Heiße Luft

29 06 2020

„Es gibt schon einige Dinge, da kann man sich als Mensch, der nicht als richtiger Deutscher geboren wurde, da kann man sich auch einbringen. Das ist ja der Sinn von Integration, dass man sich verhält, als wäre man schon ein richtiger Mensch, Deutscher, wollte ich sagen.

Fußball, das ist so eine Sache, da können Sie bis zu einem gewissen Grad auch etwas leisten, auch für die Nation, wenn Sie fleißig und anständig sind und Tore schießen. Nicht gerade in der Nationalelf, das gibt dann immer Diskussionen, ob wir unsere Mannschaft mit Leuten auffüllen müssen, die wir eigentlich ohne den Fußball dahin schicken würden, wo sie herkommen. Ist manchmal schon komplex, weil die einen deutschen Pass haben, das sind eben so Dinge, da kann man auch als Ausländer seinen Beitrag leisten. Aber bei einer Wirtshausschlägerei, da wollen wir keine Migranten dabei haben.

Das ist, man muss das so sehen, auch ein Stück deutsche Leitkultur. Gewalt gehört bei uns immer irgendwie dazu, wie das Bier zum Schnitzel. Das hat bei uns lange Tradition, wir haben zwei Kriege im vergangenen Jahrhundert angefangen, unsere Geschichte ist ja im Grunde von Kriegen geprägt, und wenn Sie sich den Staat heute anschauen, zum Beispiel die Polizei: ohne Gewalt mag man sich dies Land gar nicht vorstellen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass man als Migrant die Finger davon lässt. Da gibt es eine klare Rollenverteilung. Wenn es Sie stört, dann müssen Sie halt irgendwo anders leben. Oder geboren werden.

Randale beginnt ja meist mit niederschwelligen Angeboten. Wo wir gerade von Fußball sprachen, das wäre so ein Fall. Da gibt es klare Regeln, das ist die eine Mannschaft, das ist die andere, erst wird gespielt, und danach kriegt man was auf die Fresse. Es mag für manche nicht verständlich sein, aber erklären Sie mal jemandem Traditionen in einem afrikanischen Land. Da verstehen Sie doch schon die Sprache nicht, und dann sind das Gesellschaften und Stämme, die haben eigene Wertvorstellungen, die werden teilweise in Europa gar nicht praktiziert. Wenn Sie jetzt nach Afrika kämen und würden so einem Stammeshäuptling an die Hütte pinkeln, da würde man Sie auch rauswerfen, und was lernen Sie daraus? Sie haben in Afrika nichts verloren. Dann können wir das den Ausländern doch auch so kommunizieren, oder meinen Sie nicht?

Es ist ja mittlerweile so, dass Ausländer hier in Deutschland ihre eigenen Formen von Gewalt ausüben und mit Wertvorstellungen erklären, die in der deutschen Gesellschaft gar nicht mehr verstanden werden. Ehre, Familie, das sind Dinge, die sind dem Deutschen vollkommen fremd. Das kann ja regelrecht paradoxe Wirkungen haben, dass man als Deutscher mit Gegengewalt reagiert, wenn man mit diesen Wertvorstellungen konfrontiert wird, und dann zündet man halt ein Asylantenheim an. Da muss man sich dann auch nicht wundern, da muss man einfach mal analysieren, wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.

Natürlich gab es in Deutschland auch schon Formen von Gewalt, die aus dem Ruder gelaufen sind. Ich denke an den Terror beim Schahbesuch, da musste die Polizei ja tatsächlich gegen eigene Landleute vorgehen. Das war eine Generation von Polizisten, die noch den letzten Krieg miterlebt hatten, das heißt, die hatten schon eine gewisse Erfahrung mit Tradition, aber eben nicht mit der Vorstellung, dass man notfalls auch mal auf die eigenen Leute schießen muss, wenn es befohlen wird oder die Fronten schneller klärt. Wir haben das zwar in der Zwischenzeit gründlich aufgearbeitet, der Linksradikalismus hat uns immer wieder einen Anlass gegeben, das praxisorientiert zu versuchen, aber es ist für uns bis heute besser, wenn wir das als deutsches Kulturgut untereinander ausmachen, statt unnötige Konflikte mit Ausländern zu entfachen.

