Ausnahmeregelung

28 02 2013

„Nein.“ „Sie sollten nicht vorschnell…“ „Nein!“ „… urteilen, schließlich könnten Sie durch uns wieder in die Regierung…“ „Nein! Die Basis will das nicht, die Wähler wollen das nicht. Nein.“ „Ach Gottchen, die Wähler? Sie sind mir ja einer – Sie interessieren sich ernsthaft für die Wähler? Denen ist das völlig wurst, ob es Schwarz-Grün gibt.“

„Wir haben uns da klar positioniert, es wird mit uns keine Unterstützung für die Politik von Merkel geben.“ „Welche Politik?“ „Hä!?“ „Selber hä. Die Politik von Frau Merkel werden Sie doch wohl nicht gemeint haben. Oder Sie haben eine ganz schön niederschwellige Auffassung, was man als Politik bezeichnen kann.“ „Deshalb werden wir das trotzdem nicht unterstützen.“ „Damit kommen Sie nicht durch. Die Kanzlerin wird sich unter Ihnen wegdrehen, während Sie noch ihren Standpunkt suchen.“ „Wie soll ich das bitte verstehen?“ „Sie können so viel gegen die Kanzlerin protestieren, wie Sie lustig sind. Am Ende holt sie Sie doch ein.“ „Mit ihrem Standpunkt?“ „Sie Witzbold, denken Sie doch mal nach. Standpunkt? sie hat doch gar keinen!“ „Und das soll uns jetzt davon überzeugen, eine Regierungskoalition mit ihr einzugehen?“ „Es wird Ihnen gar nichts anderes übrigbleiben.“ „Wie denn das?“ „Erinnern Sie sich an Fukushima?“ „Vage. Da war irgendwas mit Atomkraft.“ „Das war irgendwann mal Ihr Thema, wenn ich mich recht entsinne.“ „Falsche Perspektive! der Atomausstieg ist doch wohl viel zu wichtig, um ihn nur als innerparteiliche Machtperspektive…“ „Ah, ich sehe schon, Sie haben bereits aufgegeben. Wer mit dieser Einstellung gegen Merkel kämpfen will, kann’s nämlich auch gleich lasen.“

„Warum sollten wir eigentlich gegen Merkel kämpfen? Sie sagen doch, sie wollte mit uns koalieren?“ „Sie werden kämpfen, weil Sie kämpfen müssen. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig.“ „Und wenn nicht?“ „Dann überleben Sie die Legislaturperiode nicht. Sehen Sie sich doch an, in welchem Zustand Merkel die FDP überlassen hat.“ „Na gut, die sind auch selbst schuld. Man macht nicht so ein Theater, nur um ein paar Lobbyisten mit Wahlgeschenken zu…“ „Und die SPD.“ „Okay, das überzeugt mich.“

„Sie werden kämpfen, und wenn Sie nicht alles in die Waagschale werfen, werden Sie assimiliert.“ „Das heißt, wir werden Teil der CDU?“ „Erst im zweiten Schritt.“ „Und im ersten?“ „Da nehmen wir Ihnen die Eigenständigkeit.“ „Die Eigenständigkeit nehmen, wie soll das denn funktionieren?“ „Es funktioniert schon. Die Anfänge sind längst gemacht, denken Sie nur an Fukushima.“ „Aber wir haben in der letzten Bundesregierung auch klare Akzente gesetzt für den Atomausstieg mit den Sozialdemokraten.“ „Als Grüne.“ „Natürlich als Grüne, als was denn sonst?“ „Jetzt setzt die Kanzlerin die Akzente, und zwar nicht erst im Wahlkampf.“ „Sondern?“ „Es gibt eine Ausnahmeregelung.“ „Ausnahme? wovon?“ „Sie werden ausgenommen, zwar wie eine Weihnachtsgans. Schauen Sie sich heute die SPD an – Mindestlohn, höhere Spitzensteuersätze, Bankenregulierung, Finanztransaktionssteuer, Kita-Plätze, gleichgeschlechtliche Ehe, Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg, das ist jetzt alles Merkel.“ „Ich glaube kaum, dass die CDU…“ „Obacht, ich sagte: Merkel. Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass die CDU freiwillig irgendetwas für Kinder und Schwule täte?“

„Und im zweiten Schritt?“ „Da wird’s dann ernst. Da regieren Sie mit, und dann brauchen Sie jeden Fußbreit, auf dem Sie stehen können.“ „Sie sagten, wir werden Teil der CDU?“ „Allerdings. Und das stellen Sie sich mal nicht zu angenehm vor.“ „Ach, wieso? Man ist Teil einer großen, traditionellen Volkspartei, die ein festes Weltbild aus konservativen Werten vertritt.“ „Man sitzt vor allem an einem Kabinettstisch mit realitätsfremden Populisten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit gefährlichen Unsinn verzapfen. Das färbt ab.“ „Sie meinen, wir werden auch so balla-balla?“ „Das nun nicht, aber wann immer einer von denen etwas äußert, wird es heißen: die Regierung.“ „Und?“ „Die Regierung sind dann Sie.“ „Aber das hieße ja, wir müssten für diesen Mist mit geradestehen!?“ „Nicht ganz. Sie kriegen das in die Schuhe geschoben.“ „Das ist ungerecht!“ „Das funktioniert wie die Bankenrettung. Verluste werden geteilt.“

„Wir werden diese Politik nicht unterstützen, sie zielt letztlich nur darauf, die linken Kräfte in Deutschland zu schwächen.“ „Wenn Sie mir noch verraten würden, wer damit gemeint sein könnte? Die Grünen oder die SPD ja wohl ganz bestimmt nicht.“ „Wir werden auf gar keinen Fall Merkel strukturell dabei unterstützen, eine neoliberale Politik der sozialen Ungerechtigkeit…“ „Hartz.“ „Hä!?“ „Das war nicht die Erfindung von Merkel, also kriegen Sie sich mal wieder ein.“ „Wir waren damals nur der Juniorpartner von Schröder, das ging nicht anders.“ „Sie waren im vergangenen entschieden gegen ein Sanktionsmoratorium.“ „Das hat nichts damit zu tun, aber die Idee kam von den Linken, das konnten wir nicht mitmachen.“

„Richten Sie sich darauf ein, dass Sie früher oder später in der Falle sitzen.“ „Vergessen Sie’s. Wenn wir uns weigern, wird die CDU inhaltlich und personell ganz einfach zu Boden gehen. Da passiert doch nichts mehr, seitdem Merkel alles wegbeißt, was intelligenter ist als Sägemehl.“ „Sie werden sich daran gewöhnen, dass ihre Moral flexibel und ihre Wertvorstellungen dehnbar sind.“ „Sicher, am besten noch mit der CSU zusammen.“ „Sie werden ihre strukturkonservative Seite zu schätzen lernen.“ „Pff!“ „Sie sind Außenminister.“ „Wann geht’s los!?“





Volksaufstand

6 02 2013

„… wolle sich der baden-württembergische Ministerpräsident für ein generelles Verbot von Alkoholkonsum unter freiem Himmel aussprechen. Damit verfolge Kretschmann nicht nur die zahlreichen jugendlichen…“

„… Protest der Winzer. Ohne Weinfeste sei die schwäbische Tourismusindustrie nicht mehr in der Lage, die zahlreichen…“

„… sei die Auflösung der NPD damit unmittelbar zu…“

„… schwerpunktmäßige Kontrollen durchzuführen. Dabei habe die Polizei etliche Jugendliche au freien Fuß setzen müssen, da diese nicht alkoholisiert gewesen seien, sondern nur Cannabis…“

„… sei Schünemann bei dem Versuch implodiert, gleichzeitig die Jugend als stalinistisch infiziertes Schmarotzerpack zu bezeichnen und die rot-grüne Landesregierung als totalitäres Regime, das den Nachwuchs durch undemokratische Zwangsmaßnahmen in die…“

„… dass eine Einschränkung des Alkoholgenusses die Lebenserwartung erhöhen könnte. Die Rentenversicherungen seien bereits aus anderen Gründen verzweifelt, wie unter diesen Umständen eine Finanzierung der…“

