Der Sozialismus wird ein Stück weit siegen

11 03 2015

„Nein, Frau Merkel. Ausgeschlossen. Ihr Vertrauen in uns als langjährigen Koalitionspartner in allen Ehren, aber das können wir als SPD einfach nicht mittragen. Das geht einfach nicht. Weltrevolution, das ist mit uns nicht drin. Nicht mit der SPD.

Das ist ja nett, dass Sie uns den Schulterschluss anbieten, gerade in diesen Zeiten, in denen unsere Demokratie so sehr vom Rechtspopulismus bedroht ist, aber mal ehrlich: wir wären doch bekloppt, diese Chance verstreichen zu lassen. Ungenutzt. Ohne großes Bundesparteitagpalaver, ohne eine entschlossene Resolution des Vorsitzenden, ohne die zumindest überwiegende Akzeptanz durch den eher konservativen, regierungsnahen Flügel. Aber wir können uns das nicht leisten, verstehen Sie? Wir brauchen dieses Feinbild einfach. Mehr als sie. Und Sie dürfen auch nicht vergessen, die meisten unserer Wähler sind in einem Alter, die kennen es gar nicht anders: wir unterstützen die Revolution nicht, wir tun alles, damit sie nie kommt. Denn wozu bräuchte es sonst die SPD?

Schon klar, Frau Merkel. Ihnen kann man nichts vormachen, Sie kennen unsere Schwachstellen. Natürlich müssen wir alles tun, damit wir nicht irgendwann sozialdemokratische Verhältnisse haben. Was soll man denn dann den Leuten im Wahlkampf noch versprechen? Betreuungsgeld? Freihandelsabkommen? Wir müssen doch diesen Menschheitstraum von der sozialistischen Welt irgendwie am Köcheln halten – uns fehlt da einfach Ihr eiskalter christlicher Pragmatismus, mit dem Sie jedes in Armut geborene Kind aufs Jenseits vertrösten. Der Sozialismus wird siegen, aber wieder nur ein Stück weit. Wir sind schon froh, dass wir Schröder nicht mehr an der Backe haben. Der hätte uns einen Sieg des Sozialismus in einem Drei-Stufen-Plan verkauft.

Und Sie haben sich das auch gut überlegt? Ach so, ja. Seit 1989. Dann verstehen wir jetzt ja auch, dass Sie seitdem eigentlich nicht viel mehr geleistet haben, als diesen Staat in die Scheiße zu reiten. Marktkonforme Demokratie und so. Wenn das die Voraussetzungen der sozialistischen Revolution sein sollten, dann haben wir ja ein paar Jahrzehnte lang alles richtig gemacht. Sie können uns viel nachsagen, Frau Merkel. Vaterlandsverrat, offenen Verfassungsbruch, immer in der Endausscheidung um die landesweiten Filzwettbewerbe gewesen, alles, aber nie haben wir den Kapitalismus verächtlich gemacht.

Dann waren wir eben nie auf Ihrer Seite, Frau Merkel. Der Wähler hat das doch gewusst. Naja, geahnt zumindest ansatzweise. Etwas anders halt. Aber Sie müssen zugeben, Sie haben uns immer davon abgehalten, die soziale Gerechtigkeit in diesem Land zu stärken. Allein das mit dem Mindestlohn – wir können doch nicht einfach das umsetzen, was in unserem Wahlprogramm steht! Das schädigt doch das Ansehen unserer Partei auf Jahre!

Wir wollen nicht ungerecht sein, Frau Merkel. Im Ganzen haben Sie uns als Koalitionspartner durchaus verstanden. Dass wir uns jetzt um ein paar Euro Differenz bei der Anhebung des Kindergeldes streiten, das ist doch ein guter Schritt in die richtige Richtung. Vier Euro mehr oder weniger, wenn es sowieso nur um sechs Euro geht, und das bei der angeblich so gut verdienenden Mittelschicht, die das gar nicht merkt? Da wird man ja regelrecht nostalgisch. Wenn man so ein bisschen zurückblickt und die Erfolge der letzten Jahre Revue passieren lässt, dann fallen einem doch sofort die fünf Euro ein, die schon vor der Berechnung mehr auf die Hartz-IV-Sätze geschlagen werden sollten. Dem Bürger voll eine reinzimmern und dann abwarten, ab wann er sich das nicht mehr gefallen lässt – das nenne ich mal oldschool. Aber das muss Ihnen der Neid lassen, Frau Merkel. Sie wissen, wie man die Revolution hinkriegt.

