Gute Besserung

21 10 2010

Seine Augen flackerten wirr, seine Hände krallten sich in meine Rockaufschläge. „Bitte lassen Sie mich nicht alleine!“ Säcker war wirklich mit den Nerven am Ende, er blickte sich um wie gehetztes Wild, und schon beim kleinsten Laut zuckte er in sich zusammen. „Da sind sie“, keuchte er, „da kommen sie wieder, sie wollen mich holen! Schnell, helfen Sie mir! Retten Sie mich!“

In der Tat hallten die Stiefeltritte ziemlich hart wider auf dem abgeschabten Linoleumboden des Katasteramtes. Säcker zitterte am ganzen Leib. „Sie müssen mir helfen, die dürfen mich nicht sehen, verstehen Sie?“ Ich schwankte hin und her, denn einerseits spürte ich Mitleid, andererseits kannte ich ihn und wusste, wie sehr mir seine weinerliche Stimme noch auf den Geist gehen würde. Schnell riss ich die Tür zu einem Abstellraum auf und schob ihn hinein. „So, marsch – ich hole Sie raus, wenn die vorbei sind. Dann können Sie mir auch alles erklären.“ Ehe ich mich versah, hatte er mich auch schon am Schlafittchen gepackt. Eisern klammerte sich sein Griff um meinen Arm. „Sie kommen mit“, presste Säcker hervor. „Sie werden mich jetzt nicht allein lassen!“ Und er zerrte mich mit sich in das enge, staubige Gelass, in dem es kein Licht gab, keine Glühbirne an der Decke, keine Möbel, nur durcheinandergewürfelte Stühle und Kisten und Kästen und Tische und Landkarten und etwas sehr dicht von Spinnweben Verhangenes, das aussah wie ein überdimensionales Kaninchen in Grüngrau, aber ich hatte mich wohl getäuscht.

Er schlängelte sich sofort zu dem Fenster, das auf den Innenhof ging, ruckelte die Klemmhaken beinahe lautlos auf und öffnete die Scheibe einen winzigen Spalt weit, gerade so viel, um die Nase in die nieselige Nebelluft zu stecken. Hastig steckte er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie an und inhalierte tief den Tabakrauch. „Das ist echt furchtbar“, stammelte er. „Sie machen sich keine Vorstellung, wie es hier seit der Reform zugeht. Wir werden gegängelt wie die Kleinkinder, ausgespäht, niedergemacht – es ist eine Schande!“ Ich rieb mir das Kinn. „Sie sagten doch, Sie selbst hätten die FDP…“ „Nie wieder!“ Säcker blitzte mich aus zornigen Augen an. „Im Leben nicht! Dieses Pack hat doch nichts anderes zu tun als das ganze Volk in die – Vorsicht!“ Hastig schmiss er die Zigarette aus dem Fenster, zog es wieder zu und kauerte sich auf den Boden. „Kommen Sie runter“, wisperte er mir zu. „Wenn sie die Tür öffnen, wird man Sie sehen.“

Einigen Minuten später schlenderten wir ganz unauffällig über den Korridor des Südflügels, als wir in die beiden Schwarzgekleideten hineinliefen. „Dann wollen wir doch mal“, grinste der dicke Kahlkopf, „wir hatten ja schon das Vergnügen.“ Er klopfte Säcker am ganzen Körper ab, als hätte der an seinem Körper Schusswaffen versteckt. Ich fuhr in die Hosentasche, um mir die Nase zu putzen; zu meiner Überraschung ertastete ich ein Päckchen Zigaretten. Der kleine Mann im schwarzen Hemd wackelte ein bisschen mit dem kümmerlichen Schnäuzer, blieb aber stumm. Da zog der Dicke mit einem Wutschrei ein Bonbonpapier aus Säckers Brusttasche. „Da haben wir’s ja!“ Höhnisch rieb der Fettsack ihm das Fetzchen Zellophan unter die Nase. „Fruchtmanns Sahnetraum – das können wir uns also leisten bei unserem Gehalt? Mit diesen Zuckerbomben sorgen wir für Fettsucht, Zahnausfall und steigende Gesundheitskosten?“ „Ich habe es nur eingesteckt, weil meine Tochter keinen Papierkorb gefunden hat!“ Säcker rang seine Hände. „Sie müssen mir das einfach glauben!“ Der Fette ließ ab von ihm. „Einmal noch“, zischte er, „dann zahlst Du zwanzig Prozent höhere Beiträge!“

