Bundesarbeitsdienst

24 05 2018

„Klar kann man das besser machen, aber wieso? Ist doch freiwillig?

Sie gucken jetzt komisch, kann ich verstehen, aber was soll denn diese Debatte? Ein Drittel der Teilnehmer am Bundesfreiwilligendienst bricht die Veranstaltung frühzeitig ab. Ich sage: gut so. Auf den Schrott können wir auch gepflegt verzichten, wir sind immer noch eins: freiwillig. Deshalb heißt das auch so. Freiwilligendienst. Hier zählt allein der Wille, und der ist eben nicht mit Geld zu bezahlen. Da ist die Wehrmacht, also was heute Bundeswehr heißt, die ist da schon rückschrittlich. Die haben zwar auch schon Freiwillige, aber denen muss man eben immer noch Geld zahlen, damit sie unser Land verteidigen. Auch irgendwie traurig.

Die jungen Leute haben heute ja eine viel spontanere Lebensplanung, die wollen sich direkt nach der Schule einfach noch nicht an eine Aufgabe binden. Die wollen erst mal in einer Ausbildung herumgammeln, ein Studium schmeißen, ein paar Jahre lang von Hartz IV leben oder ihren Eltern auf der Tasche liegen. Da können wir den Dienst noch so attraktiv machen, die werden immer einen Weg finden, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das ist nun mal so. Gucken Sie sich die modernen Parteien an, die FDP oder die anderen Rechten, die interessieren sich freiwillig auch nur noch für sich selbst.

Vor allem dürfen wir hier keine Erwartungen wecken. Stellen Sie sich mal vor, wir lassen die Bufdis mit Kindern aus dem sozialen Brennpunkt arbeiten. Die sind total euphorisch, studieren sofort Pädagogik, landen in der Schule, und was ist? total am Arsch, sage ich Ihnen, und dann haben wir die Bescherung. Die Trottel müssen wir alle mühsam wieder auf Fabrikarbeiter umschulen. Was das kostet! Und alles, weil nicht alle gesellschaftlich involvierten Kreise mal gemerkt haben, was hier vor sich geht. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten dieses Desaster in der Pflege!

Der Freiwilligendienst ist durchaus zu verstehen als ein Einstieg in das Arbeitsleben. So wie der Zivildienst oder der Ein-Euro-Job. Wird nicht direkt bezahlt, ist aber betriebswirtschaftlich sehr gut in die Kalkulation integrierbar. Das muss man den Teilnehmern auch mehr vermitteln: dass sie hier nicht einfach mitmachen können, wie es ihnen passt, sondern dass sie den Dienst in der Sache auch ernstnehmen müssen. Vergleichen Sie das doch mal mit dem Kriegsdienst. Da steht plötzlich der Feind vor der Grenze, die Kanzlerin hat die natürlich mal wieder offen gelassen, und dann haben die vielen Soldaten ganz plötzlich keinen Bock mehr, unser Vaterland gegen den Islam zu verteidigen. Oder wer sonst zur Debatte steht. Das ist doch eine verlorene Generation!

Man könnte das natürlich arbeitsmarktpolitisch auch kombinieren, das ist schon richtig. Wer sich nicht für einen Freiwilligendienst meldet, der wird auch nicht für eine Berufsausbildung zugelassen. Bitte nicht verwechseln mit der anderen Option: wer sich freiwillig meldet, bekommt auch garantiert einen Ausbildungsplatz. Das ist Sozialismus. Damit haben wir hier nichts am Hut. Außerdem wüsste ich gerne mal, woher wir die ganzen Ausbildungsplätze nehmen sollen.

Obwohl so ein Bundesarbeitsdienst schon einige positive Nebenwirkungen hätte. Es gibt ja auch so eine Menge Arbeit, die in diesem Land erledigt werden muss, obwohl es niemanden gibt, der sie zahlen kann – zahlen will, so viel Zeit muss sein. Will. Ist ja ein Freiwilligendienst, da muss doch die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Also ich könnte mir das gut vorstellen, dass wir die jungen Leute in eine sozial angesehene Beschäftigung schicken. Sozial ist ja immer, was Arbeit schafft. In dieser Hinsicht könnten wir den Fachkräftemangel kurzfristig beheben, und es würde dann statistisch so gut wie keine Arbeitslosen mehr geben, weil es ja auch keine Stellen mehr gibt, auf die sie sich bewerben könnten. Dann nehmen wir die aus der Statistik endgültig raus, die Bufdis sind nicht als Arbeitslose gemeldet, und dann wird ein Schuh daraus.