Außerdem müssen wir an dieser Stelle doch mal dankend zur Kenntnis nehmen, dass durch Ihre Mithilfe der Mindestlohn nicht mehr als solcher zu erkennen ist. Sie haben sich wirklich verdient gemacht um die Sozialdemokratisierung der deutschen Politik, Frau Merkel.

Wenn Sie uns jetzt noch helfen könnten, die Überreste unserer Politik zu marginalisieren, dann dürfte die Gefahr eines unkontrollierten Aufstandes vorerst gebannt sein. Nein, ich rede nicht von Helmut Schmidt. Ich rede von den Linken. Wenn die nämlich plötzlich im Weg stehen sollten, sobald mal wieder ein Ruck durchs Land geht, dann sehe ich Rot. Also auf jeden Fall Schwarz, meine ich. Das hätte uns ja gerade noch gefehlt, dass die Roten im Weg stehen und aus unseren langjährigen Bemühungen um das deutsche Volk politisches Kapital schlagen. So weit sollte der Sieg des Sozialismus denn doch nicht gehen, dass er jetzt plötzlich real zu existieren anfängt.

Wir würden uns dann auch erkenntlich zeigen und Ihnen ab 2017 für ein paar Jahre das Regieren abnehmen, wenn Sie Bundespräsidentin sind. Uns ist zwar noch nicht ganz klar, wie wir das hinkriegen sollen, aber irgendwie muss es klappen. Wir haben ja streckenweise schon wieder zu viel Glaubwürdigkeit im Vorwahlkampf. Das kann böse enden, am Ende wachen Sie auf und es gibt keine Opposition mehr.

Nur eine Frage noch, Frau Merkel: wenn Sie es jetzt machen, kriegen Sie es eventuell auch alleine hin? Sie kennen sich doch mit Sozialismus aus. Jedenfalls besser als wir.“

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Doppelt vermoppelt

19 10 2014

Da guckste – Hilde war schon Braut,
doch Lenchen, die hat Locken.
Die Hochzeit hast Du schön verbaut
mit zwischen Stühlen hocken.
Am liebsten wär’s Dir und genehm,
Du hättest einfach beide.
Das wäre wirklich sehr bequem
und eine wahre Freude.
    Ja, Kuchen. Beide kriegst Du auch.
    Die eine klopft Dir auf den Bauch.
    Die zweite ist auch gar nicht faul
    und gibt Dir richtig was aufs Maul.
    Zwei zuckersüße Frauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Bei Puschmann kostet Schnaps zwei zehn,
bei Klimpner nur eins achtzig.
Der Unterschied, der lässt sich sehn.
Du denkst, die Sache macht sich.
Dazu ist Puschmanns Schnaps recht gut,
von Klimpners kann man trinken.
Schon greifst Du nach dem großen Hut,
willst in die Kneipe winken –
    das Zeug von Puschmann: ein Skandal.
    Wie kalte Füße. Eine Qual.
    Und Klimpners Plörre: jetzt bei drei.
    Und schmeckt zum Brechen noch dabei.
    Es ist das nackte Grauen.
    Wem soll man noch vertrauen?

Beim einen Gang war’s SPD.
Dafür bekamst Du Qualen.
Die Daumenschrauben taten weh.
Das wolltest Du bezahlen.
Beim nächsten Mal war’s CDU.
Du stimmtest zwar nur grimmig,
doch das Ergebnis fandest Du
am Ende auch nicht stimmig.
    Jetzt hast Du beides, das sich fügt,
    in beide Taschen fleißig lügt,
    Dich schindet, bindet, schmäht und schröpft.
    Jetzt wirst Du von Rechts-Links geköpft
    mit den besonders Schlauen.
    Darauf kannst Du vertrauen.





Gewohnheitsrecht

6 04 2014

für Kurt Tucholsky

Herr Pieten kocht im Grünen Hahn
seit Jahr und Tag am besten.
Hier lebt er ganz in seinem Wahn.
Es mangelt nur an Gästen.
Zwar sind die Teller gut gefüllt,
doch vieles lässt man stehen.
Wenn Pieten durch die Küche brüllt,
will man vor Schreck gleich gehen.
Jetzt hat sich einer mal beschwert.
Das fand er wirklich unerhört –
(Herr Pieten nämlich) – schreit und tobt,
weil man ihn nicht erklecklich lobt.
„Verschont mich bloß mit dem Gewimmer!
Hier ist es doch
    wie immer!“

