Gernulf Olzheimer kommentiert (DLXXXII): Denkmäler

17 09 2021
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kurz bevor das ganze Reich unterging, ließ sich Aššur-bāni-apli noch mal in voller Montur samt Krönchen ins Relief dengeln, wie er mit Pfeil und Bogen Großwild jagte. Als Ganzfigur mit Bart und Korb warb er für assyrischen Wohnungsbau, dann war auch bald Schicht im Schacht. Mehr noch als in der Antike, im Mittelalter, erst recht in der Neuzeit war den Völkern des Altertums klar, dass alles recht vergänglich ist. Dynastien kamen, Dynastien gingen und wurden von Schutt und Asche bedeckt, damit kommende Herrscher auf rauchenden Trümmern neue Verwaltungseinheiten organisieren konnten, die die Machtverhältnisse gründlich neu ordneten und schon durch das Erscheinungsbild monumental angelegter Kunst im öffentlichen Raum änderten, was es zu ändern galt. Hier und da meißelten die dienstbaren Geister die Grinsrüben aus dem Fels, wie sie noch heute in jedem besseren Personenkult von Mauern und Fassaden hängen, sofort guckte der neue König so gütig wie machtvoll aufs Volk, kurz: der alte Klotz war weg, der neue Klotz war da. Wozu braucht es da heute noch Denkmäler?

Die Herren der Macht, und es sind immer nur Männer, Ottokar der Dehnbare, Kurfürst Heribert von der Klappstulle und irgendein Friedrich von Dingenskirchen mit Pelz und Perücke, haben sich größtenteils in Eisen gießen lassen, lungern nun auf steinernem Podest mit güldener Inschrift, damit sie keiner mit dem Gründer der städtischen Hunde-Wasch- und Reinigungsanstalt verwechselt, in den fußläufigen Zonen nahe Kirchen und Rathäusern herum, werden fotografiert, mit Pappnasen und Altpapier verschwiemelt und dienen allenfalls als Treffpunkt für Jugendliche, die vorabends alleine in modischer Kleidung mit flamboyantem Schuhwerk auf ihresgleichen warten. Trostlos fürwahr, und da ist das Denkmal nicht einmal mit eingerechnet. Die knöterigen Staubfänger längst vergangener Epochen stehen störrisch im Stadtbild, ohne die Aufschrift wüsste kein Passant, ob es sich um einen Kaiser, einen König oder den Erzherzog einer nicht mehr existenten Provinz handelt – mit Aufschrift weiß es auch keiner, aber wen kümmert das schon.

So schön ersichtlich an berittenen Deppen in rostiger Wehr, wie sie Reklame für den nächsten Krieg machen, für Preußens Gloria und Schlesiens Untergang, so zweifelsfrei stehen die dominanten Hohlkörper für nichts mehr, was mit der Gegenwart auch nur entfernt zu tun hätte. Allein die in alle teutonischen Weichbilder gerummsten Bismarcke verkünden nur noch mit Getöse die Apotheose von Pickeln auf der Haube, neben denen der Deutsche gerade noch genug Zeit für Kolonialismus hatte und den Platz an der Sonne mit Leichentüchern sicherte. Die Erinnerungskultur richtet sich an unterkomplex denkende Weichstapler, die mit Geschichte nicht viel am Hut haben, sonst müssten sie das präpotente Säbelrasseln der nationalen Besoffenheitsapostel ganztägig reflektieren. Womit schon.

Das Denkmal hat vielmehr die Aufgabe, alles an Geschichte zahnschonend zu verklittern, was den künftigen Generationen Probleme beim Schlucken verursachen könnte. Steht irgendwo am König vor dem Katasteramt, dass er ein mieser Militarist war, ungewaschen, versoffen und rassistisch dazu? Da das, was auch immer das ist, früher nun mal so war, müssen wir uns eben damit abfinden, dass man auf dem Weg zum Supermarkt an Antisemiten vorbeiradelt, an Arschlöchern, die zur Finanzierung eines neuen Lustschlosses mit Menschenhandel und Zwangsarbeit ihre eigenen Untertanen in den sicheren Tod trieben oder auf der Jagd durch Privatwälder ihre Tage herumbrachten, während das Volk nicht einmal Brennholz sammeln durfte. Es fehlt an den einordnenden Hinweisen, die Kriegsherren und Fürstbischöfe als zwielichtige Egoleptiker kennzeichnen, die hinter den blinden Flecken der Historie in Deckung gehen.

