Form follows function

21 09 2010

Ich schlug mit der flachen Hand auf die Glocke. Ein helles Klingeln ertönte; der Patron selbst erschien an der Rezeption, um mich zu empfangen. „Alles ganz neu renoviert“, strahlte Janowsky, „Sie werden sehr zufrieden sein mit dem neuen Ambiente – das ist ein Hotel, in dem Sie sich garantiert nicht wie zu Hause fühlen werden.“

Mein Rollkoffer knatterte über die Fugen der gefliesten Lobby. Das mondäne Gepränge des alten Hotel Imperial war dahin, die neue Einrichtung eher ein anheimelndes Idyll für den geneigten Nasswischer. Sperriges Holz, der seichte Muff von Gelsenkirchener Barock, eklektischer Historismus in Resopal und Buche geflammt krochen mir die Gänsehaut entlang, scheußlich und dabei doch so seltsam vertraut. „Gucken Sie mal“, strahlte er mich an. Der Stuhl sah aus wie ein Stuhl, schwer und steif und klobig, man wusste sofort, auf dem Ding kann man sitzen und stehen und sonst was veranstalten. Das Bettgestell sah aus, als würde es beim Vorübergehen knirschen. Die Wasserhähne im Bad waren erkennbar Wasserhähne, der Schrank konnte nicht verwechselt werden, es sei denn mit einem anderen Schrank. Das Zimmer war komplett widerspruchsfrei. Janowsky händigte mir die Karte für die Beleuchtung aus. „Ist das nicht wundervoll hier?“ Seine Augen glänzten. Beklommen drehte ich mich um die eigene Achse. „Nun ja“, druckste ich, „zumindest sind die Dinge hier so, wie soll ich es nennen – dinglich?“ „Sie sind nicht entfremdet“, korrigierte der Hotelier. „Und damit Sie auch nicht als Gast. Sie können hier wirklich zu sich selbst finden. Das ganze Elend modernen Möbeldesigns verfliegt sofort und nimmt Sie mit in eine Welt, in der ein Nachttisch noch ein Nachttisch ist.“ Es war zu unwiderstehlich, ich musste mit dem Finger über das Tischchen wischen. Ein feiner Staub lag darauf, ganz gleichmäßig und wie nicht vorhanden. Hatte man aus Nostalgie diese künstliche Beschaulichkeit damit besprüht? Der Hausherr druckste.

Janowsky steckte den Generalschlüssel ins Schloss und öffnete die Tür zu dem Zimmer ganz am Ende des Ganges. „Wir haben ja noch nicht alle Zimmer umgeräumt“, erläuterte er. „Ein paar sind immer noch so, wie ich sie übernommen habe.“ Es war in der Tat ein Hotelzimmer, wie man es kannte. Nichts war, was es war. Ganz in Gedanken zog ich die Tür des Wandschranks auf. „Schiebetüren“, ätzte er. „Um Platzersparnis vorzutäuschen, wird ein ganzes Hotel Zimmer für Zimmer mit diesen Schiebetüren zugeschreinert. Grauenhaft! Was soll ich denn den Gästen sagen, wenn sie vor lauter Einbauschrank das Zimmer nicht mehr erkennen?“ „Aber es ist doch sehr komfortabel“, tröstete ich ihn, „wenn man einmal eine Tür aufgezogen hat, sieht man erst die Aufbewahrungsfähigkeit.“ „Ach was“, grollte Janowsky. „Geschwätz! Sie haben uns damals überall diese Dinger angedreht – hier ein Kubikmeter weniger, da einer, zum Schluss spart das alles zusammen den Raum des Kölner Doms.“