Frau Elßlein hockt den ganzen Tag.
Nur selten schreibt sie Briefe,
weil sie das Tippen gar nicht mag.
Ging es nach ihr, sie schliefe
bis mittags. Dann ein Schälchen Tee,
dazu die Morgenzeitung
und mit ihr auf dem Kanapee
die männliche Begleitung.
Wenn das die Frau Direktor ahnt,
was sich an Unheil dort anbahnt
spricht sie (Frau Elßlein) indigniert,
als hätte man sie just verführt.
„Die letzte war doch noch viel schlimmer!
Ich mach das so
    wie immer!“

Dass die Geschenke teuer sind,
das kümmert die Regierung
auch nur am Rande. Rückenwind
ersetzt beim Wähler Führung.
Mal ruft sie stets nach Sparsamkeit,
mal will sie Geld verfeuern.
Die Kanzlerin hat keine Zeit
für Kleinkram, Volk und Steuern.
Hauptsache, dass beim nächsten Mal
nichts sichrer als die Wiederwahl
(für sie natürlich) wird, und schon
gibt’s größte Großkoalition.
„Sonst hab ich keinen blassen Schimmer.
Ich mach das so.
    Wie immer.“





Grundlagenforschung

2 04 2014

„Also ich halte mich da raus.“ „Typisch, Ihre Partei hält sich ja immer raus, wenn’s mal gilt.“ „Sie haben doch noch nie Verantwortung gezeigt für die…“ „Leute!“ „Mir ist das sowieso suspekt.“ „Aber wir brauchen ein Ergebnis.“ „… Demokratie in diesem…“ „Demokratie? Das Wort nehmen Sie Flitzpiepe in den…“ „Leute! Jetzt ist hier mal Ruhe, oder ich vergesse mich!“ „Aber die haben zuerst…“ „Jajaja, und dann hüpfen Sie über jedes Stöckchen? Wir haben einen klaren Auftrag – die Koalition wird gescheitert sein, und wir werden wissen, woran es gelegen haben wird.“

„Kann man das denn jetzt schon sagen?“ „Der Wahlkampf ist schon in drei Jahren, so viel Zeit bleibt uns nicht mehr.“ „Wir brauchen jetzt schon einen Grund?“ „Wir hatten ja nicht mal einen, diese Koalition überhaupt einzugehen.“ „Das halte ich jetzt für übertrieben.“ „Die Wähler wollten das doch gar nicht.“ „Deshalb haben sie es auch so geschickt hingekriegt, richtig?“

„Es lag nicht an der Regierung.“ „Wie bitte!?“ „Er meint, es lag den Parteien.“ „Gibt es denn da einen nennenswerten Unterschied?“ „Anders gefragt, wenn es je einen gab, gab es den vor der Wahl schon?“ „Werden Sie jetzt bitte nicht politisch, das kann ich gar nicht vertragen.“ „Hören Sie mal, das…“ „Gar nicht!“ „Er meint, Sie sollten besser keine ideologischen Sprüche bringen.“ „Er sagte etwas von Politik.“ „Na, das ist doch dasselbe in dieser Regierung.“ „Deshalb lag es wohl auch nicht an ihr.“

„Die überzogenen Ansprüche, das war’s ja wohl.“ „Sie meinen, die Wirtschaft hätte sich mal wieder zu weit aus dem Fenster gelehnt?“ „Das mit dem Freihandelsabkommen, und wenn ich mir die Ansichten zum Verbraucherschutz ansehe, also dann mal gute Nacht.“ „Finde ich auch.“ „Blödsinn, die waren ja gar nicht gemeint.“ „Wer hatte denn irrealistische Forderungen gestellt? die Gewerkschaften? Oder doch wieder nur die Kirche?“ „Die Bürger natürlich.“ „Leuchtet ein.“ „Deshalb bringt auch meist der Bürger mit seinen völlig weltfremden Ansichten eine Regierung zum Scheitern.“ „Genau, immer diese Demokratie!“

„Wir sollten lieber mal…“ „Hände weg vom Mindestlohn!“ „Moment, welcher Mindestlohn?“ „Das war doch der Rohrkrepierer schlechthin.“ „Eben.“ „Und weshalb…“ „Weil ihn alle kaputt gemacht haben. Deshalb sind Schuldzuweisungen auch nicht so einfach zu formulieren.“ „Aber die haben…“ „Nicht einfach zu formulieren.“ „Wollen Sie mich jetzt unter Druck setzen!?“ „Gut jetzt.“ „Bleiben Sie mal locker.“ „Das lasse ich mir nicht bieten!“ „Diese Verhandlungsstärke hätten Sie mal lieber beim Mindestlohn gezeigt.“ „Als Projekt war es ja gar nicht übel.“ „Aber darum haben ihn ja alle gemeinsam in die Tonne getreten.“ „Wo wir gerade dabei sind, wie ist es mit der Energiewende?“