„… zu einem bedauerlichen Zwischenfall. Die Weinprobe im Innenhof der Residenz sei nur deshalb durch ein Überfallkommando gestürmt worden, da nicht ausreichend Sonnenschirme…“

„… stehe nun das Veranstaltungsangebot der Jungen Union vor dem…“

„… biete die Kommune nach dem Vorbild der Fixerstuben nun Trinkhallen an, in denen Jugendliche mitgebrachte Alkoholika…“

„… führe das Alkoholverbot zur Kriminalisierung breiter Bevölkerungsschichten. Uhl sei darüber genauso erfreut wie über…“

„… pflichte Witthaut dem Regierungschef bei. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei warne, eine einzige Glasscherbe genüge, um mehrere Millionen Polizisten tödlich zu…“

„… billige die baden-württembergische Regierung nicht den Verlust von Arbeitsplätzen in der Brauereiwirtschaft, könne aber auch keinen…“

„… habe keine gesetzliche Ausnahme vorgelegen. Die Schiffstaufe habe nicht in einem überdachten Gebäude stattgefunden, so dass ein Strafverfahren unausweichlich…“

„… fordere IM Friedrich die sofortige Einführung der Vorratsdatenspeicherung, da nur so eine Terrorisierung durch angetrunkene…“

„… einen empfindlichen Umsatzverlust verzeichne. Die Tankstellen seien wegen der Kraftstoffpreise ohnedies nicht mehr in der Lage, die notwendigen…“

„… zu einer Schnelltrinkerszene im Kassenbereich der Spätsupermärkte gekommen. Die Kunden konsumierten große Schnapsmengen noch vor dem Verlassen der…“

„… Routine-Kontrollen in den Innenstädten. Dabei stelle es sich als zunehmend schwierig dar, angeheiterten Bürgern nachzuweisen, dass sie Alkoholika zuvor legal in Gaststätten konsumiert hätten und erst später unter freiem Himmel…“

„… mache Sarrazin die Regelung für eine Zunahme von Straftaten unter muslimischen Einwanderern schuldig, da sich diese durch gezielte Alkoholabstinenz den Polizeikontrollen entzögen und so völlig unbehelligt in der Öffentlichkeit…“

„… die Freiluftmesse nicht mehr stattfinden zu lassen. Der Besuch des Heiligen Vaters werde in Flensburg zwar ungewohnt erscheinen, könne jedoch auf den vollen Rückhalt der…“

„… könne die wiederbelebte Deutsche Biertrinker Union in Baden-Württemberg laut einer Forsa-Umfrage mit bis zu 56% der Erststimmen…“

„… das Problem nur verlagert, da der angekündigte Volks-Aufstand sich als Volk-Saufstand…“

„… laut Rechtsgutachten nicht durch das Tragen eines zwei Quadratmeter großen Hutes…“

„… werde das Alkoholverbot ausländischen Besuchern gegenüber gelockert, um Deutschlands Ruf als weltoffenes Land zu festigen. Die aktuelle Auswanderungswelle sei sicher nur eine zufällig…“

„… kein Problem, das Freilufttrinken endgültig zu unterbinden. Die Allianz Arena zu überdachen sei kostspielig, technisch aber durchaus zu…“

„… als peinlich zu werten. Kretschmann jedoch verteidige seinen Vorstoß, das Sommerfest des Bundespräsidenten wegen des Sektausschanks im Schlossgarten als nicht genehmigte…“

„… müsse eingeschränkt werden, das Alkoholverbot nur nachts zu verfolgen. Das Justizministerium könne jedoch nicht nur auf Grund der Dunkelheit eine Regelung treffen, sondern habe auch saisonale Bedingungen zu …“

„… könne nicht ausgeschlossen werden, dass Kretschmann den Gesetzentwurf im volltrunkenen Zustand…“





Wildwechsel

19 11 2012

„Moment, Sie wollten doch…“ „Das war vor dem Parteitag.“ „… wegen der Sanktionen beim ALG II und überhaupt, da hatten Sie ja…“ „Vor dem Parteitag, ja?“ „Wollen Sie mich veralbern? Sie hatten auch vor, die Sanktionen abzuschaffen, weil die nicht mit dem Grundgesetz…“ „Hallo? Erde an Basis? Das war vor dem Parteitag, klar!?“

„Also sind die Grünen jetzt nach links gerückt?“ „Sagt wer?“ „Sagt Trittin.“ „Wer ist das denn? Hat der was zu melden?“ „Den hat die Basis immerhin in der Urwahl zum Spitzenkandidaten…“ „Das war vor dem Parteitag.“ „Sie wollen mir doch jetzt nicht ernsthaft erklären, dass die Grünen diesen ganzen Zirkus mit der Urwahl veranstalten, um hinterher das Ergebnis nicht anzuerkennen?“ „Kollege, das ist Demokratur.“ „Demowas?“ „Demokratur. Sie dürfen frei wählen, und dann machen wir, was wir für Sie am besten finden.“ „Dann ist die Partei nach rechts gerückt.“ „Sagt wer?“ „Das sieht man doch.“ „Das sieht nur so aus. Die anderen sind nach links gerückt, wir waren schon immer so.“

„Was wird dann aus dem Bekenntnis zu Rot-Grün?“ „Aus welchem?“ „Ja, eben aus dem…“ „Vor dem Parteitag?“ „Meinetwegen.“ „Dann war das vor dem Parteitag.“ „Aber Sie haben doch alle auf dem Parteitag…“ „Alle?“ „Naja, Roth und der Özdemir und…“ „Also nicht alle.“ „Aber die Roth ist doch als Parteivorsitzende…“ „Aber nicht als Spitzenkandidatin.“ „Meine Güte, die haben doch für die ganze Partei gegen den Sozialabbau und für die Rente in…“ „Das war…“ „Nicht vor dem Parteitag, Freundchen! nicht vor dem Parteitag!“ „… vor der Wahl.“

„Und was ist das jetzt mit der Energiewende?“ „Läuft.“ „Und Sie wollten das Asylrecht auch mal reformieren.“ „Machen wir gerade, wir schieben in Schleswig-Holstein keine Sinti und Roma mehr ab.“ „Aber in Baden-Württemberg sind doch…“ „Das sind Zigeuner, die gehören sowieso nicht nach Deutschland.“ „Was ist denn sicherheitsmäßig von Ihnen zu erwarten?“ „Natürlich Grüne Politik. Die Nacktscanner sind biologisch abbaubar und den Bescheid zur Abschiebung bekommen Sie auf Recyclingpapier ausgehändigt.“ „Man hat manchmal fast den Eindruck, als sei Ihnen völlig egal, was aus Ihren Wahlversprechen mal wird.“ „Stimmt.“ „Wie jetzt, Sie sind…“ „Das ist uns völlig wurst.“ „Sagen sie mal, haben Sie irgendwas geraucht?“ „Würde ich nie machen.“ „Lassen Sie mich raten: Sie sind so strikt für die Freigabe weicher Drogen, weil…“ „Erraten. Irgendwer muss ja auch Kanzler werden. Und wir brauchen das ganz bestimmt nicht.“

„Wobei – eine Unsicherheit haben Sie immer noch.“ „Dass die Wähler den Schwindel merken? Vergessen Sie’s. Die sind derart chloroformiert, das merken die erst, wenn es zu spät ist.“ „Nein, das meine ich gar nicht.“ „Dass sich die Basis plötzlich gegen die Parteispitze wendet? Lächerlich, die paar Männerchen kriegen eins auf die Nase, und fertig.“ „Das meine ich gar nicht!“ „Was denn dann? Steinbrück entdeckt plötzlich sein Herz für die Linke und koaliert gleichzeitig mit der FDP? Sie Utopist, das grenzt ja schon an…“ „Das meine ich nicht! Ich meine die Merkel!“ „Ach so. Hm. Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Sie will auf jeden Fall mit den Liberalen weitermachen.“ „Also erstens ist diese Partei nicht liberal, und zweitens sind wir das auch nicht, also wo ist der Unterschied?“ „Nein, ich meine: sie will den Mythos mit Steuersenkungen und Wirtschaftswachstum noch mal vier Jahre lang vorturnen.“ „Und? Unsinn erzählen können wir auch. Was meinen Sie, warum wir Claudia Roth wiedergewählt haben?“ „Aber Ihre Rolle in der Eurokrise ist doch mehr als problematisch.“ „Nö, wir haben das von der FDP gelernt: rechtzeitig und in die richtige Richtung umkippen, dann klappt’s auch mit der Regierung.“ „Sie verwechseln sich nicht zufällig mit den USA?“ „Wir setzen geradezu auf den Wechsel.“ „Wechselstimmung?“ „Auch. Meinungswechsel. Richtungswechsel. Wir wollen die Entscheidung im Wechsel.“ „Klingt doch danach, als wollten Sie Deutschland zum Swing State machen.“ „Das klingt nach Wildwechsel.“ „Egal. Alles ist besser als die Wildsau aus Bayern.“