Oder nehmen Sie diesen Gewaltausbruch in Schorndorf vor drei Jahren, das waren insgesamt hundert Jugendliche, die allermeisten Deutsche, die haben sich ganz regelkonform besoffen und dann geprügelt. Der Fehler war dann, dass ein paar Nazis und ein paar Polizisten – ich weiß nicht mehr, wer wer war, vermutlich sowieso dieselben – die haben plötzlich von tausend Personen gesprochen und von Massenvergewaltigungen durch Hunderte von Flüchtlingen, die zwar keiner vorher gesehen hatte und hinterher auch nicht, aber das ist dann doch schiefgegangen. Zum Glück waren es dann gut ein Dutzend Straftäter, die Sache ist dann irgendwie im Sande verlaufen, weil man nicht genug heiße Luft für das öffentliche Interesse hatte, und wissen Sie, woran das lag? Weil wir Deutschen das unter uns ausgemacht haben. Sie sehen also, wenn man als Ausländer in so eine Angelegenheit nicht seine Nase reinsteckt, dann geht das auch gut aus.

Und deshalb würde ich sagen, wir müssen auch mehr dazulernen, was die Polizei angeht. Es gibt da kultursensible Bereiche, die sollte man mit mehr Feingefühl anpacken. Die Polizeipräsenz in diesem Land ist ja schön und gut, die müsste auch noch stärker werden im Alltagserleben der Menschen, so dass sich der Bürger sagen kann: die Polizei ist als sichtbarer Teil dieser Gesellschaft vorhanden, und wenn sie eins repräsentiert, dann ist es das Gesetz. Aber wir sollten aufhören, Personen in die Polizei zu holen, die schon auf den ersten Blick nicht wie richtige Deutsche aussehen oder zumindest diesen Eindruck erwecken könnten. Ich meine, Reklame zu laufen für Ausländerkriminalität, das kann doch nicht der Job für richtige Deutsche sein, oder sehe ich das so falsch?“





Schön saufen

16 04 2019

„Deshalb ist es ja auch etwas ganz anderes, wenn eine Frau Alkohol trinkt, als beispielsweise bei einem Mann oder was es da sonst noch so gibt. Die Wirkung und insbesondere die Herleitung der Begründung in Bezug auf eine mögliche Straftat ist nämlich ganz anders gelagert.

Machen Sie bitte nicht den Fehler, dass Sie wieder einen neuen Grund zur Erklärung von Vergewaltigungen gefunden haben wollen – wenn Sie jetzt davon ausgehen, dass auch Männer vor so einer Handlung durchaus mal einen trinken, dann ist das vielleicht eine mögliche Komponente im Bündel der möglichen Komponenten, und bevor wir uns diese Erklärung zu einfach machen, sollten wir mal sehen, ob es nicht noch andere Faktoren gibt, die eine Vergewaltigungshandlung zumindest begünstigen, und da sind wir dann bei Frauen, die vor einer Vergewaltigung Alkohol trinken. Sie kennen die physiologischen Wirkungen, Alkohol macht bekanntlich aggressiv, und das ist nun mal eine Verhaltensweise, die einen Mann zutiefst verunsichern kann. Da darf sich eine Frau auch nicht wundern, wenn Männer sehr irritiert sind und möglicherweise gegen eigene Interessen handeln.

Oder denken Sie beispielsweise an Frauen, die die eigene Straßenseite wechseln, wenn sie in der Dunkelheit einen Mann hinter sich hören. Das ist zunächst einmal ein recht eindeutiges Signal, weil es eben heißt, dass ein Mann die Straßenseite wechseln sollte in so einer Situation, aber wer würde denn als Mann daran denken? und dann auch noch, wenn er vorher etwas getrunken hat und ohnehin nicht so risikobewusst ist in Bezug auf die Frauen? Man muss doch die Fakten auch mal sehr viel differenzierter betrachten, als das diese ganzen Feministinnen sonst so tun. Ich meine, das wird man doch in analytischer Hinsicht auch einmal so äußern dürfen, ohne sich gleich für eine generell antifeministische Haltung rechtfertigen zu müssen.

