Sternstunden

29 03 2022

Sorgfältig schnitt Herr Breschke die Rasenkante. Wie mit dem Lineal gezogen verlief ein sauberer Saum am Rosenbeet. „So ein herrliches Wetter“, begrüßte er mich im Vorgarten. „Wir können gleich anfangen, die Säcke mit dem Strauchschnitt liegen im Keller.“

Vieles hatte ich erwartet, denn der Hausherr war ja nicht mehr der Jüngste. Eine fiebrige Erkältung, plötzlich einsetzende Gelenkschmerzen, leichter Schwindel durch eine verhobene Bandscheibe, alles das war schon einmal der Grund gewesen, ihm im Haus zu helfen, da plötzlich ein Rollo herabgefallen war oder eine Schublade sich verklemmt hatte. „Sie hatten doch gesagt, Sie könnten gerade nicht aus dem Haus?“ Er nickte. „Deshalb bleibe ich ja auch hier, nur bis zum Zaun – man soll sein Schicksal nie herausfordern.“ Er legte die Schere beiseite und zog die Handschuhe aus. Offenbar fehlte ihm nichts. Was mich sonst gefreut hätte, machte mich stutzig. „Ihnen bereiten zwei kleine Beutel mit Gartenabfall doch keine Schwierigkeiten?“ Breschke schüttelte energisch den Kopf. „Ich bitte Sie“, antwortete er, fast trotzig. „Die trage ich Ihnen eben herauf, und Sie stellen die bloß an den Bordstein, weil morgen früh Abfuhr ist.“ Jetzt begriff ich gar nichts mehr. Würde er sich beim Transport ernstliche Schäden zuziehen? Müsste ich fürchten, er verliefe sich auf dem Rückweg zur Haustür? „Sie werden das sicher für unnütze Vorsicht halten“, beharrte er, „aber ich bin nun einmal wachsam, was Gefahren angeht.“

Kurz war er in den Hauseingang getreten und hatte eine Illustrierte aus dem Postkörbchen neben der Tür gefischt. „Sehen Sie“, sagte er und blätterte das Heft auf. „Im Straßenverkehr lauern Gefahren, die ich nicht unterschätzen soll.“ Das also stand auf der Doppelseite von Linda, dem neuen Organ für Backrezepte und Hysterie, im Horoskop. „Herr Breschke“, stöhnte ich, „Sie wollen mir doch jetzt nicht weismachen, dass Sie auf Ihre alten Tage anfangen, an diesen Hokuspokus zu glauben?“ Er zog missbilligend die Augenbrauen in die Höhe.

Vor Jahren hatte der pensionierte Finanzbeamte durch ein Mitbringsel seiner Tochter die chinesische Tradition in Taiwan gefertigter Plastikarmbänder entdeckt, die seit Jahrtausenden mit magnetischem Kupfer und automatisch übersetzten Anleitungen an fitnessbewusste Europäer geliefert werden, um die Volksgesundheit bei schrumpfendem Geldbeutel zu stabilisieren. Da die Urlaubsvertretung von Doktor Klengel mit ihrem Versuch gescheitert war, seine rheumatischen Anfälle durch Zuckerkügelchen zu therapieren – genauer gesagt war es ihr schon nicht gelungen, ihn zur Einnahme dieser Süßwaren zu bewegen – hielten sich die Ausflüge ins Esoterische also in Grenzen. Was konnte nur geschehen sein? „Das Hundemagazin ist dreimal nicht gekommen“, erklärte er. „Irgendetwas muss ich ja nachmittags beim Tee lesen, und da meine Frau immer die Hefte hat…“ Deshalb also musste Horst Breschke nun in diesem als Sternstunden bezeichneten Unfug sein unabänderliches Los suchen. „Lieber Freund“, begann ich, „Sie werden sicher die Güte haben, mir zu erklären, warum Sie die Säcke nicht selbst hinaustragen.“ „Lesen Sie doch“, zeigte er auf den Abschnitt. „Straßenverkehr – alles vor dem Gartenzaun ist Straßenverkehr, deshalb muss ich auf dem Grundstück bleiben.“ Das erklärte einiges.

