Triller unterm Pony

17 12 2018

„Sie können die Hand aber noch bewegen? Na, dann ist ja halb so wild. Ich sage immer, Hand verstaucht ist kein Beinbruch, hahaha!

Ich bin Sachbearbeiter und kein Arzt, und deshalb kann ich vermutlich auch die bessere Kosten-Nutzen-Rechnung erstellen. Im Prinzip ändert sich da ja auch gar nichts im Vergleich zu vorher: Sie übernehmen die Kosten, wir haben den Nutzen. Also liefern wir als Krankenversicherung auch eine Mischkalkulation, die alle Interessen gleichermaßen befriedigt. Gut, nicht immer Ihre, aber versetzen Sie sich zum Beispiel mal in die Lage eines Aktionärs, oder in die Lage eines Ministers. Der Aktionär wird sehr genau auf die betriebswirtschaftliche und die juristische Leistung der Kassen achten, und dann wird er auch den Minister genau informieren, was er zu tun hat. Und da muss man praxisorientiert vorgehen, sonst orientiert sich bald der ganze Medizinbetrieb weg von den Praxen.

Starke Kopfschmerzen, sagen Sie? schon seit gestern? Sie rufen erst jetzt an? Ja gut, die Hotline ist manchmal schon sehr dicht, aber wenn Sie die Warteschleife mit Werbung nehmen, dann sind Sie im Schnitt bis zu zwölf Stunden schneller bei einem Mitarbeiter. Die andere Leitung gibt es nicht mehr? Da sehen Sie mal, was der Minister für eine betriebswirtschaftlich herausragende Arbeit macht. So ein Preis-Leistungs-Verhältnis zu einer Seite aufzulösen, also alles in Richtung Preis, das ist bestmögliche Politik. Hören Sie? Kopfschmerzen sind nicht tödlich, ich habe gerade noch mal nachgeschlagen, für den Fall der Fälle liegt hier immer noch ein altes Gesundheitslexikon. In den Siebzigern gab‘s ja auch schon Kopfschmerzen, da brauchen Sie für den heutigen Kostensatz keine Hexerei zu erwarten.

Schwierig wird es ja bei Hypochondern, also bei Krankheiten, die man nicht an den Symptomen nachweisen kann. Depressionen beispielsweise, oder wenn jemand eine schwere schizoide Störung hat. Triller unterm Pony. Erkennt man auch nicht sofort, und wenn Sie ein bisschen findig sind, werden Sie damit sogar Minister.

Nee, Krebs machen wir jetzt auch mit. Haben Sie schon Erfahrung damit? wir nämlich nicht. Für Hautkrebs hatten wir bis vor sechs Wochen eine Kollegin, die hat sonst die ganzen Solariumskunden betreut, aber Lunge sagt mir jetzt nichts. Nächste Woche haben wir einen Finanzexperten da, der hatte schon mal einen Hinterwandinfarkt, aber das wird Ihnen jetzt auch nicht groß weiterhelfen.

Wie gesagt, Depressionen. Bei der aktuellen Stimmungslage kann man ja nur noch schwermütig werden. Insofern ist da genug Vergleichspotenzial vorhanden und Sie können mit Ihrem Knacks auch zum Hausarzt. Wie gesagt, es spart alles Kosten, und die Zusatzbeiträge für die obere Mittelschicht, die sich noch nicht privat versichert hat, können auch gesenkt werden. Wenn Sie vorher noch ein paar Fachleute überzeugen müssen, dass wirklich ein medizinisches Problem vorliegt, dann stärkt das unter Umständen sogar Ihr Selbstbewusstsein, und dann kommen Sie als geheilt wieder raus. Also etwa wie bei einer Abtreibung.

Wissen Sie, wir hatten noch nie einen Patienten mit Impotenz. Wissen Sie woran das liegt? Das bilden die sich nämlich alle nur ein. Wenn sie echt davon betroffen wären, dann würden sie doch hier anrufen. Wir sind kostenlos, anonym, hier werden keine Gespräche aufgezeichnet, also warum sollte man hier nur anrufen, wenn man gerade Grippe hat? Wir hatten hier kürzlich den Fall von einer Frau, natürlich alleinerziehende Mutter, die klagte über Erschöpfungszustände. Damit geht man doch heute nicht mal mehr zum Allgemeinarzt, ich bitte Sie – der sagt Ihnen doch, beste Frau, wenn man nicht frieren will, dann duscht man eben nicht kalt. Wir sind ja als Instanz des Gesundheitswesens hier nicht nur eine zusätzliche Kostenstelle, wir stecken auch bis zum einem gewissen Maß den Rahmen ab, innerhalb dessen ein Gesundheitswesen überhaupt funktionieren kann. Wenn wir dann später mal eine gewisse Praxistauglichkeit eruiert haben, können wir sicher auch sagen, welcher von den Vorschlägen hier ernsthaft in Betracht kommt, aber bis dahin ist für uns dies Modell erstmal die Arbeitsgrundlage.

Sinnlose Aggressionen? Kann ich verstehen, das haben wir öfters. Haben Sie es schon mal mit Sport versucht? Ausländerhass? Hm, das hört sich nicht so gut an. Sicher sind Sie durch Ihre momentane Erwerbslosigkeit im – Sie haben Arbeit? Eigener Handwerksbetrieb? Was wollen Sie denn noch? Da kann Sie ja nicht mal der Chef absägen, sondern nur die Bank, hahaha!