„Die Arbeitsmarktpolitik war ja nun eine echte Katastrophe.“ „Wir hatten mehr Arbeitslose?“ „Immerhin hätten die, die Arbeit hätten haben können, mit 63 in Rente gehen können, wenn sie denn eine Rente bekommen hätten.“ „Und wir hatten den Fachkräftemangel.“ „In Deutschland?“ „Klar.“ „Deshalb sind ja auch die Löhne und Gehälter so massiv abgesackt, weil es plötzlich zu viel Arbeit für die fehlenden Fachkräfte gab.“ „Klassische Fehlallokation.“ „Genau, ganz klassisch.“ „Also es wurde ein Problem mit dem bekämpft, was eigentlich erst das Problem ausgelöst hatte?“ „Würde ich sagen.“ „Wie gesagt, die Energiewende hat…“ „Langweilig!“

„Wir sollten die Krimkrise nicht aus den Augen verlieren.“ „Halte ich für problematisch.“ „Weil die Kanzlerin jetzt schon ihren eigenen Ministern widerspricht?“ „Das ist ja nun nicht neu.“ „Aber sie weiß nicht, wie es ausgeht.“ „Das ist wieder so etwas wie die Eurokrise.“ „Da widerspricht sie aber nicht ihren Ministern.“ „Weil sie keine Ahnung hat.“ „Und weil es auch nicht wichtig ist, was sie denkt.“ „Meint die Kanzlerin?“

„Aber die Energiewende…“ „Welche Energiewende denn?“ „Hat es bis heute eine Energiewende in Deutschland gegeben?“ „Wüsste ich.“ „Kneifen Sie mich mal.“ „Der Wahlkampf war doch voll davon!“ „Was haben wir denn da nicht versprochen?“ „Aber…“ „Lassen Sie und mit der Energiewende in Ruhe. Die war als lustiges Experiment angedacht und wird von einer Regierung an die nächste weitergereicht.“ „Allerdings würde ich schon sagen, dass der Kollege recht hat. Wir könnten sie als Grund für das Scheitern der Koalition verwenden.“ „Die einfachen Leute wurden viel mehr belastet.“ „Die Industrie hat de Einnahmen erhöht und den Kunden trotzdem immer mehr berechnet.“ „Die haben die Politik systematisch und wissentlich betrogen.“ „Und die Politik hat teilweise sogar mitgemacht.“ „Genau!“ „Sie beschreiben gerade die Bankenrettung. Ist deshalb schon mal eine Regierung zurückgetreten?“

„Wir müssen uns jetzt auf eine Position verständigen.“ „Ich würde da ein Zehn-Punkte-Papier…“ „Oder wir einigen uns auf einen Kompromiss bei der…“ „Mehrwertsteuer?“ „Yes!“ „Genial!“ „Großartig, das ist es – schreiben Sie: ‚Die Große Koalition scheiterte letztlich an der sozialverträglichen Reform der Mehrwertsteuer.‘ Egal, was bis 2017 kommt. Das kaufen sie uns ab.“





Strafvollzug

10 03 2014

„Also nicht schuldig.“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Man muss da doch auch eine gewisse Ökonomie walten lassen. Dass man beispielsweise nicht jeden vor Gericht bringt, der möglicherweise nicht…“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Weil das die Persönlichkeitsrechte des…“ „Die was!?“ „Hat denn so ein Bundesminister keine? Wir leben hier schließlich in einem Rechtsstaat.“

„Ich finde es ja eher problematisch, dass der jetzige Bundesinnenminister gegen den damaligen Ermittlungen anstellen lässt.“ „Sie meinen, Sie fänden das problematisch, wenn er es nicht täte.“ „Auch. Aber die unterscheiden sich ja politisch eher marginal.“ „Dann kann sich de Maizière doch noch viel besser in Friedrich eindenken.“ „Davon kriegt er höchstens Kopfschmerzen.“ „Dann soll er es lassen, er kann das doch immer noch stoppen.“ „Aber dann muss er sich selbst unangenehme Fragen gefallen lassen.“ „Hat er denn auch Geheimnisse verraten?“ „De Maizière? Nee, von den Geheimnissen in seinem Ministerium haben immer alle schon gewusst. Bis auf ihn natürlich.“

