Blutige Anfänger

17 08 2009

Wolfgang Schäuble lutschte am Daumen. Fluchend rollte er durch das Haus, einhändig, denn noch immer saugte er an der Fingerkuppe. Er hob den rechten Arm, als er den Pfleger sah. „Nicht so schlimm“, befand der Fürsorger, „nur eine Quese. Sie müssen mit der Maultaschenzange ein bisschen vorsichtiger sein.“

Der Minister zog die Stirn in tiefe Sorgenfalten. Was, wenn er sich tatsächlich einmal in den Finger schnitte? Die Bundesbürger würden ihr Leben ganz normal weiterleben, alle wären fröhlich und gingen ihrer Arbeit nach, sie würden ihre Kinder in die Schule schicken und vom Kindergarten abholen, ihre Fahrräder in den Fußgängerzonen abstellen, sich abends mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten und Balkonblumen gießen – keiner käme auf die Idee, islamistische Terrorzellen zu gründen und das Regierungsviertel in die Luft zu sprengen. Richtungslos würde die Republik in den Abgrund wanken. Man würde keine Bundeswehr mehr im Inneren brauchen und keine biometrischen Merkmale mehr auf die Oberarme der Untertanen tätowieren können. Das nackte Grauen drohte.

Schäuble handelte sofort. Blutkonserven zu besorgen sei eine leichte Übung, teilte ihm sein Hausarzt mit; allerdings sei in den Sommermonaten wie immer mit Engpässen zu rechnen, so dass ein Anruf im Bundesgesundheitsministerium ratsam sei. Auf dem kleinen Dienstweg ließe sich das sicher schnell erledigen.

Ulla Schmidt bedauerte. So einfach sei das nun nicht, teilte die Krankenkassiererin mit. Da man die ganzen Schwulen nicht mehr anzapfe, stehe viel weniger Blut zur Verfügung. Schäuble traute seinen Ohren nicht. Ein Telefonat mit dem Deutschen Roten Kreuz bestätigte es ihm. Homosexuelle seien generell als HIV-Risikogruppe eingestuft und dürften weder Blut noch Plasma spenden. Zwar sei, was die Lebensgewohnheiten homosexuelle Frauen angehe, kein Unterschied festzustellen, aber die dürften wenigstens noch zur Ader gelassen werden. Bis auf weiteres jedenfalls.

Es war Sommer, die Krankenhäuser rotierten. Die Motorradunfälle häuften sich, ein schwerer Zusammenstoß beim Auffahren auf das Ende eines Urlauberstaus gehörte zum Tagesgeschäft in der Notfallchirurgie. Die Transfusionen versickerten im Klinikbetrieb wie zwischen den Zähnen eines Vampirs. Nur sporadisch kamen neue Spender, die sich für ein ausgiebiges Frühstück eine Kanüle in den Arm rammen ließen. Manche verweigerten aus Solidarität mit den diskriminierten Schwulen ein Blutopfer, andere warteten noch auf die Novelle des Transfusionsgesetzes, die den Bundestag erst noch passieren sollte. Ulla Schmidt musste alle Wünsche unter einen Hut bekommen, was, wie zu erwarten, keine leichte Aufgabe war.

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung ließ die Gesundheitsministerin schon vorab wissen, dass die deutschen Dentisten nicht einsähen, sich der Gefahr einer AIDS-Infektion auszusetzen. Schwule hätten beim Zahnarzt nichts zu suchen. Man sei zwar mit einer Anhebung der Vergütung durchaus einverstanden – ab dem elffachen Satz sei man gewillt, das blutige Geschäft zu betreiben – würde aber keinerlei Gegenleistung in Aussicht stellen. Der Kompromiss wurde sofort umgesetzt.

Auch der Fall des Alois Gräselhuber führte zu Diskussionen. Der Ehrenprälat aus dem schönen Dinkelsbühl hatte beim Ausfüllen des üblichen Fragebogens vor der Spende zwar ordnungsgemäß angegeben, dass er nicht in einer monogamen Beziehung lebe, was ihn eigentlich ausgeschlossen hätte, doch verschwieg er arglistig, dass er alle drei bis vier Monate nach Thailand reise. Es fiel nicht auf, denn eine Prüfung der Angaben war ohnehin nicht vorgesehen. Die Kontrolle der Blutprobe lief ordnungsgemäß, so dass Hochwürden schon am selben Tag erfuhr, dass er sich bei dem achtjährigen Mädchen vom Straßenstrich in Pattaya nicht nur eine Pilzinfektion geholt hatte. Das Ministerium wiegelte ab. Nicht alle Männer seien nun gleich als Risikogruppe zu betrachten. Es reiche vollkommen, sämtliche Katholiken auszusondern. Außerdem habe es sich auch nur um Hepatitis C gehandelt.