Interessant nun, dass man Saddam und Stalin, Hitler und Pol Pot sauber abgesägt, Putschisten wie Lettow-Vorbeck oder die Nagelbirne Hindenburg ordentlich entschuldigt, Wissmann, den Schlächter von Ostafrika, allenfalls einlagert, sobald sich eins an den Sklavenhandel als Grundlage für deutschen Wirtschaftsaufschwung erinnert. Überhaupt ist es die germanische Eigenheit, Wohlstand auf Kosten fremder Ethnien, jenes deutsche Wesen, das die Welt gerade noch überlebt hat, als Errungenschaft der Eliten in Erz zu kippen und irgendwo in eine Grünanlage zu stellen. Jede Gesellschaft vererbt ja die Vorbilder, die sie für geeignet hält, über ihre Tage hinaus zum Idol zu taugen, rituell angebetet zu werden und zur intellektuellen Auseinandersetzung in der Gegend herumzustehen – in der Reihenfolge. Es geht ja weniger um Authentizität, erst recht nicht in den übrigen Randbereichen des Erinnerns, Krieg oder Genozid, sondern um die Sakralisierung, die unsere Säulenheiligen im säkularen Umfeld notfalls museumstauglich macht, irgendwo eingeklemmt zwischen Pathos und Kitsch. Wenn sich der Spießer schon Bismarck als Aschenbecher und Bierhumpen in die Bude stellt, warum dann nicht auch Hitlern als Klobürste, wie es seine Kriegsgegner taten? Es gäbe da, um die objektive Verwertbarkeit der Geschichte zu gewährleisten, manche Möglichkeit.





Des Königs Schnupftabakdose

18 07 2021

Die Schlacht von Kunersdorf, sie führt den König
nach Kunovice, wie das Dorf doch hieß.
Hier warteten des Preußen gar nicht wenig,
den vor dem ersten Schuss der Mut verließ.

Der Tag hub an mit einer Kanonade,
und Friedrich, statt er sich damit begnügt,
gerät in eine feindliche Parade,
worauf sich jählings eins zum andern fügt.

Zwei Pferde wurden unter ihm erschossen,
wie man von beiden Seiten ihn bedrängt.
Er aber schreitet, reitet unverdrossen,
bis er sich selber eine Kugel fängt.

Da rutscht den Generälen in die Hose
das Herz, das ihnen unter Friedrich blieb.
Wie ein Mirakel traf es jene Dose,
die trug er stets im Rock und hielt sie lieb.

Darinnen stak die Kugel – unbeschädigt
stand er vom Boden auf und sah aufs Feld:
ins Hühnerfließ gedrängt und schon erledigt,
mehr blieb ihm nicht. Es brannte eine Welt.

Die Tabatière, wenn die Gewehre zielen,
sie war im Weg dem Schuss. Kein Blut floss rot.
Doch war’s für die Soldaten, die dort fielen,
für fünfunddreißigtausend Mann der Tod.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DXLIV): Kolonialismus

11 12 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bei Rrt waren die Verhältnisse noch recht einfach. Die Jagdgründe reichten von der großen Felswand bis zum Fluss, der beim unvorsichtigen Überqueren einen fantastischen Blick über die große Steppe im Tal bot – allerdings nur so lange, bis man am Fuße des Wasserfalls auf den felsigen Klippen aufschlug. Was sich am anderen Ufer befand, interessierte nur am Rande. Natürlich sah man auch dort Jäger, die mehr oder weniger freundlich mit ihren Speeren herüberwinkten. Aber es kam nie zu größeren Auseinandersetzungen, zu politischen Gesprächen schon gar nicht. Das Gebiet eines jeden Stammes wurde von einer Generation an die nächste übergeben, die friedliche Koexistenz der Gruppen galt als gesichert. Zumindest bis zu dem Tag, an dem der findige Schwager eine Art Pontonbrücke ersann, mit der sich die ganze Rotte auf die andere Seite des Stroms bewegen und die erbeutete Säbelzahnziege wieder an die eigenen Gestade schleppen konnte. Krieg lag in der Luft. Die Macht spürte eine Erschütterung. Aber wo war ihr Zentrum, und warum brauchte es unbedingt mehr Land? Und brauchte es unbedingt mehr Land?