Er ist bis jetzt noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, da müssen wir sehr vorsichtig sein. Wegen der Folgekosten. Außerdem steht in der Zeitung sonst bestimmt wieder, dass manisch-depressive Verstimmungen in die geschlossene Abteilung gehören, auch außerhalb Bayerns. Das ist sicher kontraproduktiv.

Sind Sie noch dran? Also Sie würden jetzt gerne jemanden mit dem Schraubenschlüssel totschlagen, richtig? Schraubenschlüssel, habe ich notiert. Ja, totschlagen. Gut. Waren Sie schon mal bei uns? Dann müssten wir eine Akte haben. Erstanamnese? Warten Sie mal. Sie werden jetzt sofort jemanden um die Ecke bringen, wenn Ihr Antrag nicht bearbeitet wird? Ich könnte Ihnen, warten Sie, ich habe hier… Ach, wissen Sie was? Zimmer 1.44, das ist der Gang rechts und bei der Treppe nach oben. Da sitzt der Minister.“

Advertisements




Christlich-abendländische Marktwirtschaft

26 07 2018

„… mehr Sprechstundenzeit anbieten müsse. Spahn werde garantieren, dass sich die medizinische Versorgung in Deutschland bis …“

„… schon durch die Arbeitszeitregelung für Arzthelferinnen nicht machbar sei. Die angedachten Zeiten seien nur bei mindestens achtzig Stunden pro Tag zu leisten, wovon noch keine Pausen oder…“

„… zur Kenntnis genommen habe. Wer wegen einer auf Faulheit oder linkem Gutmenschentum basierenden Intellektschwäche in einem Beruf wie der Pflege oder anderweitig im Medizinsektor gelandet sei, solle seine parasitäre Existenz nicht zu Lasten der Leistungsträgerelite in Politik, Drogenhandel und…“

„… würden die vom Bundesministerium geforderten Allgemeinärzte schon dadurch gezielt gehindert, dass auch innerhalb der EU ausgebildete Mediziner nicht damit rechnen könnten, ihren Abschluss anerkannt zu bekommen. Dies liege in der Verantwortung des Bundesministeriums, das auf die Direktive des amtierenden…“

„… könne die medizinische Versorgung durch Arztbusse aufrecht erhalten werden. Spahn rechne nicht mit dem Nobelpreis, würde aber für seinen genialen Vorschlag die Ehrenbürgerwürde der EU nicht…“

„… bei gleichem Gehalt arbeiten müsste. Dass eine 485-Stunden-Woche nicht tariflich gedeckelt werden könne, betrachte das Ministerium mit einer erleichterten Haltung, da sonst schwere soziale Unruhen in handwerklichen Berufen, unter Niedriglöhnern sowie den…“

„… das Lohnabstandsgebot eingehalten werden müsse. Die Höhe des Arbeitslosengeldes II müsse daher auf etwa einen Euro pro Monat absinken, um die Aufnahme einer Tätigkeit im Medizinsektor nicht mutwillig zu…“

„… bisher nur für Kostgänger der Gesellschaft wie Drogensüchtige, Obdachlose oder Prostituierte bereitgestellt worden seien. Wer es aber trotz aller Hilfestellung durch die christlich-abendländische Marktwirtschaft noch nicht geschafft habe, Bundesminister zu werden, für den sei ein Arztbus genau die richtige…“

„… den Terminservice aus Kostengründen nur bundesweit anbieten werde. Dies beuge auch einer mutwilligen Benutzung der Telefonnummer vor, da ansonsten jeder Patient, der nicht unter akut lebensbedrohlichen…“

„… Fachärzte nicht von den Sprechstunden betroffen seien. Pro Arzt könne das Ministerium monatlich ein Kontingent von höchstens drei Minuten erwarten, die allerdings erst nach der Erledigung der für privat versicherte Patienten reservierten…“

„… die Arztbusse auch in strukturschwachen Gebieten wie Berlin, Köln, Stuttgart oder…“

„… chronisch erkrankte Patienten nicht dazu animiert würden, die Sprechstunden übermäßig zu nutzen. Es sei durchaus möglich diese mit einer gesonderten Wiedereinführung der Praxisgebühr von der…“

„… werde sich Spahn als zukünftiger Kanzler nicht herablassen, diese Debatte persönlich zu führen. Da er sehr gut wisse, dass Ärzte lediglich ehemalige Medizinstudenten seien, sei es unter seiner Würde, diese zu…“

„… die Hotline zur Terminvergabe durch eine Erhöhung der Kassenbeiträge aufgefangen werden könne. Sinnvoll seien derzeit Kopfpauschalen, die jedoch aus Solidaritätsgründen nur von den gesetzlich…“

„… es keine Ärzte gebe, um die Busse regelmäßig besetzen zu können. Die einzige Lösung sei es, Mediziner zwangsweise in die mobilen Behandlungsräume zu schicken, so dass diese in der eigenen Praxis nicht mehr zur…“

„… neben den chronisch Kranken auch die älteren Patienten nicht in die Praxis gelangen würden. Eine Mobilisierung durch die Buslösung sei ein wesentlicher Fortschritt für die Gesundheit des deutschen Volkes, das sich wieder zur alten…“

„… es bisher auch keine Busse gebe. Spahn habe dies zwar gewusst, es sei ihm jedoch nicht gelungen, dies Problem lukrativ zu…“