„Sie hoffen noch?“ „Wir sind voller Hoffnung, dass das ein voller Erfolg wird für unsere politische Langzeitstrategie.“ „Also hoffen Sie auf einen gesellschaftlichen, sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Wandel?“ „Wir hoffen jetzt erst einmal, dass auch alles so bleibt, wie es ist.“ „Aber Sie sind doch eine Ökologie-Partei? und sozial und nachhaltig und…“ „Wir sind nachhaltig, deshalb werden wir garantiert jetzt keine Anstalten machen, diese beschissene Energiewende vor dem Aus zu retten.“ „Aber – Sie sind doch die Grünen!?“ „Wir sind nachhaltig. Das heißt, wir wollen auch in zwanzig Jahren noch gewählt werden.“

„Also Schwarz-Grün?“ „Das habe ich so nicht gesagt.“ „Aber dieses Neue-Mitte-Gerede ist doch inzwischen nicht mehr mit der SPD möglich.“ „Mit denen schon, nur nicht mit Steinbrück.“ „Weil der zu weit rechts ist.“ „Deshalb sehen wir ja so links aus, schon vergessen?“ „Jetzt habe ich’s, Sie wollen die Nachfolge der FDP antreten!“ „Richtig. Wir verhindern die große Koalition.“ „Na, da bin ich mal gespannt.“ „Und dann suchen wir uns einfach aus, wer Kanzler wird.“ „Aha.“ „Wie die FDP.“ „Na gut.“ „Ja, wirklich!“ „Glaube ich Ihnen ja, Sie werden den Weg der Freidemokraten nehmen. Zumindest für vier Jahre.“





Dreisprung

29 08 2012

„Alle beide? Also jetzt dreimal, oder was? Zwei, aber dann in drei – die drei doppelten Doppel, oder dreifach doppelte – wie jetzt!? Also drei Doppel als Spitze, als dreifache Doppelspitzen auf die Plakate, oder war das – Herrschaftszeiten, dann drücken Sie sich halt deutlich aus, ich kann doch auch nicht hellsehen, wie Rot-Grün den Bundestagswahlkampf auf die Reihe kriegt!

Querformat, ’türlich. Hochkant kriegen Sie die Roth ja eh nicht auf so’n Plakat. Nee, Gabriel erst recht nicht. Dann müsste man ja für die beiden ein Querformat noch viel querer – also Breitwand, oder wie das heißt, 16:9 noch mal im Quadrat, oder was, oder was soll das werden? Geht ja mal so gar nicht. Was wollen Sie da kommunizieren? Gürtel enger schnallen? Wir sitzen fett drin? Passt nicht. Lassen Sie das. Sonst machen Sie lieber Luftballons mit den beiden, das könnte ich mir noch vorstellen. Das wäre was. Luftballons. Mit Heißluft.

Die Künast könnte ich mir schon vorstellen, aber mit Steinbrück? Der doppelte Bundesminister-Bonus? Auf Landesebene Schwanz einkneifen, dafür können sie Bundesregierung? Nee, das geht ja nicht. Die machen keine Gesetze, die kündigen höchstens an. Dazu muss ich nicht die Dreifaltigkeit der CDU-Ruhemasse, Merkel und Schröder und von der Leyen, dazu muss ich die nicht abwählen. Und nach oben umverteilen können die auch, dazu brauche ich die nicht.

Bei Steinmeier haben Sie immer das Problem, dass er plötzlich ’nen Sprung in der Platte hat und wieder einen auf Außenminister macht. Und dann Trittin? Nee, doch nicht als Kanzler. Obwohl, eine Kanzlerin, die sich für den Außenminister hält – dafür haben wir ja auch einen Außenminister, der sich – Einklapper, das müsste man machen. So ’nen großen Einklapper. Nehmen Sie einen, den anderen kriegen Sie gratis dazu. Trittin ist ja in den letzten Jahrzehnten immer weiter in die Mitte gerückt. Und wenn er als Finanzminister Steinbrück verhindert, das wäre doch mal ’ne Maßnahme. Strauß stoppen heißt nicht Schmidt wählen? Ja, die haben wir noch irgendwo. Müsste man mal sehen.

Andererseits, Roth und Steinbrück wären auch mal den Versuch wert. Also den Versuch, ob man die deutsche Politik nach Merkel noch irgendwie humorloser kriegt. Das ist wohl die Neuauflage des Traumpaars Merkel/Seehofer: laut Pressemitteilung verstehen sie sich prächtig, zur Vorsicht reden sie aber nicht mehr miteinander. Der Schnöde und das Biest. Kann man machen.

Wissen Sie, wen ich gerne mal haben würde? Den Özdemir. Aber wir können dann ja warten bis Schwarz-Grün. Wo immer Özdemir dann antritt.

Dass Steinmeier mit der Künast kann, hat er ja mehr oder weniger – zuletzt mehr weniger, auch wieder wahr. Aber dass sie wegen des Fiskalpaktes der Kanzlerin auf die Nerven gehen, das ist doch für die Boulevardpresse, oder? Renate & Frank-Walter in Love? Nee, lassen Sie mal. Das ist nicht das defensive Mittelfeld, das ist Sturmschaden.

À propos ungetrübtes Verhältnis zur Macht, Gabriel und Trittin waren damit doch wohl hoffentlich nicht gemeint? Nicht wegen Trittin; den wird man als Fischers Fortsatz anerkennen, aber was ist mit der SPD? Wozu müssen die jetzt einen Bremsklotz als Kanzler aufbauen? Und was schreieben wir überhaupt? Das Gegenteil von gut ist gut gemeint? Yes, we can’t?

Erst die Werbekampagne? Und dann die Doppelspitze auswählen? Sicher, das ist mal richtig demokratisch. Und so transparent. Das läuft nicht mit unserer Agentur, sage ich Ihnen. Können Sie vergessen. Wir würden vorher gerne wissen, was wir für richtig halten. Wir müssten ja einen Sprung in der – einen Dreisprung, aber was für einen!

Steinmeier können Sie als linke Figur aufbauen, wenn Sie einen wie Kauder haben. Oder Clement ist noch nicht weg vom Fenster. Aber gegen die Roth? Oder ist jetzt Steinmeier die konservative Alternative? Das wird ja ein harter Brocken. Da müssten wir dann für Roth einen ganz neuen Stil entwerfen. Vielleicht eine Hirnspende für den Aufschwung – hat bei der FDP ja auch fast über die fünf Prozent geholfen. Oder: Rot-Rot-Grün ist machbar, aber nicht mit uns. Das würde doch prima zum Profil der Agenda-SPD passen. Da wissen Sie auch, diese Partei steht für eine moderne und sozial orientierte Marktwirtschaft – und es gibt einen todsicheren Weg, sie zu verhindern. Einfach mal Sozialdemokraten wählen.

Gabriel? Als guten Onkel gegen Künast? Perfekte Mischung. Gekauft. Das löst so ein gewisses Gefühl von Nostalgie aus. Ein Kanzler, der in sich ruht und nichts tut, um nichts falsch zu machen, und eine Vizekanzlerin, die um ihn herumkaspern darf. Ist eben nur die Frage, warum wir dafür extra neu wählen müssen. Gut, Künast meint es ernst. Das wäre schon mal ein Unterschied. Aber sonst?