Der Kolonialismus beruhte auf der wahnhaften Vorstellung, der weiße Mann sei mehr wert als der sogenannte Wilde – jene Menschen außerhalb des europäischen Dunstkreises, motiviert durch den religiösen Unfug, eine Entität mit Rauschebart hätte sie als Arbeitstiere zum höheren Ruhme der Altweltrassen erschaffen. Seitdem die blindwütige Expansionssucht der Renaissance den Protzköpfen das Wetteifern um widersinnigste Statussymbole geradezu befahl, fuhren ihre Eroberer um die ganze Welt und ballerten an jeder Küste auf alles, was sich bewegte, um den Einwohnern ihre Länder zu stehlen, oder besser: ihnen auf Latein zu erklären, dass sie sowieso den Adelshäusern in Spanien und Portugal gehören würden. Die also aus Kopfschrott zusammengeschwiemelten Rechtsakte waren ad hoc gültig und blieben es für lange Zeit. Nur wozu?

Um Europa nicht mehr in Verruf zu bringen, als es unbedingt noch nötig wäre, nicht nur dieser Kontinent hat sich die Erde mit der Knute untertan gemacht. Ein halbes Jahrtausend haben ägyptische Pharaonen andere Völker ausgebeutet, für mehrere Jahrhunderte hielten Perser und Römer ein Reich mit Außenposten am Leben, länger als die Gebilde der Neuzeit. Eins der größten Konstrukte war das Osmanische Reich, gegen das selbst Wilhelm II. ein blasses Bürschchen blieb. Dass der Sklavenhandel in seiner brutalsten Form für zwölfhundert Jahre die Domäne der Araber war, nur ganz am Rande.

Aber es gab Gold und Silber zu holen. Der Handel mit Öl, Kohle und Bananen wurde erst mit dem Niedergang der Kolonialmächte wirtschaftlich relevant, während die meisten Rohstoffe unter den europäischen Ländern getauscht wurden. In einem Zeitalter, das ohnehin vom Bestreben nach Autarkie geprägt war, kamen die sich industrialisierenden Staaten bestens ohne Einfuhren zurecht, und was Kohle anging, die konnten sie sogar exportieren. Der Krieg, der 1914 das mit heißer Nadel genähte System fragiler Trutzbündnisse explodieren ließ, schnitt auch die Einfuhr dieser Waren noch ab, was zur schnellen Entwicklung von Ersatzprodukten führte. Waren also alle Exportweltmeister?

Etwa acht Prozent der Ausfuhren gingen in die europäischen Kolonien, gemessen am BSP etwas mehr als ein halbes Prozent. Die Täuschung beruht auf der Sicht der Kolonialisten, die vom Außenposten aus die Exporte als Einfuhren wahrnahmen. Von 100.000 Traktoren gingen etwa 500 in die Ländereien, die damit ihren Bedarf auch vollkommen decken konnten; aus der Sicht des Farmers in Deutsch-Südwest kam also die gesamte Technologie aus dem Kaiserreich, die nach dem Verlust der Kolonien durch das übliche Wachstum die Produktion innerhalb weniger Jahre wieder in der alten Größe aufnahm. Es kann also nur am Wirtschaftswachstum gelegen haben.

Was ebenso falsch ist, denn im Gegenteil hatten die großen Kolonialmächte wie Großbritannien und Frankreich durch ihre überseeischen Gebiete nichts als Nachteile. Selbst Belgien, ökonomischer Musterschüler des späten 19. Jahrhunderts, brach nach der Annexion des Kongo fast zusammen. Erst nach dem Verlust der indonesischen Gebiete kam in den Niederlanden so etwas wie ein Aufschwung zustande. Die Verschwendung unternehmerischer Energie bei gleichzeitigem Stillstand der Innovation und der Wahn, einen hervorragend bezahlten, aber komplett überflüssigen Bürokratieapparat auf die Kolonien zu übertragen, wo Oberbeamten mit einer erklecklichen Clique von Unterbeamten über je eine Harke im Urwald regieren durften, selbstredend in fürstlichen Palästen mit Schnaps und Käse aus der Heimat, diese Großmannssucht kostete Europa Jahr für Jahr eine Stange Geld. Die Kolonien waren der SUV der Nationalstaaten, überflüssig wie ein drittes Nasenloch, schlecht zu steuern, schweineteuer, als Statussymbol untauglich, sobald jeder sich dasselbe in den Vorgarten klotzen kann, und am Ende fährt einen die Karre an die Wand. Nur ins All kommt man mit den Dingern nicht. Aber dafür leisten wir uns ja heute die Raumfahrt.





