14 09 2016

„… die Frauenquote nicht nur in den Vorständen der DAX-Konzerne eingehalten werden müsse. Die Fußball-Nationalmannschaft habe ab sofort den…“

„… wie genau 3,3 Spielerinnen ins Team zu integrieren seien. Eine Rotation mit ab- oder aufgerundeten Zahlen sei eine Lösung, eine andere die prozentuale Beteiligung von 27 Spielminuten mit einer weiblichen…“

„… der Deutsche Fußball-Bund vergeblich auf die Damennationalmannschaft hingewiesen habe. Die Übererfüllung der Frauenquote sei kein Grund, ganze gesellschaftspolitisch hochrelevante Bereiche aus der Gleichstellung herauszulösen und ohne eine Beteiligung von…“

„… sich Stadien ab der Kategorie 3 für das Auflaufen der Nationalelf Umkleideräume und Duschen für weibliche Spieler anschafften müssten, statt im Schichtsystem zuerst die…“

„… mikroökonomische Gründe für die Quote nicht ausgeschlossen werden könnten. Mit einer gelebten Diversität könne das deutsche Team eine noch größere Fanbasis…“

„… politische Vorbehalte gebe. Höcke habe auf dem AfD-Bundesparteitag gefordert, dass das Weib die deutsche Rasse am Herd zur Wehrhaftigkeit zu nähren, ihr Nachschub für Wehrmacht, Arbeitslager und Partei zu gebären und dem Weltmuseltum die in ihrer Einzigartigkeit gewaltigste…“

„… gewerkschaftliche Proteste gekommen seien. Der Hinweis, dass auch im Damenfußball die Halbzeiten 90 Minuten dauerten, habe keinem…“

„… nicht gegen die Gleichstellungspolitik der Europäischen Union verstoße, wenn die Trikots der DFB-Elf in unterschiedlichen Schnitten hergestellt würden. Lediglich durchgehend in Pink gehaltene Rückennummern seien nicht mit den gesetzlich verankerten Vorschriften zu…“

„… die Verkleinerung des Spielfeldes schon deshalb nicht in Betracht komme, weil sonst der populäre Größenvergleich einseitig zuungunsten des Saarlandes…“

„… müsse das Berufsbild des Fußballers auch Frauen geöffnet werden, die in ihrem eigenen Nationalteam weitaus geringere Honorare erzielen würden. Das Lohnniveau der Frau werde damit statistisch weit über die bisherige…“

„… einen Passus in die Verträge einarbeiten wolle, dass Nationalspielerinnen ihre Schuhe weder mit Strass und Glitzer noch durch gefährliches…“

„… eine Veränderung des Konsumklimas erwarte. Der Deutsche Werberat hoffe, dass sich spätestens 2024 Reklame für Damenhygieneartikel bis in die Bundesliga…“

„… und emotionale Reaktionen provoziere. In einem von Frauen durchzogenen Spiel rechne die FIFA mit zahlreichen unlauteren…“

„… nicht als Einbahnstraße verstehe. Die Quote diene nicht allein den Frauen, sie sei auch ein wichtiger Schritt, um gesellschaftliche Akzeptanz für den Spielerinnenmann zu…“

„… auf die Beseitigung geschlechterbezogener Gewalt hoffe. Notfalls werde man Fouls gegen männliche Spieler mit einer sofortigen…“

„… versichert habe, dass plötzlich einsetzende Ohnmacht, Hysterie oder abgebrochene Fingernägel keine Gefahr für die Vollständigkeit der Mannschaft im…“

„… die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben dadurch gewährleistet werden könne, indem man die Spielerinnen bitte, neben ihren Einsätzen fürs Nationalteam zu Hause bei Mann und Kind zu…“

„… den aus der Herrenmannschaft bekannten Dress übernehmen wolle. Eine spezielle Mode mit kurzen Röcken habe es bisher im DFB nie…“

„… Schwierigkeiten bei der Einwechslung hervorrufe. So müsse man die Spielzeit einer Quotenspielerin zu 30% als regulär, wie sie in Proportion zu einem männlichen, der wegen einer Verletzung vom…“,

„… besonders negativ sanktioniere, wenn sich Spielerinnen eine ausufernde Diskussion mit dem Schiedsrichter oder einem der…“

