Patentrezept

28 09 2016

Er sah wirklich bemitleidenswert aus, wie er sich am Gartenzaun festhielt. Horst Breschke schniefte und keuchte. „Das ist der kühle Sommer dieses Jahr“, jammerte er, „würde er nicht so lange dauern, ich hätte mich nie erkältet.“ Ein gewaltiger Nieser schüttelte den Alten durch. Keine Frage, hier war medizinische Hilfe vonnöten.

Willig ließ sich Breschke die Kastanienallee entlangführen, zwischendurch mehrmals kräftig ins Taschentuch schnaubend. Einmal musste er sich noch am Zaun abstützen, die übrige Zeit hatte ich ihn am Arm. „Meine Frau hatte es vergangene Woche“, teilte er mir mit heiserer Stimme mit. „Aber bei ihr ist es schneller abgeklungen, sie ist ja gerade bei unserer Tochter zu Besuch.“ Die Vermutung lag nahe, dass vor allem seine aktuelle Lage als Strohwitwer zwar nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt, ihr wohl aber den Weg geebnet hatte. Im vorigen Jahr hatte der pensionierte Finanzbeamte volle zehn Tage lang auf der Couch geschlafen, lauwarmen Tee getrunken, kaum den Garten aufgesucht, obwohl es im Haus nicht eben kühl war dank der Julitemperaturen, und er hatte nur jeweils einmal einen kurzen Gang vor die Tür gewagt, wenn Bismarck ihn lange genug vom Flur aus angeschaut hatte, weil er einen ganzen Tag lang warten musste. Die Krankheit fühlte sich offenbar recht wohl in Breschke, und es schien mir, als wäre es umgekehrt wohl halbwegs auch der Fall.

„Da ist es“, befand er, und ich kam nicht umhin, ihm sofort zu widersprechen. „Doktor Klengel ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier“, erklärte ich mit Blick auf das neue Türschild. Die Kinderärztin im ersten Stock würde ihn sicher nicht behandeln, und im zweiten Stock saß die Nachfolgerin unseres aus Altersgründen nicht mehr praktizierenden Allgemeinmediziners. „Sie wollen doch wohl nicht…?“ „Aber es ist doch seine Praxis“, beharrte Breschke, „und wahrscheinlich werden sie alle Akten behalten haben, da kann ich doch nicht so einfach zu einem anderen Arzt gehen.“ Ich seufzte auf. Dann eben zur Heilpraktikerin.

Das Wartezimmer war angenehm leer, wir mussten nur knapp eine halbe Stunde warten, bis Frau Trummschneider uns hineinbat, das heißt: Breschke bat sie, mich nahm sie mit knirschenden Zähnen hin, weil der Alte darauf bestand. Bestimmt hatte sie sich noch einmal ordentlich auf den neuen Patienten vorbereiten müssen – die Klangschalen mit linksgerührtem Mondwasser desinfizieren, die Fichtennadeln in konzentrischen Kreisen rund um die Badewanne auslegen, alle Globuli nach Größe und Geschmack sortieren – und schien jetzt für jede lebensgefährliche Krankheit gerüstet. „Schlafen Sie nachts manchmal schlecht“, fragte sie. „Und ob“, hüstelte Breschke. „Ich lutsche vor dem Einschlafen noch mal ein Halsbonbon, aber…“ „Ich meine“, unterbrach sie ihn gereizt, „ob Sie generell schlecht schlafen?“ Unser Patient schien die Anamnese nicht so recht zu begreifen. „Da müssen Sie meine Frau fragen“, antwortete er, „sie kriegt davon mehr mit – ich schlafe ja meistens die ganze Nacht.“ Ich sah mich im Zimmer der Wunderheilerin um; auch hier war der vertraute Pillenschrank, und ich meinte, es hätte sich sogar um das von Klengel nachgelassene Möbel gehandelt. „Geben Sie ihm doch einfach etwas zur Linderung“, regte ich an, „dann sind Sie uns schnell wieder los. Und ich sorge auch dafür, dass er sie nie wieder aufsuchen wird.“ Sie rümpfte die Nase. „Wie stellen Sie sich das vor“, murrte sie. „Es gibt doch kein Patentrezept gegen Krankheit, ich muss zuerst seine spezifische Situation in Erfahrung bringen, ob es derzeit Faktoren gibt, also nicht seine Frau, die…“ „Wir haben einen Hund“, unterbrach Breschke schüchtern.

