Aktionismusplan

23 01 2020

„… wolle die Bundesregierung mit dem Nationalen Aktionsplan Integration ein Maßnahmenpapier vorlegen, das ebenso wie die bisherigen Aktionen für mehr Steuergerechtigkeit, Arbeitnehmerschutz, Klimawahrung und eine gesamtgesellschaftlich gesehen verträgliche Einigung mit gewaltbereiten Rechtsextremisten, die sich für eine erneute…“

„… nicht erwünscht seien. Widmann-Mauz setze auf eine transparente Kampagne, damit die nach Deutschland vermittelten Fachkräfte bereits vor ihrer Ankunft wüssten, dass ihre Ausreise nach einem befristeten Aufenthalt nicht auf persönliches Verschulden, sondern auf die allgemeine…“

„… die Botschaftsangehörigen geschult werden müssten, um die Bundesrepublik als klassisches Einwandererland repräsentieren zu können. Nach dem Vorbild der USA wolle man jedoch eher auf den Transfer ausländischer Gelder für den Aufenthalt als auf die Einreise nach…“

„… werde auch der Wohnungsmarkt als wesentlicher Faktor bei der Integration in die deutsche Gesellschaft berücksichtigt. Wer drei Jahre lang vergeblich von seinem Heimatland in Afrika oder Ostasien aus versucht habe, ohne Kenntnisse der deutschen Sprache eine Wohnung für zwölf Personen kautionsfrei anzumieten, könne mit der Unterstützung der Behörden in der…“

„… wolle die Bundeswehr vor Ort mitwirken. Kramp-Karrenbauer unterstütze die Idee, dass Fachkräfte schon vor der Einreise erste Erfahrungen von Gewalt und Diskriminierung mit Staatsbürgern in deutschen Uniformen sammeln könnten, die für eine reibungslose…“

„… die Sozialgesetzgebung allerdings noch sehr deutlich angepasst werden müsse. So sei die Suche nach der geeigneten Stelle mit dem Auslandsdienst der Bundesagentur für Arbeit erheblich erschwert, da diese nur gesucht werden könne, wenn der Arbeitssuchende sich innerhalb weniger Stunden am Arbeitsplatz melde, was an den ostasiatischen Standorten nicht nur an der Datumsgrenze…“

„… den Aufenthaltsstatus wesentlich flexibler gestalten müssten. Die Bundesregierung erwarte den Arbeitnehmer, der dank einer Sonderregelung auch ohne gültigen Aufenthaltstitel sofort eine Berufstätigkeit aufnehmen könne, die allerdings bei einer Abschiebung auch umgehend wieder…“

„… würden die Fachkräfte im Aktionsplan von der Politik, von Arbeitgebern und Sozialverbänden ausdrücklich als Bereicherung bezeichnet. Für die Integrationsbeauftragte sei es nun nur noch die notwendige Eigenleistung der Einwanderer, sich selbst als Bereicherung für den…“

„… sich die Wirtschaftsverbände sehr zufrieden zeigten. Die Bahlsen GmbH & Co. KG habe mit einem neuen Unternehmenszweig für gehaltsfrei beschäftigte Arbeiter eine für den Standort sehr günstige Lösung geschaffen, die sich nachhaltig auf den gesamten…“

„… sich die sogenannten Engpassberufe nicht über die Quote der offenen Stellen definieren sollten, sondern über die Anzahl der deutschen Arbeitnehmer, die nicht mehr bereit seien, zu den gebotenen Löhnen und Gehältern in diesen Berufen zu arbeiten. Da beispielsweise in der Pflege eine dauerhafte Unterbesetzung drohe, könne eine quasi unbegrenzte Einwanderung für die…“

„… auch landestypische Werte wie etwa die Gleichstellung vermittelt werden. Für Altmaier reiche es allerdings aus, wenn die Bereitschaft vorhanden sei, seine Frau zu einem geringeren Gehalt auf einer Teilzeitstelle zu…“

„… auch Partikularinteressen betroffen seien. So habe sich Söder zusichern lassen, dass keine Arbeitsmigranten in Schützenvereinen oder Fußballmannschaften Mitglieder würden und auch nicht das Ziel hätten, in lokalen Kirchengemeinden zu ministrieren. Dies könne schnell zu einer nicht artgerechten Haltung der prekär Beschäftigen führen, die sich in ländlichen Gebieten nur als…“

„… analog der üblichen EU-Regeln gelte. Ein Fremdarbeiter, der wie von der Bundesregierung die Union zuerst über deutschen Boden betrete, verwirke damit automatisch sein Recht auf einen Arbeitsplatz in einem anderen Staat und könne auch bis auf Weiteres nicht mehr die Freizügigkeit für sich in Anspruch nehmen. Auch dies diene der Stärkung des Standorts, da die EU-Nachbarn bisher nicht in der Lage gewesen seien, die Migranten mit ausreichend finanziellen…“