Der Katholische Deutsche Frauenbund meldete Protest an. Die Diffamierung sei nicht hinnehmbar. Familienministerin Ursula von der Leyen gab zu bedenken, dass die eheliche Treue der beste Schutz vor AIDS sei; es wäre vollkommen ausgeschlossen, dass sich langjährig verheiratete Männer etwa beim Bordellbesuch anstecken könnten.

Unterdessen hob Schmidt nochmals hervor, dass jede Blutspende gewissenhaft geprüft werde; das Risiko, sich an einer Transfusion zu infizieren, liege bei eins zu anderthalb Millionen. Dies sowie die Tatsache, dass Schwule, die ihre Orientierung einfach verschwiegen, selbstverständlich weiterhin Blut spenden dürften, minimierten die Gefährdung auf ein vertretbares Mindestmaß. Das Gesetz sei auf einem guten Weg.

Wolfgang Schäuble hatte genug. Sein Hausarzt riet ihm dazu, sich selbst Blut abnehmen zu lassen. Das sei in der Charité eine Routinesache, ein Dutzend Beutel mit Erythrozyten-Konzentrat wären für den Anfang völlig ausreichend, um im Falle einer Notoperation gut versorgt zu sein. Jeweils ein kleiner Pieks in die Vene, das sei es auch schon. Der Minister schwitzte. Er ballte seine Faust, während er den Musterungsfragebogen ausfüllte. Der Klinikarzt überflog das Papier und zeriss es. Schäubles Gesicht verfärbte sich blutrot vor Zorn. „Sollen wir lügen, Herr Minister?“, tadelte er den Politiker. „Was meinen Sie wohl, warum wir nach psychiatrischen Auffälligkeiten fragen?“





Ärzte ohne Grenzen

13 05 2009

Die Fälle häuften sich. Der Hartmannbund ließ die Alarmglocken läuten. Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland standen – so war einer objektiven Selbsteinschätzung ihrer Lage zu entnehmen – kurz vor dem Zusammenbruch. Zwar wurde keiner von ihnen mit Symptomen eines drohenden Burnout in der Praxis eines Standeskollegen vorstellig, auch Belege für die Existenz von Hungerödemen waren bislang nicht auffindbar. Leonhard Hansen, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, plädierte dafür, die Praxisgebühr deutlich zu erhöhen. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei dringend nötig, um die Mediziner in Deutschland vor dem Ruin zu erretten. Nicht mehr zehn Euro pro Quartal, zehn Euro pro Arztbesuch seien zu entrichten, sonst sei an wirtschaftliches Arbeiten nicht mehr zu denken.

Der Marburger Bund äußerte sich nicht. Dies mag daran gelegen haben, dass der zuständige Arzt, ein Unfallchirurg an einem Universitätsklinikum in Süddeutschland, nach zwei 72-Stunden-Schichten in Folge einfach vergaß, die E-Mail zu beantworten. Der Verband stand in der Kritik sowie kurz davor, von der Lobbyliste des Deutschen Bundestags zu fliegen. So viel Pflichtvergessenheit ging zu weit.

Unvorsichtigerweise hatte ein Jungmitglied des Medizinerclubs in einer Podiumsdiskussion die Meinung geäußert, man könne durch Leistungs-, notfalls durch Effizienzsteigerung einen besseren Praxisbetrieb herbeiführen. Der Saal schrie ihn mit der Parole Mehr Geld für weniger Arbeit von der Bühne. Zu seinem Glück befanden sich genug Ärzte unter den Anwesenden, um die offenen Knochenbrüche zu versorgen.

Ein erstes Opfer der Auseinandersetzung war Harald Klöbenstöcker. Der bei seinen Fachkollegen beliebte Gynäkologe wurde dabei ertappt, wie er am Quartalsende heimlich Krankenblätter sortierte, statt wie vereinbart zum Golfturnier zu erscheinen. Klöbenstöcker wurde regelrecht zu Tode gehetzt. Er hielt dem Druck, der auf ihm lastete, nicht lange stand. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte, dass seine Zulassung entzogen werden musste. Der Geburtshelfer musste den Zweitferrari binnen Jahresfrist veräußern. Er begann, sein Kokain mit Puderzucker zu strecken. Seine minderjährige Geliebte seilte sich ab, so dass seine Frau schließlich die Scheidung zurückzog. Man fand ihn leblos in seiner Jagdhütte.