Er nahm einen neongrünen Gegenstand vom Fensterbrett und hielt ihn mir unter die Nase. Offenbar hatte sich eine Bettflasche als Blumenvase verkleidet hat. „Richtig“, sagte Janowsky, „es ist eine Gießkanne.“ „Ist das wirklich so schlimm? Kann man mit etwas Design nicht leben?“ Er sah mich mit einem unendlich matten Blick an. „Was meinen Sie, womit die Gäste das hier schon alles verwechselt haben. Es ist genau wie dieses hier.“ Damit zog er die Tür zur Minibar auf, hinter der sich, ich hatte es nicht anders erwartet, die Minibar befand. „Wo ist jetzt das Problem“, fragte ich etwas verwirrt. „Genau das ist es ja“, gab Janowsky mit leichtem Zittern in der Stimme zurück. „Die Gäste sind inzwischen derart unmögliche Verkleidungen gewohnt, dass sie gar nicht mehr daran denken, die Minibar hinter einer Minibar-Tür zu suchen. Ich könnte sogar ein Schild drankleben, sie würden es für einen Koksofen halten oder für den Notausgang, aber ganz sicher nicht für die Minibar.“ Mitfühlend nickte ich. „Ich kann es mir vorstellen, Sie haben von Gästen oft herbe Kritik einstecken müssen.“ Er ließ resigniert den Kopf sinken. „Ich kann Ihnen sagen – sie kommen dann bei einem an, beschweren sich darüber, dass das Zimmer keine Minibar hätte, und wenn man vor ihren Augen das Fach öffnet mit Bier und Likör und Schaumwein, dann werden sie noch giftig. ‚Das ist doch nachgemacht‘, fauchen sie mich an, ‚Sie wollen uns mit einer Attrappe an der Nase herumführen!‘ Was soll man da sagen?“

Im Bad lag ein ordentlich in Cellophan verpacktes Stückchen Rosenseife. „Das ist aber nicht ganz das, was ich erwartet hätte.“ Mein mokanter Tonfall schien ihn leicht zu verärgern, aber war es mein Fehler? „Natürlich“, verteidigte er sich, „aber wir haben gleich das ganze Haus umgestellt, das rechnet sich doch sonst nicht. Wobei – warten Sie mal…“ Janowsky zog die Lade in dem kleinen Unterbauschränkchen auf, und tatsächlich: zwei Stücke täuschend ähnlicher Pralinenseife lagen noch darin. „Sie können ganz beruhigt sein.“ Er überreichte mir das Reinigungsmittel. „Alles so, wie Sie es gewohnt sind.“

Mitten im Raum stand eine zickzackförmige Säule. Ich besah das Ding von allen Seiten. „Für einen Schrank sieht es doch recht kippelig aus.“ Janowsky schüttelte den Kopf. „Ein Blumenkübel“, korrigierte er. „Die Schubladen sind natürlich nur Mimikry, dann sieht es wenigstens etwas nach Stauraum aus.“ „Ich verstehe“, replizierte ich, „die Form folgt der Funktion, und die Funktion ist in diesem Fall…“ „… eine solche vorzutäuschen.“ Langsam betrachtete ich das Zimmer. „Wissen Sie“, sagte er langsam, „das nächste Hotel werde ich ganz neu möblieren. Wie zu Hause. Eine völlig eigenständige Wohnwelt.“ „Wie soll das aussehen?“ Janowskys Blick wurde weit. Er hatte eine Vision. „Ich weiß noch nicht“, sprach er leise und in sich gekehrt, „der Ikea-Katalog kommt erst in den nächsten Tagen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XVII): Hotelzimmer

24 07 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als die Welt noch halbwegs in Ordnung war, erkundete der Wissensdurstige fremde Kontinente, reiste in Hieb- und Stichwaffen oder befand sich auf der Flucht vor dem benachbarten Clan, der die jäh sich bemerkbar machende Schwangerschaft der Jüngsten nur gegen ordentlich Kamele, Gold oder arterielle Ausblutung hinzunehmen gewillt war. Auch damals war der Planet bereits so eingerichtet, dass er sich simultan zur Armbanduhr teils mit, teils ohne Außenbeleuchtung um seine Achse wand. Nachts aber ist es kälter als draußen, und damit kommt das Hauptproblem: wohin bettet man sein müdes Haupt? Ab und an galt es einem Stamme als geboten, Gastfreundschaft zu pflegen, woraus hier und da neuerliche Verwicklungen erwuchsen. Der temporäre Mitschläfer entging seiner Vivisektion, wenn er die Tochter des Hauses an Ort und Stelle ehelichte und ein lustiges Völkermischmasch zu produzieren half; noch heute erklären Ethnologen damit launige Spielarten wie die englische Küche oder die architektonische Gestaltung Düsseldorfs. Wer ausgestoßen war, fern der gesitteten Umwelt, fand sein Nachtlager in freier Natur, den gestirnten Himmel über sich, unter sich die konföderierten Ameisenstaaten beim jährlichen Balztanz.

