Aufstocker

10 01 2013

„Gut eine Million, verteilt auf das Jahr. Oder bis zur Wahl, man will ja auf Nummer Sicher gehen. Dann wären wir erstmal aus dem Schneider. Nein, nicht Euro. Wo denken Sie hin? Arbeitslose! Oder haben Sie keine mehr vorrätig?

Wir haben hier eine der modernsten Behörden der Welt. Alles funktioniert, wir werden unseren Aufgaben gerecht, auch und gerade durch die von der Regierung beeinflusste Effizienzsteigerung. In der Verwaltung, nicht für die Arbeitsuchenden, oder was haben Sie gedacht? Wir sind eine Agentur, das ist modern, das ist zielgerichtet, das ist schon so gut wie alles – müssen wir uns da noch um Inhalte kümmern? Geben Sie uns irgendeinen gesetzlich vorgesehenen Bedarf, und wir definieren den weg. Schauen Sie mal, wir produzieren für den Export, die meisten Personalchefs haben noch nichts vom demografischen Wandel und vom Fachkräftemangel gemerkt und finden die Leute, die es offiziell gar nicht mehr gibt, der deutsche Euro ist stark, die Kanzlerin sitzt fest im Sattel – wir sind am Arsch!

Die Bundesagentur muss bis 2015 vollkommen umstrukturiert werden. Bisher sind wir modern und effizient und… wissen Sie ja. Hinterher soll es aber immer noch so aussehen, verstehen Sie? Eben, und wir sind ja nur eine Behörde. Wir müssen 17.000 Stellen abbauen. Aber die Stellen, die wir abbauen, die müssen wir dann ja als Arbeitslose hinterher wieder betreuen, und dann haben wir wieder zu wenig Stellen, dann haben wir zu viele Arbeitslose, und dann müssten wir wieder neue… so irgendwie. Das machen Sie mal einem Ministerialbeamten klar, der sieht nur Stellenstreichungen, und dann war’s das. Neuwahlen? Nee, alles machen die von der FDP ja nun auch nicht für Geld.

Vor allem stellen Sie sich mal vor, dass die ehemaligen Agenturmitarbeiter hier als Arbeitslose ankommen. Die wissen doch, wie der Hase läuft! Da kriegen Sie keinen Bescheid über den Tisch, ohne dass Ihnen das Gericht die Ohren lang zieht! Gut, wir sichern Arbeitsplätze in der Justiz, aber ist das wirklich alles? Können wir nicht noch viel moderner und effizienter sein?

Moderate Lohnsenkungen wären schon mal ein guter Anfang. Das müsste man vielleicht etwas besser verargumentieren. Instabile Märkte? Klingt schon mal gut. Gestiegene Managergehälter führen zu empfindlichen Sparmaßnahmen? Das ist prima. Das können wir kommunizieren. Vor allem endlich einmal eine Umverteilung von oben nach unten.

Wir haben ja auch unsere volkswirtschaftliche Verantwortung. Wir sind für den Arbeitsmarkt direkt verantwortlich, zumindest für die privaten Arbeitsvermittler. Und die Weiterbildungsindustrie. Das sind Arbeitsplätze! Und wenn Sie sich überlegen, dass wir noch viel moderner – egal, auf jeden Fall können wir die Zeitarbeitsfirmen nicht einfach so mit zu viel verfügbarem Personal zuschütten. Am Ende denkt die Wirtschaft noch, die könnten wieder Stellenanzeigen in die Zeitung setzen, ohne uns davon zu informieren. Das kann man doch einer modernen, effizienten Behörde nicht zumuten!

Das ist doch gar nicht so ungewöhnlich. Denken Sie an die schlechte Zeit nach dem Krieg. Nein, nach 1918 meine ich. Plötzlich diese Republik, und dann waren die ganzen Versorgungsposten alle weg, nicht mal Bürgerkrieg in Sicht, was macht man da? Stabsstellen einrichten, Hauptämter, Bürgerwehr, Reichsbutterrationierungshilfsunterinspektoren, und alle bekommen Geld vom Staat, den sie hassen, weil er für parasitäre Existenzen wie sie die Moneten zum Fenster rausschmeißt. Man hält sich über Wasser, irgendwie, und hofft, dass man als Aufstocker durchkommt. Bedingungsloses Grundeinkommen? Ja, das trifft es.

Das Weiterbildungsprogramm könnte man noch ausweiten. Die Ausbildung innerhalb der Agentur, sonst macht das ja keinen Sinn. Wir qualifizieren uns doch nicht unser Kapital vom Hals.

Es gäbe da noch eine Interimslösung. Aber ich weiß nicht, ob man das denken darf – das ist alles ganz logisch und vernünftig und entspricht weitestgehend den Tatsachen, deshalb ist es ja auch politisch nicht opportun. Also nur mal ins Unreine gedacht. Nicht böse sein. Wenn man die über 58, wenn man die nicht als Abfall, sondern als normale Arbeitnehmer –

Langfristig könnte uns möglicherweise der Euro-Backlash retten. Meinen Sie nicht, wir könnten langsam mal von der Krise profitieren? 20% Arbeitslose, davon träumen wir! Mit den Zahlen könnten wir unseren Personalbedarf verdreifachen! Das wird dann noch moderner und kompetenter und, naja, vielleicht irgendwie auch effizient. Man müsste mal sehen, ob wir nicht auch die Ausländer mit verwaltet. Die, die nach Deutschland kommen. Und die, wo wir noch nicht zuständig sind. Man denkt in großen Dimensionen, wenn man einmal angefangen hat. Und wenn wir genügend Fremdarbeiter auf dem Arbeitsmarkt haben, könnte man auch das Argument mit den deutschen Fachkräften ganz anders besetzen. Noch eine Kundenschicht mehr, wir könnten gleich viel differenzierter vorgehen. Ich sage Ihnen, wir haben hier in Deutschland paradiesische Zustände. Die Politik macht wirklich alles richtig. Wenn man mal von den Arbeitslosen absieht, dann haben wir hier bald Vollbeschäftigung.“





In Abrahams Schoß

10 09 2012

Es stand nicht zum Besten mit diesem Land. Eine dunkle Bedrohung lastete auf allen. Keiner war mehr sicher. Vor allem nicht die Senioren.

Unter den Rentenempfängern hatte sich Armut ausgebreitet, wie sie niemand hatte vorhersehen können – vorausgesetzt, man hätte sich damit auch beschäftigt oder wäre selbst verantwortlich gewesen für diese Entwicklung. Kümmerlich standen sie, die sich einst als Kellnerinnen und Tischler für die Mittelschicht gehalten hatten, an den Suppenküchen an; langsam gewöhnten sie sich an herablassende Behandlung und herrischen Befehlston der Reichen, die in ihrer Freizeit Gutes Tun spielten, und in ihrer großzügig bemessenen Freizeit gingen sie geringfügigen Beschäftigungen nach, putzten Toiletten, leerten Papierkörbe, spendeten Organe und besserten damit ihr kärgliches Auskommen ein wenig auf. Viel war es nicht, bis ein ehemaliger Busfahrer die Lösung fand. Einer Verwechslung war es geschuldet, dass er als mutmaßlicher Räuber in Untersuchungshaft genommen wurde. Die Folgen waren erheblich: Marmeladenbrot und Obst zum Frühstück, dazu Tee mit Milch, mittags eine Gemüsesuppe mit Nudeln, abends ein Hühnerbein mit Buttererbsen und Salzkartoffeln, dazu fließend warm und kaltes Wasser, Heizung und elektrisches Licht. Kostenlos. Eine Idee war geboren.