„… nicht in der Lage seien, ihre Ärzte aufzusuchen, obwohl diese längere Sprechzeiten anböten. Langfristig, so der Minister, werde dies eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt sowie bei den börsennotierten Pflegekonzernen einen deutlichen Anstieg der…“

„… nicht in Spahns Aufgabenbereich liege. Die Bereitstellung von Bussen sei ausschließlich eine Sache des Verkehrsministeriums, das in dieser Legislatur jedoch nicht handlungsfähig sei, da sich die CSU ausschließlich mit der Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme und die Islamisierung der christlich-abendländischen…“

„… auch gestaffelt wahrnehmen müssten. So sei es einem akut erkrankten Patienten durchaus zuzumuten, einen Termin von 12:07 bis 12:11 in Erlangen sowie einen Anschluss von 12:12 bis 12:16 in Burg auf Fehmarn wahrzunehmen. Wer nicht die nötige Flexibilität mitbringe, solle entweder gar nicht erst krank werden oder sich für eine privat finanzierte…“

„… schließe sich der Minister den Aussagen der Christsozialen an. Ohne Ausländer wäre es früher möglich gewesen, seinen Vorschlag zu realisieren, ohne ihn als sozial komplett inkompetenten…“

„… die Hotline auf Englisch angeboten werde. Spahn habe dies Projekt sofort gestoppt, da es ihm als Mitglied einer deutschen Regierung nicht möglich sei, eine solche…“





Vitalfunktionen

17 05 2018

„Aber sonst haben Sie den Husten nur bei Regen und im Winter? Ah, verstehe. Großraumbüros sind immer ein bisschen lästig, und wenn Sie da mit zwei jungen Kolleginnen sitzen, da kann man sich von deren Nachwuchs schon mal was aus der Kita einfangen. Aber geimpft sind Sie? Ach, das hören wir gerne.

Und Diabetesfälle hat es seitdem in ihrer Familie ja auch nicht mehr gegeben? Das ist beruhigend. Sie sind dann auch komplett aus dem Beobachtungsprogramm für Erbkrankheiten raus, es hat ja keine Verdachtsfälle mehr gegeben. Nur dieser Herr, bei dessen Beerdigung Sie kürzlich waren. Lehrer, sagen Sie? Neunzig? Verstehe, dann haben Sie sich sicher nicht irgendwo angesteckt. Sie wissen ja, wir achten nicht nur auf Ihre eigenen Daten, wir haben auch ein Interesse an Ihrer unmittelbaren Umwelt.

Klar, das sollte alles auf der Karte stehen, aber das ist ein deutsches Projekt. Wir fangen immer mit einer Technologie an, deren Nachfolger gerade als komplett veraltet aussortiert wurde, dann lassen wir es noch ein paar Jahre liegen, warten drei bis fünf Kostenexplosionen ab, die rein zufällig immer dann passieren, wenn wir den Zulieferern sagen, dass es im Grunde gar nicht um den Preis geht, sondern um den politischen Willen und darum, dass wir ohne sie komplett am Arsch wären – und dann haben sich die Verhältnisse so weit gedreht, dass die, die uns die ganze Scheiße eingebrockt haben, längst in der Versenkung verschwunden sind.

Deshalb haben wir jetzt ja das Kombi-Angebot. Sie werden nicht nur für Ihre Ernährung bewertet, sondern auch für Ihre Lebensweise. Wenn Ihre App mehr als die geforderte Mindestschrittzahl feststellt, nehmen wir das wohlwollend zur Kenntnis, das ist doch klar. Ab zweihundert Schritte mehr kriegen Sie ein Smiley. Ab tausend Schritte haben Sie einen Punkt in der Risikobewertungsberechnungsbasis mehr pro Tag, an dem Sie sich wertstoffreich und nachhaltig ernähren – Sie gehen doch in den Bio-Supermarkt? – und dazu noch auf ungesunde Dinge verzichten.

Wo wir gerade bei Ihrer Lebensweise sind, da sollten wir vielleicht mal ein Wort über Ihre Freizeitgestaltung verlieren. Grillwurst, gut und schön. Es wird ja gerade wieder Sommer, da darf man schon mal, aber gleich zwei? an einem einzigen Wochenende? Ich möchte mich über Ihren Cholesterinspiegel hier nicht kritisch äußern, zumal ich auch keine Werte der vergangenen dreißig Tage vorliegen habe, aber meinen Sie nicht auch, dass man es übertreiben kann? Worauf ich hinaus will? Auf das Bier vielleicht, das Sie in derselben Woche getrunken haben? Ich bitte Sie, da muss man doch mal nachdenken – bei einem Frühstücksei hätten wir vielleicht noch ein Auge zudrücken können, aber Bier? Ist das Ihr Ernst?

Also über den Urlaubsbonus müssten wir dann noch mal nachdenken. Sie wollten doch ans Meer? Oder waren Sie im Gebirgsprogramm? Städtereise? kommt für Ihre Lipidwerte leider nicht in Frage, da essen Sie entweder aus dem billigen Supermarkt, oder Sie gehen jeden Tag in die Gastronomie und nehmen zu viel gesättigte Fettsäuren zu sich. Und Zucker. Und Salz. Sie müssen schon mitspielen, wir finanzieren Ihnen den Urlaub ja.

Jetzt werden Sie mal nicht komisch. Wir können Ihren Gesundheitstarif nach vorliegender Prognose steigern oder ermäßigen, und damit finanzieren wir Ihren Urlaub. Von dem Rest, der da übrigbleibt. Und da kann man schon mal verlangen, dass Sie sich nicht vorsätzlich ungesund verhalten.

