Die Letzte macht das Licht aus

28 02 2011

„Wie meinen Sie das: tot?“ „Ja, wie meine ich das wohl? Hm? Woran denken Sie denn, wenn Sie das hören? Na?“ „Also ich denke daran, dass dann etwas – nein, das kann doch nicht sein! Das ist doch alles Blödsinn! Das nehme ich Ihnen nicht ab!“ „Und was verstehen Sie jetzt darunter?“ „Tot? Ja, dann ist etwas, wie soll ich sagen? tot? Richtig tot? So ganz richtig? So – tot? Im Sinne von: tot?“ „Lassen Sie es mich so sagen, mein Guter. Sie scheinen das langsam zu kapieren.“ „Aber ich weiß nicht, was das mit Angela Merkel zu tun haben soll. Oder mit der CDU. Oder mit beidem.“

„Sie hat die endgültige Zersetzung der Union zur Chefsache gemacht. Ich meine, mit Abwicklung kennt sie sich ja aus.“ „Sie können doch diese linke Hetzkampagne…“ „Nicht Sie auch noch! Bin ich denn hier von Idioten umgeben?“ „Jetzt ist aber mal langsam gut, Sie müssen nicht übertreiben. Der Herr von Freiherr und zu Minister hat seine Strafverfehlungstätigkeit doch längst zugegeben, dann kann man es doch auf sich beruhen lassen.“ „Das wird der Staatsanwalt ganz sicher ähnlich sehen. Der wird die Frau Bundeskanzlerin anrufen, vielmals um Verzeihung bitten und vorschlagen, dass man die ganze Opposition zu drei Tagen Karzer wegen Gotteslästerung verknackt.“ „Geht das denn überhaupt?“ „Meine Güte, Sie sind echt ein schwieriger Fall…“

„Das reicht doch nicht aus, wenn jetzt alle Doktoranden plötzlich SPD wählen. Außerdem sind die ja auch gar nicht wichtig.“ „Nein, sicher nicht. Die paar Leutchen.“ „Dann ist ja jetzt alles wieder in Ordnung.“ „Sobald die deutschen Universitäten wieder einigermaßen zufrieden sind, weil die Alte den Frisiercremelutscher rausgeschmissen hat. Dann wird hier wieder alles nett und freundlich.“ „Wegen der paar Doktoranden?“ „Wegen ein paar zehntausend Wissenschaftlern. Professoren, Dozenten, Assistenten, Bibliothekare. Studenten nicht zu vergessen. Lehrer, Schüler, Eltern, die haben ab und zu auch etwas mit Bildung zu tun.“ „Aber Deutschland besteht doch nicht nur aus Professoren!“ „Dann überlegen Sie sich mal, was passiert, wenn die Max-Planck- und die Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsam beschließen, auf die Regierung zu feuern.“ „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ „Und denken Sie mal nach, was die Pharma-Industrie sich ausdenken könnte, wenn sie begreifen, dass man die Wissenschaft hier nicht mehr ernst nimmt.“ „Oh!“

„Aber das ist ja lange noch nicht alles. Der wertkonservative Flügel, oder wie man zu sagen pflegt: die zehn Prozent, die im Kern der CDU sitzen und die Partei sowohl für christlich als auch für demokratisch halten, und zwar nicht aus Altersdemenz. Und vergessen Sie nicht den öffentlichen Dienst, Richter, Staatsanwälte, die im Gegensatz zur Law-and-Order-Fraktion wissen, wovon sie reden.“ „Das ist doch abstrus!“ „Sie haben keinen blassen Schimmer, was ein sadistisch veranlagter Landrichter mit diesem Kerl anfangen könnte.“ „Aber was kann die Merkel dafür?“ „Sie weiß nicht, was um sie herum passiert, also hält sie die Füße still. Mitgefangen, mitgehangen.“

„Aber jetzt werden Sie mal vernünftig, diese Doktorarbeit ist doch kein Weltuntergang.“ „Hatte ich gesagt, ich sei fertig mit diesem Schnösel? Dazu kämen dann noch die Offiziersdienstgrade der Bundeswehr. Je höher, desto vernichtender ihr Urteil. Und diverse Kollateralschäden bei der Abschaffung der Wehrpflicht, wenn plötzlich jede Menge Kasernen aufgelassen und das zivile Personal gefeuert wird, weil der Herr Baron auch mal eine Schnapsidee alleine durchziehen wollte. Macht sicher enorm populär.“ „Bitte, das hat die Kanzlerin nun wirklich nicht zu verantworten.“ „Sondern wer? Muttchen kommt eben langsam in das Alter, wo die Flinte beim Schuss langsam zittert. Immer vorausgesetzt, dass sie noch weiß, wie man die Knarre hält – kann ja auch ein Schuss ins eigene Knie gewesen sein, und dann war auf einmal ihr Kopf auf der Höhe, weil sie gerade ihrem Freiherrn in den Arsch gekrochen ist.“

„Es tut mir Leid, aber Ihr Urteil kann ich nicht nachvollziehen. Das ist doch der reine Neid auf einen Politiker, der endlich mal etwas verkörpert, was uns als Volk…“ „Tun Sie mir einen Gefallen, halten Sie einfach die Klappe. Der Markenkern hat sie schon kleingekriegt. Wie das wirkt, sehen Sie in Hamburg, wo eine Kaltblut-Version von Scharping auf den Bürgermeisterstuhl geschraubt wurde.“ „Das ist doch noch gar nicht raus, das war doch…“ „Und den Rest der Wähler verprellt sie, weil sie sich bis zum Ende des Wahljahres unter dem Tisch verkriecht. Wie einst im Mai.“

„Es mag ja sein, dass dieser Guttenberg ein paar Wähler verärgert, aber es sind doch nicht alle in Deutschland Professoren oder Richter.“ „Ach wo! das hat sie doch schon umfassend geregelt. Sie hat an alle gedacht. An die Wutbürger, die ihr nach dem Herbst der unsichtbaren Entscheidungen den Stuttgarter Wahnsinn um die Ohren hauen. An Leiharbeiter, die die Gier der Industrie durch ihre Dumpinglöhne füttern dürfen. An alleinerziehende Mütter sowieso. Und berufstätige Frauen werden durch die Quote degradiert – zumindest da, wo die Schröder mit ihrem Geseier noch nicht hinkommt. Ja, diese Regierungschefin denkt an alle. Sie will unbedingt die Letzte sein, die das Licht ausmacht.“ „Das ist doch alles nur eine Neiddebatte! Das sind doch alles Leistungsverweigerer, die…“ „Denken Sie an die Umweltbranche, die durch willkürliche Gesetzgebung auf der Hälfte ihrer Investitionen sitzen bleibt, weil die Klimakanzlöse der Atomschrott-Lobby Geschenke macht? Denken Sie auch an lokale Stromversorger, die Milliarden in den Sand gesetzt haben und den Vertrauensschutz verlieren, weil sie sich nicht mehr gegen die subventionierten Kernkraftbetreiber durchsetzen können? Das nennen Sie Leistungsverweigerung?“

„Aber man sieht es doch, wir werden uns auf eine deutlich stärker nationalkonservative Richtung innerhalb des bürgerlichen Lagers einstellen, und wenn der Herr Baron tatsächlich bliebe…“ „Die Nationalkonservativen? Gottchen, Sie sind mir ja vielleicht putzig! Das werden doch die ersten sein, die so einen Schaumschläger aus dem Weg räumen. Trottel gibt’s in dem Lager genug.“ „Und was wird dann aus der CDU?“ „Fragen Sie lieber, was aus Deutschland wird.“ „Dafür braucht es jedenfalls eine starke konservative Kraft!“ „Und? Merkel entleert die CDU wie ein Besoffener seine Blase an der Hauswand. Diese Partei ist tot. Und es war vorauszusehen. Wir gehen einer langen Phase der Agonie entgegen. Es sei denn…“ „Was?“ „Dieser Präsidentendarsteller schwatzt doch immer davon, der Islam gehöre inzwischen zum Land. Wenn man sich Tunesien und Ägypten ansieht und Libyen, dann denke ich: da muss doch was zu machen sein? In Deutschland?“





Bei Merkels unterm Sofa

21 02 2011

„Grau-en-haft! Sie machen sich keine Vorstellung, wie es da aussieht! Ich habe ja schon viel gesehen – eine Kellerwohnung mit tonnenweise Altpapier, eine Frau mit dreißig Hunden in der Bude, alles nur noch schrecklich – aber das war die Höhe. Das war nicht mehr mit anzusehen. Ich bin immer noch fix und fertig – ich sag’s Ihnen, ich setze keinen Schritt mehr in dieses Bundeskabinett!

Plunder, Müll und Abfall, kniehoch. Das war nicht mehr feierlich. Ein voll ausgeprägtes Messie-Syndrom, sämtliche psychiatrischen Anzeichen gut zu erkennen, oder um es kurz zu sagen: ein Dutzend Bekloppte sitzen bis zum Hals im Dreck. Wirklich, Sie würden das nicht glauben, wenn Sie es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten. Schauen Sie auf die Bilder: ein einziges Chaos. Stapelweise. Hier ragt der Atommüll raus, wenn Sie sich nicht vorsehen, treten Sie glatt rein. Da sind Löcher, versteckte Subventionen, hier ist ein Aktenkoffer, in dem man später 100.000 Mark in gebrauchten Scheinen fand, das Gesetz zur Sicherungsverwahrung und das Tagebuch von Roland Koch. Da treten Sie einfach so rein, und dann sind Sie eine Etage tiefer. Obwohl das vom Niveau her schon schwierig ist.

