Alternative zur Medizin

3 06 2018

Man sagte einst dem Narren Eulenspiegel,
er sei vom Duft des Hühnerbratens satt.
Drum zahlte er, wie man berichtet hat,
mit Münzenklang den Anblick dem Geflügel.

Man kann Homöopathen eines raten:
beschränkt Euch auf ein Bild vom Hühnerbraten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVIII): Gesundheitswahn

7 04 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Endlich eitriger Ausschlag! Tagelang sah es nur nach einer leichten Magenverstimmung aus, die Rückenbeschwerden waren bedauerlicherweise schon nach kurzer Dauer abgeklungen – dass sie nur vom stundenlangen Stehen kamen, ist bisher sowieso ungeklärt – und der Drehschwindel wollte sich einfach nicht mehr einstellen. Es müssen die verdammten Karotten gewesen sein, die es bis vor wenigen Millionen Jahren ja auch noch nicht gab. Endlich ein Grund, auf Nuss und Nudel zu verzichten, endlich Kasteiung, kalte Sitzbäder und Rutschen auf rohen Erbsen! Kniebeugen mit Essig und Luftanhalten bei vollem Hohnausgleich! Nur eins macht glücklich, der Gesundheitswahn!

Kaum beißt dem gemeinen Europäer die Erkenntnis ins Bein, dass der Aufenthalt auf diesem zweifelhaften Rotationskörper von kurzer Dauer ist und bestenfalls im ersten Drittel ohne die lästigen Degenerationserscheinungen der geistigen Reife abgeht, schon eskaliert er in alle Richtungen. Nur gesund will er sein, vielleicht innerlich deformiert, psychisch am Rande der Auflösung, verarmt von Scharlatanerie, auf dem Jahrmarkt der Quacksalber verschollen, bloß: gesund. Wenigstens so, dass er sich für gesund hielte.

Aber was heißt das schon. Der in Peru vereinzelt vorkommende rote Rübenwurm, dem man hinter vorgehaltener Hand eine Mitschuld am eruptiven Nachtschweiß gibt, muss in badischen Bäckerblättchen breitestmöglich als Gefahr für das teutonische Abendland ausgerufen werden. Erst jetzt erkennt die züchtig waltende Hausfrau, dass die je um je sommers wie auch winters grippoid die Schleimhaut verschwiemelnde Angelegenheit in Wahrheit aus Mangel an gestampften Sojakeimen rührt, was jeder weiß, der schon einmal im Anflug der Erkältung gestanden haben mag. Zack, schon pfropft eine Anzeigenindustrie ohne Furcht noch Adel ihnen Postwurf in die Pupille, die Message Iss Cola, trink Popcorn aufzusaugen, und dann keimt der Schmadder. Das glitschige Konglomerat aus Stolz und Vorurteil greift zu allerhand Hausmittelchen, schwört Gluten und Baumwollhosen ab und vertraut nach dem straffen Heilbaden auf Schrumpelhaut als untrügliches Anzeichen des plötzlichen Herztodes.

Schwierig wird’s, wenn Nachbarn, Freunde oder verbliebene Familienmitglieder den Bescheuerten beim Verzehr roher Gurke sehen, beim Stehen auf dem falschen Bein, Duschen mit zu kaltem, mit zu warmem Wasser, Wasser überhaupt, Duschen an sich, Körperpflege im Allgemeinen, Äußerungen des organischen Lebens im weiteren Sinne. Da hat früher der Russe die Finger im Spiel gehabt, jetzt sind es Mainstream und Medien, die falschen natürlich, und die Pharmalobby, die mit boshafter Einflüsterung dem Todgeweihten zu verstehen gibt, er sei im Wahrheit gar nicht magersüchtig (habe keinen Krebs, sei nicht schizophren), obwohl er pro Tag einen Kubikliter Chemtrails einatmet (Pestizide per Fruchtfliegen schluckt, Kontaktgifte mit der Apfelschale inkorporiert). Gegen diese böswillige Verkürzung höchst komplexer Zusammenhänge arbeitet ein konzertiertes Hysteriemarketing an mit der generalstabsmäßig für die Marketingschlacht eingedosten Placeboschwemme, die dem Deppen eine Vorstellung von den mittleren Höllenkreisen gibt, in denen das Verbot von Kohlehydraten und Zucker gar nicht mehr diskutiert wird. Sie verfallen in pseudoreligiöse Raserei, brägenbewölkt und im Kern des Wesens erleuchtungsfähig wie Teerpappe.