Dass wir die Bezahlung gründlich einschränken müssen, dürfte dann auch klar sein. Wir wollen nicht riskieren, dass plötzlich Langzeitarbeitlose im Freiwilligendienst ihre Lebensläufe aufbessern. Die sind als Negativbeispiel gedacht, als Druckmittel für Niedriglöhner, als Verkaufshilfe für unsere Freunde bei der Springerpresse. Wir können es nicht auch noch zulassen, dass sich diese Schicht durch zu viel Eigeninitiative hervortut.

Und die Orientierungsfunktion sollten wir auf jeden Fall deutlicher herausarbeiten. Für junge Menschen, die noch nicht so richtig wissen, wie der Hase läuft. Denen können wir ein paar Piselotten in die Hand drücken und sagen: ist freiwillig hier, das machst Du gerne oder gar nicht. Darauf sollten wir aufbauen. Wir brauchen junge Leute, die sich für dieses Land einsetzen – zur Not auch gegen das Grundgesetz.“

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Schulden und Sühne

22 05 2018

„Im Grunde genommen können wir den ganzen Laden gleich dichtmachen.“ „Ich verstehe nicht genau, worauf Sie hinauswollen.“ „Die Schulden, also: Staatsschulden.“ „Aber die sinken doch gerade?“ „Eben, das ist ja das Schlimme.“

„Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass wir ein Problem mit zu wenig Schulden hätten?“ „Was ist denn Ihrer Ansicht nach das drängendste Problem in diesem Land?“ „Gucken Sie sich die Infrastruktur an, dann sehen Sie es.“ „Also doch, wir machen zu wenig Schulden.“ „Wie denn, uns geht’s doch beschissen – schauen Sie sich das Land da draußen an, und dann sagen Sie mir, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen sollen!“ „Was würden denn Sie machen?“ „Sofort das ganze Land sanieren, das schafft Arbeitsplätze, und dann…“ „Also mit Schulden. Einverstanden.“

„Ihnen ist nicht klar, dass wir alle der Staat sind?“ „Das will ich doch hoffen.“ „Dann muss Ihnen doch auch klar sein, dass wir alle diese große Schuldenlast zu tragen haben?“ „Ach, Sie meinen die Guthaben, die wir beim Staat haben?“ „Wer redet denn von Guthaben? Wir stehen alle in der Kreide!“ „Ich erkläre es Ihnen mal so: ich bin der Staat.“ „Das kommt hin, sehr vertrauenswürdig sehen Sie nämlich nicht aus.“ „Ich lache später, wenn’s Ihnen recht ist. Also ich bin jetzt der Staat und gebe Ihnen tausend Euro.“ „Wir komme ich denn dazu?“ „Naja, nicht bar, sondern…“ „Ich wusste doch, da ist wieder ein Trick!“ „Sie werden von Bargeld auch nicht satt, Sie müssen das beim Bäcker wieder gegen Brötchen eintauschen.“ „Jetzt werden Sie auch noch marxistisch?“ „Der Staat gibt Ihnen auch kein Bargeld, um einen halben Meter Schiene zwischen Garmisch und Erfurt zu bauen oder für den Bolzen an einer Brücke im Saarland.“ „Das wäre ja auch noch schöner!“ „Der Staat stellt Ihnen die Brücke einfach hin. Ihre tausend Euro sind da drin verbaut.“ „Und was hat das mit den Schulden zu tun?“ „Die zahlt er Ihnen ja aus. Als Guthaben.“ „Eben haben Sie noch gesagt, Sie geben mir tausend Euro, und jetzt verraten Sie mir erst, dass Sie dafür Schulden machen müssen!?“ „Sie begreifen langsam, aber immerhin.“ „Schweinerei! Der Staat soll mal lieber die Brücke sanieren, statt sein Geld aus dem Fenster zu schmeißen!“

„Wovon soll ich dann Ihre Brücke bezahlen und Ihre Bahnstrecke sanieren?“ „Sie haben doch genug Steuereinnahmen, oder ist das alles auch wieder nur ein Taschenspielertrick?“ „Also das darf ich?“ „Was dürfen Sie?“ „Steuereinnahmen für Investitionen nutzen, anstatt sie Ihnen wieder zurückzuzahlen.“ „Für Investitionen schon, aber doch nicht für mehr Schulden.“ „Das heißt, ich sollte von der Substanz leben?“ „Wieso, kriegen Sie denn keine Steuern mehr rein?“ „Das meine ich ja.“