Bleiben ja bloß noch Steinbrück und Trittin übrig. Das könnte tatsächlich etwas werden. Der eine hat die Mitte schon lange nach rechts verlassen und der andere will sie besetzen – würde wollen, weiß aber nicht, ob er wollen soll. Wo wir nicht sind, ist die Mitte. Klingt das gut? Naja, muss auch ja nicht.

Nur so als Frage, was macht eigentlich Kraft?“





Dunkelgrün

19 06 2012

„Und die Energiewende, die machen wir dann rückgängig?“ „Wir halten sie erstmal auf.“ „Gut, aber den Truppenabzug aus Afghanistan.“ „Der wird sich bestimmt nicht realisieren lassen im dazu ausgearbeiteten Zeitrahmen.“ „Bleiben noch die Hartz-IV-Sätze.“ „Die heben wir etwas unter dem Inflationsausgleich an.“ „Und dann klappt das?“ „Merkel wird sich freuen. Das wird ein weiterer Schritt zur Regierungsbeteiligung der Grünen.“

„Das Projekt steht?“ „Von unserer Seite aus ja.“ „Dann müsste die Kanzlerin nur noch überzeugt werden, dass sie sich einen starken, verlässlichen Partner sucht.“ „Und wenn sie wieder die SPD nimmt?“ „Die hat sie doch schon kaputtgespielt.“ „Also bleibt ihr nur noch Dunkelgrün.“ „Wenn die FDP nicht plötzlich ihr Führungspersonal an die Laterne hängt und das Gegenteil dessen tut, was sie bisher propagiert hatte, sind nur noch wir da.“ „Und wie wahrscheinlich ist es, dass Merkel ausgerechnet mit uns koalieren wird?“ „Wie wahrscheinlich ist es, dass Gysi der nächste Außenminister wird?“

„Wir müssten noch mal über den Fiskalpakt reden. Und über den Stabilitätsmechanismus.“ „Die sind ja verfassungsrechtlich ziemlich umstritten.“ „Weiß ich.“ „Und wir haben dann auch keine Möglichkeit mehr zum Gegensteuern, wenn die Sache in die Hose geht.“ „Weiß ich.“ „Und sie wird in die Hose gehen.“ „Weiß ich.“ „Und damit werden Griechenland und die anderen Verlierer noch mehr geschädigt.“ „Weiß ich.“ „Also einfach mitmachen?“ „Das wäre ein klarer Punktsieg. Mit so einer Aktion hätten wir die Kanzlerin ganz klar auf unserer Seite – die FDP kann völlig unsinnige Aktionen nur in Regierungsverantwortung stützen, wir wären die ersten, die sogar in der Opposition hirnverbrannte neoliberale Klientelpolitik gegen die eigenen Überzeugungen mitmachen würde. Wenn wir das durchziehen, vergiftet Rösler seinen ganzen Haufen mit Zyankali.“

„Den Ökobonus, den behalten wir aber?“ „Das wäre noch zu klären.“ „Sie meinen, Merkel will den ganz für sich selbst beanspruchen?“ „Ach was, wir müssen nur die Strategie ändern. Schauen Sie, Urlaubsflüge, Autos, Elektrogeräte, das kostet ja alles Geld.“ „Verstehe – je mehr wir eine gesunde Prekarisierung in Deutschland fördern können, desto weniger Kohlendioxid stoßen wir aus.“

„Und die klare Distanz zu den Piraten müssten wir noch hinkriegen.“ „Damit Merkel uns glaubt, dass wir keine Koalition mit denen eingehen würden?“ „In erster Linie geht es darum, dass wir vollkommen reformunfähig erscheinen. Also die Bürgerversicherung statt Grundeinkommen, oder was die Parteibasis da gerne hätte.“ „Das war als politisches Signal gedacht?“ „Allerdings, was die Sozen machen, das können wir schon lange.“ „Mit der Bürgerversicherung würde sich definitiv nichts ändern.“ „Und die Putzfrau bezahlt wegen der Bemessungsgrenze für Ihren Chef mit.“ „Super! Und damit haben wir die Piraten weg?“ „Wir haben da schon mal etwas vorbereitet. Im Innenausschuss unterstützen wir die Vorratsdatenspeicherung.“ „Die ist auch nicht verfassungskonform.“ „Eben.“

„Hier, Mindestlohn?“ „Kann man machen. Macht ja Merkel vermutlich auch irgendwann, um die SPD noch schnell vor der Wahl auszubooten.“ „Das könnte gefährlich werden.“ „Wie soll das denn gefährlich werden?“ „Wenn Merkel jetzt wegen der SPD Mindestlohn will…“ „… und wir wegen Merkel…“ „… dann könnte rein theoretisch der Eindruck entstehen, dass wir den Mindestlohn wollten, weil wir in Wirklichkeit mit der SPD regieren möchten, wie wir es versprochen hatten.“ „Zwickmühle.“ „Man müsste vielleicht parteiintern kommunizieren, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze schafft und für Arbeitslose auch nichts bringt.“ „Aber die SPD will ihn trotzdem?“ „Die will ihn gerade deswegen.“

„Das mit dem Spitzensteuersatz ist noch nicht so ganz ausgewogen.“ „Die SPD will ja ab 100.000 Euro alles spitzenbesteuern. Da wird Merkel sicher nicht mitmachen.“ „Also koalieren wir mit einem, der keinen höheren Satz will…“ „… oder mit einem, der den Spitzensatz für 0,6% der Steuerpflichtigen etwas anhebt.“ „Und am Ende zahlen von denen noch nicht mal alle Steuern, weil sie keine Lust haben.“ „Aber wir können schön dagegen sein.“ „Und Merkel nimmt uns das ab?“ „Sie weiß doch, wie egal das ist.“ „Uns?“ „Und überhaupt.“ „Und wenn wir bei den Koalitionsverhandlungen umfallen?“ „Dann wird sie sich über unser Zugeständnis freuen.“ „Gut so!“

„Könnten wir nicht einen kleinen Vorschuss gewähren?“ „Wie, Vorschuss?“ „An Vertrauen. So, dass die Kanzlerin merkt, auf ihre Grünen kann sie sich jederzeit verlassen.“ „Was schwebt Ihnen vor? Staatsballett zum CDU-Bundesparteitag?“ „Wir könnten beim nächsten Mal für das Betreuungsgeld stimmen.“ „Hm, klingt gut. Zumal wir dann nicht mehr das Problem hätten, dass die SPD sich mit uns Chancen ausrechnen würde.“ „Und vielleicht macht die Kanzlerin dann auch vorzeitig den Weg für Neuwahlen frei, weil sie mit unserer Haltung mehr anfangen kann als mit der FDP.“ „Und für den konservativen Flügel?“ „Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben. Schließlich haben wir den Stuttgarter Schlosspark mit abgeholzt. Das wird man uns ganz bestimmt nicht als Zeichen zu guten Willens vorwerfen.“

„Und wenn es schiefgeht?“ „Wird es nicht. Da ist die CSU vor.“ „Die Quartalsirren?“ „Die haben aber ein sehr schön soziales Programm.“ „Damit können wir nicht konkurrieren.“ „Eben. Wir sichern Merkel den Arschlochfaktor.“ „Den was!?“ „Wir sind für die ganzen zwielichtigen Sachen zuständig. Hotelfrühstück, Steuererleichterungen für Korrupte, Ausleiern der Verfassung.“ „Das macht doch bisher die FDP?“ „Noch gibt’s die ja. Aber das wird dann eben unser Job.“ „Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das wird uns gewaltig Sympathie kosten.“ „Logisch.“ „Das nehmen Sie einfach so hin?“ „Das betrifft die Partei.“ „Also Sie und mich.“ „Lieber Kollege, nach vier Jahren sitzen wir beide warm und trocken im Vorstand eines Energiekonzerns und stellen fest, dass wir neue Kernkraftwerke brauchen in Deutschland, und zwar sofort und alternativlos. Wovor haben Sie Angst?“ „Sie und Ihr Zynismus, verdammt – zweifeln Sie denn gar nicht?“ „Doch. Manchmal liege ich nachts wach und habe große Sorgen.“ „Wovor?“ „Dass es nur für Rot-Grün reicht. Dann haben wir ein Problem. Dann müssen wir Politik machen.“ „Dann sind wir verloren.“ „Wem sagen Sie das!“





Nur aus Nächstenliebe

21 05 2012

„Sie müssen das ins richtige Verhältnis setzen. Kirche geht uns alle an. Deshalb sollen auch alle dafür zahlen. Auch dann, wenn Sie überhaupt nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Erst recht, wenn Sie nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Wir können da sehr empfindlich werden.