„… die Integration auf Bewährung erfolge. Seehofer halte die lebenslange Kontrolle einer Eindeutschung im Abstand von zwei bis drei Jahren für eine gute Maßnahme, um die Schläfer, die keinen Schweinebraten zubereiten und in eine Gewerkschaft eintreten wollten, für einen notwendigen Schritt, den er bis zur letzten Patrone…“

„… keine ausländischen Abschlüsse anerkennen wolle. Die deutschen Handwerkskammern hätten große Bedenken, wenn etwa Gebäudereinigung oder Müllsortierung nach nicht in Deutschland geltenden Standards vorgenommen würden, da dadurch mittelfristig ein Ende der christlich-abendländischen Kultur und sowie aller damit verbundenen…“





Ausgewogene Kost

21 01 2020

Die rote Linie an der Wand lief schnurgerade an der Wand entlang. Es roch muffig, wie nach feuchter Wäsche, und genau das hätte man hier unterhalb des Gebäudekomplexes auch erwarten können. „Nur noch ein paar Schritte“, ächzte Fritzchen mit angehaltenem Atem. „Wir sind gleich da.“ Ich blickt auf die blaue Linie. „Sie sind sich sicher, dass wir nicht aus Versehen in der Pathologie landen?“ Er grinste gequält. „Das riecht hier immer so.“

Und Gustav Fritzchen, der Abteilungsleiter der Verpflegung, sollte natürlich recht behalten. Hier im Bauch der städtischen Klinik waren es nur wenige Meter bis zur Küche; kurz danach kamen wir am Lieferanteneingang an. „Legen Sie den Kittel an“, riet mir Herr Fritzchen. „Selbstverständlich“, antwortete ich. „So ist es gut“, lobte er. „Wenn Sie sich hier schmutzig machen, müssten wir am Ende noch die Reinigung bezahlen.“ Ich gehorchte und sah mich um. An der Schmalseite des Eingangs stand eine Beiköchin und wendete Wurstscheiben auf einem großen Teller um. „Aha“, merkte ich anerkennend auf. „Sie lassen die Salami für die Beilagen etwas Temperatur bekommen.“ Er guckte reflexartig nach unten, und ich weiß nicht mehr, ob er auch den Kopf schüttelte. „Das ist Jagdwurst“, erklärte Fritzchen. „Unsere Patienten sind einen gewissen Standard gewohnt, deshalb müssen wir den produktseitigen Feuchtigkeitsgehalt an die hier üblichen Verhältnisse anpassen.“ Ich war erstaunt. „Sie meinen, Sie trocknen die Wurst für morgen aus?“ Er sah sich erstaunt im Raum um. „Das ist so nicht ganz korrekt. Die Wurst ist selbstverständlich für übermorgen.“

Es war nicht zu leugnen, man hatte mich hierhin geschickt, die Qualität der Krankenhausverpflegung zu beurteilen. Mehrere Versuche, eine schwere Magenerkrankung zu simulieren, einen Beinbruch vorzutäuschen oder mich für Napoleon auszugeben – seit den Wahlergebnissen in Sachsen und Thüringen waren die geschlossenen Abteilungen sowieso bis auf Weiteres ausgebucht – waren dann doch fruchtlos geblieben, also musste ich mich in diese unliebsame Rolle begeben. „Wir versorgen hier etwa dreitausend Betten mit drei Mahlzeiten pro Tag“, informierte mich Herr Fritzchen. „Da muss man einen strikten Plan einhalten, sonst ist die Versorgung gefährdet. Und Sie müssen dabei immer berücksichtigen, wir arbeiten nicht für eine normale Kantine, dies ist die Verpflegung für ein Klinikum.“ Er blickte auf den Plan der Wand. „Die Zeiten in einer Betriebskantine habe ich lange hinter mir. Zehntausend Essen. Das ist zum Glück vorbei.“

Der Küchenhelfer zerlegte mit Hilfe eines offensichtlich stumpfen Messers grüne Gurken in unregelmäßige Scheiben. „Wir lassen moderne Einflüsse in unserer Küche zu“, schwärmte Herr Fritzchen. „Aber mit einem Gurkenhobel ginge das doch viel schneller?“ Er lächelte milde. „Einerseits setzen wir auf Individualität, andererseits ist dies auch ein gutes Mittel der betriebswirtschaftlichen Performance. Sehen Sie?“ Ein dienstbarer Geist sortierte je drei unregelmäßige Gurkenscheiben mit der Pinzette in ein Glasschälchen. „Wir achten sehr genau darauf, dass eine der Scheiben besonders dick ist, so haben wir immer eine Diskussion unter den Patienten.“ Ich begriff. „Es gibt also eine Art vertreibende Verpflegung.“ Er lächelte wieder. „Die Verköstigung ist als eine durchaus aktivierende Maßnahme zu verstehen.“