Die wirklich armen Schweine aber landen dort, wo es kein Mitleid gibt: im Hotel. Wer heute in Kurzwaren macht, Kongresse besucht, Konzerte gibt oder einfach seine masochistischen Neigungen ausleben will, kommt ums Einchecken in einer Bettenburg mit Fließwasser nicht herum, will er nicht gleich neben der Landebahn Zeltpflöcke in den Asphalt klöppeln. Von der Jugendherberge, der Weiterentwicklung des offenen Strafvollzuges unter Ausklammerung seuchenhygienischer Aspekte, unterscheidet das Hotel nur der Quotient von Bett zu Gast: da Sammelzelle, hier Isolationshaft. Wer aber glaubt, damit das geringere Übel gewählt zu haben, bereut seinen Irrtum meist schon Sekunden nach dem Öffnen der Zimmertür.

Ein Laut empfängt den Gast, der dumpf an eine misslungene Wurzelbehandlung erinnert: Surren ohne Anfang und Ende. Es ist die Klimaanlage, die den unschuldigen Besucher ad hoc porös macht. Die Tatsache, dass Hotelzimmerfenster aus Sicherheitsgründen nicht zu öffnen sind, schmälert die Freude am Fluchtreflex. Fliegen, die ihr Gelege in der Air Condition haben und myriadenfach den Lüftungsschlitz mit dem Weg in die Freiheit verwechseln, machen die Sache nicht angenehmer; kontrapunktisch vereinen sich der Luftzug des mechanischen Mikrobenverteilers und das Gesirre des Hexapoden an der angesifften Scheibe zur akustischen Tapete, sanft bullernd wie ein normaler Nachmittag in der Fußgängerzone von Beirut.

Beim Ausräumen von Socken, Hosen und mitgeführten Alkoholika in windschiefe Schubladen stellt der Ankömmling fest, dass die Bewässerung automatisch läuft. Nach dem Urinieren hält er die Flossen unter den Wasserhahn und lauscht gebannt dem sanft nachgehenden Strahl, der noch für Stunden ins Becken pladdert. Besonders bei der abendlichen Zahnhygiene sorgt dies Detail für aufbrandende Begeisterung. Schon will sich der Gast auf die Matratze betten. Diese wurde zuvor von Sumoringern genutzt, um experimentell dem Begattungstrieb neue Impulse zu verschaffen. Entsprechend eingeschränkt ist die Auswahl an Liegepositionen. Dass das Telefon defekt ist und der beim Portier geäußerte Wunsch nach einem Weckruf die Gefilde des Absurden streift, sei am Rande vermerkt; Rast sucht der Beladene, Traum. Dunkel. Gute Nacht, Dasein. Halt’s Maul.

Doch da ist sie wieder, die Zugluftfolter; ein penetrantes Säuseln knapp an der Hörschwelle treibt den Todmüden in die Nähe der Hirnembolie. Erst mit Eintritt der gesetzlich geregelten Ruhezeit fährt das Aggregat herunter und lässt den Beladenen alleine mit sich und seinen Schweißdrüsen. Hatte er bisher um Schlaf gekämpft, sehnt er nun das Ableben herbei und ahnt, dass sein Hintritt bei exponentiell ansteigender Raumtemperatur nur eine Frage der Zeit ist. Die Luftfeuchtigkeit kreuzt den physikalisch definierten Grenzwert. Molekülweise presst sich Wasser in alle Zwischenräume, die die Raumluft lässt; der Delinquent zählt in seiner Qual die von der Zimmerdecke grinsenden Goldfische.

Genau in dem Moment, der das Garen im eigenen Sud dank der Gnade der Ohnmacht aus dem gepeinigten Bewusstsein wischt – am längsten Sommertag ungefähr synchron mit der Dämmerung – springt das Kühlsystem unvermittelt an und rülpst einen Schwall abgestandener Gase mit brackiger Kopfnote in die Schlafkammer. Wieder einmal wird 18 Stunden lang ein leicht moduliertes Röhren Trommelfell und Tapete eindellen. Glücklich, wer Betablocker griffbereit auf dem Nachtkästchen hat.

Der Trend geht zum Urgrund des Menschseins zurück. Schon versuchen Geschäftsreisende in übel beleumundeten Bierlokalen, auf die Nacht schnell Frischfleisch aufzureißen. Zwangsheirat hin, Kastration her, alles ist jedenfalls besser, als in einem Hotelzimmer die Nacht zu verbringen. Und da es der Völkerverbindung dient, soll es uns auch herzlich egal sein.