„Sie müssen das mal so sehen: wir Deutschen sind nun einmal ein sparsames Volk.“ „Natürlich. Damals, nach dem Krieg, wir hatten ja gar nichts.“ „Lassen Sie die Witze. Fakt ist, dass wir sparen müssen.“ „Und was machen Sie mit dem Geld?“ „Ich lege das auf die Bank.“ „Vernünftig. Da bringt es wenigstens keine Zinsen.“ „Aktien sind auch keine sichere Anlage.“ „Staatsanleihen schon. Aber es ist ja Ihre Entscheidung, wenn Sie die Bank in den Ruin treiben.“ „Wieso…“ „Sie legen tausend Euro auf ein Bankkonto, das heißt: Sie ziehen sie aus dem Verkehr.“ „Ich muss doch für später…“ „Also wenn Sie sich beispielsweise mal ein Stück Schiene kaufen müssen.“ „So in etwa.“ „Und damit Sie in der Zwischenzeit noch genug zu jammern haben, dass die Schienen kaputt sind.“ „Jetzt werden Sie mal nicht persönlich!“ „Und dann nehmen Sie bewusst in Kauf, dass die Bank sich überschuldet.“ „Ich höre immer: Schulden, Schulden, bei wem denn?“ „Bei Ihnen. Die Bank schuldet Ihnen tausend Euro.“ „Die habe doch ich?“ „Die hat jetzt die Bank als Ihr Guthaben. Und da jedes Guthaben auf der anderen Seite auch wieder ein Fehlbetrag ist, haben Sie die Bank gezwungen, bei Ihnen mit tausend Euro in Schuld zu stehen.“ „Kann man denn da gar nichts machen?“ „Doch, lassen Sie sich das Geld einfach auszahlen.“ „Und dann?“ „Investieren Sie.“

„Wissen Sie, ich mache mir nur Sorgen um unsere Zukunft.“ „Sie meinen, da kommen keine Steuern mehr, weil wir alle nur noch sparen?“ „Nein, ich habe ein bisschen Angst, dass wir diese Schulden ja auch alle irgendwann einmal vererben müssen.“ „Sie meinen, Sie würden heute nicht zur Bank gehen und Ihr Guthaben dort lassen, weil Sie es nicht verantworten könnten, es bis morgen dort liegen zu lassen?“ „Aber die Schulden wachsen doch?“ „Die Guthaben auch. Wir vererben also nicht nur unsere Schulden, sondern auch unsere Vermögen.“ „Und deshalb müssen wir jetzt mehr investieren?“ „Wir müssen der kommenden Generation unsere Guthaben zumuten.“ „Und das schafft dann Investitionen?“ „Und Arbeitsplätze.“ „Interessant. Dann sollten wir vielleicht viel mehr in neue Schulden investieren.“ „Das wäre eine Möglichkeit.“ „Ach, wo wir gerade dabei sind: können Sie mir tausend Euro leihen?“





Vorschlag zur praktischen Durchsetzung der sozialen Gerechtigkeit

20 05 2018

Wir haben das Patentrezept gefunden:
wir lassen uns zu Hungerkünstlern bilden.
Von allen Mitteln, auch von allen wilden,
ist dieses doch noch eins von den gesunden.

Ach, wären wir doch längst darauf gekommen!
Die Reichen wären noch ein bisschen reicher,
den Armen aber fehlt kein Korn im Speicher.
Es wird fortan von ihnen nichts genommen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXIV): Das Geduze

18 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir wissen es nicht. Sicher war die Sprache der Hominiden im Grundausstattungsbereich eher an der lebensnotwendigen Körperfunktionen orientiert. Die Standesgesellschaft lag noch in einer halben Dimension herum, das Grunzinventar innerhalb der Sippe differenzierte sich nach Lautstärke, aber die wesentlichen Dinge kriegte das Volk schmerzfrei auf die Reihe. Ab einer gewissen Dialektvielfalt wurde es schwierig. Mit der Idee eines höheren Wesens kam vorübergehend die Komplexität der Anrede, aber das währte nicht lang. Manche in der Geschichte verwehte Epoche setzte auf Höflichkeit und teils gekünstelten Affekt, aber was war das alles schon gegen die Vorteile der gewaltfreien Kommunikation. You can say you to me. Es begann das Geduze.