„Dann soll er doch jetzt einfach mal sagen, Friedrich war unschuldig, und dann ist die ganze Sache abgehakt.“ „Moment mal, so schnell geht das nun auch wieder nicht.“ „Wieso denn? Schließlich hat Friedrich doch gesagt, er habe nach bestem Gewissen…“ „Und im Himmel ist Jahrmarkt. Sie müssen auch nicht immer alles glauben, was Sie so hören.“ „Warum sagt er dann das?“ „Damit Sie es hören und daran glauben.“ „Dann ist Friedrich also nicht unschuldig?“ „Das weiß ich auch nicht, aber das ist hier nicht die Frage. Wir haben das nicht zu beurteilen, ebenso wenig wie Friedrich selbst. Oder de Maizière.“ „Aber der ist doch jetzt Innenminister, warum kann der nicht einfach…“ „Sie hatten es bereits so schön ausgedrückt, wir leben in einem Rechtsstaat, und in einem solchen befindet ausschließlich ein Gericht über Schuld oder Unschuld. Nicht der Betreffende selbst und ein Bundesminister schon gleich gar nicht.“ „Aber warum sollte de Maizière denn Ermittlungen des Gerichts…“ „Der Staatsanwaltschaft. Die ist immer noch Herrin des Verfahrens.“ „… oder meinetwegen der Staatsanwaltschaft veranlassen, wenn ihm Friedrich schon vorher gesagt hat, dass er unschuldig ist?“ „Und mit welchem Recht sagt er das?“ „Er muss es doch wissen. Er war doch dabei.“

„Übrigens hat der Staatsanwalt die Ermittlungen bereits aufgenommen.“ „Wieso das denn? Friedrich ist doch unschuldig?“ „Wie kommen Sie bloß imme darauf?“ „Weil der Bundesinnenminister bisher noch nicht nach § 353b die Ermächtigung dazu erteilt hat.“ „Da sehen Sie es, Ermächtigung! Das wird ja immer schöner, erst ermächtigen die einen, und dann kommt das Gesetz dazu. Das kennen wir doch aus der Geschichte. Ich sage es Ihnen, Friedrich ist ein Opfer von diesen Linken!“ „Meine Güte, Sie sind ja unerträglich.“ „Dann soll de Maizière doch sein Ermächtigungsgesetz unterschreiben, dann wird er ja sehen, wer hier schuldig ist! Er sollte lieber was gegen diese Typen von der SPD unternehmen, da muss mal einer ermächtigt werden!“ „Aber von denen war doch keiner Minister.“ „Ja, dann fragen Sie sich mal, warum!“

„Wenn es Ihnen hilft, er wird diese Ermittlungen gegen Friedrich einleiten müssen.“ „Wird er etwa erpresst?“ „Sie sehen zu viel schlechte Krimis.“ „Ich kenne doch die parlamentarische Szene.“ „Er wird nicht erpresst. Aber er wird die Ermittlungen nicht verhindern können, weil sonst Geheimnisse in die Öffentlichkeit getragen würden.“ „Warum nicht?“ „Weil es keine Geheimnisse mehr sind. Dafür hat Friedrich schließlich gesorgt.“ „Und das ist tatsächlich zweifelsfrei erwiesen?“ „Friedrich hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. Nicht freiwillig, und es war auch eher als Rechtfertigung gedacht, aber er hat sämtliche Schuldvorwürfe eingeräumt.“ „Na also, dann brauchen wir doch hier auch keine Ermittlungen mehr.“ „Warum denn nicht?“ „Was sollen die denn noch ermitteln, wenn er alles bereits gestanden hat? Das wäre doch doppelte Arbeit.“ „Aber es muss doch geklärt werden, ob Schuld im strafrechtlichen Sinn vorliegt.“ „Warum denn so kompliziert? Wenn einer nichts zu befürchten hat, dann hat er auch nichts zu verbergen. Hat Friedrich immer wieder gesagt. Und wenn wir sehen, dass er nicht versucht hat, etwas zu verbergen, dann können wir doch davon ausgehen, dass er nichts zu befürchten hat, oder?“ „Und daraus schließen Sie was?“ „Dass er unschuldig ist, und da deshalb auch nicht mehr gegen ihn ermittelt werden muss, ist er unschuldig.“ „Und deshalb muss gegen ihn auch nicht ermittelt werden?“ „Genau.“