Denn nichts anderes ist die Kulturideologie für Dumpftüten, die für eine vernünftige Psychose nicht genug Vorbildung besitzen. Sie wollen ihre eigene Endlichkeit jenseits jeglichen Verfalls in die Transzendenz wuppen, koste es, was es wolle, auch und vorwiegend unter komplett bescheuerten Umgebungsvariablen einschließlich einer Askese, die die Restbestände des vegetativen Handelns für intellektuell zurechnungsfähige Dritte nicht mehr wie Leben aussehen lässt. Das Kreisen im denkfreien Raum macht vorsichtshalber alles zur Krankheit, damit spirituelle Ausfallerscheinungen es wieder ausgleichen können – Heilung to go, Jesus muss sich angesichts der komplett verseiften Pauschalpropheten vorkommen wie ein Gesundbeter aus dem Anzeigenblättchen. Hätte er wenigstens schon Wein in Milchzuckerkügelchen verwandelt, die Nummer wäre in die Geschichte eingegangen. Ja, die Lage ist aussichtslos, aber immer noch nicht ernst genug. Schauen wir den Kranken zu, wie sie joggen, auf Mehl verzichten, Bäume rechtsdrehend umarmen und lösungsmittelfrei gebatikte Tapeten an die Wand vom Meditations- und Bügelzimmer tackern. (Leim ist halt nicht vegan.) Irgendwann sind sie derart mies überdosiert, dass sie sich schon wieder gesund fühlen. Und dann plötzlich sterben sie. Alle. Was ist das für eine Welt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXVI): Die vegane Flüstertüte

20 02 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Möglicherweise handelt es sich um einen Test, wenn Kandidaten beim Geheimdienst anheuern: leb einen Monat lang vegan. Die angehenden Spione krallen sich bereits Tage später zitternd in die Kleider ihrer Mitlebenden, um ihnen Predigten zu halten vom Unterfangen, ab jetzt auf Mortadella und Quark zu verzichten. Das sichere Geheimnis ist von dem Augenblick keines mehr, sobald sich ein argloser Mensch nähert. Die Flüstertüte wird ausgepackt, die Botschaft brüllt sich in alle Gehörgänge und hinterlässt ihre Schleifspuren auf jedem Nervenrasen. Offenbar ist es niemandem aus dieser Trockennasenaffenart möglich, ohne den Verzehr von Würmern und Schnaps zu lesen, ohne eine Fernsehsendung daraus zu machen. Wer Fernsehsendungen kennt, wir auch wissen, wie die meisten entstehen. Und welche Rolle Schnaps und Würmer bei ihrer Entstehung gespielt haben dürften.

