ist das hier eine historische Herdenhaftung?“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ja und nein, es geht um den Klimawandel. Beziehungsweise um seine Folgen für diese Generation und alle, die noch kommen werden.“ „Also werden die Eltern vor die Wahl gestellt?“ Malwine nickte. „Sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie die Klimakatastrophe weiter verharmlosen und ihre Kinder damit sitzen lassen. Irgendwann suchen die ihren Heimplatz aus, und dann kommen wir ins Spiel. Bis dahin ist die Bude fertig, und dann bekommen sie die Rechnung.“

Aus einem Nebenzimmer kam ein Klatschen, als schleudere jemand eine schwere Peitsche durch die Luft. Malwine nickte. Ich öffnete einen Spalt weit die Tür und sah ein Dutzend junger Leute, die im Halbkreis um die Demonstration herum saßen und aufmerksam zusahen, wie ein kräftiger Pfleger mit einem nassen Handtuch auf eine Gummipuppe einschlug. „Meinen Sie nicht“, fragte ich, „dass das für eine verfehlte Klimaschutzpolitik vollkommen unverhältnismäßig erscheint?“ „Klima?“ Malwines Augen schoben sich zusammen, während sie lächelte. „Was meinen Sie, wie viele Eltern nicht gegen den Faschismus unternehmen wollen?“

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Lear oder Mein Reich komme

24 02 2019

Als hätte Nacht, in der kein Stern mehr funkelt,
ihn angebunden, einen großen Mann,
ihm seinen Geist entzogen und verdunkelt.
In Wahrheit war der Alte ein Tyrann.

Schon hörte er nur noch auf seine Töchter,
auf kriechendes Gewürm und Schmeichelei,
und wurde für die Macht zum Menschenschlächter.
Er selber wähnte sich noch immer frei

und baute um sein Reich wohl eine Mauer,
und alles litt an übergroßer Not.
Sein Glück indes war nicht von langer Dauer.
An seiner Mauer fand er auch den Tod.

Zuletzt war er von seiner Schuld geblendet
und hoffte noch auf eine Wiederkunft.
Er war wie alle andern, als er endet,
voll Selbstmitleid, doch bar jeder Vernunft.





Es ist vollbracht

10 02 2019

Das war des kleinen Mannes ganzer Stolz:
er sägte einen ganzen Wald zu Holz.
Er sägte, sägte, hackte wie bestellt,
dass Baum um Baum vor seinen Äxten fällt.

Es kostete den kleinen Mann nicht viel.
Dazu befand er sich ja im Exil,
die Republik bezahlte diesen Spaß,
bis sie ihn irgendwann so ganz vergaß,

der jammerte, wo man ihn nicht mehr hörte,
und tat, was er nur konnte: er zerstörte.





Pariser Chic

27 01 2019

Einst, vor die schwere Wahl gestellt,
wer wohl die Schönste auf der Welt,
da schaute Paris leider nicht
den Damen nur aufs Angesicht.

Er blickte tiefer, und die Süße,
die auf den schärfsten Schuhn die Füße
hob, der ward nun der Preis zuteil.
Doch leider trug le monde dieweil

nur Stelzenstiefel, sprich: Plateau.
Und weil Helene ebenso
ins Straucheln kam, so hinkt ihr Sieg
bei Troja justemang zum Krieg.

Und seither wollen alle Damen
bei Knickgefahr, bei Sturz und Lahmen,
bei Eitelkeitswahn überdies
nur feines Schuhwerk aus Paris.





Agnus Dei oder Die Mittel heiligen den Zweck

13 01 2019

für Erich Kästner

Versinkt das Land betulich im Gegreine,
so fühlt die Masse sich erst richtig wohl.
Ihr seid uns gleich. Wie alle dummen Schweine
läuft das zur Schlachtbank, wo es enden soll.

Geht auf die Knie. Das ist die rechte Pose,
die jedem Opfer für das Volk gebührt.
Ihr habt’s gehört. Macht Euch nicht in die Hose.
Das war der Plan, Ihr habt ihn ausgeführt.

Da tut Ihr bass erstaunt: wer Euch verachtet,
verachtete doch früher nur den Rest?
Das muss so sein, denn wenn man Euch nicht schlachtet,
kann’s sein, dass Ihr es nachher nicht vergesst.

Jetzt schreit schon „Vaterland!“, doch niemals: „Mutter!“
Wer will ein Waschweib sein für Volk und Land?
Ihr dient der Macht nur als Kanonenfutter,
denn Ihr seid höchstens mäßig bei Verstand.