Mit der allgemeinen Planierung der ästhetischen Distinktion durch mangelnden Anstand und dem pseudopolitischen Getöse der Theoretiker wucherte eine egalitäre Pest aus dem soziologischen Gulli, die ihre Tentakeln in die Nasenlöcher einer fast noch Babypuder riechenden Schicht von Hipstern stopfte, ihnen ansehnliche Teile der Großhirnrinde verödete und ihnen das Du einkokelte, wo sonst der Brechreiz verortet sitzt. Pfarrer, Richter, Dealer, alles wurde seiner respektablen Position entkorkt, man duzte nur noch, aber nicht auf die brüderliche Art, wie es auf den ersten Biss den Anschein hätte haben können. Wo die Fremdwahrnehmung eines intakten Miteinanders komplett in die Grütze ging, musste das narzisstische Selbsterleben bunte Blüten schlagen – so kam es, und das war das Problem.

Das brägenreduzierte Gesellschaftskonglomerat duzt einander, als hätte man das Sie durch standrechtliche Exekution beseitigt. Der formlose Umgang zeigt eben das: das kaum in Konturen schwiemelbare Kompott, das amorph in die Ritzen der Selbstachtung sickert, ignoriert jegliche Individualdistanz, kumpelt sich an, als wären alle in kollektiver Besoffenheit, und verursacht der Menge einen Grad an Enthemmung, der gebraucht würde, um die Belegschaft vollständig degenerieren zu lassen. Mit dem Schwinden der Scham setzt der Schwachsinn ein, hier schaltet er bereits röhrend in den dritten Gang.

Stil ist für die meisten Bekloppten nur die greifbare Seite des Besens. Davon abgesehen führt die große Gleichmacherei, die jeden Blödföhn auf die eigene Stufe zerren will, zum großen Einebnen von oben nach unten. Schon schleimt sich der erste Katalog aus dem geistigen Flachland mit der zweiten Person Singular ins Beziehungsgefüge: wir sind alle eine große Familie, schwallt der Schwede, und Du bist das Kind. War ‚Du‘ bisher natürlicher Ausdruck von gewachsener Vertrautheit und Nähe, ist es nun lediglich klebriger Aufpapper einer strikt verordneten Sympathie, die auch für die größten Arschlöcher zu gelten hat.

Einige Fremdsprachen, insbesondere die im deutschen Artikulationsraum verbreiteten, nehmen das ‚Ihr‘ des Mittelalters bis in die Gegenwart in Gebrauch und fahren nicht schlecht damit. Einmal planiert, schon schwinden sämtliche Gefälle, die in der Wirklichkeit sinnvoll sind und produktiv. Wo sich Vorstandsvorsitzende und Azubis gegenseitig das Dumm-Du um die Backen hauen, entsteht eben keine Professionalität, wie Modernisierer meinen, sondern ein schmerzbefreites Gemansche, als sei die traditionelle Form des Stammbaums in diesem Familioiden ein Kreis. Was als infantile Auflehnung gegen vermeintliches Spießertum das gegenüber liegende Extrem zum allein seligmachenden Dogma erhob, mutet einer systematisch strukturierten Welt den Terror des Egalitären zu, indem es ihn einfach als kommunikativen Befreiungskampf und zugleich als dessen Ergebnis präsentiert. Der Schüler aber, der seinen Pauker nicht siezen muss und trotzdem von ihm Noten kassiert, ist auch Mittel, Zweck und Folge eines Irrwegs, in den sich falsche Liberale mit Anlauf und Ansagen verrennen. Sie werden uns befreien, ob wir wollen oder nicht.

Was gaukelt uns in dieser Simulation von Stall- und Nestwärme nicht alles die große, erlösende Liebe vor – weg mit Schlips und Kragen, ein Hoch auf die Berufsjugendlichkeit, die bis zum Schluss fit und leistungsfähig bleibt und nie so wird wie ihre Eltern, vermoost und verknöchert, nur eben verharzt sie obenrum, dreht eher frei, als frei zu sein und deliriert sich einen Schmarrn von Selbsthass mit gelebter Erniedrigung bunt. Denn sie ertragen den ganzen neoliberalen Schrott nur, wenn sie den anderen genauso herablassend behandeln, wie sie selbst in dieser Ansammlung von Kontrollverlust und reziproker Verachtung behandelt werden. Mach platt, was Dich platt macht, dröhnt’s aus dem Maschinenraum. Hier bröseln die Reste einer bis dato noch intakten Intimsphäre. Wer braucht die noch in einer Welt, in der wir uns selbst vermessen und die Ergebnisse hautnah ins Netz stellen. Eine Armlänge Abstand täte uns gut. Es würde so vieles wieder funktionieren, wie es gedacht war. „Wir duzen uns hier alle“, informiert mit Nachdruck und dem Finger am Abzug der Depp seine Umwelt, und die einzig richtige Antwort ist und bleibt: „Schön für Sie.“