„… problematisch sei, wenn Länderspiele gegen Staaten mit ausgesprochen frauenfeindlicher Kultur anständen. Der DFB sei nicht dafür, Spielerinnen verschleiert auf den Platz zu…“

„… davor gewarnt, eine Flexi-Quote dahin gehend auszulegen, dass 30% der Spiele ganz mit weiblichen…“

„… der Trikottausch ab sofort wegfallen müsse, um die internationalen Übertragungsrechte im…“

„… ob langfristig der Trainer in die Quote einbezogen müsse und, wenn ja, eine Bundestrainerin mit einer Gewichtung von 1,3 die Quote der aktiven Spielerinnen…“

„… mit einer einstweiligen Verfügung zum Scheitern bringen wolle, da es sich bei einer Fußballmannschaft natürlicherweise nicht um ein mitbestimmungspflichtiges Unternehmen…“

„… als frei erfunden bezeichnet habe. Die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Herren habe nicht die Absicht, eine Quote zu…“





Vatermutterkind

4 04 2013

Der Beamte legte die beiden Aktendeckel mit sanfter Akkuratesse auf Kante. Dann rückte er den Bleistift gerade und zog ein frisches Formular hervor. „Hochzeitsvorbereitungen“, informierte Ruckteschel mich. „Ich muss etwas aufpassen, damit ich nichts verwechsle. Die Braut nimmt den Namen der Braut an.“

Gustav Ruckteschel hatte noch ein paar Jahre vor sich, doch galt er als erfahrener, vorbildlicher Standesbeamter. „Diese neuen gesetzlichen Regelungen sind etwas verwirrend, aber sie bringen uns endlich weiter. Kein Wunder, dass dagegen demonstriert wird.“ Er schien meine Frage schon zu ahnen, jedenfalls hatte ich gar nicht erst Zeit, sie zu formulieren. „Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Bevölkerung auf Rechtsvorstöße reagiert. Und dabei geht es noch nicht einmal um bedeutsame Dinge, sondern nur um die Banalität, ob man zum Heiraten zwingend Mann und Frau sein muss. Lächerlich.“ Er bügelte sorgfältig ein Eselsohr flach. „Und dabei haben wir es eigentlich mit einer zivilrechtlichen Einrichtung zu tun, in die erst die Kirche ihre Nase gesteckt hat, als sie sie in allem anderen schon längst drin hatte.“ Noch sträubte sich die Ecke, aber Ruckteschel ließ nicht locker.

„Und dann haben wir ganz nebenbei unsere alternativlose Bundesregierung dazu gebracht, dass sie sich in einem Paradoxon verrennt.“ Er blickte mir missbilligend dabei zu, wie ich ein Formular in die Hand genommen hatte; sicher würde ich es nicht regelkonform auf den Stapel zurücklegen. „Sie hat zwar die Ehe als Keimzelle des Staates zu etablieren versucht – früher war das die Familie, da waren noch Reste von Aufklärung am Werk – allerdings hat sie die Alleinerziehenden als Wähler entdeckt und musste sich logischerweise selbst widersprechen. Das wäre sonst kein Problem, nur hier wird es etwas schwierig. Was macht man mit denen?“ Ich wusste es nicht; tröstlich, dass auch er es nicht wusste. „Zwangsverheiraten geht nicht, auch keine Zwangsbeelterung des Alleinerzogenen, aber das wäre ja nicht das rechtsdogmatische Problem.“ „Und was wäre dies?“ Er holte tief Luft. „Man müsste ihnen die Kinder wegnehmen. Aber das kriegt selbst diese Regierung nicht zustande.“