Ja, wir haben das verstanden. Im Grundgesetz steht, dass Sie Glaubensfreiheit genießen. Das war so gedacht. Aber da steht nichts davon, dass die auch kostenlos ist. Und da steht auch nicht, dass wir nicht trotzdem Steuern auf alles erheben können. Jetzt ist das eben mal eine Steuer für alle, die nicht römisch-katholisch sind. Haben Sie ein Problem mit Katholiken? Dürfen Sie nicht. Steht so im Grundgesetz drin. Da sind alle Menschen gleich.

Aber selbstverständlich haben Sie etwas davon – denken Sie an die vielen schönen Prozessionen, wenn die Bischöfe ihre prunkvollen Gewänder spazieren führen, oder denken Sie an den Papst, der aus lauter Gottvertrauen hinter drei Zentimetern Panzerglas durch seine Gläubigen rollt. Das ist ein lieb gewonnenes Brauchtum, das will gepflegt sein. Nein, nicht so gepflegt! Obwohl einige der Leute schon eine höhere Pflegestufe gebrauchen könnten.

Rabatte? Aha, ich verstehe. Sie denken, wir Grünen sind inzwischen wie die FDP? Ich müsste mal nachfragen. Wenn Sie sich ein Parteibuch besorgen, können Sie eventuell die Clubbeiträge – Kirchensteuer, wollte ich sagen, Kirchensteuer, können Sie dann verrechnen. Das müsste gehen. Immer vorausgesetzt, dass Ihr Einkommen auch hoch genug ist. Wir als Volkspartei nehmen ja nicht mehr jeden.

Und ich verstehe jetzt auch gar nicht, wie Sie sich aufregen können. Wir machen das sowieso schon. Wir lassen unsere kirchlichen Kindergärten aus Steuern finanzieren, und das Arbeitsrecht haben wir gar nicht nötig. Sie wollen doch Ihre Kinder nicht etwa von einer Frau aufziehen lassen, die sich scheiden lässt?

Ob es das für Muslime gibt? Um Himmels willen, wir leben doch hier nicht im Gottesstaat!

Sie glauben an gar nichts? Im Vertrauen, wir auch nicht. Deshalb handelt es sich schließlich auch nicht um eine kirchliche Initiative, sondern um Kulturrettung. Kennen Sie? So rechtsdrehende Sachen? Das haben wir von diesen Piraten gelernt, es geht nicht um Inhalte, es geht um das Modell.

Sie bezahlen dann auch einen ermäßigten Satz, wenn Sie kein Auto haben. Ja, dasselbe Modell – Sie sind kein Autofahrer, also können Sie sich gerne solidarisch an der Kultur unseres automobilen Fortschritts beteiligen. Das ist ein Stück unserer nationalen Identität, wissen Sie, da muss man doch erwarten können, dass die Bürger hier etwas mehr Bereitwilligkeit zeigen. Da kommt ja auch einiges zusammen. Die Gebühren für die entgangene Mineralölsteuer, Ersatzsteuer für Versicherungen und Autobahnnichtnutzungsgebühr, der Straßenbau will schließlich auch leben – da gucken Sie, was? So betrügen Sie den Staat, mein Lieber, so zocken Sie heimlich die Allgemeinheit ab und füttern Ihr privates Portemonnaie!

Hören Sie mal, so eine Krankenkasse wird auch nicht nur von den Kranken getragen! Christliche Nächstenliebe, klar!? Wissen Sie eigentlich noch, was das ist? Solidarität? Solidarisches Verhalten, das ist, wenn Sie meinen Ferrari bezahlen dürfen, auch Sie nicht darin fahren. Sind Sie eigentlich immer so ein kaltherziger Egoist?

Jetzt hören Sie doch mit dieser Kirchensache auf! Das ist doch nur ein Aufhänger, der in den Medien sinnlos hochgejazzt wird! Haben Sie Kinder? Oha, das wird teuer. Das wird Sie jetzt aber ganz schön teuer zu stehen kommen, dass Sie sich der Nachwuchsproduktion für den Arbeitsmarkt so einfach mal entziehen. Sie können sich keine Kinder leisten? Ist das etwa mein Problem?

Hund haben Sie auch keinen? Ich frage wegen der negativen Hundesteuer. Wenn Sie einen todsicheren Tipp wollen: Rennpferde. Kaufen Sie sich Rennpferde. Ermäßigter Mehrwertsteuersatz. Können Sie steuerlich als Hotelfrühstück absetzen.

Denken Sie doch mal an die Kinder! Sie müssen sich mal klarmachen, was wir hier für Verhältnisse hätten, wenn die Kinder nicht eine sorgfältige Einführung in die –

Wir machen das wie mit dem Kosovokrieg und den Hartz-Gesetzen. Öffentlich predigen wir dagegen, bis Ihnen die Ohren bluten. Und dann sorgen wir dafür, dass das Gegenteil passiert und wir daran hübsch verdienen. Wir dürfen das. Und das wissen Sie.

Ich sehe gerade, Sie sind kein Parteimitglied? Dann bekommen Sie demnächst Post von uns. Wir müssen ja der schleichenden Entdemokratisierung entgegenwirken. Wären Sie mal früher den Grünen beigetreten, dann hätten Sie die Scherereien jetzt nicht. Ihre Kulturpauschale ist jetzt höher als die Mitgliedsbeiträge, weil wir per Beweislastumkehr schlussfolgern müssen, seit wann Sie schon nicht mehr Parteimitglied hätten sein können. Sie kennen das Verfahren von der GEZ. Die kennen sich damit aus. Also mit Staatsverträgen. Nicht mit Kultur.

Gut, das wär’s dann gewesen. Vorerst. Dass Sie keine Aktien haben, hatten Sie ja schon erwähnt, aber das ist nicht unser Problem. Das Geld für die Investmentbanken holt sich die Regierung noch selbst. Ach, eine Frage hätte ich das noch. Rauchen Sie?“





Frisch gestrichen

18 04 2012

„Und Sie machen das hier wieder schön?“ „Sie werden das nicht mehr wiedererkennen.“ „Das hört sich ja wenig vertrauenerweckend an.“ „Keine Bange, Inneneinrichtung ist keine Hexerei. Mit den richtigen Zutaten bringen wir die Bude wieder auf Vordermann.“ „Das wird auch bitter nötig sein. Wir müssen einfach etwas ändern.“ „Bleiben Sie sich treu. Das war doch für die Grünen schon immer ein Erfolgsrezept.“

„Das Problem ist, dass wir uns von so vielen Sachen nicht trennen konnten.“ „Hier liegen immer noch die Schachteln von der Pizza-Connection.“ „Die waren erst als Souvenir gedacht…“ „Der Schimmel auch?“ „… und dann als freundlicher Hinweis ans CDU-Präsidium. Die müssen leider hier bleiben.“ „Immerhin ist der Pelz nur zur Hälfte rosa.“ „Können wir die Couch behalten?“ „Hat die ideellen Wert?“ „Auf der wurde die Agenda 2010 beschlossen.“ „Und die steht hier!?“ „Die SPD wollte sie nicht haben, und wir dachten, hier würde keiner suchen.“