„Was war denn das?“ Säcker schaute mich entgeistert an. „Sie lesen wohl keine Zeitung, was? oder sind Sie nicht gesetzlich krankenversichert?“ Beschämt blickte ich zu Boden. „Das ist diese Kontrolltruppe, die darüber wacht, dass sich die gesetzlich Versicherten regelkonform verhalten. Nur in Maßen Zucker und Fleisch und Fett und Salz, kein Alkohol, Rauchverbot…“ „… während die Politiker sich fotografieren lassen mit Haxe und Knödeln und einer Maß Bier, stimmt’s?“ „Stimmt“, grantelte Säcker. „Und sie sind ewig hinter uns her. Überall muss man mit den Health Angels rechnen.“ „Mit wem?“ Ich konnte es nicht glauben. „Wie immer, sie haben eine externe Marketing-Agentur mit der Sache beauftragt, und als die gehört haben, dass es um einen FDP-Minister ging…“ „… also um Gewalt, Prostitution, Schutzgelderpressung und finstere Machenschaften im Hinterzimmer…“ „… fiel ihnen natürlich sofort das hier ein. Health Angels. Tätig für Röslers Gesundheitsdeformation: wer einmal bei einem Regelverstoß erwischt wird, zahlt zehn Prozent mehr, dann zwanzig, und ab fünfzig Prozent wird man rausgeschmissen.“ Ich stutzte. „Sie haben aber doch schon die zwanzig angedroht bekommen?“ Säcker schnaufte. „Vorige Woche haben sie mich in der Kantine erwischt, als ich den Salzstreuer über das Eibrötchen hielt. Ich habe nicht zweimal gesalzen, wie es meinem Beitragssatz entspricht, sondern dreimal.“

Da standen sie auch schon in der Glastür. Ein hagerer Mittdreißiger, schlecht rasiert, innen und außen verknittert, ein aufgeschossener Blondinerich mit straff zurückgekämmten Haaren und Quarkhaut über dem schütteren Bartwuchs. „Dann wollen wir mal“, ließ der schneidige Obermotz seine betont joviale Stimme vernehmen. „Haben Sie denn auch Ihre zuckerfreien Erfrischungswaren dabei, wie es Regel 562 vorschreibt?“ Säcker nestelte verzweifelt in seinen Anzugtaschen, unterdessen musterte mich der Lange. Spott spielte um seine Lippen. „Ich wette“, sagte er in einem schneidenden Tonfall, „bei Ihnen wird es gleich schmerzhaft, wenn auch nicht für mich.“ Ruckartig hielt ich ihm den Ausweis unter die Nase – es war, ich muss es zugeben, nur die Kundenkarte von Böhmanns Tapetenparadies, mein Arbeitszimmer hatte es schon seit über einem Jahr nötig gehabt – und sah, wie er zusammenfuhr. „Ich wusste nicht, dass Sie von der Revision sind“, stotterte der Kassenrambo, „Sie waren doch gar nicht angekündigt.“ „Keiner erwartet die Spanische Inquisition“, fauchte ich. „Und jetzt zu uns beiden, mein Lieber. Ich werde den Vorgesetzten des Vorgesetzten Ihres Vorgesetzten zusammenfalten, wenn Sie nicht kooperieren, klar?“ Ein beflissenes Nicken gab mir Antwort. Ich wandte mich an den Unrasierten. „Gefrühstückt?“ „Zwei Scheiben Vollkorn, zuckerfreie Marmelade, eine Tasse Tee ohne Zucker und Milch, ein dreiviertel Glas Orangensaft aus Orangensaftkonzentrat.“ „Und kein Apfel?“ Er guckte verschüchtert. „Bin ich denn hier von Idioten umgeben“, brüllte ich ansatzlos, „wozu erlassen wir denn die Dienstanweisungen, wenn es keine Sau liest? Das Ministerium hat doch vor drei Tagen festgestellt, dass ein Apfel zwanzig Prozent des täglichen Bedarfs an Ballaststoffen enthält – das Polyphenol senkt sogar den Cholesterinspiegel!“ Ich verlor langsam wirklich die Contenance.