Vor allem kleinere Ladendiebstähle verzeichnete die Polizeistatistik, gezieltes Überqueren der Fahrbahn bei rotem Lichtzeichen (was nicht immer gut ausging und schnell wieder verschwand), doch meistens Bagatelldelikte. Die Warenhausdetektive schätzten die Situation völlig falsch ein. Manche von ihnen, die selbst arme Eltern hatten oder genau wussten, was sie selbst im Alter erwarten würde, führten die ertappten Langfinger unauffällig ab, steckten ihnen noch Kosmetik und Schokolade in die Taschen und schleusten sie durch den Hinterausgang auf die Straße, wo sie sich straffrei wiederfanden. Einzelne Verzweiflungstaten waren in der Presse hochgewirbelt worden. So hatte ein ehemaliger Elektroinstallateur, der unter den Augen der Nachbarn ein Auto in Brand setzen wollte, nach einer Stunde untauglicher Versuche noch immer keinen Erfolg, worauf ein Anwohner mit Benzin und Streichhölzern dem Schauspiel ein Ende setzte. Der alte Mann kam mit einer Verwarnung wegen Anstiftung davon. Das konservative Lager sah eine linksradikale Verschwörung.

In den städtischen Gebieten setzte sich nach und nach die Beförderungserschleichung als Mittel der Wahl durch. Zwar war auch hier immer damit zu rechnen, dass die Kontrolleure ein Auge zudrückten und den ertappten Schwarzfahrern einen Fahrschein unterjubelten, doch manchmal ging es auch gut. Nach der dritten erfolgreichen Kontrolle war der Gang vor das Gericht unausweichlich, und wer nicht zahlen wollte oder konnte,wurde sofort zu Freiheitsentzug verurteilt, schon, um rechtschaffene Bürger nicht zu verunsichern.

Die Insassen indes fanden für den Strafvollzug nur lobende Worte. Sauber und ordentlich sei es, hörte man allenthalben, die Mahlzeiten seien in Menge und Qualität ausreichend, die Bücherei verfüge über eine Tageszeitung und Rätselhefte, arbeiten dürfe man, und beim Hofgang schließe man hinter Gittern nettere Bekanntschaften als im Seniorencafé der Wohlfahrt. An herablassende Behandlung und herrischen Befehlston seien sie gewöhnt. Sie fühlten sich wie in Abrahams Schoß.

Man hätte es ahnen können. Die öffentliche Hand sparte einen Betrag an Grundsicherung, gab aber enorm viel mehr für den Strafvollzug aus. Es handelte sich in der Tat um eine Erschleichung von Leistungen. Bayerns Innenminister Herrmann tat, was er immer tat; er forderte Strafverschärfungen.

Aus organisatorischen Gründen war es nicht möglich, Westerwelles Vorschlag zur Eindämmung von anstrengungsloser Lebensqualität umzusetzen. Der ehemalige Vorsitzende einer Splitterpartei hatte Steuersenkungen für Steuerhinterzieher gefordert und vorgeschlagen, einsitzenden Rentnern keine Verpflegung mehr zu gewähren. Keine JVA war imstande, dies zu bewerkstelligen. Immerhin erzielte BILD einen kurzfristigen Erfolg wegen der Petition eines Feinmechanikers im Ruhestand, der ein Nachtlicht für seine Zelle wünschte. Der Blasenkranke wollte ohne Hilfe des Schließpersonals seine Toilette aufsuchen. Die Batteriekosten hielte sich in Grenzen, warfen aber ein Schlaglicht auf die deutsche Sozialpolitik. Sah so der Ruhestand der gesellschaftlichen Basis aus?

Auch die Kirchen ruhten nicht. In einem bewegenden Appell forderte der EKD-Vorsitzende Schneider die Politik auf, sich für ein sozialeres Miteinander einzusetzen, so wie in den christlichen Programmatik der Union verankert sei. Er mahnte eine bessere Ausstattung der Hafträume an.

Große Erleichterung verhieß auch die Initiative der SPD. Gabriel und einige gewerkschaftsnahe Gewerkschafter hatten beschlossen, so schnell wie möglich ein Thesenpapier für parteiübergreifende Diskussionen vorzulegen. Nach wenigen Wochen präsentierten sie ihren Kompromissvorschlag: die Delinquenten sollten durch den offenen Vollzug so schnell wie möglich wieder in die Gesellschaft reintegriert werden. Zur Einnahme der Mahlzeiten und für die Nachtruhe dürften die Rentner ihre Zelle verlassen, sie müssten nur die aus Gründen des Erwerbsanreizes nicht entlohnte Arbeit in der Anstalt verrichten. Zur Durchführung empfahl Steinmeier die Erfahrungswerte der Agenda 2010.

Einzig Ursula von der Leyen trug – einmal tut das ja jeder, auch wenn es noch so wenig verdient ist – einen kleinen Sieg davon. Die Grundsicherung musste nicht mehr in einem aufreibenden und kostspieligen Prozess von Sprachsteuerung umbenannt werden. Man sprach, jung und alt, nur noch von Knast IV, und jeder wusste, was gemeint war. Und dass es so gemeint war.





Ein-Euro-Krise

5 06 2012

„… seien durch diese Funk-Abrechnungsmethoden schnell ersetzbar, so dass kassenlose Supermärkte bereits in wenigen Jahren flächendeckend die…“

„… sei ein Mindestlohn laut Merkel nicht mehr sinnvoll. Früher habe sie ihn abgelehnt, da der Mindestlohn die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert habe, inzwischen würden jedoch gar keine neuen Arbeitsplätze mehr geschaffen, so dass man auch keinen Mindestlohn mehr…“

„… in Eisenach das erste mitarbeiterfreie Werk in Betrieb nehmen zu können. Da durch den mittelfristigen Wegfall mehrerer zehntausend Kfz-Bauer die deutsche Binnenkonjunktur empfindlich geschwächt würde, sei eine billigere Produktion der Autos nur als gerecht und…“

„… verschärfe der Fachkräftemangel die Lage auf dem Arbeitsmarkt erheblich. So sei es zwar möglich, 5.000 Langzeitarbeitslose innerhalb von zwei Jahren zu Erziehern auszubilden, eine Qualifikation von knapp 1.000 Kräften binnen eines Quartals im produzierenden Gewerbe scheitere jedoch schon wegen des finanziellen…“

„… dürfe es keine Denkverbote geben. Von der Leyen regte an, gemeinsam mit der Opposition über eine Verfassungsänderung nachzudenken, die eine leichtere Eingliederung von Arbeitslosen in die…“

„… die Verbraucher zwar nicht einverstanden seien mit den Einkaufsbedingungen, der Konzern jedoch durch die Reduzierung der Ladenlokale bis auf zwei Filialen im Bundesgebiet eine erhebliche Steigerung der Gewinne für…“

„… habe sich der Verlag entschlossen, die Zeitschrift in China produzieren zu lassen. Das chinesische Arbeitsrecht sei wesentlich flexibler, so dass bei einer Erhöhung der Gehälter leichter…“

„… sei es verfassungsrechtlich nicht ganz einfach, den Zustand der Hartz-IV-Empfänger als einen gerichtlich angeordneten Freiheitsentzug zu deuten, daher könne ein Arbeitszwang auch nur…“

„… warnte Arbeitgeberpräsident Hundt vor einem Zusammenbrechen der deutschen Wirtschaft, wenn sich nicht ausreichend viele Arbeitskräfte bereiterklärten, für einen niedrigeren Lohn zu…“

„… den Artikel 12 des Grundgesetzes allerdings nicht angetastet. Rösler äußerte sein Bedauern, dass es der Regierung nur aus technischen Gründen nicht gelungen sei, für …“

„… habe Brüderle vorgeschlagen, den Mangel an Fachkräften durch eine vermehrte Freisetzung von Arbeitskräften im Mittelstand zu beheben. Nach spätestens zwei Jahren Arbeitslosigkeit sei das Personal in der Lage, im Niedriglohnsektor zu kostengünstigen Konditionen…“

„… ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Sozialverbänden und Kirchen für eine Einführung der Zwangsbeschäftigung sei, jedoch verbesserte Löhne fordere und die…“

„… habe Gabriel eine Verfassungsänderung zur Einführung legaler Zwangsarbeit ausgeschlossen. Die Sozialdemokraten seien mehr denn je fest entschlossen, die Abschaffung der Menschenrechte in Deutschland zugunsten von…“

