Das Schwarze Loch

27 08 2009

„Das hängt irgendwie mit den Vakuumlösungen der Feldgleichungen zusammen oder so.“ Kester zeigte mir höchst komplizierte Formeln, die ich nicht verstand – aber ich studierte ja im Gegensatz zu ihm auch nicht Physik, sondern borgte ihm nur meinen Akkuschrauber aus. Trotzdem hörte ich dem jüngsten Enkel von Tante Elsbeth geduldig zu, wie er vom Skalarprodukt des Tangentialraums erzählte und mir den Ereignishorizont der Schwarzschild-Metrik erklärte; es reicht ja, wenn einer in der Familie die Weltformel entdeckt.

Kaum war Kester fort, klingelte das Telefon. Horst Kümselkorn, Versicherungsvertreter und eine Nervensäge vor dem Herrn. „Ja guten Tach, wir haben uns ja lange nich gesprochen, waswas?“, schwabberte er los. Ich teilte ihm mit, es knapp überlebt zu haben. Doch das hielt ihn nicht zurück, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. „Also weil Sie ja in den letzten zehn Jahren gar keinen Schadenfall hatten, und da dachte ich, dass Sie eine Hausratversicherung…“ „Habe ich“, teilte ich ihm mit, „Danke der Nachfrage, kein Bedarf. Auf Wiederhören.“ Doch Kümselkorn ließ nicht locker. „Nein, kann nicht sein. Ich sehe hier nur Glasbruch, Hochwasser, Sturmschaden, Herzinfarkt…“ Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ob Schnappatmung und Gebäudehaftpflicht preislich ähnlich lägen, doch dann machte ich die Schotten dicht. „Kümselkorn, ich habe eine Hausratversicherung. Seit zweiundzwanzig Jahren. Schönen Tag noch.“ „Nein, hammse nich“, widersprach umgehend der Telefonhausierer, „ich seh hier nix, kann gar nich sein!“ Doch ich hatte bereits eingehängt.

Da fiel mir das Papier auf. Es musste Kester aus der Mappe gerutscht sein. Mehrfach umgeschlagen schimmerte etwas Dunkles von der Innenseite. Ich entfaltete den Bogen und blickte in eine kreisrunde, tiefschwarze Fläche hinein, die sich vor meinen Augen zu bewegen schien. Wie eine weiche, gallertartige Masse waberte es hin und her. Es lauert etwas in diesem Rund. Mir wurde schwindelig. Wer weiß, wie lange ich so gestanden und in die Tiefe gestarrt hätte, wenn nicht das melodiöse Schnarren der Türglocke mich aufgeweckt hätte – Sigune, die leicht verschattete Nachbarin, bestand darauf, mir ein Ei zurückzugeben, mit dem ich ihr tags zuvor ausgeholfen hatte. Da polterte es auch schon dumpf und das kleine, verschwitzte Männchen tobte die Treppe empor. „Dass ich Sie doch noch treffe“, keuchte Kümselkorn, „das sind nämlich Top-Konditionen! Lassen Sie mich mal nur eben kurz.“

Schon hatte sich der Aufdränger an mir vorbei in die Wohnung gequetscht und beäugte nun die Küche, wo er seine braunlederne Aktentasche auf die Schleiflackanrichte setzte. „Ja also die Hausrat, da können wir ja gleich…“ „Herr Kümselkorn“, unterbrach ich ihn mit einiger Schärfe, „ich habe eine Hausratversicherung, wie Sie inzwischen wissen, und ersuche Sie nun, schleunigst zu gehen. Guten Tag!“ „Aber nicht bei uns!“ „Stimmt auch wieder. Adieu, zur Tür geht’s immer Nase nach.“ Und ich baute mich drohend vor ihm auf. „Passt es Ihnen denn jetzt etwa nicht?“ Offenbar arbeitete sein Gehirn mechanisch; ich meinte, ein leises Knacksen in seinem Kopf zu vernehmen. „Es ist Geschäftszeit“, sagte ich ruhig, aber deutlich, „und Sie befinden sich in meinen Geschäftsräumen. Wenn Sie dann bitte jetzt…“ „Wissense was, ich komme am Wochenende“, schwafelte Kümselkorn unbekümmert, „dann könnense so ganz in Ruhe…“

Unterdessen hatte er bereits das Wohnzimmer betreten. Sämtliche Einwände von meiner Seite prallten an ihm ab wie ein Gummiball von einer Hauswand. „Wenn Sie jetzt nämlich wechseln würden, dann können Sie… öm-teröm-töm-töm… also das wären im Quartal… äääh…“ Er suchte den Taschenrechner; zwecks dessen wieselte er wieder in die Küche zurück, apportierte die Tasche und lief damit gleich bis ans Hoffenster zurück, wo er die Nase an die Scheibe presste. „Hach, schön isses hier“, juchzte er und öffnete das Fenster. Ein kräftiger Sommerwind fegte den kompletten Tisch leer. „Kümselkorn“, fauchte ich, „ich will Sie hier nicht mehr sehen!“ „Kommt Ihnen mein Besuch etwa momentan nicht gelegen? Dann könnten wir… ich muss mal morgen…“ Er stellte die Tasche neben das vom Winde Verwehte und fingerte seinen Kalender aus der Rocktasche. „Herr Kümselkorn, ich erwarte gerade einen Rückruf von Partner Partner Friends & Partner. Zum Mitmeißeln: Raus!“ „Ich kann Ihnen ohne Wohnungsbesichtigung gar kein individuelles Angebot…“ Kümselkorn hielt ein und stutzte. Wo war die Aktentasche? Gerade hatte sie noch neben ihm auf dem Boden gestanden.

Schon lief der Propagandist ins Arbeitszimmer. Ob ich nicht gleich eine neue Rechtsschutz-Police abschließen sollte, um diesen Quälgeist mit Hilfe seiner eigenen Waffen aus dem Verkehr zu ziehen? Er stolperte über einen Bücherstapel und hielt sich an der Schreibtischkante fest. Bleistifte, eine Lupe und der große Kristallascher flogen durch die Luft; letzterer traf Kümselkorn an der Schläfe. Er rappelte sich hoch. „Ich brauche ein Pflaster“, stammelte er, „ich hatte doch in der Tasche…“

Wo blieb er bloß? Längst war der Schreibtisch wieder aufgeräumt, der Aschenbecher hatte den Sturz und die Kollision mit Kümselkorns Schädel unbeschadet überstanden. Doch der Insekuranzler hatte das Wohnzimmer noch nicht verlassen. Ich folgte ihm in den Raum. Wen ich nicht fand, war Kümselkorn.

Das Zimmer war leer. Am Boden gähnte das Dunkel. Panik befiel mich. Mit fliegenden Fingern knickte ich den Bogen zusammen und trug ihn mit spitzen Fingern zum Schreibtisch. Ein Griff zur Schere, längs und quer, und das Papier lag in Schnipseln vor mir, die ich zur Sicherheit mit der Reißschiene in den Kristallaschenbecher fegte. Ein Handgriff, und das Feuerzeug flammte auf. Zitternd setzte ich mich auf den Boden und betrachtete, wie die Fetzen langsam in Rauch aufgingen. Ich tastete in der Schreibtischschublade nach dem silbernen Fläschchen, drehte am Schraubverschluss und nahm einen großen Schluck. Würde das meinen Ereignishorizont wieder gerade rücken? Besser, ich fragte Kester nicht danach.