Schmidt oder Einer muss es ja sein

9 09 2018

für Erich Kästner

Es ging den Leuten endlich gut.
Sie konnten täglich essen,
man war gesund und hatte Mut.
In manchen aber kochte Wut,
sie konnten nicht vergessen.

Nicht alles war wie Sonnenschein,
es gab wohl kleine Mängel.
Sie hieben in die Kerbe rein,
das soll die reine Lehre sein:
wir selbst sind nämlich Engel.

Doch diese einen, die sind schuld,
an allem, was beklagt war.
Schon damals nahm man ihnen Huld
und keiner hatte noch Geduld,
der heute recht betagt war.

Nun war das Volk vollständig gleich,
man kann es schon erkennen.
Sie waren alle blond und bleich,
und ebenmäßig, mild und weich,
man kann den Feind nicht nennen.

Der Frieden war schon in Gefahr.
Es ist kein Übeltäter,
und als man fast am Ende war,
Vernunft war aus und Denken rar –
es wurde immer später.

Da hatten sie’s. Der eine Schmidt,
der war zwar nicht verdächtig,
doch schwang hier schon der Argwohn mit,
und zwischen ihnen war wohl Kitt,
sonst wären sie nicht mächtig.

Es gab so viele Schmidts im Land,
die nur sich selbst gehörten,
doch als bei einem Schuld man fand,
hat man sie alle gleich erkannt,
dass sie das Volk zerstörten.

Man hat sie an die Wand gestellt,
der Name nur genügte
den andern, denen das gefällt,
worauf auch gleich die halbe Welt
die Sache leise rügte.

Jetzt hat die liebe Seele Ruh,
die dieses Unrecht mitreißt,
doch schließlich sieh ein jeder zu,
ein Mensch, ein jeder, ist partout
auch selbst schuld, wenn er Schmidt heißt.





Pappsnut

12 08 2018

Es lebte in der Stadt vor vielen Jahren
ein Bürger, wohlgesonnen aller Welt,
die hohen Mutes ihn in den Gefahren
als Nachbarn sah, der ihnen recht gefällt.

Seit der Geburt war er hübsch anzusehen,
doch blieb sein Spiegelbild im Antlitz schlicht,
man mochte es als Laune nur verstehen.
Er hatte Ohren, eine Nase nicht.

Aus Freundlichkeit hat man ihm dann von Pappe
ein Spitzchen, gut geformt, dass alles sitzt,
verfertigt, das als heimliche Attrappe
ihm im Gesicht steht, kunstvoll und verschmitzt.

Und wenn er, seines Zeichens Wirt, die bleiche,
die Nase, die auch nicht beim Trinken glüht,
den Gästen zeigt, ist es doch stets die gleiche,
die er im Spiegel Tag für Tag besieht.

(Von allen, die zu ihm als Gäste kamen,
war keiner, der die Herkunft je verstand.
Man führte ihn nur unter diesem Namen,
als Pappsnut war er jedem wohlbekannt.)

Soldaten rannten trunken in die Schenke,
belästigten, was ihnen gut gefiel
an Mägden. Fragten ihn, ob er wohl tränke
und nötigten den Wirt zum Würfelspiel.

Sie warfen nun; es waren anfangs Päsche,
und sie verloren Geld, Geschmeide, Gold.
Dann schauten sie recht dumm aus ihrer Wäsche.
Das Glück war ihnen offenbar nicht hold.

Nun: alles oder nichts. Der Hauptmann brüllte,
wie er mit sechs und sechs und fünf begann,
und sah man, wie er sich die Taschen füllte,
als Pappsnut mit drei Sechsern dann gewann.

Sie fassten ihn. Und die Geschrei anhuben,
die schlugen ihn – doch was war dies ein Graus!
Da sprang die Nase ab. Er griff die Buben
Und warf sie allesamt aufs Pflaster raus.

Besteck und alter Schmuck gab ihre Beute,
die fand er in Tornistern wohl verwahrt.
Es meldeten sich die beraubten Leute,
und gab er jedem, was sie angespart.

Die waren halb verängstigt und halb glücklich
und trugen ihm als Dank viel Wünsche an.
Dies war im Angesicht der Tat nur schicklich.
Da sagte er bescheiden dieses dann:

„Ach“, sprach der gute Mann in seiner Schläue,
„ich wünsch mir, so für sonntags, eine Neue.“