„… bestehe immerhin die Gefahr einer Konjunkturbelebung durch erneuerbare Energien und den Dienstleistungssektor, durch die so viele Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten würden, dass die Verfügbarkeit von Niedriglöhnern katastrophale Ausmaße bis zur einer Ein-Euro.Krise…“

„… keine andere Möglichkeit gesehen, als die Grundgesetzänderung mitzutragen. Steinmeier betonte, die SPD habe auf gar keinen Fall eine gemeinsame Position mit der Linken vertreten wollen, um auch in Zukunft koalitionsfähig…“

„… die Streichung aller Sozialleistungen ganz im Sinne der FDP. Rösler fordere, die Leistung der Arbeitnehmer müsse sich für die Wirtschaft…“

„… keine Arbeitskräfte mehr, da sich die Personen der Kontrolle durch die Jobcenter zunehmend entzögen. Von der Leyen schlage daher vor, auch ohne eine gesetzliche Grundlage den Status als Arbeitsloser verleihen zu…“

„… weit gehend auf Spenden aus der Bevölkerung. Die Politik sehe keine Mittel, die nicht Beschäftigten zu sanktionieren, da sie keine Leistungen mehr…“

„… habe Friedrich vorgeschlagen, den neuen Straftatbestand der Wirtschaftskraftzersetzung zu schaffen. Durch nicht …“

„… zur Solidarisierung zwischen arbeitenden und nicht arbeitenden Bürgern gekommen. Versehentlich habe das Arbeitsministerium die Broschüre Wer arbeitet, ist Dein Feind nicht an den Bundesverband der Arbeitslosen geschickt, sondern an die gewerkschaftsnahe Stiftung…“

„… da Sanktionen der letzten verbliebenen Empfänger des Arbeitslosengeldes II keine Wirkung mehr zeigten. Die bundesweite Initiative unterstütze die Kläger gegen die Grundgesetzänderung sowohl finanziell als auch…“

„… sei aber durch einen Justizfehler wegen Wirtschaftskraftzersetzung angeklagt worden, da er sich fortgesetzt arbeitsscheu gezeigt und seit Jahrzehnten Transferleistungen in erheblicher Höhe kassiert habe, obwohl er Zuwendungen von privater Seite in ausreichendem Maße bekommen haben müsse. Westerwelle habe sämtliche Vorwürfe gegen ihn bestritten und sei noch im…“

„… signalisiere Merkel Diskussionsbereitschaft, da sie inzwischen den Mindestlohn für eine nicht mehr notwendige…“





Und bist Du nicht willig…

22 06 2011

„Aber so ganz ohne Verpflichtung?“ „Müsste man ausprobieren. Das Bundesverfassungsgericht hat sicher nichts dagegen.“ „Na, die interessieren ja nicht. Hauptsache, die Kosten sind gedeckelt.“ „Auf jeden Fall. Wenn Sie freiwillig vorgesorgt haben, werden Sie sich sicher nicht pflegen lassen müssen von diesem Bundesfreiwilligendienst.“

„Was ist denn jetzt so neu an diesem Modell, wissen Sie das?“ „Vor allem eignet sich dieser Bundesfreiwilligendienst sehr gut für pflegerische Maßnahmen.“ „Sie meinen also, für Heil- und Pflegetätigkeiten? War das nicht ursprünglich mal ein richtiges Berufsbild?“ „Mag sein, aber da wir immer mehr demente Alte haben, wird das nicht mehr so sehr auffallen, dass wir uns keine qualifizierten Kräfte aus der Ukraine leisten können und wieder mehr auf Arbeitslose aus Thüringen angewiesen sind.“ „Aber abgesehen von der Qualität wird doch die Personaldecke sehr dünn.“ „Die kann gar nicht dünn werden – schauen Sie, es sind ja ehrenamtliche Tätigkeiten. Die nehmen nicht einmal einem Ein-Euro-Jobber etwas weg.“ „Wobei der ja laut Definition auch niemandem eine reguläre Tätigkeit…“ „Schlechte Witze reiße ich, haben wir uns verstanden!?“

„Der Zivildienst war doch aber auch der ideale Türöffner für soziale Berufe.“ „Na und? Spricht das gegen das Konzept?“ „Ich möchte ja nicht hören, was die Fachministerien dann wieder tönen, wenn sich keine männlichen Kräfte mehr dafür gewinnen lassen.“ „Lassen Sie mal. Dass die Schröder und die von der Leyen sich gegenseitig die Schuld geben, ist doch ganz schön. Die Pflegebranche muss sich dann wenigstens einmal nicht über irgendwelchen gesetzgeberischen Schrott ärgern.“ „Das bringt uns auch nicht mehr Betreuungsangebote für Alte und Behinderte.“ „Gut so, die Gelder werden ja sowieso laufend gekürzt.“

„Man müsste natürlich auch mal definieren, wie sich Ehrenamt und Bezahlung vertragen.“ „Wo sehen Sie das Problem?“ „Es soll ja eine Ehre sein, oder?“ „Wenn Sie jetzt darauf anspielen, dass es für die Schöpfer dieses Reformwerks auch in der Freizeit keine Tätigkeit gibt, die sie sich bezahlen ließen…“ „Ach woher – außerdem gehören diese Bürger ja auch zum sozialen Kapital.“ „Was wollen Sie denn damit sagen? Dass die Politik nicht dazugehörte?“ „Zum Kapital schon.“

„Wo wir beim Kapital sind: es ist ja nicht viel, was für so eine Vollzeitstelle gezahlt wird.“ „Sagen Sie es ruhig. Es wird gar nichts gezahlt.“ „Weil es sich um Ehrenämter handelt?“ „Der Gedanke der Freiwilligkeit würde durch eine zu hohe finanzielle Entschädigung am Ende noch zerstört.“ „Die Menschen würden einen falschen Anreiz sehen?“ „Es soll überhaupt keinen Leistungsanreiz im Zusammenhang mit dem Freiwilligendienst geben.“ „Weil es sonst nicht genug Freiwillige gäbe?“ „Es müssen eben echte Freiwillige sein, die aus freiem Entschluss sich für eine soziale Tätigkeit zur Verfügung stellen. Die Gelder dürften eigentlich überhaupt keine Rolle spielen.“ „Aber Sie können auch nicht erwarten, dass die Menschen, die sich für so ein Amt hergeben, überhaupt keine Einkünfte mehr haben.“ „Warum sollten sie?“ „Als das noch Zivildienst hieß, gab es auch einen entsprechenden Sold.“ „Der war allerdings nur das Gegenstück zur Ehrenzahlung für die freiwillige Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland.“ „Na, so freiwillig auch nicht. Es gab ja immerhin die Wehrpflicht.“ „Richtig. Und nach diesem Modell sollten wir es auch weiterhin handhaben.“ „Dass wir die ehrenamtlichen Tätigkeiten mit mehr Prestige ausstatten?“ „Dass wir die Bürger, für die es in Frage käme, dazu bringen, ihrer Freiwilligkeit nachzukommen. Deutschland ist ja kein Ponyhof.“

„Letztlich kann es doch nur darauf hinauslaufen, dass sich Arbeitslose melden, die…“ „Sie haben einen entscheidenden Punkt vergessen: sie melden sich freiwillig.“ „Wie, freiwillig? aber die stehen doch unter Zwang der Argen?“ „Freiwilligkeit ist ja auch unter gewissen nicht offen auftretenden Zwangsbedingungen durchaus denkbar. Wenn man zwangfrei einwilligt. Zwangseinfreiwilligung.“ „Was aber kein Ehrenamt mehr wäre.“ „Da wir die Bundesfreiwilligen hier entlohnen würden durch eine Grundsicherung oder als Aufstocker, um die Anreize zu einer freiwilligen Leistung…“ „Wie kann man denn Anreize zur Freiwilligkeit geben?“ „Wenn sie die Anreize nicht wahrnehmen, werden sie eben freiwillig arbeitslos.“