Über den Nudeln in Kessel IV stand ein laut piepender Zeitmesser. „Damit wir die nämlich nicht vergessen“, strahlte Hotte, Chefkoch der Etage. „Die kochen normal bis hier, irgendwie – und dann noch zehn Minuten extra.“ „Was steht denn auf der Verpackung?“ Fritzchens Gesicht verfinsterte sich schlagartig, aber das machte mir gar nichts aus. „Sie haben Ihre Richtlinien.“ Er riss unbewusst die Knochen zusammen. „Teigwaren werden auf der gastroenterologischen Station verabreicht, sonst nur die normale Kost.“ „Interessant.“ Er rührte sich. „Die essen es zwar, aber wenn sie es nicht bei sich behalten können, hören wir nie eine Beschwerde.“

Ich hatte zwar schon genug gesehen, aber mein Küchenaufseher schien noch nicht recht zufrieden. „Wir haben auch noch Speisepläne für Sonntage, Magenkranke und wenig interessante Fälle.“ Ich blätterte in meiner Liste. „Es fehlt hier aber auch ein Gericht mit Vitamin B9 und eine Speise mit…“ „Großartig!“ Fritzchen strahlte. „Sie sehen, die Ärzte werden unsere Patienten wieder in unser Klinikum einweisen, wo sie mit genau derselben Diät dieselben Ergebnisse…“ Ich drehte mich abrupt um.

„Moment“, keuchte Herr Fritzchen. Die rote Linie war schon zur Hälfte am Ende, der allgemeine Versorgungstrakt fast gewonnen. „So ist das ja nicht, wir haben eine besondere kulinarische Linie für Sie eingeplant.“ Zögernd blätterte er in seinem Ordner die Fischstäbchen auf. „Sie werden doch wohl einsehen, dass wir diesen Luxus nicht jedem Patienten angedeihen lassen können, oder?“ In der Tat, die Petersiliendekoration ließ mich zweifeln. „Wir sollten das nicht an die große Glocke hängen.“ „Ach, ich würde Ihnen so gerne ein paar frische Brötchen mitgeben“, sagte er. „Kommen Sie einfach übermorgen noch mal vorbei.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCVII): Geocaching

17 01 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher waren es noch schnaufende Troglodyten, die durch den Knick strauchelten. Ab und zu latschten sie knacksend über Schnecken und Eier, aber das hielt sie nicht von ihrem Tun ab. Heute findet man sie in rustikale Polyesterhüllen gepfropft in den Rückzugsgebieten des Buntspechts, wie sie geräuschinvasiv ins Gelände einfallen, Höhenzüge erledigen und die Fauna verstört zurücklassen. Jeder erkennt sie, wie sie ihr technisches Gerät in der Sonne schwenken, wochenendliche Hasardeure der fröhlichen Zerstörung. Wer hat sich diesen Unfug nur ausgedacht, und vor allem: warum? Die Antwort, so werden die Freunde des Geocaching sagen, liegt irgendwo auf der Streuobstwiese in einer nicht grundwasserneutralen PVC-Kapsel.

Normale Menschen, die zumindest aufrechten Gang und zügige Atmung souverän miteinander zu verbinden wissen, kanalisieren ihre überschüssige Energie in normalen Freizeitbeschäftigungen wie Pistolenschießen, Insektenzucht oder Bierkonsum. Wer das nicht unfallfrei auf die Kette zu kriegen droht, muss sich in Übergangsjacke und Helm im Naturschutzgebiet herumtreiben, größtenteils in der Zone, die den Hominiden als Störfaktor so gut gebrauchen kann wie ein Reisebusfahrer die Schlafkrankheit. Bunte Plastebömmel lagern hier und da in der Kohlenstoffwelt, darin ein Stückchen Papier, beschrieben mit Namen der Knalltüten, die auf der Jagd nach Schnitzeln ihr eigenes Kürzel dazuschwiemeln, als sei ihre geistige Müllabladung ein Abenteuer. Dabei ist das Auffinden der Dinger im Feld ähnlich komplex wie Wanderungen in einer beliebigen Innenstadt unter Benutzung eines aus amtlichem Kartenmaterial erstellten Faltplans. Der postmoderne Schatzsucher bedient sich seines satellitengesteuerten GPS-Geräts, tapert durch Saat und Frucht schnurstracks auf die Koordinate und lokalisiert die einzige als biotopfremd erkennbare Kiste, die eher nicht auf dem Kunststoffbaum gewachsen ist. Was kann schöner sein.