Nichts schafft so nachhaltig Aufmerksamkeit wie die lauthals ausposaunte Nachricht, sich hinfort ohne Fleisch (Käse, Eier, Blumenkohl, künstliche Farbstoffe, you name it) ernähren, sich ohne totes Tier kleiden, sich ohne Zuhilfenahme größerer Geschnacksverstärker mitteilen zu wollen. Die Nachbarschaft schreckt empfindlich getroffen hoch, womit das Hauptziel schon erreicht sein dürfte, und stimmt emphatisches Geheul an ob der verlorenen Seele. Als sei ein Mensch verloren, der künftig sein Frühstück ohne Kaffee in arabesker Goldfixröstung hinters Zäpfchen schwiemelte – Generationen von Japanern und Sozialisten, Amis und Dresdnern haben sich ohne jenes Geplörr durch die nackte Existenz geschlagen, sie wurden alt, blieben aber trotz aller Wirrnis im Kopf leistungsfähig und laufen noch ein paar Jahre solide auf Teebeuteln. Der Prozentsatz von ihnen, der eifrei übersteht, auf Weißmehl verzichtet oder in den Dschihad zieht gegen den gebleichten Industriezucker, sie alle sind nicht erheblich. Keiner von ihnen nimmt ein Wagnis auf sich, das Wehklagen rechtfertigte, keinem sollte man vorab schon Kränze flechten, nicht einmal solche von Lorbeer.

Nicht einmal Fleischverzicht ist der Erwähnung wert. Was leistet der Faster, der auf dem eigenen Luftkissenantrieb über den Dingen schwebt, was nicht auch Millionen von Indern leisteten, Buddhisten, Jainas, vor allem Völker, die sich noch nicht die Segnungen des Turbokapitalismus auf die Fahne geschrieben haben, damit sie regelmäßig gegen die eigenen Interessen andemonstrieren können? Gibt es in Bangladesch Autokorsos gegen europäische Drittwagen? Protestieren chinesische Wanderarbeiter gegen den Smartphone-Verbrauch in der EU? Fordern Gauchos die Steakhausbetreiber auf, ihre Fleischfeudel wenigstens dünner zuschneiden, damit die Anden eine Spur langsamer in den Ozean erodieren?

Störend daran ist nicht die an sich tolerierbare Haltung, sich nicht täglich ein halbes Schwein in die Figur zu pfropfen; störend daran ist jenes larmoyante Gewese, das noch den zufälligen Passanten einer Wurstbude zum Zeugen eines Völkermords macht und von ihm solidarisches Geplärr fordert mit den armen Tibetern, die nicht schon zum Frühstück Schokoladenhörnchen und Aluminiumkapselkaffee haben. An einer Stelle den Konsumverzicht zu beginnen ist nicht falsch; das bisschen Heiligkeit von der Stange schon für das richtige Leben im Falschen zu halten ist geballte Eitelkeit und damit eine Beule der Ichlingspest, wie sie Dünkel hervorbringt auf dem Jahrmarkt der Selbstgefälligkeiten.

Der vorwissenschaftliche Aberglaube, durch intermitterenden Verzicht auf Bratwurst und Schlagermusik würden die Ablagerungen im Gedärm herausgemeißelt, hat sich noch immer nicht erledigt in einer Welt, in der die Verdübelten Impfen für Teufelswerk halten und Zuckerkügelchen für Medikamente, mit denen man Nachtschweiß und Arbeitslosigkeit heilen kann. Das mechanistische Weltbild feiert Volksfeste, und hilft das ganze Gewese nicht, dann hat der vermeintlich Erkrankte nur nicht heftig genug gebetet. Als Abspeckritual ist die drei- bis siebenwöchige Hysterie nicht nur nicht geeignet, sie bringt nach etwas Flüssigkeitsverlust die verlorenen Pfunde auch mit Verstärkung zurück. Neben Nierengrieß und Herzrhythmusstörungen bringt die organische Geißelung vor allem solide Kreislaufstörungen und Schwindelanfälle, letztere gerne auch bei Nachfrage nach dem Erfolg der Kasteiung.