Die Verhandlungen selbst dauerten nur wenige Minuten; Säcker würde ab sofort seine Ruhe haben, die Sherifftruppe ein Haus weniger kontrollieren, und die Ein-Euro-Jobber müssten nicht um ihre Zukunft in der Sicherheitsfirma bangen. Der blonde Schlacks dankte mir überaus herzlich. „Ach, nicht der Rede wert“, wehrte ich gelassen ab und ließ das Zigarettenpäckchen in seine Hand gleiten. „Und wenn Sie mal eine Quelle brauchen, wissen Sie ja Bescheid.“





Zückerchen

29 09 2010

„He, Sie können da nicht rein!“ Das Männchen mit der Butterbrottüte auf dem Kopf turnte aufgeregt auf und ab und versuchte, mich am Betreten der Werkshalle zu hindern. „Lassen Sie es gut sein“, beschwichtigte Direktor Kortzfleisch den Kollegen von der Sicherheitsabteilung. „Der Herr ist nur zu Besuch.“ Damit öffnete er mir die Tür. Das also war die Produktionsstätte der Tablettenfabrik.

Aus einem großen Trichter rasselte die Flut von kleinen, roten Pillen in einen kleinen Trichter, der sie in ein noch kleineres Rohr wieder verschwinden ließ. Einige Meter daneben knatterten blaue, daneben zartgelbe Tabletten in die metallenen Schlünde der Verpackungsmaschinen. „Dreihundert Filmtabletten pro Sekunde“, schrie Kortzfleisch mir ins Ohr, denn die Apparatur rauschte und ratterte gewaltig laut durch die hallende Halle. „Normale Dragees mit Lacküberzug kommen auf vier- und die einfachen Pillen auf fünfhundert Stück, das macht dann 1,8 Millionen in der Stunde!“ Stolz schwenkte er den Arm über sein kleines Reich. „Die Produktion im Inland lohnt sich wieder, wir haben dank der Auftragslage letzte Woche zwei Mann neu angestellt, die uns bei den neuen Produkten helfen.“ „Es ist ja nicht ganz einfach heutzutage“, brüllte ich zurück. „Gute Pharmazeuten muss man wohl suchen, und dann sollte man auch Erfahrung in der Forschung haben, wenn man bei Ihnen arbeitet.“ Er blickte mich verständnislos an; dann drehte er sich um und schritt zur nächsten Maschine.

„Retardkapseln“, belehrte mich Kortzfleisch, „sind eine der großen Herausforderungen, vor allem diese Fertigung, die mit einer speziellen Mischung angefüllt ist.“ Mit der hohlen Hand fischte er eines der länglichen Gelatinedinger aus dem Strom, der sich das Fertigungsband hinab wand. Er drehte die Kapsel, die aus einem durchsichtigen Ende sowie einem weißlichen bestand, mit den Fingern auf und schüttete den Inhalt in seine Handfläche: rote, gelbe und grüne Kügelchen, ganz klein und zierlich. „Je nach Sorte müssen wir entweder die roten Kugeln im Verhältnis eins zu drei zu den grünen mischen, oder wir haben doppelt so viel grüne wie gelbe. Oder die gelben sind halb so viele wie die roten. Das steht hier irgendwo auf dem Zettel.“ Er fischte nach einem Stück Papier, das an der Seite der Anlage klebte. „Hier steht es ja, Clodimex forte, Dormoluna, Ribomukicalzin Globuli.“ „Globuli?“ Er runzelte erneut die Stirn. Weiter.