„Herr Breschke“, gab ich zurück, „Sie glauben daran, dass ein Zwölftel der Menschheit sich eine Woche lang zu Hause aufhalten soll, weil sonst ein gefährliches Übel ihnen droht? allen gleichzeitig?“ Er sah mich ungläubig an. „Ich habe mich doch bis jetzt daran gehalten, und es ist nichts passiert.“ Ich stöhnte auf. „Gibt’s keine Gefahren, so stimmt das Horoskop, weil man sich in Sicherheit gebracht hat, und passiert tatsächlich etwas, haben die Sterne ja ausdrücklich gewarnt.“ Möglicherweise war er ein bisschen gekränkt, aber darauf konnte ich nun keine Rücksicht mehr nehmen. „Übrigens stimmt diese ganze Berechnung sowieso nicht mehr.“ Er sah auf das Heft. „Es wird doch aber immer wieder neu berechnet, Woche für Woche?“ „Was sagt Ihnen denn der Begriff ‚Präzession‘?“ „Natürlich ist das sehr genau“, nickte Breschke, „das machen die ja beruflich.“ So kamen wir offenbar nicht weiter. „Es ist ein 2500 Jahre altes Modell, das den Himmel in zwölf Abschnitte teilt und ihnen Namen gibt wie Stier, Wassermann oder Widder, aber unsere Erde bewegt sich nun mal, die Erdachse neigt sich im Laufe der Zeit hin und her und der Frühlingspunkt verschiebt sich.“ „Sie wissen doch aber, dass ich im Winter Geburtstag habe?“ Wie sollte ich dem noch beikommen? „Die Jahreszeiten verschieben sich, und in diesen 2500 Jahren sind die Sternzeichen um eine Stelle weiter gewandert. Wären Sie nach dieser Aufteilung Wassermann, so sind Sie astronomisch korrekt nun eigentlich Steinbock.“ Verzweifelt sah Breschke mich an. „Um die ganze Sache genauer zu machen, eigentlich sind es dreizehn Sternzeichen, aber für die Astrologen in Babylon war die Zwölf eine heilige Zahl. Und einfacher zu berechnen.“

Herr Breschke drehte sich wortlos um, betrat den Flur und schritt auf die Kellertür zu. Ich ging ihm schnell nach. Gerade eben noch sah ich, wie einer der beiden Beutel mit Blattwerk, mit denen er die Treppe empor kam, mit scharfem Rauschen riss, so dass die Abfälle die Stufen hinab purzelten. „Wie ist das möglich“, keuchte er. „Das kann doch nicht sein?“ „Sie hätten dies Präzisionshoroskop besser lesen sollen“, erklärte ich. „Vielmehr das Datum, es ist das Heft der letzten Woche.“ Ich zog die neue Linda hervor. „Die Sterne empfehlen Ihnen, den Frühling bei einem Stadtbummel zu genießen. Das klingt doch vernünftig, oder nicht?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XC): Horoskope

28 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenige Vorurteile halten sich trotz erwiesener und offensichtlicher Blödheit derart hartnäckig wie die vollkommen aus der Luft gegriffene Annahme, die Zufallsgeburten dieser Gesellschaft besäßen und benutzten einen Verstand, woher auch immer der stammen möge. Der gemeine Bekloppte hat das mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit noch nicht ganz kapiert, macht aber nix, er orientiert sich dann geistig mal am Nordic-Walking-Modus: um so richtig scheiße auszusehen, braucht man Krücken. In diesem Falle das Horoskop.

Ohne Horoskop kommt der Beknackte weder durch den intellektuellen Prozess des Einatmens noch hat er seine Restlaufzeit auf diesem Planeten einigermaßen im Griff. Kommt dies leuchtende Ding hinter der Nachtschicht wieder hoch? Ist das Mammut auch wirklich platt und schickt nicht seinen großen Bruder vorbei? Werde ich im Lotto gewinnen und kann Doktor Schmittenfelder einmal so richtig die Frontpartie kaltverformen? Ohne das nötige Vorherwissen um die Zukunft fühlt sich der Standardtrottel einfach nicht für die Fährnisse des Daseins gerüstet und kippt um wie die FDP.

Sorgfältig geordnet nach Ressorts: Beruf, Geld, Partnerwahl, schwiemelt sich der Dummlurch mit feuchten Fingern durch die Gebrauchsanweisung für den Tag, wie sie die Nanny aus bedrucktem Papier liefert. Er wälzt mangels Hirnrinde die Verantwortung für das bisschen Entropiestörung vor dem Übergang in die Biomasse ab und wirft sie dem Schicksal vor die Füße – woher soll er auch wissen, dass seine logisch niederschwellige Denke im vorsintflutlichen Raster hakt und jeden noch so nebensächlichen Müll zu kosmischer Bedeutung aufbohrt? Die Koordination von Ist-Zustand und kognitiver Entschlüsselung stellt den Behämmerten vor unlösbare Aufgaben, er braucht die Schubladen. Und genau so pfropft er sich selbst und die anderen Überbleibsel der Hominisation in einen von zwölf Containern, auf dem Stier steht, da den babylonischen Esoterikern Nachttopf nicht einfiel. Hat sich der Bescheuerte einmal in der Schublade Steinbock wiedergefunden – über Aszendenten und ähnlich sachzwangreduzierte Doofheitskonzepte schwatzen nur fortgeschrittene Rumpelbregen – so sieht er auch locker über die Unschärfen der Realität hinweg. Charakterliche Defizite, Lebensprobleme, typische Gebrechen und mutmaßliche Lieblingsmordwaffen, alles popelt der Bekloppte fürsorglich in eine Typologie, die an Trennschärfe der mittelalterlichen Kasuistik nicht nachsteht, an Dämlichkeit tut sie’s erst recht nicht.