Wie gesagt, der Wald. Dem Bekloppten ist es zumeist wumpe, dass er in Schutzgebiete eindringt und dort fröhlich marodiert. Es sind sinnigerweise dieselben Flusenlutscher, die beim Anblick eines angeblichen Wolfs in Geweimer ausbrechen und lautstark den Abschuss des bösen Tiers fordern, das nicht in die Natur gehört, wie sie der eventbekiffte Turnschuhtourist vorzufinden wünscht. Hausrecht ist den Nudelbiegern sowieso egal, und wo sie ihren Schritt verklappen. Kommt es auf unwegsamer Strecke, am Hang oder in der Höhe, zum Unfall, zahlt der Grundstückseigner für die klinische Doofheit seiner ungebetenen Gäste, sofern er deren Anwesenheit nicht zuvor verboten hat. Da es dem Zeitgeist der Zielgruppe entspricht, immer extremer gelagerte Fundorte zu wählen, die naturgemäß zum Rückzugsort zahlreicher Arten gehören, auch in temporärer Brut und Brunft, gehört das Verlassen des gesicherten Weges längst zum guten Ton. Ebenso lässt sich die Schnitzeljagdgesellschaft nichts anmerken, wenn sie von Unbeteiligten auf frischer Tat ertappt wird; Geheimniskrämerei in ridiküler Pose scheint sich da mehr zu ziemen.

Die geistige Herausforderung, nicht mehr nach den Sternen, nach Landmarken oder notfalls dem Kompass durch die Pampa zu streifen, sondern die elektronische Trulla zu verwenden, stempelt diese Tätigkeit denn auch hinlänglich zum Instant-Spaß für mit allem überforderte Yuppies ab, die zwar ein bisschen Adventure im Outdoor-Bereich haben wollen, aber mehr so Fun, nicht wirklich wirklich. Wie muss man sich das vorstellen? Hackt der hippe Wurstverkäufer am Wochenende aus dem Netz das Navi voll und hakt dann mit seiner Nachbarina als Kapselkasper die Überraschungseier im Grünen ab? Hört man alle zehn Minuten, wie die Kursleiterin Sie haben Ihr Ziel erreicht durch die Hecke knödelt? Wahrscheinlich war das alles nur ein Missverständnis, als am Rande eines gründlich aus dem Ruder gelaufenen Marketing-Kongresses ein Vertriebsleiter für GPS-Spielzeug bei mehr als genug billigem Alkohol mit dem Chefstrategen eines Herstellers von Funktionskleidung für ästhetisch sonderbegabte Zwangsgestörte beschloss, den ganzen Schmodder im Doppelpack als Lifestyle anzupreisen und an alle zu verkaufen, die sich ab Samstag außerhalb der Zivilisation aufhalten, weil es keinen gibt, der sie innerhalb vermissen würde. Dass man damit inzwischen eine Menge Kohle machen kann, ist nur folgerichtig.

Warten wir darauf, dass der erste Depp sein Gebamsel in einer belebten Fußgängerzone oder an einem Verkehrsknotenpunkt deponiert und darauf von ein paar freundlichen, aber maskierten Herren mit halbautomatischem Gewehr im Anschlag aufs Pflaster befördert wird, weil das SEK Semtex oder Heroin im Container vermutet. Vielleicht ruft auch ein Revierförster vergeblich den Hobbykletterer an, bevor er ihn per Großkaliber aus der Föhre klaubt. Es trüge doch maßgeblich zu mehr Achtsamkeit bei, wenn der Mensch wieder mehr Respekt dadurch bekäme für die majestätische Ruhe des Anorganischen. Er hätte sein Ziel erreicht.





Bleiberecht

13 01 2020

„Natürlich erinnern wir uns noch sehr gut an den Vorfall, der wird ja demnächst drei Jahre alt. Die Berliner Polizei hat viel zu tun, hier brennen Autos oder wir müssen Leute im Brunnen erschießen, da kann man nicht immer alles auf dem Schirm haben. Aber das wissen wir schon, da ging es ja um nicht direkt einheimische Bevölkerung.

Das war Berlin Union, das muss man nicht ganz so ernst nehmen. Das ist ungefähr so, als würde man einen Hamburger beim HSV verhaften, weil der nicht die erforderliche Promillegrenze überschritten hat. Wir nehmen da schon Rücksicht, schließlich haben die Innenminister von uns immer wieder Kultursensibilität gefordert. Aber wenn das soweit kommt, dass wir die Einwanderer anders behandeln, dann können wir da auch nichts anderes machen. Die Hetzpropaganda ist zwar schlimm, aber man kann das als Organ des Staates auch nicht ganz ignorieren.

Außerdem sehe ich hier eine sehr unsaubere Verwendung des Begriffs Fremdenfeindlichkeit. Der Typ soll laut unserer eigenen Pressemitteilung fremdenfeindlich beleidigt worden sein – meines Wissens nach stammte der aus Berlin, es kann sich also nicht um einen Ortsfremden oder anderweitig Zugereisten handeln, und den kann man dann auch gar nicht fremdenfeindlich beleidigen. Was Sie meinen, das ist Rassismus, aber den hat es laut der Pressemitteilung eben nicht gegeben. Zumal es ja laut neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen gar keinen Rassismus gibt, weil das mit den Rassen nicht wissenschaftlich ist. Es gibt halt Menschen, die sind mehr wert als andere, weil die in der richtigen Leitkultur geboren wurden und nicht mit einer Hautfarbe, die hier nicht hingehört. Die fallen auch überall gleich auf, und zwar jedem. Bei einer ganz normalen Polizeikontrolle fallen die gleich auf, und wenn es noch keine Kontrolle ist, dann macht man eben eine daraus. Aber das kann man nicht als Fremdenfeindlichkeit bezeichnen.