Am eitelsten noch wirkt die Abstinenz von Alkohol und Drogen. Was der vernünftige Hominide am wenigsten braucht, daraus macht er den größten Aufriss. Als hinge seine ganze lächerliche Inkarnation davon ab, ob er sich einmal am Tag Schnaps reinpfeift, mit oder ohne Würmer. Im Gegenteil ist sein Drogenkonsum wie die institutionalisierte Beichte: ein Jahr lang baut er Mist und bembelt sich die Birne dicht, dafür sucht er einmal für wenige Tage Vergebung in klarem Wasser und kaltem Haferschleim, weil es die auf Spiritualität getrimmte Mechanistik seinem Denken so vorschreibt. Alles wird gut, denn ihm ist das Heilsversprechen, ein flacherer Bauch, weniger Dellen im Hintern und endlich keine Luftlöcher mehr im Großhirn, in großen Lettern in den Himmel gemeißelt. Hauptsache, jeder kann es lesen. Denn seit wann praktizierte der Bekloppte seinen Kinderglauben nur für sich allein.





Natürlich gesund

1 03 2012

Die Stimme kam mir doch bekannt vor? „Zwei Stück, das werde ich mir merken!“ Sekunden später prallte Herr Breschke auf mich, eine Schale mit gelblichen Pastillen in der Hand. Das allein hätte mich nicht gestört, wäre es nicht gerade in Doktor Klengels Praxis passiert.

Der Hausarzt druckste herum. „Dieses Fischöl ist an sich ja nicht schädlich“, ächzte er. „Man kann es also durchaus einsetzen, wenn der Patient es sich wünscht.“ „Irgendwer wird es sich wünschen“, gab ich zurück, „und irgendjemand wird auch dafür sorgen, dass es sich irgendwer wünscht.“ Klengel knetete seine Hände. „Sie wissen doch, was wir zu berücksichtigen haben. Nahrungsergänzungsmittel dürfen keinen therapeutischen Nutzen erfüllen. Wir müssen diese Testreihe durchführen, sonst müsste die Forschung ins Ausland abwandern. Wollen Sie das etwa?“ „Wenn die ihre Gelatinekapseln schluckten“, antwortete ich, „wäre ich nicht besonders traurig. Warum bieten Sie das Zeug überhaupt an? War ihr Ausflug in die Homöopathie Ihnen nicht schon eine Lehre genug?“ Er seufzte tief auf. „Sie hatten ja Recht – ich hätte es nicht einfach so machen sollen. Die Patienten haben sich bitter beklagt, ich hätte fast di Praxis zumachen müssen. Die meisten waren der Ansicht, Globuli seien einfach zu klein. Das wirkt nicht.“

„Geht es jetzt gleich los?“ Der pensionierte Finanzbeamte saß im Nebenzimmerchen und wartete auf die Befragung. „Klengel“, zischte ich, „wenn Sie wirklich ein vernünftiges Testergebnis wollen, dann lassen Sie mich das Interview machen.“ Seine Brille passte mir nicht, verwandelte mich aber im Handumdrehen in einen Uhu. Der weiße Kittel aus der Abstellkammer tat ein Übriges. „Wir werden den Probanden schon schaffen“, näselte ich, „und das auch noch im Dienste der Volksgesundheit.“

Steifbeinig betrat ich die Kabine; sonst hatten die Patienten immer nur durch eine kleine Klappe in der Wand Becher gereicht, jetzt aber saß ich selbst auf einem Drehschemel und kritzelte auf einem Klemmbrett vor mich hin. „Herr Breschke“, fistelte ich, „Sie haben sich dankenswerterweise für unsere Untersuchung zur Verfügung gestellt. Wenn Sie mir einmal berichten würden, welche Heilmittel Sie im Laufe der Woche so zu sich nehmen?“ „Wir schlucken ja als erstes diese Knoblauchpillen“, hub er an, „aber wir sind von den russischen Dragees abgekommen. Die waren von Sergej Zarewitschin, aber auf dem Etikett stand, dass der Hersteller in Bad Salzschlirf sitzt – das ist doch Schwindel!“ „Gut“, bemerkte ich und kritzelte ein paar Männerchen auf den Schreibblock, „das ist schon mal sehr hilfreich. Was haben Sie dann als Ersatz eingenommen?“ „Meine Frau und ich schlucken jetzt drei Kapseln von Juri Moskwitsch. Die Firma sitzt in Thüringen, das ist ja wenigstens im Osten.“