Wir können ja auch nicht ausschließen, dass Frauen vorher gezielt Alkohol zu sich nehmen, damit eine potenzielle Vergewaltigung nicht ganz so schlimme Folgen hat. Das klingt jetzt erst mal sehr unplausibel, aber bedenken Sie, manche Frauen kriegen doch sonst gar keinen Mann ab, und dann greift man halt zu sehr ungewöhnlichen Mitteln. Sie sollten das jetzt nicht mit dem berühmten zu kurzen Rock verwechseln, das ist etwas ganz anderes. Wenn eine Frau einen zu kurzen Rock anzieht, dann will sie nicht die Entstehung einer Vergewaltigung möglichst angenehm gestalten oder deren Folgen im verträglichen Rahmen halten, dann möchte sie diese Handlung ja gezielt herbeiführen, weil sie mit der typischen Reaktion eines Mannes rechnen kann und diese für ihre Ziele einsetzt. Ich meine, das hat schon etwas Niederträchtiges, finden Sie nicht?

Wir verlangen ja von Männern immer wieder, dass sie keine Frauen vergewaltigen, und das ist meines Erachtens eine vollkommen überflüssige Diskussion, denn es geht hier schlicht darum, dass man eine Selbstverständlichkeit fordert: dass keine Straftaten begangen werden. Das ist natürlich ein ganz schlimmer Generalverdacht, mit dem wir uns nicht auseinandersetzen sollten, weil er ja in der Bevölkerung überhaupt keine Resonanz hat, oder sind die überwiegende Mehrheit der Männer etwa Vergewaltiger? Na also. Aber reden wir doch mal über die Forderung, dass sich Frauen nicht ständig vergewaltigen lassen sollen. Haben Sie eine Ahnung, was so eine Vergewaltigung mit einem Mann macht? Die Tatfolgen, die Strafverfolgung, Gerichtsverfahren, möglicherweise ein hartes Urteil und Freiheitsentzug, das kann ein ganzes Leben zerstören. Wir sollten sehr sensibel umgehen mit diesem Thema, weil das selbstverständlich auch in der Familie Kreise zieht, das wirkt auf die Gesellschaft – unsere Diskussion hier ist ja auch von einem Generalverdacht gegenüber Männern geprägt, und Sie wissen selbst, dass das für eine Gesellschaft auf Dauer wirklich toxisch sein kann.

Wir sind da sehr schnell bei einem Problem, das wir auch sozial differenziert diskutieren müssen. Wer hat denn bisher Frauen verantwortlich gemacht für ihren Alkoholkonsum, wenn ihnen einen Mann einen ausgegeben hat? Zu einem Fehler gehören ja immerhin zwei, einer, der ihn begeht, und einer, der ihn zulässt. Müssen wir uns da als Gesellschaft nicht alle auch in Regress nehmen und uns fragen, ob das Verhalten von Frauen nicht generell ein Stück weit eine aus mehr oder weniger egoistischen Gründen – Sie kennen die so gut wie ich, also kommen Sie mir nicht mit Frauenversteherscheiße – wie gesagt, eine aus mehr oder weniger egoistischen Gründen, was wollte ich sagen, also da ist immer auch ein Egoismus dabei, und wenn man den nicht sieht, dann ist das auch kein Grund, sich das schön zu saufen. Wir haben genug Probleme, und da brauchen wir nicht auch noch eine Masche von Frauen, Männer immer in eine Opferhaltung zu drängen, in der sie letztlich immer die Gesellschaft beschädigen.

Und überhaupt, ich meine, warum sollten Sie sich denn überhaupt mit diesem Thema befassen? Sie sind doch ein ganz normaler Mann, der in den besten, ach was, in den allerbesten Jahren des… – Alkoholprobleme? Sie!? Sie Ärmster, da kriegen Sie ja nie was ab!“





Notstand

14 09 2009

„Jedenfalls sollte man das aus dem Verkehr ziehen. Und zwar so schnell wie möglich. Irgendwas wird Ihnen da doch wohl einfallen, Kleinschmidt!“ „Es tut mir Leid, aber wie wollen Sie das anstellen? Das Video ist da, es ist etliche Male heruntergeladen worden, es haben sich inzwischen so viele Leute…“ „Lässt sich feststellen, wie viele? und wer?“ „Wie soll das denn gehen?“ „Ich dachte, wir zeichnen das alles auf?“ „Aber dann wissen wir doch noch nicht, wer hinter einer IP steckt. So einfach ist das nun auch wieder nicht.“ „Nicht? Komisch. Die Zypries hat mir das letzte Woche ganz genau erklärt, warten Sie mal… da, auf dem Schreibtisch. Ich habe es mir ausdrucken lassen.“