„Jetzt mal ehrlich, Sie wollen doch nicht ernsthaft erwarten, dass Friedrich für seine Eigenmächtigkeit ungeschoren davonkommt.“ „Hat keiner behauptet.“ „Sie haben doch gesagt, er sei unschuldig?“ „Und? Das hat doch in diesen politischen Verhältnissen noch nie jemandem genützt.“ „Und wie soll das funktionieren, wenn die Staatsanwaltschaft nicht mehr ermitteln und das Gericht ihn nicht verurteilen kann?“ „Er hat doch gesagt, er käme wieder. Das ist Strafe genug – für alle Beteiligten.“





Trullala

13 01 2014

„Dann sagen wir jetzt noch etwas für die Maut.“ „Wir dann auch.“ „Nee, wir haben ja schon.“ „Aber dann können wir doch trotzdem…“ „Wollt Ihr denn überhaupt? Ich meine, Ihr müsst ja nicht.“ „Also wollen würden wir schon, aber wir sollen ja nicht so unbedingt.“ „Ist schon schwierig.“ „Stimmt, diese Koalition ist anstrengend. Man weiß nie, wer wofür ist.“

„Nächster Tagesordnungspunkt könnte dann die Energiewende sein.“ „Also jetzt unsere?“ „Ja sicher, wir sind jetzt schließlich eine Regierung.“ „Nein, unsere. Wir. Nicht Ihr.“ „Ach so. Hm. Ist denn da noch ein Unterschied?“ „Ich dachte, weil bis vor der Wahl Opposition und Regierung noch nicht derselben Meinung waren.“ „Und jetzt?“ „Auch nicht, aber jetzt ist die Regierung ja die frühere Opposition.“ „Mann, das ist echt total anstrengend. Man weiß gar nicht mehr, was man noch denken soll.“ „Oder ob überhaupt.“ „Seit wir eine Koalition sind, müssten wir ja eigentlich gar nicht mehr.“ „Stimmt, jetzt ist es irgendwie auch egal.“

„Aber wir sollten uns besser abstimmen.“ „Findet Ihr?“ „Neulich haben zwei von uns geredet, und dann habt Ihr hinterher dasselbe gesagt.“ „Echt?“ „Haargenau dasselbe.“ „Das könnte vermutlich daran liegen, dass wir jetzt eine Koalition sind und gemeinsam in der Regierung.“ „Aber haargenau dasselbe!“ „Sollen wir uns jetzt immer abstimmen, wer da was sagt?“ „Müssten wir wohl.“ „Aber warum eigentlich? Wir sind doch beide Regierung, da kann’s doch nicht schaden, wenn man auch mal geschlossen auftritt.“ „Aber Ihr müsst doch nicht immer haargenau dasselbe sagen wie wir. Sagt doch einfach mal, was Ihr denkt.“ „Tun wir doch. Wir denken eben dasselbe, seitdem wir mit Euch eine Koalition sind.“

„Was mich noch stört, da hört überhaupt keiner mehr zu.“ „Findet Ihr?“ „Klar, von Euch ist doch so gut wie keiner mehr da.“ „Wir könnt Ihr das überhaupt beurteilen, wenn von Euch auch keiner mehr da ist?“ „Müssen wir doch auch gar nicht. Wir wissen doch sowieso, dass Ihr wieder nur dasselbe sagt wie wir.“ „Eben, und weil wir das wissen, müssen wir ja auch nicht mehr ständig da sein.“ „Wieso redet Ihr denn dann überhaupt noch?“ „Ist doch klar, für die Opposition.“ „Die gibt’s doch gar nicht mehr.“ „Wieso?“ „Weil wir jetzt beide in der…“ „Habt Ihr vergessen, dass da noch die beiden anderen sind?“ „Wer? Ach, die. Stimmt.“ „Das ist die Opposition.“ „Richtig, hatte ich total vergessen. Aber muss man für die reden?“ „Finde ich schon. Weil die nämlich nicht so denken wie wir.“ „Wieso nicht?“ „Weil sie ja sonst nicht Opposition wären, oder?“ „Und deshalb müssen wir reden?“ „Weil die zuhören. Einer muss das ja machen, wenn von Euch schon keiner mehr da ist.“