Eigentlich hat sich diese Diskussion sowieso schon erledigt, wir können gar keine Rechten sein, weil wir selbst von denen bedroht werden. Denken Sie an den Polizeichef von Oldenburg. Gut, man hat als Polizeichef keine Politiker zu kritisieren, und wenn, dann diese linke Marionettenregierung unter der Terrorkanzlerin. So ein Nestbeschmutzer muss sich gar nicht wundern, wenn ein paar patriotische Bürger ihn daran erinnern, dass eine einzige Kugel reicht, um ihn loszuwerden. Das darf man zwar auch nicht sagen, immerhin wird hier eine Straftat angekündigt, aber möglicherweise ist da am Ende auch nur Fahrlässigkeit im Spiel. Der Lübcke, der soll ja auch nur sehr unglücklich gestanden haben, als die Pistole auf seinen Schädel gerichtet war.

Da muss man mit den Bezeichnungen schon sehr genau bleiben. Die ausländische Person hat sich natürlich auch nicht durch Sprachkenntnisse hervorgetan, und dass er Bundesfreiwilligendienst in einer Kita geleistet hat, das zeigt doch nur, dass er hierher gekommen ist, um den Deutschen auch noch soziale Betätigungen streitig zu machen. Das sind doch die Fakten!

Jedenfalls wurde diese Person, offensichtlich ein Afghane, im Verlauf ihrer Infiltration in deutsches Hoheitsgebiet erheblich an der Schulter und am Kopf verletzt, wobei wir zu den Kopfverletzungen gar nichts sagen können. Das war wie gesagt ein Afghane, da kommt so was vermutlich häufiger vor. Die laufen da ja sowieso alle mit dem Turban durch die Gegend, es kann also auch eine reine Schutzbehauptung sein. Der Mitarbeiter, der ihn nun so wie behauptet verletzt haben soll, der hat zu dem Zeitzpunkt überhaupt keine Uniform getragen. Da frage ich Sie: war das denn dann überhaupt ein Polizist? Dieser Ausländer kann sich doch gar nicht durch den tätlichen Angriff eines Polizisten auf ihn traumatisiert fühlen, wenn der gar nicht als Polizist zu erkennen gewesen ist. Möglicherweise hat er die Uniform ja auch nicht getragen, weil er gedacht hat, das würde sich nicht mit seinem Hobby vertragen. Das war also die reine Rücksichtnahme, verstehen Sie? Das kann man doch einem Beamten nicht zum Vorwurf machen, dass er Dienst und Freizeit so säuberlich trennt, oder?

Es ist eine gemeinschaftlich begangene schwere Körperverletzung, aber das muss man doch nicht als rassistischen Übergriff werten. Ansonsten haben wir hier einen Fall von Hasskriminalität, und das heißt für das Opfer: Bleiberecht. Wo soll das denn bitte hinführen? Da provoziert einer eine Kontrolle durch offensichtlich nicht normale Hautfarbe, lässt sich dabei rassistisch beleidigen, der darf dann für den Rest seines Lebens bleiben, und schon haben wir durch den die nächsten, die ständig Kontrollen provozieren. Irgendwann haben wir dann in unserer Heimat als Weiße ein Problem auf dem Bahnhof, nur weil wir als Fremdvolk in Deutschland ständig in rassistisch motivierte Kontrollen von diesen Prügelbullen reingeraten – das kann doch nicht im öffentlichen Interesse sein!

Natürlich sind wir für Bleiberecht, aber für das Bleiberecht der Deutschen hier in Deutschland! Und deshalb muss der Kollege natürlich auch im Polizeidienst bleiben. Wenn Linksextremisten Ihr Auto anzünden, dann würden Sie doch auch nicht warten wollen, bis mal irgendein Polizist sich zu Ihnen bequemt, Sie wollen doch eine ausreichende Personaldecke und genug tatkräftige Polizisten, die ihren Beruf noch ernstnehmen, oder? Polizei, das ist kein Job, den man nach Schichtende an den Nagel hängt. Das muss man leben, verstehen Sie?“





Zwanzig

12 01 2020

für Kurt Tucholsky

Dass sich Geschichte noch einmal
so abspielt – ach, man glaubt es.
Und ist es wieder diese Zahl,
Vergangenes, Verstaubtes –
rennt man noch einmal in den Krieg,
für Flaggen, Blut und Rasse,
wie man sich einst in Hass verstieg
als Volk, vielmehr: als Masse?
  Sie reden viel vom Untergang,
  die Dummen und die Frechen,
  vom Feuer und von Neuanfang.
  Man muss
    dagegen
      sprechen.

