Herbstbild

4 10 2020

Ein weiches Licht fällt, wo sich Blätter röten
und taucht die Welt in Stille, mild und schön.
Ein Vogel tanzt im Teich auf dünnen Flöten
und singt ein leises Lied vorm Schlafengehn.

Fort sind die Falter. Wenn sie sich vermummen,
vergeht das Farbenblühen im Geäst.
Ein letztes Sirren will auch noch verstummen,
wo Tau aus kalter Luft das Gras benässt.

Aufrauscht der Boden nun: durchs Blattwerk schreitet
der Wanderer, der sacht vorüberzieht.
Es sind die kleinsten Lichter ausgebreitet,
in denen er die Nacht schon nahen sieht.





Herbstlicher Park

23 10 2016

Die Luft ist kalt und weich, und in Bewegung
versetzt sie vor dem Himmel das Geäst,
das mit der allerletzten leisen Regung
die Blätter auf die Wege regnen lässt.

Noch steigt wie leises Lachen dünnes Wasser
aus der Najaden Münder auf im Strahl
und sinkt hinab ermattet, wo ein blasser
von Erz gegossner Trog ruht, tief und fahl.

Doch krönt das Licht, das milde, jene Weiten,
die Hänge und den Bach, der alles teilt,
und will des Tages Höhen sanft geleiten
zu Abend, der im Rot und Golde weilt.





Herbstklang

5 10 2014

Kein Grün tönt mehr die Bäume auf den Hügeln,
kein sanfter Vogel will die Luft durchflügeln,
kein gaukelnd bunter Schmetterling noch schwärmt.

Der Herbst ist eingeritten. An den Zügeln
führt er, den Sommer gründlich wegzubügeln,
ein Blasgerät, das ganz erbärmlich lärmt.





Klagelied, saisonal

17 11 2013

Ach, Furien! Ihr droht mit Wut und Rasen,
dass allen Lebens Hoffnung sinkt in Staub,
wo Euer Zorn will wahnhaft uns zerstören
mit Rache, Blut für Blut, und lautem Röhren,
da Ihr des Herbstes Schmuck, das bunte Laub,
wollt unerbittlich dröhnend von uns blasen.





Herbst

7 11 2010

Kalte, trübe Jahreszeit,
fahl und dämmrig. Nachsaison.
Bis zur Weihnacht ist’s noch weit,
Spekulatius kriegt man schon.
Weg und Wiese liegt voll Laub,
braun und goldig, gelb und rot.
Horch, es raschelt – ach, ich glaub,
drunter liegt der Hundekot.
So bedeckst Du, Nebelmond,
diese Erde, wo man wohnt,
der Du alle Blätter färbst,
Herbst.

Regen prasselt mir aufs Dach,
scharfer Wind pfeift kühl ums Eck,
und ich denk bei mir: ach, mach
dicht die Läden. Sonne: weg.
Kaum, dass man vom Ofen flieht,
mitten in die Pfütze patscht,
Schlagloch sich an Schlagloch zieht,
füllt mit Wasser sich und quatscht.
Obst und Wein und auch das Korn
bringst Du, auch die Luft von vorn,
wie Du mir die Pelle gerbst –
Herbst.

Alles geht, auch das Gefühl.
Alles weint und welkt dahin.
Wie das traurig ist und kühl!
Ach, wie einsam ich nun bin!
Malerisch-dekorativ
muss ich nun mein Schicksal klagen,
leide ganz ostentativ
auch an Sonn- und Feiertagen.
Irgendwann wird’s Frühling werden,
Sommer wieder – hier auf Erden
geht’s so weiter. Biste sterbst.
Herbst.





Herbst

17 10 2009

Der Regen nieselt vor sich hin.
Wie schön, dass ich jetzt drinnen bin.
Ich putze meine Brille
und sehe dort, wie buntes Blatt
vom Baum herabweht, müd und matt
in der Oktoberstille.

Dort draußen wächst der wilde Wein.
Ein Vogel spielt Gesangverein –
schon fliegt er mit den andern
nach wärmern Lüften und verlässt
dies Land. Nun denn, so steht es fest.
Ich geh im Nebel Wandern.





Vom Winde verweht

14 10 2009

Herr Breschke zeigte mir das Gerät von allen Seiten. „Sechstausend Watt, was sagen Sie jetzt?“ Für einen Laubsauger etwas viel, aber es ist ja auch nicht mein Garten. Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, wäre nur zu gerne seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert, doch die einzige Leine, die sich quer über den Rasen spannte, war die Geräteschnur. Schnüffelnd streifte er an der elektrischen Leitung entlang. Nichts. Kein Würstchen weit und breit. Nicht einmal ein ordentlicher Gartenzwerg zum Verbellen.

„Doktor Klengel hat mir auch dazu geraten“, teilte Breschke mir mit, „ich hab’s ja so im Rücken. Da muss man vorsichtig sein, sonst hat man Ischias oder Bandscheibe.“ Breitbeinig watschelte er mit dem Püster die Hecke entlang. „Sie sind ja noch jung, aber wenn Sie das ganze Laub vom Rasen harken müssten, ich sage Ihnen, da würden Sie auch so einen anschaffen.“ Liebevoll streichelte er das Gehäuse. „Hat mir meine Tochter besorgt. Das war viel preiswerter.“ Ich nickte mitfühlend. Breschkes Tochter hatte ein seltenes Talent, so formschöne wie sinnvolle Elektrogeräte für kleines Geld anzuschleppen. Ohne die in Portugal besorgte Stichsäge hätte der pensionierte Finanzbeamte nie so schnell und nachhaltig die Werkbank im Keller zu Splitterholz zerlegen können, ohne die im Internet zum halben Preis geschossene Mikrowelle mit Grill, Bräuner und Flammenwerfer hätte Frau Breschke ihrem Gatten noch länger in den Ohren gelegen, endlich die Küche von Grund auf zu renovieren; der Zimmerbrand beschleunigte die Angelegenheit doch enorm.