Außerdem sind Sie in letzter Zeit zu häufig Zugluft ausgesetzt. Ihr Gesundheitsarmband findet, dass Sie nachts die Fenster schließen sollten, rein zur Prävention. Und Sie wollen doch Ihrem Gesundheitsarmband nicht widersprechen, oder? Wenn wir begründete Zweifel haben, dass Sie sich möglicherweise vertragswidrig verhalten, dann könnten wir auch den Zuschuss zum Fitnesskurs wieder streichen. Nicht meine Entscheidung, Ihrem Arbeitgeber müssen Sie das schon selbst verkaufen. Und das hätte dann auch wieder einen gewissen Einfluss auf Ihre gesetzlichen Leistungen.

Hören Sie, wir finanzieren Ihnen doch jetzt schon diesen tollen Kühlschrank, der verhindert, dass Sie Produkte mit zu viel Fett oder Zucker hineinstellen. Ihre Kontrolle der Vitalfunktionen an allen Checkpoints erspart Ihnen bis zu zehn Arzttermine pro Monat. Sehen sie mal, Ihren Bandscheibenschaden vor zwei Jahren, den hätten wir doch nicht einfach übernommen, wenn Sie nicht nachgewiesen hätten, dass Sie regelmäßig eine neue Matratze auflegen und vernünftiges Schuhwerk tragen. Auch wenn das ein Arbeitsunfall war, man kann doch nicht alles durchgehen lassen. Schließlich sind wir eine Solidargemeinschaft, da muss man auch ein bisschen Solidarität von allen Beteiligten verlangen können.

Gut, dann hätten wir erst einmal alles beisammen. Den immunologischen Befund können Sie innerhalb einer Woche nachreichen, den Termin zum Abholen der Ergebnisse hatten Sie schon im vergangenen Jahr gemacht? Dann steht Ihrer Zahnzusatzversicherung ja nichts mehr im Weg.“





Volksgesundheit

25 01 2018

„Jedenfalls haben Sie das gute Gefühl, durch Ihr Engagement noch einmal dem deutschen… also dem Volk, das heißt: den Personen, die Ihre Mitmenschen, so rein theoretisch jedenfalls, die könnten ja Ihre Nächsten sein, und denen tun Sie nun etwas Gutes. Immer vorausgesetzt, Sie sind vorher abgekratzt.

Ja, man muss das anscheinend heute extra erwähnen. Organspende ist ein schwieriges Thema, das kriegt man auch durch tolle TV-Spots nicht so wirklich hip, wir haben jedenfalls unsere Probleme damit, und die Zahlen werden jedes… also die Zahl der Organe, die Menge, wenn Sie so wollen, das ist die Zahl der Spender, die sich zur Verfügung gestellt haben, die ist natürlich entscheidend. Und da sehen wir einen Rückgang. Das kann auch sehr gut gesellschaftlich interpretiert werden, wir leben in einer Spaßgesellschaft, mit einer Organspende verbinden die meisten halt keinen Spaß. Jedenfalls nicht für sich selbst.

Wir haben da klar auf den Solidargedanken gesetzt, wie wir das als Gesellschaft häufiger schon versucht haben, beim Arbeitslosengeld, bei der Pkw-Maut – ist jetzt nicht so gut gelaufen, ich tippe mal, dass wir da kommunikative Defizite hatten, weil die meisten Betroffenen da gar nicht so mitgegangen sind. Wobei, als Betroffener für eine Organspende ist man natürlich immer solidarisch, jedenfalls passiv… also wenn Sie ein Spenderorgan bekommen, dann sind Sie aktiv solidarisch, und das ist auch ganz gut so, weil Sie dann etwas für die Volksgesundheit tun können. Aber ansonsten lösen wir unser Problem natürlich auf deutsche Art. Es gibt erstmal eine Datensammlung, und dann sehen wir mal, was man damit anfangen kann.

Spenderdatenbank, das war uns persönlich dann zu schwierig. Sie kennen ja die Einwände, die von Datenschützern erhoben werden. Die sehen dann dreitausend Datensätze mit potenziellen Lebern, so war das ja auch mal… also jedenfalls nicht als Einkaufszettel, wenn Sie das so verstehen, aber das ist auch zu gefährlich. Da stehe ich dann drauf als Nierenspender, und schon habe ich einen Unfall. Gut, nicht ich, ich bin privat versichert, da werde ich eher Empfänger, aber rein theoretisch ist das natürlich möglich. Wir haben uns daher für eine andere Möglichkeit entschieden. Das Opt-out-Verfahren. Da werden Sie gefragt, und wenn Sie sich nicht ausdrücklich gegen eine Spende entschieden haben, sind Sie automatisch solidarisch mit denen, die sich aktiv an der Verbesserung der Volksgesundheit beteiligen. Wir haben nur noch ein Austrittsregister. Immer vorausgesetzt, dass Ihre Austrittserklärung uns auch erreicht hat. Und nicht zwischendurch irgendwie verloren geht.

Das machen wir aus Gründen der Solidarität, weil Sie als Nichtspender natürlich auch nicht aktiv an der Förderung der Volksgesundheit durch den Empfang eines Spenderorgans beteiligt sind. Das sind Sie als Spender natürlich auch nicht… also jetzt nicht automatisch, da müssen schon ganz bestimmte Voraussetzungen vorliegen, Sie sind ja als Spender ein kerngesunder Mitmensch, der sich solidarisch zeigt, und wenn Sie als kerngesunder Mensch der Volksgesundheit durch aktives Spenden helfen, dann haben Sie Ihre Solidarität schon genug gezeigt. Da müssen Sie nicht auch noch durch Ihre aktive Inempfangnahme von Spenderorganen die Gesundheit des Volkes steigern. Außerdem sind Sie ja als Spender kerngesund – was wollen Sie da mit einem Spenderorgan?