Träge und ölig plätscherte der Saft in den Kessel und blubberte vor sich hin. Es roch süßlich. „Sie können es variieren“, teilte Kortzfleisch mir mit. „Ein Teil der Produktion wird mit dem typischen Lakritzaroma versehen, wie man es aus Hustensaft oder Halsmedizin kennt, aber Sie können es auch mit Orangen- oder Zitronengeschmack herstellen, für einen Stärkungstrunk beispielsweise oder in einer Arznei speziell für die Kinderheilkunde. Desgleichen haben wir auch eine kleine Partie mit Eukalyptus und seit einigen Tagen“, hier öffnete er einen kleinen Hahn und ließ etwas von der wasserklaren Flüssigkeit in ein Reagenzglas laufen, „stellen wir es auch mit Wildkirschgeschmack her.“ Er reichte mir das Probiergläschen herüber; der Saft schmeckte süßlich nach geschmolzenen Bonbons, fürchterlich künstlich und nicht einmal ansatzweise nach Kirschen. „Was haben Sie denn in dieses Zeug bloß hineingetan“, keuchte ich, „das ist ekelhaft!“ „Wasser und Zucker“, verteidigte sich Kortzfleisch. „Ein ganz normaler Zuckersirup mit dem Aroma, das Sie auch aus den Drops kennen, die man Ihnen in der Apotheke verkauft.“ „Und wogegen ist dieses Kirschzeugs?“ „Das wissen wir noch nicht, daran arbeiten ja die beiden Neuen.“ „Ihre Pharmazeuten müssen erst noch herausfinden, wogegen diese Plörre hilft?“ „Es sind keine Pharmazeuten. Es sind ein Marketing-Experte und ein Chemiker.“ „Ein Chemiker?“ „Ein Lebensmittelchemiker, um es genau zu sagen.“

Kortzfleisch lehnte an der Maschine und steckte die Hände in die Kitteltaschen. „Schauen Sie mal“, begann er schuldbewusst, „wir machen doch nichts Schlechtes. Wir nutzen auch niemanden aus. Aber um heute noch wirtschaftlich fertigen zu können, muss man sich schon eine Menge einfallen lassen.“ „Und da haben Sie das wirkungslose Medikament erfunden?“ „Nicht wir“, korrigierte er mich. „Nicht wir haben das in die Welt gesetzt, daran war der Gesundheitsminister ebenso beteiligt.“ Ich nahm eine der Schachteln aus der Verpackungsstraße. „Aha, Röslerol complex. Daher weht der Wind.“

„Sie müssen das begreifen. Die Branche ist nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren, jetzt sind unsere Gewinne ernsthaft in Gefahr.“ „Sie wollen damit sagen“, forschte ich nach, „dass Sie Medikamente ohne Wirkstoff produzieren?“ „Es ist legal“, beharrte Kortzfleisch. „Nach der Regelung mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss müssen wir nicht mehr nachweisen, dass die Medikamente zweckmäßig sind. Vielmehr muss man uns das Gegenteil beweisen.“ „Was bei etwas Zucker und Wasser nicht so einfach sein dürfte.“ Er nickte. „Was nicht wirkt, hat ja auch keine schädlichen Nebenwirkungen, oder? Sehen Sie es einmal von dieser Seite.“ Ich packte ihn am Kragen. „Dafür überschwemmen Sie den Medikamentenmarkt mit Ihren sinnlosen Zückerchen und können für den Krempel auch noch die Preise diktieren – und den Ärzten befehlen, was sie zu verschreiben haben.“ Er wand sich, doch ich ließ nicht locker. „Und wieso eigentlich: Ribomukicalzin Globuli?“ „Wir müssen doch auch den homöopathischen Markt bedienen. Gäbe es nicht genug Dumme, glauben Sie, dieser Rösler wäre je an sein Amt geraten?“





Ärzte ohne Grenzen

13 05 2009

Die Fälle häuften sich. Der Hartmannbund ließ die Alarmglocken läuten. Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland standen – so war einer objektiven Selbsteinschätzung ihrer Lage zu entnehmen – kurz vor dem Zusammenbruch. Zwar wurde keiner von ihnen mit Symptomen eines drohenden Burnout in der Praxis eines Standeskollegen vorstellig, auch Belege für die Existenz von Hungerödemen waren bislang nicht auffindbar. Leonhard Hansen, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, plädierte dafür, die Praxisgebühr deutlich zu erhöhen. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei dringend nötig, um die Mediziner in Deutschland vor dem Ruin zu erretten. Nicht mehr zehn Euro pro Quartal, zehn Euro pro Arztbesuch seien zu entrichten, sonst sei an wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken.