„Vor allem nehmen Sie diese fürchterlichen Plakate ab. Da müssen wir ran, Renate – vor der Hurratapete sieht doch das beste Mobiliar nach Sperrmüll aus.“ „Können wir das hier nicht sowieso ein bisschen stilvoller einrichten?“ „Wie stilvoll?“ „Konservativ.“ „Also rechnen Sie doch mit häufigem Besuch aus der Union?“ „Ich sagte: konservativ, nicht museal.“ „Und für wen wollen Sie das Haus dann entrümpeln?“ „Na, für die Sozialdemokraten halt.“ „Stehlampen?“ „Raus.“ „Die Barhocker?“ „Weg damit.“ „Und das AKW-Modell?“ „Bleibt natürlich. Auf das Ding können wir absolut nicht verzichten.“ „Auch aus Nostalgie, was?“ „Aus pragmatischen Gründen. Falls die Bundeskanzlerin mal zu Besuch kommt und uns erzählt, wie sie damals die Atomkraftwerke abgeschaltet hat.“ „Dann fühlt sie sich wie zu Hause, richtig?“ „Nein, dann merkt sie vielleicht, dass wir es ihr nicht vergessen haben.“

„Die Garderobe muss natürlich auch mit raus. Rattan hat man doch heute kaum noch, und das Holz ist ja ganz ausgeblichen – nanu, Uniformen? Armeemäntel?“ „Souvenirs aus dem Kosovo.“ „Wenn Sie so nostalgisch sind, sollten Sie die vielleicht besser hängen lassen.“ „Machen wir auch, aber lieber im Schlafzimmerschrank.“ „Für die Altkleidersammlung?“ „Als eiserne Reserve. Falls sie irgendwann merken, dass ein rohstoffarmes Land sich gegen die wirtschaftliche Übermacht der Taliban durchsetzen muss.“ „Und das wollen Sie der – nein, diesmal lasse ich mich nicht aufs Glatteis führen…“ „Wir uns auch nicht.“ „… und sage CDU. Das haben Sie doch auch für die SPD aufbewahrt!“ „Nö. Das hängt hier, falls Gauck mal vorbeischaut.“

„Wollen Sie vielleicht den Teppich rausreißen? Zeit wäre es ja, so toll sieht er nicht mehr aus.“ „Der hat aber eine Menge erlebt.“ „Das ist ja das Problem.“ „Haben wir aus dem Thomas-Dehler-Haus geerbt.“ „Deshalb die gelben Flecken.“ „Das war mal sehr angesagt!“ „Die Liberalen machen Ihnen den gesellschaftlichen Niedergang gerade vor.“ „Das ist Minimalismus! Das ist stilistisches Understatement!“ „Es ist ein Unterschied, ob man einen zweifarbigen Flokati auslegt oder aber etwas auf dem Boden liegen lässt, was höchstens drei Prozent Schurwolle haben kann.“ „Und der Rest?“ „Ist Nudelsalat. Vorher und nachher.“

„Aber die Gardinen bleiben.“ „Die sind doch indiskutabel.“ „Aber die bleiben.“ „Im Ernst, das sieht peinlich aus. Wie bei armen Leuten.“ „Das nennt sich Understatement.“ „Understatement ist immer noch eine Frage der Fallhöhe.“ „Das ist eben Bio-Mentalität, davon verstehen Sie nichts.“ „Was bitte?“ „Bio-Mentalität. Die gehört zum grünen Selbstverständnis eben einfach dazu.“ „Was genau soll das sein? handgewebte Stores aus der Dritten Welt?“ „Nein, Polyester. Aus Bangladesch. Garantiert in Kinderarbeit hergestellt. Aber es kommt aus einem dieser Kataloge, die man auf den Tisch legt, wenn man Gäste erwartet.“ „Wer sollte Sie schon besuchen?“ „Gut, es hat schon ein wenig abgenommen. Früher kam die Mittelschicht vorbei. Aber die spielen ja schon längst keine Rolle mehr.“

„Haben Sie je an Umzug gedacht?“ „Wenn man daran denkt, wer nach einem hier wohnen würde – nein.“ „Sie waren doch damals auch so ein wilder Haufen, als Sie hier einzogen. Lauter langhaarige Typen.“ „Das waren noch Zeiten!“ „Männer mit Bärten.“ „Und wir haben uns jeden Tag gestritten! öffentlich! Ist das nicht Demokratie?“ „Und Sie wollten das ganze System ändern und haben sich für den Marsch durch die Institutionen gerüstet, weil sie irgendwann begriffen hatten, dass…“ „… nur der langsame Marsch endlich dazu führen könne, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Opposition ist für eine gewisse Zeit notwendig, und man sollte sich auch nie vorschnell in die Regierungsverantwortung drängen lassen, weil sonst die Ideen nicht zu verwirklichen sind.“ „Also das, was Ihnen jetzt die Piraten vormachen.“ „Wir ziehen hier nicht aus. Nicht einmal dann, wenn wir die Miete nicht mehr bezahlen können.“ „Und wenn Sie eine Räumungsklage bekommen?“ „Ich mache mir keine Sorgen. Notfalls schicken wir Claudia Roth zur Konkurrenz.“





Passiv-aggressiver Widerstand

13 03 2012

„Du liebe Güte, bloß nicht! Wir können doch nicht mit der in den Wahlkampf ziehen! Stellen Sie sich mal vor, das hört die Merkel, Roth-Grün – da flippt die Alte doch aus!

Natürlich, irgendwie müssen wir jetzt einen Spitzenkandidaten hinkriegen. So lange ist es ja nicht mehr. Wahl? Sie meinen, wir sollten die Mitglieder befragen? Nein, das wäre ja eine – wie kommen Sie darauf, dass wir mit demokratischer Entscheidungsfindung nichts anfangen können? Das halte ich nun doch für zu weit hergeholt. Diese Mitgliederbefragung ist nur – Piraten? wieso denn Piraten? Wir können das doch ganz eigenständig organisieren, wir müssen uns doch nicht an das Ergebnis gebunden – ach, Sie meinen, wir sollten eine Richtungsentscheidung mit einer Urwahl zulassen? Wie kommen Sie denn darauf? Glauben Sie, wir wüssten nicht, dass wir nur den nächsten Abnicker in der Bundesregierung wählen?

Das sind vermutlich die Nachwehen der grünen Erfolgsstory aus dem vergangenen Jahr. Aber wirklich, der Trittin geht ja mal gar nicht. Bedaure, wird nichts. Also nicht, weil er die Frauenquote reißt. Die ganzen geistesgestörten Tanten in lila Latzhosen, die wegen Roth in die Partei eingetreten sind, um ganzheitlich Robbenbabys zu retten, würden sofort aus der Partei austreten. Das können wir uns einfach nicht leisten. Wissen Sie, er ist ein bisschen wie die SPD. Es gibt jede Menge guter Gründe, ihn gar nicht erst in die Nähe der Regierungsverantwortung zu lassen, er macht haltlose Versprechungen, man entdeckt beim genaueren Hinschauen lauter merkwürdige Dinge in seiner Vergangenheit – und zum Schluss wird er doch gewählt, um etwa noch Schlimmeres zu verhindern. Denken Sie sich in dem Fall eine Doppelspitze Roth und Künast. Meinen Sie nicht auch, Trittin wäre die bessere Wahl?

Wird er aber nicht. Weil es Roth ja nicht wird. Und wenn Roth es wegen Trittin nicht schafft, dann wird es auch Trittin wegen – also trotz Roth, wollte ich sagen, oder ist das dasselbe? Nein, schlagen Sie sich die Frau aus dem Kopf. Als Maskottchen der Farbenblinden vielleicht, aber sicher nicht als Spitzenkandidatin. Sie verwechselt den Laden zu oft mit einem Karnevalsverein für schwer erziehbare Kinder. Ihre leicht hysterische Art ist ja für Parteitage ganz schön, seitdem Westerwelle weg vom Fenster ist, leidet man schon ein wenig an diesem Vakuum. Aber das wird nichts. Weil das mit Trittin nichts wird. Trittin soll ja in der Partei der beliebteste Mann sein, und Roth ist bei den Wählern die populärste Grüne. Aber die Sache hat einen Haken: Roth ist in der Partei mit Abstand die unbeliebteste Frau, und Trittin ist bei den Wählern am wenigsten gefragt. Das wird nichts.