Klengel hatte wohl versehentlich einen Prospekt in die Schreibmappe eingeklemmt. „Sie nehmen auch Vitapolin 2000?“ „Nur Vitapolin 500“, korrigierte Breschke, „wegen der Dosierung. Es besteht aus hochreinen Blütenpollen zur Ergänzung der täglichen Nährstoffzufuhr, aber die Beutelchen der Großpackung waren für uns nicht so gut geeignet.“ Ich stutzte, aber er erklärte es mir sofort. „Meine Frau ist Pollenallergikerin.“ Das verwirrte mich. „Warum nehmen Sie dann noch zusätzlich Blütenpollen?“ „Da die in der täglichen Ernährung nun mal überhaupt nicht mehr vorkommen – wir Städter kommen doch kaum noch in Berührung mit einer richtigen Blumenwiese, nicht wahr?“ „Aber Ihre Frau ist doch allergisch, oder? Warum nimmt sie diesen Krempel zu sich?“ „Man kann sie pur oder im Müsli oder in Süßspeisen zu sich nehmen“, erklärte er. „Und auf der Verpackung stand nicht, dass Pollenallergiker sich damit nicht schützen können.“ „Schützen?“ Ich riss die Augen auf. „Wogegen denn schützen?“ „Gegen Pollen“, lächelte Breschke.

Der Rest lief einigermaßen schnell. Ich stellte fest, dass er täglich eine Obst- und Gemüseauslese an Vitaminen und Ballaststoffen zu sich nahm (drei Pillen), indische Flohsamenschale (reinste Qualität, anderthalb Esslöffel), Aloe vera (ein Viertelliter als Joghurt, Shampoo und Lutschpastillen) sowie Ginkgo-Extrakt (zwei Kautabletten) zur Stärkung der Gehirnzellen. „Bald werden wir uns die Omega-Säuren in Reinform besorgen“, berichtete er.

„Ich kann ihn doch nicht komplett ohne ein Heilmittel aus der Praxis schicken“, zischte Klengel mir aus dem Türrahmen zu. „Wenn Sie nicht ihm irgendetwas verordnen, habe ich ihn dreimal pro Woche hier sitzen.“ „Lassen Sie mich nur machen“, wisperte ich zurück. „Schicken Sie Ihre Helferin in den Supermarkt. Mit einem großen Korb.“ Damit wandte ich mich wieder dem Versuchskaninchen zu. „Wir müssen uns jetzt einmal sehr genau über den Vorgang der Einnahme unterhalten. Da ist jede Einzelheit von größter Bedeutung. Herr Breschke, wie lange brauchen Sie denn so im Schnitt, bis Sie eine Vitamintablette gelutscht haben?“

Doktor Klengel wusch sich gründlich die Hände. „Gut, dass wir noch ein paar Schraubgläser von der homöopathischen Werbeveranstaltung hier stehen hatten.“ Ich nickte. „Sie sollten die Aufkleber genau beschriften. Die Wirkstoffe sind zu beachten – man sollte damit nicht spaßen.“ Er kicherte. „Richtig, richtig. Und gut, dass sie den Kunsthonig gerade im Angebot hatten.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XCIII): Krankheiten als Gesprächsthema

18 02 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Hominide ist nach landläufiger Meinung ein sprechendes Wesen; ob er zur Sprache auch befähigt sei, darüber streiten freilich die Geister, nichtsdestotrotz schwallt einer den anderen beim Platitüdenbingo voll, bis Blut aus dem Gehörgang sickert. Wo der durchschnittliche Knallkopf sich nicht über Jagdreviere austauscht oder zur Wahrung des sozialen Status ad hoc erfundene Geschichten über seine Potenz zum Besten gibt – heute meist in Form eines Fachgesprächs über Armeezeit und Automobile – sondert er intentionslos Heißluft ab, um den Horror Vacui in den Griff zu kriegen, denn nichts ist dem Gesellschaftstierchen mehr verhasst als die Vorstellung, trotz aller Nullinformation nun auch noch wahrhaftig er selbst sein zu müssen, ohne einen Schutzschild aus Sprache, hinter dem er sich und seine existenzielle Tristesse verbergen könnte. Es bleibt ihm im Zustand der Nacktheit nicht mehr als seine reine Physis, genauer: deren Fehlfunktionen, denn was wäre ein besserer Anknüpfungspunkt für sinnlose Gespräche als eine Konversation über Krankheiten.