Der Marburger Bund äußerte sich nicht. Dies mag daran gelegen haben, dass der zuständige Arzt, ein Unfallchirurg an einem Universitätsklinikum in Süddeutschland, nach zwei 72-Stunden-Schichten in Folge einfach vergaß, die E-Mail zu beantworten. Der Verband stand in der Kritik sowie kurz davor, von der Lobbyliste des Deutschen Bundestags zu fliegen. So viel Pflichtvergessenheit ging zu weit.

Unvorsichtigerweise hatte ein Jungmitglied des Medizinerclubs in einer Podiumsdiskussion die Meinung geäußert, man könne durch Leistungs-, notfalls durch Effizienzsteigerung einen besseren Praxisbetrieb herbeiführen. Der Saal schrie ihn mit der Parole Mehr Geld für weniger Arbeit von der Bühne. Zu seinem Glück befanden sich genug Ärzte unter den Anwesenden, um die offenen Knochenbrüche zu versorgen.

Ein erstes Opfer der Auseinandersetzung war Harald Klöbenstöcker. Der bei seinen Fachkollegen beliebte Gynäkologe wurde dabei ertappt, wie er am Quartalsende heimlich Krankenblätter sortierte, statt wie vereinbart zum Golfturnier zu erscheinen. Klöbenstöcker wurde regelrecht zu Tode gehetzt. Er hielt dem Druck, der auf ihm lastete, nicht lange stand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte, dass seine Zulassung entzogen werden musste. Der Geburtshelfer musste den Zweitferrari binnen Jahresfrist veräußern. Er begann, sein Kokain mit Puderzucker zu strecken. Seine minderjährige Geliebte seilte sich ab, so dass seine Frau schließlich die Scheidung zurückzog. Man fand ihn leblos in seiner Jagdhütte.

Hansen hielt eine ergreifende Trauerrede. Er forderte zügige Konsequenzen. Die Hemmschwelle, ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sei immer noch zu niedrig. Dies müsse sich ändern.

Der Fall eines Allgemeinmediziners blieb indes unklar. Nicht der Fall von der Dachterrasse seines Penthouses stand in Zweifel, die Motive lagen noch im Dunklen. Hatte der junge Doktor Heimann die Geburt seiner ersten Tochter nicht verkraftet? War es der Lotto-Jackpot gewesen, der ihn nervlich anspannte? Immerhin hatte er eine Kassenpatientin noch am selben Vormittag in den Behandlungsraum gebeten, und das bereits zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Meniskus bereitete ihm Sorgen. Ein klarer Fall von Überarbeitung, schloss Hansen. Der Suizid war ein Warnsignal gewesen – Versicherte seien sich nach wie vor nicht der Tatsache bewusst, dass ihre ständigen Arztbesuche eine massive Berufsstörung darstellten, die nichts als Kosten verursacht. „Wenn die Arztbesuche auf die notwendigen Fälle reduziert werden könnten“, philosophierte der Medizinmann, „wird es auch weniger Wartelisten geben.“

Die von der EU-Wettbewerbskommissarin angeregte und auch finanzierte Studienreise der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach Island war zunächst von den Mitgliedern rege angenommen worden. Eine Woche Baden in heißen Quellen, Verkostung von Stockfischspezialitäten, ein Live-Konzert des Isländischen Streichoktetts im Medizinmuseum Nesstofa, das Rahmenprogramm versprach schöne Tage an den nordatlantischen Gestaden. Doch was als heiterer Betriebsausflug in den malerischen Inselstaat geplant war, entpuppte sich als Höllenfahrt. Reykjavík zeigte sich von seiner schönsten Seite. Schon am zweiten Tag ging der erste Studienfahrer – im Zivilberuf Urologe aus dem Saarland – zum Arzt. Das leichte Halskratzen, das er verspürte, mag an der trockenen Heizungsluft gelegen haben, denn er weigerte sich, die Fenster seines Hotelzimmers auch nur einen Spalt weit zu öffnen. Þorfinnur Vilhjálmsson, seines Zeichens Hausarzt in der Hauptstadt, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für eine eingehende Untersuchung. Er empfahl als Therapie frische Luft, Halsbonbons und die baldige Abreise.