Trummschneider konsultierte vorerst ein dickes Nachschlagewerk, in dem mutmaßlich sämtliche grob nach einem grippalen Infekt aussehenden Erkrankungen aufgeführt waren. „Wir könnten eine Gemüsesaft-Therapie beginnen“, empfahl sie, doch der Kränkelnde blieb skeptisch. „Das kann sogar bei manchen Krebsarten positiv auf die…“ Schon hob er abwehrend die Hände. „Nein“, stammelte er, „das will ich nicht! Am Ende bekomme ich noch etwas viel Schlimmeres bei Ihrem Gemüsezeug!“ „Vielleicht haben Sie Ihre Gemüseextrakte ja als Tabletten“, empfahl ich. „Dann würde wenigstens die Dosierung stimmen.“ „Ich behandle in so einem Fall ausschließlich homöopathisch“, gab sie zurück, deutliche Herablassung in der Stimme. „Sie wissen wohl nicht, wie das funktioniert?“ „Wenn Sie eine niedrige Dosierung bevorzugen“, überlegte ich, „warum geben Sie ihm dann nicht einfach ein Gramm Sellerie?“ Verärgert schlug sie das Buch zu. Schon war sie beim Entscheidenden Teil angelangt. „Ich berechne für die zweiwöchige Behandlung mit Bio-Pflanzenanwendungen einen Betrag von…“ Erkältung hin oder her, der Pensionär sprang auf und griff nach seinem Hut. „Ich bin versichert“, schrie er aufgebracht, „und jetzt soll ich für Ihren Hokuspokus noch einmal zahlen? Das werde ich nicht! Kommen Sie, wir gehen!“ Ein gewaltiger Hustenanfall schüttelte ihn noch im Vorzimmer durch. „Ich werde Ihnen das Handwerk legen!“

Das kleine Mädchen mit dem deutlich geröteten Ohren sah Breschke aufmerksam an. Irgendwo im Hintergrund quengelte ein Säugling. „So“, sagte die resolute Ärztin, „ich habe Ihnen das Rezept dafür ausgedruckt. Sie kümmern sich um ihn, ja?“ Sie reichte mir ein gefaltetes Blatt und drückte meinem hüstelnden Schützling kräftig die Hand. „Wir kriegen Sie schon wieder auf die Beine. Und meine Hühnersuppe hat garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXIII): Heilpraktiker

6 01 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zeichnet den Hominiden zweierlei aus. Zum einen begreift er die Endlichkeit des Seins und weiß sie in logische Zusammenhänge zu bringen – Vollkontakt mit dem frustrierten Mammut, Verzehr giftiger Pflanzen, intermittierendes Eindellen des Frontschädels, alles setzt der aktuellen Inkarnation ein mehr oder weniger rasches Ende. Der stets wache Erfindergeist ist das andere, die Neigung, gegen das Ableben allerhand Mittel und Wege zu sehen und von einer Generation zur nächsten zu kommunizieren. Der Mensch akzeptiert nicht die Geworfenheit, er lehnt sich kreativ dagegen auf, ihm mangelt es nicht an Ehrgeiz, im Experiment die Welt in ihre Schranken zu weisen. Als höchste, als letzte Instanz entwickelt er sich zum Arzt, der dem Tod die Stirn bietet. Immense Hürden auf dem Weg zum Mediziner nimmt, wer neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Begabung eine umfassende Allgemeinbildung sein Eigen nennen darf. Der Rest wird dann eben Klempner. Oder Heilpraktiker.

Die Heizdeckenverkäufer des Medizinbetriebs – ein idealer Beruf für alles, was bereits als Spülhilfe oder Anwalt versagt und dreimal den Taxischein nicht gerissen hat. Denn jedes Schimmelhirn darf sich in diese parasitären Dehnungsfuge zwischen Bademeister und Abdecker klemmen, da lediglich zwei Griffe zur Ausübung nötig sind: Handauflegen und Handaufhalten. Um die gröbsten Schäden am Material abzuwehren, stellt die Prüfung sicher, dass der angehende Quacksalber deutlich weniger an Kenntnissen besitzt als eine durchschnittliche Sprechstundenhilfe, um dem zurechnungsfähigen Teil der Population im letzten Augenblick die Flucht zu ermöglichen. Immerhin, zu seiner eigenen Sicherheit popelt er am Patienten unter der Auflage, die gravierenden Fälle zu erkennen – mit der Konsequenz, dass der Kurpfuscher nach gründlich versaubeutelter Kur alles leicht von der Backe kriegt, damit der richtige Arzt die gröbsten Schäden auf dem Weg zum Exitus ausputzen darf.