Zwanghaftes Sammeln, das ist der Punkt. Sehen Sie mal hier, Schäuble. Jeder vernünftige Mensch hätte den längst entsorgt, aber Merkel stapelt alle alten Reste auf, bis ihr der Krempel über den Kopf wächst. Oder hier, Westerwelle – wenn Sie einen Luftballon als Werbegeschenk bekommen, der ein bisschen Getröte von sich gibt und beim Aufblasen birst, was machen Sie? Richtig, wegschmeißen. Merkel schafft das einfach nicht. Hauptsache, der ganze Kehricht bleibt da liegen, wo er immer schon war. Das nennt man dann konservativ.

Sehen Sie die Trittspuren da am rechten Rand? Ja, genau da. Trampelpfade. Sie kommen gar nicht mehr heil durch den ganzen Ramsch durch, Sie müssen diesen vorgezeichneten Wegen folgen, weil woanders gar kein Platz mehr ist. Das nennt Merkel dann ihren Entscheidungsfreiraum, weil sie sich um sich selbst auf der Stelle drehen kann, wenn es ihr gerade Spaß macht. Richtig, sie geht eigentlich immer nur im Kreis zwischen den Bertelsmann-Müllsäcken und den INSM-Pappkartons. Immer in eine Richtung. Ich nenne das Kreislaufstörung. Sie nennt das alternativlosen Fortschritt.

Oder nehmen Sie die exekutiven Funktionen – Entscheidungsschwäche, Impulskontrolle, das ist doch eine Katastrophe! Pathologische Zustände! Die Bahn ächzt in allen Fugen, das Schienennetz verrottet, weil Geld für den Börsengang gebraucht wird für absurde Protzbauten, und was tut der Verkehrsminister? schwadroniert über Klapprechner und Streusalz! Oder diese Gedönsministerin, die Schröder. Statt mal für Bildungsangebote in Kitas zu sorgen, lamentiert dieses Magermilchmädchen, dass Deutsche in Berlin als Kartoffel beschimpft werden – und lässt sich auch noch dabei ertappen, dass sie sich den ganzen Zimt nur ausgedacht hat. Haben die denn alle nichts Besseres zu tun als Nägelkauen und Nasebohren? Gibt’s diese Nulpen vielleicht auch in erwachsen?

Oder, ganz schlimm: Zeitmanagement! Meine Güte, das ist doch nicht zu fassen! Unsereins hat einen Wecker, eine Armbanduhr, das muss doch reichen – aber die? Es muss eine Entscheidung her für die Euro-Rettung, was passiert? Nichts. Es muss die Berechnung der Hartz-IV-Sätze auf den Tisch, was geschieht? Nichts. Inzwischen stehen die Dumpinglöhne der Arbeitnehmerfreizügigkeit zur Debatte, die Luft brennt, was kommt? Nichts und wieder nichts! Es ist denen nicht klarzumachen, dass eine Rechnung vom Herumliegen nicht vom Erdboden verschwindet. Sie nehmen sich alles Mögliche vor, gackern laut über ihre ungelegten Eier, und wenn es keine Eier gibt, dann werden sie wirklich aktiv und finden einen Grund, warum sie es ja gleich gewusst haben wollen.

Sie, das stellen Sie sich das nicht lustig vor. Sie kommen in dies unbeschreibliche Gerümpel, es stinkt wie auf dem Fischdosenfriedhof, Ungeziefer, wohin das Auge blickt, und dann hocken diese Figuren da. Antriebslos, apathisch, abgestumpft, die sind nicht mehr in der Lage, die Realität um sie herum zu bemerken. Sie haben sich in eine völlig abgespaltene Traumwelt eingeschlossen und wollen auch nicht mehr heraus. Glauben Sie, dass die überhaupt noch in der Lage wären, Alltagsaufgaben zu meistern? Ein Päckchen Butter im Supermarkt kaufen oder eine Dissertation schreiben? Wenn Sie die fragen, was fünf Euro sind, werden sie Ihnen vermutlich erzählen, davon bekäme man drei Flaschen Champagner.

Merkel ist doch selbst schuld. Rösler sitzt in der Ecke und spielt mit Pillenschachteln – Mutti guckt zu. Aigner lässt verlautbaren, dass sie bald etwas ankündigt – Mutti guckt weg. Brüderle stolpert im Vollsuff über de Maizière, der nichts Besseres zu tun hat, als ausgekratzte Joghurtbecher und benutzte Papiertaschentücher maschinenlesbar zu beschriften – Hauptsache, Mutti kann auf ihrem Stühlchen sitzen, sonntags wippt sie sogar und alle halten das für den Gipfel ihrer Aktivität. Dann stürzt sie sich plötzlich mit großem Getöse in irgendwelche Aufgaben, Herbst der Entscheidungen und so, aber was bleibt? Sie setzt sich wieder hin, wartet ab, bis der Anfall vorbei ist, und gibt den anderen die Schuld, dass es wieder nicht geklappt hat.

Aber das Schlimmste – nein, ich gehe da nicht mehr rein! Keine zehn Pferde bringen mich da hin! Das Schlimmste, wissen Sie, in diesem Unrat, wenn Sie darin herumlaufen… wenn Sie nicht wissen, wo die Leichen liegen…“





Abklatsch

17 02 2011

„Sie sind wohl nicht ganz bei Trost? Offensive? Sie werden jetzt eine Offensive gegen Anfeindungen in der Öffentlichkeit starten? Sie werden auch in der Schweiz darstellen, dass Sie den nötigen Respekt vor Ihrem Amt – haben Sie noch alle Tassen im Schrank? Schnauze! Und reißen Sie gefälligst die Knochen zusammen! Ich will Ihr dämliches Gefasel nicht mehr hören, verstanden? Ob wir uns verstanden haben!?

Absatzweise! Wörtlich! Am Stück! Nicht einmal im Literaturverzeichnis wurden die Autoren genannt, teilweise haben Sie sich nicht entblödet, die Zeichensetzungsfehler aus dem Original zu übernehmen! Was ist das für eine Peinlichkeit, und das als Rechtswissenschaftler? Sie wagen es, von Leistungsgerechtigkeit zu schwafeln? Ausgerechnet Sie, der in seinem ganzen Leben noch nichts auf die Kette gekriegt hat und durch Unkenntnis brilliert, wo immer man Sie nicht rechtzeitig aus dem Weg räumt? Ein faltig gewordenes Pomadenjüngelchen, das sich bis in die höheren Riegen durchschleimt und plötzlich Gegenwind kriegt?

Ja, natürlich – der Minister fällt nicht einfach um, wenn mal der Wind von vorne bläst, was? Der Minister nimmt Bombenangriffe auf Tanklaster und ein Narrenschiff unter vollen Segeln zur Kenntnis und zupft dann im Unterstand die Krawatte zurecht, was? Der Minister geht in Deckung, wenn er versehentlich ertappt wird, wie eine Lüge mit einer anderen zu vertuschen versucht, was? Der Minister feuert aus allen Rohren, und am liebsten feuert er Untergebene, was? Haben Sie sich schon überlegt, wen Sie diesmal entlassen? War Ihnen wieder einer im Weg? Ruinieren Sie hier auch wieder einem Oberst die Laufbahn, weil er die Frechheit besessen hat, nicht von Ihnen informiert gewesen zu sein?

Ach, und jetzt geben wir uns lax, als sei eine kleine Nachlässigkeit passiert, Petitessen, nichts von Bedeutung, nicht der Rede – was? Dass Ihrer Rede nichts wert ist, brauchen Sie keinem zu sagen, das wusste man. Aber Verantwortung? Dass man zur Klärung den Kopf hinhält? Den eigenen auch? Sie markieren einen aufgesetzten Glamour, als sei die ganze Welt von Rechts wegen Schlachtfeld, Sündenpfuhl und Kothaufen, aus dem Sie sich mit Ihrer Beistellblondine zum Retter der Nation erheben können? Ihre Zackigkeit ist Fassade, hinter der sich gähnendes Nichts verkriecht.

Aha, Peanuts. Eine, vielleicht, vergessene Fußnote. Sie machen wieder einmal den Fehler, Ihr Publikum für minderbemittelt und chloroformiert zu halten, dass Ihre Laienrhetorik jeden Schnitzer rausreißt. Sie haben die Dissertation vor der Abgabe nicht gegengelesen? Sie haben die Zitate zwar streckenweise verändert, aber die sind alle so in den Text reingerutscht, dass man sie nicht mehr als Zitate erkennen konnte? Ein Dutzend verschlampter Fußnoten? Ein Dutzend Nachweise, dass Ihre geistige Befähigung für die Sekundärtugenden der Offizierslaufbahn nicht ausreicht. Genug, um Ihrem gottverdammten Bürgerlichkeitsgefasel den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Was kommt als Nächstes? Ihr Ghostwriter hat Sie hinters Licht geführt? Und Sie glauben, wenn Sie Ihre Schmonzette auf den Markt werfen wie Sarrazin, dann hat Sie wieder jeder lieb und Sie dürfen weiter mitspielen? Haben Sie sich da oben etwas wundgedacht?