Vitalfunktionen

17 05 2018

„Aber sonst haben Sie den Husten nur bei Regen und im Winter? Ah, verstehe. Großraumbüros sind immer ein bisschen lästig, und wenn Sie da mit zwei jungen Kolleginnen sitzen, da kann man sich von deren Nachwuchs schon mal was aus der Kita einfangen. Aber geimpft sind Sie? Ach, das hören wir gerne.

Und Diabetesfälle hat es seitdem in ihrer Familie ja auch nicht mehr gegeben? Das ist beruhigend. Sie sind dann auch komplett aus dem Beobachtungsprogramm für Erbkrankheiten raus, es hat ja keine Verdachtsfälle mehr gegeben. Nur dieser Herr, bei dessen Beerdigung Sie kürzlich waren. Lehrer, sagen Sie? Neunzig? Verstehe, dann haben Sie sich sicher nicht irgendwo angesteckt. Sie wissen ja, wir achten nicht nur auf Ihre eigenen Daten, wir haben auch ein Interesse an Ihrer unmittelbaren Umwelt.

Klar, das sollte alles auf der Karte stehen, aber das ist ein deutsches Projekt. Wir fangen immer mit einer Technologie an, deren Nachfolger gerade als komplett veraltet aussortiert wurde, dann lassen wir es noch ein paar Jahre liegen, warten drei bis fünf Kostenexplosionen ab, die rein zufällig immer dann passieren, wenn wir den Zulieferern sagen, dass es im Grunde gar nicht um den Preis geht, sondern um den politischen Willen und darum, dass wir ohne sie komplett am Arsch wären – und dann haben sich die Verhältnisse so weit gedreht, dass die, die uns die ganze Scheiße eingebrockt haben, längst in der Versenkung verschwunden sind.

Deshalb haben wir jetzt ja das Kombi-Angebot. Sie werden nicht nur für Ihre Ernährung bewertet, sondern auch für Ihre Lebensweise. Wenn Ihre App mehr als die geforderte Mindestschrittzahl feststellt, nehmen wir das wohlwollend zur Kenntnis, das ist doch klar. Ab zweihundert Schritte mehr kriegen Sie ein Smiley. Ab tausend Schritte haben Sie einen Punkt in der Risikobewertungsberechnungsbasis mehr pro Tag, an dem Sie sich wertstoffreich und nachhaltig ernähren – Sie gehen doch in den Bio-Supermarkt? – und dazu noch auf ungesunde Dinge verzichten.

Wo wir gerade bei Ihrer Lebensweise sind, da sollten wir vielleicht mal ein Wort über Ihre Freizeitgestaltung verlieren. Grillwurst, gut und schön. Es wird ja gerade wieder Sommer, da darf man schon mal, aber gleich zwei? an einem einzigen Wochenende? Ich möchte mich über Ihren Cholesterinspiegel hier nicht kritisch äußern, zumal ich auch keine Werte der vergangenen dreißig Tage vorliegen habe, aber meinen Sie nicht auch, dass man es übertreiben kann? Worauf ich hinaus will? Auf das Bier vielleicht, das Sie in derselben Woche getrunken haben? Ich bitte Sie, da muss man doch mal nachdenken – bei einem Frühstücksei hätten wir vielleicht noch ein Auge zudrücken können, aber Bier? Ist das Ihr Ernst?

Also über den Urlaubsbonus müssten wir dann noch mal nachdenken. Sie wollten doch ans Meer? Oder waren Sie im Gebirgsprogramm? Städtereise? kommt für Ihre Lipidwerte leider nicht in Frage, da essen Sie entweder aus dem billigen Supermarkt, oder Sie gehen jeden Tag in die Gastronomie und nehmen zu viel gesättigte Fettsäuren zu sich. Und Zucker. Und Salz. Sie müssen schon mitspielen, wir finanzieren Ihnen den Urlaub ja.

Jetzt werden Sie mal nicht komisch. Wir können Ihren Gesundheitstarif nach vorliegender Prognose steigern oder ermäßigen, und damit finanzieren wir Ihren Urlaub. Von dem Rest, der da übrigbleibt. Und da kann man schon mal verlangen, dass Sie sich nicht vorsätzlich ungesund verhalten.