Behutsam leerte Ruckteschel den Inhalt des Bleistiftanspitzers in den Papierkorb. „Das ist doch eine wesentliche Verbesserung gegenüber der bisher geltenden Vorschrift, oder?“ Er schaute kurz auf, wiegte dann aber bedenkend den Kopf. „nicht für alle. Schauen wir uns diesen Fall an.“ Er zupfte einen blauen Aktendeckel aus dem rechten Stapel. „Alois und Therese Gschwürlpointner waren trotz anderslautender Versicherungen auch innerhalb der Dreijahresfrist nach der Eheschließung nicht Eltern geworden, daher haben wir sie vor die Wahl gestellt. Eine Möglichkeit, da die Ehe nach Ansicht der bayerischen Regierungsbestandteile ja in besonderem Maße der Sicherung des Fortbestandes der Bevölkerung dient, eine Möglichkeit ist die Sanktion, was dem bekannten Denkschema der konservativen Parteien entspricht. Läuft irgendetwas nicht so, wie es gedacht war, finde jemanden, der sich nicht wehren kann, und bestrafe ihn dafür, dass er keine Möglichkeit hat, sich zu wehren.“ Ich runzelte die Stirn. „Sie erhängen also Geldbußen für Kinderlosigkeit?“ Ruckteschel lächelte. „Aber nein. Wir gruppieren beide wieder in Steuerklasse I ein. Nur eine dauerhafte Strafe ist wirksam, wenn man die eheliche Moral verteidigen will.“ Er legte eine stählerne Reißschiene an der Tischkante an – alles war noch immer rechtwinklig, keine Gefahr. „Trotzdem haben wir den Eheleuten Gschwürlpointner natürlich eine Möglichkeit gelassen, sich zu rehabilitieren. Sie hatten die Möglichkeit, ein Waisenkind zu adoptieren.“

Sorgsam rührte er den Tee um, bis sich keine erkennbare Spur von Zucker mehr in der Tasse wahrnehmen ließ. Es ergab ein vollkommen einheitliches Gemisch. „Und Sie sind wirklich sicher, dass das eine gute Lösung ist?“ Er nickte entschieden. „Sie haben ja gehört, was das Bundesverfassungsgericht zu Adoptionen geäußert hat. Auch gleichgeschlechtliche Paare dürfen nun Kinder des jeweils anderen annehmen. Man mag es für eine unzulässige Parallele halten, aber ich würde das Grundgesetz doch so interpretieren.“ Fragend blickte ich ihn an. „Es gibt keinen Grund, sie von der Adoption eines Kindes auszuschließen. Sie besitzen dieselben Recht wie alle anderen Menschen. Selbst dann, wenn es sich um Bayern handelt.“

Millimetergenau lochte Ruckteschel den Durchschlag der handschriftlich ausgefüllten Unbedenklichkeitserklärung, die nach menschlichem Ermessen innerhalb der nächsten zehntausend Jahre kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen würde. „Wir haben ihnen also ein Kind zur Adoption zugeteilt – wie gut, dass sich endlich nicht mehr reiche, ältere Paare ein Kind besorgen können, weil man die jungen Leute solange mit Papierkram ausbremst, bis sie angeblich zu alt sind, Kinder zu erziehen – und sie haben sich beschwert. Einen Neger, sagte Herr Gschwürlpointner, den wolle er nicht. Er hat sich damit für die höhere Steuerklasse entschieden. Lebenslang.“

Nach drei Kontrollen war Ruckteschel davon überzeugt, dass er den Kugelschreiber weglegen konnte. „Übrigens“, kicherte er, „ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Kanzlerin keine Kinder hat?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CI): Frauenquoten

22 04 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution ließ in ihrer unendlichen Güte zwei Geschlechter entstehen, eines, das im Schweiße seines Angesichts aus versägter Buche (furniert) und Buntmetallbolzen Schuhschränke aus Fertigbausätzen klöppelt, und eines, das diese Schuhschränke in Lichtgeschwindigkeit mit Pumps, Sandalen und Stiefeletten in siebenunddreißig Schwarztönen anfüllt. Trotz mancher Hindernisse hat sich die Errungenschaft der Gleichstellung in den meisten Gesellschaften bestens bewährt: Männer können unfallfrei stricken, Frauen als Kanzlerin vollkommen diskriminierungsfrei ganze Volkswirtschaften in die Grütze reiten. Um aber einer Gesellschaft auch gründlich zu verordnen, was sie wollen soll, braucht es Paragrafenpeitsche und Aufsichtshuberei, sonst wäre alles zu einfach und die Beknackten könnten, horribile dictu, so sinnerfüllt wie effektiv und glücklich leben. Damit aber auf diesem beschissenen Rotationsellipsoiden noch der letzte Trottel seine Existenz als zwecklose Irrfahrt zwischen Steuererklärung und Frühableben begreift, versaut es ihm der Staat gleich gründlich. Gute Dienste leistet da eine Frauenquote.