Jetzt werden wir also dasselbe tun wie bei der Bundeswehr-Reform: erst lange nichts, dann ein paar Wortspenden in die Boulevard-Mikrofone, damit wenigstens das Volk merkt, dass Sie nicht mehr im Koma liegen – und dann ein hektischer Ausbruch an unsinnigem Gehampel? Reduzieren der Truppe für mehr Kampfflugzeuge? Eine Freiwilligenarmee für Unterqualifizierte und Ausländer? Hatten Sie nicht über irgendetwas Verfassungsrechtliches promoviert werden wollen? Und jetzt, jagen Sie jetzt Ihren Redenschreiber vor die Tür und hoffen, damit sei die Angelegenheit schon ausgestanden?

Wahrscheinlich werden Sie sich als Sparpaket-Minister aus dem Fenster hängen und Ihre nächste Dissertation zum Schnäppchenpreis als chinesische Raubkopie einkaufen, richtig? Was hätte man von Ihnen auch anderes erwarten können als einen Abklatsch. Kam von Ihnen schon mal irgendwas Originelles, abgesehen vom Lebenslauf? Wenn man den ersten Fettnapf mit dem Kopf erwischt, dann merkt man natürlich vom Rest nicht mehr viel.

Also alles absurde Vorwürfe, denen Sie gelassen entgegentreten – möchte mal wissen, warum Sie es dann gleichzeitig als kämpferische Gegenwehr bezeichnen? Haben Sie vielleicht dieselben PR-Heißdüsen wie Berlusconi auf Ihre Frisur losgelassen? Warum wirft Ihr politischer Laden der deutschen Justiz politisch motivierte Angriffe auf Ihre Person vor? Sollte das der nackte Neid auf die Kleinwüchsigen aus Frankreich und Italien sein, die es sich gerade mit den Richtern verderben? Kritik ab diesem Staat, der die offenbar links infiltrierten Juristen allesamt nicht mehr – hoppla, wer sitzt denn in der Regierung?

Es wäre sicherlich hübsch, wenn Sie jetzt den Presseoffizier bemühten, weil die Frankfurter Allgemeine Ihnen eine Abmahnung reindrückt. Sie als Spitzenjurist ohne Zweites Staatsexamen werden ganz bestimmt schneidig mit denen umspringen, schuldlos und unerschrocken – und spätestens in einer Woche kommen Sie bei BILD angekrochen und flennen, dass in einer Demokratie jeder tun darf, was das öffentliche Recht hergibt – sollten wir da geschwänzt haben?

Und was Ihr erfolgreiches kleines Familienunternehmen betrifft: ein deutscher Offizier weiß sich zu benehmen. Ein deutscher Offizier sollte auch ganz genau wissen, wann es schicklich ist, sich mit dieser Dreigroschenfresse Kerner im Fernsehen zu zeigen, und vor allem: wann nicht. Sie spielen Fotografierstunde für den Zaren, während die Truppe in Masar-i-Scharif den Arsch hinhält. Wollten Sie fürs Dschungelcamp üben? Sie werden genug Zeit dazu haben, schneller jedenfalls, als Ihnen lieb sein dürfte.

Sie hatten genug Gelegenheit zum Rückzug. Nichts war. Truppe schießt nicht auf Truppe. Jetzt kommen Sie gefälligst selbst damit zurecht, dass jeder weiß, wer Sie sind: ein erbärmlicher Feigling. Und ich will nichts mehr davon hören. Wegtreten!“





Generallala

27 01 2011

05:30 – Die Weckuhr piepst. Sekunden später klappt Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg senkrecht in seiner Bettstatt hoch und ist zu allem bereit.

05:31 – Der Bundesverteidigungsminister marschiert im Gleichschritt durch den Flur und spielt dabei zur Motivation den Fränkischen Füsiliermarsch auf einer Kindertröte (K-T72, taktisch, verlastbar). Auf halbem Weg stolpert er und tritt in Johannes B. Kerner. Der TV-Angestellte war beim Säubern des freiherrlichen Schuhwerks eingeschlafen.

05:44 – Von und zu beiden Seiten sieht es im Spiegel wie ein Pickel aus. Guttenberg erschrickt: hat Westerwelle ihn angesteckt? Er beschließt, die Stelle nicht zu untersuchen, da Ausschuss droht.

06:01 – Guttenbergs Adjutant ist nicht rechtzeitig mit dem Frühstück fertig. Der Minister ist sauer. Weicheier kann er jetzt gar nicht vertragen. Er erwägt, sein Personal auf mögliches Fehlverhalten untersuchen lassen.

06:12 – Der Adelsspross wird sich immer klarer darüber, dass er heute nicht zurücktreten wird, auch wenn ihm der Wind nicht ins Gesicht bläst. Er drückt rasch einem Mitarbeiter seine Papiere in die Hand und beschließt, auf eine objektive Klärung von Detailfragen zu verzichten.

06:34 – Während der Staatsminister schon zu seinem Dienstwagen eilt, ertönt hinter ihm lautes Poltern. Johannes B. Kerner ist mal wieder auf der Ölspur ausgerutscht. Guttenberg macht sich eine kurze Notiz: für den nächsten Pressekontakt wird er Springer-Stiefel einpacken.

07:03 – Der Hauptstadtverkehr ist wieder einmal besonders dicht. Während eines riskanten Überholmanövers streift Fahrer Hajo P. einen anderen Wagen. Guttenberg ist empört, dass ihm jemand am Lack kratzt.

07:13 – Stephanie ruft an. Der Stabsunteroffizier plaudert ein bisschen mit seiner Gattin, die ihm mitteilt, er habe sein Lieblings-AC/DC-T-Shirt zu Hause vergessen.

07:57 – Ankunft vor einem großen Haus mit ganz vielen Fenstern. Der Bundesbaron ist wie immer perfekt informiert. Er weiß ganz genau, dass dies das Verteidigungsministerium sein muss.

08:20 – Das Geschrei lässt nicht nach. Er lärmt herum, bis es den Sicherheitsleuten zu bunt wird: sie lassen Johannes B. Kerner aus dem Kofferraum.

08:32 – Beim flüchtigen Blick in eine Glastür entdeckt Guttenberg, dass möglicherweise seine Frisur verrutscht sein könnte. Unverzüglich diktiert er ein Memorandum und verlangt weitere 1,2 Milliarden Euro für seine Attraktivitätssteigerung.

08:44 – Stephanie ruft an. Die Beistellblondine hat eine supertolle Idee: sie hat ihren Karli zur Bayerischen Meisterschaft im Bierhumpenheben angemeldet und dabei festgestellt, dass der Termin mit den Sicherheitsgesprächen in der iranischen Botschaft kollidiert. Jetzt will sie die Bierfässer mit zu den Iranern nehmen.

09:02 – Es hält sich hartnäckig das Gerücht, vom Schreibtisch des Bundesverteidigungsministers sei eine Büroklammer gefallen. Der Pomadenbaron handelt entschlossen. Mit einem Abzählreim stellt er fest, wer schuld ist, und entlässt Ressortleiter Tilo W.

09:15 – Der Pressereferent reicht eine Anfrage rein, ob das Ministerium den Bundestag über die näheren Todesumstände eines Soldaten am 17. Dezember bewusst unzureichend oder gar falsch informiert habe. Guttenberg widerspricht energisch; eine bessere Live-Berichterstattung sei seinerzeit nicht möglich gewesen, da Johannes B. Kerner an diesem Tag nicht greifbar war.

09:28 – Die Hauspost kommt. Gutti ist höchst erfreut über die Rechnung, die ihm Johannes B. Kerners Sender stellt. Die zu Weihnachten in Afghanistan aufgezeichnete Talkshow kostet den Steuerzahler nur 17.000 Euro. Er beschließt, die Summe aus dem Reptilienfonds zu begleichen und gibt telefonische Anweisung, den Posten Masar-i-Scharif umgehend zu liquidieren, da ihn dies preiswerter komme als eine genaue Untersuchung.

09:50 – Meuterei! Es ist im ganzen Haus kein Würfelzucker aufzutreiben. Der Generalissimus denkt nach, wie die Lage taktisch einzuschätzen ist, erinnert sich blitzschnell, dass er selbst vor einer Woche die Verpflegung zur Chefsache erklärt hatte, und schmeißt Fuhrparkleiter Jens T. raus.

10:07 – Das Telefon klingelt. Diese Zivilistin mit dem Doppelkinn ist dran. Der fränkische Freiherr kommt nicht auf ihren Namen. Macht aber nichts, er hört ihr ja auch nicht zu.

10:32 – Neuerliche Kritik veranlasst den obersten Landser, die Finanzierungspläne der Bundeswehr zu durchleuchten und nachzurechnen, wo sich Einsparpotenziale ausmachen ließen. Ihm fällt auf, dass Bundeswehrangehörige sich des öfteren mit versehentlich abgefeuerten Projektilen töten, und beschließt, den Angehörigen die Kosten für den unsachgemäßen Munitionsverbrauch in Rechnung zu stellen.