Gewöhnlich dient die Krankheit des Dritten, bis auf wenige Ausnahmen in dessen Abwesenheit, als gelungener Einstieg in den Dialogprozess. Der Bruder des Hausmeisters, beiden nur flüchtig bekannt, hat offenbar seit längerer Zeit Probleme mit den Bandscheiben, es wird sich dabei um eine Herzgeschichte handeln, auf jeden Fall kommt das von den Nerven: innerhalb weniger Minuten sind Anamnese, diagnostische Möglichkeiten sowie Therapie und Prognose ausgeschöpft, sämtliche Teilnehmer des Kolloquiums haben sich als vulgärmedizinisch hinreichend gebildete Laien geoutet und schreiten nun zur zweiten Stufe, der Post-mortem-Betrachtung. Das Konsilium eiert in konzentrischer Bahn um die Feier des Lebens, denn dass eine horrende Zahl von Waschfrauen, Henkern und Schiffschaukelbremsern bereits an Lungen-, Leber-, Luftröhrenleiden verschieden ist, dient nur zur finalen Untermalung der Tatsache, dass logisch folgt, die Diskutanten seien noch am Leben. Ein Memento mori der dialektischen Art, wenngleich sinnleer, da unverbindlich: dermaleinst werden auch sie die Radieschen von unten besichtigen, wenn andere über ihr Ableben palavern.

Die nächste Stufe ist die rezente Erkrankung, akut, chronisch, selten wirklich lebensbedrohlich, auf jeden Fall aber von kaum steigerungsfähiger Widerlichkeit. Sei es mangelnde Distanz zum eigenen Körper oder Mangel an funktionstauglicher Grütze unterm Schädeldach, nässender Ausschlag an privaten Partien dient dem Bescheuerten allemal zur Gesprächseröffnung. Bereitwillig berichtet der Bescheuerte von Gasaustauschvorgängen in seinem Verdauungstrakt, als handle es sich um ein Vorgang von epochaler Bedeutung; noch die unappetitlichen Nuancen von Hämorrhoiden, täglich einsetzender Refluxösophagitis oder nichtverbaler Diarrhö weiß der Weichstapler geflissentlich in die Unterhaltung zu schwiemeln, als gälte es, sich mit derlei exhibitionistischen Ausfällen in die Schar der verhandlungsfähigen Zweibeiner zu schummeln. In Wahrheit jedoch trifft nichts davon zu, nur setzt, wie Freud vermutet, mit dem Schwinden der Scham schon der Schwachsinn ein, so nicht Kollege Nachtfrost schon deutlich früher eingeschlagen haben sollte. Dessen ungeachtet blökt der Nappel über eingewachsene Fußnägel und nächtlichen Harndrang, rekapituliert akribisch Menge, Farbton und Temperatur diverser Sekrete und gibt notfalls praktische Proben, um traumatische Erfahrungen mit dem letztjährigen Bröckelhusten abzuarbeiten.

Gerne bespielt wird jene Bühne von der Armee der Simulanten, die endlich ein wehrloses Publikum finden, Kollateralschäden einer ästhetischen Wiederaufbereitung von Hinterwandinfarkt und Darmkrebs, täuschend echt nachempfunden mit dem Kenntnisstand von dreizehn Jahrgängen Bäckerblume und Frisörgespräch, up to date auchg bei neuen Modekrankheiten – der geschickte Hypochonder steigert sich mühelos selbst in pontozerebelläre Hypoplasie, Blepharospasmus und Ziegenpeter rein, und frenetischer Applaus wird das Gehampel begleiten, mit dem er seine Show schmückt.