Oh, wie schön ist Sansibar

1 12 2020

„Wenn Sie perfekten Service wollen, empfehle ich Ihnen Tsingtau. Das ist nicht richtig deutsch, Sie bekommen sicher kein Schnitzel bei den Chinesen, aber für eine Woche sollte es reichen. Die Hauptsache ist doch, Sie können mit der ganzen Familie hinfahren.

Wir machen die Bestimmungen ja nicht, das sind die Ministerpräsidentinnen. Jetzt haben wir in den meisten Vorschriften ein komplettes Verbot von privaten oder touristischen Beherbergungen, und mit geschäftlichen Aufenthalten wird es langsam auch eng. Wenn Sie da nichts nachweisen können, dann droht Ihnen möglicherweise eine Geldbuße. Unser Glück ist, dass wir unsere Fokus seit Jahren auf den Kolonien gelassen haben. Das war zwischendurch mal sehr unmodern, vor allem nahm die Kritik zu, weil die Reiseveranstalter teilweise auch politisch unkorrekte Angebote im Programm hatten, aber jetzt sehen wir einen echten Vorteil für die Kunden und die Hotelleriebetriebe. China hat sich auf dem Reisemarkt zwar recht breit aufgestellt und bietet auch Pauschalreisen an, aber mal ehrlich: Vollpension in Wuhan? da können Sie ja gleich nach Sachsen zum Türklinkenlecken.

Bis vor ein paar Tagen hatten wir Samoa im Angebot, all inclusive. Hotel Deutscher Kaiser. Fünf Sterne, Ferienanlage des Jahres, nur deutsches Personal. Leider ausgebucht bis einschließlich dritte Welle. Da dürfen Sie mit zwanzig Personen in einen Wohnbereich, Alter egal, Kinder zählen nicht mit, und keiner fragt Sie, ob Sie aus einem Haushalt kommen oder eventuell doch nicht verwandt sind oder Nachbarn oder im selben Kegelverein. Das geht da alles, wenn man nur will. Ohne Quarantäne, ohne Test, alles ganz geschmeidig. Gut, wenn Sie mit der ausländischen Airline wieder abfliegen wollen, dann stecken die Ihnen ein Teststäbchen rein, das kommt Ihnen irgendwo hinten wieder raus. Das ist Ihr Risiko. Aber das wissen Sie vorher, weil Sie ja sonst den Vertrag nicht unterschrieben hätten.

Klar, Afrika ist auch sonst eine Reise wert. Die Hotels da sind klasse, die Landschaft ist echt ein Erlebnis, und wenn Sie Glück haben, sehen Sie noch ein paar Tiere, die sind bei weiterhin gutem Tourismus in spätestens zehn Jahren Geschichte. Unter anderen Umständen würde ich mir das jetzt nicht mehr entgehen lassen. Aber dieses Jahr noch nach Kamerun, Hessischer Hof, eine wirklich tolle Atmosphäre wie in der Frankfurter Innenstadt, das muss man gesehen haben. Wir fliegen ja nonstop, das heißt, wenn Sie in Köln oder München eine Maschine kriegen, dann sind Sie innerhalb von, ich muss jetzt mal nachrechnen, aber auf jeden Fall geht das schnell. Den Hauptstadtflughafen haben wir nicht auf dem Schirm gehabt, deshalb wir der ja auch nicht genutzt, und weil der momentan nicht genutzt wird, obwohl es auch so reibungslos geht, hat den eben keiner mehr auf dem Schirm. Das ist eine gute Entwicklung, finden Sie nicht auch?