10:43 – Die Aufstellung zu den Treibstoffkosten des Afghanistan-Einsatzes ist nicht verfügbar, da ein Fotokopierer defekt ist. Guttenberg warnt vor einer Vorverurteilung.

10:44 – Nach reiflicher Überlegung setzt er den Südamerika-Experten Sandro I. an die frische Luft.

10:59 – Stephanie ruft an. Sie berichtet, dass eine der beiden Töchter eine Zwei in der Mathearbeit geschrieben hat. Karlchen nimmt es zur Kenntnis und beschließt, den Lehrer rauszuwerfen.

11:22 – Der Schneidigkeitsminister studiert die aktuellen Werte des Politiker-Rankings. Nach wie vor ist er das am wenigsten unbeliebte Kabinettsmitglied. Er knöpft die Hose wieder zu.

11:32 – Der Mann mit den zehn Vornamen wird von der Vergangenheit eingeholt. Tatsächlich wird seine aktuelle Inszenierung als Verteidigungsminister von den überaus schlechten Kritiken seines Gastspiels im Wirtschaftsressort verdunkelt. Er beschließt, alle zu feuern, die ihm schaden könnten; sein persönlicher Referent weist ihn darauf hin, dass er dies bei Opel schon umfassend erledigt hat.

11:47 – Immer dieser Ärger mit der Journaille! Der Redakteur eines nicht bei Springer verlegten kommunistischen Hetzblattes weigert sich, Karl-von-und-Theodor-zu als „Deutschlands Heiland, den uns die göttliche Vorsehung geschickt hat“ zu bezeichnen. Der Reserveoffizier denkt angestrengt nach: kann man diesen Schmierfinken zum Teufel jagen? Und würde BILD diese prima Idee von Johannes B. Kerner aufgreifen, der Kalles Monsterpickel für ein Einhorn hielt?

11:57 – Krisentelefonat mit Kai Diekmann. Wie soll man eine politische Qualitätszeitung leiten, wenn nicht ständiger Nachschub an weltbewegenden Fakten herrscht. Guttenberg besinnt sich auf seine unternehmerischen Qualitäten und schafft welche, indem er zwei wissenschaftliche Mitarbeiter aus dem Amt entfernen lässt. Diekmann verspricht, die Nachricht sofort zu veröffentlichen.

12:16 – Diese komische Zivilistin nervt schon wieder am Telefon. Dafür ist sie jetzt aber mal so richtig freundlich, wie es der Guttenberg gerne hat. Sie ist froh, dass ihre Verteidigungsmarionette im Amt bleibt und sich inzwischen ein gutes Dutzend Rücktritte erspart hat – eine tolle Bilanz für das Sparpaket und ein Grund mehr, den Arbeitslosen die Regelsätze zu kürzen.

12:23 – Stephanie ruft an. Sie teilt ihrem Guttilein ganz aufgeregt mit, dass sie sich gerade eben selbst im Fernsehen gesehen hat. Er beruhigt sie. Es war wieder nur eine Barbie-Reklame.

12:48 – Der Aktenkurier hat versehentlich einen Stapel Dioxinuntersuchungen ins falsche Amt gebracht. Um heute auch einmal etwas richtig Produktives zu tun, beschließt der Superminister, auf der Gorch Fock alle Mast-Schweine zu untersagen.

13:02 – Das neue Sturmgewehr für die Infanterie ist da. Die Gesandtschaft des Waffenherstellers ist außerordentlich zufrieden, dass der Minister außerordentlich zufrieden ist. Er weiß, dass nach der Aussetzung der Wehrpflicht keine neuen Waffen mehr nötig sind, und ordert daher nur 125.000 Einheiten. Es wird vereinbart, dass der Stückpreis bis zur endgültigen Auslieferung höchstens dreimal höher sein wird als bei der Vertragsunterzeichnung. Guttenberg macht sich schnell mit der Feuerwaffe vertraut. Er warnt vor einem leichtfertigen Abzug.

13:13 – Der Minister empfängt Angehörige der Truppe. Er hat sich dazu rasch die Uniform des Oberbefehlshabers angezogen: sandfarbene Cordhose, melierter Kaschmir-Rollkragenpullover, Fullbrogues aus ungarischem Pferdeleder. Auf dem rechten Schuh entdeckt er Unregelmäßigkeiten. Er beschließt, Johannes B. Kerner vom Dienst zu suspendieren.

13:20 – Eine kleine Gruppe höherer Offiziere begleitet den Minister in die Kantine, wo sie gemeinsam aus der Feldküche getrüffelte Fasanenbrust an Safran-Risotto und Wolfsbarsch mit Pommes duchesse speisen. Die Frontkämpfer sind geblendet, welchen Eindruck Guttenberg aus seiner offensichtlichen Schlichtheit doch zu machen weiß.

13:45 – Versehentlich bestellt sich Major Ingolf von Sch. und G. eine Portion Karamellpudding. Als Bildungsbürger weiß Guttenberg sofort, dass es sich bei ihm um einen Deserteur handeln muss. Ob es sich hier um geheime Rituale handelt? Er greift entschieden durch und verabschiedet den Major.

14:15 – Stephanie ruft an. Sie hat gerade eine dufte Idee gehabt: für die neue Missbrauchs-Show auf RTL 2, dem intellektuellen Spartensender für spitze Zielgruppen, will sie die Gorch Fock mieten. Diesmal mache Ronald Schill mit. Geplant seien Propaganda für anlasslose Vorratsdatenspeicherung, Sicherungsverwahrung und die Abschaffung der Strafprozessordnung.

14:24 – Guttenberg liest in einem Handschreiben, der Feldwebel Moritz L. sei unehrenhaft entlassen worden. Der Militär hatte das Kabinettsmitglied im Zorn als korrupten Schlappschwanz bezeichnet und war wegen Geheimnisverrats angeklagt worden.

14:26 – Karl-Theodor schließt die Tür ab. Er will jetzt ungestört lesen. Die Feldpost ist da.

16:05 – Der Medienliebling beschließt, vor die Tür zu gehen und sich der aufdringlichen Zuneigung seiner zahllosen Bewunderer zu stellen. Die ekstatische Verehrung seitens der Menschen scheitert daran, dass sie nicht existiert. Der etwas zackig auf dem Gehsteig herumposierende Politiker erscheint als Hindernis im bodennahen Luftraum, etliche Passanten wechseln die Straßenseite. Zwei Touristinnen aus dem Hunsrück sind die einzigen, denen er Autogrammkarten aufdrängen kann. Sie sind bitter enttäuscht; eine von ihnen sagt, Lothar Matthäus sei alt geworden.

16:14 – Stephanie ruft an. Sie probiert gerade ein Shampoo gegen Haarbruch und ängstigt sich bei der Vorstellung, dass ihr Gatte sich die ganze Frisur auf einmal brechen könnte.

16:33 – Der Wehrdienstkiller knipst tief befriedigt seinen Taschenrechner aus: die Einsparungen der Bundeswehrreform werden derart kostspielig, dass der ganze Sozialstaat abgeschafft werden muss. Damit werden die Streitereien mit Westerwelle endgültig begraben sein. Als Zeichen seines guten Willens macht er einen weiteren Abteilungsleiter verantwortlich und zeigt ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat.

16:46 – Schlagartig fällt dem Jungpolitiker wieder ein, dass er heute noch kein richtiges Interview gegeben hat. Er sägt nur eben einen Leutnant ab, dann lässt er nach Johannes B. Kerner schicken.

17:00 – Dem Shooting-Star der Politszene entgleitet unvorhergesehen die Motivation. Das war so nicht geplant. Er entbindet rasch das Reinigungspersonal von seinen Aufgaben, dann geht’s gleich wieder.

17:10 – Der V-Minister wirft einen erschütterten Blick auf die Einladung der Alfred-von-Schlieffen-Kaserne zum Jahrestreffen der Heeresamtsabteilung Rückbildung. Brigadegeneral Ottokar G. lädt ein zu Würstchen mit Kartoffelsalat. Angewidert legt er das Schreiben beiseite; er mutmaßt, dass dies jene Ekelrituale in deutschen Kasernen sind, von denen die Opposition, der Generalinspekteur und andere Defätisten immer reden.

17:29 – Zur Stärkung gibt Guttenberg seinen parlamentarischen Staatssekretären eine Tasse Kaffee aus. Er zahlt seinen Kaffee selbst. Schließlich hat er sich fest vorgenommen, einmal im Quartal nicht auf Kosten seiner Untergebenen zu handeln

17:49 – Nachfrage aus Belgien: die Wutbürger der Frittenfressernation demonstrieren für mehr Regierung. Guttenberg sichert dem EU-Mitarbeiter zu, den Einsatz der Bundeswehr im Innern erst an den Belgiern zu erproben, bevor er Innenminister de Maizière mit theoretischen Einzelfragen nervt.

18:25 – Stephanie ruft an. Sie hat sich den Finger im Internet geklemmt.