Außerdem sind Sie in letzter Zeit zu häufig Zugluft ausgesetzt. Ihr Gesundheitsarmband findet, dass Sie nachts die Fenster schließen sollten, rein zur Prävention. Und Sie wollen doch Ihrem Gesundheitsarmband nicht widersprechen, oder? Wenn wir begründete Zweifel haben, dass Sie sich möglicherweise vertragswidrig verhalten, dann könnten wir auch den Zuschuss zum Fitnesskurs wieder streichen. Nicht meine Entscheidung, Ihrem Arbeitgeber müssen Sie das schon selbst verkaufen. Und das hätte dann auch wieder einen gewissen Einfluss auf Ihre gesetzlichen Leistungen.

Hören Sie, wir finanzieren Ihnen doch jetzt schon diesen tollen Kühlschrank, der verhindert, dass Sie Produkte mit zu viel Fett oder Zucker hineinstellen. Ihre Kontrolle der Vitalfunktionen an allen Checkpoints erspart Ihnen bis zu zehn Arzttermine pro Monat. Sehen sie mal, Ihren Bandscheibenschaden vor zwei Jahren, den hätten wir doch nicht einfach übernommen, wenn Sie nicht nachgewiesen hätten, dass Sie regelmäßig eine neue Matratze auflegen und vernünftiges Schuhwerk tragen. Auch wenn das ein Arbeitsunfall war, man kann doch nicht alles durchgehen lassen. Schließlich sind wir eine Solidargemeinschaft, da muss man auch ein bisschen Solidarität von allen Beteiligten verlangen können.

Gut, dann hätten wir erst einmal alles beisammen. Den immunologischen Befund können Sie innerhalb einer Woche nachreichen, den Termin zum Abholen der Ergebnisse hatten Sie schon im vergangenen Jahr gemacht? Dann steht Ihrer Zahnzusatzversicherung ja nichts mehr im Weg.“





Andreaskreuz

16 05 2018

„… zum Laufen bringen wolle. Die Partei erhoffe sich von einer Ausweitung des Baukindergeldes auf bayerische Familien mit Hunden eine erhebliche Steigerung des…“

„… nicht nur auf den Freistaat beschränkt bleiben solle. Im Gegenzug wolle manch CSU-Bundesminister Maßnahmen beschließen, die nur in Bayern eine…“

„… die richtigen Teile des bayerischen Volkes steuerlich begünstigen werde. Es sei geplant, alle Kinder, sofern sie nicht zu Alleinerziehenden gehörten, mit einem größeren Freibetrag zu…“

„… mehr Spitzentechnologie ins Alpenvorland locken werde. Durch eine komplette Befreiung von der Gewerbesteuer werde die CSU Mehreinnahmen in Höhe von mindestens…“

„… als tourismusrelevanten Betrieb einstufen lassen könne. Bei einer wohlwollenden Prüfung durch Kommunalbeamte und parteinahe Stiftungen stehe dies nicht nur Hotels und Pensionen, sondern auch Finanzdienstleistern, der Zulieferindustrie für die Kfz-Branche, dem 1. FC Bayern München und den im…“

„… die Verfassungsmäßigkeit einhalte. Im Gegensatz zu Müttern, die wegen ihrer sozialen Randständigkeit nicht geschafft hätten, eine ordentliche Familie zu gründen, werde die künftige CSU-Regierung alleinerziehende Väter mit einem wesentlich höheren…“

„… nicht jeder gastronomische Betrieb gleich wichtig für den Fremdenverkehr sei. Ein veganes Frauencafé habe schon deshalb keinen Anspruch auf Förderung, weil es ohne diese Förderung keinen wirtschaftlichen…“

„… Bundesautobahnen zunächst in Bayern ausbauen wolle. Das gesteckte Ziel der CSU sei es, jede Ortschaft von mehr als 500 Einwohnern mit einem eigenen Zubringer sowie einer Umgehungsstraße zu…“

„… mit einem Bonus belohnt werde, wenn die Belegschaft ausschließlich in Bayern geboren sei. So könne man ein Abwandern von talentierten Mitarbeitern in die anderen…“

„… wolle die Partei bis zu 15 Milliarden Euro in ihr Bundesland stecken. Natürlich werde man eine passgenaue Förderung denen zukommen lassen, die dieser Gelder nicht bedürften, da sozial abgehängte Personen erfahrungsgemäß nicht in der Lage seien, derart große Beträge auch…“