Oft und gerne genommen bei gut und gläubigen Deppen ist die sanfte Medizin, derart sanft, dass jeder Nachweis schreiend vor der Messbarkeit wegrennt. Offenbar besteht die wissenschaftliche Medizin ausschließlich aus Amputation, Exzision, Vivisektion und wird auch bei Schnupfen oder Schlafstörungen angewandt. Ein komplementärer Therapieansatz – Komplementärmedizin ist im reinen Wortsinn zu verstehen als das Gegenteil aller Vorstellungen von Zivilisationsteilnehmern, die noch alle Tassen im Schrank haben – wie etwa Pendeln, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Homöopathie jedoch, ähnlich effektiv wie der Versuch, ein aus verleimtem Würfelzucker gebasteltes Modell des Petersdoms mit Hilfe böhmischer Ukulelenmusik in Rotation zu versetzen, hat die gewünschte Nebenwirkungslosigkeit. Und schadet er nicht der Krankheit, dann ist alles gut. Stoßen traditionelle Methoden auch oft an ihre Grenzen – es mag sich seit der Steinzeit bewährt haben, bei Migräne in Säbelzahntigerauswurf zu baden, authentisch ist die Angelegenheit jedoch nicht mehr zu lösen – so ist doch die Sanftheit der Heilmethode ein noch viel schöneres Placebo.

Es ist tatsächlich nicht viel mehr als der uralte Wunderglaube, dass der Schamane mit seinem Gesundgebete, der mittelalterliche Medicus in der verschwiemelten Irrationalität ein Mana festschraubt, das jenes höhere Wesen, das wir verehren, zwischenzeitlich leicht gelockert hatte, weil der Bekloppte sich im Raum-Zeit-Kontinuum verdödelt. Oder weil in der Apothekerzeitung die richtige Symptomatik abgedruckt war, die dem durchschnittlichen Masochisten für ein Selbstbau-Syndrom ausreicht. Der Beknackte geht im Schutz der eigenen finanziellen Möglichkeiten zur Hexe in den Hinterhof, denn wer nur lautstark behauptet, dass er heilt, wird schon Recht haben. Dass die Sache grotesk teuer ist, scheint den Deppen nicht zu stören, schließlich ist skrupellose Preisgestaltung im Medizinbetrieb als Qualitätsnachweis längst etabliert genug, dass sich auch Kurpfuscher an den Zug hängen dürfen.

Kraniosakrales Eigenuringurgeln, ayurvedisches Farbträumen, Geistheilung durch Therapiehamster, keine noch so beknackte Methode, die sich nicht als Elixier gegen Gebrechen jeglicher Art verscherbeln ließe. Das öffnet Raum für immer neue Geschäfte, in denen jeder seine Nische findet, wahlweise als transzendental-ganzheitliches Mysterium, exotisch angehauchter Ethnokitsch für Freizeitrassisten oder pseudowissenschaftliche Weichstapler, deren Aura-Kristall-Analyse-Spektral-Ohrkerzen-Gymnastik schon seit 5000 Jahren in Afrika praktiziert und demnächst durch atomare Frequenzspektrometrie bewiesen wird. Notfalls hält eine alternde TV-Matrone ihre Gesichtslederhaut in die Linse und bekennt sich dazu, mit Halbedelstein-Drainage und Voodoo-Transfusion das Bindegewebe rund um den Schließmuskel wieder in Form gebracht zu haben. Auch hier ist alles sanft, zauberisch, kurz: die Alternativmedizin ist nie mit Wundbrand und vereiterten Backenzähnen konfrontiert und jagt jede Krankheit en passant vom Hof. Der Bescheuerte fragt sich nicht, wozu es Heerscharen an Fachärzten gibt, festmeterweise Fachliteratur zur urologischen Diagnostik oder den Nobelpreis, er ist konditioniert, dem absurdesten Versprechen zu glauben.

Längst haben sich die Scharlatane die seelische Gesundheit der Bekloppten vorgenommen und jubeln ihnen Urschrei und Rebirthing als Pflaster gegen paranoide Schizophrenie unter. Ein Heer selbst ernannter Spezialisten bosselt wirr mit Zwölfzollnägeln und Gottvertrauen an den Dachschäden wehrloser Nachtjacken herum, ohne auch nur eine Stunde medizinisches Fachwissen in die trübe Birne geträufelt bekommen zu haben. Die Hälfte jener Geistheiler könnte selbst einen gebrauchen, die andere Hälfte wäre in den Fingern des Staatsanwaltes deutlich besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mischpoke, so sie sich nicht vorher an energetisiertem Wasser die Ruhr einfängt, der eigenen Branche in die Hände gerät, wo sie Bioresonanz-Haaranalyse, Darmpilz-Channeling oder Feng-Shui-Koniotomie gepflegt in die Biomasse überführen. Alle Zellen schwingen. Die kosmische Harmonie hat sie wieder. Deckel zu.