Na sicher, alles mit Quittung. Es handelt sich ja schließlich um eine Spende, da bekommen Sie dann jährlich Ihren Datenbankauszug, das steht dann drin: Sie stehen uns als solidarischer Mitmensch nicht zur Verfügung, herzlichen Dank für Ihre Mithilfe, die Volksgesundheit langfristig und gezielt in die Scheiße zu… also sinngemäß, noch ist das ja nur in Planung, das letzte Wort haben dann sicher die Krankenkassen. Die privaten vermutlich.

Das dürfen Sie jetzt nicht als moralischen Druck verstehen, wir sind auch nur Datenverwalter, die ihr Material den interessierten Stellen überlassen. Falls Sie beispielsweise mal Ihre Krankenversicherung wechseln oder auch wechseln müssen, dann kann man solche Daten auch automatisiert abfragen, um in Erfahrung zu bringen, ob Sie sich an den in Zukunft geltenden Richtlinien orientieren. So eine Bürgerversicherung ist eine hübsche Sache, aber eben nicht zum Nulltarif… also jedenfalls nicht für Sie als Versicherten.

Ja, da sehen Sie mal, wie so ein moralisches Dilemma von innen aussieht, dem müssen Sie sich sonst auch nicht stellen: Daten schützen oder doch zielgerichtet zum Wohl des Versicherungsträgers… also für die Versicherten, sonst bräuchten wir auch keine Solidarität, und wenn Sie mal an die Ärzte denken, Sankt Moritz oder ein neues Segelboot, Sportwagen kaufen oder leasen oder doch eine neue Frau, ist ja auch manchmal mit Spenden verbunden, wenn Sie wissen, was ich meine, und wenn Sie dann noch die Leistungsverdichtung dazurechnen, die die Mediziner aushalten müssen, dann fragen Sie sich: wer soll denn dann noch ordentlich transplantieren? Ist nicht jeder Empfänger, der sich zur solidarischen Verbesserung der Volksgesundheit verpflichtet sieht, damit zum Scheitern verurteilt? Ist das nicht schrecklich? Privatisieren, da sagen Sie was… also wir sind in der Lage, unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Entlastung der Krankenkassen, bessere Leistungen für Leistungsträger, muss sich ja auch lohnen, und wenn Sie mittelfristig denken: meinen Sie nicht, damit kriegen wir die Zuwanderung in den Griff?“





Vollfettstufe

7 05 2015

„… dass jeder zweite Deutsche unter krankhaftem Übergewicht leide. Die Bundesregierung plane daher eine Maßnahme, um die Bürgerinnen und Bürger so schnell wie möglich…“

„… schon jetzt als Problem betrachte, da viele Allgemeinärzte ihre Wartezimmer mit schwerlasttauglichen…“

„… sich Sarrazin dafür einsetze, die Kost für arbeitsscheue Elemente auf altbackenes Brot und Leitungswasser zu reduzieren, um Volksgenossen, die weiterhin im unbarmherzigsten Wirtschaftskrieg um Blut und Ehre der arischen Herrenrasse den…“

„… eine Strafsteuer auf alle Fette vorgeschlagen habe. Dies sei zwar kein Mittel gegen die Verfettung, man könne dadurch jedoch…“

„… von bisher nie gekannter Entschlossenheit. Schwesig habe der Bundespressekonferenz verkündet, die Fettleibigkeit der deutschen Bevölkerung um mehr als die Hälfte zurückzudrängen, sobald sich die Deutschen als ein Volk rauchfreier Antialkoholiker…“

„… deutschen Käse in der Vollfettstufe aus dem Handel entfernen wolle. Dies sei zwar produktionstechnisch nicht möglich, Dobrindt werde dies aber gemeinsam mit seinem Mautgesetz auf jeden Fall…“

„… keine positiven Effekte, schon gar nicht gegen die Gewichtszunahme. Gabriel wolle die Vorratsdatenspeicherung jedoch ausdrücklich im Kampf gegen die…“

„… keine Butter mehr gebe. Die Bäckerinnung habe sich bisher zwar geweigert, die Kunden mit Margarinekuchen zu beliefern, werde aber keine andere Wahl haben, da die Lieferengpässe…“

„… es laut Gauland am Schönheitsideal arabischer Wüstenvölker liege. Die Einwanderer förderten die Fettleibigkeit insbesondere von nicht berufstätigen Frauen, was ein erschreckender Indikator sei, dass Deutschland bereits jetzt in der Mehrheit aus arbeitslosen Einwanderern bestehe, die das Gesundheitssystem durch die gezielte Zerstörung deutscher Werte…“

„… die Quote adipöser Menschen zwischen 19 und 59 leicht zu halbieren sei, wenn die Bundesregierung die bereits bei der Arbeitslosenstatistik erprobten Rechenmethoden auf die Gesundheitsrohdaten…“

„… dass Menschen mit leichtem Übergewicht ein viel geringeres Sterberisiko besäßen. Gröhe habe diese Bevölkerungsgruppe als parasitäre Schicht bezeichnet, die sich absichtlich weigere, die Rentenkasse durch marktkonformes Ableben im…“