„Was steht denn für nächste Woche auf dem Programm?“ „Haben wir schon Zuwanderung?“ „Muss ich mal nachfragen. Wer sagt denn da was?“ „Wollt Ihr das vorher abklären? Nicht, dass wir da nicht einer Meinung sind.“ „Wieso, vorhin hat’s Euch doch noch gestört?“ „Aber wir müssen bei den wichtigen Themen auch Geschlossenheit zeigen und das machen, was im Koalitionsvertrag steht.“ „Da steht doch aber gar nichts.“ „Dann kann man da eben auch nichts machen.“ „Aber wir haben da klare Positionen in den Parteien.“ „Richtig, aber es geht hier nun mal nicht um Parteipolitik. Wir sind in einer Koalition und…“ „Man muss sich doch auch mal streiten können.“ „… sollten aus der Kontroverse handlungsfähig herauskommen.“ „Und dann als Regierung eine gemeinsame Linie finden?“ „Bloß nicht, sonst kommt gleich wieder das Bundesverfassungsgericht und wir können wieder ganz von vorne anfangen.“

„Und was machen wir, wenn die Themen wirklich kontrovers werden?“ „Was schwebt Euch vor?“ „Naja, Vorratsdatenspeicherung, Drohnen, Bundestrojaner, so Sachen halt.“ „Dann diskutieren wir halt kontrovers.“ „Wir sind doch beide dafür?“ „Das muss doch aber keiner wissen, oder? Zumindest nicht vor der Abstimmung.“ „Also dann überzeugt einer der anderen?“ „So war das gedacht. Kann man ja mal probieren.“ „Aber wenn doch keiner im Bundestag sitzt?“ „Mist, das hatte ich jetzt vollkommen vergessen.“ „Dann machen das doch für die Opposition.“ „Was machen wir für die Opposition?“ „Reden halt. Irgendwas müssen wir da doch machen. Kann sich doch keiner hinstellen und Tri-Tra-Trullalla sagen.“ „Wieso denn nicht?“ „Das kommt international nicht so gut an.“ „Meint Ihr?“ „Und wenn das mal einer entdeckt, wenn wir in die Wirtschaft wechseln wollen, dann haben wir auch ein Problem.“ „Au weia!“

„Also dann nächste Woche irgendwas über Europa und die Maut, und dann Rente mit 63.“ „Macht mal lieber nichts Schwieriges, sonst muss sich unsere Fraktion wieder in alles einlesen.“ „Gut, dann erst noch mal eine Regierungserklärung, und Ihr könnt ja irgendwas zur Lage der Nation erzählen.“ „Und was?“ „Keine Ahnung.“ „Worüber sollen wir denn überhaupt reden? Was passiert denn momentan politisch in Deutschland?“ „Hm, dann macht es doch wie wir. Wir erfahren das jeden Morgen aus der Zeitung.“





Bodenhaftung

2 01 2014

„’chbinnich besoffm, ’skönnse ma glaum! Wa hamm donoch gannich Zzwatausmdffizzehm, oda? Dann kannich ja noch ganich besoffm sein, das kommddoch erss – nee, wadde ma…

’shad nämmlich schon vor Weinachn haddas annefangn. Da hammse ihr Minissder hammse imm Fernsehn gezeichd, unn denn hadde der Bodn sich auf eima so unnta ma weggedrehd. Kkomisch, Sie! Unn mein Frau sachda, bissu besoffm, awa ’chadde nua Kamel… Kamillntee. Kkamille. Meah könnse sich abm Ffünfzehndn ja nich leisdn, als Aufschdogger.

Wier Gaawriel da reinkkam, ’ner Feddsagg, da ha’chgedachd, dassis wier’n Ssumami an Weinachn unne Eardachse, da hadde sich eingedelld, awa da wara wegg, unn da haddas imma weida gekreislt unn gekreislt unn gekreislt, unn denn kkam Nahles, unn da issma richdich schlech gworrn. Awa richdich schll-schllech. Kkonnich auch kkein Kamillntee ma ttrinngn.

Gehnse ma da annie Maua, da issas nnichsso rudschich. Awa lassnse ma’n Plass frei, neh? ’sisso kkomisch unnehm auffm Fflassder.

’shammse do ekssra gmachd, die! Nnu überse Feiatahche warn soieso alle besoffm, da fiellas gaaich weida auf, n’wah, unn na kam Sslvesder, unn alle sinn auch wieser schschdernhaalvoll sinn alle, wie jees Jahr, unn da fällas aunich auf. Hamse ekssra so. Ganns linnge Hunnde. Ganns.