Die Idee ist so einfach wie hirnrissig; da um und bei die Hälfte des künftigen Personals mit zwei X-Chromosomen aufs Spielfeld kommt, müssen wir überall, wo es gesellschaftliche Verantwortung, sprich: sozialversicherungspflichtige Arbeit gibt, auch den Einzug der Frau ins Erwerbsleben fördern, bis das andere gewünschte Ziel der konservativen Sozialschrauberei, die artgerechte Haltung des Weibchens in der Küche, sich nicht mehr verkaufen lässt. Da aber die Wirtschaft sich selten dem Primat der Politik beugt, noch seltener der praktischen Vernunft, gibt sie vornehmlich aus Gründen der bürgerlichen Selbstvergewisserung eine Regel zur Antidiskriminierung heraus. Fünfzig Prozent der Fliesenleger, Fotografen und Flachglasmechaniker sollen fortan feminin sein, sonst macht das Leben keinen Spaß mehr.

Natürlich ist die politische Führung in dieser existenziellen Frage unbeugsam wie Margarine, beschließt eine Verhaltensmaßregel nach der anderen und pocht auf flexibler Einhaltung nach Lust und Laune, denn man muss dem Kaiser geben, was des Kaisers ist – der gerade noch leicht zu begreifende Schluss, eine Hälfte der Gesellschaft auch zu einer Hälfte in einer quotierten Arbeitswelt zu machen, wird von berufenen Begriffsjongleuren subito wieder rückgeführt, da für eine gefühlte Hälfte dreißig bis vierzig Prozent ausreichen. Wer die Komplettverdeppung mit den Bordmitteln der Schulmathematik begegnet, lernt den Häkelkreis der Argumentierunwilligen kennen. Sind denn nicht höchstens dreißig Prozent der Absolventen in Fach- und sonstigen Hauptschulen weiblich? Entscheiden nicht bereits viele Frauen sich eher für die Mutter- als für die Handwerksrolle? Wäre nicht das sozial skalierende Fifty-Fifty wettbewerbsverzerrend und damit ein Angriff auf die Gleichbehandlung? Oder anders gefragt: meinen die blöden Schlampen etwa, sie hätten mehr verdient als die traditionelle Rolle knapp oberhalb von Haustieren?

Damit die derart defizitäre Denke nun aber nicht sofort zum Untergang des Abendlandes führt – wir erwarten ihn, sobald sich Männer das Bier selbst aus dem Kühlschrank holen müssen – schnitzt die Politik ihre Regelung aus supi flexi Schmierkäse. Stufenweise steigert sich die Anforderung an die Unternehmen, die sich verpflichten, die Auflagen auf freiwilliger Basis umzusetzen, also mal mehr oder weniger zur Kenntnis zu nehmen, in Sonntags- und Wahlkampfreden durchzukauen und sie ansonsten zu ignorieren. Auf der ersten Stufe wollen wir, auf der zweiten wollen wir ganz dolle, vor dem Einsetzen der dritten Stufe wird uns die akute Hirnschmelze an der Realitätswahrnehmung retten. Es ist nichts passiert, aber wir bekennen uns vollinhaltlich unschuldig. Das im Arbeitsmarkt und aus anderen Weiterungen der Strafverfolgung erprobte Anreizsystem, hier scheint es wohl nicht zu funktionieren; besser, man schwiemelt sich mit der Milchmädchenrechnung auch gleich den Grund fürs Versagen zurecht.

Natürlich wird sich alles irgendwann von selbst einpegeln, wie die Vorbeter der Marktwirtschaft in endlosem Geleier den Bekloppten weiszumachen versuchen – staatliche Eingriffe sind ja nur da nötig, wo sich der Markt wieder einmal verzockt hat – und die bereits im Ansatz marode Quotenregelung dient nur als Anschubfinanzierung zum Ausverkauf. Dass bereits Demokratieprinzipien erster Ordnung verletzt werden, weil nicht mehr die geschlechtsneutrale Wahl der am besten geeigneten Person zum Abschluss eines Arbeitsvertrags führt, sondern Erfüllung planwirtschaftlicher Vorsätze, das ist nicht allein ein Eingriff ins Eigentumsrecht und Teil einer staatlichen Entmündigungsstrategie, wie sie gegenüber anderen Randgruppen auch rücksichtslos gefahren wird, das ist Verstoß gegen die Einsicht, wo ein Kalkül nur theoretisch aufgeht, aber nicht in der gesellschaftlichen Realität, sonst wären aus Imagegründen längst alle prominenten Kabinettsposten mit lesbischen, schwarzen Behinderten besetzt.