„… sich die Mortalität übergewichtiger Frauen erst ab einem BMI von 40 steigere. Eine Sendereihe mit Heidi Klum scheitere nicht nur an den Kosten, sie sorge auch für eine zusätzliche Gesundheitsgefährdung durch den…“

„… sich Supermarktkunden vor dem Bezahlen wiegen müssten. Von der Leyen habe diese Idee begeistert aufgegriffen; sie könne zufällig mit einer Firma, die immer schon Chipkarten herstellen wollte, ein preisgünstiges Angebot für den…“

„… ein Verbot von Frittenbuden verfassungsrechtlich nicht durchsetzbar sei. Die Koalition werde daher das Grundgesetz bei passender Gelegenheit…“

„… das Oktoberfest nicht absagen könne, da es sich hier nicht nur um eine bayerische Kulturveranstaltung handle, sondern um einen international wichtigen Wirtschaftszweig, der im Wesentlich auf viel…“

„… kein Supergrundrecht auf Fettsucht gebe. Die Regierung werden daher noch in dieser Legislaturperiode…“

„… durch ein quietschendes Geräusch beim Schneiden. Der Verbraucherschutz habe die Ausrede, es handle sich um fettarme Wurst, nicht wirklich…“

„… zu rationieren. Vorerst gelte die gesetzliche Regelung für Schokoriegel und Frittierfett, was immerhin eine wesentliche Einschränkung für britische…“

„… und die US-amerikanische Schnellrestaurantkette nur noch Vollkorntoast mir Magerquark und in Wasser mariniertem Salat anbieten dürfe. Dies sei einer der erheblichen Faktoren, um die nachwachsende Generation im…“

„… wenn durch eine kontinuierliche Drosselung der Kalorienzufuhr das Durchschnittsgewicht der Deutschen bis auf…“

„… sich zahlreiche Schulkinder heimlich mit Vaselinebrötchen oder…“

„…nur durch ein Zusatzzertifikat erwerben könne. Die Ausgabe des verzögere sich zwar um mehrere Wochen, dennoch seien bereits mehr als zehntausend Deutsche im Besitz des…“

„… nur noch mit dem Grillermächtigungsschein und der Süßwarenbezugskarte in den…“

„… in Deutschland tatsächlich je nach Schätzung zwischen zehn und zwanzig Milliarden Euro ausgegeben würden, um die Folgen der Fehlernährung zu beseitigen. Schäuble halte diese Investitionen für einen unverzichtbaren Faktor, der dem Bruttosozialprodukt jährlich entscheidende Impulse…“

„… anhand dessen die Ausgabe nur noch an Maurer, Stahlarbeiter und andere hochkalorische Arbeitnehmer…“

„… der Berufsstand der Physiotherapeuten entschieden gegen die geplante Anti-Dicken-Gesetzgebung sei, da ihm dadurch ein Großteil der Einnahmen…“

„… zu einem Missverständnis gekommen sei, da das AOK-Plakat Stoppt den Wahnsinn ursprünglich gar nicht mit einem Foto von Andrea Nahles…“





Bis der Arzt kommt

16 08 2012

„Oh, sehr gut, sehr gut.“ Ich knöpfte das Hemd wieder zu. Hildegard sollte damit vollständig befriedigt sein. „Sehr gut“, befand Doktor Klengel und setzte das Stethoskop ab. „Es war ja nur ein kleiner Reizhusten. Etwas frische Luft, ein paar Lutschpastillen, Salbeitee, dann geht’s schon.“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch und notierte ein paar Zeilen auf dem Pappkärtchen. Plötzlich riss der Hausarzt die Augen auf und stöhnte. „Das ist mein Ende.“ Mutlos ließ er den Kugelschreiber sinken. „Jetzt muss ich diesen Mann wieder eine ganze Stunde lang ertragen.“ „Ihr Steuerberater?“ „Schlimmer“, seufzte Klengel, „der Medizinbetrieb hat wieder einen von seinen Heizdeckenverkäufern für heute Vormittag angekündigt.“

„Nehmen Sie Platz“, wies ich den jungen Mann mit der adretten Frisur an. „Wie sind Sie denn auf meine Praxis gekommen?“ „Der hohe Anteil an Privatpatienten ist in diesem Viertel angenehm“, bekannte er, „außerdem bekommt man hier einen Parkplatz, weil das Haus in der Seitenstraße liegt.“ Ich rümpfte die Nase. „Zunächst einmal bedeuten Privatpatienten, dass man als Arzt den Honoraren nachlaufen muss, und dann überlegen sich die Leute auch immer mehr, welche Zusatzleistungen sie überhaupt noch brauchen. Wenn ich mir ein Auto kaufe, will ich ja auch nicht den ganzen Schnickschnack mit Rallyestreifen, Außenventilator und blinkenden Sportfelgen.“ „Und genau da“, tönte er, indem er eingeübt lässig seine Mappe aufschlug, „genau da setzt unser Unternehmen an – zielgenau, passgenau, auf den Punkt.“