„… sich die Familienpolitik in Bayern durch die Zuwendungen des künftigen Ministerpräsidenten Söder derart modernisieren werde, dass man die für Sozialfälle vorgesehenen Gelder auch in die Straßenbauprojekte investieren könne, die sich in der strukturschwachen…“

„… darauf hingewiesen habe, dass der Bonus nur gezahlt werde, wenn die im Freistaat geborenen Arbeitnehmer die deutsche Staatsbürgerschaft besäßen, da es sonst zu einer Verzerrung des…“

„… nicht Müttern mehr Rente versprochen habe, sondern denen, die sich als bayerische Qualitätsmütter eine Mindestrente verdient hätten. Söder wolle durch seine Staatssekretäre prüfen lassen, welche Voraussetzungen für den…“

„… Ortschaften ab 200 Einwohnern ohne ein eigenes Kreuz quasi nicht güterverkehrsfähig seien. In Kooperation mit dem Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur werden man das Projekt Andreaskreuz so schnell wie…“

„… eine Bezuschussung von Betrieben durchaus denkbar sei, wenn sie bereits lange genug am Oktoberfest teilgenommen hätten. Dies heiße jedoch nicht, dass es auch automatisch einen Preisnachlass für Kunden oder eine…“

„… an den Wahlständen Kochlöffel an Frauen über 30 verschenkt habe. Der Abgeordnete sei mit schweren Kopfplatzwunden in die…“

„… einen viel härteren Wahlkampf im Internet führen wolle. Die Christsozialen seien daher bereit, ihre Prämie für digitale Infrastruktur an jeden auszuschütten, der in Bayern einen kostenfreien Zugang zum…“

„… angeblich Kopfgeld für jeden zahlen werde, der sich zum Verlassen der AfD entschlossen habe. Leider habe man wegen einer nicht hinreichend genau formulierten Anzeige den Betrag von tausend Euro auch an Frauke Petry und…“

„… ein weiteres Babyjahr nur dann zu finanzieren sei, wenn die Mutter mit einem Jahresgehalt von mindestens 700.000 Euro den volkswirtschaftlichen Schaden auch wert sei. Die CSU setze bewusst darauf, dass nicht nur gering verdienende Mütter ein Anrecht auf Nachwuchs und ausreichend Zeit mit dem…“

„… das Bier durch Steuererleichterungen zu verbilligen gedenke. Söder habe angekündigt, dass die Landesregierung dafür sogar eine Loslösung aus der Bundesrepublik…“

„… für den Fremdenverkehr wichtige Häuser eine Kruzifix-Prämie erhalten sollten. Noch sei offen, ob man die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern gerichtlich zwingen könne, in ihren Räumlichkeiten ein…“

„… nur durch Freibier zu gewinnen sei. Söder rechne nicht nur mit einer absoluten Mehrheit, sondern auch mit dem…“





Integrationshaft

15 05 2018

„Bei den Waffen: nur deutsche Qualität. Keine Diskussion. Einen Staatsstreich gegen diese von den Alliierten inszenierte Scheinrepublik kriegen Sie nicht mit Material weg, was die in Lizenz bei minderwertigen Rassen bauen lassen. Bei Personal sind wir schon flexibler.

Man kriegt keine Leute. Der Fachkräftemangel ist auch bei uns angekommen, alle setzen auf Einwanderung und verschaffen sich damit Vorteile im globalen Wettbewerb – da müssen wir einfach mitmachen, anders geht’s nicht. Sie werden jetzt sagen, wie können die das tun? Aber wir sind uns durchaus bewusst, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Als Reichsbürger.

Es geht uns in erster Linie um den Aufbau einer nichtdeutschen Opposition; nichtdeutsch im Sinne von: gegen diese BRD GmbH gerichtet, und ja, mit der ausdrücklichen Absicht, diese Staatenattrappe zu schädigen. Das verbindet uns mit den Leuten, die da aus Osteuropa zu uns kommen, die machen das größtenteils aus reinem Profitdenken, und wenn man schon so eine Seelenverwandtschaft feststellt, dann kann man die doch zu sich einladen? Uns schadet das nicht, denen schadet das nicht, das schadet nur der BRD GmbH.