Die letzte Stufe auf dem Weg zum Verfall ist die Anmaßung des Amateurmediziners, der Gebrechen anderer Bekloppter zielsicher erkennt und mit einfachen Hausmittelchen kurieren kann, wo nicht komplexe Therapie nach neuerer Forschung als Mittel der Wahl gilt. Unbeirrt hält er Kleine-Levin-Syndrom (feuchtwarme Umschläge, Würfelzucker mit Zitronensaft intravitreal) und Mundgeruch (Thoraxeröffnung, Zäpfchen, Einäschern der Leiche) auseinander, der Medikus eigener Gnaden, und weiß als getreuer Beichtvater die irrationalen Ängste der umgebungsvariablen Dummschlümpfe zu nähren, aufzuplustern und am Punkt der Panik durch Kompetenzvortäuschung zu beseitigen. Mehr Macht hat keiner als der, der mit den Mehlmützen zu spielen weiß, die bei jeder Gelegenheit, ob auf der Familienfeier, ob im Kinofoyer oder am kalten Büfett, ihre intimsten Geheimnisse offenbaren, Gallen- und Hüftleiden, genug Stoff für die zwischenmenschliche Kommunikation im Flug der Stunden, denn das erst macht den Beknackten zum vollgültigen Mitglied seiner Gesellschaft: das ewige Genörgel, die zwecklose Klage über seine beschissene Befindlichkeit. Wahrscheinlich würde er ohne die Symptome einer schleichend tödlichen Auszehrung sofort krank. Diesmal wirklich. Und was dann kommt, das will erst recht keiner hören.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XLIII): Hypochonder

5 02 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenn die Tage langsam kürzer und die Nächte kühler werden, wenn der seit dem Spätsommer in den Kaufhallen angestaute Spekulatius zur Neige geht, wenn es fast weihnachtlich zu werden droht und langsam der November auf dem Kalender sich zu zeigen anschickt, kurz: wenn in europäischen Gefilden endlich wieder heimeliges Scheißwetter den Aufenthalt in geschlossenen, überdachten, beheizten Räumen zum erstrebenswerten Zustand macht, dann holt eine Armee zum grausamen Vergeltungsschlag an der restlichen Welt aus – das Heer der Hypochonder. Nur konsequente Inzucht, frühzeitiges Abtrainieren der Hirnzellenverwendung sowie monomanisches Herumvegetieren auf einer quasi punktförmigen Fläche dieser existenziellen Abschussrampe formerly known as Dasein kann den introspektiven Vollidioten zu diesen Höhen führen, die jeden anderen längst in die Regionen des großen Kopfaua geführt hätten.

Wann und wie die Hypochondrie ausbricht, ist bislang ungeklärt. Manche Beobachter gehen von naturbelassener Beknacktheit aus, die TV-Shows über die Schweinegrippe in die fatale Richtung triggern. Andere heben zwanghaftes Stöbern in Gesundheitslexika hervor, wobei eine Mehrheit den Konsum von Apothekenzeitschriften als Anfixe nicht vollkommen auszuschließen gewillt ist – Farbberichte über Ekzem, Reizblase und Gasbrand heben die verzweifelte Stimmung in der Krankheitsherde und füttern die imaginären Leider mit Hoffnung auf ekelhaftes Siechtum, Gebrechen im Endstadium, Auszehrung, Verfall und Schwund für die Galerie. Der professionelle Wahnkranke hakt im Laufe eines Tages routiniert ein komplett ausgebildetes Karpaltunnelsyndrom und ein besonders schönes Hirnödem ab, um dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, kurzfristig an Milchschorf zu verscheiden. Flexibilität ist der zweite Vorname dieses Bescheuerten, er ist in der Lage, Spitzenleistungen der Symptomatik zu vollbringen: aus beliebigen Krankheitszeichen wie trockenem Husten, leichtem Ziehen in der Hüfte oder spontanen Schädelfehlbildungen schwiemelt er neue Seuchen, die fast immer wenigstens ein Opfer fordern – den Arzt, der sich das dünn angerührte Kasperletheater des Behämmerten antun muss.