„Jedenfalls ist das ein Schlag ins Wasser. Wir können doch jetzt mitten im Wahlkampf nicht auch noch solche Demonstranten gebrauchen, die unser Sicherheitskonzept in Frage stellen.“ „Es wird keine Entschuldigung geben!“ „Aber wir müssen irgendwie darauf reagieren.“ „Warum eigentlich?“ „Meine Güte, die Bilder sind doch längst weltweit…“ „Wie, weltweit? Ich dachte, die seien nur im deutschen Internet?“ „Herr Minister, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für alberne Witze! Wir stehen hier vor einer folgenschweren Entscheidung!“ „Wie ich bereits sagte, eine Entschuldigung kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Wir können jetzt keine Schwäche zeigen. Unsere Sicherheitspolitik wird sonst unglaubwürdig und das kostet uns mindestens fünf Prozentpunkte an diese linken Spinner.“ „Wenn wir uns nicht entschuldigen, verlieren wir die fünf Prozent an die NPD – halten Sie das für besser?“ „Kleinschmidt, Sie Blindschleiche! Wir brauchen die Nazis! Wir brauchen sie, wir brauchen jeden einzelnen Mann! Ohne Nazis kriegen wir doch den Sicherheitsplan nie durch! Herrgott, so kapieren Sie es doch!“

„Wir könnten vielleicht so hindrehen, dass der Gegner den Polizeibeamten irgendwie beleidigt haben könnte. Vielleicht hat er ja ‚Bullenschwein‘ gesagt. Das müsste doch einer von den Kameraden gehört haben. Dann steht Aussage gegen Aussage und wir sind fein raus.“ „Unfug! Das sind doch alles Feinde der Demokratie!“ „Wer?“ „Diese ganzen Piraten! Dieses Pack, das da…“ „Herr Minister, Frank Bsirske war auf der Demo.“ „Alles dasselbe Gesocks!“ „Claudia Roth war da. Thilo Weichert.“ „Was ist das denn für ein Vogel?“ „Der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Ehemaliges Landtagsmitglied in Baden-Württemberg.“ „Sicher so ein dahergelaufener Spinner.“ „Herr Minister, er ist promovierter Jurist.“ „Ich weiß selbst am besten, dass das nichts zu bedeuten hat! Gar nichts!“

„Wenn Sie jetzt überreagieren, dann haben wir nicht nur eine Katastrophe mit den Rechten, sondern auch noch einen Erdrutsch zu den Piraten zu befürchten. Das können Sie doch nicht wollen!“ „Was haben Sie immer mit Ihren Piraten, das Gesindel ist doch nur ein Haufen von konservativen Besitzstandswahrern.“ „Dann müssten Sie ja Oberpirat sein, Herr Minister.“ „Werden Sie nicht frech!“ „Entschuldigung, aber…“ „Diese Chaoten wollen angeblich Bürgerrechte verteidigen. Das Grundgesetz! Kleinschmidt, das lasse ich mir nicht bieten! Diese Halbstarken sollen gefälligst das Maul nicht so weit aufreißen. Haben die das Grundgesetz gemacht? Na also. Dann haben die hier auch nicht reinzureden. Hier bestimme ich!“

„Wir müssen aber doch irgendwie die Situation jetzt…“ „Ha! Ich hab’s! Kleinschmidt, die haben das Video doch über das Internet weitergegeben. Wo sind die Daten jetzt?“ „Auf vielen Servern und auf sehr vielen Computern.“ „Gut. Sagen Sie der Abteilung ZV2, dass ich den Einsatz eines Trojaners genehmige. Wir müssen diese Daten so schnell wie möglich auf allen Computern löschen.“ „Also bitte, das ist doch jetzt Unfug! Es gibt gar keinen Bundestrojaner.“ „Nicht? Ich hatte aber doch befohlen, dass…“ „Selbst, wenn es ihn gäbe, dürfen wir ihn gar nicht einsetzen.“ „Warum?“ „Weil das verfassungswidrig wäre.“ „Ach was, um solche Kleinigkeiten mache ich mir jetzt keinen Kopf. Außerdem, wozu habe ich Sie, Kleinschmidt?“ „Herr Minister, das ist Unsinn. Selbst wenn es den Trojaner gäbe und wir ihn benutzen dürften, wir würden doch in die Rechner gar nicht eindringen können.“ „Wieso?“ „Wegen der Datensicherheit.“ „Welche Datensicherheit?“ „Die meisten Benutzer haben aufwändige Vorkehrungen getroffen, um sich gegen Schadsoftware zu wappnen. Jeder, der die Maßnahmen von Deutschland sicher im Netz ergreift, ist gegen solche Angriffe immun.“ „Was ist das für ein Verein? Die Verantwortlichen sofort verhaften! Kleinschmidt, holen sie mir die her! Ich will sofort wissen, welche Schweine das…“ „Herr Minister, das ist eine Initiative des Bundesministeriums des Innern.“