Was dort die Wahrheit sabotiert,
hat jedes Maß vergessen.
Wie alles sudelt, lügt und schmiert,
wird eifrig schnell gefressen.
Hauptsache, alles schreit und hetzt!
Die braunen Blätter rauschen.
Dann sieht man, wie gespielt entsetzt
die Hetzer darauf lauschen.
  Sie wollen den, der sich nicht fügt,
  aus diesem Land vertreiben,
  wenn er sich nicht für sie verbiegt.
  Man muss
    dagegen
      schreiben.

In seinen Träumen unterjocht
der Abschaum die Gewalten,
auf die er heute fleißig pocht.
Sind finstere Gestalten,
das Zwielicht spuckt die Bande aus,
Gesindel ohne Ehre.
Geschichte war. Man lernt daraus,
dass sie uns niemals lehre.
  Jetzt ist es Zeit. Jetzt geht es an.
  Lasst nicht die Hoffnung dämpfen,
  am Ende sind sie selber dran.
  Man muss
    dagegen
      kämpfen!





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXCVI): Digitales Messietum

10 01 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss passiert sein, als sich die Hominiden entschlossen haben, ihr Nomadenleben gegen die Behaglichkeit der Behausung einzutauschen. Die Objekte zur Lebenssicherung waren nicht mehr nur auf Verlastbarkeit und schnellen Einsatz optimiert, was man heute in Grenzerfahrungen wie Camping oder Angriffskrieg zu schätzen weiß, und der materielle Besitz ging in andere Dimensionen über, insbesondere in das Beharren über mehr als eine Generation. Mit dem Ansatz zur Transzendenz aber litt der Überblick über die Zweckmäßigkeit der Dinge, die nicht immer eine spirituelle Bedeutung für die Urbewohner haben mussten. Manchmal reichte es, wenn die Realitätsverweigerung mit spontanem Anlauf auf die Habe des Dummbeutels fiel, auf dass das Zeug für immer und ewig in die Ritzen des Stofflichen wucherte. So sammelte sich Kruscht auf Krempel, Kram auf Klumpatsch. Es staubte ein und verfiel, und nur die Beschränkung der dreidimensionalen Stätte setzte dem Sammeln ein Ende, bis Eulen (Esel, Trolle) aus Keramik (Seife, Kerzenwachs) den Sauerstoff verdrängten. Wie anders, wie gleich aber, als wir auf digitale Entitäten umstiegen und feststellten, dass dabei doch alles gleich geblieben war.

Nur eben nicht, dass mit der Umstellung auf das Nichtstoffliche auch die schlechthinnige Stapelei zum erliegen gekommen wäre. Mitnichten, erst ab einer ungebremsten Speicherkapazität von 1,44 MB bekam der Nutzer des digitalen Endgeräts zittrige Finger, konnte er doch hier dies und jenes, vor allem jenes, in sparsamer Form konservieren für eine Ewigkeit, die ihm jenseits der Diskette noch nicht einmal klar war, denn irgendwo dräute auch das Leben, die Lesbarkeit der Binärhieroglyphen schwand zusehends, und alles, ach, ging den Weg des Irdischen, wenngleich nicht analog. Mehr und mehr türmten sich die ungelesenen E-Mails, bevor man sich mit Weltrettung und ähnlichem Zeugs auch nur hätte befassen können. Hier und da lag die vollständige Zusammenfassung der Dokumente des hörbaren Welterbes an Popmusik vor, nicht nach Niveau geordnet, aber durchaus sorgsam archiviert und für außerirdische Zivilisationen passgenau verschlagwortet, falls die Schalala und Tralala nicht würden trennscharf auseinanderhalten können. Alles aber musste gegen die aus dem Kohlenstoffzeitalter geerbte Sucht zurücktreten, die sich mit dem manischen Bildwerk in die Wirklichkeit schwiemelte, wie es nicht zuletzt durch die beginnende Knipsomanie eine erschreckende Plage hatte werden können.