18:55 – Zeit für ein kleines Abendessen. Karl-Theodor lässt sich einige Kleinigkeiten aus der Kantine bringen. Er wünscht dem Kellner für den weiteren Lebensweg alles Gute.

19:03 – Versonnen blickt der Hoffnungsträger der bundesdeutschen Haarlackindustrie in den Abendhimmel der Hauptstadt. Er denkt an den letzten Abend mit zwei Truppenkommandanten bei Panzerkeksen und Rotwein. Der Baron hat immer noch einen Schädel – Souvenir aus Kundus.

19:06 – Airbus lässt dem Verteidigungsminister als Dank für die Bestellung von 40 statt 53 Maschinen ein kleines Präsent überreichen: eine mit Blattgold belegte .44 Magnum mit seinem Namenszug in Schönschrift. Da freut sich aber einer!

19:32 – Kurzer telefonischer Bildungsgipfel mit Ursula von der Leyen. Der derzeit beliebteste deutsche Bundesminister für Verteidigung erörtert mit dem Sozialfall des Kabinetts Integrations- und Schulungsmaßnahmen auf frühkindlicher Ebene, um durch einen möglichst kindgerechten Kontakt von sozial unerwünschtem Unterschichtspack und scharfem Gerät Synergieeffekte zu erzielen. Bereits jetzt, so Guttenberg, gehen die Kameraden in spielerischer Weise mit ihrem G36 um, so dass einer Kostensenkung bei den Transferleistungen nichts mehr im Wege stünde. Von der Leyen ist nachhaltig beeindruckt, und diesmal liegt es nicht am Adelstitel des Kabinettskollegen.

20:03 – Während einer internen Ausschusssitzung moniert der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, dass Dienstvorgesetzte innerhalb der Bundeswehr in vielen Fällen den Übergang vom sinnvollen Befehl zur entwürdigenden Schikane nicht kennten. Schläfrig nickt unser Karlchen, er fühlt sich dabei so angenehm an seine ersten Jahre in der CSU erinnert.

21:23 – In der Sitzungspause wird Guttenberg von zwei CDU-Abgeordneten angesprochen, die zur Kostendämpfung der Kreishaushalte wie auch zur Refinanzierung der Sparmaßnahmen nicht mehr benötigte Bestände der Bundeswehr aufkaufen wollen. Man wird sich schnell handelseinig. Um das Geschäft mit guter Provision abzuwickeln, will der Bundesminister zuvor auf einem Ortstermin die Wehrsportgruppe Emsdetten besuchen.

22:07 – Deutschlands bestangezogener Schmalzklumpen verlässt die Sitzung mit einer herben Niederlage: die Opposition wirft ihm vor, den Ausschuss nicht rechtzeitig über einen Todesfall in Afghanistan informiert zu haben. Er beteuert, schon wenige Minuten nach dem Telefonat mit Kundus die BILD-Redaktion in Kenntnis gesetzt zu haben.

22:55 – Müde kehrt der Selbstverteidigungsminister in seine kleine Abgeordnetenwohnung zurück. Im schummerig beleuchteten Flur stolpert er fast über Johannes B. Kerner, der sich beim Säubern des freiherrlichen Schuhwerks mit der Zunge in den Schnürsenkeln verfangen hat. Es besteht kein Anlass zu einer weiteren kritischen Durchleuchtung der Situation. Das letzte Einhorn geht ins Schlafzimmer und sinkt militärisch angemessen auf die Bettstatt. Er schläft alsbald ein – denn die Show muss weitergehen.





Kreuzzug

15 11 2010

„Dreck? Ich muss doch sehr bitten, Herr Kollege! Sie versündigen sich am Grundgesetz. Sie können doch nicht einfach die Sicherheitsbestrebungen der Bundesregierung als Dreck bezeichnen!“ „Kann ich nicht? Weil die Hemmschwelle der Regierung, ein Kolonialdenken nachgerade wilhelminischer Art zu etablieren, rapide sinkt?“ „Das mag in einigen Fällen zu Konflikten führen, aber Sie sollten es nicht überbewerten.“ „Weil die kriegerischen Aktivitäten, wie ich sie umgangssprachlich nennen möchte, längst eine Doktrin zur ökonomischen Interessensicherung der Westalliierten stützt?“ „Es geht doch nicht um Interessensicherung. Nur um Sicherheitsinteressen.“

„Der Bedarf an Rohstoffen steigt eben.“ „Vor allem hat unser Verteidigungsminister betont, dass der Rohstoffbedarf der aufstrebenden Mächte in Zukunft ansteigen wird. Der Mann ist lebensmüde.“ „Weil die Bundeswehr jetzt schon Probleme mit der Truppenstärke hat?“ „Weil er Indien und China den Krieg erklärt. Wer so etwas von sich gibt, sollte in der geschlossenen Abteilung hocken, aber nicht im Kabinett.“ „Aber er greift doch China gar nicht an.“ „Sie haben den Streit um die Seltenen Erden schon gut verdrängt?“ „China hat die Ausfuhr von Erzen blockiert.“ „Zwanzig Prozent der relevanten Erze, die richtige Versorgungslücke entstand durch die amerikanischen Konzerne, die die Lager im eigenen Land lieber nicht abbauen, weil das zu wenig Profil bedeuten würde.“ „Das würde doch heißen, dass er ohne Wehrpflichtige in den Wirtschaftskrieg zieht? Sind Sie so naiv?“ „Sind Sie so naiv? Haben Sie nie an eine Berufsarmee gedacht? Ein Söldnerheer haben Sie auch nie in Erwägung gezogen?“ „Das kann man in einer Demokratie nicht machen!“ „Es wird unsere Freunde in den USA freuen, wie Sie über staatsrechtliche Fragen denken.“

„Drehen wir das doch mal um. Wir können nicht eine Auseinandersetzung, die wir als notwendig ansehen…“ „Notwendiger Krieg – das scheint das neue bellum iustum zu sein, wenn ich mich nicht täusche?“ „Es ist doch aber nur eine Maßnahme, die den Weltfrieden…“ „Und das dürfen wir umgangssprachlich mit ministerieller Billigung als Krieg bezeichnen, was? Entweder lügt der Mann, oder er ist ein Feigling.“ „Sollten das die strategischen Interessen sein, die er angesprochen hat?“ „Jedenfalls haben sie keinen Angriffskrieg vorbereitet, sie sind ins Kanonenboot gehüpft, als es schon auf See war. Die Verfassung macht sich daran, Interventionsarmee für den Kolonialclub zu werden. Die reichen, christlichen Länder zeigen es den Rohstoffproduzenten.“ „Das klingt ja wie ein Kreuzzug.“ „Und so ist es gemeint: Deus lo vult.“ „Da es sich hier um die Stellvertreter der christlichen Idee handelt…“ „… kann man von einem Stellvertreterkrieg reden. Ganz richtig.“

„Diese Kreuzzugs-Metaphorik in allen Ehren, es mag da etwas dran sein, aber ich finde es etwas übertrieben.“ „Durchaus nicht. Die historischen Parallelen sind frappierend. Ein von langer Hand geplanter machtpolitischer Coup, um vom Versagen der bisherigen Regierungsarbeit abzulenken, alle westlichen Kräfte militärisch unter einer Ordre zu sammeln und sie zur Stabilisierung in einen Krieg zu schicken, gegen den Feind, den man methodisch zu einem Popanz aufgebaut hat, den man auf der einen Seite als ultrabrutalen, bis an die Zähne bewaffneten Gegner darstellt, jederzeit bereit und in der Lage, das christliche Abendland auszuradieren, und auf der anderen Seite als leicht zu besiegendes Häufchen, das man mit ein paar mies ausgerüsteten Landsern in die Knie zwingt. Mit singendem, klingendem Spiel, für Volk, Vaterland und DAX. Sie dürfen sich aussuchen, ob Sie Guttenberg für größenwahnsinnig halten oder für einen Deppen.“

„Natürlich ist die Lage nicht einfach. Sie wissen doch auch, dass der internationale Terrorismus die finanziellen Mittel aus solchen Operationen holt.“ „Sie meinen also, die islamistischen Organisationen bekämen Prozente, wenn Brasilien die Ausfuhr von Neodym stoppt?“ „Nein, aber…“ „Oder wollen Sie mir damit erklären, China gehöre neuerdings zum islamischen Kulturkreis?“ „Man muss sich doch zur Wehr setzen, es sind doch regelrecht faschistische Zustände dort!“ „Meinten Sie Dubai oder Saudi-Arabien?“ „Man kann doch ein System, das seine Politik mit religiösen Vorstellungen begründet, nur vollkommen ablehnen! Und diese religiösen Vorstellungen am besten gleich mit!“ „Sie meinten sicher den Ablass und den nie welkenden Ruhm im Himmelreich, ja? Oder verwechsle ich es mit dem Papst, dem Oberhaupt des Bundespräsidenten, der zur Vereinfachung der Hausordnung die Vorhölle abgeschafft hat? Übrigens an Führers Geburtstag.“ „Das ist pure Polemik! Sie werden nicht erwarten, dass wir uns an religiösen Vorstellungen abarbeiten wie der Islam!“ „Sicher nicht. Mit Feindesliebe kommen Sie nun mal nicht an Rohöl.“ „Sie vergessen, dass das christliche Abendland mit der Demokratie über die Errungenschaft verfügt, die…“ „…der christlichen Obrigkeit in jahrhundertelanger Mühe abgetrotzt wurde. Das nennen Sie christliche Leitkultur? Die Schnapsbrenner haben die uns die Abstinenz gebracht – unfassbar!“ „Wollen Sie etwa behaupten, es gäbe einen Zusammenhang zwischen der Bezugnahme auf christliche Werte und den Abbau der Demokratie in Deutschland?“ „Sicher nicht. Aber Guttenberg löst das Problem mit Fachkräftemangel und Migranten sicher auch militärisch. Wo doch Bildung ja inzwischen als Rohstoff verteidigt werden muss.“