„Ihnen schwebt für solche Tätigkeiten doch bestimmt ein Kombi-Modell vor?“ „In der Tat, es ist sicher ratsam, den kompletten Bürgerarbeits-Sektor auf freiwilliger Basis zu entlohnen.“ „Wäre da nicht gleich das Modell Bürgerarbeit die bessere Alternative?“ „Wenn Sie noch Raum für Steuersenkungen für den leistungsbereiten Teil der Wählerschaft lassen wollen, wäre das unklug. Zu teuer. Als ehrenamtlicher Arbeitsloser bekommen Sie so viel Mietzuschuss, wie die Kürzungslage der Kommunen zulässt, als arbeitsloser Ehrenamtlicher würden Sie anrechnen und unverschämterweise allein dadurch Forderungen stellen, dass Sie einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Wollen wir das einreißen lassen?“ „Nein, Sie haben ja Recht. Wir sollten uns wirklich zufriedengeben mit dieser Situation. Dann würde in Berlin auch endlich wieder jemand Schnee fegen?“ „Nicht nur das. Warten Sie ab, bis wir mit dem Konzept eine richtige Freiwilligenarmee aufgestellt haben.“





Schnapsideen

28 04 2011

„… dass Personen, die Ansprüche an den Staat stellen, Alkoholika und Tabakwaren konsumieren, denn es sei nicht Aufgabe des Sozialstaates, den arbeitsunwilligen Menschen ihren Vollrausch zu…“

„… urteilte das Bundesverfassungsgericht, es verstoße nicht gegen den Gleichheitsgrundsatz, die Kosten für Alkohol und Tabak auch aus den Löhnen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu streichen, damit das Lohnabstandsgebot…“

„… widersprach Wirtschaftsminister Brüderle der Opposition, dass damit ganze Industriezweige zerstört würden, denn im Gegensatz zum Konsum seien Herstellung und Vertrieb von Alkohol und Tabakwaren nach wie vor erlaubt, so dass keine…“

„… sei es Freiberuflern und Beamten nicht zuzumuten, einen Ausweis zum Erwerb von Alkohol und Zigaretten mit sich zu führen, da dies eine stigmatisierende Wirkung zeitige, gegen die Menschenwürde verstieße und unverhältnismäßige Kosten für Antrag und Beschaffung der Papiere mit sich führe. Aus genannten Gründen beschloss das Bundesinnenministerium, die elektronisch lesbare Einkaufsberechtigungskarte für alle anderen…“

„… ob das durch die Einbehaltung der Lohnanteile implizierte Kaufverbot zugleich ein faktisches Konsumverbot beinhalte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, als Klempner im Haus eines Auftraggebers eine ihm angebotene Filterzigarette nicht nur nicht zurückgewiesen, sondern ebenfalls nicht als geldwerten Vorteil angegeben zu…“

„… betonte Arbeitgeberpräsident Hundt, zur Sicherung eines stabilen Aufschwungs für die Besserverdienenden müssten auf jeden Fall alle Löhne und Gehälter bis auf ein Existenzminimum gekürzt werden, was ohne Rauchen und Trinken auch problemlos durchgeführt werden…“

„… im Gegensatz zu den anderen Bieren, bierhaltigen Getränken und Mischungen mit bierähnlichen und/oder bierverwandten Substanzen, die sämtlich als Biere gelten, unabhängig vom Alkoholgehalt. Die bayerische Landesregierung wird weiterhin gegen eine einseitige Bevorzugung von Alt vorgehen, gleichwohl es sich hier nicht um Bier im engeren Sinne…“

„… mahnte die FDP, man dürfe auf keinen Fall den Einbruch des Champagner-Absatzes riskieren, vielmehr sei durch gezielte Subventionen der Preis erheblich zu mindern. Erst dann, wenn sich auch Hartz-IV-Empfänger französischen Schaumwein würden leisten können, sei der psychologische Effekt des Verbots wirklich zu seiner vollen…“

„… sich hinter dem Kölner Hauptbahnhof bereits eine Dünnbier-Szene…“

„…wollte sich der SPD-Vorsitzende Gabriel, obwohl er der Idee von Anfang an skeptisch gegenüberstand, dem Verfahren nicht verschließen, gab aber zu bedenken, dass die Parteispitze, so sie auch alles vollkommen unbedenklich und sehr unterstützenswert fände, doch eher in der Rolle der diskussionsunwilligen Fundamentalopposition…“

„… gab Brüderle zu erkennen, dass bis auf wenige Ausnahmen die deutschen Schnapsfabriken nur noch für die Ausfuhr arbeiteten, was den großen Exporterfolg der Volkswirtschaft nochmals…“

„… ließ Altkanzler Schmidt Presse und Bundesregierung wissen, er habe nicht die Absicht, mit dem Rauchen in der Öffentlichkeit…“

„… würde der Abzug an Alkoholika nach dem Abteilungsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales durchschnittlich 294,40 € betragen; der Zahl zugrundeliegend ist der monatliche Konsum, den der Abteilungsleiter selbst…“

„… beispielweise für Muslime, die aus Glaubensgründen auf alkoholische Getränke verzichteten, eine Art Wettbewerbsvorteil entstehen, wie sich Sarrazin ausdrückte. Das SPD-Präsidium kritisierte zwar die Aussage des Ex-Bundesbankers, alle Araber seien wegen genetischer Faktoren nicht geeignet, mit Geld umzugehen, nahm aber zu Sarrazins Verteidigung an, die Bezeichnung Gottverschissenes Kameltreiberpack sei auf gar keinen Fall beleidigend oder…“

„… den Brauereien nicht zu vermitteln, da in Bayern traditionell die Null-Promille-Grenze knapp oberhalb der in den anderen Bundesländern als Volltrunkenheit definierte…“

„… führte Rösler aus, der sinkende Alkohol- und Nikotinkonsum würde die Volksgesundheit in einem erheblichem Maße stärken, so dass eine Absenkung des Arbeitnehmeranteils zu den Krankenkassenbeiträgen möglich sei, was auch dringend geboten sei, da durch die sinkenden Einnahmen der Ärzte eine explosionsartige Steigerung des Arbeitnehmeranteils alternativlos…“

„… keinesfalls eine Verschlechterung der Lebensumstände, wie Bundeskanzlerin Merkel der ausländischen Presse zu verstehen gab. Während früher Arbeitslose ein Leben führen konnten wie ein durchschnittlicher Arbeiter, könnten Arbeiter bei nüchterner Betrachtung auch heute noch wie sozial Schwache…“

„… gegen den Gleichheitsgrundsatz zu verstoßen. Auch Beamten und Pensionären sei es zuzumuten, Alkohol und Drogen im Zuge einer allgemeinen Prohibition zu meiden, da ihre Bezüge gleichfalls dem Sozialetat entnommen…“

„… demonstrierten am dritten Tag bereits 800.000 Beamte in der Bundeshauptstadt unter dem Motto Dienst ist Schnaps und Schnaps ist Dienst. Die Sicherheit der Regierung sei nie ernsthaft gewährleistet gewesen, teilte der Sprecher der Berliner Polizei mit, da sich die Polizisten mit den anderen Teilnehmern solidarisch…“

„… plötzliche Verschlechterung des Zustandes. Die unvorsichtig geäußerte Nachricht, die Riesling-Vorräte seien quasi über Nacht dezimiert worden, lösten einen Zusammenbruch bei Brüderle aus, der trotz der Bemühungen…“





Freiheit, die ich meine

20 04 2011

„Mit wie vielen rechnen wir?“ „Keine Ahnung. Aber es dürften schon ein paar sein. Schließlich ist gesellschaftliches Engagement in Deutschland sehr hoch angesehen.“ „Auch wenn man nichts dafür bekommt.“ „Sie bekommen die Dankbarkeit der Bundeskanzlerin.“ „Das wäre ja eher ein Grund, es gleich sein zu lassen.“