So kam am Ende doch heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung ihren Mitgliedern um jeden Preis zu verschweigen versucht hatte: die Isländer hatten längst vor der medizinischen Überversorgung kapituliert. Vereinzelt gab es noch ein Ausweichen in die Masse, das die Skandinavier zur höchsten Blüte getrieben hätten – statt zehn Patienten in der Stunde zu verarzten, kurierten die Heiler nun die Hälfte mit dem doppelten Aufwand und natürlich zu doppelten Kosten, ganz wie in Deutschland – denn auch hier krankte das Gesundheitswesen am Patientenmangel, auch hier dokterte die Wirtschaft den Krankenstand auf ein immer tieferes Niveau. Zehn Prozent der Ärzte waren bereits auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen, da ihre Einkünfte den Sozialhilfesatz unterschritten. Fast ebenso viele fanden sich auf pragmatische Weise damit ab, eröffneten erst gar keine Praxen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer, Fischer oder Landwirt. Immerhin hatten diese Berufe bei ihren Landsleuten ein hohes Ansehen, was man von der Medizinertätigkeit nicht gerade behaupten konnte; das Sozialprestige der Halbgötter in Weiß zeichnete sich dadurch aus, dass es nicht vorhanden war.

Zahlreiche Mitglieder der Reisegruppe erlitten ad hoc posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kardiologin ereilte der Infarkt. Ein Dermatologe bekam nervös bedingten Hautausschlag. Schwere Depressionen bemächtigten sich zweier Orthopäden aus Erlangen. Angeschlagen kehrten sie zurück. Sie blieben dauerhaft berufsunfähig. Es ist bis heute unklar, wann sie wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung war es ihnen bisher nicht gelungen, einen Termin zur Erstuntersuchung zu erhalten. AOK-Schmarotzer, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dürfen auch weiterhin warten. Bis der Arzt kommt.





Geld oder Leben

22 04 2009

Jonas hielt das leere Glas in die Höhe und nickte Kalle zu. Während der Wirt eine neue Runde zapfte, nestelte Jonas in seinen Jackentaschen und griff schließlich zu meinen Zigaretten. „Wie jetzt“, wunderte ich mich, „Du rauchst wieder?“ Dem Husten nach schien er bis vor Kurzem tatsächlich dem blauen Dunst entsagt zu haben, und doch sog er mit tiefen Zügen am Glimmstängel. „Meine Altersvorsorge“, paffte er, „man muss ja schließlich auch an seine Angehörigen denken.“

Er zog einen Prospekt des Versicherungsbüros Bronnstatter hervor. Riesige Geldsummen wurden dort geboten. „Und genau deshalb“, erklärte Jonas, „muss ich jetzt wieder rauchen. Als Vorleistung, Du verstehst?“ Ich verstand gar nichts, und Jonas erklärte es mir. „Du hast doch bestimmt von der amerikanischen Witwe gehört, die vom Obersten Gerichtshof der USA 145 Millionen zugesprochen bekommen hat, weil ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war, oder nicht? Genau das ist meine Lebensversicherung.“ „Du willst damit andeuten, dass Du auf eine Entschädigung spekulierst, wenn Du Dir jetzt die Bronchien zuteerst? Entschuldige mal, wie krank ist das denn?“ „Irgendwas muss man doch machen. Wer weiß, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickelt.“ Das glaubte ich ihm sofort. Schließlich hatte er als Heilpraktiker den Überblick über das Versicherungswesen.