„Wenn dem Bundesverteidigungsminister die Soldaten so wenig bedeuten, warum führt er dann eine Sonderstufe der Verdienstmedaille ein? Doch sicher nicht, um der Truppe seine Geringschätzung zu demonstrieren, wie Sie das andeuten.“ „Das Stückchen Blech stiftet der Ölprinz, um seine Rolle als künftiger König und Kriegsherr schon mal in der Öffentlichkeit auszuprobieren. In Kriegszeiten pappt Ihnen die Kanzlerin das Bonbon an – er macht es im umgangssprachlichen Frieden eben in Vertretung seiner selbst als kommender Kanzler. Der fürstliche Heerführer, der Herr in Krieg und Frieden, bereitet Deutschland auf eine neue Zeit jenseits der Demokratie vor.“ „Dann hat Köhler die Wahrheit gesagt.“ „Er wird einen Orden dafür bekommen. Den Pour le Profit am Bande.“ „Alles nur taktische Vorarbeit für eine bundespolitische Karriere…“ „… als Karl-Theodor der Große.“ „Dann stimmt es. Deutsche Soldaten fallen für einen Scheißdreck.“





Keinhirnhasen

19 10 2010

Er war in Ungnade gefallen. Sie hatten ihm bis zuletzt zu helfen versucht, selbstverständlich nach ihren eigenen Spielregeln, aber ihm war nicht mehr zu helfen. Sie mussten Til Schweiger fallen lassen. Er war im falschen Augenblick ausgestiegen.

Noch tags zuvor hatte die Boulevardpresse das Propagandaspektakel rund um das Kinderschänder-Alibi bejubelt; vertragsgemäß war Schweiger erschienen, hatte sich für BILD ablichten und zitieren lassen. „Wo ist der empörte Aufschrei über diese widerlichen, armseligen Schweine“, fragte es betroffen aus dem Schauspielerdarsteller, „warum macht man sich mehr Gedanken um die Privatsphäre von einem Mann, der Kindern pornografische Fotos von sich schickt und sich dann mit ihnen verabredet?“ Verlag und Redaktion rieben sich die Hände, die Auflage sank nur unwesentlich mehr als prognostiziert. Der Unterschichtensender sah einer weiteren Folge mit Stephanie zu Guttenbergs Schrillshow entgegen. Medienrechtler hatten die Risiken abgeschätzt, ausgewogen und für tragbar erklärt, es würde sich um ein paar Hunderttausend Euro handeln, um ein bis höchstens zwei Menschenleben, kalkulierbare Kosten, wie sie dem Alltagsgeschäft entsprächen. Kein Grund zur Sorge. Niemand ließ sich aus der Routine bringen. Alles ganz geschmeidig.

Schweigers Anwälte ließen in der Presseinfo verlauten, jede weitere Zusammenarbeit mit Verlag und Redaktion von BILD sei vorerst nicht mehr denkbar. Ihr Mandant müsse sich vor allem jetzt davor schützen, die zahlreichen in zu Guttenbergs Missbrauchsmissbrauch verwirklichten Straftatbestände billigend zu erscheinen; dies sei nicht der Fall. Er distanziere sich ausdrücklich von stern und BILD sowie von RTL II. Für Interviews stehe der Leinwandler nicht mehr zur Verfügung. Das Bundesverteidigungsministerium war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Kai Diekmann tobte.

Der Leitkulturbeauftragte des bundesdeutschen Präpotenzjournalismus, Franz Josef Wagner, gab den ersten Schuss ab. „Es macht mich schon sehr betroffen“, schrieb er, „wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die massenmediale Aufarbeitung von kinderpornografischen Inhalten zur besten Sendezeit mit den einträglichsten Werbeplätzen sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.“ Schweiger, so der Doyen der Gestrigen, sei ein besonders schwerer Fall; zwar habe er nie auf der Seite der Bösen gestanden, er habe allerdings – und das sei weitaus schlimmer – mit Springer gebrochen. Was nun folge, sei schrecklich, aber unvermeidbar.

Gleich folgenden Tages mokierte sich die Titelseite über Til Schweigers Vorliebe für jüngere Nachwuchsschauspielerinnen. „Sie könnte seine Tochter sein“, höhnte das Blatt süffisant und legte im Leitartikel nach: „Schweigers Neigung zu Keinhirnhasen ist ja nicht nur BILD aufgefallen. Morgen mehr!“

Im Anschluss blickte die Angetraute des Manta-Mimen von Seite 1, freilich ausgeschnitten aus einem Familienporträt, auf dem sie als 13-Jährige zu sehen war. „Das Sex-Monster hatte sie im Bett!“ Das war unter Abzug der Raum-Zeit-Krümmung nicht gänzlich verkehrt, führte jedoch zu einem einstweiligen Rechtsschutz, der BILD jede weitere Äußerung in dieser Sache untersagte. Schweiger hatte nicht mit der Fünften Kolonne gerechnet. „Seine Villa am Julius-Brölheim-Ring, das einzige Haus mit einer fliederfarbenen Fassade und Geranien auf dem Vordach, ist nicht zu verfehlen. Das Auto, ein silberner Kombi mit dem amtlichen Kennzeichen B-TS 1912, parkt meist auf dem Kiesweg, der zum Grundstück gehört.“ Die Leserreporter taten Ihres.

Als besonderes Schmankerl grub die Redaktion ein Leserfoto aus, das den Gesichtsgelähmten vor Jahren in einem Edelrestaurant beim Verzehr von Carpaccio zeigte. Ganz kurzfristig erst hatte sich BILD gegen eine Veröffentlichung im Rahmen der Kampagne für Fleisch ohne BSE-Gefahr entschieden, da der Rinderzüchter nicht genug zahlten wollte. „So lecker kann sicher sein“, hatte seinerzeit die Praktikantin gefabelt, „unser Lieblingsschauspieler schlemmt hauchzartes Kobe-Rind in Balsamvinaigrette – wenn Sie sich das leisten können, sind auch Sie in!“ In der Feder der Hauptstadtredaktion wurde daraus: „Hier frisst die Ekel-Bestie rohes Fleisch!“ Dem Bundesverteidigungsministerium war keine Stellungnahme zu entlocken.

Natürlich schloss sich im Verlauf der BILD-Aufgabe ein erläuternder Beitrag an, in dem der aus Sicherheitsgründen anonym zitierte Psychiater Chlodwig D. ausführte, dass der Verzehr von rohem Rindfleisch wie die Benutzung von Killerspielen oder etwa die Lektüre des SPD-Programms zu Hirnerweichung und seelischer Verrohung führen müsse. „Quasi alle Sittenstrolche haben irgendwann einmal rohes Fleisch verzehrt“, betonte D., es sei demnach nicht ausgeschlossen, dass es einer der Auslöser für Pädophilie sei.

Obwohl das Gesicht des Mannes unkenntlich gemacht wurde, konnte der 46 Jahre alte Akteur eindeutig identifiziert werden. Die gepixelten Bilder spärlich bekleideter Schulkinder, die man (wie eine spätere Recherche seitens des Deutschen Presserats ergab) nicht etwa von Guttenbergs Nagel, sondern gleich von der von der Leyen bekommen hatte, waren nach Aussage des Verlags selbstredend nur als Beispielillustrationen gedacht. Man denke nicht, dass sie am Zeitungskiosk als Aufreißer für potenzielle Kinderschänder dienen könne, die regierungsseitig verbreitete Anfixthese sei laut Koalitionsvertrag nicht mehr Teil der offiziellen Lesart. Man bedaure, dass bei der Bildbearbeitung versehentlich ein Bolzenschneider auf dem Tisch drapiert wurde, das sei Best Practice.