„Die Idee, für eine ehrenamtliche Tätigkeit eine Anerkennung zu geben, ist vom Tisch.“ „Gehen wir davon aus, dass die Regierung demnach auch die gemeinnützige Arbeit neu bewertet?“ „Das wird sich nicht vermeiden lassen. Dann können auch die Arbeitslosen gezwungen werden, eine freiwillige Tätigkeit aufzunehmen.“ „Ist das aber nicht ein Widerspruch in sich? Zwang, und dann eine freiwillige Tätigkeit?“ „Nein, durchaus nicht. Sehen Sie, wir haben es ja mit einem Freiwilligendienst zu tun.“ „So weit klar.“ „Und dem gegenüber steht die Zahlung von Grundsicherung für Arbeitslose, auch richtig?“ „Auch richtig. Und wie passt das nun zusammen?“ „Eine Verpflichtung besteht nicht darin, dass Arbeitslose freiwillige Tätigkeiten aufnehmen – die sind ja freiwillig, nicht wahr? – sondern, dass man Sie zwingen kann, sich zu dieser freiwilligen Tätigkeit zu melden.“ „Mich freiwillig zu melden?“ „Nein, eben nicht! Nicht freiwillig zu melden – die Tätigkeit, die ist dann wieder freiwillig. Haben Sie verstanden?“ „So ungefähr. Aber die Anerkennung für die freiwillige Tätigkeit, die gilt dann wieder?“ „Gotteslohn.“ „Aber diese Arbeitslosen, die man da beschäftigt…“ „… sind dann ja gar keine Arbeitslosen mehr, weil sie dank der freiwilligen Tätigkeit ja auch arbeiten.“ „Das ist doch aber keine Arbeit, das ist freiwillige Tätigkeit. Die sollen doch…“ „Papperlapapp, die haben keine Zeit mehr für andere Sachen – da reicht dann eben ein Euro.“ „Für eine gemeinnützige Tätigkeit, die einen ganz normalen Job ersetzt?“ „Eben nicht, es handelt sich doch um eine freiwillige Tätigkeit. Das muss man halt auch entsprechend honorieren, wenn sich jemand dafür freiwillig meldet.“ „Und wenn er sich als Arbeitsloser unfreiwillig meldet?“ „Dann ist das eben unfreiwillig – und warum sollte man denen, die sich nicht einmal freiwillig melden, dann auch noch freiwillig etwas bezahlen? Na!?“

„Gut, argumentieren wir mal von der anderen Seite. Diese Arbeitslosen, die die gemeinnützigen Tätigkeiten nun unfreiwillig ausüben, bekommen also kein Geld, während diejenigen, die freiwillig, also nicht wegen des Geldes, arbeiten, dafür eine finanzielle Anerkennung erhalten sollen. Ist das nicht vollkommen paradox?“ „Ich sagte bereits, es handelt sich um Gotteslohn. Ein bisschen religiösen Anstrich darf sich diese Bundesregierung – jetzt seien Sie doch nicht gleich wieder so empfindlich! Wir müssen uns langfristig eben auch mal anders orientieren und die materiellen Anreize von Werten wie Arbeit abkoppeln.“ „Wir sollen den Arbeitslosen also keinen Lohn mehr zahlen, damit sie sich freiwillig…“ „Das sind alles Materialisten, die arbeiten bloß noch fürs Geld. Das kann unsere Wirtschaft auf Dauer gar nicht mehr vertragen.“ „Warum nicht?“ „Weil dann keine Gewinne mehr vom Umsatz übrig bleiben.“

„Wenn man Arbeit und materielle Werte trennte, wäre man aber schnell bei einem Grundeinkommen, oder?“ „Im Gegenteil. Das demonstriert Ihnen die Politik ja sehr schön: hier werden großzügige Pensionen ausgezahlt, obwohl die dazugehörigen Politiker keine Ämter mehr ausüben.“ „Man muss das eben trennen können, verstehen Sie. Geld und Leistung.“ „Ah, ja. Verstehe. Die einen leisten etwas, die anderen leisten sich etwas.“ „Sie haben’s begriffen!“ „Ich frage mich nur, wie das alles mit den Werten der bürgerlichen Koalition in Einklang zu bringen sein soll.“ „Kein Widerspruch. Natürlich ist Angela Merkel wertorientiert. Umfragewerte interessieren sie durchaus.“

„Gut, aber jetzt müssten wir genauer eruieren, welchen Wert die Bundesregierung eigentlich der Arbeit zubilligt.“ „Das ist eine für die Gesellschaft sehr stabilisierende…“ „Es ging um Erwerbsarbeit, wenn ich das präzisieren darf.“ „Unterbrechen Sie mich nicht dauernd! Arbeit ist eine für die Gesellschaft sehr stabilisierende Angelegenheit, da sie die Selbstverwirklichung der Bürgerinnen und Bürger ermöglicht.“ „Sie hat eine durchaus positive Wirkung auf den Menschen?“ „Man kann sie als ein Geschenk für unsere Bürgerinnen und Bürger betrachten, da sie…“ „Wenn sie ein so erfüllendes und beglückendes Wesen ist, suchen die Menschen sie also freiwillig?“ „Aber natürlich, jeder Bürger wird doch darum bemüht sein, dieses Glücks auch teilhaftig zu sein und zu…“ „Und wird damit einem weniger strebsamen Bürger nicht die Möglichkeit genommen, sich in die Gesellschaft einzubringen?“ „Man könnte es so sehen, ja. Allerdings…“ „Dann müssen Sie mir noch eins erklären: wenn Arbeit das Glück dieser Gesellschaft ist, warum werden dann Arbeitslose dazu gezwungen?“ „Wussten Sie eigentlich, dass fast die Hälfte aller Hühnereier aus dem Ausland kommen?“

„Aber jetzt mal ernsthaft. Seit über einem Jahr warten wir darauf, dass von der Leyen mal ihre Arbeit macht und an die Kinder denkt.“ „Tut sie doch. Ständig. Allerdings bloß an ihre eigenen.“ „Und dann würde mich mal interessieren, ob die Frau weiß, was sie da anrichtet?“ „Aber natürlich. Sie hat Erfahrung damit. Schließlich ist das ihr Beruf.“ „Sie meinen, die verdient mit diesem Mist auch noch Geld?“ „Natürlich bekommt sie Geld. Oder glauben Sie, die Frau täte etwas freiwillig?“





Viehhandel

24 03 2011

„Herr Minnichkeit, wie bin ich erfreut, Sie hier zu sehen!“ Siegmund Seelenbinder setzte bereits zu einem artigen Diener an, als ich ihn lächelnd unterbrach. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich bin es gar nicht selbst. Minnichkeit schickt mich, um den Chef der Fashion-Abteilung einzukaufen.“ Sein Gesicht zuckte. „Ich muss um Verzeihung bitten. Aber wird sind auch noch nicht fertig, unsere Datenbank wird gerade frisch durchgeputzt. Sie werden einen Kandidaten bei uns finden – wir haben alles, was Sie suchen!“

Ich verkniff mir die Bemerkungen, als ich das Signet von ad hominem an den Türschildern entdeckte. Die Personalfirma hatte sich den Namen selbst gewählt, ich war dafür nicht verantwortlich. „Unser Unternehmen“, belehrte mich Seelenbinder, „arbeitet nach den modernsten Methoden und ist technisch up to date. Sie werden sicher keinen Konkurrenten finden, der sich mit uns vergleichen ließe.“ „Das glaube ich aufs Wort“; gab ich mit einiger Ironie zurück. „Wenn Sie vor allem ein Interesse an technischen Verfahren hegen, sind Sie bestimmt ein großartiger Personaldienstleister.“ Er rümpfte die Nase. „Höre ich da eventuell eine Spur von Kritik heraus?“ Seelenbinder öffnete die Tür und schob mich in den kleinen Raum. „Dann schauen Sie sich einmal das hier an. Und dann reißen Sie die Klappe auf – wenn Sie können.“