„Wir müssen es schaffen! Irgendwie müssen wir es schaffen! Halt, Kleinschmidt, diese Daten wurden doch über das Internet kopiert?“ „Ja.“ „Die haben sich das alles heruntergeladen und dann ausgedruckt und…“ „Ausgedruckt nicht, aber sonst: ja.“ „Jetzt haben wir sie! Jetzt sind sie einen Schritt zu weit gegangen! Das sind alles Raubkopien! Kleinschmidt, machen Sie sofort das Internet zu! Wir stoppen die Kopien über das Internet und dann lassen wir das Video verschwinden! Wenn wir das bis zur Wahl schaffen, dann…“ „Ich halte mich da raus. Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber ich möchte damit nichts mehr zu tun haben.“ „Was ist denn nun wieder in Sie gefahren? Kleinschmidt, lassen Sie mich nicht allein! Wir müssen das doch stoppen!“ „Suchen Sie sich einen anderen Idioten. Ich habe die Nase voll. Ich will mit dem, was jetzt passiert, nichts mehr zu tun haben. Und ich hätte Ihnen gleich davon abraten sollen, dieses Strategiepapier zu entwickeln. Bundeswehreinsätze zur Sicherung von Demonstrationen – was für eine Schnapsidee!“





Ego-Shooting

17 03 2009

„So, Krötzke, dann zeigen Sie mal.“ Zack klappte das Notebook auf. Der graublaue Monitor zeigte eine kreiselnde Sanduhr. Das Spiel lud und lud. Nichts tat sich. Aber Posauke war das gewohnt. Die ersten Versionen waren selten ausgereift.

„Eigentlich müssen wir uns langsam Gedanken machen über die internationalen Verträge. Osterloh, die Zahlen. Haben wir irgendwas mit Nordkorea auf Lager? Die Amis fragen ständig nach. Das mit der Atomwaffensuche im Iran war ja nicht so gut gelaufen.“ Osterloh suchte in den Unterlagen und schob die richtigen Blätter über den Tisch. „Wir hatten da Probleme. Anscheinend war unser Ansatz noch zu dicht an Sauerbraten. Die Rechtsabteilung musste das Lizenzgeschäft stoppen.“ Posauke runzelte die Stirn. „Wofür bezahle ich einen Haufen Designer, Programmierer, Psychologen, Juristen und Betriebswirtschaftler? Damit wir zusehen können, wie die Konkurrenz uns an die Wand drückt?“ Osterloh verteidigte sich. „Aber unser Afghanistan-Spiel war…“ „… der größte Reinfall aller Zeiten“, fiel Posauke ihm ins Wort, „und die miserabelste Doom-Kopie, die je erfunden wurde. Aufklärungsflüge mit ferngesteuerten Drohnen! Zu Fuß durch die Kontrollpunkte! Fehlt nur noch, dass Gordon Freeman mit einem Blauhelm auftritt!“ Er grollte. „Da sind ja die Abendnachrichten spannender!“