So viel zur europäischen Zeitzone; wer jetzt noch diverse Doppelungen mit Metall-Büffeln und Holz-Ratten im chinesischen Jahres-, mit Weide, Krüppelkiefer und Bonsaibuche im keltischen Baumhoroskop quersummt (bei vollem Karma-Ausgleich!), wird ehrenhalber zum linksdrehenden Quarktäschchen im peruanischen Keksorakel ernannt, Aszendent Zimtstern, und darf das Rätsel lösen, warum sich die Ekliptik in zwölf gleich große Sonnensegmente teilen lässt, während für die indische Mondmystik 27¾ Haltestellen reichen.

Zwar in der Gewerkschaft des Anorganischen, doch bewegt sich der Kosmos und sorgt mit Hilfe der Präzession für regelmäßiges Verschieben der Tierkreiszeichen: gestern noch Jungfrau, heute schon Krebs – das geht nach der Gesundheitsreform auch anderen so, aber daran ist nicht die Erdachse mit ihrem Gekippel schuld. Kaum haben sich im galaktischen Leuchtmittelhaufen ein paar Birnen leicht verschoben, schon quarrt der Boulevard: Astro-Schock! Alle Horoskope falsch? Sischer datt, denn richtig waren sie noch nie. Dass nun aber jeder, der vorher als sozial verträglich und selbstlos galt (es sei denn, er war ein egozentrisches Arschloch), plötzlich ein rücksichtsloser Drecksack wird (bis auf die, deren Menschenfreundlichkeit das Verhalten eher relativiert), dass auch jeder, der bis dato montags Glück in der Partnerschaft und eine gute Hand in Geschäftsdingen hatte, nun mittwochs ganztägig auf die innere Stimme hören muss – der IQ-Fußraum wird unübersichtlich, wenn der im 21. Jahrhundert durchs All bretternde Planet keine klag- und fraglos gültigen Instant-Denkhilfen mehr im serienmäßigen Lieferumfang haben. Man müsste die Sache an die astronomische Realität anpassen, was angesichts der Wirksamkeit von Horoskopen so viel Sinn hätte wie Regentanz rund um einen Haufen Globuli, oder man könnte, kurzer Prozess statt langer Schmerzen, die Party für beendet erklären. Und zur Aufklärung übergehen.

Denn das ist das wahre Schreckbild, das der Verdeppungsbranche und samt gefügigen Opfern droht: dass die Bindung ans Metaphysische sich verflüchtigt, dass Herumgedeute und Sinngebung, wo nichts war, ist, noch je sein könnte, irgendwann als aufgeblasener Popanz mit gewaltigem Getöse zerbirst und Sir Isaac sich gelangweilt im Grab umdreht, weil noch keine messbare Wirkung der Planeten auf terrestrische Schwerkraftverhältnisse herrscht. Sie werden irgendwann alle erwachen, es ist Murmeltiertag und die Sonne steht hoch am Horizont, sie werden weder Jupiter im dritten Haus noch einen kritischen Mars-Venus-Aspekt für bare Münze nehmen und mit den restlichen Glückskeks-Überresten im Orkus des Okkulten entsorgen. Die Erde eiert weiter, sie tat das schon im Silur, lange bevor der Bekloppte ihr Antlitz verpickelte. Und wenn sich der humanevolutionäre Dropout noch mal einen schönen Nachmittag machen will bei Allotria und Narretei, besucht er im Jahrmarktszelt die Wahrsagerin mit der Glaskugel oder geht zum Investmentbanker. Denn wenn man sich schon bescheißen lässt, will man’s wenigstens wissen.





Jedem das Seine

25 04 2009

Jeder Steinbock liest es täglich,
allen Krebsen scheint’s nur möglich,
Zwilling, Waage, Löwe glauben,
Widdern, Schützen, tät man’s rauben,
wär’s dem Wassermann verwehrt:
ohne das hat gar nichts Wert.
Skorpion und Fische schließlich
fänden’s ohne höchst verdrießlich,
Jungfrau weinte, Stier, der schnob:
nichts geht übers Horoskop.
Allerdings bleibt eine Frage,
die ich schon mein Lebtag trage,
und die keiner, keiner knackt,
klärt und löst – es ist vertrackt,
wie ein Zwölftel, grob geschätzt,
aller Trottel, die man setzt
als die Menge für ein Zeichen,
alle haben’s allzugleichen,
simultan sich handeln ein
Geldgewinn und Liebespein,
Sorgen, Blitzschlag, Jubel, Gicht.
Ich begreif es durchaus nicht,
will’s auch gar nicht eigens lernen.
Steht das etwa in den Sternen?