Ein älteres Foto, das das Ehepaar Schweiger samt Anhang zeigte – die Gattin bis auf einen halben linken Arm und etwas Haaransatz aus der Ebene geschnitten – brachte den Wendepunkt. Die Schlagzeilendrescher hatten ganze Arbeit geleistet, die Ausgabe erschien mit „Das Pädo-Monster macht mit den eigenen Kindern rum!“.Der Chef selbst erklärte den Komödiantiker zu seinem Thema und schloss seine Ausführungen, dass der Zweck in einer Leitkultur des christlichen Menschenbildes noch immer die Mittel zu heiligen habe, mit dem Bekenntnis zur geistig-politischen Wende: „Knallt ihn doch endlich nieder!“

Der Tathergang ließ sich aus den Spuren recht schlüssig rekonstruieren; Til Schweiger hatte sich eines Tricks bedient und einen ganz neuen, bei ihm noch nie gesehenen Gesichtsausdruck aufgelegt (die vernehmende Staatsanwältin sollte hernach zugeben, ihn fast nicht wiedererkannt zu haben) und damit das BILD-Gebäude betreten zu haben. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Das mediale Berlin war schockiert, schließlich habe doch Schweiger in den vergangenen Tagen nicht über mangelnde Medienpräsenz klagen können. Man konnte es sich nicht erklären, hoffte aber, dem Schauspieler werde dank seiner Bekanntschaft mit hochgestellten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft nicht viel geschehen. Man erfuhr nichts. Das Bundesverteidigungsministerium nahm nicht Stellung.





Schnupperkrieger

1 09 2010

Als der Posten mich anschrie, zuckte ich heftig zusammen. „Das ist nicht böse gemeint“, beruhigte mich von Schlattwitz. „Der Tonfall in der Armee mag auf den ersten Blick etwas rau klingen, doch ist er auch sehr herzlich und direkt.“ Unvermittelt riss er die Knochen hoch und brüllte dem Wachmann ins Ohr: „Wegtreten, Sie Zivilversager! Wenn ich Sie hier noch einmal sehe, dann spielen Sie eine Runde Notaus, haben wir uns verstanden!“

Hauptmann Hammelmeyer grüßte nachlässig und wirkte ein bisschen müde. „Ja, das ist korrekt. Die… die…“ Der junge Offizier zog energisch Luft durch die Nase und runzelte die Stirn. „Die…“ Hammelmeyer schluckte schwer. Dann endlich überwand er sich. „Die Max-und-Moritz-Kaserne, vormals Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne, ist als Ausbildungs- und Frühförderungsanstalt der Deutschen Bundeswehr zuständig für die… die… die Schnupperzeit des Soldatennachwuchses.“ Seine Oberlippe zitterte. Was musste dieser tapfere Kriegersmann nicht alles durchmachen, um seinem Vaterland in Wehr und Waffen zu dienen. Ja, die Verteidigung ist schon ein ernstes Handwerk.

„Wir führen die jungen Leute mehr spielerisch an ihre Aufgaben heran“, erläuterte Schlattwitz. „Natürlich nicht das übliche Geballer, wie Sie wohl denken mögen.“ Dabei dachte ich gar nichts und hörte dem Oberst einfach nur zu. „Kurz und gut, die Burschen lernen die faszinierenden Möglichkeiten des Dienstes an der Waffe kennen. So, wie sich das unser Verteidigungsminister ausgedacht hat.“ „Sie meinen die Probezeit für Soldaten?“ Er lächelte mit nachsichtiger Arroganz. „Das, was Sie meinen, ist die künftige Eingewöhnungsphase für Zeitsoldaten. Wir hingegen ermöglichen den Wehrpflichtigen während einer Schnupperwoche, die Armee…“ „Obacht!“ Mit quietschenden Reifen schrammte das Geländemotorrad an uns vorbei; ich hatte den Offizier gerade noch beherzt auf die Seite zerren können. „’sch fick Dein Mutta“, brüllte der Fahrer und zeigte seinen erigierten Mittelfinger, „Du Opfa, verpiss Disch!“ Schlattwitz stand mit aufgerissenen Augen neben mir und zitterte in den Knien. Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Dass Sie sich der aufstrebenden Jugend annehmen und ein bisschen Zug in die leistungsbereiten Charaktere bringen wollen, ist doch mal eine nette Sache von Ihnen. Oder sollte ich mich getäuscht haben?“

Schütze Marvin Koßmudek schlurrte über den Kasernenhof und hielt unvermittelt vor uns. Sofort nahm Oberst von Schlattwitz Haltung an. „Können Sie nicht grüßen“, blaffte er den Mann an. „Ja, Tach auch!“ Krummbeinig und mit schrägen Schultern stand der Soldat da, wie ein nasser Sack und mit offenem Mund, komplett selbstvergessen und wie aus der Zeit gefallen. „Prägen Sie sich das endlich ein“, knirschte Schlattwitz, „das geht Gruß – Meldung – Gruß! Ich werde Ihnen den Arsch aufreißen, wenn Sie jetzt nicht strammstehen und endlich grüßen!“ Allein Koßmudek, ein nicht so sehr unsympathischer wie völlig desinteressierter Anwärter, guckte auf einmal mich an. „Sagen Sie mal“, fragte er, „darf der das eigentlich?“ Ich verstand nicht. „Ja, ob der das darf? Der Chef oder wie das hier bei der Bundeswehr heißt, das ist doch der Hauptmann? Da kann der sich doch gar nicht einmischen?“ Im letzten Moment verkniff ich mir eine Antwort. Es war wohl besser so.

„Mit der Panzerpionierlehrkompanie verfügen wir über eine Kompanie, die als Lehrkompanie ein Herausragende ist“, schwafelte Hammelmeyer. „Für die Schnupperzeit der Wehrpflichtigen ist gerade das Pionierwesen eine faszinierende Möglichkeit, die faszinierenden Möglichkeiten der Pioniere hier in der Bundeswehr zu erleben. In der Kompanie.“ Drei Schnupperkrieger guckten konzentriert auf den Asphaltboden, dessen Möglichkeiten offenbar auch faszinierten. „Sagen Sie mal“, onkelte der Oberst eine der Schulterglatzen an, „warum wollten Sie denn in die Bundeswehr? Nun sagen Sie einfach mal, ganz frei von der Leber weg.“ Jovial blickte er ihn an; seine Augen sprühten leicht drohend. Doch Steve Dröpelkerchen bemerkt das gar nicht. „Eigentlich hätte ich ja lieber was mit Computer gemacht. Oder Auto. Oder so.“ Hilflos ruderte der Hauptmann mit den Armen. „Unsere Schnupperer sind immer noch auf Orientierungssuche, für einen Pionier ist das eine gute Voraussetzung. Haha!“ Bestimmt hatte Schlattwitz den Scherz nicht ganz so gut gefunden; jedenfalls lachte er nicht.

Da stolperte ein Soldat aus dem Kasernenbau. Keuchend lehnte er sich an die Hauswand und spie brüllend seinen Mageninhalt aus. „Die Mannschaft wird natürlich schon in den Schnuppertagen ganz lebensecht verpflegt“, informierte mich Schlattwitz mit einem Seitenblick zu dem Pionier, der sich immer noch heftig erbrach. „Unser junger Freund hier wird das genossen haben, was der Rest der Kompanie auch hatte: Graupensuppe, Hartkekse, danach auf der Stube Billigbier aus Heeresbestand. Wir tun unser Bestes, um die jungen Leute richtig zu motivieren. Hier wird nicht gegammelt, hier ist Leistung gefragt. Hier können die Anwärter beispielweise ihren Führerschein machen.“ „Was ja auch vollkommen neu ist“, pflichtete ich ihm bei. „Wirklich, für derart innovative Ideen mussten wir erst diese Ölmütze ins Verteidigungsministerium holen, oder?“ Schlattwitz schwieg verbissen. „Und dann schauen Sie sich mal die Handelswege an. Den vorderen Orient halten uns ja die Amis frei, aber Südostasien? Na, ich weiß nicht.“ Der Oberst lief blutrot an. „Tja, Schlattwitz. Fehlplanung. Aber nicht aufgeben, ja? Vielleicht findet sich ja für Sie auch ein Schnupperangebot. In Afghanistan.“





Pflaumenpfingsten

23 05 2010

für Kurt Tucholsky

Fünf Jahre geht das. Feiner Herr,
der Krause – schreit und säuft und prahlt
und wohnt ansonsten Hochparterre.
Dass der die Miete pünktlich zahlt,
das haben wir noch nie erlebt,
viel eher, dass so dann und wann
der Kuckuck an der Türe klebt.
Das ficht ihn aber auch nicht an,
wenn Du in seinem Schnaps drin liegst –
gib Ruh, mein Herz – dann trinkst’n.
Und er beteuert, dass Du’s kriegst
    an Pflaumenpfingsten.

Der Hasenfuß, gut eingeölt,
er trieft schon überm Oberstübchen.
Er hat gelogen. Soviel zählt.
Doch sei’s drum, das Ministerbübchen
vergibt sich alles, denn er weiß:
der Rest ist noch viel übler dran.
Er bleibt gelassen. Zahlt den Preis.
Wer für ihn fällt, das ist der Mann.
Nur ja nicht: Krieg, das klingt nicht fein!
Da weinen seine Jüngsten!
Herr von und zu, der lässt sich ein
    zu Pflaumenpfingsten.

Jetzt hat sich’s endlich ausgesiegt.
Das kommt davon, wenn man blasiert
sich in die eigne Tasche lügt –
wer fünf Prozent kriegt, ist kuriert.
Das kauft sich bald den eignen Schneid
nur noch auf Pump, und lernt doch nicht,
weil es vor Überheblichkeit
beharrlich von sich selber spricht.
Dass Du die Konsequenzen ziehst
und um die Ecke bringst’n…
Es reicht, wenn man’s genau besieht,
    für Pflaumenpfingsten.