Es war eine ganz normale Datenbank, aber ihre Ordnung war ungewöhnlich. „Die intrinsische Motivation ist ein bislang völlig unberücksichtigtes Kriterium. Wir wollten uns nicht damit abmühen, die Fähigkeiten eines Arbeitnehmers zu bewerten – die meisten Dinge lernt man sowieso erst in der Berufspraxis, Sie werden das kennen – sondern ihn nach dem Leistungsprinzip kategorisieren. Wer etwas leisten will, der soll es auch tun.“ Ich war sehr erstaunt. „Das ist ja lobenswert“, antwortete ich. „Meist wird diese Phrase ja nur in Sonntags- und Wahlkampfreden verwendet, denn wer hat heute noch Respekt vor einem Feuerwehrmann und nicht vor einem Investmentbanker?“ Seelenbinder zog eine Braue empor. „Sie sind Romantiker? Hätte ich mir ja denken können. Aber wir sehen das etwas anders. Bei uns haben Idealisten schlechte Karten. Sie sind absolut untauglich.“

Die Suchmaske spuckte binnen Sekunden ein Dutzend hoch motivierter Arbeitskräfte aus. „Der übliche Schrott“, spottete der Personaldompteur. „Die haben teilweise dreißig Jahre lang ihren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten müssen – inzwischen völlig unbrauchbares Pack, das für den normalen Arbeitsmarkt total verdorben ist.“ „Eine interessante Auffassung“, bemerkte ich, „nach der Doktrin dürfte es keine ordentliche Arbeitsbiografie mehr geben.“ „Gibt es auch nicht“, beschied mir Seelenbinder. „Wenn Sie sich dreißig Jahre lang in der Maschinerie geschunden haben, sind auch ihre Qualifikationen egal. Sie sind motiviert, idealistisch und total versaut für die modernen Anpassungen. Sie lieben die Arbeit.“ Ich betrachtete das Auswahlfeld. „Qualifizierte Beschäftigungen haben Sie nicht anzubieten?“ Seelenbinder schüttelte den Kopf. „Würden wir ja gerne, aber wenn wir auf einmal alle freien Stellen besetzten, dann hätte die Wirtschaft keinen Grund, den Fachkräftemangel zu beklagen.“ „Sie meinen also, ein unmotivierter Arbeitnehmer ließe sich in den Arbeitsprozess noch besser einspannen?“ Er nickte. „Wir setzen auf die träge Masse. Das Vieh ist besser als gar nichts.“

Die Datenbank gab derweil jede Menge Output von sich; Estrichleger wurden gesucht und Kellner, Feinpolierer und Stuckateure, lauter ehrenwerte Gewerke. „Es gibt ja kaum noch einen Anreiz für diese Leute“, beschied Seelenbinder. „Natürlich müssen wir mittlerweile von den üblichen Mustern abweichen – es lässt sich kaum noch erzählen, dass es mehr Arbeitsplätze als Arbeitslose gibt, aber das muss uns nicht stören. Wir erweitern einfach das Modell der Anreize. Wenn ein Kandidat zu schnell bereit ist, eine Arbeit zu verrichten, ist die Arbeit zu gut bezahlt – oder der Arbeitnehmer übermotiviert.“ Ich widersprach ihm heftig. „Sie verrechnen sich. Ihr Ansatz ist unlogisch. Einerseits wird von der öffentlichen Hand die Unterwerfung unter den Arbeitszwang gefordert, fernab jeder Qualifikation oder Qualifizierung, und dennoch betreiben Sie Ihren Viehhandel: ist die Arbeitsbereitschaft erst einmal erzwungen, kann man an den Konditionen immer noch drehen. Wie passt das zusammen?“ Seelenbinder lächelte herablassend. „Wir fassen die Gier dieser Gesellschaftsschicht, mehr als ihre Grundsicherung haben zu wollen, als verderblich auf. Gleiches Recht für alle – warum soll nicht ein Fabrikarbeiter mit denselben Vorverurteilungen zu kämpfen haben wie ein Manager?“ „Ich dachte es mir schon“, gab ich zurück. „Ist der Mensch schlecht, freut sich das Geschäft. Freie Geister hat eine Diktatur nicht gerne in ihren Reihen.“

Seelenbinder tippte ein paar Dinge in die Tastatur und wartete, bis der Computer die Ergebnisse ausspuckte. „Hervorragend“, jubelte er. „Wir können Ihren Fashion-Menschen sofort mit einem Dutzend Bewerber bestücken. Was wollen Sie?“ „Ich denke, ich…“ „Halt!“ Er machte eine beschwörende Geste. „Hier ist er: Erfahrung in subalternen Tätigkeiten, keine Berufsausbildung, keinerlei sozialversicherungspflichtige Arbeit, für qualifizierte Aufgaben vollkommen ungeeignet, charakterliche Defekte im Randbereich, absolut motivationsfrei – wollen doch mal sehen, was das ergibt.“ Er fingerte ein bisschen an den Tasten herum und erblich plötzlich. „Idealberuf: Politiker!“





Rien ne va plus

15 03 2011

„… hatte das Landgericht Köln entschieden, dass die Empfänger von Hartz-IV-Leistungen keine Lottoscheine mehr kaufen dürften, da sie vor Glücksspielen geschützt werden müssten und…“

„… forderte von der Leyen den Stopp der ALG-II-Auszahlung, bis der Anteil an Glücksspielen aus dem Regelsatz herausgerechnet sei. Man könne, so die Arbeitsministerin, wenn man auch an die Kinder denke, keinem Arbeitslosen, wenn man an die Kinder denke, an die Kinder denke, an Kinder, Kinder, Kinder, Kinder…“

„… verwahrte sich Seehofer gegen Vorwürfe, die Hartz-IV-Empfänger respektlos zu behandeln. Respekt müsse man sich erarbeiten, woran das faule Pack aber natürlich wegen seiner kommunistischen Gesinnung nicht einmal im Traum…“

„… in der Pressemitteilung richtigstellte, es gehe primär gar nicht um Hartz-IV-Empfänger, sondern gemäß §8 Abs. 2 Glücksspielstaatsvertrag um Personen, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen oder Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen oder Vermögen stehen, beispielsweise Aufstocker, Hartz-IV-Empfänger oder…“

„… wurden erste Proteste laut, man könne den Bürgern schließlich nicht nachweisen, dass sie Leistungen nach SGB II erhielten. Das Präsidium der CDU urteilte einmütig, man müsse beim Verdacht, dass jemand verdächtig sei, verdächtig zu sein, immer davon ausgehen, er könne, da er ja zweifelsohne schuldig ist, auch…“

„…betonte Schäuble nochmals, dass Lottospiel kein anerkannter Beruf sei, weshalb sich die Minderleister zusätzlich noch der Schwarzarbeit strafbar machten, wenn sie ohne Genehmigung…“

„… kündigte Schwesig erbitterten Widerstand gegen eine neuerliche Kürzung der Bezüge an, da bereits der letzte Kompromiss vollkommen an den Bedürfnissen der Menschen in diesem Land…“

„… ob man Arbeitslose im juristischen Sinne überhaupt noch als geschäftsfähig betrachten müsse, schließlich seien sie für den Markt ohnehin vollkommen nutzlose…“

„… denen die Unbedenklichkeitserklärung der ARGE ausgestellt werden muss: wer hinfort an Lotto, Toto oder Rennquintett teilnehmen will, braucht das Schreiben der Behörde, die meist schon innerhalb weniger Monate…“

„… ist es nach der neuen Gesetzeslage natürlich nicht einfach damit getan, auch den Bankern die Lotterie mit Euro und faulen Finanzprodukten zu verbieten, da sie für einen Ausfall nicht selbst haften und daher als schuldlos zu…“

„… die Wogen zu glätten versuchte. Anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung über das Kölner Abwassersystem sagte Wulff, dass Hartz IV zu Deutschland gehöre, sei eine Tatsache, die sich historisch…“

„… für Empörung, dass die Stadt Köln ihre Finanzen aufzubessern versuchte, indem sie Hartz-IV-Empfänger dazu überredete, in Sportwetten zu investieren. Dutzendweise verhängte die Justiz das Ordnungsgeld in Höhe von 250.000 Euro, so dass neben der Restaurierung des Stadtarchivs…“