Die ersten deppentauglichen Datenträger hatten im wahrsten Sinne des Wortes die Bildfläche betreten, da schwoll die kollektive Erinnerung des Prolletariats schwunghaft an. Ritsch-ratsch. Tante Else (Hildegard, Helga) im Bademantel (Nerz, kleinen Schwarzen) vor dem Kolosseum (Kölner Dom, Heimatministerium). Es braucht dafür keine Schrankwand mehr, die Forstwirtschaft atmet auf, aber die Menge der vergesslichen Daten poppt in die Höhe – keiner schreibt mehr Urlaubspostkarten, mit malerischen Fotos versehen kommunizierend, dass auf Borneo anständige Schweineschnitzel zu haben sind, wenn man nur seine nationale Identität heraushängen lässt. Doch die Flut an Elektropost, deren Hälfte nervendes Gepopel ist, davon noch mindestens zwei Drittel unsinniger Schrott bräsiger Bratzen, wie souverän könnte man das alles beim Umstieg auf einen anderen Apparat in den Orkus kloppen. Wie ängstlich bewahrt der digitale Dummschlumpf die Dialoge in Chatanwendungen auf, um nicht dermaleinst auf dem frühen Totenbett eingestehen zu müssen, er habe am Samstag nicht die Nachricht nach billigem Discounterschwein auf der Nervkrücke gelesen und quittiert? Gut 280 Milliarden Mails pfropft diese offenporige Spezies auf dem Weg in die Röststufe durch die Leitungen, immer in der Hoffnung, dass ihren Schmodder auch ein geistig zurechnungsfähiges Wesen liest. Allein es ist in den meisten fällen ein Sammler, ein Horter, und es gibt keine Hoffnung, dass es sich ändert. Der durchschnittlicher Benutzer, privat oder beruflich, wird immerzu getragen, dass er durch Feiertage (Hirnschlag, Frührente) irgendwann einmal so viel Tagesfreizeit bekommt, dass Immobilienangebote im deutschen Osten von 1953 ihm Altersvorsorge und Weltbild begradigen, schmerz- und drogenfrei. Sie denken nicht an ein sozialkonformes Ableben, denn sie halten sich im Sinne der kapitalistischen Ethik, die noch immer über den Erdball Macht (Immobilien, Kohle aus Cum-Ex-Geschäften) und andere Sammlerobjekte verteilt. Der Ramsch ist irgendwo weggetuppert, und nur eins haben sie gemein mit dem Schalterbeamten, der seinen Urlaub am Ammersee anankastisch in die Cloud kloppt, das Vertrauen darauf, dass alles dort bleibt und doch irgendwann im Terabytenebel wegsuppt.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit schleppt also der Normalverbraucher eine Staubwolke kosmischen Ausmaßes mit sich herum, stets von der Implosion bedroht, und wird nicht von Sortieren, Verwerfen und mählicher Vergessenheit unterstützt. Er muss den Tinnef in der Tasche mit sich durch die Fährnis führen, wie auch immer – keiner hat versprochen, dass das nomadische Dasein nicht wieder einmal hip sein würde, auch wenn der klebrige Erdenrest sich jetzt auf eine Schrilliarde Selfies beschränkt. Keiner hat rechtzeitig gerafft, dass der Firlefanz keinen Joy sparkt, und keiner, wenigstens nicht vor dem finalen Aussetzen der Atmung, wird uns mit der brachialen Entrümpelung von Dienstplänen (Feiertagen, Wunschzetteln, Todeslisten für digitale Dummdeppen) die Existenz vermasseln. Nicht umsonst gibt es Berufe, die Materie am nicht ganz passend erscheinenden Fleck eliminieren, und wo dies routiniert zu bewerkstelligen machbar scheint, wird es vermieden. Denn wir wollen nicht über die Dinge verfügen, wir wollen sie besitzen. Ein Ende ist nicht in Sicht, wenigstens nicht für uns. Eher schmeißen wir das Bett über die Balkonbrüstung als die Pappstapel, eher löschen wir uns selbst. Wir wissen nicht, wie wenig ein paar Gigabyte sind, wenn man uns nicht rechtzeitig von der Hybris des Unendlichen befreit, und selbst dann wüssten wir es nicht. Bestimmt würden wir Nachbargalaxien mit dümmlichen Hirschen vollschmoddern, gäbe es dort ausreichend Höhlen. Raum war nie die schwierige Größe in der Relativitätstheorie, die Zeit macht uns Pickel. Vielleicht werden künftige Generationen, die diese Schussfahrt ins Nichts überleben, die Bilder der Jugend überliefern. Tante Helga vor dem Kettenkarussell. Herzkasper im Freizeitpark. Mit der stumpfen Seite der Axt durch die Deppenhorde. Daran wird man sich erinnern. Das vergisst man nicht.





Qualitätskontrolle

9 01 2020

Siebels kaute gelangweilt auf seinem Streichholz herum. „Jetzt müssten sie langsam mal fertig sein“, knurrte er, während sich die beiden Testkäuferinnen mit einem Sortiment T-Shirts für je einen Euro aus dem Kack-Kleidermarkt bewegten. Was sie mitbrachten, sah aus wie Putzlumpen im Leopardendruck. „Sehr gut“, signalisierte die Aufnahmeleiterin. „Die werden nicht einmal die Brennprobe überstehen.“

„Schönes Konzept eigentlich“, erklärte der TV-Produzent, „nur besteht es halt aus Wiederholungen von Wiederholungen.“ „Haben Sie denn schon mal einen Textildiscounter untersucht?“ Er lächelte, meine Frage war wohl richtig, aber dennoch wenig angebracht. „Das hier läuft für die Sender unter Verbraucherschutz.“ Er spuckte das Streichholz aus. „Als wüsste man nicht, dass ein Kleidungsstück für einen Euro auch nur einen Euro wert sein kann – wer daran wie viel verdient und was am Ende für wen übrigbleibt, das können sich die meisten nur nicht ausrechnen, und deshalb müssen wir noch immer diese Aufklärungsfilmchen drehen.“ Ich begriff. Das Offensichtliche wurde hier Ereignis, und mit geschickter Montage konnte er an einem Drehtag eine volle Stunde Programm machen.