Sie hatten offenbar gerade ihr Sortiment neu bestückt; bunte Bilder fröhlicher Senioren beim Besteigen von Ultraschall- und ähnlichen Röhren wechselten sich ab mit sinnlosen Leistungstests für olympische Wettbewerbe, wahlweise an werdenden Müttern oder frisch geschlüpften Säuglingen zu verrichten. „Sie machen bei den Zusatzleistungen einen hübschen Schnitt“, säuselte der Vertreter. „Sie können das als Paket anbieten, als individuelle…“ „Moment“, unterbrach ich, „nicht so schnell. Erst einmal wüsste ich gerne, worüber wir hier reden. Was biete ich den Patienten an, und vor allem, was bekomme ich dafür von Ihnen?“ Er lachte. „Sie haben das Prinzip verstanden. Keine Leistung ohne Gegenleistung.“ Ich wiegte mich genüsslich in meinem gepolsterten Ledersessel. „Sehen Sie es als Unterstützung für Ihre Bemühungen. Gegenleistung muss sich wieder lohnen.“ Tatsächlich verfügte die Firma über einige Kleinigkeiten. „Als Basisprämie haben wir diese hübsche Gesamtausgabe von Sigmund Freuds in Leder mit Goldschnitt. Als kleine Anerkennung, dass Sie sich an unserem Programm beteiligen. Und dann müssten wir mal sehen, wie wir das abrechnen.“

Wir begannen mit dem Lungenfunktionstest für Sportler, Ohrakupunktur und einer unspezifischen Hyposensibilisierung. „Einfach zu machen“, klärte der Verkäufer mich auf, „Sie testen am Patienten einfach etwas herum, bis Sie gefunden haben, wonach Sie eigentlich hatten suchen wollen.“ „Und das bringt?“ Er suchte angestrengt in einer Liste. „Für zehn Ohrakupunkturen wäre das eine formschöne…“ „Nichts da“, fiel ich ein. „Ich arbeite doch nicht für Kleckerbeträge!“ „Sie können das anrechnen lassen. Zehnmal Akupunktur sind dann einmal Ultraschall.“ „Und das macht in Doppler-Sonographie wie viel?“ Er begann zu schwitzen. „Sie müssten entweder einmal im Monat eine fehlenden Hirndurchblutung haben oder aber dreizehn, nein: fünfzehn Ganzkörperakupunkturen.“ „Zu viel Aufwand.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn finster an. Es ist auch manchmal direkt unverschämt, was man sich mit uns Ärzten erlaubt.

„Selbstverständlich haben wir auch ein ganz ausgeklügeltes Bonus-System“, beeilte sich der Referent. „Ab drei Belastungs-EKGs am Tag plus je einer Ohrakupunktur und Hormonstatus können Sie für jede Untersuchung zehn Punkte extra anrechnen lassen, das sind dann dreizehn…“ „Sagen wir fünfzehn?“ „… meinetwegen fünfzehn, und je eine Akupunktur, macht dreihundert Punkte, das sind dann pro Quartal…“ Langsam ärgerte mich seine zögerliche Art; hatte der Mann nie gelernt, beherzt im rechten Augenblick zuzupacken? „Rechnen Sie es doch bitte gleich auf das ganze Geschäftsjahr aus, ich muss auch langfristig kalkulieren können.“

Es sollte sich gelohnt haben. Nach endlosen Rechenoperationen verkündete er mir, das ich bei einer zusätzlichen Brustkrebsfrüherkennung pro Woche – Einführungsangebot für Jugendliche, männliche Patienten und Notfälle mit sieben Prozent Preisnachlass – bereits die sechswöchige Karibik-Kreuzfahrt für zwei Personen sicher hatte. „Plus Thrombophilieprofil, das ist unser neues Produkt, und wir geben besondere Anreize, deshalb verschreiben es unsere Partnerpraxen besonders gerne. Fünfzig Punkte extra, das macht dann in Ohrakupunkturen fünfzehn, nein – “

„Widerlich!“ Doktor Klengel kroch unter der Liege hervor und klopfte sich den Staub von den Hosenbeinen. „Was für ein widerlicher Mensch – sich auf so ein Geschacher mit Ihnen einzulassen!“ Ich reichte ihm seinen Kittel. „Sie sehen, das System verlangt von uns einige Opfer. Wir müssen alle ein bisschen mehr leisten, um über die Runden zu kommen.“ „Sie wissen genau, dass ich seekrank werde!“ Der Arzt zog sich umständlich den weißen Kittel wieder an. „Und ich wüsste auch gar nicht, mit wem ich die Kreuzfahrt unternehmen sollte. Mit meiner Schwester? Das hätten wir uns genauso gut sparen können!“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Ach was“, gab ich zurück, „sehen Sie es mal positiv. Den ganzen Sigmund Freud in Goldschnitt, ist das nichts? Vorausgesetzt…“ Er runzelte die Stirn. „Vorausgesetzt, was?“ „Vorausgesetzt, Sie lassen Ihre Patienten hübsch in Ruhe.“





Innere Angelegenheiten

6 08 2012

„Aber alles nur zu Ihrem Besten! Die deutsche Transplantationsmedizin muss noch sehr viel sicherer werden, das stimmt. Todsicher.

So ein Skandal darf sich nicht wiederholen, und wenn, dann sollten wir gut vorbereitet sein. Man kann das nicht einfach auf sich beruhen lassen, das ist ein riesiger Imageschaden für unser Land. Als Exportnation haben wir einen Ruf zu verteidigen, auch und gerade auf dem Gebiet der – nein, so war das nicht gemeint. Aber vielleicht nehmen uns das die Märkte übel, wenn wir bei der medizinischen Versorgung nicht unser übliches Niveau zeigen.