Chronische Fälle sind sogar in der Lage, mit ihren darstellerischen Fähigkeiten einen Grand mit Viren auszuspielen und, obzwar gesund, ein ganzes Wartezimmer mit Schweinegrippe zu infizieren. Überhaupt liegt der Verdacht nahe, Hypochonder pflegten ein unnötig enges Verhältnis zu den Präparatproduzenten. Denn sind Krankheitskomiker ohnehin schon die geborenen Vollopfer, machen sie sich auch noch freiwillig zu Versuchskaninchen der Pillendreherkonzerne. Als wäre diese Form von Beklopptheit noch medikamentös zu bekämpfen.

Man könnte sie ja ignorieren, wenn sie nur geschwächt darniederlägen und verzweifelt ihr Lebensende abwarteten – doch sie tun uns den Gefallen leider nicht. Stattdessen toben Kompanien herzrhythmusgestörter Schlaganfallpatienten von einem unschuldigen Gesunden zum nächsten, um allen mit chirurgischer Präzision die Einzelheiten von Nachtschweiß, Blutzuckergehalt und neuropathologischen Ausfällen vorzuschwallen. Selten verstirbt einer der Wahrnehmungsgestörten, eher handelt sich die geplagte Umwelt ein Burnout-Syndrom mit einer Extraportion Ohrenkrebs ein.

Was einen richtig in die Nähe der Hirnembolie treibt, ist die egozentrische Selbstverständlichkeit, mit der die psychosomatischen Nervbeulen sich ihre Vorzugsbehandlung unter den Hohlpflöcken dieser kranken Gesellschaft herausnehmen. Denn wer ist dafür verantwortlich, dass der Hausarzt nach stundenlangem Geschwätz mit dem Jammerbeutel gepudert zusammenklappt und keine Luft mehr für andere Erkrankte hat? Wer organisiert Busreisen, um gleich als Hundertschaft den Verkaufsraum der Apotheken zu verstopfen, damit Rheumapflaster und Kopfschmerztabletten gegen Pest, Pocken und Plattfüße die Nasszellenschränkchen aufpolstern? Vielleicht erwarten sie, für die das Leben Schmerz und schlechte Verdauung, Masern und Juckreiz ist, Ziel und Zweck der ganzen Aktion sei, irgendwann gewaltig eins aufs Maul zu kriegen und endlich einen handfesten Grund zur Beschwerde zu haben.

Doch inzwischen haben sie die Heilpraktiker entdeckt; hoffen wir das Beste, dass sie sich mit den Hundertsassas unter den Scharlataneriefachkräften kurzschließen und den perfekten Deal aushandeln, eingebildete Therapeutika gegen eingebildete Krankheiten, um den anderen Mitgliedern der kranken Kassen nicht mehr auf den Senkel zu gehen. Bald werden die Homöopathen nachziehen, man ahnt schon, wie sie reinen Luftsauerstoff in destilliertem Wasser aufquirlen und Zuckerperlchen gegen geträumtes Rheuma drehen – die Hirnazubis sind wieder unter sich, die einen geben sich ihrer eingebildeten Krankheit hin, die anderen der kranken Einbildung, ihre Placebojonglage sei sinnvoller als Schmeißfliegendressur. Wer weiß, ob dies nicht eine der Geschmacklosigkeiten ist, mit denen uns die Evolution nachhaltig zeigen will, wie überbewertet doch die Vernunft ist.