Wir hatten ja eine Quartettlösung mit nachhaltig gruppendynamischer Rotation angeregt, aber das gestaltete sich schwieriger als erwartet. Während der Klausurtagung mussten wir jeden Tag Messer unter den Matratzen konfiszieren – bei allen. Die hätten sich in der Gesprächsrunde gegenseitig im Beisein einer Bezugsperson zerfleischt.

Künast können Sie auch knicken. Wir haben ja schon Befürchtungen, dass sie einen Tag vor der Wahl hinwirft, weil ihr jemand verrät, dass die Grünen wieder nicht stärkste Fraktion werden. Und Özdemir? Falsche Partei. Wirklich, der ist in der falschen Partei. Dieses Gehabe, die Arroganz, die Nähe zur Wirtschaft, rechthaberisch ist er auch noch, der könnte doch seine Glaubwürdigkeit glatt verdoppeln, wenn er endlich in die CDU eintritt. Er ist der Vorsitzende. Böse Zungen behaupten, er habe sich von der Schröder die Birne-Plakate geklaut und würde im Keller kohlesk gucken üben.

Wir haben jetzt ein ganz neues Konzept. Passiv-aggressiv, verstehen Sie? Also so wie passiver Widerstand, so gewaltfrei irgendwie, Startbahn West, Castor-Transport vielleicht auch noch – aber dann eben auch total die Verweigerungshaltung. Das hat uns Renate Künast mitgebracht aus Berlin, nachdem Wowereit sie wegen ein paar Metern Betonpiste raus gekegelt und sich der CDU an den Hals geschmissen hat. Kennen Sie noch den alten Münte? den mit der Opposition? Hier? Kennen Sie? Kennen Sie? Regieren ist Mist. Jedenfalls dann, wenn man dann auch regieren muss und nicht regieren kann. Also bloß nicht gewinnen. Wir geben die Gewinnwarnung aus, verstehen Sie?

Das ist doch ungeheuer praktisch! Keiner kann Ihnen hinterher sagen, dass Sie aus lauter Machtgier an der Regierung beteiligt sind. Sie dürfen ständig meckern, der Atomausstieg – also der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg, oder doch dann der Ausstieg vom Ausstieg vom – Sie wissen schon, das mit Rösler und den Solarkacheln. Sie müssen nichts machen. Und Sie wissen, dieser ganze Müll dauert mit der Merkel noch vier Jahre länger, der Laden fährt so richtig an die Wand, und dann wünschen Sie sich nichts mehr als eine Bundesregierung, in der endlich wieder die Grünen sitzen, weil deren Ziele schon viel zu lange einfach den schnöden wirtschaftlichen Zielen des Raubtier-Turbokapitalismus geopfert worden waren. Endlich wieder Grüne, endlich wieder eine reale Beteiligung an der Regierung! Endlich wieder eine geradezu historische Chance, unsere ökologischen Ziele für eine rücksichtlose Energiewende zu realisieren! Mit Glück erst 2017. Das nenne ich Nachhaltigkeit!“





Generation Nix

28 11 2011

„Gehören Sie eigentlich zum Establishment? Ich frage nur, ob ich Sie rausschmeißen muss oder ob es reicht, Ihnen unser Wahlprogramm zu erklären. Oder sind Sie vielleicht schon Mitglied? Man sieht das ja keinem mehr an, wissen Sie. Als ich damals zu den Grünen gegangen bin, da hatte die Partei ja noch so etwas wie Inhalte. Aber heute ist das ganz anders. Heute sind wir nämlich voll der Punk.

Man muss das mit dem Dagegensein ja auch mal unkritisch sehen. Nicht immer nur alles schlecht machen, sondern die Umbrüche auch mal zulassen. Also nicht die gesellschaftlichen, die könnten uns ja am Ende noch Jobs kosten. Sondern eine positive Sicht auf die Dinge entwickeln. Man kann doch dem eigenen Wählerpotenzial einfach mal so richtig auf die Zehen steigen? Die obere Mittelschicht mit Steuererhöhungen an sich, die untere damit, dass sie ein Rohrkrepierer sind?

Finanzkompetenz ist doch das Stichwort! Die Banken müssen endlich in die Pflicht genommen werden! Dieser Raubtierkapitalismus kann doch auf Dauer gar nicht gut gehen, da braucht es starke Symbole – Signale, wollte ich sagen, Signale! Wir brauchen eine Steuererhöhung im oberen Bereich, aber wir werden uns da nicht irgendwelchen Kräften beugen, die nur populistische Rezepte für den Wahlkampf aufkochen. Das wird es mit den Grünen nicht geben. Wer da populistisch wird? Diese ganzen Milliardäre, die angeblich höhere Steuern zahlen wollen, das nenne ich mal Populismus! Sie können doch einem Bürger aus der gehobenen Mittelschicht nicht einfach so zwanzig Euro im Monat aus der Tasche ziehen, das ist ja Raub – dreißig Euro für seine Krankenversicherung und noch mal zehn Euro für Pflege und fünfzig Euro für Sprint und knapp hundert wegen Inflation, das ist okay, das ist trifft nicht nur benachteilige Millionäre, daran beteiligen sich auch Arbeitslose für die nationale Sache. Das ist gut so. Über neue Energieabgaben müssten wir mal nachdenken. Die wären auch sozial unspezifisch umzusetzen. Und wir könnten uns eine Vermögensabgabe vorstellen. Natürlich befristet. Wie der Soli.

Drehen Sie uns bitte nicht das Wort im Mund um. Es geht hier um einen soliden Haushalt. Nicht um einen solidarischen. Wir sind doch nicht verrückt!

Mitregieren, sicher. Wir stellen uns den harten finanzpolitischen Realitäten. Beispielsweise werden wir einen ganz klaren Sparkurs einführen. Alles ganz unbequem und völlig illusionslos, nicht wahr, und damit werden wir und auch komplett von – mit Merkels CDU? Das kann ich Ihnen nicht sagen, das entscheiden wir erst nach der ersten Hochrechnung.

Als kleinere Partei sind wir wie geschaffen, um die Wirtschaftskompetenz in diesem unserem Lande zu repräsentieren. Das haben die Liberalen schon immer so gemacht, und wir Grüne machen da sicher keinen Unterschied. Das ist eine Generationenfrage, keine Frage des politischen Lagers. Und was verlangen Sie von der Generation Nix?

Betrachten Sie uns als eine Art Pinkeltaste. Die Grünen beruhigen Ihr Gewissen. Wenn Sie zu den Besserverdienenden gehören – natürlich zur den Besserverdienenden, wenn Sie immer noch FDP wählen, dann haben Sie einfach nichts Besseres verdient – dann können Sie sich ein gutes Gewissen einfach leisten. Moral ist teuer, deshalb verzichten so viele darauf. Um Bioobst zu kaufen, müssen Sie eben ein bisschen tiefer in die Tasche greifen. Deshalb greifen wir jetzt auch ein bisschen tiefer in Ihre Taschen, schließlich müssen wir als Grüne ja mit gutem Beispiel vorangehen. Porsche fahren reicht einfach nicht mehr als Beleg für Bürgernähe, da müssen schon andere Kaliber her. Sie wollen doch auch eher Bioobst kaufen, eine Solaranlage auf dem Dach und Ihre Kinder auf eine vernünftige Schule schicken? zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen? und überdurchschnittliche viel Geld in Schnickschnack aus bester asiatischer Kinderarbeit anlegen? Das können Sie nur mit tätiger Reue ausgleichen. Dazu brauchen Sie eine Pinkeltaste, die lokal Wasser spart und so global die Umwelt rettet. So viel Gutmenschentum kriegen Sie mit der SPD gar nicht hin. Dazu brauchen Sie die Grünen.

Weil Grün wirkt, das wissen Sie doch. Und wie das wirkt! Hat ja schon mal ganz ausgezeichnet gewirkt. Schauen Sie sich die heutigen Verhältnisse doch mal an. Ein völlig deregulierter Finanzsektor, der Arbeitsmarkt ist von Zeit- und Leiharbeit in ein Trümmer gelegt worden, im Niedriglohnsektor herrscht hemmungslose Ausbeutung, die Kernkraft hätte man längst abstellen müssen. Das haben die Regierungen der Vergangenheit total verschwitzt – Sie, der Schröder hat da mehr kaputt gemacht als alle anderen zusammen! Das kriegen Sie nur mit Grün wieder weg!