Endgültig paranoid und zugleich verräterisch wird die Versuchsanordnung, wo eine affirmative Aktion jenseits aller Qualifikationen die Anzahl der Vorstands- und Managementposten mit weiblicher Besetzung vorgibt. Nicht hehrer Glaube an die Gleichheit des Weibes treibt uns Lemminge zum Nachfaseln der Balancebotschaft, zum Betonieren kapitalistischer Wachstums- und neoliberaler Leistungsträgerstrukturen zwingt man Frauen in ein System, von und für Arschlöcher entworfen, um die Gesellschaft gleichmäßig unter Kontrolle zu bekommen. Männerfantasien der Marktwirtschaft, in denen die Drohne sich früher oder später dem Herzinfarkt opfern darf, wenn sie bis dahin die Absatzzahlen fleißig nach oben gehämmert hat. Den Krampf im Kopf als Segnung zu empfinden, das schafft anscheinend nur der neokonservative Gewaltkapitalismus, dessen Überwindung früher oder später in die Abschaffung der Gesellschaft führen soll, wie uns schon jetzt wegen mangelnder Dauerbeschäftigung von der Industrie täglich ins Außenohr gejodelt wird. Wir werden es mitmachen. Wir erleben positive Diskriminierung, bis wir zum Schluss ein Problem mit zu wenig Männern haben sollten. Mal sehen, wer es dann regeln wird. Bestimmt die Quotenfrau.





Männersache

9 06 2009

„Jetzt komm schon. Stell Dich nicht an wie ein Mädchen. Außerdem hast Du es versprochen.“ Was nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach. Richtig ist, dass ich weder ein Mädchen bin noch jemals eins war. Richtig ist aber auch, dass ich Anne niemals versprochen hatte, sie beim Einkaufen zu begleiten. Mit der Rührschüssel in der Hand hatte sie mich gefragt, ob ich ihr helfen könnte – kaum hatte ich bejaht, da hatte sie auch schon Schüssel, Schürze und den ganzen Rest in der Küche verstaut, mich ins Auto getragen und mir mitgeteilt, dass sie einzukaufen gedenke.

Was auf den bunten Bannern stand, die über die Straßen gespannt waren, hatte ich im Fahren nicht entziffern können. Hier auf dem Parkplatz war alles normal, beim Betreten der Fußgängerzone jedoch las ich es auf einer der Standarten: Viel Spaß am Männertag! Was war das wieder für ein Unsinn? Reicht es nicht, wenn man an Himmelfahrt kein Bier mehr an der Tankstelle bekommt, weil die Jugendlichen unvermittelt ihre väterliche Seite entdecken? „Wieder so ein Schnickschnack vom Einzelhandel“, teilte mir Anne mit, „einmal im Quartal soll die Innenstadt männergerecht gestaltet werden, damit Ihr auch mal schön shoppen könnt.“

Ich war gewarnt. Doch ich hatte nicht erwartet, dass mich im Eingangsbereich des Kaufhauses pure Verzweiflung übermannen würde. Lauter schlecht rasierte Kerle in fleckigen, karierten Flanellhemden standen da. Anne hielt an einem Kleiderständer und streckte mir ein Jackett hin. „Probier mal, es sieht sehr bequem aus.“ Es musste mein Glückstag sein, erst wurde ich gekidnappt, dann durfte ich auch noch in eine blau karierte Jacke steigen, die bei mit ästhetischem Feingefühl ausgestatteten Betrachtern sofort zu schweren Magenschmerzen geführt hätte.

Das Ding passte natürlich vorne und hinten nicht. So sehr ich auch krempelte, ich sah meine Fingerspitzen nicht. „Das ist so geschnitten“, informierte mich der Verkäufer.“ „Besten Dank“, gab ich zurück, „ich hatte schon befürchtet, Ihr Blindenhund hätte mir die Arme abgebissen.“ Drei Stücke später wurde er vertraulich. „So eine hatte ich nämlich auch mal. Lange her. Damals beim Panzergrenadierbataillon.“ Ich hielt es für passend, ihn auf meinen Antimilitarismus hinzuweisen, um weiteren Kasernengeschichten vorzubeugen. „Ganz ruhig! Da hinten ist unsere Grillzone, da können Sie sich entspannt eine Wurst zubereiten.“ Ich wollte keine Wurst, ich wollte raus aus diesem Irrenhaus. Offenbar hatte der Einzelhandelsverband sich die Sache von der Frauenbeauftragten einreden lassen.