Breschke fummelte an den Knöpfen herum. Offenbar klemmte der Stromschalter, denn bis auf ein kleines Britzeln ließ sich nichts vernehmen. „Das klemmt manchmal ein bisschen“, beruhigte er mich, „ist ja noch neu.“ „Sagen Sie mal“, fragte ich vorsichtig, „ist die Zuleitung für den Außeneinsatz geeignet? Und hat das Ding überhaupt irgendwo ein Prüfsiegel?“ Doch er war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Bis jetzt hat’s immer funktioniert. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Herr Gabelstein auf dem Nachbargrundstück den Rasen betrat und einen Laubventilator in Stellung brachte. Daher also wehte der Wind. Breschke schien es gar nicht zu bemerken. Mich ritt der Teufel. „Ja, diese modernen Geräte sind ein Segen, wenn man so viel Laub im Garten…“ „Papperlapapp“, schnitt er mir das Wort ab, „Gabelsteins Pflaume und dann diese klitzekleine Zierkirsche!“ „Immerhin“, sagte ich mit maliziösem Lächeln, „haben Sie dagegen prozessiert, dass von dieser Zierkirsche ständig die Blätter auf Ihren Kiesweg herübergeweht werden.“ Er war sichtlich verärgert. „Aber dann schafft man sich doch nicht so einen Kleinkram an! Das muss man richtig machen: sechstausend Watt! Das nenne ich Leistung! Wollen Sie mal sehen?“

Ich sah wenig, hörte aber um so mehr. Unter ohrenbetäubendem Fauchen blies die Motorharke die spärlichen Hinterlassenschaften der Platane, die vor dem Grundstück am Straßenrand wurzelte, von der Rasenkante. „Sechstausend Watt“, brüllte er mir ins Ohr, „damit ist man in fünf Minuten fertig!“ Er ließ das Gebläse ersterben. „Ist das nicht toll“, schrie er, „damit ist die Gartenarbeit im Herbst ruckzuck erledigt! Wenn Sie auch einen wollen, ich frage meine Tochter mal, ob sie…“ Ich war irritiert. „Sie brauchen mich nicht so anzubrüllen, der Motor ist längst aus.“ Unterdessen hatte sich Bismarck in Deckung begeben; schlotternd saß er unter dem Buchsbaum und erwartete jede Sekunde, dass der Lärm von Neuem anhübe.

Drüben hatte Gabelstein bereits damit begonnen, das Pflaumenlaub zu artigen Häufchen zusammenzublasen. Breschke knurrte wie sein Dackel beim Anblick von Radfahrern auf dem frisch geharkten Gehweg. Ein Griff zum Gehäuse, und der Apparat lief wieder an. Doch statt eine große Säuberung in Angriff zu nehmen, saugte sich der Stutzen plötzlich auf dem Kiesweg fest. Breschke ruckelte und zerrte. „Das muss der Umschalter sein“, rief er, „der Hebel ist etwas schwergängig!“ Ich tastete nach dem Umschalter. Keuchend schlurfte Breschke über den Rasen und stemmte sich dem Gebläse entgegen. Mit einem leichten Linksschwenk hatte er die ebenerdige Vogeltränke geleert; die Mischung aus Sand und Schmutzwasser klebte an der frisch gestrichenen Terrassenwand. Plötzlich knickte er jäh ein und wankte rückwärts gegen den Luftdruck über das Grün; das Gewicht zog die Ansaugvorrichtung nach unten, Breschke mähte streifenweise den Rasen und düste bei der Gelegenheit gleich handbreite Gräben in den Boden. Immerhin, ringsumher war kaum noch eine Spur von Laub zu entdecken. Bei sechstausend Watt war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Mit leichtem Linksdrall lüpfte Breschke die Reste des Schmetterlingsflieders aus der Erde, bevor er den Phlox liquidierte. Das elektrische Rodeo nahm kein Ende. Schon fraß die Maschine sich auf dem Kiesweg voll, dass der Sack sich bedrohlich blähte.

„Tun Sie doch etwas“, schrie Breschke in Panik, „ich kann es nicht mehr ausschalten!“ Ich spurtete zur Steckdose, doch es war zu spät. Die Maschine hatte soeben beschlossen, Schubumkehr einzulegen. Spotzend spie sie Fliederhäcksel in Gabelsteins Rosenbeet und schoss eine Ladung Kiesel in sein Wohnzimmerfenster. Der Nachbar tobte. „Sie Rowdy“, kreischte er und wedelte drohend mit der Gartenkralle über die Grundstücksgrenze, „ich werde Sie anzeigen! Schwerer Landfriedensbruch ist das, in Tateinheit mit grobem Unfug und tätlicher Beleidigung! In Idealkonkurrenz mit seelischer Abartigkeit, jawohl!“

Das Saugwunder hatte schon wieder auf Blasen geschaltet und fegte lärmend über den Rasen, während Breschke konsterniert die Bescherung besah. Röhrend verschwand das Utensil unter dem Buchsbaum und rumorte eine Weile dort herum, bis ich beherzt den Stecker zog. Angenehme Stille trat ein, bis Breschke mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte. „Wo ist eigentlich Bismarck?“