Neuguinea soll um diese Jahreszeit auch ganz entzückend sein. Das Problem da sind eher die Einheimischen, die sich nicht in die deutsche Leitkultur integrieren lassen wollen. Dabei bringen wir denen den Fortschritt. In Neuguinea zum Beispiel gibt es keine überfüllten Intensivstationen. Gut, da gibt es gar keine deutschen Kliniken, aber das muss man jetzt ja nicht überbewerten. Wenn Sie da erkranken, sind Sie verhältnismäßig schnell auf den Marianen. Oder auf den Karolinen. Jedenfalls verhältnismäßig schnell im Vergleich zu Berlin oder Hamburg oder woher Sie sonst kommen. Dafür werden da die Vorschriften auch nicht besonders streng kontrolliert, oder eher vielleicht auch gar nicht. Wenn Sie ein ruhiges Weihnachtsfest fern der deutschen Bürokratie verleben wollen, können wir Ihnen diese Reise nur empfehlen.

Das einzige Problem sind die internationalen Artenschutzabkommen. Als invasive Spezies steht die Nordmanntanne auf zahlreichen Listen, Sie müssten dann schon einen Kunststoffbaum mieten. Ist bei den meisten Angeboten allerdings schon im Preis enthalten, wir kennen unsere Kunden. Am Kongo-Unterlauf haben wir mal versucht, eine Fichtenschonung anzupflanzen, aber das ging schief. Das hat die Übernachtungszahlen dann auch empfindlich geschmälert. Unsere Gäste sind ein gewisses Lokalkolorit gewohnt, und das kann man auch verstehen. Als Japaner möchten Sie auch nicht in ein Land reisen, in dem es keinen anständigen Tee gibt und keine pünktlichen Züge.

Oder Sie wählen unsere Klassiker, zum Beispiel Deutsch-Südwest. Internationales Publikum, die Österreicher kommen auch sehr gerne, weil man da besseres Deutsch spricht als bei denen zu Hause. Sehr weites Land, einer der ältesten Teile der Erdkruste. Heiß und trocken. Wenn Sie sich auf den Klimawandel vorbereiten wollen, dann sollten Sie das besucht haben. Weniger Bevölkerung als in Berlin, aber man kann sich da in der Wüste auch ganz gut aus dem Weg gehen. Also auch eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie tagelang keinem Maskenkontrolleur begegnen. Keine Busse, in denen Sie Dinger tragen müssten. Ab und zu mal Wildtiere, aber irgendwas ist ja immer.

Wir machen das nicht nur aus Eigennutz, denn sehen Sie mal, wir fördern auch die Wirtschaft in den Kolonien. Das ist zwar nicht für den Absatz gedacht, aber hier sehen Sie mal, dass es uns doch eine gewisse Entlastung bringt. Skifahren geht leider nicht, und wenn Sie mich fragen, wir sollten in die Entwicklung investieren. Mal so gesehen, wenn wir Sachsen loswerden könnten, das wäre das eine – aber was wäre das gegen Deutsch-Mallorca?“





Der Tod des Sokrates

29 11 2020

für Bertolt Brecht

Sie redeten seit Tagen und seit Stunden,
dass die Demokratie sich nur bewährt.
Was haben sie nicht alles schon erfunden,
damit Athen den Urteilsspruch erhört.

Das Recht erwies sich anfangs noch als schwierig,
da den Beklagten jeder Bürger kennt.
Ach, das war kein Prozess. Der Plan war schmierig,
und unser Feind ein böser Dissident.

Die Ordnung will, dass einer den Beklagten
befrage, doch der wäscht die Hände rein.
Wie haben sie gefehlt mit ihrer Frage –
er stimmt schon in sein Todesurteil ein.

Der klagt die Kläger an mit ihren Mitteln,
und für Demokratie ist es zu spät.
Er sieht, sie sträuben sich noch zu zwei Dritteln,
nimmt allen Richtern die Autorität.

Noch heute beben sämtliche Gerichte
und richten, was sie finden, leicht und leis.
Sie schauen auf den Gang dieser Geschichte.
Sie dient bei ihnen nicht mehr als Beweis.