Wir sind eine Traditionspartei, das dürften Sie wissen. Doch, wir sind fest verankert in den politischen Traditionen der Bundesrepublik – schauen Sie sich mal die Freidemokraten an, die haben diesen Irrweg des watteliberalen Mehrheits- und Kanzlerkürvereins beschritten, der aus blinder Wirtschaftsgläubigkeit jedes Ideal über Bord schmeißt, sobald einer mit Parteispenden wedelt. Schrecklich, oder? Ja, schrecklich ist gar kein Ausdruck, da haben Sie Recht. Das ist wirklich zum Kotzen. In dieser Tradition befinden wir uns. Und so haben wir auch alle Zuversicht, in zwei Jahren wieder in die Regierungsverantwortung gewählt zu werden.

Das ist die Zukunft. Gewöhnen Sie sich daran, Liberalismus ist nicht mehr auf Lager, daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Sie können aber gerne eine Tür weiter bei den Piraten nachfragen. Die haben noch keine Angst vor der Zukunft. Aber das lernen die noch. Noch sind wir ja nicht weg vom Fenster.“





Das gute Leben

18 10 2011

„Vorsicht!“ Unter der Türklinke befand sich ein neongelbes Kreuz, ein Pfeil wies zu Boden, auf dem Boden las ich die Erklärung. „Wenn Sie jetzt die Wasserader überqueren, dann haben Sie sicher gesundheitliche Probleme zu befürchten. Ich wollte Sie nur lieber vorher darauf aufmerksam machen, dass wir nichts dafür können.“ „Sie können wirklich nichts dafür“, murmelte ich, erstaunt über diese Begrüßung im Landratsamt.

Umweltdezernent Kussmaul zog mich mit einem Ruck über die gestrichelte blaue Linie auf dem Linoleum. „Jetzt haben Sie eine dreiprozentige Chance, dass eins Ihrer Haushaltsmitglieder in den nächsten zwanzig Jahren eine fiebrige Erkältung bekommt.“ „Das ist gut“, antwortete ich. „Bei dem jetzigen Mistwetter hätte ich es sonst nämlich auf hundert Prozent eingeschätzt. Darf ich noch mal hin und zurück? oder wird das dann noch höher?“ Der Beamte runzelte die Stirn und biss sich auf die Zunge. „Und wo Sie gerade sagen, das gelte auch für alle anderen Mitbewohner, wie ist das bei einem Singlehaushalt? Ziehe ich das Risiko dann ganz auf mich? Und wenn ja, von welcher Haushaltsgröße gehen Sie normalerweise aus? Bei vier Personen wären es dann schon zwölf Prozent, und bei sechs Bewohnern…“ „Ziehen Sie es nur ins Lächerliche“, schimpfte er. Ich widersprach ihm nicht; mehr hatte ich ja gar nicht vor.

„In diesem Haus erforschen wir das Optimal-Life-Programm der Landesanstalt. Sie werden sehen, es sind erstaunliche Ansätze dabei, wie wir alle mit einem kleinen Beitrag unser Leben viel gesünder, sicherer und umweltneutraler gestalten können.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass so gut wie alle Mitarbeiter der Behörde mit Sturzhelmen durch die Korridore liefen. Was sich hinter der Landesanstalt verbarg, wurde hinreichend deutlich. „Rauchen Sie?“ Kussmaul sah mich lauernd an, aber ich konnte ihm den Gefallen nicht tun. „Danke, nein. Aber Sie dürfen selbstverständlich.“ „Das haben Sie wohl falsch verstanden – Nichtraucherschutz gehört zu unseren vornehmsten Aufgaben. Auch hier im Haus müssen Sie sich vor Rauchern in Acht nehmen.“ „Sie wenden Schutzmaßnahmen an, nur weil jemand außerhalb dieses Hauses raucht“, fragte ich. Kussmaul nickte. „Selbstverständlich. Nur die konsequente Bekämpfung der Rauchens gibt uns die Chance auf ein ökologisch sicheres Leben.“ „Und warum bitte herrscht dann hier im Landratsamt ohnehin Rauchverbot?“

Mit Schwung riss Kussmaul die Glastür auf. „Bevor Sie fragen: dies ist das Modellprojekt Mülltrennung. Wir setzen hier eine Richtlinie um, dass die Abfälle konsequent in ihre Bestandteile separiert werden. Die jährliche Auffrischung wird unsere Lernerfolge sicher verstetigen, und dann gibt es im ganzen Landkreis bald niemanden mehr, der seine Weißblechdosen in den Restmüll steckt.“ „Und wenn ich eventuell Wurst essen will?“ Empört stemmte er die Hände in die Hüften. „Auf dem Niveau diskutiere ich nicht mit Ihnen! Sie wissen genau, dass Tierzucht einen großen Beitrag zur Umweltverschmutzung leistet!“ „Und an die Arbeitsplätze in der Fleischproduktion denken Sie gar nicht? Wollen Sie denn nicht wiedergewählt werden?“ Mit Schwung schlug Kussmaul die Glastür wieder zu. „Überhaupt, wie laufen Sie eigentlich durch die Gegend – wo sind Ihre Sicherheitsschuhe?“ Ich blickte an mir herab und sah ohne Erstaunen, dass ich keine trug. Warum auch, ich befand mich im Landratsamt von Baumbröl-Oberschanzenhofen, einem schmucken Waschbetonbau aus dem Jahr 1957, zweimal restauriert, dann von Asbest befreit und zum architektonischen Wahrzeichen des Kreises Knaufbach an der Schnatze befördert. Das Gebäude bestand zu fünf Vierteln aus unverputztem Mauerwerk, keine Tanne hatte sich je ins Innere verirrt – verdorren kann man schließlich auch draußen. „Ach was, denken Sie doch mal an die Eichhörnchen!“ „Die Eichhörnchen?“ Ich rieb mir die Augen. „Ein Eichhorn“, dozierte Kussmaul, „vergräbt am Tag bis zu zwanzig Früchte – gehen wir einmal davon aus, dass das Tier es gar nicht schafft, weil es sich bei den vielen Nüssen und Eicheln gar nicht mehr erinnert, welche es schon vergraben hat. Das bedeutet, es bleiben davon mindestens dreißig, wenn nicht mehr übrig – bei einer Eichhörnchenpopulation von teilweise bis zu fünfzig Tieren pro Hektar macht das, berechnet an Gebäudeplan IIb/373, bis zu…“ „Schnickschnack“, fiel ich ihm ins Wort. „Zeigen Sie mir einen von Ihren beknackten Nagern, dann reden wir weiter.“ Er stieß gekränkt die Unterlippe hervor.

Kussmaul schloss die Tür hinter sich. „Keine Bewegung“, flüsterte er erregt, „uns darf niemand hier entdecken!“ Knirschend verschwand der Schlüssel im Türschloss, mit fahrigen Fingern griff er sich in die Jackentasche und zog zwei Schokoriegel hervor. „Plastikfolie“, stammelte er erregt, „echtes, gesundheitsschädliches Plastik! Wahrscheinlich mit Weichmachern, die Impotenz auslösen, und karzinogener Beschichtung!“ Zärtlich befühlte er die Knisterfolie, die aufreizend in seiner Hand raschelte. „Und dann der Inhalt – Zucker, Fett, künstliche Aromen, künstliche Farbstoffe! Ist das nicht herrlich? Kein bisschen biodynamisch!“ „Sie leiden offensichtlich unter schweren Entzugserscheinungen“, konstatierte ich. „Anders lässt sich das nicht erklären.“ Kussmaul nickte. „Und wenn Sie auch – ich meine, wenn Sie auch Schokolade nehmen?“ „Was bleibt einem als Individualist anderes übrig“, lächelte ich. „Wie soll man sich sonst gegen den gesellschaftlichen Fortschritt zur Wehr setzen. Und jetzt wäre ich Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie mich wieder rausließen. Ich muss wieder nach draußen. Damit ich keine Erkältung bekomme.“