Das ist die Behörde für Innere Angelegenheiten. Weil es sich ja um Innereien handelt. Und wir müssen da als staatliche Regulierungsstelle schon einen Apparat aufbauen, der für bessere Kontrollen steht. Dafür könnte man auch die eine oder andere Gesetzesänderung in Betracht ziehen. Wir sollten da ohne Denkverbote drangehen.

Diese neue Organwarteliste ist unter Mitarbeit aller Betroffenen organisiert worden. Da waren die Chefärzte dabei, die Klinikleiter, ein paar Leute aus der Pharmabranche, dann hatten wir einen Apotheker, der war aber beim falschen Kongress, und der Bundesgesundheitsminister, der hat ein paar Stunden lang sehr schön geredet, ich weiß nicht mehr, worum es ging, er hat nichts dazu gesagt. Dann scheint es wohl auch nicht so wichtig gewesen zu sein.

Natürlich Privat vor Staat – das ist eine Public Private Partnership. Wir, also der Staat, kümmern uns um die Abwicklung und treiben die Gebühren für das operative Geschäft ein. Die setzt jeweils der private Träger fest. Irgendetwas muss der ja auch tun. Die Bundesärztekammer hält sich da ganz raus. Also aus der Finanzierung. Das machen wir. Der Staat muss ja auch etwas tun.

Sie werden staunen, wir haben jetzt den Bürokratieabbau beschleunigt. Dafür haben wir jede Menge neue Ärzte aus dem Fachkräftemangel eingestellt, der Bearbeitungszeitraum ist enorm gesunken. Eine Herztransplantation kann teilweise innerhalb von zehn Arbeitstagen zur Durchführung gebracht werden – vorausgesetzt, Sie haben die notwendigen Papiere dabei, sind vorher registriert und bringen Ihren Organspender gleich mit. Das geht dann in unsere Behörde, dann wird das alles geprüft, und dann sollte das auch fristgerecht zur Verpflanzung kommen. Mit Empfehlungsschreiben möglicherweise sogar pünktlich.

Hier arbeiten wir dann wirklich Hand in Hand. Was der Prüfungskommission nicht auffällt, das ist der Ärztekammer egal. Wir gehen partnerschaftlich vor. Härtere Strafen? Wissen Sie, das ist so ein typisches Vorurteil, dass man mit härteren Strafen eine Änderung der Umstände erzielen könnte. Das bewirkt doch letztlich gar nichts. Wenn Sie mal den bedingten Tötungsvorsatz außer Acht lassen, was haben Sie denn von härteren Strafen? Wer rechnet denn mit Konsequenzen, ein Arzt etwa? Wenn Sie die Transplantation kriminalisieren, dann wird sie hinterher eventuell vorsätzlich irgendwo illegal auf dem Küchentisch – nein, das war etwas anderes.

Schauen Sie, mit Symptombekämpfung wie beim Verfassungsschutz kommen wir hier nicht weiter. Gerade im Transplantationswesen müssen wir den gesamten Körper der Volksgesundheit im Auge behalten – es ist ja hier alles so voller Korruption, trotzdem klappt es nie wirklich. Da ist offenkundig staatliche Hilfe notwendig.

Beispielsweise prüfen wir jetzt stichprobenartig die korrekte Zuordnung der Spenderorgane. Jede tausendste Transplantation wird verfolgt, wir fragen dann den Empfänger, ob er Unregelmäßigkeiten während der Operation bemerkt hat. Wir haben das selbstredend an eine Bundesbehörde gegeben, das heißt, wir haben dafür eine gegründet. Es gab im Entwicklungshilfeministerium keine Möglichkeit mehr, Liberale zu Regierungsräten zu machen.

Außerdem kontrollieren wir heute sehr viel besser die Verpflanzungen im Ausland. Schauen Sie, wenn man sich Syrien ansieht oder den Irak, das sind doch durchaus förderungswürdige Gebiete. Wir als Bundesregierung stehen da zu unserer Verantwortung, diese Länder zu fördern und zu langfristigen Partnern zu machen – und wir sollten diesen Nationen klarmachen, dass wir Hilfe in erster Linie als wirtschaftliche Zusammenarbeit verstehen. Mit Jordanien hat das schon geklappt.

Natürlich ist das auf Gegenseitigkeit. Für die Zukunft muss Deutschland als Markt attraktiv bleiben, und innovative Dienstleistungen bringen uns immer voran. Wir bieten da jetzt so ein staatlich gefördertes Komplettpaket an. Wellness im exklusiven Resort, idyllisch gelegen, Reizklima, fünf Sterne, inklusive Spenderleber, dazu animiertes Freizeitprogramm für Begleitpersonen, Reha, alles. Knapp eine halbe Million. Können sich die meisten Chinesen heute schon leisten. Und das Rheinland ist ja auch wirklich ein nettes Fleckchen Erde.

Die Organbank? Ist noch im Aufbau, soll aber einmal eine wirkliche Innovation werden. Damit wäre Deutschland wieder ein Zentrum des technologischen Fortschritts, wenn quasi in Echtzeit die Ergebnisse an der Börse gehandelt würden. Da machen Sie noch schöne Zusatzgeschäfte durch Spekulation mit Leberwerten. Oder Sie wetten, wann der Spender abnippelt. Derzeit gibt es für eine Vollspende bis zu zwanzig Prozent Rendite.

Danke für Ihren Zuspruch, das können wir brauchen. Es kommt ja immer wieder auch zu Abstoßungsreaktionen. Aber das kriegen wir in den Griff. Bis auf Verfassungsorgane.“