So macht sich Sokrates im Tod unsterblich.
Der Schierling ist’s, der sie für immer reut.
Die Fehler aber sind und bleiben erblich
und sind es, demokratisch, noch bis heut.





Fristgerechte Kündigung

15 11 2020

für Erich Kästner

Der Kaiser hat nicht abgedankt,
er wurde nur entlassen
und wird für gar nichts mehr belangt.
Woran die ganze Sache krankt,
historisch wird’s verblassen.

Er hinterlässt ein Trümmerfeld.
Er selbst hat’s nie gesehen.
Ein Land, das er ins Abseits stellt,
wirft Ablass hinterher und Geld,
als wäre nichts geschehen.

Wohin er flieht, weiß er noch nicht.
Die Tore sind weit offen.
Ihm droht ja nie ein Strafgericht,
weil selbst sich keiner schuldig spricht.
Die Fragen bleiben offen.





Praktische Handreichung zur Kunst im öffentlichen Raum

23 08 2020

Ein Denkmal steht, zu künden von Geschichte,
seit langen Jahren fest im Straßenbild.
Wer ahnte, dass die Zukunft anders richte?
dass man die Großen nun Verbrecher schilt?

Man kann sie nicht ersetzen. Zehnmal Goethe
sind selbst für die Kulturnation zu viel.
Es bringt die Städte schon in große Nöte,
da man auf diese Lösung nicht verfiel.

Man fertige die Bilder ohne Köpfe,
die man nach Wunsch auf ihre Rümpfe schraubt.
Rasch wechselt man das Antlitz der Geschöpfe.
Und alles ist so gut, wie man es glaubt.





Nachher

31 05 2020

Was dann geschieht, am Ende mancher Kriege,
dass, wer sich kennt, erst recht und ganz entzweit.
Die Menschen halten aus in allem Leid,
doch sprengt die Not kein Band wie manche Siege.

Es tritt hervor, was auch verborgen liege,
was in der Angst verharrt und in der Zeit.
Hat eins sich aus der Eigenschaft befreit,
befindet es, was ihm nun schwerer wiege.

Es hält sich wohl im Nachgang der Geschichte
die Frage, ob ein Mensch den andern richte,
und wem es zusteht, Strafe beizumessen.

Das alles geht vorbei. Wir sind geduldig.
Es geht ein Spruch, und andere sind schuldig.
Man kann verzeihen. Doch wer wird vergessen?





Anekdote aus der Zukunft

5 04 2020

für Erich Kästner

Es schwiegen die Waffen. Der Krieg war vorbei.
Sie lagen sich schnell in den Armen.
Die Völker, sie waren so friedlich und frei,
und jeder rief: weg mit der Tyrannei!
Der Menschheit ein Recht auf Erbarmen!

Sie schenkten sich alles. Man teilte und litt,
sie linderten Hunger und Nöte.
Wer fern von der Heimat, dem brachte man’s mit,
und keiner, der zankte und neidet und stritt.
Die Welt war so voll Morgenröte.

Dann wurde es anders. Sie ahnten es schon,
und leise begann es zu zittern,
das Wort macht die Runde: die Revolution,
sie stand vor der Tür. Endlich Brot für den Lohn,
und Blumenduft schien man zu wittern.

Da kriegten sie Angst, und die vorher noch schrieen,
begannen sich jäh zu entleiben.
So weit war die Gleichheit des Menschen gediehn.
Sie wollten’s nicht glauben. Sie wollten nur fliehn.
Wie sonst soll denn alles so bleiben?





Mementote

22 03 2020

Noch war der Friede groß. Schon naht die Pest
und lässt die Straßen und die Giebel wanken,
dass bald schon alle, die an ihr erkranken,
verloren sind, und schon hält sie uns fest.

Zwar ist dort einer, den sie ledig lässt,
doch wollen wir ihr nicht zu frühe danken –
wir wissen von so vielen, die da sanken,
die ihr sonst in der Hoffnung jäh vergesst.

Es ist, als ob uns die Geschichte blendet,
dass sie verkünden will, woran sie endet
und wie sie nun nach ihrem Ende strebt.

Es ist uns gleich, dass Zukunft auf uns lauert.
Wir haben alle Fährnis überdauert.
Geschichte schreibt nur, wer sie überlebt.