Anne bugsierte mich sanft eine Etage höher ins Restaurant. Lauter Männer saßen an den Tischen und rührten ihre Gläser nicht an. Glasige Blicke hefteten sie auf den Ferrari, der auf der Drehscheibe in der Mitte des Geschosses um seine eigene Achse kreiste. „Eine PS-Peepshow“, stöhnte ich, „bring mich so schnell wie möglich hier weg.“ Doch da war auch schon die Bedienung am Tisch. Sie trug neben dem Tablett lediglich ein kurzes Höschen und ein drei Nummern zu enges Leibchen. „Hi Süßer“, lispelte sie und beugte sich so weit vor, dass ihre Oberweite mir fast ins Gesicht klappte, „was darf’s denn sein für Dich?“ Ich schob sie von mir weg und orderte einen Espresso. Korrekt und etwas gestelzt erkundigte sie sich nach Annes Wünschen. Dann warf sie mir noch einen lüsternen Blick zu, wackelte aufreizend mit dem Hintern und entschwand hüftschwingend an den Tresen.

„Was hat das alles hier zu bedeuten?“ Ich war nachhaltig verstört. Doch nur einen Moment später trat ein dunkelhäutiger Mann an unseren Tisch. Die abgefeimte Strategie von Rosenverkäufern macht einen Mann machtlos – hat er sein Opfer entdeckt, zückt er einen riesigen Strauß angewelkter Blumen, damit der Delinquent zwischen zwei Todesarten auswählen kann. Entweder er kauft einen der im Zustand fortgeschrittener Verwesung befindlichen Blütenstiele und hat zwölf Stunden später Ärger, weil die Dame weder an Pflanzenphysiologie noch am Verursacherprinzip Interesse hat, oder er kauft eben keine Rose. Das hat den Vorteil, dass er den Stress ad hoc bekommt und damit hinter sich hat.

Der Mann zog ein Köfferchen hinter dem Rücken hervor und lächelte Anne an. „Wolle Akkuschrauber kaufe?“ Offensichtlich hatte die Frauenbeauftragte außer Gender Mainstreaming noch ganz andere Drogen geschmissen.

Der Verkäufer an der Käsetheke hatte mir schließlich noch ein problemorientiertes Gespräch über vorzeitigen Haarausfall aufzudrängen versucht und tastete sich nach einigen Volten zu Penisgröße und erektiler Dysfunktion in Richtung Schnarchen, als ich die Beherrschung verlor. „Das hast Du doch alles gewusst“, zischte ich Anne an und schmiss den Käse in den Einkaufswagen, „Du hast mich ins offene Messer laufen lassen. Warum schleppst Du mich in diesen Mist, wenn Du genau weißt, dass ich derlei Schwachsinn hasse wie die Pest?“ Kleinlaut gestand sie, von der Aktion aus der Zeitung erfahren zu haben. Sie wollte mir eine Freude machen. Ich tobte. „Und deshalb muss ich mir von dieser Hooters-Tusse mit den Titten vor dem Gesicht herumwedeln lassen, weil einige Primaten denken, die Kunden seien genauso einfach strukturiert wie sie selbst?“

„Darf ich Sie nach Ihrer Zufriedenheit als Kunde befragen?“ Die Hostess zückte einen Kugelschreiber und wollte schon das erste Kreuzchen auf dem Fragebogen setzen, da riss ich ihr das Klemmbrett aus der Hand und schleuderte es zu Boden. „Das ist der größte Unfug, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe!“ Sie sah mich vollkommen ratlos an. „Das bezeichnen Sie als geschlechtersensible Herangehensweise? Wo ist hier der soziopolitische Aspekt? Machen Sie sich etwa einen Spaß daraus, mich mit ihrem Trallala zu diskriminieren? Unterhalts- und Sorgerechtsfragen interessieren Sie wohl gar nicht? Haben Sie mich gerade gefragt, ob ich eine Beziehungskrise erlebe? Ich kann mich nicht erinnern!“

Anne schnallte sich an und weigerte sich, auf der Fahrt auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Sie schmollte. Nur, weil mir die Interviewerin ihre Telefonnummer zugesteckt hatte. Was verständlich war. Schließlich begegnet man heutzutage nur höchst selten einem richtigen Mann.