Wieso illegal? Da haben Sie als Personal der BRD GmbH auch Ihren typischen Standpunkt, weil Sie das aus der rechtlichen Perspektive der alliierten Staatskonstruktion sehen. Das Einschleusen von Personal in diesen illegalen Staat wird ja nicht dadurch illegal, wenn man sich nicht an Gesetze hält, die sowieso schon illegal sind. Wir holen diese Leute zu uns und geben ihnen Arbeit. Es gibt hier einige hübsche Eigenheimsiedlungen, in denen man Einsteigediebstähle begehen können, die Damen werden dem horizontalen Gewerbe zugeführt, alles durchaus gut organisiert. Wir haben uns an das Arbeitszeitgesetz, wir zahlen den Mindestlohn, und wir bilden dieses Personal fort. Jeder von ihnen wird an der Waffe ausgebildet und bekommt eine gute politische Schulung.

Selbstverständlich reichspolitisch. Es ist ja auch nicht alles so rosig, wie es auf den ersten Blick aussieht, wir haben mit der Konstruktion so unsere Probleme. Wenn Sie sich mal angucken, wie oft die schon versucht haben, als Scheinasylanten nach Deutsch… in die BRD GmbH einwandern wollten, dann können Sie sich wohl denken, dass die sich ganz anders vorbereitet haben. Die sind zum Teil in Integrationskursen gewesen, manche von denen sprechen gut Deutsch, machen sehr gut, aber das Problem sind diese Geschichtskenntnisse und die politische Indoktrination. Wenn Sie die fragen, die rattern Ihnen zehn Mittelgebirge runter, alle Kanzler der alliierten Marionettenregierungen und sämtliche Fakten zum Aufbau dieser BRD. Das ist hochgradig gefährlich – Personal, das so denkt, ist für uns im Grunde nicht zu gebrauchen, weil die überhaupt erst mal denken, und da fängt die Sache doch schon an! Das geht nicht!

Gut, Integrationshaft ist jetzt als Begriff erst mal recht hart, aber das muss man auch differenziert sehen. Diese Ankerzentren sind im Grunde gar keine so schlechte Idee, man muss es nur ordentlich aufziehen. In den ersten paar Wochen und Monaten verlassen unsere moldauischen Freunde unsere Einsatzleitstellen gar nicht, höchstens mal nachts oder am Wochenende, wenn nicht so viel los ist. Die würden ja sonst nur Misstrauen beim anderen Personal dieser GmbH erwecken. Stellen Sie sich mal vor, so einer steht beim Bäcker vor Ihnen in der Schlange. Unmöglich!

Bis jetzt haben wir keinen Sicherheitsdienst etablieren können, schon gar nicht flächendeckend. Das wäre schon mal ein wirtschaftlich interessantes Ziel, wenn wir beispielsweise für Parteitage eine vernünftige Sicherheitsdienstleistung gewährleisten können, aber das ist mitunter schwierig. Die Leute wollen nicht Schlägern zusammenarbeiten, und unsere deutschen Kollegen lehnen die Moldawier ab, weil Ausländer sowieso alle kriminell sind. Da müssen wir noch sehr an der Kommunikation feilen und eine gemeinsame Lösung finden, sonst kriegt man da nie ein vernünftiges Tagesgeschäft hin. Ich meine, wenn man auf einer Kundgebung einen mehrfach vorbestraften Drogendealer als deutschen Nationalhelden feiert, dann muss man doch auch mit ganz normalen, ehrlichen Taschendieben auf Augenhöhe umgehen können. Wir haben doch gemeinsame Visionen.

Vielleicht muss man schon länger bewusst in diesem inneren Widerspruch gelebt haben, um ihn innerlich auszuhalten. Aber natürlich ist das für viele von uns auch eine ganz pragmatische Art, auf die Schnelle ein bisschen Geld zu machen. Sie kaufen ihre gefälschten rumänischen Pässe bei uns, sie ordern ihre Bustouren bei uns, einen großen Teil ihres Lohns geben sie uns, um in unseren Lagern zu übernachten, für die Ausbildung nehmen sie einen Kredit auf, den sie hinterher durch die großzügigen Provisionen innerhalb weniger Jahre abbezahlen. Alles rein privatrechtlich, wir verstoßen gegen keines dieser ohnehin illegalen Gesetze der GmbH. Wir bauen uns eigene Strukturen auf. Wenn das von außen ein bisschen wie organisierte Kriminalität aussieht, dann ist das sicher auch wieder nur Ihre Perspektive – die organisierte Kriminalität, die die BRD GmbH konstituiert, halten Sie ja auch für eine staatliche Struktur, oder nicht?

Wenn’s in die Hose geht? Keine Ahnung. Aber ich würde dann behaupten, wir werden durch eine groß angelegte internationale Verschwörung mit ostischen Fremdrassen umgevolkt. Das versteht doch jeder.“