Dassisne Sramaturgie, oa wiemers nennd, wemmer – wwieheissas, wemma alles voar awschprichd, unn kein vonnie meinndas so, unnie wolln nua wissm, wie llange die kklatschn? Bhardeitach? nee, awa ’sso ähnlch. Kkomma nich srauf.

Gehnse ma wechda mimm Röarchn, ’chpusda nich rein! Pusdich beschdimmnich rein,’chbin vllich sch-schdernharelnüchdan! Schternhaarel! ’sis nurie Bolledik ggrade!

Aanfangg waddas nussone Aad Schschwinndll. ’skemmaja, kkurds nache Waahlln, na hömmada Reierung ssu, unnna schschdellma fess, ’siss alles Schwinnel. Alles Schschwinnell. Awa denn wurdde ddass alless plöddsllich allless immma mehr, unn denn hammse a Ussella vonnnn Alllein zzue Vasseidigunngsmenissarinn nemachd. Aa nu Vassseidigunng, all’ meinnnich, mirssass allle schscheißeaal, wissensse, ’n wellchm Ammd ssie alle Schschrulle ggraasse Reisspropagganddamenissarinn schpield. Awa Vassseidigunng!? Nur weillsse an ihrnn Kinnan geühbd had, mussie donnich meine inn Kriech schschiggm?

’nndgüllich schlimm wass, wie dien Dobrinnd gezeichd hamm. Erss wurdas bisschm bessa, da wadann Ramsaua wech, awa da kam Dobrinnd… oah, vollinn Magn, ’swaso eglhaffd. Mussdichmich gleichm Tisch fesshallm, mein Frau kam wieer mim Eima, Sie… awa da wa nichssu machn.

Ob… oba ma was ffehlld? Na, Ssiehamm vlleich Chummor! Ntüllich fehllma was. Dss Ra-Raum-Zzeit-Kkontinum, oa wiedass heißd. ’chabdas da sofordd habbich dasse da gehörd, wie ssiem Bunnstach gesessm hamm, aso allsser Schschwepunggd, nee – Schschwazzs Lloch, aso noch schschwererer, schschwerer, da hamm sie alls gegekrimmmd. Gekrümmd. Grunngesedds unnie vvier Jahhe Lesissladdurprode, Lesissladurpeeriose, unnen Minnslohn, da ttraut sich schomma gannich mehr raus aussn Schschwazzn Lloch, vvaschehnse? ’sgansse Raum-Sseit-Kkontinium hammie kkaputt gemachz, unn wer daffas dann awieda eseddsn? Na!? Da Schschdeuaszahlla! ’sissoch immaso!

Nu wemma awa dchn bisschn schschwinnelich. Nee, sas liechd nich ann Schnappss, ’chab doch kkeinn Tzropfm getrunngn sein Niggellaus, beie Weiachsfeia, frahgn Sie mein Aaz, ’chamma soan Atess habbichma auschdelln lassn. ’chab noch Bohnhaffdung, jehnfalls mehr wiee Bunnsreirunng. Nee, gehnnsema wech mimm Eima. Kkommd niks. Sisso, ndie Reiehrung hollas Letze aussein raus. Nnda haich noch ers ngedach, ’swarso schschdeuerttechnisch gemeind ggewesn.

Awa immma dies Ttridde inn Maahrn! ’chmussma nu schdänndch anöhrn, wie Gaawriel für sie Kkanssllernn kkladdschd. Kladschd. Ha… hammsienn Aahnunng, wiesichsass in meinne Bbirne anffüehldd? Dasissie Hhölle! sie appseluhde Hölle, sahchich Ihnn! Aussserm issas doch ttotal kkranng, sass hadddoch kkeiner haddass ggewähld! Ddie Brühder na-naschen doch schschon vonnie Schschlaftableddn, alssie sie inn Bunnsstach einnezohrn sinn!

Na werrnse wieer rehn unn reehn, unn dissetiern unn reedhn, unnan schdellses alle wieer in Aussich, wasse tun wolln, awa iss alllss unner Fnanssiers… Finansssierunngvorbehalld. Vorbehalld. Wassich ma ffür Sszweissausnnffirssen wünnsche? ’en richichien Kkater, vaschehnse? sonn richchig schön Kkater, sass einn da Schschädll pllatzzd unnas gannzze Zeuchs rauskommd. Unnan orrnnlich kkoddsn. Ndann issas ja meisssens vorwei. Oda glaumsie, dass hälld einn vvier Jahr lang aus!?“