Noch immer hatte sich nichts getan. Verzweifelt starrte Zack auf den Bildschirm. „Ich verstehe das nicht“, murmelte er, „gestern hat es doch noch funktioniert.“ Posauke schlug ihm auf die Schulter. „Ruhig, Krötzke, ruhig. Das ist doch erst die Demo. Bis das Ding läuft, können Sie uns ja schon mal erzählen, was Sie sich diesmal ausgedacht haben.“ Zack faltete einen Zettel auf. „Also zunächst mal habe ich hier eine völlig neue Intelligenz-Routine eingebaut. Die Spielfiguren beurteilen eigenständig die Gefahr und können je nach Spielstand und Umgebung mehr oder weniger Risiko eingehen. Das alles natürlich kooperativ: die Spieler können Waffen, Munition und Standortinformationen austauschen.“ Osterloh warf ein, dass das nicht besonders neu sei. „Allerdings können die Spieler auch ihre Fähigkeiten wechseln. Sie können beispielsweise einen Anführer austauschen, dessen Charakter für spätere Levels noch benötigt wird, und dessen Werte komplett einer anderen Figur übertragen.“ „Und der flexible Punktwert?“ „Alles integriert, wie abgesprochen. Wenn die Mannschaft das Hauptziel des Levels nicht zerstört, kann sie durch systematisches Vernichten anderer taktischer Einsatzziele ihre Stärke erhöhen. Sehr realistisch.“

Posauke war zufrieden. „Gut, dann kommen wir mal auf die Spieldynamik zu sprechen. Gibt es genug Überraschungen?“ „Jede Menge. Vom Erdrutsch über plötzliche Abgründe und Gewitter bis zur kompletten Explosion von Spielfiguren. Letzteres auch als versehentliche Selbstvernichtung. Wie gesagt, es ist spannender als alles, was Sie bisher gesehen haben.“

„Ich hatte da einige Skizzen zum Zeitverlauf aus ihrem letzten Entwurf in Erinnerung, Krötzke. Haben Sie es in dies Spiel übernommen?“ „Das ging ganz leicht“, sagte Zack, „mit einem Recall-Modus. Es bleibt im nächsthöheren Level alles erhalten, und der Clou ist: wer dies Spiel als Upgrade installiert, hat sämtliche Erinnerungen an die Vorgänger-Version an Bord. Es gibt regelrechte Flashbacks! Die ganze Vergangenheit kehrt durch plötzlich aufklappende Zeitfenster zurück.“ Posauke strahlte vor Begeisterung. „Sie sind einfach ein Genie, Krötzke!“ Und noch immer drehte sich die Sanduhr. Nichts war zu sehen. Nichts war zu hören.

„Ich habe jetzt auch die Bewegungsmodi etwas überarbeitet. Von hinten anschleichen, von vorne angreifen, Zangengriff mit mehreren Figuren gleichzeitig, die Chewbacca-Verteidigung – alles lässt sich von mehreren Spielern simultan ausführen. Sogar virtuelle Feindbilder sind da, eine Art Luftspiegelung, die eine nicht existierende Gefahr vortäuscht, um den Gegner in die Irre zu führen. Und das alles absolut flüssig.“ „Fantastisch! Und wie sieht’s mit der Brutalität aus?“ Zack druckste ein bisschen herum. „Ich hatte Probleme, es wieder so realistisch wie beim letzten Mal zu gestalten.“ Doch Posauke ließ nicht locker. „Was soll denn diese Gefühlsduselei, Krötzke. Es ist nun mal ein schmutziges Geschäft. Es fließt Blut, es rollen Köpfe, man geht über Leichen – wollen wir das alles mit dem Mantel der Liebe zudecken? Nein, Krötzke, das wäre doch albern.“ „Wir könnten ja zwei Versionen auf den Markt bringen“, schlug Osterloh vor, „eine normale und eine weniger brutale. Oder Sie lassen sich eine Art flexible Gewaltenteilung einfallen – am Anfang einige heftige Einsteigerszenen und dann eher moderate Gewalt. Oder umgekehrt: erst die eher milden Spielzüge zum Trainieren der Kooperation, später immer brutalere Action.“ „Darüber kann man reden, aber bitte nicht schon wieder so grauenhafte Splatterszenen wie beim letzten Mal. Besonders nach dem Endkampf war die Öffentlichkeit wochenlang wie paralysiert.“ „Krötzke, Sie machen das schon“, beruhigte Posauke ihn, „wir richten uns da ganz nach Ihnen.“

Mit einem Mal bretterten verzerrte Metal-Gitarren aus dem Notebook. Die Grafik blendete langsam auf und zeigte blutrote, entstellte Gesichter. Satanisches Lachen unterlegte die Szenerie. Langsam schob sich der Titel ins Bild: Crysis of the Nation – Bundestagswahl 2009