Hansen hielt eine ergreifende Trauerrede. Er forderte zügige Konsequenzen. Die Hemmschwelle, ärztliche Leistungen in Anspruch zu nehmen, sei immer noch zu niedrig. Dies müsse sich ändern.

Der Fall eines Allgemeinmediziners blieb indes unklar. Nicht der Fall von der Dachterrasse seines Penthouses stand in Zweifel, die Motive lagen noch im Dunklen. Hatte der junge Doktor Heimann die Geburt seiner ersten Tochter nicht verkraftet? War es der Lotto-Jackpot gewesen, der ihn nervlich anspannte? Immerhin hatte er eine Kassenpatientin noch am selben Vormittag in den Behandlungsraum gebeten, und das bereits zum dritten Mal in diesem Monat. Ihr Meniskus bereitete ihm Sorgen. Ein klarer Fall von Überarbeitung, schloss Hansen. Der Suizid war ein Warnsignal gewesen – Versicherte seien sich nach wie vor nicht der Tatsache bewusst, dass ihre ständigen Arztbesuche eine massive Berufsstörung darstellten, die nichts als Kosten verursacht. „Wenn die Arztbesuche auf die notwendigen Fälle reduziert werden könnten“, philosophierte der Medizinmann, „wird es auch weniger Wartelisten geben.“

Die von der EU-Wettbewerbskommissarin angeregte und auch finanzierte Studienreise der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nach Island war zunächst von den Mitgliedern rege angenommen worden. Eine Woche Baden in heißen Quellen, Verkostung von Stockfischspezialitäten, ein Live-Konzert des Isländischen Streichoktetts im Medizinmuseum Nesstofa, das Rahmenprogramm versprach schöne Tage an den nordatlantischen Gestaden. Doch was als heiterer Betriebsausflug in den malerischen Inselstaat geplant war, entpuppte sich als Höllenfahrt. Reykjavík zeigte sich von seiner schönsten Seite. Schon am zweiten Tag ging der erste Studienfahrer – im Zivilberuf Urologe aus dem Saarland – zum Arzt. Das leichte Halskratzen, das er verspürte, mag an der trockenen Heizungsluft gelegen haben, denn er weigerte sich, die Fenster seines Hotelzimmers auch nur einen Spalt weit zu öffnen. Þorfinnur Vilhjálmsson, seines Zeichens Hausarzt in der Hauptstadt, nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für eine eingehende Untersuchung. Er empfahl als Therapie frische Luft, Halsbonbons und die baldige Abreise.

So kam am Ende doch heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung ihren Mitgliedern um jeden Preis zu verschweigen versucht hatte: die Isländer hatten längst vor der medizinischen Überversorgung kapituliert. Vereinzelt gab es noch ein Ausweichen in die Masse, das die Skandinavier zur höchsten Blüte getrieben hätten – statt zehn Patienten in der Stunde zu verarzten, kurierten die Heiler nun die Hälfte mit dem doppelten Aufwand und natürlich zu doppelten Kosten, ganz wie in Deutschland – denn auch hier krankte das Gesundheitswesen am Patientenmangel, auch hier dokterte die Wirtschaft den Krankenstand auf ein immer tieferes Niveau. Zehn Prozent der Ärzte waren bereits auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen, da ihre Einkünfte den Sozialhilfesatz unterschritten. Fast ebenso viele fanden sich auf pragmatische Weise damit ab, eröffneten erst gar keine Praxen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Taxifahrer, Fischer oder Landwirt. Immerhin hatten diese Berufe bei ihren Landsleuten ein hohes Ansehen, was man von der Medizinertätigkeit nicht gerade behaupten konnte; das Sozialprestige der Halbgötter in Weiß zeichnete sich dadurch aus, dass es nicht vorhanden war.

Zahlreiche Mitglieder der Reisegruppe erlitten ad hoc posttraumatische Belastungsstörungen. Eine Kardiologin ereilte der Infarkt. Ein Dermatologe bekam nervös bedingten Hautausschlag. Schwere Depressionen bemächtigten sich zweier Orthopäden aus Erlangen. Angeschlagen kehrten sie zurück. Sie blieben dauerhaft berufsunfähig. Es ist bis heute unklar, wann sie wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung war es ihnen bisher nicht gelungen, einen Termin zur Erstuntersuchung zu erhalten. AOK-Schmarotzer, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung, dürfen auch weiterhin warten. Bis der Arzt kommt.