Bronnstatter hatte es ganz genau ausgerechnet. Wer nachweisen könnte, dass er an den Folgen des Rauchens verstorben sein würde, bekäme volle fünf Millionen Euro. Eine Menge Geld, auch wenn man selbst nicht mehr viel davon sähe. Ich lächelte ironisch. „Das ist ja mal eine innovative Form von Menschenfreundlichkeit.“ „Nicht wahr“, antwortete Jonas, „und er selbst dürfte bei der Höhe der Entschädigung immer noch einen guten Schnitt machen. Allerdings ist das mit gewissen Auflagen verbunden. Ich muss mich regelmäßig untersuchen lassen.“ Gut, wandte ich ein, das müsse man ja inzwischen auch bei einer ganz normalen Krankenversicherung, warum nicht also auch bei einer Kapitallebensversicherung? „Falsch, es ist ein Risikomodell – man muss immer noch damit rechnen, dass der Supreme Court nur die üblichen 800.000 Dollar ausspuckt, dann rechnet es sich natürlich nicht.“ Und dann? Schon malte ich mir aus, wie seine Hinterbliebenen für Jahrzehnte gegen die Tabakindustrie prozessieren würden, um seinen verschwenderischen Lebenswandel zu bezahlen. „Das stört mich weniger, immerhin haben wir mit diesem Urteil einen Präzedenzfall. Es dürfte nicht ganz so lange dauern. Aber wie gesagt, die Summe könnte niedriger ausfallen, und deshalb haben wir die Anlage ein bisschen gestreut.“

Das Faltblatt aus dem Hause Bronnstatter gab mir Auskunft. Jonas hatte zusätzlich eine Nikotin-Alkohol-Kombination abgeschlossen. „Ich bin jetzt bei einem 50-zu-50-Modell, das heißt, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekomme ich dieselbe Rendite wie jeweils für Lungenkrebs oder Leberzirrhose. Toll, oder?“

Kalle stellte uns die beiden Pilstulpen auf den Tisch und zückte seinen Kugelschreiber. Da erst fiel mir auf, dass der Deckel bereits mit Strichen übersät war.

„Aber die laufenden Kosten! Stell Dir vor, Du bekommst einen Herzinfarkt, die Bypass-Operation würde Dich ruinieren!“ „Ach was“, lächelte Jonas, „alles halb so schlimm. Das Paket enthält natürlich eine günstige Krankenversicherung. Wer so gezielt ungesund lebt, spart richtig Geld. Je früher weg vom Fenster, desto weniger teure Intensivmedizin – ein Friedhof ist billiger als ein Pflegeheim. Ich muss nur durch regelmäßige Tests nachweisen, dass ich mich an die Bedingungen halte.“ Und er fischte sich die nächste Kippe aus meinem Päckchen.

„Jetzt wird mir auch klar, warum Du mit dem Joggen aufgehört hast.“ „Doch, schon“, gab er zu, „aber ich gleiche das durch die Zusatzversicherung für Sport aus.“ „Du treibst Sport? Wie kann das ungesund sein?“ Er druckste herum. „Ein bisschen schwierig war es schon, aber schließlich kann ich damit bis zu einem Drittel der Beiträge sparen. Es war etwas schwierig wegen meiner Höhenangst, aber ich habe mich für Gleitschirmfliegen entschieden.“ Und er orderte die nächste Runde.

Was würde uns da noch drohen? Preisnachlässe für Junkies? Raserrabatt? Ein Bonusprogramm für termingerechten Suizid? Andererseits hatte auch ein deutscher Amtsrichter bereits, wenngleich erfolglos, geklagt, weil er nach der lebenslangen Mastkur mit Schokoriegeln fett und diabetisch geworden war; das Geschäftsmodell hatte offensichtlich bereits gesellschaftliche Akzeptanz erlangt, zwar vorerst nur in Juristenkreisen, aber der geistig gesunde Teil der Bevölkerung würde schon noch nachziehen. Das also würde die Zukunft des Sozialstaats sein: wir alle würden uns aufopferungsvoll um unsere Versicherungen kümmern und die Vorsorge in die eigene Hand nehmen, statt untätig auf die Rente zu warten.

Ein Piepsen riss mich aus meinen Überlegungen. Jonas drückte eine Taste auf seinem Telefon und streifte hastig seine Jacke über. „Verdammt, fast hätte ich es verpasst – ich muss unbedingt sofort zwei halbe Hähnchen essen. Man weiß ja nie, ob die einen nicht doch kontrollieren!“