„Die Weihnachtszeit war großartig“, grinste Siebels. „Wir sind einfach auf den Markt gefahren und haben uns eine Tasse von dieser billigen Plörre abfüllen lassen – der Rest waren Innenaufnahmen.“ „Sie haben Glühwein untersucht?“ Er nickte. „Eine Stunde Sendezeit mit Analysen, die schwarz auf weiß bewiesen, dass es sich bei dem Getränk um die Fertigmischung aus dem Supermarkt handelt.“ „Donnerwetter“, antwortete ich. „Das hat ja vorher niemand wissen können!“ Siebels suchte in der Manteltasche nach einem Pfefferminzbonbon. „In der Redaktion hatte sich das jedenfalls keiner so vorgestellt. Aber es rettet mir den Job, wenn sich unterhalb des Intendanten nur fantasielose Trottel befinden.“

Der nächste Lokaltermin war bei einem Lebensmittelhändler im Bahnhofsviertel. Der Assistent führte eine Liste von Fertigprodukten mit, die die Redaktion nach streng objektiven Kriterien zusammengestellt hatte: nur die billigsten. Ich warf einen kurzen Blick auf das Papier und rümpfte die Nase. „Kartoffelpüree?“ Siebels nickte. „Richtig, wir nähern uns damit den Gewohnheiten des durchschnittlichen Bürgers, der glaubt, dass die Ananas in der Dose heranwächst.“ Während der Kameramann damit beschäftigt war, die Regale des kleinen Supermarktes aufzunehmen, überflog ich das Skript. „Sie bauen das in eine Servicesendung ein?“ Siebels schaute auf den Ablauf. „Richtig, wir werden vier Fertigpürees und einen frisch zubereiteten Kartoffelstampf zubereiten und von Sterneköchen verkosten lassen.“ „Was versprechen Sie sich davon?“ Er zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie den Intendanten, ich denke mir diesen Müll nicht aus.“ „Aber das Ergebnis ist doch recht absehbar“, begehrte ich auf. „Sie werden das aus Pulver angerührte Zeug für ungenießbar erklären.“ „So ist es.“ Fast hätte Siebels gelächelt, aber auch nur fast. „Immerhin wissen wir noch nicht, welcher dieser Kleister am schlechtesten bewertet wird. Das ist das investigative Element, das sich unsere Programmdirektoren auf die Fahnen schreiben.“

Da kamen sie auch schon wieder aus dem Laden, einen Einkaufskorb voller Papppäckchen. „Wir haben alles bekommen“, bestätigte die Aufnahmeleiterin. „Dann brauchen wir jetzt nur noch drei billige Haartrockner und können morgen mit den Nagelstudios weitermachen.“ Sie hievte den Korb in den Kofferraum. Siebels steckte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne. „Ich muss aufpassen“, murmelte er, „wenn wir mit diesem Format zu gut sind, haben wir bald alles getestet, was es für Geld zu kaufen gibt.“

Ich blätterte durch die Liste der Sendungen, die für dieses Jahr in Auftrag gegeben worden waren. „Das Fernsehen findet aber auch alles raus.“ Siebels grinste. „So sarkastisch am frühen Morgen?“ „Aber eins verstehe ich nicht“, wandte ich ein. „Wozu dieses Art von Qualitätskontrolle, wenn man mit gesundem Menschenverstand schon vorher wissen kann, dass Kartoffelpüree aus der Tüte so schmeckt, dass man es nicht mehr essen will?“ „Dialektik“, quetschte er an seinem Hölzchen vorbei. „Die reine Dialektik.“ Ich verstand nicht. „Natürlich kann sich ein so großer Sender keine Kapitalismuskritik erlauben, wo kämen wir da hin? Also kritisieren wir, was auf dem Markt angeboten wird, und zeigen ein Missverhältnis zwischen Warenwert und Geldwert auf – der Verbraucher wird immer ungerecht behandelt, und diesen gefühlten Skandal, der keiner ist, decken wir durch investigative Methoden auf.“ „Ihre Filmchen machen sich zum Anwalt der kleinen Leute, indem Sie ihnen zeigen, was sie eigentlich immer schon wussten.“ Er nickte abermals. „Und das auch noch streng objektiv.“

Siebels steckte die Liste zurück in seine Mappe. „Es wird langsam ungemütlich“, sagte ich, „lassen Sie uns irgendwo einen Kaffee trinken.“ „Kommen Sie“, antwortete er. „Ich kenne da eine hübsche kleine Konditorei um die Ecke, da würde ich nie einen Film drehen. Man braucht ja auch seine Geheimtipps.“