„… im Zuge der Verfassungsänderungen dieser Legislatur den Artikel 1 Grundgesetz anzupassen: ‚Die Würde des sozialversicherungspflichtig beschäftigten deutschen Staatsbürgers ist…‘“

„… bezeichnete Schwesig es als Hohn, auf dem Rücken der sozial Benachteiligten eine weitere Verschärfung zu beschließen, ohne die SPD…“

„… eben nicht jedem, wie FDP-Generalsekretär Lindner betonte: die freie Marktwirtschaft heiße so, weil sie eine Marktwirtschaft für Freie sei, sonst hieße sie ja parasitäre…“

„… klärte das Gericht, dass der für Leistungen nach SGB II zusammengestellte Warenkorb bindend sei – entsprechend stelle der Erwerb von Tabakwaren durch Grundsicherungsempfänger nun wenigstens eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit Leistungskürzungen…“

„… konnte sich von der Leyen durchaus vorstellen, die zu erwartenden Gewinne in den Sozialhaushalt zu überführen. Zugrunde gelegt, dass alle Arbeitslosen täglich an allen verfügbaren Lotterien teilnähmen, um ihrer gesetzlichen Mitwirkungspflicht nachzukommen, ergäbe sich bereits ohne Gewinn eine Summe von monatlich 5.850 Euro, die jeder Hartz-IV-Empfänger auch durch Pfändung zurückzuzahlen…“

„… da aus dem Hartz-IV-Regelsatz schon der Alkohol gestrichen wurde, was faktisch einer Gleichsetzung mit Muslimen gleichkomme. Schon zum Bürokratieabbau sei es dringend geboten, beide Bevölkerungsgruppen mit einheitlich diskriminierendem Verhalten zu…“

„… auf den Kölner Amtsrichter Alfons U. (56) zurückfiel, der seiner wegen einer chronischen Erkrankung arbeitslosen Tochter ein Rubbellos zum Geburtstag schenkte und nun wegen Anstiftung zum Sozialhilfemissbrauch von der Boulevardpresse zur Höchststrafe verurteilt…“

„… Zustimmung fand, dass von der Leyen für die Hartz-IV-Lotterie ausschließlich Ein-Euro-Jobs und Bildungsgutscheine in Aussicht stellte, da nach Ansicht der Sozialexperten Diekmann und Sarrazin Arbeitsscheue mit Bargeld gar nicht umgehen…“

„… gab das Innenministerium bekannt, die Datenbank, die alle spielberechtigten Bürger ausweise, sei leicht aus den bei der Volkszählung erhobenen Auskünften zu erstellen, so dass bereits die obligate Ausweiskontrolle beim Betreten eines Ladenlokals neben Vorstrafen, Religion und Nationalität den Status der Transferleistungen…“

„… wenngleich Schwesig dagegen votierte, da ihr die Einschnitte noch nicht weit genug gingen und erhebliche Einsparpotenziale in die…“

„… weshalb Westerwelle eine dem Judenstern nachempfundene Markierung empört ablehnte. Der Vorsitzende der NSDAP-Nachfolgeorganisation bezeichnete einheitliche Aufnäher für Arbeitslose als puren Sozialismus. Er als FDP könne nicht…“

„… wies ein Sprecher des Gerichts darauf hin, es stehe den Empfängern von Transferleistungen selbstverständlich frei, Wetten im Internet zu…“





Prêt-à-porter

22 02 2011

Das Model stakste wie ein übermüdeter Storch durch den leeren Saal, ungeschminkt und mit dem blasierten Gesicht, das man ihr aufgeschraubt hatte. Der abgeschabte Wintermantel hing ihr um die knochigen Schultern wie ein Mehlsack. Hübschler lehnte sich lässig zurück. „Die Kleine kommt gut. Sieht voll scheiße aus, sehr authentisch. Wie eine echte Arbeitslose.“

Zwei Stylisten zupften an der dürren Blondine herum, der nun hastig eine unförmige Strickmütze übergestülpt und krummgelaufene Stiefel an die Füße gestopft wurden. Sie ließ es sich gefallen; wie eine Lumpenpuppe pendelten ihre Arme, sie war völlig willenlos. „Das wird der Oberknaller!“ Der Modeschöpfer blickte zufrieden auf sein Werk. „Sie werden uns die Kollektion aus den Fingern reißen auf den großen Shows – Magdeburg, Bremen, Berlin.“ „Magdeburg?“ Ich war irritiert. „Ich hätte eher Mailand erwartet, aber warum Magdeburg?“ „Weil Sachsen-Anhalt nach wie vor eine der Hochburgen für sozial Schwache ist. Sollen wir die Show jetzt ins Starnberg machen, wo die ganzen Kaltgestellten eh nichts zu suchen haben?“ Er ging ein paar Schritte auf und ab, fingerte an seiner Sonnenbrille und rief den Helfern zu: „Wenn das zu spektakulär aussieht, holt das Teil in Dunkelgrau. Ich finde, sie sieht sowieso viel zu gesund aus. Klatscht ihr ruhig ordentlich was aufs Gesicht!“

Die Kleiderständer hinter dem Vorhang trugen eine Menge verschlissener Klamotten, verblichene Hosen und ausgeleierte Strickjacken, hier und da ein Hemd, das bessere Tage gesehen hatte, und sehr viel unförmige, altmodische, drittklassige Schnitte. „Das ist nicht einfach nur Vintage, ja? Das ist eine neue Definition meiner Kunst. Meiner Message, ja? Ich erfinde damit das Prêt-à-porter total neu als eine soziale Aussage, als eine tragbare soziale Plastik. Das hat es doch noch nie gegeben!“ Ich fuhr mit dem Finger an einer Reihe Strickwaren entlang, die einen leichten Staubflaum in die Luft abgaben. „Sagen Sie mal, Hübschler…“ Sofort richtete er sich auf und fauchte mich an. „Für Sie immer noch Hüübschler, ja?“ „Doktor haben Sie zufällig keinen“, biss ich zurück. Er beruhigte sich schnell wieder. „Es geht nicht darum, Kleidung als einen Ausdruck von Individualität zu tragen, das muss ich Ihnen doch nicht erklären?“ Ich winkte ab. „Nein, durchaus nicht. Ihr Veranstalter hat mir erklärt, dass es um Kleiderkammern für Arbeitslose geht. Individualität wird man da nicht erwarten.“

Der abgewetzte Mantel hing in etlichen Farben auf den Bügeln: Anthrazit, Flaschengrün, Braun, Schwarz und Braunschwarzgrüngrau. Wie die Dienstgrade einer Uniformreihe sahen die schlaff und teigig geschnittenen Kleidungsstücke aus. Da fiel mir plötzlich eine aufgescheuerte Stelle am rechten unteren Saum auf – ein kleines Loch, das sich bis ins Futter durchfraß, immer bereit, wie eine Wunde aufzuribbeln und den Träger dieses Mantels peinlich bloßzustellen. Zu meinem Erstaunen zeigte jedes Stück, schwarz und braun, dasselbe Loch. „Logisch“, bemerkte Hübschler. „Wir arbeiten eben mit dieser Bricolage – wildes Denken, ja? Man nimmt, was da ist, weil, viel ist nicht da. So ein Hartz-IV-Ding. Wenn wir diese Klamotten für die Arbeitslosen herstellen, dann sollen die auch so aussehen wie die gesellschaftliche Unterschicht.“ „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass Sie die Löcher in die Wintermäntel scheuern, damit die Menschen sich damit deklassiert vorkommen?“ Er schnappte zurück. „Deklassiert? Wo denken Sie nur hin? Wissen Sie eigentlich, was es kostet, die ganze Lieferung mit der Drahtbürste zu zerscheuern!? Das grenzt an spätrömische Dekadenz!“