Die Schlacht tobt weiter, Zahl um Zahl
zerbröckelt uns derzeit das Geld.
Vorbei, vertan, versiebt die Wahl –
das letzte, das uns aufrecht hält,
ist ganz bestimmt nicht der Verstand,
der unser Parlament durchweht.
Den hat’s in diesem Vaterland,
wenn überhaupt, nur noch zu spät.
Die Kanzlerin als Leerverkauf?
Das stört nicht im Geringsten,
das hält nicht mal den Laden auf
    bis Pflaumenpfingsten.





Blick in die Zukunft

9 01 2010

für Heinrich Heine

„Ein Prosit! Prosit! Prost Neujahr!“
So tönt’s zur ersten aller Nächte.
Im Dustern sitzt man und sagt wahr,
was wohl die Zukunft bringen möchte.
Dazu dient das Orakelbuch,
voll Bilder ist’s und Narrenspossen;
es steht darin so mancher Fluch
    in Blei gegossen.

Das Erz, es schmilzt – die Suppe fließt
und läutert sich von allen Schlacken.
Wenn man sie dann ins Wasser gießt,
hat man das Schicksal an den Hacken,
wie unser Zwerg, der Würstchen drückt.
Die andern schauen drauf mit Häme,
das Seherbuch spricht unverzückt:
    „Nur Geldprobleme!“

Und wieder zischt das Graumetall,
es blubbert, dampft und sengt und wallt,
der Vize lauscht nach Widerhall,
ob’s lauter als er selbst schon schwallt.
Nun wird es aus dem Topf gefischt:
ein Häkchen. Beim Zusammenbiegen
krümmt sich der Docht fast und erlischt:
    „Die dreisten Lügen!“

Ach, wenn schon! Frohsinn ist und Spaß,
das Neue Jahr hat doch begonnen
und übers alte wächst schon Gras –
ja seht, ein Häufchen ist geronnen,
als wenn ein Vogel so im Flug
sein Kleines auf die Hüte kleckert
und kiebig noch die Flügel schlug:
    „Die Wirtschaft meckert!“

Und gönnerhaft, ein ganzer Mann
lässt Herr Baron den Löffel sinken.
Er tut dies routiniert. Er kann
und lässt das Zeug im Topf ertrinken.
Doch schaut – wie ein Kanonenrohr,
das Schattenbild steht da in Klarheit
und bringt das Schlimmste dort hervor:
    „Nun droht die Wahrheit!“

Ach, alles jammert! alles weint!
Und wie es in die Schüssel tropft,
zum Schluss der Böse noch erscheint:
das Schicksal an die Pforten klopft.
Er braust und sprudelt, gärt und dröhnt,
dann gluckst es auf – zwei Eselsohren!
Die Kanzlerin, sie sieht’s und stöhnt:
    „Wir sind verloren!“





Dreikönigstreffen

6 01 2010

„Griaß Eahna, Herr Sekretär! Wenn Sie die Frau Kanzlerin vielleicht erreichen täten heute noch – nicht mehr? Ja Herrschaftszeiten, des Geschlamp werden wir uns nicht mehr länger mit antun, hörn’s? Die Frau Kanzlerin hat halt da zu sein und eine ordentliche Regierung zu machen, wenn wir da anfragen tun! Waaas? Die regiert schon? Des, wenn sie des tät’, nachher hätt’s gar niemand gemerkt!

Also, Herr Sekretär, jetzt richten’s der Frau Kanzlerin einmal einen recht schönen Gruß aus, und dass dies ein Scheißglump ist, a zwidres, und werden wir uns das nicht mehr länger nicht gefallen lassen von der Frau Kanzlerin, bittschön! Ja! Das geht so nicht, und wenn das Westerwelle-Gigerl da noch länger der Duitaff spuit, dann servieren wir ihn nämlich ab! Wir lassen uns doch von dem Herrn Außenminister nicht unsere staatliche, will sagen: unsere staatspolitische Verantwortlichkeit fei nicht nehmen, hö? Des Bürscherl, des wenn’s no gekrochen kimmt, werden wir in seine Schranken weisen, hören’s? in die Schranken weisen, jawohl!

Weil ja die Landesgruppe das in demokratischer Abstimmung entschieden hat. Demokratisch! Freilich, nur mit uns selbst. Die CSU hat ja nur eine Landesgruppe, da mussten wir doch vorher auch keinen nicht fragen, was der Vorstand will?

Jetzt hören Sie zu, Herr Sekretär! Das ist uns eine Herzensangelegenheit, für die wir uns elf lange Jahre eingesetzt haben, um sie jetzt mit heißem Herzen verwirklicht zu sehen in unserem geliebten Deutschland – die Führungsschwäche unserer Frau Kanzlerin in einer christlich-liberalen Koalition. Und ob! Ja Kruzitürken, das ist mit dem Menschenbild in der Christlich-Sozialen Union nicht zu machen ist das nicht – hier gibt es eine Führung mit einem klaren Anspruch, also mit einem klaren Führungsanspruch! Also mit einem Anspruch auf klare Führung, verstehen Sie?

Deshalb wollen wir jetzt einen Vizekanzler! Ja freilich, warum denn nicht? wenn doch die FDP auch schon einen hat? Das lassen wir nicht auf uns sitzen! Sie kann uns doch nicht einfach so – das geht fei net, und außerdem ist der Herr Baron ka Vergoider net! Ja Sakradi, habt’s Ihr da überhaupt noch einen Anstand dadroben in Berlin? Wenn Sie in Berlin… in… in Berlin, in… München wählen, wer die Bundeskanzlerin wird, dann wählen Sie Kanzlerin, also dem Deutschen Bundestag in den Reichstag nach München. Glauben Sie ja nicht, dass wir uns das gefallen lassen werden als CSU!

Und vor allem werden wir das nicht weiter hinnehmen, dass uns dieser Lindner diskriminieren tut – das können wir aber viel besser! Dass Sie das nur wissen!

Wir haben ein klares Gesellschaftsbild! Jawohl! Dieses Depperl, des damische, wird noch begreifen, dass wir in einer Demokratie leben, in dem wir die Menschenrechte zu achten haben! Und wenn sich das dieser Bazi nicht hinter die Ohren schreibt, dann werden wir’s ihm schon noch einprügeln!

Und wenn unser Innenexperte… ja freilich, das ist ein Experte, jawohl! Was weiß denn ich, was der weiß – das ist halt ein Experte, net so a Blunzn, so a einagschmeggda, wie der Herr Bosbach – ja Kruzi, ich weiß sehr wohl, dass des zwoa depperte Bazis san, aber kritisieren tun mir, dass des amol geklärt wäre, Herr Sekretär! Und ich werde mich hier auf keine weitere Diskussion einlassen!

Sie wissen doch noch gar nicht, ob der Herr Baron überhaupt zurücktreten werden tun. Dann werden Sie Herrn Baron auch nicht fragen müssen, warum dass wir wollen, dass er der andere Vize wird. Und dann braucht er ja auch nicht mehr zurückzutreten, weil er sich dann der Aufgabe des Vizekanzlerdaseins wird widmen können zu dürfen.

So a Scheißglump, des kennat’s Eich… wooos, Du Kniebiesla, host mi? Das werden wir ja sehen – das werden wir ja doch wohl noch sehen werden wird das ja wohl! Dann wählen wir praktisch hier in der Staatskanzlei in München. Das bedeutet natürlich, dass der Bundestag im Grunde genommen näher an Deutschland… also an die deutschen Bundesländer heranwächst, weil das klar ist, weil vom Reichstag Deutschland gewählt wird.

Und wenn der Herr Westerwelle und wenn die Frau Kanzlerin das eben nicht wollen, dann müssen sie eben zusehen, dass sie das alleine hinkriegen mit der Bundesregierungskoalition! Ja freilich, das ist so. Freilich! Die CSU ist ein ganz eigenständiger Teil der Koalition, wir sind einen autonome Partei, die… wer hat das? Der? Was hat er? Dass die SPD doch die stärkste Fraktion, weil die CSU eine eigene Bundestagsfraktion… Ja leckat’s mi am Oasch! Des Gschmarr von dera Ratschn, des lass i mir fei net anhängen, Herr Sekretär – die CSU und die CDU sind immer noch zwei innige Schwesterparteien, die sowohl in ihrer politischen Stoßrichtung als auch in ihrer Haltung gegenüber der Geschlossenheit gemeinsame Verantwortung in der Koalition tragen wollen, weil wir als Union personell und qualitativ bestens aufgestellt sind und deshalb gar keinen… waaas? Mit diesem Gschleaf auf einer Regierungsbank?

Und wenn Sie sich hier auf den Kopf stellen werden, Herr Sekretär, und das wird die Frau Kanzlerin auch noch merken, wir werden die Steuern für Apotheker, Lebensversicherungen und die Weingüter von Ihrem sauberen Herrn Brüderle nicht mitmachen, dass Sie das nur wissen! Und schon gar nicht durch höhere Sozialbeiträge – damit werden entweder Milchkühe im Freistaat Bayern bezahlt oder gar nix! Merken Sie sich das! Pfüat Eahna, Herr Sekretär!“