Chouchou (wie auch immer sie wirklich hieß) zog gerade einen zwanzig Jahre alten Pullover an. „Sie lassen diesen Einheitslook nachproduzieren für Käufer, die sich nichts Besseres leisten können?“ Hübschler gluckste. „Nichts Besseres? Mann, wachen Sie mal auf! Die Hose da kostet uns im Einkauf schon mehr als einen Regelsatz, ohne die Subventionen der Armutsverwaltung kämen wir da gar nicht hin!“ Ich blickte ihm hart ins Gesicht. „Sie bereichern sich auf Kosten der Armutsverwaltung.“ „Kleider machen Leute“, grinste er, „und ich werde gut bezahlt dafür. Außerdem ist die Produktion ein enormer Kostenpunkt – ohne die Vermittlung des Außenministers wären wir nie an Näher in Birma gekommen, und das ist doch eine enorme Hilfe für den Markt in Deutschland, ja?“

Hübschler schob die Kleider auf der Stange hin und her, um ein neues Outfit für das Mädchen zu finden; wahrscheinlich sah nichts ärmlich genug aus. „Sie entwerfen eine Uniform für Arbeitslose, damit sie ihr Stigma in den öffentlichen Raum tragen – kostspielig genug aufgebaut, nicht mit einem Zufall zu verwechseln. Was wollen Sie damit erreichen? Besteht Ihre soziale Plastik darin, dass man angewidert die Straßenseite wechselt, wenn man jemanden in diesen Fischgrätfeudeln vor sich sieht?“ „Es dient der Emanzipation“, verteidigte sich Hübschler. „Die werden ein Gruppengefühl entwickeln, ja? Da bin ich mir sicher. Damit kann man sich nicht mehr verstecken. Dann wissen die doch wenigstens, wofür man das trägt. Glauben Sie denn, wir machen das hier alles umsonst?“

Der anthrazitfarbene Mantel hatte einen kleinen Haken an der Brust, zwei kleine Häkchen, man fühlte es, wenn man mit den Fingern über den Stoff strich, links, da oben. Der flaschengrüne, der braune auch. Auch der schwarze. Chouchou schob mir müde den Schuhkarton über den Tisch. Es waren Sterne, sauber gesäumt, und wir wussten, wozu.





Bremsspur

9 02 2011

„Noch mal Fünftausend? Und die dürfen wir dann auch nicht entlassen nach der Auftragsspitze? Doch, das wird schon gehen. Wir unterstützen diese gesetzlichen Regelungen in vollem Umfang, das können Sie uns glauben. Vollkommen. Wir werden uns bereit erklären, die Zeitarbeitskräfte in unserem Unternehmen ab dem vollendeten dritten Monat mit den Festangestellten ganz und gar gleichgestellt sind. Und Sie halten gefälligst die Füße still, wenn wir die Leute nach zehn Wochen rauswerfen.

Das halte ich für nicht praktikabel. Schauen Sie, wir haben den Arbeitsmarkt geöffnet und erstmals geschafft, dass wieder Menschen in Arbeit integriert wurden, die vorher keinen Job hatten. Also solche, die wir entlassen hatten. Wegen der hohen Löhne. Sie werden doch wohl einsehen, dass wi8r auch auf unsere Kosten kommen müssen. Fünfundzwanzig Prozent Rendite, sagt der Herr Westerwelle, sonst lässt er sich von uns nicht mehr bezahlen. Ja, da schauen Sie – der hat eben Nehmerqualitäten. Aber wir können doch unsere Autos nicht einfach so auf den Markt werfen und darauf hoffen, dass sie Leuten gekauft werden! Das Risiko – glauben Sie, dafür steht einer gerade? Wir? Wieso denn wir?

Machen Sie sich das klar, unser Unternehmen steht unmittelbar vor dem Konkurs. Natürlich, ohne die freundliche Unterstützung des Bundeshaushalts würde es uns noch sehr viel schlechter gehen. Wir müssten unser Dreilitercabrio vielleicht um eine Saison nach hinten schieben, und ich frage Sie, wer will das. Sie vernichten hier massiv Chancen – und ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass das auf Kosten der Leistungsträger geht. Wir müssen unsere Steuern nicht hier hinterziehen, wir können auch nach Liechtenstein.

Aus Gründen der Solidarität! Wir stellen doch diese bildungsfernen Idioten nicht ein, damit sie unsere großartigen Autos zusammenbauen, wir erfüllen damit die nationalen Erwartungen an unsere Verantwortung! Und damit sich das für uns irgendwie rechnet, müssen wir die anderen Stellen natürlich mittelfristig reduzieren und in die neuen Arbeitsschwerpunkte aussiedeln. Schauen Sie mal, die in Bangladesch wollen ja auch irgendwie leben, und wenn man mal ausrechnet, was die Jungs sich für hundert Euro im Jahr alles kaufen können, dann sollten Sie diesen humanitären Aspekt nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, meinen Sie nicht?

Man braucht überall einen gewissen Anteil an Angestellten, um auf die Marktschwankungen reagieren zu können. Flexibilität hat ihren Preis, nicht wahr? Das ist eben so, daran werden wir uns alle gewöhnen müssen, Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Börse. Das ist Globalisierung.

Natürlich brauchen wir die Billiglohnländer. Keine Frage. Denken Sie sich doch mal eine Lage wie in Ägypten oder Thailand, nur eben so, dass die Bevölkerung nicht sozial benachteiligt wäre im Vergleich zum… ist sie schon? Gegenüber dem Mittelstand? Donnerlittchen, das hätte ich jetzt gar nicht gewusst! Und Sie meinen wirklich, diese Unruhen hätten auch soziale Gründe? Man kann nicht vorsichtig genug sein! Aber wie gesagt, wir brauchen solche Länder. Wir brauchen auch diese Arbeitsbedingungen. Stellen Sie sich mal eine Welt vor, in der es keine Kinderprostitution mehr gäbe wegen der Versorgungslücke zwischen Teppich- und Turnschuhfabrik – was sollten wir denn auf internationalen Konferenzen noch anprangern? Ich meine, wir können doch schlecht Vorschulkinder zum Schneefegen schicken, nur damit Westerwelle endlich mal Ruhe gibt? Und was machen wir mit dem Lohnabstandsgebot? Wollen Sie eigentlich den Aufschwung oder wollen Sie Deutschland wieder auf der Bremsspur? Liegt Ihnen denn gar nichts an dieser Volkswirtschaft?

Sehen Sie es mal von der Seite der Arbeitgeber: wenn wir über diverse Wirtschaftsheißluftinstitute verlautbaren lassen, dass das der Aufschwung ist, dann meinen wir damit: unseren Aufschwung. Wenn wir den Aufschwung für die am Fließband meinen, dann sagen wir das rechtzeitig, ja? Sobald die Kreditreserven wieder Vorkrisenniveau haben – wobei, das haben sie ja. Ist ja wieder vor der Krise.

Unterschätzen Sie jetzt nicht unseren Einfluss. Die Automobilindustrie war immer fortschrittlich und erfolgreich. Und absolut eigenständig. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir unsere Belegschaft weiter von Zeitarbeitsfirmen ausleihen. Wir sind immer noch Wirtschaftselite.

Mehr als die Stammbelegschaft? Aber wozu denn? Zahlen Sie einer Aushilfe mehr als den fest angestellten Arbeitnehmern? Also das sind doch sozialistische Spinnereien! Sie wollen uns doch nicht drohen? Wir sollen den Zeitarbeitern einen Risikoaufschlag zahlen, dass sie uns in Engpässen aushelfen? Weil wir für Flexibilität sind? Was meinen Sie damit, wir müssen uns als Arbeitnehmer auch daran gewöhnen? Die Börse? Was, das ist Globalisierung? Wenn wir nicht so kurz vor der Pleite wären, dann würden wir hier aber andere Saiten aufziehen, das schwöre ich Ihnen!

Also wir haben uns da verstanden, ja? 370 Euro für die Hartz-IV-Bezieher, und dann halten Sie beim Thema Zeitarbeit die Schnauze? Abgemacht? Sehr gut. Ich wusste, mit Ihnen kann man reden.“